meal&heal: Du bist, was du isst


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Richtige Ernährung hilft Krankheiten vorzubeugen und Unverträglichkeiten zu lindern. Das Start-up meal&heal setzt hier an und will uns eine personalisierte Ernährung einfacher zugänglich machen.

Studien belegen: Fast jede(r) dritte Deutsche leidet unter ernährungsbedingten Beschwerden, die durch individuelle Unverträglichkeiten ausgelöst werden. Dazu gehören neben den klassischen Unverträglichkeiten und Verdauungsbeschwerden auch Krankheiten wie Neurodermitis, Migräne oder Rheuma.

Michelle Hoffmann, Co-Founderin von meal&heal, kennt diese Thematik aus eigener Erfahrung. Zwölf Jahre lang hat sie auf die Diagnose ihrer Unverträglichkeiten gewartet. Mittlerweile weiß sie auch: Den Leidenden wird das Leben sehr schwer gemacht, denn es dauert im Schnitt acht Jahre, bis man eine Diagnose bekommt. Ärztliche Tests sind hierbei oft keine große Hilfe, da nur zirka zehn Prozent aller unverträglichen Inhaltsstoffe durch Labortests diagnostiziert werden können.

„Ich habe einfach nicht verstanden, wieso ich so lange mit meinen Schmerzen leben musste, ohne zu wissen, wo sie herkommen. Und selbst als ich meine Unverträglichkeiten dann kannte, war ich total überfordert, weil mir niemand sagen konnte, was ich noch essen kann und was nicht. Und so geht es tatsächlich sehr vielen Leuten“, so Michelle.

Ernährung als Gamechanger

Dabei kann gerade Ernährung viel zur Heilung und Besserung von Unverträglichkeiten beitragen, sofern sie individuell auf den jeweiligen Menschen angepasst wird. „Es ist eigentlich total schade, dass individualisierte Ernährung in der Medizin so wenig Berücksichtigung findet, denn hier liegt sehr viel ungenutztes Potenzial“, bringt es Michelles Mitgründer Lukas Jochheim auf den Punkt.

Dieses brachliegende Potenzial möchte meal&heal nutzbar machen und jedem/jeder von uns die Möglichkeit bieten, die individuellen Auslöser für Beschwerden leichter herauszufinden und diese nachhaltig zu lindern.

FH als Gründungsschmiede und Sprungbrett

Um sich selbst und anderen Betroffenen zu helfen, begann Michelle zunächst 2018 ihr Studium der Oecotrophologie an der FH Münster. Dort lernte sie Lukas kennen. Gemeinsam besuchten sie Anfang 2021 das Seminar „Selbstständig nach dem Studium mit dem Megatrend Digitalisierung“ bei Prof. Dr. Frank Riemenschneider-Greif, die Praxisphase ihres Bachelors absolvierten sie in der TAFH Münster GmbH.

Zwischenzeitlich rekrutierten die beiden mit Stefan Wobbe noch einen IT’ler direkt aus dem Hörsaal, um ihr Gründungsteam zu vervollständigen. „Michelle und Lukas haben ihre Ideen in einer Vorlesung vorgestellt und suchten einen Informatiker“, erinnert er sich. „Noch während ihres Vortrags habe ich mich darauf beworben. Ich habe selbst eine Lebensmittel­unverträglichkeit und hatte kurz vorher noch nach einer passenden App gesucht, die mir dabei hilft. Da hat es direkt mit uns gepasst.“

Nach zwei Jahren Entwicklungszeit und der vor Kurzem erfolgten Gründung steht nun seit April dieses Jahres die meal&­heal-App der drei jungen Unternehmer*innen bereit, die auf einem sich selbst auswertenden Tagebuch basiert.

Wie funktioniert meal&heal?

Der/die Nutzer*in füllt zunächst einen Anamnesefrage­bogen aus, der erste Hinweise auf vorliegende Unverträglichkeiten und das richtige Ernährungskonzept liefert. Das Ergebnis wird dann über eine bewertete Lebensmittelliste in der App angeleitet. Nutzer*innen füllen danach ein digitales Tagebuch aus, tracken, was sie essen und wie stark ihre Beschwerden sind. Das Start-up hat eine große Datenbank ausgearbeitet, die alle Lebensmittel nach 50 Unverträglichkeiten bewertet. So können Beschwerden und Inhaltsstoffe ins Verhältnis gesetzt werden und die verwendete KI kann Muster erkennen und Rückschlüsse auf Unverträglichkeiten geben.

Eine Ernährungsfachkraft begutachtet im nächsten Schritt die Ergebnisse, macht Anpassungen und unterstützt die Nutzer*innen mit Tipps, angepassten Rezepten und allen relevanten Infos. Mit diesem Konzept wurde nach Angaben der Gründer*innen bereits mehreren Betroffenen geholfen. Bei 89 Prozent der Testpersonen konnte mindestens eine Unverträglichkeit herausgefunden und die Beschwerden gesenkt werden.

Noch viel Forschungsbedarf

Um ihre meal&heal-Vision vollumfänglich Realität werden zu lassen, besteht noch viel Forschungsbedarf. Die Münsteraner Gründer*innen möchten die Lücken in der Forschung schließen und arbeiten deshalb eng mit der FH Münster, der Hochschule Osnabrück sowie Ernährungswissenschaftler*innen und Mediziner*innen zusammen. „Wir wollen den Menschen nicht nur akut helfen, sondern die Ernährungsmedizin langfristig und nachhaltig verändern“, so das Credo der Gründer*innen.

Das junge Start-up steht aber auch in engem Kontakt mit Betroffenen. „Was die Leute uns erzählen, sind Horrorgeschichten“, erzählt Co-Founder Lukas. „Teilweise haben sie 40 Jahre oder länger auf ihre Diagnose gewartet. Natürlich nicht alle, aber das ist schon erschreckend“, sagt er. „Besonders wenn man bedenkt, wie hoch der Leidensdruck der Menschen ist. Wir reden hier von ständigen Bauchschmerzen, Durchfällen, Kopfschmerzen, Hauterscheinungen und vielem mehr. Dazu kommt, dass diese Symptome nicht unbedingt salonfähig sind, weshalb es nicht selten auch zu einer sozialen Isolation und einer hohen psychischen Belastung kommt “, ergänzt Michelle.

Zukünftig wollen die drei Gründer*innen ihr Programm noch erweitern und abgesehen von der Ernährung auch Life­stylefaktoren wie Schlaf, Sport und Entspannung in ihre Konzepte aufnehmen sowie die App stetig weiterentwickeln. Dazu werden sie und ihr Team im laufenden Jahr ihre erste Finanzierungsrunde starten.

Bei all den Vorhaben bleibt es für Michelle, Lukas und Stefan elementar wichtig, weiterhin intensiv mit ihren Nutzer*innen zusammenzuarbeiten und sie auf ihrem individuellen Weg hin zu einem gesünderen und beschwerdefrei(er)en Leben bestmöglich anzuleiten.

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Der Code des Lebens: Wie die Longevity-Branche 2026 den Health-Markt erobert

Vom Milliardärs-Hobby zum systemrelevanten Gesundheitsmarkt: Wie deutsche Start-ups das Altern als behandelbare Krankheit neu definieren.

Vor wenigen Jahren galt das Streben nach einem radikal verlängerten Leben noch als exzentrisches Hobby von Silicon-Valley-Milliardären. Heute ist Longevity – die Wissenschaft der Langlebigkeit – im Zentrum der europäischen Gesundheitsökonomie angekommen. Angesichts einer massiv überalternden Gesellschaft und kollabierender Gesundheitssysteme hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden: Altern wird nicht mehr als unvermeidliches Schicksal hingenommen, sondern als die zugrundeliegende Ursache der meisten chronischen Krankheiten verstanden.

Start-ups in diesem Bereich sind längst keine Alchemisten mehr. Sie sind datengetriebene BioTech- und Software-Pioniere, die den Fokus von der bloßen Lebensverlängerung auf die Verlängerung der gesunden Lebensjahre verschoben haben und damit einen der vielleicht lukrativsten Zukunftsmärkte der Medizin erschließen.

Die Marktlage: künstliche Intelligenz als Schlüssel zur Zelle

Der deutsche Longevity-Markt hat seine wilde Goldgräberstimmung hinter sich gelassen und eine beeindruckende technologische Reife erreicht. Der alles dominierende Treiber ist dabei die Künstliche Intelligenz. Während die biomedizinische Forschung früher Jahrzehnte brauchte, um zelluläre Alterungsprozesse zu verstehen, entschlüsseln KI-Modelle heute epigenetische Muster in Rekordzeit. Einer aktuellen Branchenanalyse von Roland Berger zufolge betrachten 68 Prozent der institutionellen Gesundheitsinvestoren Longevity mittlerweile als festen Bestandteil ihres Portfolios. Diese Relevanz spiegelt sich in harten Zahlen wider: Laut dem jüngsten Start-up-Report der KfW flossen allein im vergangenen Jahr rund 850 Millionen Euro an Wagniskapital in deutsche Unternehmen an der Schnittstelle von BioTech, Präventivmedizin und AgeTech. Das Marktvolumen wächst rasant, getrieben von einer kaufkräftigen Boomer-Generation, die massiv in den Erhalt ihrer biologischen Jugend investiert.

Die neuen Treiber: Jenseits von Vitaminen und Kapseln

Die Branche hat sich meilenweit von simplen Nahrungsergänzungsmitteln entfernt. Den Markt dominieren 2026 hochkomplexe Sub-Sektoren, die direkt in den molekularen Alterungsprozess eingreifen. Einer der stärksten Trends sind die sogenannten Senolytika – Wirkstoffe, die gezielt gealterte, toxische „Zombie-Zellen“ im Körper aufspüren und zerstören. Ein weiterer massiver Treiber ist das Epigenetic Reprogramming, bei dem Zellen durch Eingriffe buchstäblich verjüngt werden. Zudem explodiert der Markt für präventive Biomarker-Diagnostik: Blut- und DNA-Tests für Zuhause, die das biologische Alter messen und durch KI-Auswertung exakte Lebensstilempfehlungen geben. Etablierte Pionier*innen wie der spezialisierte Fonds Apollo Health Ventures haben diese DeepTech-Entwicklungen früh erkannt und finanzieren Start-ups, die den Alterungsprozess nicht nur verlangsamen, sondern messbar umkehren wollen.

Reality Check: Die geplatzten Blasen der Langlebigkeit

Wer den heutigen Boom verstehen will, muss auf die spektakulären Rückschläge der ersten Longevity-Ära blicken. Das prominenteste Mahnmal bleibt der Fall von Sirtris Pharmaceuticals in den USA, einem Start-up, das den Anti-Aging-Wirkstoff Resveratrol erforschte. Nach einer Übernahme für über 700 Millionen Dollar durch GlaxoSmithKline musste das Projekt später wegen mangelnder Wirksamkeit in klinischen Studien komplett eingestampft werden. Auch der Hype um das Wundermolekül NMN (Nicotinamid-Mononukleotid) endete für viele Start-ups in einem Desaster, als amerikanische und europäische Behörden plötzlich den Status als Nahrungsergänzungsmittel kippten.

Aus diesen Abstürzen lassen sich klare Fallstricke für heutige Gründer ableiten. Erstens die Regulatorik: Altern ist von der FDA und EMA offiziell nicht als Krankheit anerkannt, was die Zulassung von reinen „Anti-Aging-Medikamenten“ extrem komplex macht. Zweitens die Snake-Oil-Falle: Im B2C-Geschäft mit Supplements verlieren Marken ohne knallharte klinische Evidenz sofort das Vertrauen der informierten Konsumenten. Drittens die klinische Zeitleiste: Den Beweis zu erbringen, dass ein Medikament das Leben verlängert, dauert Jahrzehnte – ein Zeitraum, den klassische VCs oft nicht finanzieren wollen. Viertens die Margen-Illusion: Wer im Diagnostik-Bereich teure Tests verkauft, scheitert oft an horrenden Kundenakquisitionskosten, wenn das Geschäftsmodell keinen kontinuierlichen medizinischen Mehrwert bietet.

Das deutsche Netzwerk: Die Hotspots der Verjüngung

In Deutschland hat sich eine hochspezialisierte Forschungs- und Gründungslandschaft gebildet, die weltweit Beachtung findet. München und das Umland bilden das absolute Epizentrum für molekulare Altersforschung. Die Nähe zum Max-Planck-Institut für Biochemie und der TU München verschafft Gründer*innen hier direkten Zugang zu biotechnologischer Spitzenforschung. Berlin hingegen hat sich als unangefochtener Hub für Longevity-SaaS, B2C-Diagnostik und Plattform-Modelle etabliert, stark befeuert durch die klinische Nähe zur Charité und dem Berlin Institute of Health. Heidelberg und die Rhein-Neckar-Region dominieren den Bereich der altersbedingten Onkologie, angetrieben vom Deutschen Krebsforschungszentrum. Eine völlig neue Dynamik erlebt Mainz: Im Schatten des BioNTech-Erfolgs entsteht hier ein rasant wachsender Cluster, der die mRNA-Technologie gezielt zur zellulären Verjüngung nutzt.

Investor*innen-Radar: Wer finanziert das Business rund ums lange Leben?

Das Kapital für den Traum von der Unsterblichkeit stammt 2026 aus einer hochprofessionellen Allianz. An vorderster Front agieren spezialisierte VCs wie Apollo Health Ventures, der größte europäische Fonds mit exklusivem Fokus auf altersbedingte Krankheiten, oder Kizoo Technology Capital. Top-Tier Generalisten wie Cherry Ventures, HV Capital und Earlybird sind mittlerweile massiv im Markt vertreten, fokussieren sich jedoch bevorzugt auf skalierbare SaaS-Modelle, Biomarker-Plattformen und Kliniken. Auch die Industrie schläft nicht: Corporate VCs wie M Ventures oder der Boehringer Ingelheim Venture Fund investieren strategisch in DeepTech, um zukünftige Pharma-Pipelines zu sichern. Das eigentliche Schmiermittel der Szene sind jedoch erfahrene Business Angels. Prominente Köpfe wie Michael Greve oder Christian Angermayer pumpen massiv privates Kapital in visionäre Start-ups und nehmen dabei in der extrem riskanten Frühphase Forschungszyklen in Kauf, die traditionelle Banken längst abschrecken würden.

Diese Longevity-Start-ups sollte man auf dem Radar haben

Um die relevantesten Player der deutschen Longevity-Szene 2026 zu identifizieren, haben wir den Markt anhand von vier Kernkriterien analysiert. Entscheidend waren die Marktrelevanz der Technologie, der wissenschaftliche Reifegrad, die Diversität der Geschäftsmodelle sowie das explizite Vertrauen renommierter Investor*innen.

Aware (Berlin)

Dieses 2021 von Florian Meissner, Ramzi Rizk und Ferdinand Schmidt-Thomé gegründete Start-up steht an der Spitze der präventiven Bewegung in Deutschland. Aware operiert mit einem B2C- und B2B-Abo-Modell, bei dem Nutzer*innen regelmäßige, hochpräzise Bluttests durchführen lassen und die Biomarker-Daten in einer App auswerten. Der USP ist die Demokratisierung der Präventivmedizin durch nahtlose UX und den direkten Zugang zu Laborwerten, um das biologische Alter aktiv zu managen. Finanziert wurde Aware mit Millionenbeträgen von renommierten Investoren wie Cherry Ventures und Lakestar sowie prominenten Angels wie Katharina Jünger und Christian Reber.

Una Health (Berlin)

Das 2021 von Dr. Matthew Fenech, Pascal Grimm und Dominic Steele gegründete Start-up rückt die metabolische Gesundheit ins Zentrum der Langlebigkeit. Über ein B2B2C-SaaS-Modell kombiniert Una Health kontinuierliche Glukosemessgeräte mit einer KI-gesteuerten App, die in Deutschland mittlerweile als offizielle DiGA (Digitale Gesundheitsanwendung) auf Kassenrezept verschrieben werden kann. Der USP liegt in der hochpräzisen Echtzeit-Analyse des Blutzuckerspiegels, um den Stoffwechsel zu optimieren und Insulinresistenz präventiv entgegenzuwirken. Das Berliner Team sammelte unter anderem eine Millionen-Seed-Runde von FoodLabs ein, um seine digitale Präventivlösung europäisch zu skalieren.

Moleqlar (München/Berlin)

Dieses von den drei Medizinern Dr. Maximilian Griessinger, Dr. Mario Gietl und Dr. Clemens Klingler im Jahr 2020 gegründete Start-up Moleqlar hat den Sprung vom Nischenanbieter zum Marktführer für evidenzbasierte Longevity-Supplements in der DACH-Region geschafft. Das B2C-E-Commerce-Modell verkauft wissenschaftlich fundierte Moleküle und epigenetische Alterstests. Der USP liegt im extremen Fokus auf Aufklärung und klinische Evidenz, um sich vom klassischen Pseudomedizin-Markt abzuheben. Das Unternehmen wächst äußerst erfolgreich und sammelte unter anderem eine Seed-Finanzierung vom VC Rheingau Founders ein, mit deren Hilfe die eigene Expertise für epigenetische Tests durch eine strategische Übernahme weiter ausgebaut wurde.

Probatix (Berlin)

Das 2019 von Dr. Daniel Werner und Philipp Noack gegründete Start-up operiert als essenzieller Infrastruktur-Anbieter für die gesamte Branche. Das B2B-SaaS-Modell liefert anderen Longevity-Start-ups und Kliniken eine Plug-and-Play-Software für die schnelle Abwicklung von Blut- und Biomarkertests. Der USP ist die nahtlose API-Integration von Laborergebnissen direkt in die Apps der Endkunden. Probatix ermöglicht es dadurch zahlreichen anderen Gründern, überhaupt erst skalierbare Longevity-Geschäftsmodelle aufzubauen. Eine Besonderheit im Markt: Das Unternehmen agiert unabhängig von externen Investoren und ist komplett eigenfinanziert (gebootstrappt).

MoleQlar Analytics (ehem. EpiQMAx) (München)

Dr. Moritz Völker-Albert, Dr. Victor Solis und Prof. Dr. Axel Imhof haben EpiQMAx 2018 als Spin-off der LMU München ins Leben gerufen. Das B2B-Geschäftsmodell bot Pharmaunternehmen und Forschungseinrichtungen hochpräzise epigenetische Analysen als Dienstleistung an. Der USP basierte auf einem patentierten Verfahren zur Analyse von Histon-Modifikationen mittels Massenspektrometrie, das es ermöglicht, die Auswirkungen von Medikamenten oder Lebensstil-Interventionen auf das biologische Alter exakt zu messen. Nach einer anfänglichen Finanzierung durch den High-Tech Gründerfonds (HTGF) und einer zwischenzeitlichen Insolvenz Ende 2023, wurde das DeepTech-Unternehmen von dem Berliner Start-up Moleqlar übernommen. Heute operiert es als MoleQlar Analytics GmbH und treibt die Entwicklung von Endkund*innen-Alterstests voran.

Tomorrow Biostasis (Berlin)

Die 2019 von Dr. Emil Kendziorra und Fernando Azevedo Pinheiro gegründete Firma geht an die Grenzen des heute Vorstellbaren. Das B2C-Geschäftsmodell basiert auf Mitgliedschaften für die Kryokonservierung nach dem rechtlichen Tod. Der USP ist der Aufbau der ersten und einzigen professionellen Kryo-Infrastruktur und Standby-Flotte in Europa, in der Hoffnung auf eine zukünftige medizinische Wiederbelebung. Während Tomorrow Biostasis die medizinische Erstversorgung und Logistik übernimmt, erfolgt die eigentliche Langzeitlagerung bei der eng kooperierenden Non-Profit-Organisation „European Biostasis Foundation“ in der Schweiz. Getragen wird die langfristige Vision von Seed-Runden spezialisierter Stiftungen und weitsichtigen Tech-Investor*innen.

Liv Longevity Labs (Berlin)

Als einer der spannendsten Newcomer startete Liv Longevity Labs unter der Führung von Gründer Amer Hamzeh im Jahr 2024. Das B2C-Modell kombiniert den Verkauf von DNA-Methylierungstests zur Bestimmung des biologischen Alters mit einer datengetriebenen Abo-App. Der USP ist ein "AI Longevity Advisor", der die Testergebnisse sofort in hochpersonalisierte Empfehlungen für Ernährung und Lifestyle übersetzt. Das junge Start-up, das unter anderem aus dem Berliner Founder Institute Accelerator hervorgegangen ist, konzentriert sich aktuell auf den Markteintritt und den Aufbau einer starken Early-Adopter-Community.

Recover Society (Frankfurt)

Dieses von Marcus Naumann und Nicolai Gropper im Jahr 2025 gegründete Start-up bringt die Langlebigkeit aus dem Labor in die Luxushotellerie. Das B2B2C-Modell integriert medizinische Hightech-Routinen, Drip-Bars und Biohacking-Technologien als exklusive Hubs in Partner-Hotels (wie den Roomers Hotels). Der USP der Recover Society ist die physische Verschmelzung von Longevity-Medizin und High-End-Hospitality für eine extrem zahlungskräftige, gesundheitsbewusste Zielgruppe. Expansion und Ausbau der Standorte werden von finanzstarken strategischen Partnern aus dem Real-Estate- (Gekko Group) und Kliniksektor (unter medizinischer Leitung von Dr. Dr. Dominik Duscher) getragen.

ASPRIVA (Heidelberg)

Antonio S. Brissa und Christoph Wild gründeten ASPRIVA 2021 als ganzheitliche Longevity-Brand. Das B2C-Modell verbindet den Verkauf hochreiner Premium-Nahrungsergänzungsmittel mit umfassenden digitalen Coaching-Strategien. Der USP ist die radikale Abkehr vom Hype hin zu verhaltensbasierten Longevity-Konzepten, bei denen Supplements nur ein Puzzleteil einer umfassenden Lebensstiländerung sind. Um sich vom unregulierten Markt abzuheben, lässt das Start-up seine Pulver auf bis zu 861 Sicherheitsparameter laborprüfen. Finanziert wird das profitable Wachstum primär durch private Investor*innen.

Years (Berlin)

Das 2021 von einem Team um die Mediziner Dr. Christian Schlatzer und Dr. Jan K. Hennigs gegründete Start-up Years schließt die Lücke zwischen präventiver App und klassischer Arztpraxis und hat kürzlich seine erste Flagship-Klinik am Berliner Kurfürstendamm eröffnet. Das B2C-Geschäftsmodell basiert auf physischen Longevity-Kliniken in Metropolen, in denen zahlende Mitglieder regelmäßige (oft proprietäre) Ganzkörper-MRTs, Biomarker-Screenings und ärztliche Präventiv-Beratung erhalten. Der USP ist die Bündelung der modernsten Diagnostik-Hardware unter einem Dach, um altersbedingte Krankheiten im frühestmöglichen Stadium abzufangen. Anstatt von klassischem Top-Tier-Venture-Capital wird das wachstumsstarke Modell vor allem durch die hochpreisigen Premium-Pakete für Selbstzahler*innen und strategische Health-Investor*innen getragen.

Internationaler Ausblick & Fazit

Während Europa bei Präventiv-Diagnostik und KI stark aufgestellt ist, werden die fundamentalen Durchbrüche der DeepTech-Biologie maßgeblich im Ausland vorangetrieben. Aus den USA schwappt mit Unternehmen wie Altos Labs – ausgestattet mit Milliarden von Jeff Bezos – die Welle der zellulären Reprogrammierung nach Europa. Asien forciert mit massiven staatlichen Förderungen die Stammzellenforschung, während Israel seine Vormachtstellung im Bereich der KI-gesteuerten Vorhersagemodelle für altersbedingte Krankheiten ausbaut. Diese globalen Makro-Trends werden den europäischen Markt in den kommenden Jahren zwingen, regulatorische Hürden schneller abzubauen, um international anschlussfähig zu bleiben.

Für Gründer*innen und Investor*innen in Deutschland bedeutet das aktuell: Der Longevity-Markt verzeiht keine leeren Heilsversprechen mehr. Die Zukunft gehört denen, die harte wissenschaftliche Evidenz mit brillanten, nutzer*innenfreundlichen Software- und Diagnostik-Lösungen verbinden. Wer den Menschen nicht nur mehr Lebensjahre, sondern mehr Lebensqualität verspricht – und das medizinisch beweisen kann –, dem steht in dieser Branche das Tor zu einem der vielleicht größten kommenden Wirtschaftswunder offen.

Preeo: Healthspan Made in Hamburg

Das 2025 von Anneke Flechtner und Christopher Marx gegründete Hamburger Health-Start-up Preeo will mit einer App, die Ernährungsanalyse durch KI mit Wearable-Daten verschmilzt, eine ganzheitliche Plattform für präventive Gesundheit entstehen. Vor dem Hintergrund des globalen Longevity-Trends ein an sich vielversprechendes Vorhaben. Doch wie innovativ ist das Modell in einem ohnehin übersättigten Markt für Fitness-Apps wirklich? Wir haben nachgehakt.

Wer sich heutzutage mit gesunder Ernährung beschäftigt, verliert sich schnell in einem Dickicht aus Protein-Hypes, Mikro-Diäten und unzähligen Supplements. Gleichzeitig klafft im Markt eine strukturelle Lücke: Klassische Ernährungsberatung ist oft teuer, punktuell und richtet sich meist an Menschen, die bereits gesundheitliche Probleme haben. Digitale Ernährungs-Tracker hingegen sind zwar günstig und zugänglich, fokussieren sich aber fast ausschließlich auf rudimentäres Kalorienzählen und kurzfristigen Gewichtsverlust. Die langfristige Gesundheit – die sogenannte Healthspan – bleibt dabei oft auf der Strecke. Genau in diese Lücke stößt nun das 2025 gegründete Start-up Preeo. Das Gründungsteam um Anneke Flechtner (CEO) und Christopher Marx (CTO) positioniert sich mutig im aufstrebenden Longevity-Sektor und plant Ende März 2026 den offiziellen Launch seiner App.

Vom Marketing zur Gesundheitsmission

Die Idee zu Preeo reifte nicht über Nacht. CEO Anneke Flechtner, die ursprünglich aus dem Marketing kommt und bereits eine eigene Agentur aufbaute, widmete sich dem Thema angetrieben von der Frustration über oberflächliche Ernährungstrends und kurzsichtige Diät-Apps. Zusammen mit CTO Christopher Marx wurde aus der Ursprungsidee schließlich Preeo, das Prävention in den Alltag der breiten Masse bringen will.

Doch reicht Marketing-Erfahrung für einen Markt, der tiefe wissenschaftliche und teils medizinische Expertise erfordert? Flechtner kontert diesen Einwand selbstbewusst: „Mein beruflicher Fokus lag in den letzten Jahren zwar im Marketing, gleichzeitig bin ich aber auch lizenzierte Ernährungsberaterin.“ Sie betont, dass es zwar viel fundiertes Wissen über Ernährung gebe, dieses aber im Alltag kaum ankomme. „Oft fehlt die Übersetzung in etwas, das verständlich und wirklich umsetzbar ist“, so die Gründerin. Um das wissenschaftliche Fundament zu sichern, orientieren sich die Inhalte an etablierten Leitlinien und evidenzbasierter Präventionsforschung. Flankierend baut das Start-up ein Advisory Board mit Expertinnen und Experten aus Ernährungswissenschaft, Medizin und Präventionsforschung auf. Flechtners Hintergrund soll letztlich genau die Brücke schlagen, um diese Erkenntnisse für die Nutzer tatsächlich alltagstauglich aufzubereiten.

KI-Tracking trifft auf Wearable-Daten

Der Einstiegspunkt für die Nutzer*innen ist die Preeo-App, die deutlich mehr sein will als ein weiteres Food-Tagebuch. Um die bei Tracking-Apps gefürchtete „App Fatigue“ (die Ermüdung durch aufwendiges manuelles Eintragen) zu umgehen, setzt Preeo auf KI-Fotoerkennung sowie Sprach- und Texteingaben. Der eigentliche technologische Clou ist jedoch die Datenfusion: Preeo verknüpft die getrackte Ernährung mit biometrischen Daten aus Wearables wie Apple Health oder Garmin. Parameter wie Schlafqualität, Stresslevel und tägliche Bewegung fließen in die Algorithmen ein. So sollen Nährstoffdefizite proaktiv erkannt und kontextbezogene Empfehlungen ausgesprochen werden. Wer schlecht schläft oder hohem Stress ausgesetzt ist, bekommt entsprechende Anpassungen für seinen Speiseplan.

Angesichts der oft fehleranfälligen KI-Erkennung und variierender Hardware-Genauigkeit drängt sich jedoch die Frage nach der Zuverlässigkeit dieser Empfehlungen auf. CTO Christopher Marx räumt technische Unschärfen unumwunden ein: „Unser Ziel ist aktuell bewusst nicht, auf das Gramm genau zu sein.“ Das Kernproblem bestehender Apps sei nicht mangelnde Präzision, sondern dass Nutzer schnell kapitulieren. „Ein schnelles Foto vom Teller hat eine gewisse Unschärfe, aber es ist unendlich wertvoller als ein perfektes Protokoll, das am Ende nie ausgefüllt wird“, argumentiert Marx. Die App ziele nicht auf obsessiven Tracking-Stress ab, sondern basiere ihre kontextbezogenen Impulse auf längerfristig beobachteten Trends, wodurch sich Ausreißer über die Zeit ausgleichen würden. Wer es genauer brauche, könne zudem manuell nachjustieren.

Bei der Verschmelzung solch intimer Gesundheits- und Stressdaten schrillen aus Datenschutzsicht unweigerlich die Alarmglocken. Hier verspricht Marx strikte DSGVO-Konformität. „Preeo versteht sich als Verbindungsstück zwischen verschiedenen Datenquellen – nicht als Datentresor“, stellt der CTO klar. Sensible Gesundheitsdaten bleiben lokal auf dem Gerät oder in den Ökosystemen der Hersteller. Preeo ziehe diese nur anlassbezogen und kurzlebig heran, während Mahlzeiten-Daten lediglich anonymisiert zur Weiterentwicklung der Erkennung genutzt würden.

Bleibt das Problem der traditionell hohen Abwanderungsraten bei Fitness-Apps: Warum sollten Nutzer*innen jahrelang für ein Abo bezahlen, wenn sie ihre Defizite längst verstanden haben? Für Anneke Flechtner ist Gesundheit kein Projekt mit Enddatum. „Stress, Schlaf, Bewegung oder Trainingsziele verändern sich ständig und damit auch die Anforderungen an unsere Ernährung“, erklärt die CEO. Preeo solle als kontinuierlicher Gesundheitsbegleiter agieren, der mit der Zeit aus den Daten lernt und Empfehlungen dynamisch an die Lebensumstände anpasst.

Zwischen Megatrend und hartem Wettbewerb

Das Marktumfeld könnte spannender kaum sein: Longevity ist einer der Megatrends dieses Jahrzehnts. Während in den USA Start-ups wie Zoe oder InsideTracker dreistellige Millionenbeträge einsammeln, steht Europa noch am Anfang.

Bis zum Launch Ende März wurde Preeo vom Gründerduo komplett gebootstrapped. „Diese Phase war für uns sehr wertvoll, weil wir uns vollständig auf Produktqualität und Nutzererlebnis konzentrieren konnten“, resümiert Flechtner. Doch die Vision ist größer: Um Prävention in Deutschland und Europa stärker zu skalieren, peilt das Start-up noch 2026 eine Pre-Seed-Finanzierungsrunde über rund eine Million Euro an. Voraussetzung dafür ist jedoch eine entsprechende Nutzer*innen-Traktion. CTO Marx ergänzt dazu pragmatisch: „Wir bauen momentan ein reines Digitalprodukt auf, was mit AI immer günstiger wird [...] Neue Start-ups erzielen Milliarden-Bewertungen mit sehr kleinen AI-nativen Teams.“

Gleichzeitig muss sich Preeo in einem stark umkämpften „Red Ocean“ gegen Giganten wie Yazio, MyFitnessPal, Oura oder Whoop behaupten. Preeo positioniert sich exakt an der Schnittstelle dieser Welten. Um Nutzer*innen angesichts kostenloser Konkurrenz zum Zahlen zu bewegen, setzt das Start-up auf ein Freemium-Modell. Während Basis-Tracker Nutzer*innen mit ihren Daten oft allein ließen, schließe Preeos Premium-Abo mit tieferen Analysen und einem KI-Coach die Lücke zwischen billigen Apps und teurer Einzelberatung.

Das Geschäftsmodell unter der Lupe

Bei aller Euphorie stellen sich für das Geschäftsmodell zentrale Herausforderungen. Ob sich Preeo das Trend-Label Longevity wirklich anheften kann, ist fraglich, da das Start-up bislang auf echte klinische Biomarker wie Blut- oder DNA-Tests verzichtet. Die Ansätze basieren stattdessen rein auf der Kreuzung von Software-Daten und Wearable-APIs.

Auf die direkte Frage nach der regulatorischen Grauzone und einer möglichen Einstufung als Medizinprodukt (MDR) oder der Abrechnung über Krankenkassen (DiGA) bleibt die Gründerin zurückhaltend und den konkreten Zukunftsplan schuldig. Sie betont stattdessen die aktuelle Positionierung: „In der aktuellen Phase versteht sich Preeo bewusst als Präventions- und Lifestyle-App. Wir diagnostizieren keine Krankheiten und ersetzen keine medizinische Beratung.“ Eine stärkere medizinische Validierung sei eher „eine Perspektive für die Zukunft“.

Zudem birgt die Verknüpfung von Wearable-Daten mit Ernährung im Alltag die Gefahr einer Datenüberflutung, die schnell zu Frustration führen kann. Die Handlungsempfehlungen müssen zwingend so simpel und granular aufbereitet sein, dass sie nachhaltige Verhaltensänderungen bewirken.

Aus wirtschaftlicher Sicht plant Preeo langfristig den cleveren Sprung vom margenschwachen B2C-Abo zu margenstärkeren Telehealth-Dienstleistungen wie digitaler Beratung durch echte Experten. Dem naheliegenden Einstieg ins Betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) erteilt Flechtner vorerst jedoch eine Absage. Auch wenn das Feld spannend sei, liege der Fokus aktuell „ganz bewusst darauf, Prävention für den einzelnen Nutzer greifbar und verständlich zu machen“. B2B2C-Modelle sehe sie erst langfristig als Potenzial.

Auch der geplante Telehealth-Ausbau liegt noch in der Ferne. Zunächst müsse die technologische Grundlage stehen. „Der Ausbau in Richtung digitaler Beratung ist deshalb perspektivisch geplant, aber nicht der erste Schritt nach dem Launch“, stellt Flechtner klar. Für die spätere Qualitätssicherung verspricht sie allerdings bereits klare Qualifikationsanforderungen und ein kuratiertes Netzwerk aus zertifizierten Berater*innen.

Einordnung & Fazit

Preeo surft auf einer massiven Welle. Die Fusion aus KI-Tracking und Gesundheitsdaten ist der logische nächste Schritt in der Evolution der Health-Apps. Isoliertes Kalorienzählen ist ein Relikt der Vergangenheit. Gelingt es Preeo nach dem Launch Ende März, eine loyale Nutzer*innenschaft aufzubauen und nahtlos in höherwertige Longevity-Services zu konvertieren, winkt dem jungen Hamburger Start-up die Rolle als relevanter europäischer Player. Zuvor muss das Gründungs-Duo jedoch beweisen, dass seine Algorithmen echten gesundheitlichen Mehrwert liefern, der den Wechsel von den etablierten Platzhirschen rechtfertigt.

Schluss mit der Wegwerf-Ausrüstung: Outzips Masterplan für eine neue Outdoor-Ökonomie

Gekaufte Outdoor-Ausrüstung wird im Schnitt nur zehn Tage genutzt – eine gewaltige Ressourcenverschwendung. Das junge Berliner Start-up Outzip der Gründer Kai Meier und Eloy Padilla will diese Lücke mit einem digitalen Miet-Marktplatz schließen. Doch wie belastbar ist das „Asset-Light“-Modell der Gründer? Wir haben nachgehakt.

Das Konsumverhalten verändert sich: Gekaufte Outdoor-Artikel werden im Durchschnitt nur zehn Tage genutzt, während 73 Prozent der Millennials laut Marktdaten angeben, mehr Ausrüstung mieten zu wollen. In diese Lücke stößt das Berliner Start-up Outzip. Mit einer digitalen Plattform für die Vermietung von Outdoor- und Sportausrüstung wollen die Gründer den fragmentierten Markt digitalisieren und ein skalierbares „Gear-as-a-Service“-Modell etablieren. Doch wie belastbar ist das Marktplatz-Modell im realen operativen Betrieb, wenn längst auch etablierte Handelsriesen denselben Markt ins Visier nehmen?

Die Gründer und der operative Ursprung

Hinter der im Jahr 2024 in Berlin gegründeten Outzip UG stehen zwei Gründer. Als Co-Founder und CEO bringt Kai Meier berufliche Stationen als Projektmanager in der Bike-Sharing-Economy beim ADFC Berlin sowie im Sales- und Marketingbereich bei ONOMotion in das Vorhaben ein. Co-Founder und CPO Eloy Padilla sammelte zuvor bereits Erfahrungen mit dem D2C-Outdoor-Marktplatz thefaircottage.com.

Der Impuls zur Gründung leitet sich direkt aus der aktuellen Ressourcenverschwendung ab. Im Fachmagazin Suston adressierte Outzip beispielsweise das Problem der Müllberge auf Musikfestivals, die durch billig gekaufte und zurückgelassene Campingausrüstung entstehen, und skizzierte Mietlösungen direkt vor Ort als Gegenmaßnahme. Erste konzeptionelle Bestätigung erhielt das Start-up im Wintersemester 2023/24 im Rahmen einer Projektarbeit der HMKW – Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft sowie im Frühjahr 2025 im „Pitch Battle“ des Startup Insider Podcasts.

Margendruck durch Logistik?

Outzip agiert als B2B2C-Marktplatz, der lokale Miet-Shops, Reisende und Affiliate-Partner*innen zusammenbringt. In ersten Kooperationen binden der Reiseveranstalter Perlenfänger oder Vivido Outzip bereits für sogenannte Mikroabenteuer ein. Die Monetarisierung stützt sich auf eine 15-prozentige Provision pro Buchung. Auf Konsument*innen-Seite soll ein KI-Chatbot bei der Produktauswahl assistieren und so die Konversionsrate stützen.

Das Start-up fokussiert sich im Vertrieb zunächst darauf, Shops einen zusätzlichen digitalen Buchungskanal über das eigene Listing anzubieten. Perspektivisch, so Meier, wolle man das Onboarding eines eigenen Buchungssystems über den SaaS-Partner Sharefox ermöglichen und direkte API-Schnittstellen zu Shops mit existierendem System entwickeln.

Dabei verfolgt das Unternehmen prinzipiell einen „Asset Light“-Ansatz: Es besitzt die Ausrüstung nicht selbst, sondern aggregiert Bestände über API-Schnittstellen. Im Zeitraum 2024 bis 2025 verzeichnete das Unternehmen nach eigenen Angaben 800 Buchungen – davon 550 im Jahr 2025 – mit einem Gesamtumsatz (GMV) von 50.000 Euro.

Ein Blick auf die Unit Economics offenbart jedoch operative Risiken: Die geplante Integration eines umfassenden Kreislauf-Services inklusive externer Logistikpartner*innen ist im E-Commerce traditionell ein massiver Margenfresser. Auf die kritische Frage, wie das Start-up verhindern wolle, dass hohe Versand- und Aufbereitungskosten das Geschäftsmodell aushöhlen, verweist CEO Meier auf eine betont dezentrale Strategie. „Um insbesondere die Bereitstellungskosten so gering wie möglich zu halten, liegt der Expansionsfokus vor allem auf der Zusammenarbeit mit lokalen Verleih-Anbietern“, argumentiert der Gründer. Die Ware werde idealerweise direkt am „Point of Use“ ausgegeben und dort auch wieder aufbereitet. Das steigere nicht nur die Effizienz durch die Fachkenntnis der Partner, sondern ermögliche überhaupt erst ein breiteres Angebot. So gibt Meier zu bedenken, dass Produkte wie Kajaks „über den Versand kaum profitabel vermietbar wären“.

Kampf gegen Retail-Riesen und Plattformen mit identischem Modell

Der globale Markt für Outdoor-Vermietungen wird laut Branchenprognosen bis 2035 auf 32 Milliarden Euro anwachsen. Für Deutschland geht Outzip von einem adressierbaren Umsatzpotenzial von 700 Millionen Euro aus. Die Konkurrenzlandschaft ist jedoch dicht besiedelt und hochgradig kapitalisiert. Auf der einen Seite stehen etablierte Retailer wie Globetrotter, Decathlon und Intersport, die teils mit eigenen Verleihkonzepten experimentieren. Auf der anderen Seite positionieren sich spezialisierte Vermieter wie Cirkel Supply Co. oder EcoSki.

Die direkteste Gefahr droht Outzip jedoch durch Plattformen wie Lokki oder Rent & Send, die mit einem identischen Marktplatz-Ansatz um exakt dieselben B2B-Partner buhlen. Angesprochen auf den fehlenden technologischen „Burggraben“ des Unternehmens in diesem Umfeld, gibt sich Meier gelassen. Große Retailer sehe man aktuell nicht als Bedrohung, da diese sich „strategisch vor allem auf das Thema Second-Hand und Buy Back Programme fokussieren“. Gegenüber Plattformen mit nahezu identischem Modell wie Lokki führt der Mitgründer ein eher pragmatisches Argument ins Feld: Der strategische Vorteil liege „vor allem in der Positionierung als deutsches Unternehmen“. Dies solle im Vertrieb mit kleinen lokalen Geschäften in der Frühphase den Ausschlag geben. Um hier rasch Marktanteile zu sichern, verspricht Meier zudem schnellere Onboardings durch Kooperationen mit SaaS-Anbietern. Dadurch wolle man ein breites Partner*innen-Portfolio auf dem Marktplatz sichtbar machen, „ohne den individuellen Vertrieb mit jedem Partner einzeln“ stemmen zu müssen.

Einordnung und Fazit

Outzip positioniert sich in einem signifikant wachsenden Segment der Kreislaufwirtschaft. Für die aktuelle Pre-Seed-Runde sucht das Start-up 500.000 Euro, primär um die Software-Middleware zu finanzieren und 18 Monate Runway zu sichern. Flankiert werden soll dies durch eine angestrebte Förderung der Investitionsbank des Landes Brandenburg in Höhe von 300.000 Euro. Erste Investitionstickets werden als Wandeldarlehen ab 10.000 Euro bei einem Cap von 2,5 Millionen Euro ausgegeben.

Die größte Hürde bleibt der zügige Aufbau der B2B-Angebotsseite. Die Roadmap sieht zunächst die Akquise lokaler Shops in Brandenburg vor, bevor bundesweit skaliert werden soll. Zudem fokussiert sich das Start-up nach eigenen Angaben im laufenden Jahr ausschließlich auf die Bereiche Camping und Trekking. Das birgt das klassische Henne-Ei-Problem: Wie lockt man Nutzer*innen an, wenn das lokale Angebot noch spärlich ist?

Um diese Phase zu überbrücken, verlässt sich Outzip nicht nur auf Kaltakquise. Man arbeite „an engen Partnerschaften mit relevanten Reiseveranstaltern und Campingplätzen, um die Nachfrage für die entsprechenden Produkte zu erhöhen“, skizziert Meier den Ausweg. Das so generierte Buchungsvolumen diene gleichzeitig als Marktforschung. Durch die zielgruppenspezifische Analyse wisse Outzip sehr genau, „welche lokalen Anbieter aktuell gut zu unserem Portfolio passen“.

Gelingt es dem Team, die Akquisitionskosten für neue Partner niedrig zu halten und die logistischen Herausforderungen effizient zu lösen, könnte Outzip im europäischen Outdoor-Markt eine relevante Rolle spielen. Scheitert jedoch die schnelle Skalierung der Angebotsseite, droht das Modell an den besser kapitalisierten Bestandsakteur*innen abzuprallen.

KI-Müdigkeit im Team? Warum Friction-Maxxing jetzt die Antwort ist

Nach all der Euphorie über KI-Tools macht sich bei immer mehr Menschen eine gewisse KI-Müdigkeit breit. Die Technologie hat die Arbeitswelt im Sturm erobert – doch in Unternehmen wachsen die Zweifel: Macht KI wirklich alles einfacher oder trägt sie sogar zu sinkendem Engagement bei? Dr. Arne Sjöström von Culture Amp erklärt, warum Unternehmen jetzt auf Friction-Maxxing setzen sollten.

Friction-Maxxing ist ein Trend aus dem Lifestyle-Bereich, der jedoch auch großes Potenzial für die Arbeitswelt und den strategischen Einsatz von KI in Unternehmen hat. Gemeint ist damit ein Verhalten, bei dem man bewusst mehr kleine Hindernisse und Hürden in Arbeitsprozessen akzeptiert.

Der große Vorteil: Durch eine bewusste Verzögerung wird das Urteilsvermögen geschärft, das Engagement vertieft und die mentale Resilienz der Mitarbeitenden gestärkt.

Friction-Maxxing als Gegengewicht zur KI-Dominanz

Insbesondere für Führungskräfte und das mittlere Management bietet Friction-Maxxing die Möglichkeit, produktive Reibung in Entscheidungsprozesse zurückzubringen. Durch die Rückkehr zu mehr persönlichen Begegnungen und analogen Arbeitsabläufen entstehen Dinge, die in digitalen Formaten schlicht verloren gehen:

  • Konzentrierte Aufmerksamkeit.
  • Psychologische Sicherheit.
  • Wichtige nonverbale Signale.

Persönliche Begegnungen ermöglichen einen konstruktiven Austausch und helfen Teams dabei, ein gemeinsames Verständnis von Qualität zu entwickeln. Am Ende geht es nicht darum, unnötige Hürden aufzubauen, sondern das richtige Maß an „Reibung“ zu gestalten: Analoges für einen besseren Umgang mit Ambiguität, Kreativität und richtungsweisenden Entscheidungen – Digitales für die Umsetzung.

Fokus und Sinnhaftigkeit zurückerobern

Positive Reibung kann als dringend benötigtes Gegengewicht zur KI-getriebenen Beschleunigung in der Arbeitswelt fungieren und den Fokus wiederherstellen. Sei es durch das gründliche, manuelle Überdenken eines Briefings oder den bewussten Wunsch nach persönlichem Austausch anstelle eines asynchronen Chats. Wer sich Zeit zum Denken, Begegnen und Gestalten zurückerobert, ermöglicht es Teams, sich wieder mit ihrem eigentlichen Auftrag und ihren Ansprüchen zu verbinden – Qualitäten, die KI-Automatisierung allein niemals erreichen kann.

Dieses geänderte Verhalten führt zu mehr Präsenz, weniger Angst und einem gestärkten Gefühl der Kontrolle. Der bewusst gewählte, nur scheinbar umständlichere Weg kann somit zu mehr Autonomie und tieferer Zufriedenheit am Arbeitsplatz beitragen.

Ein Plädoyer für intentionale Reibung

Die Aufgabe moderner Führungskräfte ist es daher, bei menschenzentrierten Tätigkeiten ganz bewusst sogenannte intentionale Reibung herbeizuführen und KI parallel dazu zu nutzen, den täglichen administrativen Arbeitsaufwand zu minimieren.

Unternehmen müssen klar benennen, wo KI ihre Stärken hat und eingesetzt werden soll – und wo menschliche Fähigkeiten wie Empathie, Urteilsvermögen und kritisches Denken absolut unersetzlich sind. So gibt man Mitarbeitenden die Möglichkeit, sich auf die Arbeit zu konzentrieren, die wirklich zählt und echten Mehrwert schafft.

Friction-Maxxing ist somit weniger ein Plädoyer gegen die Technologie, sondern vielmehr ein Aufruf zur Intentionalität: Dem bewussten Abwägen darüber, wann Prozesse automatisiert werden sollten und wann gerade der Widerstand den entscheidenden Unterschied machen kann.

Der Autor Dr. Arne Sjöström ist Regional Director, People Science EMEA bei Culture Amp. Sein Schwerpunkt liegt in der Organisationspsychologie und der angewandten Forschung.

Aiconiq.io: Das KI-Gehirn für den Mittelstand – Brillante Vision oder teure Manufaktur?

Autonome Agenten, halbierte Prozesskosten und sicheres Daten-Hosting: Mit Aiconiq.io tritt ein Start-up an, um das KI-Gehirn für den Mittelstand zu bauen. Wir wollten wissen, wie das „Corporate Brain“ funktioniert und wo die Herausforderungen bei der Skalierung liegen.

Hinter der Aiconiq GmbH stehen zwei ausgewiesene Branchenexperten. Gegründet wurde das Start-up 2025 von Prof. Dr. Peter Gentsch, einem bekannten KI-Pionier und Seriengründer, sowie dem KI-DeepTech-Experten Dr. Michael Patrushev. Gemeinsam bringen sie jahrzehntelange Erfahrung aus der KI-Forschung, im internationalen Engineering und beim Skalieren technologiegetriebener Unternehmen in ihr neues Projekt ein.

Mehr als nur ein Chatbot

Dass hier DeepTech-Experten am Werk sind, zeigt sich am technologischen Anspruch: Während viele Firmen mit generischen Chatbots experimentieren, integriert Aiconiqs Corporate Brain laut Unternehmensangaben nicht nur explizites, sondern gezielt das implizite Wissen (Tacit Knowledge) der Belegschaft. Erfasst wird dies durch KI-gesteuerte Interviews. Um Halluzinationen und subjektiven Fehleinschätzungen vorzubeugen, setzt Co-Gründer Michael Patrushev auf harte Validierung: „Die KI stellt keine offenen, spekulativen Fragen, sondern kontextualisierte, prozessbezogene Fragen entlang realer Use Cases.“

Nach einem Abgleich mit ERP-Logs und Experten-Kreuzvergleichen speichere das System keine absoluten Wahrheiten, so Patrushev, sondern „gewichtete Wissenselemente mit Vertrauens-Score und Quellenreferenz“. Gerade dieses subjektive Erfahrungswissen sei im Unternehmensalltag entscheidend, müsse aber umsichtig geprüft werden.

David gegen die Tech-Goliaths

Im hart umkämpften Markt stellt sich die Frage, wie lange das Start-up gegen die Milliarden-Budgets von Microsoft oder OpenAI bestehen kann. Prof. Peter Gentsch gibt sich pragmatisch: „Wir kämpfen nicht gegen die Hyperscaler wie OpenAI, Google oder Anthropic – wir nutzen sie.“ Das eigene System setze horizontal auf den bekannten Modellen auf. Der Burggraben entstehe durch branchenspezifische Use Cases in einer sicheren, DSGVO-konformen Umgebung, wahlweise on-premises oder in einer europäischen Cloud.

Gentsch pointiert: „Wir wollen nicht das größte Gehirn bauen; wir bauen das relevanteste Brain für ein Unternehmen. Die Tech-Giganten optimieren Skalierung – wir optimieren den Unternehmens-Kontext.“

Skalierung: Softwareprodukt oder Manufaktur?

Die schnelle Entwicklung der eigenen Modelle sichert Aiconiq durch die interne „Aiconiq Factory“ ab, die auf radikale Automatisierung setzt. Kontrollverlust fürchtet Patrushev dabei nicht: „Geschwindigkeit ersetzt bei uns nicht Qualität – sie wird durch Qualitätssicherungssysteme ermöglicht.“ Jeder KI-generierte Code durchlaufe strenge Security-Checks und Test-Pipelines.

Doch lässt sich das aufwendige Einfangen von Unternehmenswissen beim Kunden ebenso reibungslos skalieren, oder droht Aiconiq in einem beratungsintensiven Manufaktur-Modell steckenzubleiben? Gentsch wehrt ab: Man nutze KI, um KI im Unternehmen aufzubauen. Algorithmen deckten Inkonsistenzen im Wissen automatisch auf und lösten sie teils selbständig. Ganz ohne menschliches Zutun gehe es aber nicht, räumt der Gründer ein: „Damit bleibt immer ein wenig Manufaktur bzw. ‚Human in the loop‘.“

Ausblick

Mit einer aktuellen Bewertung von 10 Millionen Euro und der Aufnahme ins „German Accelerator USA-Programm“ hat Aiconiq.io nach eigenen Angaben bereits namhafte DAX-Konzerne überzeugt. Gelingt es den Frankfurtern nun, die komplexe Wissensextraktion weiter zu standardisieren, könnte sich ihr „Corporate Brain“ als eine treibende Kraft der „industriellen KI-Revolution“ aus Deutschland etablieren.

Vivid: Runway verlängern mit US-Dollar

Das FinTech Vivid Money, 2019 von Alexander Emeshev und Artem Iamanov in Berlin gegründet, meldet 100.000 KMU-Kund*innen und lockt Start-ups mit bis zu 5 Prozent Zinsen auf Dollar- und Pfund-Guthaben. Für international finanzierte Gründungsteams ist das Angebot attraktiv, um die eigene Runway zu verlängern. Doch ein genauer Blick auf die Konditionen und den harten Wettbewerb im Business-Banking zeigt: Gründende müssen spitz kalkulieren.

Vivid Money positioniert sich im Geschäftskundensegment mit einem erweiterten Cash-Management-Angebot. Im Zentrum der Ankündigung stehen Verzinsungen, die speziell auf die Bedürfnisse international finanzierter Start-ups zugeschnitten sind. Geschäftskund*innen erhalten auf Guthaben in US-Dollar und britischen Pfund bis zu 5 Prozent Zinsen pro Jahr. Auf Euro-Guthaben zahlt das Unternehmen bis zu 4 Prozent.

Bei diesen Zahlen ist jedoch eine kritische Einordnung geboten: Es handelt sich um klassische, zeitlich befristete Lockangebote zur Neukund*innengewinnung. Der Spitzenzinssatz für Fremdwährungen gilt für fünf Monate. Der Zinssatz für Euro-Guthaben ist auf vier Monate begrenzt. Nach Ablauf dieser Aktionszeiträume fallen die Zinsen deutlich ab – auf bis zu 3 Prozent für Fremdwährungen und bis zu 2 Prozent für den Euro, was zudem an den jeweils gewählten Tarif des FinTechs gekoppelt ist. Darüber hinaus behält sich der Anbieter vor, die Zinssätze je nach Marktlage oder nach eigenem Ermessen anzupassen.

Jenseits der Marketing-Zahlen bietet die strukturelle Erweiterung der Plattform jedoch einen greifbaren administrativen Nutzen für Gründerinnen und Gründer. Da viele Start-ups ihr Kapital durch US-Investor*innen in Dollar erhalten, mussten diese Gelder bislang oft aufwendig und gebührenpflichtig umgeschichtet werden. Vivid ermöglicht es nun, internationale SWIFT-Zahlungen direkt aus den verzinsten USD- und GBP-Konten heraus zu tätigen. Zusätzliche Bankpartner, externe Treasury-Lösungen oder teure Währungsumrechnungen entfallen für diese Transaktionen. Zudem öffnet die Plattform, die nun vollständig über den Webbrowser bedienbar ist, den Zugang zu über 1850 Assets (Money Market Funds, ETFs, stocks, iBonds, crypto).

Für junge Unternehmen ohne eigene Finanzabteilung stellt dies eine niedrigschwellige Möglichkeit dar, Teile der Firmenrücklagen strukturiert anzulegen und brachliegendes Kapital zumindest als Inflationsausgleich arbeiten zu lassen.

Vom B2C-Hype zur pragmatischen B2B-Plattform

Vivid startete ursprünglich mit einer gänzlich anderen Vision in den Markt. In der Hochphase des Fintech-Booms positionierte sich das von namhaften Investoren wie Greenoaks Capital und DST Global Partners finanzierte Unternehmen als verbraucher*innenorientierte App mit einem starken Fokus auf Krypto-Trading und Cashback-Programme. Die harte Marktrealität im Privatkund*innengeschäft, dominiert von Playern wie N26 und Revolut, zwang das Management jedoch zu einem strategischen Kurswechsel.

Vivid vollzog einen weitreichenden Pivot weg vom reinen Endkonsument*innen und wandte sich dem Geschäftskund*innensegment zu. Dieser Strategiewechsel scheint aufzugehen, denn nach Unternehmensangaben konnte in weniger als zwei Jahren die Marke von 100.000 KMU-Kund*innen überschritten werden.

Das Treasury-Volumen spiegelt diese Neuausrichtung ebenfalls wider: Zwischen Februar 2025 und Februar 2026 wuchs die Zahl der Treasury-Nutzer*innen um das Zweieinhalbfache, während sich die verwalteten Einlagen im selben Zeitraum verdreifachten. Die von Mitgründer Alexander Emeshev und dem für das Treasury verantwortlichen Esmond Berkhout formulierte Strategie setzt nun vollends darauf, Start-ups eine kombinierte Infrastruktur aus alltäglichem Banking und anspruchsvolleren Anlageprodukten zu bieten. Für das Jahr 2026 hat das Management das ambitionierte Ziel ausgegeben, die Kund*innenzahl in diesem Segment abermals zu verdoppeln.

Ein hart umkämpftes Oligopol

Der aktuelle Vorstoß in das Zinsgeschäft für Fremdwährungen trifft einen wunden Punkt der europäischen Gründer*innenszene. Das allgemeine Finanzierungsumfeld hat sich merklich abgekühlt, Finanzierungsrunden dauern deutlich länger und Kapital wird von Investor*innen spürbar selektiver vergeben. Gleichzeitig stammen laut KfW-Daten rund 60 Prozent der Startup-Investitionen von internationalen Geldgeber*innen, wobei gut ein Viertel des Kapitals allein aus den USA fließt. Die Verlängerung der sogenannten Runway durch ein aktives Liquiditätsmanagement rückt daher gezwungenermaßen ins Zentrum der Finanzplanung vieler Gründungsteams. Dennoch bewegt sich Vivid bei dem Versuch, dieses Problem zu lösen, in einem hochkompetitiven Umfeld.

Im europäischen B2B-Banking dominieren stark finanzierte und etablierte Player wie der französische Marktführer Qonto, der finnische Pionier Holvi oder aufstrebende Herausforderer wie Finom. Auch Revolut Business ist mit aggressiven Preismodellen dauerpräsent. Die strategische Differenzierung von Vivid liegt im Versuch, sich nicht nur als reines Transaktionskonto, sondern als holistisches Betriebssystem für Finanzen zu etablieren, das operative Liquidität und strukturierten Anlageverkehr verschmilzt.

Für uns ergibt sich aus dieser Entwicklung ein klares pragmatisches Bild. Das temporäre Zinsangebot in Dollar und Pfund ist ein unbestreitbar attraktives Vehikel für frisch finanzierte Start-ups mit internationalen Investor*innen, um Währungsverluste durch Liegegelder zu minimieren und das aufgenommene Kapital sofort arbeiten zu lassen.

Gründungsteams müssen jedoch fernab des ersten Zinsversprechens nüchtern kalkulieren. Es gilt genau zu prüfen, ob die fixen Grundgebühren der verschiedenen Vivid-Tarife und die Konditionen nach Ablauf der viermonatigen respektive fünfmonatigen Lockzinsphase langfristig tatsächlich wirtschaftlicher sind als die etablierten Strukturen und Konditionen der direkten Wettbewerber*innen am Markt.

Glitter Spritz: Popstar trifft Bootstrapping

Warum Bill Kaulitz nicht als Werbegesicht, sondern als Mitgründer beim Aperitif-Start-up Glitter Spritz der Gründer Lupo Porschen und Basti Fischer einsteigt – und was die Gründer*innenszene daraus lernen kann.

Wenn ein internationaler Popstar bei einem deutschen Getränke-Start-up einsteigt, klingeln in der Branche normalerweise die Alarmglocken: Ist das die nächste kurzlebige Influencer-Kampagne? Bei der Berliner Marke Glitter Spritz der Craft Circus GmbH wählt man einen anderen Weg. Tokio-Hotel-Frontmann Bill Kaulitz wird nicht nur Werbegesicht, sondern steigt aktiv als Mitgründer und Gesellschafter in die eigens dafür ausgegründete Glitter Spritz GmbH ein. Ab dem 9. März 2026 startet die begleitende nationale Handelskampagne. Ein Deal, der strategisch wertvoll ist – und auf einem Fundament ruht, das in der Start-up-Welt selten geworden ist.

Vom WG-Zimmer zur Brand-Maschine

Die Historie von Glitter Spritz ist keine klassische VC-finanzierte Start-up-Story. Die Marke entspringt der Craft Circus GmbH, die 2014 von den Studienfreunden Lupo Porschen und Basti Fischer gegründet wurde. Die beiden starteten ihr Unternehmen noch während des Studiums aus einer studentischen Wohngemeinschaft in der Hamburger Sternschanze heraus.

Die Manufaktur hat sich über zehn Jahre hinweg komplett ohne externes Investorenkapital (Bootstrapping) aufgebaut. Eine frühe strategische Entscheidung der Gründer war es, die eigentliche Destillation nicht selbst durchzuführen, sondern an eine Familienbrennerei in Rheinland-Pfalz auszulagern. So konnte sich das Team von Beginn an voll auf seine Kernkompetenzen konzentrieren: Produktentwicklung, Design, Marketing und den eigenständigen Vertrieb.

Erprobte Konzepte: "BIRDS" und "Flaschenpost" ebneten Weg

Für Bill Kaulitz ist das Investment kein Blindflug, denn Glitter Spritz ist keine unerprobte Neuentwicklung. Das Craft-Circus-Team hat in den vergangenen zehn Jahren mehrfach bewiesen, wie man Marken im Regal platziert und im Handel positioniert.

Den Anfang machte 2015 der BIRDS Dry Gin. Inspiriert von einer gemeinsamen Weltreise der Gründer, vereint der Gin 15 Botanicals aus fünf Kontinenten und bediente früh den Wunsch nach "Purpose": Mit jeder verkauften Flasche wird ein nachhaltiges oder soziales Projekt unterstützt.

2017 folgte der massentauglichere Flaschenpost Gin, der gezielt mit dem klassischen Image von Spirituosen brach. Abgefüllt in Apothekerflaschen, setzen die Gründer hier auf humorvolle Sprüche auf den Etiketten und fokussierten sich auf den lukrativen Geschenkemarkt. Bei diesem Produkt experimentierte Craft Circus auch erstmals mit visuellen USPs, die später bei Glitter Spritz weiterentwickelt wurden: Sondereditionen, die durch die Zugabe von Tonic Water ihre Farbe ändern oder bereits einen Glitzereffekt integriert haben.

Der Markt: Alkoholfrei boomt, klassischer Alkohol schwächelt

Mit Glitter Spritz agiert das Start-up in einem dynamischen Marktumfeld. Während der klassische Alkoholmarkt in Deutschland insgesamt rückläufig ist, wächst das Segment für Alternativen spürbar. Um unterschiedliche Zielgruppen zu bedienen, liefert die Marke zwei Varianten: eine Version mit 15 Prozent Alkohol und eine alkoholfreie Alternative.

Letztere trifft den aktuellen Zeitgeist: Laut Unternehmensangaben auf Basis von NielsenIQ-Daten belegte Glitter Spritz im Jahr 2025 Platz 2 der absatzstärksten alkoholfreien Aperitif-Marken im deutschen Lebensmitteleinzelhandel. Das Unternehmen erzielte in diesem Zeitraum einen mittleren sechsstelligen Absatz und verzeichnete ein zweistelliges Wachstum. Geschmacklich setzt das in Deutschland produzierte Getränk auf Bitterorange, Rhabarber und mediterrane Kräuter und positioniert sich fruchtiger und weniger bitter als herkömmliche Aperitifs.

Smartes Creator-Play oder kurzlebiger Hype?

Für Gründerinnen und Gründer bietet der Case "Glitter Spritz x Kaulitz" lehrreiche Ansatzpunkte, birgt aber auch branchenübliche Risiken. Der USP des Getränks ist primär visueller Natur: Ein essbarer Glitzer, basierend auf dem in der EU zugelassenen Lebensmittelfarbstoff Eisenoxid, sorgt im Glas für einen optischen Effekt. Solche "instagrammablen" Produkte generieren schnelle virale Aufmerksamkeit, bergen jedoch die Gefahr der Kurzlebigkeit. Wenn der Neuheitseffekt verfliegt, muss das Produkt zwingend über Geschmack und Markenidentifikation überzeugen, um dauerhafte Wiederkaufraten zu sichern.

Hier greift jedoch der strategische Schachzug: Dass Kaulitz nicht als reines Testimonial, sondern als echter Gesellschafter und Mitgründer einsteigt, ist ein starkes "Creator-Play". Während viele Creator-Brands an der operativen Umsetzung scheitern, trifft hier eine immense Reichweite auf ein krisenerprobtes Gründerteam, das Logistik, Produktion und den Vertrieb in über 5.000 Märkte und mehr als 15 Länder bereits etabliert hat. Die tiefe gesellschaftsrechtliche Bindung in einer gemeinsam gegründeten GmbH minimiert zudem das Risiko, dass der Prominente schnell das Interesse verliert.

Dennoch gleicht das Unterfangen im Einzelhandel einem Kampf David gegen Goliath. Der Aperitif-Markt wird von Konzernen mit massiven Marketingbudgets dominiert, und die Regalmeter im Supermarkt sind teuer und umkämpft. Auch wenn Glitter Spritz laut Daten zu den wachstumsstärksten Marken der Kategorie gehört, erfordert die geplante strategische Expansion im In- und Ausland enorme Ressourcen.

Letztlich zeigt der Fall eindrucksvoll, wie man ein bootstrapped Start-up durch gezieltes Design und iterativen Markenaufbau so weit skaliert, dass es für internationale Prominenz als Investment attraktiv wird. Wenn es dem Team um Fischer, Porschen und nun auch Kaulitz gelingt, den optischen Effekt zu einem festen Lifestyle-Attribut zu etablieren, hat das Unternehmen reales Potenzial, den Branchenriesen langfristig Marktanteile abzunehmen.

Primogene: Muttermilch als Vorbild

Primogene ist ein 2023 gegründetes BioTech-Start-up mit Sitz in Leipzig, das sich auf die Entwicklung biotechnologischer Herstellungsverfahren für bioidentische Inhaltsstoffe spezialisiert hat. Ein Schwerpunkt liegt auf Verbindungen, die der Muttermilch nachempfunden sind und die Gesundheit in allen Lebensphasen fördern können.

Auch wenn das Produkt als weißes Pulver eher unscheinbar aussieht, markiert seine Existenz einen wissenschaftlichen Meilenstein. „Wir haben eine spezielle Technologie entwickelt, dank der wir komplexe bioidentische humane Milchzucker skalierbar herstellen können“, erzählt Linda Karger, einst Managementstudentin an der Technischen Universität in München, heute COO der 2023 in Leipzig gegründeten Primogene GmbH. Die chemischen Verbindungen entsprechen also den im menschlichen Körper vorkommenden Molekülen bis ins kleinste biochemische Detail. Und sie übernehmen – obwohl industriell hergestellt – die gleichen Funktionen, die bisher nur Muttermilch garantierte.

Zum Verständnis: Die komplexen Zuckerstrukturen sind nach Fett und Laktose der drittgrößte feste Bestandteil menschlicher Milch. Sie bieten einzigartige gesundheitliche Vorteile, unterstützen beispielsweise das Immunsystem sowie die kognitive Entwicklung wie kein anderer Stoff. „Nach zahllosen Gesprächen mit Ärzten und Kliniken begann unsere Geschichte mit der Idee, nährstoffreiche Inhaltsstoffe als Zusatz für die Ernährung von Frühgeborenen herzustellen. Weitergedacht können bioaktive Bestandteile der Muttermilch ebenso zur Krankheitsprävention bei Erwachsenen sinnvoll eingesetzt werden“, erklärt Karger. „Um das Wirkungspotenzial unserer Human Milk Oligosaccharides (HMO) weiter zu erforschen, testen wir diese aktuell in enger Zusammenarbeit mit dem Leipziger Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie.“

Produktsortiment in der Breite offen

Gleichzeitig wird die von Dr.-Ing. Reza Mahour (CEO, Experte für Bioverfahrenstechnologie) und Valerian Grote (CTO, Molekularbiologe/Experte für Analytische Biochemie) entwickelte enzymatische Technologie genutzt, um bioidentische Moleküle für andere Märkte zu erzeugen, beispielsweise Inhaltsstoffe für Produkte der Körperpflege oder Rohmaterialien für die Pharmaindustrie. „Wir produzieren selbst. Dabei lässt sich jedes unserer Produkte auf die spezielle Technologie zurückführen. Unseren Kunden bieten wir Komplettlösungen – das reicht von der Suche nach der richtigen Produktionsplattform bis hin zu Entwicklung und Produktion“, bestätigt Karger. Erste Umsätze wurden nach ihren Angaben bereits früh erzielt. Inhaltsstoffe für den Kosmetikbereich sollen noch in diesem Jahr mithilfe bestehender Partnerschaften am Markt eingeführt werden. Im Pharmabereich wird ebenfalls mit ersten Kunden zusammengearbeitet.

Karger ergänzt: „Wir haben früh auf Partnerschaften und Vorbestellungen gesetzt, um den Markt besser zu verstehen.“ Um die bereits verabredeten hochwertigen Roh- und Inhaltsstoffe bald in größeren Mengen liefern zu können, ist das aktuell elfköpfige Team von Primogene gerade innerhalb Leipzigs umgezogen. Für die anstehende Skalierung war der Wechsel auf eine Betriebsstätte mit mehr Laborfläche und größerem Produktionsbereich wichtig. Große Mitspieler auf dem Feld der HMOs wie die niederländische DSM-Firmenich oder der dänische Konzern Chr. Hansen schrecken Karger nicht: „Bekannt sind mehr als 200 verschiedene HMOs, davon sind bisher sieben strukturell einfacher industriell herstellbar und auf dem Markt. Sie werden mit einer Fermentationstechnologie produziert. Unser enzymatisches Verfahren kann deutlich mehr und komplexere Zuckerstrukturen hervorbringen. Außerdem reicht unsere Produktpalette weit über HMOs hinaus.“

Sichtbarkeit durch Innovationsplattform futureSax erleichtert Investorensuche

Das bisher benötigte Kapital stammt unter anderem von Business Angels aus dem Bereich der Biotechnologie, darunter auch Climate Founders, bei deren Accelerator-Programm Mahour Grote und Karger einst zusammenfanden. Für Primogene als forschungs- und deshalb kapitalintensives Biotech-Unternehmen sind daneben die Mittel aus Förderprogrammen des Landes Sachsen und der Stadt Leipzig von wesentlicher Bedeutung. Darüber hinaus profitiert das Start-up noch heute von der Sichtbarkeit, die es durch den Gewinn des dritten Platzes beim Sächsischen Gründerpreis 2024 erhielt. Zunächst sorgten der professionelle Nominiertenfilm und die begleitende Öffentlichkeitsarbeit von futureSax für Aufmerksamkeit sowohl in den Medien als auch innerhalb des Netzwerks.

Dann bot die Preisübergabe auf der Sächsischen Innovationskonferenz vor über 1.000 Gästen Primogene eine wichtige Gelegenheit zur Präsentation. „Sachsen ist ein Innovationsstandort mit besonderer Dichte: Exzellente Forschung, starke Industrie- und Mittelstandsstrukturen und eine wachsende Start-up-Szene greifen ineinander. Hier entstehen Lösungen, die international wettbewerbsfähig sind. Entscheidend ist der Schulterschluss im Ökosystem – von Hochschulen über Unternehmen bis zu Kapitalgebern. futureSax schafft dafür die Bühne und die Verbindungen, damit aus Ideen schneller Produkte, Partnerschaften und Gründungen werden“, erklärt Susanne Stump, Geschäftsführerin der Innovationsplattform des Freistaats Sachsen. Das Interesse großer Investoren bestätigt, dass Primogene auf dem richtigen Weg ist. Im Jahr 2025 schloss das innovative Start-up eine Seed-Finanzierungsrunde mit namhaften Investoren wie HTGF, TGFS, der Sächsischen Beteiligungsgesellschaft und better ventures ab. Das geplante Personalwachstum sowie die Produktionsaktivitäten der nächsten zwei Jahre sind damit gesichert.

Dies ist ein Beitrag aus der StartingUp 01/26 – hier kannst du die gesamt Ausgabe kostenfrei lesen: https://t1p.de/p8gop

Battle-Tested & German Engineered: Das neue Power-JV der Drohnenwelt

Mit QFI startet die erste vollautomatisierte Produktionslinie für ukrainische Drohnen in Europa. Ein Gamechanger für die „Build with Ukraine“-Initiative und ein Weckruf für das deutsche Tech-Ökosystem. Agilität schlägt Trägheit: Unsere Analyse über die Architekten der neuen europäischen Resilienz und die Rolle von Start-ups.

Während die klassische Rüstungsindustrie oft mit jahrzehntelangen Entwicklungszyklen ringt, zeigt ein deutsch-ukrainisches Joint Venture, wie das „New Defense“-Zeitalter in Lichtgeschwindigkeit skaliert. Nur zwei Monate nach der offiziellen Ankündigung ist das Joint Venture Quantum Frontline Industries (QFI) operative Realität. Ein symbolträchtiger Moment markierte am 13. Februar den Startschuss: Auf seinem Weg zur Münchner Sicherheitskonferenz nahm der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj im Werk bei München die erste in Deutschland gefertigte Linza 3.0 entgegen – ein Meilenstein, der unter der Schirmherrschaft von Verteidigungsminister Boris Pistorius als neues „Leuchtturmprojekt“ der europäischen Souveränität gefeiert wird.

Das „German Model“: Wenn Software-Agilität auf automatisierte Masse trifft

QFI ist mehr als eine Fabrik; es ist der Prototyp des sogenannten German Model. Hier verschmilzt die operative Erfahrung von Frontline Robotics aus dem aktivsten Drohnenkrieg der Geschichte mit der industriellen Exzellenz der Münchner Quantum Systems GmbH. Das Ziel ist ambitioniert: Allein 2026 sollen 10.000 Einheiten der Modelle Linza und Zoom vom Band laufen. Diese Systeme sind hochgradig gegen elektronische Kampfführung (EW) gehärtet und finden dank KI-gestützter visueller Navigation auch ohne GPS-Signal ihr Ziel.

Dieser Erfolg strahlt auf das gesamte deutsche Ökosystem aus. Wir erleben derzeit, wie eine neue Generation von Gründern die Grenzen zwischen digitaler und physischer Souveränität neu zieht.

Ein vernetztes Ökosystem: Die Architekten der Resilienz

Hinter dem Erfolg von QFI steht ein Geflecht aus spezialisierten DeepTech-Akteuren, die Deutschland zum führenden Defense-Hub Europas gemacht haben. Während Quantum Systems mit seinem Status als „Triple Unicorn“ (Bewertung > 3 Mrd. €) die industrielle Skalierung im Luftraum beherrscht, liefert das Münchner Decacorn Helsing (bewertet mit 12 Mrd. €) das digitale Rückgrat. Helsing fungiert als der softwareseitige Integrator, dessen KI-Plattformen heute die Koordination zwischen autonomen Schwärmen und bemannten Einheiten übernehmen.

Am Boden setzt ARX Robotics Maßstäbe. Das Start-up hat seine Series-A im Sommer 2025 auf 42 Millionen Euro aufgestockt und Partnerschaften mit Schwergewichten wie Daimler Truck und Renk geschlossen. Ihr Betriebssystem Arx Mithra OS ermöglicht es, bestehende Fahrzeugflotten zu digitalisieren und in autonome „Mensch-Maschine-Teams“ zu verwandeln. Diese physische Präsenz am Boden wird durch die Orbit-Kapazitäten von Reflex Aerospace vervollständigt. Die Berliner liefern jene ISR-Daten (Intelligence, Surveillance, Reconnaissance), die für die Präzision moderner Drohnensysteme unverzichtbar sind.

Um die Abhängigkeit von asiatischen Lieferketten zu brechen, schließt das bayerische Start-up Donaustahl die Lücke in der Basis-Hardware. Mit einer neuen Fertigung in Hutthurm produziert Donaustahl nicht nur die bewährte „Maus“-Drohne, sondern skaliert die Produktion von Drohnenmotoren und Gefechtsköpfen wie dem „Shahed-Killer“. Ziel ist eine vollkommen souveräne Wertschöpfungskette „Made in Bavaria“, die auch bei globalen Handelskrisen handlungsfähig bleibt.

Der Finanz-Turbo: ESG als Enabler

Dass dieses Ökosystem so rasant wächst, liegt an einem fundamentalen Shift in der Finanzwelt. Seit die EU Verteidigungsinvestitionen offiziell als nachhaltigen Beitrag zur Sicherheit eingestuft hat, ist das Stigma verflogen. Investoren wie DTCP mit ihrem 500-Millionen-Euro-Fonds „Project Liberty“ oder die KfW über den „Ukraine Recovery Fund“ treiben die Skalierung voran. DefenseTech ist damit endgültig in den Portfolios institutioneller Anleger angekommen.

Strategie-Checkliste: Der Masterplan für Dual-Use-Gründer*innen

Für Gründer*innen, die in diesen Markt drängen, hat sich das Spielfeld professionalisiert. Wer 2026 erfolgreich sein will, muss diese fünf Punkte erfüllen:

  1. Dual-Use-DNA: Plane Technologie, die zivil (z.B. Katastrophenschutz) und militärisch nutzbar ist, um den Zugang zu ESG-konformen Kapitalspritzen zu maximieren.
  2. Compliance-Automatisierung: Nutze die neuen BAFA-Genehmigungen (AGG 45/46) für beschleunigte Exporte innerhalb der NATO und an strategische Partner.
  3. BSI-Kriterien erfüllen: Militärische Kund*innen akzeptieren nur Hardware, die höchsten Sicherheitsstandards (C5-Kriterien) entspricht.
  4. Operational Feedback-Loops: Suche Kooperationen für „Battle-Testing“. Echte Einsatzdaten sind 2026 die wichtigste Währung für technologische Überlegenheit.
  5. Mission-Driven Recruiting: Nutze den „Schutz der Demokratie“ als USP, um Top-KI-Talente von zivilen BigTech-Konzernen abzuwerben.

Fazit: Agilität schlägt Trägheit

Die Gründung von QFI ist der Beweis, dass Europa seine industrielle Trägheit ablegen kann. Durch die Verbindung von Start-up-Mentalität, staatlicher Rückendeckung und automatisierter Fertigung entsteht eine neue Form der technologischen Souveränität. Für das deutsche Ökosystem bedeutet das: Wir bauen nicht mehr nur Apps – wir bauen die Sicherheit der Zukunft.

Vom Check-in zur Patient*innenakte: Wie Travel-Pionier Salim Sahi mit HoloLogix.AI die Health-IT aufmischt

Vom Reisebuchungssystem zur Sicherheits-Uhr für Senior*innen: Serial Entrepreneur Salim Sahi greift mit HoloLogix.AI greift gleich zwei Milliardenmärkte an: Gesundheitswesen und Hotellerie. Doch wie viel Substanz steckt hinter der Vision?

Gründungslegenden klingen oft zu glatt für die Realität – wie Sahis Skateboard-Unfall, der in einer Notaufnahme zur Idee für sein neuestes Venture führte. Wer den Mann kennt, der in den 90ern mit „Traffics“ die Reisebranche digitalisierte, weiß jedoch: Er macht keine halben Sachen. Jetzt, im Februar 2026, steht er mit einer europäischen Aktiengesellschaft (SE) und einem enorm breiten Versprechen wieder auf dem Platz.

Wie Touristik-Know-how in die Klinik kommt

Der Sprung von der Touristik zur Service-Automatisierung im Gesundheitswesen wirkt wie ein harter Bruch. Doch unter der Haube geht es in beiden Welten um hochvolumige Transaktionen, Termin-Slots und Datenabgleich in Echtzeit. Wer Millionen Pauschalreisen fehlerfrei abwickelt, so die Wette von HoloLogix.AI, beherrscht auch das Termin-Management von Kliniken, Hotels und Restaurants.

Für CEO und Gründer Salim Sahi ist das Projekt dennoch ein „kompletter unternehmerischer Neuanfang“. Gegenüber StartingUp räumt er ein, von 25 Jahren Travel-Tech-Erfahrung zu profitieren, doch seine wahre Passion gelte der künstlichen Intelligenz. Das Herzstück bilde dabei die MIA Service KI: „Wir haben eine holistische KI-Plattform geschaffen, also ein Tool, das ganzheitlich agiert und eingesetzt werden kann.“ MIA verstehe Gespräche, erledige parallel Aufgaben und verbinde Systeme – „rund um die Uhr und branchenübergreifend“. Auch wenn der Fokus aktuell auf Gesundheitswesen und Hospitality liege, sei das System laut Sahi letztlich „nahezu überall einsetzbar, wo Kunden- oder Patientenkontakt herrscht.“

Der Angriff auf die Platzhirsche

Der Markt für Conversational AI ist 2026 kein blauer Ozean mehr. Etablierte Player wie Aaron.ai haben sich tief in die Health-Landschaft eingegraben, flankiert von Plattform-Giganten wie Doctolib. HoloLogix.AI reagiert mit aggressiven Preisen ab 99 Euro im Monat und einer massiven technologischen Breite.

Aber warum sollten Klinikverantwortliche das Risiko eines Wechsels eingehen? Salim Sahi sieht den „Killer-USP“ in der Architektur der Interaktion: „Unser Ansatz ist ein anderer: Statt starrer Skripte bieten wir echte Gesprächsintelligenz durch Conversational AI an.“ Das System sei eine KI, die im laufenden Gespräch aktiv Aufgaben erledige, was eine beispiellose Integrationstiefe erfordere. „Hier gehen wir ganz tief rein und verarbeiten Daten in Echtzeit“, so der CEO. Da Aufgaben direkt ausgeführt werden, optimiere sich das Zeitmanagement drastisch – konzipiert als Omnichannel-Ansatz über Telefon, Website, E-Mail, Wearables oder bald sogar über Robotik.

Die schmale Gratwanderung am Handgelenk

HoloLogix.AI belässt es nicht bei Software, sondern bringt mit der MIA Watch eigene Hardware ins Spiel. Die Smartwatch für Senior*innen soll Stürze erkennen und sofort einen aktiven Sprachdialog führen. Eine Gratwanderung: Reines Assistenz-System oder medizinisches Gerät mit komplexer Zertifizierungspflicht (MDR)?

Prof. Dr. Thomas Fuchs, Co-Founder und Aufsichtsrat für den Bereich Health Care, ordnet das rechtlich eindeutig ein: „MIA Protect ist ein Teil der holistischen KI-Plattform, die mit verschiedenen Health Watches wie z.B. auch der Apple Watch kompatibel ist. Sie ist ein Assistenz- und Companion-System.“ Die Hardware erkenne Stürze, ersetze aber „keine ärztliche Untersuchung oder medizinische Entscheidung“. Um Geschwindigkeit und Nutzer*innenfreundlichkeit zu wahren, bewege man sich „bewusst außerhalb der Medizinprodukt-Zertifizierung (MDR), ohne den Sicherheitsrahmen zu verlassen“.

Ein mehrstufiges Sicherheitsnetz aus Sensorik, KI-Algorithmen und menschlichem Service-Team federt Fehlinterpretationen ab. Haftungsfragen sind laut Fuchs über klare Nutzungsbedingungen geregelt. Für den Mediziner steht ohnehin der „Companion Aspekt“ im Vordergrund: Nach einem Sturz, wenn Patient*innen hilflos am Boden liegen, alarmiere MIA in einer Kaskade Notfallkontakte und beruhige das Unfallopfer, bis Hilfe eintrifft. „MIA Protect soll an diesem Punkt Sicherheit und damit Lebensqualität geben, vielleicht sogar die Möglichkeit schaffen für Senioren, länger selbstbestimmt in ihrem Zuhause zu leben“, resümiert Fuchs.

Pflegeheim und Luxushotel: (K)ein operativer Widerspruch?

Das vielleicht Spannendste an HoloLogix.AI ist das Personal: Salim Sahi hat sich politische und ethische Schwergewichte in den Aufsichtsrat geholt. Darunter Dr. Marcel Klinge, ehemaliger FDP-Bundestagsabgeordneter und Tourismus-Experte. Er muss Investor*innen den Spagat erklären, warum ein Start-up gleichzeitig Pflegeheime und Luxushotels digitalisieren will – was oft als Warnsignal für operative Verzettelung gilt.

Dr. Marcel Klinge sieht darin jedoch keinen Widerspruch, sondern die Stärke der technischen Basis: „Der gemeinsame Nenner liegt im Kern: Unsere holistische KI-Infrastruktur kann über das Telefon Gespräche führen, kann aber auch über die Website, Health Watches und Devices und direkt im Gespräch Aufgaben ausführen.“ Das Backend orchestriere lediglich Termin-Slots, Daten und Anfragen in Hochgeschwindigkeit. Dabei spiele es schlichtweg keine Rolle, „ob der Kunde Patient in einem Pflegeheim oder Gast in einem Luxushotel ist.“

Wenn die KI-Vision auf den deutschen Fax-Alltag trifft

Ein Blick auf die Website verrät große Visionen, doch diese müssen sich im harten Alltag deutscher IT-Infrastrukturen und oft veralteter Praxis-Server beweisen. Zudem ist die Frage des Datenschutzes elementar: Nutzt das Unternehmen US-amerikanische Sprachmodelle via API, oder hostet man eigene „Sovereign AI“ in Europa?

Für Prof. Dr. Thomas Fuchs sind Datenschutz und Systemintegration absolute Kernpunkte. Um digitale Souveränität zu wahren, setzt das Unternehmen auf einen hybriden Weg: „Wir orchestrieren auf die gängigen sowie auf eigene Modelle auf deutschen Servern, die in Europa bereits genutzt werden.“ Laut Fuchs verlässt man sich dabei nicht nur auf das Versprechen von Sicherheit, sondern arbeitet seit der ersten Stunde eng mit dem renommierten Fraunhofer-Institut zusammen und lässt die eigene Infrastruktur „regelmäßig durch deren Experten prüfen“. Das bloße Versprechen von Sicherheit reicht HoloLogix.AI dabei nicht.

Mehr als nur ein GPT-Wrapper?

HoloLogix.AI ist eine der vielleicht ambitioniertesten Gründungen des Jahres. Technologisch muss es beweisen, dass es mehr ist als ein „GPT-Wrapper“ mit Smartwatch. Aber die Kombination aus Sahis Exekutiv-Erfahrung, Klinges Netzwerk und Fuchs‘ ethischem Korrektiv macht es zu einem spannenden Herausforderer. Wenn die Uhr im Alltag für Sicherheit sorgt – und die KI den deutschen Datenschutz überlebt – könnte aus Berlin der nächste europäische Champion kommen.

ChatGPT schreibt Texte. R3 Robotics zerlegt Batterien

Es gibt Probleme, die man mit Software lösen kann, und es gibt Probleme, für die man sich die Hände schmutzig machen muss – oder besser: Roboterhände nutzt. Antoine Welter und Dr. Xavier Kohll haben mit Circu Li-ion begonnen, um Batterien zu retten. Jetzt, unter dem neuen Namen R3 Robotics und mit 20 Millionen Euro frischem Kapital im Rücken, treten sie an, um den wohl größten Flaschenhals der kommenden Mobilitätswende zu beseitigen. Ihr Ansatz: Keine teuren Spezialmaschinen, sondern intelligente Standard-Roboter, die sehen, verstehen und sicher zupacken.

Wenn in den Vorstandsetagen der Automobilhersteller über die Zukunft gesprochen wird, geht es meist um Reichweiten und Software-Defined Vehicles. Doch am anderen Ende der Wertschöpfungskette braut sich ein Sturm zusammen. Millionen von Elektrofahrzeugen werden in den kommenden Jahren ihr Lebensende erreichen. Die derzeitige Realität in vielen Recyclinghöfen wirkt dagegen fast archaisch: Menschen, die mit Handwerkzeugen komplexe Systeme auseinanderschrauben. Das ist nicht nur teuer und schwer skalierbar, sondern bei Hochvolt-Systemen auch lebensgefährlich.

Genau hier setzen Antoine Welter und Xavier Kohll an. Die Nachricht, die das deutsch-luxemburgische Unternehmen Anfang Februar 2026 verkündete, ist mehr als nur eine Finanzierungsrunde. Die 20 Millionen Euro – aufgeteilt in 14 Millionen Euro Series-A-Kapital und 6 Millionen Euro öffentliche Fördergelder – heben die Gesamtfinanzierung des Unternehmens auf ein neues Level. Angeführt wird die Runde von HG Ventures und Suma Capital, unterstützt von Co-Investoren wie der Oetker Collection und dem EIC Fund.

Doch das Geld ist nur der Treibstoff für eine strategische Evolution. Aus Circu Li-ion wird R3 Robotics. Der neue Name ist Programm: Repair, Reuse, Recycle. Antoine Welter erklärt die Motivation hinter der Umbenennung pragmatisch: „Circu Li-ion hat beschrieben, wo wir angefangen haben. R3 Robotics beschreibt, was wir aufbauen: industrielle Robotik, die Demontage skalierbar, sicher und kosteneffizient macht.“

Wenn der Roboter Augen bekommt

Die größte Hürde im Recycling ist nicht die Chemie, sondern die Variabilität. Kein Batteriepack gleicht dem anderen, E-Motoren sind unterschiedlich verbaut, Schrauben sind korrodiert. Starre Fertigungsstraßen scheitern hier. R3 Robotics löst dies mit einer Plattform, die Computer Vision, künstliche Intelligenz und Robotik verschmilzt.

Das System fungiert dabei fast wie ein „ChatGPT für die physische Welt“: Anstatt Text zu generieren, plant die KI physische Handlungen. Sensoren scannen das Bauteil, die KI erkennt den Zustand und promptet den Roboterarm dynamisch durch den Demontageprozess. Der entscheidende Vorteil: Der Mensch wird aus der Gefahrenzone der Hochspannung genommen, während der Roboter Aufgaben erledigt, die für klassische Automatisierung zu komplex wären.

Angesprochen auf den Vergleich mit Generative AI und die Frage, wie die Roboter tatsächlich „sehen“ und „entscheiden“, bestätigt Welter die Parallele: „Der Vergleich mit Generative AI passt gut: Das Modell bekommt einen Input – keinen Text, sondern einen Scan des Bauteils – und generiert daraus eine Handlungssequenz.“ Es gehe darum zu erkennen, um welches Modell es sich handelt, wie der Zustand ist und wo die Verbindungspunkte liegen. „Das klingt simpel, ist es aber nicht – kein Pack ist identisch“, so Welter. Die eigentliche Herausforderung liege jedoch in der Entscheidung davor: „Welche Reihenfolge ist sicher? Ein falscher Griff an ein Hochvoltsystem kann tödlich sein. Unser System sieht, bewertet und entscheidet.“

Smart Hardware: Warum das Rad neu erfinden?

Ein Detail, das Investor*innen besonders aufhorchen lässt, ist die Kapitaleffizienz der Gründer. Wer an Industrie-Robotik denkt, denkt an teure Hardware-Entwicklung. R3 Robotics geht einen pragmatischen Weg: Ein Großteil der verwendeten Hardware wird „von der Stange“ gekauft.

Die Roboterarme sind Standardprodukte. Die Innovation – und damit das geistige Eigentum – steckt in den spezialisierten „End-Effektoren“ (den Roboterhänden), den Sensorsystemen und vor allem dem Software-Stack, der alles steuert. Das erlaubt eine Skalierung, die mit proprietärer Hardware kaum möglich wäre. Mitgründer Dr. Xavier Kohll betont, dass dies eine bewusste Entscheidung gegen „Over-Engineering“ war: „Der Roboterarm ist Standard und die Intelligenz sitzt in den Endeffektoren, der Sensorik und dem Software-Stack, der alles zusammenbringt. Das ist unser geistiges Eigentum, und genau das lässt sich skalieren.“

David gegen Goliath – oder Partner?

Während große Recycling-Konzerne oft noch auf den Schredder setzen und die manuelle Demontage an ihre Grenzen stößt, positioniert sich R3 Robotics in einer neuen Nische. Es geht nicht darum, die Chemie-Giganten zu ersetzen, sondern ihnen den Rohstoff so rein wie möglich zu liefern – als strategische Quelle für kritische Materialien. Doch der Markt schläft nicht: Weltweit entstehen Initiativen zur Automatisierung.

Trotz des aktuellen „Gegners“ – dem Menschen mit dem Schraubenzieher – und potenzieller Konkurrenz durch Tech-Start-ups oder Autohersteller, bleibt Welter gelassen. „Wir konkurrieren nicht mit den Chemie-Giganten, wir liefern ihnen den reinsten möglichen Stoffstrom“, stellt er klar. Gegenüber potenziellen Nachahmern sieht er einen entscheidenden Vorteil, den „Unfair Advantage“: die Kombination aus Flexibilität und industrieller Automatisierungstiefe. „Wir sind aktuell die einzige Plattform, die sowohl Variabilität managt als auch für kontinuierlichen Industriebetrieb ausgelegt ist.“

Deutschland als Labor, USA als Skalierungsmarkt

Die Wachstumsstrategie von R3 Robotics ruht auf zwei massiven Säulen: technologischer Tiefe in Europa und kommerzieller Breite in den USA.

Deutschland fungiert dabei als das technologische Rückgrat. Mit der Erweiterung der Anlage in Karlsruhe zur Lighthouse Facility demonstriert das Unternehmen industrielle Leistungsfähigkeit direkt vor der Haustür der großen Autobauer. Hier wird die Technologie gehärtet. Das zeigt sich auch im Leuchtturmprojekt ReDriveS, wo R3 Robotics Seite an Seite mit Giganten wie Schaeffler und VW an der Demontage von E-Achsen arbeitet.

Doch für das massive Volumen blickt das Team über den Atlantik. Der für 2026 geplante Markteintritt in den USA ist Kern der neuen Strategie. Die frischen 20 Millionen Euro sollen gezielt in den Aufbau strategischer Partnerschaften vor Ort fließen, um die Technologie dort auszurollen, wo Pragmatismus auf riesige „End-of-Life“-Volumina trifft. Für Welter ist dieser Doppelschlag essenziell: „Deutschland ist unser Beweisstand. Hier zeigen wir Schaeffler, VW und Co., dass unsere Technologie industriellen Maßstäben in Deutschland standhält.“ Die USA seien hingegen der wichtige Skalierungsmarkt, wo pragmatische Entscheider auf gigantische Volumina treffen. „Beides brauchen wir: die Glaubwürdigkeit aus Europa und das Volumen aus Amerika.“

Industrialisierung statt Romantik

Mit Peter Mohnen, dem ehemaligen CEO des Roboter-Riesen KUKA, holte sich das Start-up zudem einen Beirat, der wie kaum ein anderer weiß, was Industriestandard bedeutet. Er beschreibt den Ansatz von R3 als Beweis für die nötige Automatisierungsexpertise, um Variabilität und Sicherheit gleichzeitig zu managen.

Um diese Expertise weiter auszubauen, wächst das Team rasant. Die Belegschaft soll mit der neuen Finanzierung massiv aufgestockt werden, vor allem im Bereich Engineering und KI. R3 Robotics hat den Beweis erbracht, dass Kreislaufwirtschaft kein ökologisches Nischenprojekt sein muss, sondern ein harter industrieller Prozess ist, der sich rechnet.

Denn letztlich, so das Fazit von Antoine Welter, sei Automatisierung der einzige Weg, das Problem wirklich zu lösen – nicht allein aus ökologischen Gründen, sondern weil es wirtschaftlich Sinn ergibt. „Was wir aufbauen, ist am Ende ein harter industrieller Prozess: Er muss zuverlässig funktionieren und sich rechnen.“ Es gehe aber um mehr als ein Geschäftsmodell: „Europa braucht eine Antwort auf die Frage, woher seine kritischen Materialien in Zukunft kommen“, mahnt Welter abschließend. „Wenn Europa diesen Zugang sichern will, braucht es Unternehmen, die genau das industriell umsetzen können. Dafür bauen wir diese Infrastruktur, und mit dem neuen Kapital und Team haben wir jetzt die Mittel dazu.“

Rouge: Vom Tabu zum Geschäftsmodell

Die Menstruation ist ein Milliardenmarkt – und dennoch oft unsichtbar. Das von Tina Frey und Patrick Gsell gegründete Start-up Rouge bricht mit diesem Muster. Was Ende 2022 als Vision in der Schweiz begann, hat sich durch geschickte Positionierung und Expansion nach Deutschland zu einem ernstzunehmenden Player im FemTech-Bereich entwickelt.

Die Grundidee von Rouge ist so simpel wie strategisch klug: Statt die Menstruation zu verstecken, wird sie zum sichtbaren Lifestyle-Element. „Mich hat fasziniert, wie sehr die Menstruation unseren Alltag beeinflusst und wie konsequent wir trotzdem darüber schweigen“, erklärt Mitgründerin Tina Frey. „Bald wurde mir klar: Das ist ein gesellschaftliches Problem.“ Dass dieser Ansatz einen Nerv trifft, zeigt der rasche Aufstieg des Unternehmens. Durch gezielte Medienarbeit gelang es dem Team, das Thema aus der Nische in den Mainstream zu heben – Tina Frey positioniert sich dabei konsequent nicht nur als Unternehmerin, sondern als Expertin für Frauengesundheit.

Differenzierung im "Red Ocean"

Im Zentrum der Marke steht der Rouge-Drink, ein Pulver-Supplement mit Eisen, Vitamin B12 und Granatapfel. Doch der eigentliche USP liegt nicht in den Inhaltsstoffen, sondern in der Inszenierung. Die transparente Flasche mit der roten Flüssigkeit fungiert als bewusstes „Statement-Piece“.

Hier gelingt dem Start-up ein entscheidender Schachzug im wachsenden Markt für Zyklusgesundheit: Während Wettbewerber wie FEMNA oder MYLILY auf funktionale Nahrungsergänzung in diskreter Kapselform setzen, inszeniert Rouge die Einnahme als genussvollen Wellness-Moment. Gleichzeitig emanzipiert sich das Duo von den „lauten“ Tabubrechern der Branche wie The Female Company: Rouge setzt weniger auf Provokation durch Hygieneartikel, sondern transformiert die Linderung von Regelbeschwerden von einer medizinischen Notwendigkeit in eine „ästhetische Selbstverständlichkeit“.

„Sichtbarkeit verändert Verhalten“, so Tina Frey. „Die Flasche macht den Zyklus im Alltag sichtbar und löst Gespräche aus. Noch wichtiger: Viele Frauen erleben dadurch eine neue Selbstverständlichkeit und mehr Selbstbewusstsein.“ Dieser Social-Impact-Gedanke ist fest im Geschäftsmodell verankert: Ein Teil der Erlöse fließt in Aufklärungsprojekte. „Sozialer Impact ist kein Marketing-Trick, sondern eine Notwendigkeit“, ergänzt Co-Founder Patrick Gsell. „Gleichzeitig braucht es wirtschaftliche Stabilität, um langfristig bestehen zu können.“

Diverse Kompetenzen als Wachstumstreiber

Hinter der Marke steht ein komplementäres Gründungs-Duo. Tina Frey bringt als Marketing-Expertin das kommunikative Rüstzeug mit, während Patrick Gsell – seit über 20 Jahren Geschäftsführer eines Softwareunternehmens – die strategische Struktur und Skalierungserfahrung liefert. Patrick Gsell, der 2022 den Bund-Essay-Preis gewann, liefert zudem den intellektuellen Unterbau. „Die Hälfte der Menschheit erlebt die Menstruation. Trotzdem betrifft sie die ganze Gesellschaft und nicht zuletzt das Verständnis zwischen Mann und Frau. Genau deshalb finde ich es so spannend, mit Rouge am Anfang eines gesellschaftlichen Wandels zu stehen“, so Patrick Gsell.

Expansion mit lokaler Strategie

Nach der Etablierung auf dem Schweizer Heimatmarkt erreichte Rouge im Herbst 2025 den nächsten Meilenstein: den Markteintritt in Deutschland. Anders als bei reinen Export-Modellen setzt das Start-up hierbei auf lokale Strukturen und Partner vor Ort. „Der deutsche Markt bietet großes Potenzial, aber jede Gesellschaft tickt anders“, begründet Tina Frey den Schritt. Das Ziel bleibt grenzüberschreitend gleich: Die Menstruation soll kein Nischenthema bleiben, sondern als normaler Teil der weiblichen Gesundheit akzeptiert werden – sichtbar gemacht durch eine rote Flasche, die den Dialog eröffnet.

Von der Kochbox zum Hundenapf: Ex-HelloFresh-Duo startet Tasty Petfood

Wie Lisa Vannini und Nadja Chylla mit ihrem Start-up Tasty Petfood die etablierten Premium-Tierfuttermarken herausfordern.

Das Berliner Start-up Tasty Petfood ist offiziell in den Markt eingetreten. Das Unternehmen, gegründet von den ehemaligen HelloFresh-Kolleginnen Lisa Vannini und Nadja Chylla, positioniert sich im Premium-Segment für Hundefutter und setzt dabei auf ein digitales Vertriebsmodell. Der offizielle Marktstart in Deutschland und der Schweiz erfolgte am 6. Februar 2026.

Transfer von Food-Logistik auf den Heimtiermarkt

Die Gründerinnen arbeiteten zuvor über fünf Jahre gemeinsam beim Kochboxen-Versender HelloFresh. Das dort in den Bereichen Skalierung und Operations gewonnene Know-how wollen Lisa und Nadja nun auf den Heimtiermarkt übertragen.

„Wir haben gemerkt, dass viele Hundehalter entweder bei klassischem Trockenfutter bleiben oder sehr viel Zeit in aufwendige BARF-Konzepte investieren müssen. Genau diese Lücke zwischen Bequemlichkeit und echter Qualität wollten wir schließen“, berichtet Lisa.

Das Kernprodukt von Tasty Petfood unterscheidet sich logistisch von herkömmlichem Nassfutter oder Barf-Angeboten: Das Unternehmen vertreibt dampfgegartes Frischfutter im Glas. Ein wesentlicher Unterschied zu vielen Wettbewerbern im Frische-Segment ist die Haltbarmachung: Die Produkte benötigen keine geschlossene Kühlkette und können ungekühlt gelagert werden. Dies reduziert die Komplexität in der Lagerhaltung und im Versand erheblich – ein Faktor, der im D2C-Bereich direkten Einfluss auf die Unit Economics hat. „Unser Anspruch war Qualität wie selbstgekocht – aber ohne Kühlschrank und ohne komplizierte Logistik. Dass wir Frische, Haltbarkeit und Alltagstauglichkeit verbinden können, ist für viele Kundinnen und Kunden ein echter Gamechanger“, sagt Nadja.

Wachstumskurs in einem Milliardenmarkt

Mit ihrem Geschäftsmodell stoßen die Gründerinnen in ein wirtschaftlich hochattraktives Umfeld vor. Nach aktuellen Daten des Industrieverbands Heimtierbedarf (IVH) und des Zentralverbands Zoologischer Fachbetriebe (ZZF) liegt der Gesamtumsatz der Branche bei rund sieben Milliarden Euro, wobei allein das Segment für Fertignahrung gut 4,4 Milliarden Euro ausmacht. Trotz allgemeiner wirtschaftlicher Herausforderungen bleibt die Zahlungsbereitschaft der Halter hoch.

Während der Absatz im Standard-Segment teils stagniert, wächst der Bereich für Premium-Nahrung kontinuierlich. Tasty Petfood ordnet sich im oberen Preissegment ein und zielt auf eine kaufkräftige Zielgruppe, die den Trend zur „Humanisierung“ des Haustiers vorantreibt.

„Hunde werden heute immer stärker als Familienmitglieder gesehen. Entsprechend steigen die Ansprüche an Transparenz, Zutatenqualität und Nährstoffversorgung – ähnlich wie beim eigenen Essen“, so Lisa.

Die Nische zwischen Konzern und Tiefkühltruhe

In diesem dynamischen Umfeld muss sich Tasty Petfood gegen zwei Lager behaupten. Zum einen konkurriert das Start-up mit etablierten Premium-Marken im stationären Handel wie Terra Canis, das als Pionier für „Human Grade“-Nahrung gilt und seit 2017 mehrheitlich zum Nestlé-Konzern gehört. Zum anderen wächst der Druck durch rein digitale Player wie Butternut Box oder HelloBello, die ebenfalls auf personalisiertes Frischfutter setzen, dieses jedoch tiefgekühlt versenden.

Genau hier besetzt Tasty Petfood eine strategische Lücke: Start-ups fungieren in diesem Sektor aktuell als wesentliche Innovationstreiber, und die Berliner Gründerinnen nutzen dies für eine „Ambient Fresh“-Strategie. Mit ungekühlt haltbarem Frischfutter verbindet das Unternehmen den steigenden Wunsch nach Convenience mit der Qualität von Frische-Menüs – ein entscheidender Logistik-Vorteil gegenüber der aufwendigen Tiefkühl-Konkurrenz. „Wir sitzen genau zwischen Tiefkühltruhe und Trockenfutter. Unser Futter ist reisefähig, blockiert keinen Gefrierschrank und passt damit perfekt in den Alltag moderner Hundehalter“, sagt Nadja.

Datengetriebenes Abo-Modell

Der Bestellvorgang für den/die Endkund*in ist vollständig datengestützt aufgebaut. Zu Beginn erfassen Interessent*innen über ein Online-Quiz relevante Parameter wie Rasse, Alter und Gewicht des Tieres. Auf Grundlage dieser Daten berechnet das Unternehmen einen individuellen Futterplan, der exakt auf den Hund zugeschnitten ist. Um die Akzeptanz zu testen, erhalten Neukund*innen zunächst eine Probebox mit verschiedenen Sorten. Bei erfolgreicher Annahme geht das Modell automatisch in ein flexibles Abonnement über, bei dem sowohl die Rationsgröße als auch der Lieferrhythmus dynamisch an den tatsächlichen Bedarf des Hundes angepasst werden. „Viele Halter sind unsicher, ob sie ihren Hund wirklich bedarfsgerecht füttern. Unser Algorithmus nimmt ihnen diese Entscheidung ab und sorgt dafür, dass Menge und Nährstoffe langfristig passen“, so Lisa.

Positionierung im Premium-Segment

Das Produktportfolio umfasst zum Start sechs Sorten auf Monoprotein-Basis. Durch den hohen Fleischanteil und den Verzicht auf Füllstoffe oder Konservierungsmittel zielt das Start-up auf die „Human Grade“-Nische ab. Das Produkt ist dabei so designt, dass es optisch und qualitativ an selbstgekochtes Futter erinnert, um die Hürde für qualitätsbewusste Käufer*innen zu senken. Das Kalkül: Die Zielgruppe sucht die Qualität einer BARF-Ernährung, benötigt aber die Convenience eines Fertigprodukts. „Unser Ziel ist es, Pet Nutrition durch sichtbare Qualität und Transparenz neu zu definieren“, so Nadja über den Anspruch, moderne Halterbedürfnisse mit dem Produkt-Design zu adressieren.

Highspeed-Pivot: Wie POLARIS die Bundeswehr für sich gewann

Ein Bremer NewSpace-Start-up baut für die Bundeswehr das Raumflugzeug der Zukunft. Mit seinem revolutionären Antrieb sticht POLARIS dabei sogar die US-Konkurrenz aus und fungiert zugleich als Eisbrecher für die deutsche DeepTech-Szene.

Wenn Alexander Kopp über die Ostsee blickt, sieht er nicht nur Wasser, sondern die Zukunft der europäischen Souveränität. Während in Berlin oft über die Trägheit der Beschaffungswesen geklagt wird, lässt der Gründer von  POLARIS Raumflugzeuge Fakten sprechen – oder besser gesagt: Triebwerke heulen.

Das DLR-Spin-off schafft gerade, woran Konzerne seit Jahrzehnten scheitern: Ein Raumflugzeug zu bauen, das wie ein normaler Airliner startet, aber die Leistung einer Rakete besitzt. Und noch etwas ist ungewöhnlich in der deutschen Start-up-Landschaft: Der erste große Kunde, der die Bremer „Tüftler“ finanziert, ist kein Risikokapitalgeber aus dem Silicon Valley, sondern das Beschaffungsamt der Bundeswehr.

Der Traum vom Aerospike

Was das Team um den ehemaligen DLR-Ingenieur Kopp antreibt, ist der Abschied von der teuren Einweg-Mentalität der Raumfahrt. Seine Strategie ist eine radikale Flucht nach vorn: „Wenn wir im Wettbewerb bestehen wollen, uns vielleicht sogar an die Spitze setzen wollen, müssen wir die Raketen überspringen“, erklärte Kopp gegenüber dem Magazin 1E9. „Wir müssen direkt neue, bessere Konzepte umsetzen. Keine Raketen, sondern Raumflugzeuge.“

Der technologische Schlüssel, um diese Vision Realität werden zu lassen, ist das sogenannte Linear Aerospike-Triebwerk. Es gilt als der „Heilige Gral“ der Raketentechnik, an dem sich schon die NASA in den 90er Jahren die Zähne ausbiss. Das Problem herkömmlicher Raketendüsen ist ihre Glockenform – sie sind physikalisch bedingt entweder nur am Boden oder im All effizient, nie beides gleichzeitig.

Das Aerospike-Triebwerk hingegen ist ein technologisches Chamäleon: Durch seine offene, stachelförmige Bauweise passt sich der Abgasstrahl automatisch dem Luftdruck an. Es arbeitet auf dem Rollfeld genauso effizient wie im Vakuum. Dass das nicht nur graue Theorie ist, bewies Polaris im Oktober 2024: Mit dem Demonstrator „MIRA II“ gelang dem Start-up über der Ostsee die weltweit erste Zündung eines solchen Triebwerks im Flug.

Bootstrapping in Feldgrau

Diese Mischung aus „Rapid Prototyping“ – also dem schnellen Bauen, Testen und Verbessern – und technologischer Exzellenz kam genau zur richtigen Zeit für die Strategen der Bundeswehr. Berührungsängste mit dem Uniformträger hat der Gründer dabei nicht, im Gegenteil. „Wenn man sich die Historie der Raumfahrt anschaut, kamen die Durchbrüche meist direkt oder indirekt durch das Militär“, ordnete Kopp die Zusammenarbeit im Business Insider pragmatisch ein.

Denn beim Militär treibt man das Thema „Responsive Space“ voran. Das Szenario ist so simpel wie bedrohlich: Im Konfliktfall werden eigene Aufklärungssatelliten zerstört oder geblendet. Mit dem System von POLARIS, dessen finales Modell „Aurora“ ab 2026 produziert werden soll, könnte Deutschland binnen 24 Stunden Ersatz-Satelliten in den Orbit schießen. Und zwar von jedem normalen Flughafen aus, ohne auf verwundbare Startrampen angewiesen zu sein. Für POLARIS wurde das Militär so vom reinen Geldgeber zum strategischen Anker-Kunden, der dem Start-up den nötigen „Runway“ verschafft – finanziell wie physisch.

Ein Eisbrecher für die deutsche DeepTech-Szene

POLARIS operiert dabei längst nicht mehr im luftleeren Raum. Der Erfolg der Bremer sendet ein Signal in den Markt, das weit über das eigene Unternehmen hinausstrahlt: Der Staat ist bereit, in junge High-Tech-Firmen zu investieren, wenn die Technologie „Dual-Use“ ist, also zivil und militärisch genutzt werden kann.

Davon profitieren Start-ups wie das Münchner Unternehmen OroraTech, deren Waldbrand-Satelliten im Ernstfall schnell ersetzt werden müssten – eine perfekte Fracht für Polaris. Auch im Bereich der Datenverarbeitung entstehen Synergien: Wenn ein Hyperschall-Flieger Terabytes an Aufklärungsdaten sammelt, braucht es KI-Lösungen von Firmen wie dem Defense-Einhorn Helsing, um diese Informationen in Echtzeit auszuwerten. POLARIS wirkt hier wie ein Eisbrecher, der validiert, dass „Made in Germany“ auch im neuen „Space Race“ eine Währung ist.

Denn die Konkurrenz schläft nicht. In den USA pumpen das Pentagon und die Air Force Millionen in Wettbewerber wie Hermeus oder Stratolaunch, und China arbeitet mit Hochdruck am Projekt „Tengyun“. Doch während im Silicon Valley oft noch an Simulationen gefeilt wird, haben die Bremer mit ihrem fliegenden Aerospike-Triebwerk einen Vorsprung, der sich mit Geld allein schwer aufholen lässt. Aus der visionären Idee in einem Bremer Büro ist ein Projekt von nationaler Tragweite geworden. Wenn Alexander Kopps Plan aufgeht, schauen die Amerikaner beim nächsten Wettlauf ins All nicht nach oben, sondern in den Rückspiegel.

Globaler Wettbewerb: Polaris vs. US-Konkurrenz

Merkmal

Polaris Raumflugzeuge (Deutschland)

Hermeus (USA)

Stratolaunch (USA)

Haupt-Fahrzeug

Aurora (in Entwicklung)

Quarterhorse (Demo) / Darkhorse

Talon-A

Start-Methode

Horizontal (Startbahn)

Horizontal (Startbahn)

Air-Launch (Abwurf vom Trägerflugzeug „Roc“)

Antrieb

Linear Aerospike (Rakete) + Turbinen

TBCC (Turbine + Ramjet)

Flüssig-Raketentriebwerk (Konventionell)

Haupt-Mission

Multimission: Satellitenstart (Orbit) + Hyperschall-Test/Aufklärung

Transport: Passagier/Fracht (Point-to-Point) + Militär

Testbed: Zielsimulation & Testplattform für US-Militär

Wiederverwendbar?

Ja (System landet wie Flugzeug)

Ja

Ja (landet gleitend auf Landebahn)

Aktueller Status

Fliegend: Skalierte Demonstratoren (MIRA) erfolgreich getestet.

Boden-Tests: Triebwerkstests erfolgreich, Rolltests ("Taxiing").

Operativ: Talon-A hat bereits motorisierte Hyperschallflüge absolviert.

Finanzierung

Bundeswehr (BAAINBw) & Private Investoren

US Air Force, Pentagon (DIU) & Venture Capital

Private Equity (Cerberus Capital Management)