­Maßgeschneiderte Jeans


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Die Jeans ist ein Alltagsprodukt. Auf Wühltischen kann man sie schon für wenige EURO erwerben. Aber es gibt auch Jeans-Liebhaber, die bereit sind, deutlich mehr auszugeben. Das freut die Stitch-Brüder, denn sie bieten die Maß-Jeans an.

Es gibt zwei Angebote: Beim "Halbmaß" folgt auf das 60-minütige individuelle Beratungs- und Verkaufsgespräch samt Maßnehmen ein Teil der Produktion bei Bologna. Der Kunde kann dann die Jeans nach der Anprobe gleich mitnehmen (ab 220 Euro). Beim „Vollmaß“ erfolgt die Produktion ausschließlich in Wien, da ist auch eine Zwischenanprobe vorgesehen (ab 340 Euro).

In eigener Produktion schaffen die Brüder derzeit 50 Jeans pro Monat, prüfen aber aufgrund des großen Erfolges, ob sie die Kapazitäten nicht weiter ausbauen sollten. Einen anderen Markt haben sie schon erobert. Die Gebrüder Stitch haben sogenannte Stitching-Sessions ins Leben gerufen: Einmal wöchentlich kommen jeweils vier bis sechs Nähwillige mit ihren Projekten vorbei und werkeln in der Werkstatt unter tatkräftiger Anleitung von Maßdesigner Walter Lunzer, woran immer sie wollen.

www.gebruederstitch.at

Der Nachfolge-Innovator

Aktuell stehen so viele Unternehmen wie nie zuvor vor der brisanten Nachfolgefrage. Wie Serial Entrepreneur Tobias Zimmer mit TRADINEO dieses Problem adressiert, Gründer*innen als Nachfolger*innen etabliert und zu Innovator*innen macht.

Wenn ein Vierjähriger sich statt Hund oder Hamster zwei Hühner als Haustiere wünscht, um durch den Verkauf der Eier sein Taschengeld aufzubessern, dann ist schnell klar: Diesem Kind steht eine spannende, unternehmerische Karriere bevor. Und so sollte es kommen: Tobias Zimmer (36) gründete als Teenager sein erstes Unternehmen, eine Ebay-Verkaufsagentur. Während seines BWL-Studiums in Marburg, Leipzig, New-York und Seoul folgte eine Immobilienfirma. Doch den ersten entscheidenden Schritt in Richtung eines erfolgreichen Unternehmers machte der aus der Region Osnabrück stammende Betriebswirt erst nach seinem Masterabschluss: Er gründete Coffee-Bike, eine mobile Coffee-Shop-Kette, die per Franchise betrieben wird. „Ich habe gesehen, wie viele Cafébesitzer ihren Betrieb aufgrund von zu hohen Fixkosten, insbesondere für die Miete, einstellen mussten. Da kam mir die Idee zu einem mobilen Coffee-Shop. Das erste Bike mit integrierter Siebträger-Maschine habe ich noch mit Vater und Schulfreund in unserer Garage gebaut“, erinnert sich Tobias zurück.

Per Franchisesystems bietet Coffee-Bike seit mittlerweile

12 Jahren auch Menschen mit wenig Startkapital die Möglichkeit, ein eigenes Business auf die Beine zu stellen. Und das Konzept geht auf: Coffee-Bike wächst in wenigen Jahren zu einem der größten Franchisesysteme in Deutschland – und zwar ohne externes Risikokapital. „Das war eine harte Zeit. Die ersten Jahre habe ich mir genauso viel Lohn ausgezahlt wie unserem Werkstudenten – und das obwohl ich 12 Stunden pro Tag gearbeitet habe. Als Mittzwanziger war es irgendwie möglich, so über die Runden zu kommen. Wenn ich mir aber vorstelle, ich würde erst heute, mit Mitte 30 und als Vater gründen, wäre diese Art von Unternehmensführung für mich rein finanziell gar nicht mehr machbar“, sinniert Tobias.

Irgendwie wurden auch die harten ersten Jahre gemeistert: Die charmanten Fahrräder sind aus vielen deutschen Innenstädten nicht mehr wegzudenken – egal ob Düsseldorf, Hamburg oder München. Heute ist Coffee-Bike ein mittelständisches Unternehmen und in 17 Ländern aktiv, unter anderem mit einer Tochtergesellschaft in London.

Auch wenn die Erfolgsgeschichte von Coffee-Bike anhält, am Ende seiner Gründungsgeschichte ist der Niedersachse noch lange nicht: Bereits 2016 suchte der junge Unternehmer eine neue Herausforderung und gründete erneut: Mit myChoco kreierte er eine soziale Schokoladenbrand, die mit einem Teil des Umsatzes soziale Projekte fördert. „Es war mir schon immer wichtig, dass mein Unternehmertum einen positiven Impact hat – nicht nur wirtschaftlich, sondern auch gesellschaftlich“, erklärt Tobias. „Der gesellschaftliche Wandel macht soziales Handeln zur Voraussetzung für wirklich gute Marken. Eine Brand ohne Impact-­Thema kann heute eigentlich nicht mehr erfolgreich werden.“

Planet A Foods: kakaofreie Schokolade zum Fest

Das 2021 in München gegründete Start-up Planet A Foods will mit der weltweit ersten 100 % kakaofreien Schokolade Nocoa die Süßwarenwelt gehörig umkrempeln.

Noch haben sich viele Menschen nicht mit der Idee von Fleischersatz-Produkten, Milch-Ersatz-Produkten und Co. angefreundet. Doch mittel- bis langfristig dürfte der Trend – aus Gründen wie Klimawandel und Bevölkerungswachstum – nicht aufzuhalten sein. Entsprechend sehen sich Forschende und Unternehmen nach weiteren Möglichkeiten um, gängige Lebensmittel mit (perspektivisch) umweltfreundlicheren Alternativen zu ersetzen. Eines davon ist das vom Geschwisterpaar Sara und Maximilian Marquart gegründete Münchner Start-up Planet A Foods. Mit Nocoa hat es eine Kakao-Alternative entwickelt – und steht knapp vor der Markteinführung.

Hafer ersetzt Regenwald-Rodung und Kinderarbeit

Der Hintergrund: Für die Kakaoproduktion werden jährlich große Regenwald-Flächen abgeholzt und es gibt ein massives Problem mit Kinderarbeit. Das Unternehmen setzt dagegen auf Hafer aus heimischer Produktion als wichtigste Zutat. Auch sonst nutzt Planet A Foods auf regionale Bestandteile.

Ersetzt werden im Nocoa sowohl Kakaopulver als auch Kakaobutter. „Wenn man Hafer richtig fermentiert und röstet, erhält man sehr ähnliche Aromen wie im Kakao“, erklärt Sara Marquart gegenüber der deutschen WirtschaftsWoche. Dazu adaptierte das Start-up Verfahren zur Fermentation. Bei Blindverkostungen sollen laut dem Start-up auch Lebensmittelexpert*innen den Unterschied zu gewöhnlicher Schokolade nicht geschmeckt haben.

Große Skalierungspläne mit Nocoa

Planet A Foods hat bislang rund sechs Millionen Euro Investment aufgenommen, unter anderem von Cherry Ventures aus Berlin, und hat am renommierten Y-Combinator-Accelerator-Programm im Silicon Valley teilgenommen. Überzeugt haben dürfte man die Geldgeber*innen auch mit der Strategie. Das Start-up will nämlich nicht – wie andere vergleichbare Unternehmen – erst einmal ein Edel-Produkt auf den Markt bringen, sondern fokussiert darauf, Schokolade in Massenprodukten wie Schokoriegeln zu ersetzen.

Die Vision laut Maximilian Marquart: „Eine Lebensmittelfirma aufbauen, die 500 Megatonnen Kohlendioxid im Jahr einsparen kann“. Derzeit baut das Start-up im tschechischen Pilsen eine 1000-Quadrameter-Halle, in der 400 Kilogramm Nocoa-Schokolade pro Stunde hergestellt werden sollen. Und der geplante Marktstart dürfte auch nicht zufällig gewählt sein – knapp vor Weihnachten soll es soweit sein.

Rupp Gebäudedruck: Betongold per 3D-Druck

Die Gründer der Rupp Gebäudedruck GmbH wollen ihre Innovation – 3D-gedruckte Mehrfamilien­häuser – massentauglich machen.

Mit dem ersten und größten Mehrfamilienhaus Europas aus dem 3D-Betondrucker, das sie im Sommer 2021 an ihre Mieter*innen übergeben haben, haben Sebastian und Fabian Rupp schon jetzt Geschichte geschrieben. Weil das Drucken von Häusern für die Brüder aus dem bayerischen Weißenhorn die Zukunft des Bauens darstellt, haben sie nun, zusammen mit Yannick Maciejewski, die Rupp Gebäudedruck GmbH gegründet. „Damit wollen wir der Bedeutung dieser neuen Technologie Rechnung tragen und sicherstellen, dass wir jene zahlreichen Anfragen und Aufträge zuverlässig und professionell abarbeiten können, die uns schon jetzt täglich erreichen“, so Fabian.

Die Zukunft gehört dem Gebäudedruck

Die drei Gründer sind überzeugt, dass Wohn- und Geschäftsgebäude aus dem 3D-Betondrucker bald schon keine Exoten mehr sein werden. Der Gebäudedruck sei zwar noch eine junge Technologie, und noch sei einiges Learning by Doing. Aber die Zukunft gehöre diesem Verfahren eindeutig. Darum haben sich Fabian, Sebastian und Yannick vorgenommen, die Technik massentauglich zu machen, um so das Bauen insgesamt nachhaltiger zu gestalten.

Zunächst wollen sie den süddeutschen Raum und Österreich erschließen, bald schon sollen aber auch Aufträge aus der Schweiz und ganz Deutschland folgen. „Durch selbstentwickelte, nachhaltige Gebäude wollen wir der Komplettanbieter für 3D-gedruckte Häuser werden und das 3D-Druckverfahren in Deutschland und Europa als sichere, hochwertige, schnelle und ökologisch sinnvolle Bauweise etablieren“, erklärt Sebastian, Bankkaufmann und Student des Bauingenieurwesens, das unternehmerische Ziel.

„Die größte Herausforderung beim Bauen mit der neuen Technologie ist wahrscheinlich, dass ganz viele unterschied­liche Faktoren wie Umgebungstemperatur, Materialzusammensetzung und -beschaffenheit perfekt passen müssen. Gerade bei unserem ersten Mehrfamilienhaus haben wir noch viel getüftelt und probiert, um ein optimales Ergebnis zu erzielen. Gleichzeitig ist das aber auch das Spannende am Hausbau per Drucker“, sagt Yannick.

Vom Start-up zum soliden Unternehmen

Die Brüder Fabian und Sebastian sind die Prokuristen des neu gegründeten Unternehmens, Geschäftsführer ist Yannick. Der Bauingenieur hat seit 2019 die Abteilung 3D-Houseprinting bei der PERI AG mitaufgebaut und als leitender Ingenieur erste Projekte in Deutschland, Österreich und den USA mit umgesetzt. Ende 2019 übernahm er die Gesamtprojektleitung für das Pilotprojekt in Wallenhausen und gestaltete in dieser Funktion die Technologieweiterentwicklung des 3D-Drucksystems mit, kümmerte sich um Planung und Zulassung der notwendigen Zulassungstests für die Baugenehmigung und leitete die Betreuung der Mitarbeitenden vor Ort.

Gemeinsam wollen die drei nun die Baubranche revolutionieren. Dafür werden sie sich einen eigenen Betondrucker anschaffen. „Für das Pilotprojekt in Wallenhausen kam noch ein Leihdrucker der Firma PERI zum Einsatz, ein COBOD BOD2. So einen kaufen wir nun“, erklärt Yannick. Die Kosten für ein solches Gerät liegen im oberen sechsstelligen Bereich – keine Kleinigkeit für ein Start-up. Unter anderem für die Anschaffung weiterer Drucker suchen die drei Jungunternehmer noch Investor*innen. Aber auch, „um nun vom Start-up zu einem erfolgreichen, soliden Unternehmen zu werden und das Unternehmen so zu skalieren, dass wir die große Anzahl vielversprechender Anfragen in bezahlte Aufträge umwandeln können“, so Yannick.

Zeigen, was im 3D-Betondruck alles möglich ist

Denn die Nachfrage ist bereits heute groß. Um die Auslastung des neuen 3D-Betondruckers machen sich die Rupp-Brüder und ihr Kompagnon daher auch keine Sorgen. Außerdem haben sie im Juni dieses Jahres einen Haus-Katalog mit exklusiven Entwürfen ausgewählter Architekt*innen herausgebracht. „Darin wollen wir zeigen, was mit dem 3D-Druck alles möglich ist und was es kostet“, sagt Fabian. Bis es soweit ist und die Gründer Häuser aus dem Katalog verkaufen, beginnt das Unternehmen erst einmal mit dem Druck eines Ein- und eines Mehrfamilienhauses sowie eines öffentlichen Gebäudes in Deutschland. Außerdem können mit dem neuen Drucker auf dem Firmengelände in Weißenhorn Fertigteile vorproduziert werden. „Mit dem 3D-Druckverfahren werden wir neue Märkte erschließen, aber der Drucker wird den konventionellen Bau nicht so schnell verdrängen“, so Fabian abschließend.

Fabians, Sebastians und Yannicks Tipps für andere Gründer*innen

  • Seid mutig! Wenn ihr von eurer Idee überzeugt seid und sie vielleicht auch Freunde oder Familie gut finden, funktioniert sie wahrscheinlich.
  • Gebt nicht auf! Ihr werdet Ausdauer brauchen, um aus der Idee ein Geschäftsmodell zu machen.
  • Stellt euch auf Überstunden ein! Rom wurde nicht an einem Tag erbaut – und euer Geschäft vermutlich auch nicht. Aber die viele Arbeit wird sich lohnen.

SCORM-Dateien erstellen: So geht E-Learning ganz einfach

Wer einen Lernkurs veröffentlichen will, muss diesen so erstellen, dass er von den verschiedenen Lernsystemen erkannt und dargestellt werden kann. Ein einfacher Weg, dies zu tun, ist mithilfe von SCORM-Dateien. Was SCORM-Dateien genau sind und wie sie sich erstellen lassen, darum geht es hier.

Was ist das SCORM-Format?

Eine SCORM-Datei enthält eine Sammlung von Spezifikationen für Kurse im Bereich E-Learning. Wer LMS Inhalte erstellen will und sich dabei an die SCORM-Standards hält, kann sich sicher sein, dass sie von jedem Learning Management System (LMS) erkannt werden.

Eine SCORM-Datei ist eine Zip-Datei, die alle Daten enthält, die dafür erforderlich sind, Lerninhalte an ein LMS zu übertragen. Konkret besteht sie aus einer XML-Manifestdatei, Ressourcendateien sowie Definitionsdateien beziehungsweise einem Schema:

Die XML-Manifestdatei beinhaltet die Daten, die ein LMS benötigt, um den Inhalt eines Lernkurses bereitzustellen. Dazu gehören ein eindeutiger Identifikator, die Metadaten des Kurses, die Organisation der Lernaktivitäten und die Ressourcendefinitionen, die alle Dateien aufzeigt, die eine einzelne Ressource für ihren Start benötigt.

Die Ressourcendateien selbst sind die Dateien, aus denen ein Lernkurs mitsamt seiner Lernaktivitäten besteht.

Das Schema beziehungsweise die Definitionsdateien haben einen Bezug auf die XML-Manifestdateien. Diese drei Teile ergeben zusammen eine SCORM-Datei.

SCORM-Datei erstellen: So geht es

Die Vorteile von E-Lernkursen sind zahlreich. Sie helfen, wertvolles Wissen an eine große Zahl von Menschen weiterzugeben. Im Folgenden wird beschrieben, wie sich ein SCORM-Paket ohne weitere Autorenwerkzeuge erstellen lässt:

Alle Ressourcen in einem Ordner zusammenstellen

Alle Videos, Texte, Audios, Bilder und ähnliche Dateien sollten zunächst gesammelt und in einen einzigen Ordner zusammengefügt werden. In diesem Schritt ist auch noch die Erstellung eines Storyboards notwendig, das zeigt, wie sich die Inhalte am Ende entfalten sollen.

Lernkurs in HTML-Seiten organisieren

Damit ein Kurs von einem LMS richtig angezeigt werden kann, muss er sich als Webseite herunterladen lassen. Um das möglich zu machen, muss eine HTML-Version des gesamten Kurses erstellt werden. Für diesen Schritt ist technisches Know-how notwendig. Wem die Erstellung der HTML-Version größere Probleme bereitet, sollte auf ein Autorentool zurückgreifen oder jemanden mit dem nötigen Wissen zur Hilfe holen. Besonders einfach ist es, den gesamten Lernkurs mit allen Multimedia-Links in einem Google Doc zu strukturieren und anschließend über Datei > Download > Webseite die HTML-Version herunterzuladen.

Nun ist schon einmal sicher, dass die HTML-Version in einem Browser funktioniert. Im nächsten Schritt geht es um die SCORM-Kompatibilität:

SCORM-Dateien erstellen und in ein Zip-Paket verschieben

Für diesen Schritt müssen mehrere Textdateien erstellt werden, die die jeweiligen SCORM-Bedingungen beschreiben und anschließend zusammen mit dem HTML-Inhalt in ein Zip-Paket gelegt werden.

Für Anfänger ist es hilfreich, zunächst ein SCORM-Beispielpaket von scorm.com herunterzuladen, um dieses einfach mit den eigenen Inhalten anzupassen.

Im vorherigen Schritt wurde die HTML-Version des Kurses heruntergeladen. In diesen Ordner müssen die .xml- und .xsd-Dateien aus dem Beispielpaket kopiert werden.

Nun sollte die Manifestdatei imsmanifest.xml mit einem Texteditor geöffnet werden, um sie mit den eigenen Kursinhalten anzupassen. Diese Datei enthält Informationen über den Titel des Kurses, listet die Ressourcendateien auf und definiert die SCORM-Spezifikation, mit der der Kurs konform ist. Für die Anpassung müssen einfach der Titel und die Links zu den HTML-Ressourcen bearbeitet werden. Die erste Ressource in der Liste muss die HTML-Hauptdatei sein, die die Links zu den restlichen Ressourcen enthält.

Zum Schluss müssen die SCORM- und HTML-Dateien noch zu einer Zip-Datei gebündelt werden.


Fazit

Dank SCORM-Dateien lassen sich Lernkurse leicht und schnell erstellen, um sie am Ende auf Webseiten wie Udemy anbieten zu können. Wer das nötige Know-how hat, kann sie schnell selbst erstellen. Für alle anderen stehen verschiedene Autorentools zur Verfügung.

Vom Cannabis-Boom profitieren

Mit der anstehenden Legalisierung von Cannabis in Deutschland wird ein riesiger Boom erwartet. Wir erzählen mehr. Wir informieren.

Cannabis (Hanf) ist eine Nutz- und Heilpflanze, die zunehmend Potenzial entwickelt. In Deutschland sind aufgrund des noch vorherrschenden Verbots THC-haltiger Produkte die Möglichkeiten beschränkt. THC (Tetrahydrocannabinol) ist der Wirkstoff der Hanfpflanze, welcher einen Rausch auslöst.

Mit CBD (Cannabidiol) erobert gerade eine andere Hanfsubstanz die Märkte. Der Wirkstoff wird mit entspannenden, entzündungshemmenden und schmerzlindernden Eigenschaften in Verbindung gebracht. Hersteller aus Branchen wie Wellness, Kosmetik, Lebensmittel und Medizin haben die Möglichkeiten erkannt und verarbeiten Cannabidiol in einer zunehmenden Anzahl von Produkten.

Für Gründer und Start-ups bietet CBD einige Geschäftsmodelle an. Auch Investoren sagen Cannabis eine goldene Zukunft voraus. Vor allem dann, wenn die anstehende Legalisierung hierzulande zügig durchgeführt wird.

Cannabis als Geschäftsmodell

Derzeit ist es vor allem CBD, welches Gründern interessante Perspektiven bietet. Als bevorzugtes Produkt gilt CBD Öl. Dabei sind die Hürden zur Herstellung derzeit noch hoch. So dürfen nur lizenzierte Landwirte Nutzhanf anbauen und das Saatgut muss von der EU (Europäische Union) zertifiziert sein. Die Pflanzen selbst dürfen einen THC-Gehalt von 0,2 % nicht überschreiten. Potente, THC-haltige Kreuzungen wie tropische Mango (Mango Kush), Runtz oder Girl Scout Cookies dürften reißenden Absatz finden, sobald die Legalisierung den Bundesrat passiert hat.

Für Gründer, die in der Cannabis-Branche mit ihren vielversprechenden Zukunftsaussichten Fuß fassen möchten, bieten sich einige Geschäftsmodelle an.

White Label

Die Aufgabe des Gründers eines White Labels besteht darin, eine eigene Marke mit vollständigem Corporate Design zu kreieren und schützen zu lassen. Die Produkte, in der Regel CBD Öl, können bei den meisten großen Herstellern ohne Etiketten und Aufdrucke bestellt werden, und zwar zu etwas verbesserten Konditionen, als sie der Endverbraucher erwarten darf.

Diese Ware beklebt das Start-up mit den eigenen Etiketten und vertreibt sie mit einem Preisaufschlag. Dabei ist zu beachten, dass alle rechtlich relevanten Aspekte transparent auf dem Etikett und der Verpackung platziert werden.

Franchising

Das Start-up geht bei diesem Modell eine Kooperation mit einem großen Anbieter ein. Gegen eine monatliche Franchise-Gebühr erhält der Gründer das Recht, die Produkte des bekannten Herstellers zu vertreiben.

Es wird dabei vom Bekanntheitsgrad der Marke profitiert, eine gesonderte Markteinführung wird nicht notwendig. Zudem kann auf bewährte Strukturen zurückgegriffen werden. Viele Franchise-Geber stehen ihren Geschäftspartnern als Berater zur Verfügung. Der Franchise-Nehmer profitiert von den günstigen Einkaufspreisen, die der Franchise-Geber aufgrund seiner Marktmacht zu erzielen fähig ist.

Dropshipping

Dieses Modell besticht durch seine simplen Geschäftsabläufe. Sowohl die Lieferung an den Kunden als auch die Zahlung werden vom Hersteller abgewickelt. Der Online-Händler ist zwischengeschaltet und erhält für seine Verkäufe eine Provision. Ein Lager ist nicht notwendig, die Einnahmen bei diesem Geschäft bleiben allerdings recht überschaubar.

Investment in Cannabis-Aktien

Vor allem auf dem nordamerikanischen Kontinent sind schon einige Unternehmen an der Börse notiert, weil dort der Cannabismarkt schon ab 2018 weitestgehend liberalisiert wurde. In Deutschland gelang das mit SynBiotic bisher nur einer Firma, die im Cannabis-Geschäft tätig ist. Einige weitere Unternehmen sitzen in den Startlöchern und warten darauf, dass die Legalisierung in trockene Tücher gelegt wird. Von den folgenden Unternehmen können schon Aktien erworben werden:

  • Tilray: Das Unternehmen wurde 2013 gegründet und ist auf die Herstellung medizinischen Cannabis spezialisiert. Tilray beliefert weltweit Apotheken, Ärzte, Krankenhäuser, Behörden und Forschungseinrichtungen. Die Firma engagiert sich führend in der Erforschung und Herstellung von Cannabinoiden, die sich zu Therapiezwecken eignen.
  • Canopy Growth: Das 2014 in Kanada gegründete Unternehmen vertreibt Cannabisgeräte, Hanf und bietet die verschiedensten cannabishaltigen Produkte an. Die Unternehmensgruppe ist inzwischen auf allen fünf Kontinenten aktiv. Die Erweiterungen fanden zu einem großen Teil durch Übernahmen statt.
  • SynBiotic: Die Münchner haben bisher als einziges deutsches Cannabis-Unternehmen den Sprung an die Börse gewagt. Das Unternehmen nimmt für sich in Anspruch, die gesamte Wertschöpfungskette vom Anbau bis zum Vertrieb abzudecken. Dabei wird versucht, die stärksten Unternehmen der Branche unter einem Dach zu vereinigen.

Fazit

Cannabis wird in Deutschland als ein schlafender Riese angesehen, der aufgrund seines gewaltigen Potenzials Milliardenumsätze und Zehntausende von Arbeitsplätzen verspricht. Doch solange das Cannabis-Verbot wie ein Damoklesschwert über der Branche droht, wird die Entwicklung künstlich gehemmt. Dass es anders geht, zeigt ein Blick über den großen Teich nach Nordamerika, wo seit der Legalisierung viele Start-ups aus dem Boden schießen.

Sustainable Product und Business Model Innovations

Wo liegt die Zukunft der Chemiebranche und welche Rolle spielen Sustainable Chemical Entrepreneurship bzw. innovative Start-ups in diesem Kontext?

Die chemische Industrie bildet einen der Grundpfeiler industrialisierter Volkswirtschaften wie Deutschland oder den USA. Sie ist anderen Schlüssel-Branchen, wie z.B. dem Maschinenbau, in der Wertschöpfungskette vorgelagert, weshalb sie unseren Alltag und unser Wirtschaftsleben umfassend beeinflusst. Mit ihrem Ursprung in der Industriellen Revolution ist im Segment für Basischemikalien die Konsolidierung der Branche seit den 90er Jahren weitestgehend abgeschlossen. Auf der einen Seite haben Unternehmen wie die BASF ausgeprägte Skalen- und Verbundeffekte realisiert, sodass die Eintrittsbarrieren für junge Unternehmen in diesem Segment sehr hoch sind.

Auf der anderen Seite existieren Unternehmen im Segment der Feinchemikalien, die sehr forschungsintensiv sind und klar definierte Nischen abdecken. Im Gegensatz zu den Basischemikalien werden in diesem Segment deutlich geringere Mengen nachgefragt: statt Tonnen werden die Preise in Kilogramm oder Gramm notiert. Konkret dienen Basischemikalien, wie z.B. Ammoniak, hauptsächlich als Reaktionspartner für die Herstellung nachgelagerter chemischer Erzeugnisse. Im Gegensatz dazu haben Feinchemikalien meist einen tendenziell speziellen Anwendungszweck, z.B. in der Herstellung von Fotos.

Während im Basischemikalienmarkt eine Kostenführerschaft durch weitreichende Prozessoptimierung erreicht werden kann, jedoch eine Produktdifferenzierung kaum realisierbar ist, erreicht man im Feinchemikalienmarkt eine herausgehobene Wettbewerbsposition durch eine technologische und Know-how-getriebene Vorreiterrolle. In diesem forschungsintensiven Segment rentieren sich niedrigere Margenpreise dementsprechend nicht. Daraus wird erkennbar, dass sich die strategischen Anforderungen und Herausforderungen abhängig vom Marktsegment stark unterscheiden können.

Paradigmen- und Perspektivwechsel notwendig

Die großen Barrieren unserer Zeit vom Klimawandel bis hin zur Rohstoffknappheit führen zu großen Anforderungen in der ressourcen-, energie- und emissionsintensiven chemischen Industrie. Wir brauchen nicht nur neue technologische Innovationen, sondern auch einen Paradigmen- und Perspektivwechsel, damit die großen, bereits bestehenden Herausforderungen überwunden werden können. Etablierte Unternehmen sehen sich dem von Clayton Christensen identifizierten „Innovator’s Dilemma“ konfrontiert, welches beschreibt, wie sich etablierte Unternehmen aufgrund bestehender und vergangener Erfolge sowie starren und gefestigten Strukturen davor scheuen ihr Geschäftsmodell an externe Veränderungen anzupassen, getreu dem Motto: „Warum sollen wir etwas ändern? Die Vergangenheit hat doch gezeigt, dass wir es richtig machen, sonst wären wir nicht so erfolgreich gewesen.“

Diese Herangehensweise ist jedoch hinderlich, da durch veränderte Umweltbedingungen andere Produkte gefragt sein werden, sodass früher noch erfolgreiche Strategien in der Zukunft nicht mehr angewendet werden können und bisherige Produkte nicht mehr wettbewerbsfähig sein werden. Eine der wichtigsten Fähigkeiten des Topmanagements ist es daher externe Veränderungen wahrzunehmen, Innovationsprozesse zu initiieren und die eigene Wertschöpfungskette sowohl innerhalb als auch außerhalb des Unternehmens entsprechend anzupassen.

Die Vorteile der Newbies gegenüber den Etablierten

Auch wenn Jungunternehmen strukturell bedingt über weniger personelle und finanzielle Ressourcen verfügen, so haben sie doch einen entscheidenden Vorteil gegenüber den Etablierten: es bestehen naturgemäß keine bisherigen Erfolge, die einen Neuanfang erschweren würden. Die grüne Wiese, auf der Start-ups ihre junge Organisation aufbauen, kann daher auch in der Chemie-Industrie als Wettbewerbsvorteil für branchenspezifische Innovationen interpretiert werden. Für Jungunternehmen der Chemiebranche sind daher Innovationen im Sinne eines Sustainable Chemical Entrepreneurship notwendig, die wettbewerbsfähigere Produkte und Geschäftsmodelle hervorbringen.

In diesem Zusammenhang werden im Folgenden zwei Beispiele für Sustainable Innovations in der Chemiebranche vorgestellt.

Sustainable Product Innovations (SPI) am Beispiel von FlexPower

Die Produktinnovation von FlexPower ist eine Ausgründung der Innovationsgruppe von Prof. Dr. Xinliang Feng, Lehrstuhlinhaber der Professur für Molekulare Funktionsmaterialien der TU Dresden und Max-Planck-Institutsleiter für Mikrostrukturphysik in Halle. Die Ausgründung seiner Arbeitsgruppe rund um Dr. Ali Shaygan Nia, Dr. Payam Hashemi, Dr. Davood Sabaghi und Florian Sägebrecht (Doktorand der Wirtschaftswissenschaften) wird von Sarah Müller-Sägebrecht unterstützt. Sie ist Dozentin am Lehrstuhl für Entrepreneurship und Innovation der TU Dresden und fokussiert sich in ihrer Promotion auf den praxisrelevanten Themenbereich der Geschäftsmodellinnovation.

Auf Basis der Ausgründung bringt FlexPower ultra-dünne und flexible Superkondensatoren auf den Markt, welche die Herausforderungen bestehender Lithium-Ionen-Batterien und Superkondensatoren auf Basis organischer Flüssigkeiten überwinden. Im Gegensatz zu anderen Produkten am Markt enthalten die innovativen FlexPower Superkondensatoren weder gefährliche Schwermetalle, noch organische Lösungsmittel oder giftig, entflammbare oder explosive Chemikalien. Im Gegensatz zu den auf dem Markt befindlichen Produkten sind die innovativen FlexPower-Superkondensatoren wasserbasiert und verwenden Graphen anstelle von Schwermetalloxiden. Daher enthalten sie weder gefährliche Schwermetalle noch giftige Chemikalien oder organischen Lösungsmittel. Dabei verzichten die FlexPower-Produkte vollständig auf entzündliche und explosive Chemikalie als auch auf kritische Rohstoffe, die unter höchst unethischen Bedingungen in unterentwickelten Ländern abgebaut werden.

Durch ihre hohe Sicherheit und Nachhaltigkeit erreichen sie überdurchschnittliche elektrische Leistungen und vereinfachen durch drahtloses und schnelles Laden bestehende Anwendungen. Auf der neuen Technologie können andere innovative Produkte entwickelt werden, z.B. für den rasant wachsenden Markt von IoT-Geräten und Wearables.

FlexPower hat sich von Anfang an das Ziel gesetzt nachhaltig zu agieren, indem das Team zu fünf der durch die UN definierten Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals) beitragen möchte. Die wasserbasierten, nachhaltigen, wiederaufladbaren Superkondensatoren leisten mit ihrer langen Lebensdauer sowie einer hohen Recyclingquote als saubere Energiequelle einen Beitrag zum Klimaschutz, womit sich FlexPower auch als Vorbild für nachhaltige Produktion und nachhaltigen Konsum sieht. Aufgrund ihrer hohen Sicherheit hat die Technologie das Potenzial, in Zukunft auch in biomedizinischen Anwendungen (z.B. Hautpflaster und Bio-Implantate) eingesetzt zu werden und damit das Wohlbefinden der betroffenen Patienten deutlich zu verbessern.

Die innovative Strahlkraft der Produktinnovation mit ökologischen und ökonomischen Vorteilen ist treibend für den Markteinstieg, da der radikale innovative Vorsprung Ressourcen an sich zieht und ein umfassender Schutz des geistigen Eigentums ein technologisch bedingtes Monopol zur Folge hat. Das Geschäftsmodell folgt in diesem Fall der Technologie, ohne dass es zu einer Abweichung des Geschäftsmodells vom Industriestandard kommen muss.

Sustainable Business Model Innovations (SBMI) am Beispiel von SAMPOCHEM

Heiuki: Kajak- und Paddle-Board-Automaten

Heiuki hat einen Automaten entwickelt, der den autonomen Verleih von Stand-up-Paddles (SUP) und Kajaks ganz einfach übers Handy ermöglicht. Vom Ausleihen bis zum Bezahlen – Kund*innen können die von Photovoltaik-Anlagen betriebenen Automaten 24/7 nutzen.

Mit bis zu 14 Schließfächern pro Automat bietet das Wiener Start-up Heiuki nicht nur eine automatisierte Lösung für weniger stark frequentierte Verleih-Standorte, sondern reduziert auch die Kosten für zusätzliches Personal. „Nach dem Aufstellen werden keine Angestellten benötigt und es gibt verlängerte Öffnungszeiten. Zudem steigert sich mit einem SUP- und Kajak-Automaten die Attraktivität des Standortes, indem er zahlreiche Menschen an sich und an die Natur zieht”, erklärt Felix Hiebeler, Gründer und Geschäftsführer von Heiuki.

Moderner und einfacher Verleih von Wasser-Trendsportgeräten

Die Idee zum vollständig autonomen SUP- und Kajakautomaten hatte der Gründer Felix Hiebeler im Sommer 2020. Der 20-Jährige realisierte die erhöhte Nachfrage für Paddle-Boards und Kajaks, wodurch klassische Verleih-Methoden den Bedarf an Sportequipment nicht mehr decken konnten. Felix’s Vision war es, eine moderne und einfache Verleih-Möglichkeit für Wasser-Trendsportarten zu bieten. Entstanden aus dem Wassersport-Erlebnisanbieter boats2sail – wo Felix auch als operativer Leiter tätig ist – musste die Idee zu Heiuki aufgrund laufender Expansionen von boats2sail aufgeschoben werden. Seit Herbst 2021 arbeitet der Jungunternehmer mit seinem Team an der Verwirklichung dieser Idee.

Planungen für 2023 laufen auf Hochtouren – Investor*innen sind willkommen

Nach der abgeschlossenen Pilotphase des ersten Prototypen vergangenen Winter gelang dem Start-up der Launch im Mai dieses Jahres. Aktuell hat Felix sechs Automaten in Österreich positioniert. Das Team rund um Felix entwickelt die Software laufend weiter und passt sie dem Kund*innenfeedback an. „Die Zahl der Standorte wächst seit der Testphase an. Unsere ersten sechs Automaten für 2022 waren binnen weniger Tage vergeben. Zudem ist die Interessenliste für 2023 bereits länger als die geplante Expansion für das kommende Jahr“, erklärt der Geschäftsführer.

Dabei deckt das eigenfinanzierte Verleih-Start-up sowohl die Interessen von B2B- als auch von B2C-Kund*innen ab. Die Haupteinnahmequelle von Heiuki besteht aus Mieteinnahmen von Nutzer*innen. Zudem verkauft und vermietet das Start-up seine Automaten durch eine Lizenzpartnerschaft auch an Freizeitanbieter*innen, Hotels, Campingplätze und Gastronomen. Neben den zwei größten Playern aus Deutschland – Kolula und Tiki – positioniert sich Heiuki als stärkster österreichischer Konkurrent. Zudem ist das Start-up mit Tiki kürzlich eine enge Kooperation eingegangen und strebt mit dem deutschen Mitbewerber eine verstärkte Marktpositionierung auf internationaler Ebene an.

Für das kommende Jahr verfolgt der Gründer zudem Expansionspläne in an Österreich angrenzende Länder und ist dafür offen für Gespräche mit potenziellen Investor*innen. Um die Reichweite des Start-ups zu erweitern, plant Felix die Automaten mit neuen Sportgeräten zu erweitern. „Bereits in den kommenden Jahren ist die Einführung von Wintersportgeräten, Fitnessgeräten, Fahrrädern und Segways geplant. Der Liste sind keine Grenzen gesetzt“, sagt der Heiuki-Gründer abschließend.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf brutkasten.com

desenrasco: Ein Schuh fürs Leben

Bianca Both und Matthias Janßen haben als Quereinsteiger*innen mit ihrem Schuh-Start-up desenrasco eine Nische besetzt. Mehr dazu im Interview mit Bianca.

Wie seid ihr beiden auf die Idee zu desenrasco gekommen?

Matthias und ich widmen uns als Quereinsteiger*innen dem Thema Schuhe mit einem neuartigen Fokus. Mitten in der Pandemie haben wir uns selbständig gemacht und in diese Haifisch-Branche gewagt. Bis vor ein paar Jahren ärgerten wir uns ständig darüber, dass unsere Schuhe so schnell schlapp gemacht haben. Mit unserem Hund sind wir sehr viel unterwegs und konnten nach einem halben Jahr unsere Schuhe wegwerfen. Eine Reparatur war meistens nicht möglich. Alternativen, die länger halten, haben wir nur im Businessbereich gefunden. Das passt aber nicht so gut zu uns. Wir wollten ein natürliches Produkt, dass nachhaltig ist und lange hält.

Da wir nicht fündig geworden sind, mussten wir selbst aktiv werden. Mehr oder weniger zufällig haben wir die Eigentümer unserer jetzigen Partnermanufaktur in unserem Lieblingsland Portugal kennengelernt und waren fasziniert von ihrer Arbeit. Über mehrere Jahre sind so die Idee und der Plan eines eigenen Unternehmens gewachsen.

Was macht eure Schuhe so besonders?

Wir haben mit unserer Marke eine Kollektion geschaffen, die natürliche Alltagsbegleiter anbietet – gemacht für die Ewigkeit. Unsere Schuhe fühlen sich beim Meeting genauso wohl wie bei der anschließenden Tour mit dem Hund über die Felder. Nachhaltigkeit bedeutet für uns die Verbindung von nachhaltigen Materialien, fairer Produktion, zeitlosen Designs und Langlebigkeit. Was nützt ein Schuh aus recycelten Materialien, wenn er nur ein halbes Jahr hält? Wir setzen auf die hochwertigste und langlebigste Machart in der Schuhbranche – unsere Schuhe sind alle rahmengenäht. In unserer Partnermanufaktur fertigen rund 20 Mitarbeitende schon seit Generationen hochwertige, rahmengenähte Schuhe.

Unsere Schuhe sind keine Massenware, sondern jeder Schuh wird in bis zu vier Stunden Handarbeit nach alter Handwerkskunst gefertigt. Das macht jeden Schuh zu einem Unikat. Unsere Alltagsbegleiter sind bei guter Pflege über viele Jahre an eurer Seite. Das Tolle an dieser Machart ist, dass sich die Sohle nicht vom Oberleder lösen kann und zwischen Brandsohle und Laufsohle ein tolles Korkfußbett verbaut wird, in welches man seinen individuellen Fußabdruck hineinläuft. Zusätzlich verwenden wir ausschließlich pflanzlich gegerbtes Leder aus einer Familiengerberei in Portugal. Das ist gesünder, umweltfreundlicher und naturbelassener als die klassische Chromgerbung. Unser Leder wird zudem nicht künstlich gedeckt, man nennt das auch gefinished, sondern bleibt atmungsaktiv und natürlich schön. All unsere Lieferwege sind transparent und europäisch. Wir sind sehr konsequent bei der Auswahl der Materialien, Langlebigkeit ist dabei unsere höchste Anforderung an alle Materialien.

Mit rahmengenähten Lederschuhen verbindet man gern den Manager im Büro. Ist das eure Zielgruppe?

Nicht wirklich. Der Manager kauft unsere Schuhe zwar auch, aber mit einem anderen Ziel. Das Tolle an desenrasco ist, dass wir zeitlose, rahmengenähte Schuhe fertigen, die aber mit Natürlichkeit und Alltagstauglichkeit punkten. Diese Kombination ist auf dem Markt einzigartig! Das pflanzlich gegerbte Leder entwickelt eine tolle Patina und ist komplett naturbelassen. Von Lack und Leder sind wir weit entfernt. Unsere Schuhe wollen nicht geschont, sondern getragen werden! Unser(e) Kund*in kann ein Selbständiger sein, der nach dem Meeting noch mit dem Hund in den Wald fährt, oder eine Ärztin, die nach einem langen Tag mit dem Rad noch eine Runde dreht und ihren Füßen etwas Gutes tun möchte. Es kann auch der junge Backpacker sein, der bequeme und lang­lebige Schuhe braucht, oder die junge Mutter, die den ganzen Tag auf den Beinen ist. Allen ist gemeinsam, dass sie unsere Werte teilen und auf sich selbst und ihre Umwelt Acht geben.

Wo findet man eure Schuhe?

Unsere Schuhe findet man in unserem Onlineshop und bei ganz unterschiedlichen Händler*innen. Vom Schuhhaus mit einem Blick für Hochwertigkeit bis hin zur Boutique oder zum Gesundschuhgeschäft sind wir querbeet vertreten. Unsere Händler*innen erkennen unseren Mehrwert. Rahmengenähte Schuhe, die nur auf schick getrimmt sind, brauchen in Zeiten vom Home Office und legerer Kleidung immer weniger Menschen. Gleichzeitig suchen die Kund*innen immer mehr nach Schuhen, die nachhaltig sind und der eigenen Gesundheit guttun. Unser Korkfußbett und sehr gute, entspannte Passformen machen unseren Schuh zum idealen Begleiter. Gleichzeitig unterstützen wir die Händler*innen mit guten Margen und einem Produkt, das die Themen der Zeit aufgreift. Gerade im Moment steigen für die Händler*innen die Kosten enorm und sie müssen sich heute spezialisieren und etwas Besonderes bieten, um zu bestehen. Wir freuen uns sehr, wenn wir unseren Teil dazu beitragen können.

Eure Schuhe sind keine Schnäppchen. Wie seid ihr auf den Preis gekommen?

Da stellst du eine gute Frage. Unser Preis ergibt sich aus den Anforderungen, die wir an unser Produkt gestellt haben. Pflanzlich gegerbtes Leder, eine super langlebige Verarbeitung und keine Ausbeutung in der gesamten Lieferkette. Wir sagen immer: Unsere Schuhe sind nicht preiswert, aber definitiv ihren Preis wert. Wer unsere Schuhe kauft, spart langfristig. Denn du musst jetzt nicht mehr jede Saison neu kaufen, um bei aktuellen Trends mitzuhalten. Und du musst auch nicht alle paar Monate neue Schuhe kaufen, weil deine alten kaputt sind. Du kaufst bei uns echte Begleiter. Unsere Kund*innen sind nicht alle Topverdiener*innen, sondern zumeist schlicht und ergreifend Menschen, die unsere Werte teilen und Lust auf Qualität und Nachhaltigkeit haben.

Das klingt schlüssig. Wie kommt ihr mit eurem Konzept am Markt an?

Wir freuen uns sehr, wie gut unser Konzept vom Markt aufgenommen wird. Gerade im Vertrieb über den Einzelhandel sind wir unbedarft an die alten Strukturen rangegangen, und das kommt gut an. Die Branche folgt manchmal verstaubten Mustern mit festen Order-Zyklen, großen Verbänden, Mindestmengen und starren Regeln. Da machen wir nicht mit und arbeiten mit unseren Händler*innen einfach so zusammen, wie es uns gefällt. Mit dieser authentischen und unkonventionellen Art stoßen wir auf viel positive Resonanz.

Unser Produkt liefert zudem Antworten auf wichtige Fragen der heutigen Zeit. Wo kommt es her? Unter welchen Bedingungen wird es gefertigt? Wie wirkt sich mein Konsum auf die Umwelt aus? Wir finden es klasse, wie viele Händler*innen den Trend der Zeit erkennen und unsere Werte und Einstellungen teilen. Dadurch entsteht eine ganz tolle positive Zusammenarbeit, die uns viel Spaß macht.

Und last but not least: Bianca – welche Tipps hast du für andere Gründer*innen aus eigener Erfahrung?

  • Verliert euch nicht in zu vielen Details und Perfektion: Dazu neige ich auch manchmal, aber das kostet viel zu viel Zeit und lohnt sich nicht. Habt immer eure Vision vor Augen und lasst euch nicht entmutigen! Mitten in der Pandemie zu starten, war nicht die leichteste Herausforderung, aber auch das geht.
  • Baut euer Unternehmen unbedingt auf Prozesse und Produkte auf, hinter denen ihr zu 100 Prozent steht: Nur dann bringt ihr auch die nötige Begeisterung und das Durchhaltevermögen mit. Habt keine Angst vor Themen, bei denen ihr euch nicht auskennt: Man kann sich überall einarbeiten.
  • Das Wichtigste: Bleibt nicht in eurer Seifenblase, sondern holt euch immer wieder Feedback – von Kund*innen, Freund*innen, Bekannten und Unterstützer*innen.

Das Interivew führte Hans Luthardt

Kenbi: Innovationen statt Pflegenotstand

Weniger Bürokratie, mehr Selbstorganisation – das Start-up kenbi will den Pflegeberuf wieder attraktiv machen.

Verbände wechseln, Körperpflege, Betreuung … Die Aufgaben in der Pflege sind vielfältig und brauchen Zeit. Doch Zeit haben Pfleger*innen immer weniger. Schon heute fehlen in Heimen und ambulanten Diensten tausende Pflegekräfte. Und die Zahl der Pflegebedürftigen steigt weiter: von heute 4,5 auf 6 Millionen bis 2030, jüngsten Schätzungen der Barmer zufolge. Deutschland steuert direkt auf einen Pflegenotstand zu. „Der Pflegeberuf hat ein schlechtes Image: eingestaubt, zermürbend und schlecht vergütet“, sagt Clemens Raemy, Co-Gründer von kenbi. Er und seine Mitstreiter*innen Katrin Alberding und Bruno Pires sind angetreten, um das zu ändern. Als Anbieter für ambulante Pflege beschäftigt das Start-up über 300 Pflegekräfte an derzeit 30 Standorten, sogenannten Pflege-Hubs, und setzt auf digitale Lösungen, die wieder mehr Raum für die eigentliche Arbeit mit den Patient*innen gibt.

Die Hubs befinden sich fast alle auf dem Land – etwa in Schwelm (NRW), Bodenwerder (Niedersachsen) oder Wolf­hagen (Hessen). Hier bietet man Haushaltshilfe, Begleitung, tiergestützte Therapien, körperliche Grundpflege sowie medizinische und spezialisierte Behandlungen an. Damit leistet das Start-up einen Beitrag, die Versorgungslücke auf dem Land zu schließen. Hinzu kommen die Zentrale in Berlin mit über 40 Mitarbeitenden und das Tech-Zentrum in Porto mit 15 Personen, die den Pflegekräften den Rücken freihalten.

Die Pflege ins Heute bringen

„Wir wollen moderne Pflege zu Hause ermöglichen, die jedem Selbstbestimmung im Alltag gibt: den Kund*innen in den eigenen vier Wänden und den Pflegeteams bei ihrer Arbeit“, sagt Clemens. „Dafür ist es wichtig, den Papierkram auf ein Minimum zu reduzieren.“ Denn ein zentraler Faktor für Stress und Überforderung in der Pflege ist die ausufernde Bürokratie: Zwischen 30 und 50 Prozent ihrer Arbeitszeit wenden Pfleger*innen üblicherweise für Tätigkeiten wie Dokumentation und Aktenpflege auf. In einem Berufsfeld, in dem handschriftliche Formulare und Fax Standard sind, gibt es viel Optimierungspotenzial. „Die Dokumentation ist wichtig, um den Verlauf von Behandlungen zu protokollieren – aber sie sollte schnell erledigt sein“, so Clemens.

Das Team ist der Chef

Neben dem Technologie-Fokus ist die zweite Säule die dezentrale Organisation: Ein Team vor Ort besteht aus sechs bis zwölf Pflegefachkräften. Sie verwalten gemeinsam ihr Büro, planen Einsätze und betreuen Patient*innen. Sie bestimmen selbst da­rüber, wen sie neu einstellen wollen. Pro Team gibt es eine Pflegedienstleitung, ansonsten sind die Hierarchien deutlich flacher als in der Branche üblich – Selbstorganisation statt starrer Strukturen. Von der Zentrale erhalten die Hubs Ausstattung, Coaching und Unterstützung bei Personalangelegenheiten.

Clemens gründete kenbi Ende 2019 zusammen mit Katrin, sie führen das Unternehmen als Doppelspitze. Die beiden lernten sich 2009 an der Harvard Business School kennen und sammelten umfangreiche Erfahrungen in verschiedenen Branchen, bevor sie die Idee zu kenbi hatten. Beide hatten Pflegefälle in der Familie und erlebten, vor welchen Herausforderungen Pfleger*innen stehen: eng getaktete Touren und wenig Zeit für die Patient*innen. Zugleich wünschten sie sich, als Angehörige an einigen Stellen mehr Einblicke zu erhalten. „Als meine Großmutter zum Pflegefall wurde, wäre es für die Familie oft hilfreich gewesen, mehr Informationen zu bekommen“, so Clemens. „Welche Medikamente bekommt sie? War der Pflegedienst heute schon da? Verspätet er sich nur oder fällt der Besuch aus? Es fehlte die Transparenz.“

Modulare Apps statt Zettel und Stift

Um die Pflege zu modernisieren, setzt kenbi auf Apps, die über die Cloud verbunden sind. Für deren Entwicklung holten sich Katrin und Clemens mit Bruno Pires einen erfahrenen Entwickler als CTO und dritten Gründer an Bord. Die drei bauten kenbi remote auf: Katrin sitzt in Berlin, Clemens in Bad Pyrmont und Bruno in Porto in Portugal. „Am Anfang war das Wichtigste, die Tagesplanung zu digitalisieren, bei der es üblicherweise viel Abstimmungsbedarf gibt“, sagt Katrin. „Also haben wir eine Pflege-App entwickelt, mit der die Teams ihre Touren organisieren, Schichten zuteilen und Ersatz bei Ausfällen organisieren.“

Weitere Entwicklungen: eine Kommunikationsplattform, damit sich die Pflegekräfte besser austauschen können, eine Büro-App, die eine Übersicht zur Tagesplanung bietet sowie eine E-Learning-Plattform. Für Patient*innen und Familienangehörige wird in Kürze eine eigene Family-App eingeführt. Sie gibt Einblicke in den Pflegeablauf, sodass sie jederzeit über die Besuche der Pflegekräfte informiert sind. Das Angebot baut kenbi stetig aus – so soll es bald möglich sein, Medikamente und Pflege-Kits direkt zu bestellen.

Gründen inmitten der Pandemie

Die größte Herausforderung bei der Gründung: Der Aufbau erfolgte zeitgleich mit dem Beginn der Corona-Pandemie. „Wir mussten schnell Entscheidungen treffen, um unser Team und unsere Patient*innen zu schützen – in einer Situation, in der vieles vollkommen unklar war“, sagt Clemens. „Aber wir haben uns nicht ausbremsen lassen und konnten inmitten der Pandemie stark wachsen. Corona hatte dabei nicht nur Nachteile für uns: Lösungen wie Video-Calls und Collaborat­ion-Tools wurden auch im Gesundheitswesen viel präsenter. Das hat die Akzeptanz für unseren Ansatz erhöht.“

Den ersten Hub eröffneten sie im niedersächsischen Emmer­thal – dafür übernahmen sie einen Pflegedienst. „Für den ersten Standort war es uns wichtig, die Pflege-Expertise nicht von Null aufzubauen. Katrin und ich haben uns bei dem Dienst zwei Monate lang regelrecht eingebunkert, um uns mit allen Prozessen vertraut zu machen.“ Danach übernahmen sie weitere Dienste und bauten andere Standorte ganz neu auf. So ist innerhalb von zwei Jahren aus kenbi ein Unternehmen geworden, das mehr als 1500 Patient*innen in vier Bundesländern versorgt. Dazu kommen 500 Beratungskund*innen.

Am Anfang war es schwierig, Investor*innen zu überzeugen. Das hat sich geändert: 23,5 Mio. Euro kamen in der Series A-Runde Ende 2021 zusammen. Damit will das Start-up mehr Personal einstellen und deutschlandweit neue Standorte eröffnen. Außerdem soll das Geld in die weitere Tech-Entwicklung fließen. Katrin, Clemens und Bruno sehen sich noch ganz am Anfang ihrer Unternehmung. „Digitale Lösungen leisten einen großen Beitrag dazu, den Pflegeberuf wieder menschlicher und attraktiver zu machen. Wir wollen langfristig mehr Nachwuchs für die Branche begeistern – und der Gesundheitskrise etwas entgegensetzen“, so Katrin.

Clemens’ Tipps für andere Gründer*innen

  • Gründet im Team: Ein Unternehmen zu gründen ist eine der anspruchsvollsten Aufgaben, die es gibt – eine ungewisse Zukunft, finanzielle Unsicherheit und eine nie endende To-do-Liste. Es ist unglaublich wertvoll, auf dieser Achterbahnfahrt eine(n) Co-Founder*in dabei zu haben – jemanden, der Dinge hinterfragt, mit dem man die eigenen Ideen weiterentwickelt, der einen challenged und auf den man sich hundertprozentig verlassen kann.
  • Lasst euch nicht zu schnell entmutigen: Wir haben auf der ersten Suche nach Kapitalgeber*innen sehr viele Absagen bekommen. Teilweise wurden wir für verrückt erklärt, ein Start-up in der Pflege zu gründen. Man braucht eine dicke Haut und muss fest von der eigenen Vision überzeugt sein. Führt die ersten Gespräche am besten mit Investor*innen, von denen ihr denkt, dass sie ohnehin nicht gut zu euch passen – das ist eine gute Übung für die Investor*innen, die ihr wirklich haben wollt.
  • Gründet außerhalb eures Fachbereichs: Wenn man wirklich disruptive Veränderungen bewirken will, sollte man sich in neue Bereiche vorwagen. Wir hatten vor der Gründung keinen Hintergrund im Gesundheitswesen – klar mussten wir uns deshalb viel stärker in die Thematik einarbeiten, konnten dadurch die Prozesse aber auch viel stärker hinterfragen und Neues wagen.

REFLEX Aerospace: Highspeed für den Orbit

Neun Monate statt aktuell mehrere Jahre: Alexander Genzel, Walter Ballheimer und Chris Lindener, die Gründer des New-Space-Start-ups REFLEX Aerospace, arbeiten am Quantensprung in Sachen Entwicklung und Produktion von Satelliten.

Um unsere Welt kreisen derzeit rund 8000 aktive Satelliten, und es werden immer mehr. Schätzungen zufolge könnten es in einigen Jahren schon über 100.000 sein. Als Infrastruktur für Kommunikation gewinnen sie rapide an Bedeutung, und durch neue, leistungsfähigere Sensoren ergeben sich immer neue Einsatzfelder. Satelliten sind Gegenstand der Geopolitik und strategischer Faktor für Unternehmen wie Staaten. Der Angriff Russlands auf die Ukraine beispielsweise begann mit einer Cyberattacke auf das Satellitennetzwerk

KA-SAT, das Highspeed-Internet für Europa und den Mittelmeerraum liefert. Nicht nur die Ukraine, sondern mehrere EU-Mitgliedstaaten waren betroffen. Als kurzfristige Alternative stellte Elon Musk das private Satellitensystem Starlink bereit. Das Ereignis rückte die Bedeutung von Satelliten für die innere und äußere Sicherheit in den Blick der Öffentlichkeit.

Weil Europa im All weitgehend von den USA abhängig ist, entwickelt man derzeit in Brüssel, zusammen mit Partnern aus Forschung und Wirtschaft, ein europäisches System für Satelliteninternet. Ziel ist dabei die strategische Souveränität im All. Von der Erkenntnis, dass es sich bei Satelliten um kritische, angreifbare Infrastruktur handelt, zeugen auch Initiativen wie die Gründung des Responsive Space Centers im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt DLR. Dieses soll Lösungen entwickeln, um Satelliten bei Bedarf auch kurzfristig in den Orbit zu bringen.

Entwicklungs- und Produktionszyklen beschleunigen

Die größte Herausforderung dabei sind die branchentypischen Entwicklungs- und Produktionszeiten. Einen komplexen Satelliten herzustellen, dauert im Schnitt vier bis fünf Jahre, die Nutzungsdauer beträgt zwischen zehn und 15 Jahren. „Diese Zyklen sind nicht mehr zeitgemäß“, sagt Walter Ballheimer, Gründer, CEO und CTO der Reflex Aerospace GmbH aus Berlin und München: „Viele Satelliten hängen dem technischen Fortschritt, etwa bei Elektronik und Halbleitern, um Jahre hinterher und sind bereits beim Start veraltet.“ Zudem sei es kaum möglich, Störungen zu beheben oder einen ausgefallenen Satelliten zu ersetzen. „Für die heutigen Anforderungen brauchen wir schlanke, leistungsfähige Systeme, die genau auf den Kundenbedarf zugeschnitten sind, und die vor allem schnell geliefert werden.“ Mit seinem Team will er die Entwicklung und die Produktion der Erdtrabanten revolutionieren. Neun Monate bis zur Lieferung sind das Ziel; drei Monate für die Entwicklung, drei für die Produktion und drei für Tests – gemessen an den heutigen Zyklen wäre das ein Quantensprung.

Satelliten im Mini-Kleinwagen-Format

Die einschlägige Erfahrung bringt Walter mit. Nachdem er an der TU Berlin Luft- und Raumfahrttechnik studiert und eine Promotion begonnen hatte, gründete er 2014 aus der Forschung heraus German Orbital Systems, den ersten kommerziellen Nanosatellitenhersteller in Deutschland. Sein Fokus lag auf Satelliten in der Größe eines Schuhkartons, doch im Jahr 2020 schien das Potenzial ausgereizt. „Nanosatelliten haben ein begrenztes Nutzungsspektrum“, so Walter, „es sind einfache Produkte, die in Deutschland kaum wettbewerbsfähig produzierbar sind.“ Bei den schweren, komplexen Satelliten wiederum dominierten eine Handvoll großer Anbieter wie Airbus, Lockheed Martin und Northrop Grumman. „Der für uns spannendste Markt liegt in der Mitte“, sagt Walter. 2021 gründete er Reflex Aerospace und entwickelt seitdem mittelgroße, aber leistungsfähige Satelliten, etwa im Format eines Mini-Kleinwagens, bis zu 500 kg schwer. Sie sollen die neuesten Sensoren tragen, hohe Datenraten für die Kommunikation liefern und den Aufbau von dezidierten Satellitennetzwerken ermöglichen.

Drei Spezialisten für Luft- und Raumfahrt

Zum Kernteam zählen außerdem Alexander Genzel, der schon bei der Gründung an Bord war, und Christian Lindener, der wenig später als Co-Gründer dazustieß. Christian ist mit der Raumfahrtbranche bestens vertraut und ein profilierter Experte für Tech-Start-ups. In Brasilien geboren und in Mexico aufgewachsen, studierte er zunächst in den USA und in Spanien, bevor er das Studium der Internationalen Betriebswirtschaftslehre in Innsbruck abschloss. Er arbeitete u.a. für Wayra Germany, die Risikokapitalgesellschaft der spanischen Telefonica, wo er Start-ups auf die Integration in das Konzernportfolio vorbereitete. 2019 wechselte er zu Airbus, leitete dort das ­Innovationsmanagement Airbus Scale und steuerte das externe Firmengründungsprogramm. Durch die Erfahrung in großen Konzernen ist Christian Experte für die Beziehungen zu potenziellen strategischen Partnern wie etwa BMW und Porsche. Derzeit liegen seine Schwerpunkte in den Bereichen Finanzierung und Fundraising. „Noch vor zehn Jahren hätte man kein Venture Capital für Satelliten bekommen. Doch jetzt, da jeder das Potenzial sieht, ist das kein Problem“, so Christian.

Bislang wurde Reflex Aerospace maßgeblich durch Alpine Space Ventures finanziert, hinter denen Bülent Altan steht. Der frühere SpaceX-Ingenieur und Chef des Münchner Laserspezialisten Mynaric ist einer der profiliertesten Köpfe in der europäischen New-Space-Szene. Derzeit arbeitet das Team an der Seed-Finanzierung, zehn bis zwölf Mio. Euro sind angepeilt. Alexander Genzel ist mit 23 Jahren der jüngste Co-Founder. Nach dem Studium der Luft- und Raumfahrttechnik in München und Denver arbeitete er als Forschungsleiter im Bereich Raumfahrtechnik an der Universität der Bundeswehr. „Komplette Projekte von der Entwicklung bis zum fertigen System im All zu begleiten, hat mich schon immer fasziniert“, sagt Alexander. Durch seinen Hintergrund bringt er im Team auch den Blickwinkel der Verteidigung und Sicherheit mit an den Tisch.

Mehr private Satellitennetzwerke

Bald sollen die ersten kommerziellen Verträge geschlossen werden ...

Dies ist ein Ausschnitt aus der Coverstory der aktuellen Ausgabe unseres Printmagazins StartingUp: Mehr liest du in der StartingUp - Heft 03/22 - ab dem 1. September 2022 im Handel oder jederzeit online bestellbar - auch als ePaper erhältlich - über unseren Bestellservice

Start-up-Power gegen Gasabhängigkeit von Russland

Wie GreenTech-Gründer*innen mit ihren Innovationen die Unabhängigkeit von Russlands Gas fördern.

Deutschlands Position in Bezug auf eine unabhängige Energieversorgung ist ausbaufähig. Die aktuelle Lage spitzt sich auch im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg weiter zu. Die Chance liegt in einer größeren Unabhängigkeit im Bereich Energie – und es sind junge GreenTech-Start-ups wie Reverion, everyone energy oder Pionierkraft, die den Weg mit innovativen Lösungen im Energiesektor ebnen.

Ende Juni rief Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck die Alarmstufe des Notfallplans Gas aus. Es ist die zweite von drei Eskalationsstufen des Notfallplans, der nach dem russischen Angriff auf die Ukraine vorgestellt wurde und bedeutet, dass eine Störung der Gasversorgung vorliegt. Kein Wunder, stammen doch circa 35 Prozent der Gaslieferungen für Deutschland laut Wirtschaftsministerium aus Russland. Aktuelle Pläne zielen darauf ab, Kohlekraftwerke verstärkt wieder an das Stromnetz anzubinden, um den Gasverbrauch im Stromsektor zu reduzieren. In Zeiten, in denen Gesellschaft und Politik eigentlich nach mehr Nachhaltigkeit und einer Green Economy streben, ist das eine ungünstige Entwicklung. Sie verdeutlicht, wie wichtig eine größere Unabhängigkeit von Gasimporten sowie innovative Lösungen zur Energiewende für Deutschlands Zukunft sind.

Junge Start-ups bringen hier die notwendige Innovationskraft, vor allem aber auch ein grundlegendes Bewusstsein für die Relevanz wirklich nachhaltiger Lösungen mit. Sie knüpfen mit innovativen Technologien an bereits bestehende Lösungen an und steigern diese in ihrer Effizienz oder bringen ganz neue Technologien auf den Markt. Der Fokus liegt dabei immer auf klimaschonenden Lösungen, erneuerbarer Energie und einer erfolgreichen Energiewende.

Reverion

Zu den Start-ups, die neue Lösungen für den Energiesektor entwickeln, gehört das Team von Reverion mit Sitz in Eresing bei Geltendorf, Bayern. Das Gründerteam hat die Vision, den Weg zu 100 Prozent erneuerbarer Energie durch die optimale Nutzung von Biogas zu ebnen. Der Ansatz: Ein Kraftwerk, das Verbrennungsmotoren ersetzen kann und reversibel einsetzbar ist. Dieses kann Strom aus Biogas sowie erneuerbare Gase aus Strom erzeugen. Darüber hinaus ist das System in der Lage, reines CO2 abzuscheiden und der Atmosphäre zu entziehen. Würde die Technologie von Reverion in ganz Europa erfolgreich eingeführt, könnten alle europäischen Emissionen um 10 Prozent reduziert und die Stromproduktion aus Biogas verdoppelt werden.

Das ist nicht nur klimafreundlich, sondern gibt auch eine Menge ungenutztes Potenzial frei, denn Biogas ist eine regelbare Quelle von erneuerbarer Energie. Aktuell wird sie von den üblicherweise eingesetzten motorbasierten Blockheizkraftwerken nicht optimal genutzt. Das System von Reverion arbeitet hingegen auf Basis von Festoxidbrennstoffzellen. Es zeichnet sich nicht nur durch mehr Effizienz aus – bis zu 80 Prozent elektrischer Wirkungsgrad sind möglich – sondern ermöglicht auch einen reversiblen Betrieb der Anlage. Darüber hinaus kann synthetisches, erneuerbares Erdgas aus Reverion-Anlagen über das bestehende Erdgasnetz für Strom, Wärme oder Mobilität genutzt werden. Dabei wird durch die Nutzung der vorhandenen Gasinfrastruktur ein Langzeitspeichereffekt erreicht. Die bestehende Infrastruktur besitzt in Deutschland eine Speicherkapazität von rund 400 TWh, dem 100.000-fachen der insgesamt installierten Batteriespeicher.

Für Maximilian Hauck, CTO und CO-Founder von Reverion, ist die Mission klar: “Unser Antrieb besteht darin, eine der größten Herausforderungen unserer Generation – den Klimawandel – anzugehen.” Nach dem Ingenieurstudium hat er sich ganz bewusst gegen eine Anstellung im Großkonzern entschieden: “In einem jungen Unternehmen kann man sich ganz anders einbringen. Die Aufgaben sind vielseitiger und man ist in der Regel deutlich involvierter in den Gesamtprozess. Meiner persönlichen Meinung nach ist das deutlich motivierender, als etwa im Großkonzern mit der Entwicklung eines Kleinteils im linken PKW-Außenspiegel betraut zu sein.”

Dass nicht nur das Gründerteam an das Potenzial ihrer Idee glaubt, zeigen auch die neuesten Entwicklungen: Erst Anfang Juli schloss Reverion eine Seed-Finanzierung in Höhe von über 7 Millionen Euro ab.

Everyone energy

Das Deep-Tech-Ei

BioNTech oder Celonis haben es hierzulande eindrucksvoll unter Beweis gestellt: Wer beim Gründen auf Deep Tech setzt, sichert sich im Idealfall „unfaire“ Vorteile und erhöht zugleich die Chancen, dem klassischen „Horse Race“ in den Märkten zu entfliehen.

Wer gründet, sieht eine Opportunity, mit der sich Geld verdienen und bestenfalls die Welt verbessern lässt. Aber das allein reicht nicht: Angesagt und cool sollte das Ganze ebenfalls sein. Immerhin ist das Unternehmen gerade zu Beginn Ausdruck der eigenen Persönlichkeit, und diese sehnt sich nach Reputation und Signaling, oder etwa nicht? Nur stellt sich die Frage, wie sinnvoll dieser Ansatz ist. Denn wäre er ein ökonomischer Geniestreich, würden nicht 80 bis 90 Prozent aller Start-ups in den ersten drei Jahren wieder vom Markt verschwinden.

Vielleicht ist es ja an der Zeit, die allgemeine Gründer*innenmentalität, die allzu oft nach fancy Themen sucht, zu hinterfragen und künftig vermehrt mit Ideen an den Markt zu gehen, die zwar weniger glitzern, dafür aber ihren Gründer*innen einen „unfairen“ Vorteil versprechen.

Wenn Wissenschaft auf Technik trifft

Je offensichtlicher ein Business, desto kompeti­tiver ist es auch. Bei Deep Tech ist das anders. Anfänglich wenig auffällig, ist Deep Tech ein Sammelbegriff für disruptive Technologien, die entstehen, wenn Wissenschaft auf Technik trifft. Alle Dinosaurier, die heute das Silicon Valley beherrschen, sind aus einem „Deep-Tech-Ei“ geschlüpft: Google, Apple, Microsoft. Zu Anfang, aber auch bis heute besitzen diese Unternehmen einen unfairen technologischen Vorteil, der als Grundlage ihres Geschäftsmodells dient.

Doch was zeichnet Deep Tech aus? Ihre Erfinder*innen greifen wenig bis gar nicht auf Bestehendes zurück, im Grunde entwickeln sie eine Technologie von Grund auf neu. Digital getriebene Deep-Tech-Kategorien sind unter anderem Blockchain, AI/KI oder Quantum Computing. Hinzu kommen Hardware- bzw. Engineering-lastige Kategorien wie BioTech, Advanced Materials, Drones & Robotics, New Energy oder Space Tech. Wichtiges Kriterium: Die neue Lösung hat einen wissenschaftlichen Ursprung und muss den bestehenden um Längen voraus sein, am besten um das Zehnfache. Daher spricht man auch von einem „10x-Unterschied“.

Wie kann ein(e) Gründer*in von solch fortschrittlichen Technologie profitieren und damit auch noch Geld verdienen? Eine berechtigte Frage, da Deep Tech offenkundig viel Forschungsarbeit benötigt und damit einiges an Zeit und Ressourcen bindet. Dazu sei gesagt: Gründer*innen müssen Technologien gar nicht unbedingt selbst erfinden bzw. entwickeln, es gibt sie bereits! Sie benötigen lediglich Zugriff darauf, um sie zu einem Geschäftsmodell weiterzuentwickeln beziehungsweise eine relevante Applikation darauf aufzubauen.

Der Zugang zu Deep Tech

Oftmals entsteht Deep Tech in Universitäten und Laboren. Sagen wir, eine Doktorandin forscht gemeinsam mit ihrem Professor nach einem Leichtbauwerkstoff für die Luftfahrt, und plötzlich ertönt ein lautes „Heureka“. Ein wissenschaftlicher Durchbruch, denn der neue Werkstoff ist leichter und günstiger als alle vergleichbaren. Nachdem die Jubelschreie verstummt sind, schlägt der Professor vor, ein gemeinsames Spin-off zu gründen; eine Ausgründung aus dem universitären Umfeld, das die Doktorandin leiten soll. Nunmehr sieht sich diese mit vielen neuen Fragen konfrontiert: Wie kann ich aus dem Werkstoff ein konkretes Produkt bauen? Wie kann dieses der Luftfahrtbranche helfen? Und wie erhalte ich Zugang zu den Entscheider*innen auf Kund*innenseite und finde obendrein Wagniskapitalgeber*innen? Es liegt auf der Hand, dass sie damit schnell überfordert ist, weil die Aufgaben völlig konträr zu jenen sind, die sie an der Universität zu bewältigen hatte.

Deep Tech beginnt nämlich in der Forschung als blanke Theorie, weit entfernt von einem marktreifen Produkt. Ziel im ersten Schritt ist es, einen Prototyp zu entwickeln und Sympathisant*innen zu finden. Nicht selten aber stirbt eine disruptive Idee in diesem Stadium, weil unklar bleibt, wie genau das Produkt aussieht, das dem/der Kund*in hilft. Den Gründer*innen fehlt der Zugang zu den richtigen Kontakten und das Wissen darüber, was der Markt im Detail benötigt. Und selbst wenn es den Gründer*innen gelingt, ein geeignetes Produkt zu entwickeln, wartet da noch das zweite Tal des Todes auf sie: Vertrieb und Marketing. Bis zu 100 Mal teurer kann der Aufbau und die Vermarktung einer Deep-Tech-Anwendung werden, als lediglich den zugrunde liegenden Technologiekern (Building Block) dahinter zu erarbeiten.

Deep Tech in seine Bausteine zerlegen

Die Lösung scheint, Deep Tech in seine Bestandteile zu zerlegen. Soll heißen, die zuvor erwähnte Doktorandin braucht rechtzeitig Hilfe, um den Prototyp zu entwickeln. Ihr Spezialgebiet ist nun mal die Forschung, und wenn sie ihren wissenschaftlichen Meilenstein in ein marktreifes Produkt überführen will, benötigt sie Zugang zum Markt. Das ist die Chance für Entrepreneur*innen und Co-Gründer*innen, deren Spezialität zwar nicht die Forschung, dafür aber die marktseitige Weiterentwicklung der Technologie in praktischer Anwendung ist. Sie bringen das mit, was der Doktorandin fehlt: ein Gespür dafür, was der Markt gebrauchen könnte und wie sich damit Geld verdienen lässt.

Und wie lässt sich jetzt beides verbinden? Zum einen muss der Doktorandin oder dem Team des schon gegründeten Forschungs-Spin-offs klar werden, dass ihre Lösung einen Building Block darstellt, der meist verschiedene Probleme in unterschiedlichen Vertikals lösen kann. Zum anderen braucht es dafür Applikationen, d.h. konkrete Produktanwendungen, die auf Basis der Deep Tech entwickelt werden, und natürlich Entrepreneur*innen, die das Marktgespür aus einer bestimmten Nische – besser noch – für ein spezifisches Industrieproblem mitbringen. Die Schnittstelle kann eine Kooperation oder ein Application Programming Interface (API) sein. Wichtig ist, dass der Building Block forschungsnah bleibt, damit er fortlaufend weiterentwickelt werden kann.

Die Monetarisierung erfolgt dann über ein separates Unternehmen, das den starken Technologievorteil in Form eines Produkts, respektive einer Anwendung im Zielmarkt verkauft. Mithilfe dieser Logik geht es weg von „Lab to Market“ hin zu „Market to Lab“. Der Prophet soll also nicht mehr zum Berg, sondern der Berg zum Propheten kommen. Derzeit ist das noch ein händischer Prozess, der stark auf Zufall und auf der Fähigkeit zu Netzwerken beruht. Gelingt es aber, sowohl den Markt als auch die Forschung anhand von greifbaren Erfolgen hierfür zu sensibilisieren, kann ein herausragendes Modell für beide Seiten resultieren. Und damit würde Entrepreneurship das Allzeitproblem des mangelhaften Technologietransfers lösen.

Um die Erfolgschancen zu erhöhen, ist eine Schnittstelle zwischen Forschung und Markt sinnvoll, eine sogenannte Middleware-Company (meist als Spin-off aufgesetzt), die sich als Building Block zwischen der Applikation und dem Deep-Tech-Ursprung befindet. Sie hat einerseits Zugang zu den Lehrstühlen mehrerer Universitäten, eben dorthin, wo Deep Tech oft seinen Ursprung hat. Andererseits beschäftigt sich die Middleware-Company nicht direkt mit Einzellösungen (Applikationen) am Markt, sondern fokussiert auf die Rolle des Enablers (ggf. sogar als Plattform) und stellt den Applikations-Companies den Technologiekern zur Verfügung. Das Risiko von Deep Tech wird aufgeteilt, da sich jede Partei auf ihr jeweiliges Fachgebiet konzentrieren kann. Das verschlankt den Prozess und reduziert die Gefahr, das Rad neu zu erfinden oder sich in unnötigen Aufgaben zu verlieren.

Die Zeit ist reif für Deep Tech

Zwischen 2016 und 2020 wuchs der Deep-Tech-Markt um das Vierfache, gemessen an den Investitionen. Beflügelt haben dieses Wachstum globale Probleme, allen voran das Bevölkerungswachstum und die Klimakrise. Deep Tech könnte sich als ein Problemlöser erweisen und Gründer*innen wie Wagniskapitalgeber*innen mit verteidigbaren Technologien ausstatten. Unter Umständen erweisen sich Technologie und Anwendungsfeld im ersten Moment als weniger fancy, als ursprünglich erdacht, aber dafür könnten die Parteien einen echten Fußabdruck hinterlassen und außerdem ein differenziertes Geschäftsmodell mit kraftvollem Kern entwickeln, der lange Zeit unangreifbar bleibt.

Daraus resultiert der eingangs erwähnte unfaire Vorteil, der sich allerdings gesellschaftlich betrachtet als äußerst fair erweisen könnte. Und das wiederum erfüllt die Arbeit der Gründer*innen mit mehr Freude und Sinnhaftigkeit. Das wäre mit einem wettbewerbsintensiven Geschäftsmodell wohl kaum realisierbar.

Der Autor Prof. Dr. Bastian Halecker ist Founding Partner des German Deep Tech Institutes und Deep Tech Entrepreneur­ship @ XU Exponential University, www.germandeeptech.institute

Digitalstage.io: Fanbindung 2.0

Die Berliner Plattform Digitalstage.io ermöglicht es Künstler*innen, mit ihren Fans weltweit digital in Kontakt zu treten und neuartige Monetarisierungsmodelle zu nutzen.

Die vergangenen zwei Jahre haben die Musikindustrie nachhaltig erschüttert: Die Corona-Pandemie sorgte für leere Konzerthallen und volle Live-Streams; (Live-)Musik gab es fast nur noch online. Vorbereitet war die Branche darauf nicht. Mit den Konzerten brach auch die Haupteinnahmequelle vieler Künstler*innen weg. Streams konnten die Lücke nicht schließen: Verdienten Künstler*innen und Label früher mit Live-DVDs noch einiges dazu, war der YouTube-Stream für viele nur noch ein zusätzliches Marketinginstrument. Im Lockdown waren Streams probate Mittel, Fans bei der Stange zu halten – Geld verdienen ließ sich mit ihnen aber nicht.

Ich habe Live-Konzerte vermisst

Richard Harless will das ändern: „Ich habe, wie viele Menschen, Live-Konzerte vermisst. Die Versuche vieler Künstler*innen, über Social Media mit ihrem Publikum in Kontakt zu treten, waren kein wirklicher Ersatz. Also habe ich begonnen, darüber nachzudenken, wie sich das Live-Erlebnis in den digitalen Raum transportieren ließe.“ Das Ergebnis heißt Digitalstage.io, eine Plattform, die nicht weniger will als die Beziehung zwischen Fans und Künstler*innen auf eine ganz neue Grundlage zu stellen.

Der seit vielen Jahren in Berlin lebende US-Amerikaner Richard ist in der Branche kein unbeschriebenes Blatt: Als Deutschlandchef machte er die Musik-App Shazam auch hierzulande zu einer Erfolgsgeschichte. Anschließend brachte er die Musiktext-Plattform Genius.com nach EMEA.

Live-Stream als Gamechanger

Die Gründung seines Unternehmens vollzog Richard Ende 2020, die ersten Events folgten in der ersten Hälfte des Jahres 2021. Bald begann Sony Music, die Plattform für seine Künstler*innen zu nutzen. Auch investorenseitig tat sich einiges: Nachdem Richard und einige Mitstreiter*innen die initiale Finanzierung selbst übernahmen, folgte 2021 zunächst eine Angel-Runde und Ende des Jahres eine Seed-Finanzierung.

Digitalstage.io ermöglicht es Künstler*innen, mit ihren Fans weltweit digital in Kontakt zu treten. Erstere erhalten dafür eigene Seiten, auf denen sie Events nach ihren Wünschen anbieten können: von gestreamten Live-Konzerten über Albumpremieren bis hin zu Interviews und Diskussionen. Dabei lassen sich etwa zum Stream-­Konzert Merchandise-Verkäufe oder Live-Chats, exklusive Meet and Greets nach dem Gig oder gar exklusive Sammlerstücke via NFT hinzufügen.

„Wir wollen Menschen ein Erlebnis bieten, wie sie es von realen Events kennen“, erläutert Richard. „Wir wollen das Verhältnis zu den Künstler*innen stärken, egal wo auf der Welt sie sind. Künstler*innen geben wir die Möglichkeit, diese Beziehung zu monetarisieren. Der Live-Stream soll nicht mehr nur ein Marketinginstrument sein – er rückt in den Mittelpunkt der Fan-Künstler*in-Beziehung.“

Doch das Ziel der Plattform geht darüber hinaus, eine Ergänzung zu realen Live-Erlebnissen zu bieten. Die Beziehung zwischen Künstler*innen und Fans zu stärken, heißt auch, sie aus ihrer Fragmentierung zu befreien, betont Richard: „Fans kaufen Alben, sie kaufen Konzerttickets, sie kaufen Merchandise. Doch das ist nur in den allerseltensten Fällen miteinander verbunden. Künstler*innen haben bislang keinerlei Kon­trolle über die kommerziellen Aspekte der Fanbeziehung. Sie wissen nicht, wer Tickets für ihre Shows oder ihre Alben kauft. Damit kennen sie auch nicht ihre Super-Fans, haben keine Ahnung, bei wem es sich lohnt, besondere Erlebnisse anzubieten, wer Backstage-Zugang verdient oder wer an exklusiven Sammlerstücken interessiert sein könnte.“ Digitalstage.io, so die Vision des Gründers, soll genau das ermöglichen.

Dezentrale Blockchain-Technologie

Dazu braucht es natürlich auch die passende technische Grundlage. Digitalstage.io setzt von Beginn an auf die dezen­trale Blockchain-Technologie. Mit der Celo-Blockchain hat das Unternehmen jetzt sein perfektes Fundament gefunden. Celo ist eine Mobile-First-Plattform, die auf Basis einer eigenen Blockchain-Infrastruktur Bezahlungen und Finanz-Apps für alle Smartphone-Nutzer*innen weltweit zugänglich machen will. So wie Celo mobiles Bezahlen demokratisiert, will Digitalstage.io dies für den Zugang von Künstler*innen und Fans zueinander leisten. Für eine Plattform, die zum Ziel hat, diese Beziehung zum Nutzen beider Seiten zu monetarisieren, ein optimaler Partner.

Das sehen auch die Macher hinter Celo so: Der von ihnen gestartete Early-Stage-Investmentfond Flori Ventures investierte im Rahmen der Pre-Seed-Finanzierung eine sechsstellige Summe in Digitalstage.io. Mehr noch: Gleichzeitig wurde das Berliner Unternehmen in das Accelerator-Programm Celo Camp aufgenommen, das Start-ups dabei unterstützen soll, gemeinsam Lösungen und Anwendungen für ein dezentrales und für alle offenes Finanzsystem zu entwickeln. Mit Erfolg: Digitalstage.io gehörte zu den Finalisten des letztjährigen Camps.

(Live-)Time is Money

Und auch sonst kann die Plattform nach gerade mal einem Jahr schon einiges vorweisen. Ihren Start hatte sie Anfang 2021 mit einer Livestream-Performance der deutschen Dark-Pop-Band Blackout Problems. Seitdem fanden auf der Plattform 57 Veranstaltungen unterschiedlichster Art und Größe statt. Auch manche große Namen haben die Plattform bereits genutzt. Rock-Superstars Kings of Leon etwa, die ihr neues Album auf Digitalstage.io vorstellten. Oder Star-DJ Martin Garrix, der exklusiv Fragen von Fans beantwortete. Oder Eurovi­sion-Gewinner Måneskin: Die italienische Band streamte ein Record-Release-Konzert mit begleitendem Chat live aus Berlin in Clubs in 18 Ländern.

„Die wichtigste Metrik für uns ist, wie lange die Menschen bei einem Event dabeibleiben, wie viel Zeit sie letztlich mit dem Künstler oder der Künstlerin verbringen“, betont Richard. „Und da ist Digitalstage.io extrem erfolgreich: Im Schnitt bleibt das Publikum für 95 Prozent der Dauer des Streams dabei – durchschnittlich mehr als 30 Minuten pro Event. Je mehr Zeit der Fan investiert, desto enger wird die Beziehung – und desto besser lässt sie sich auch monetarisieren.“

NFTs als Zukunftstrend

Dabei, so ist der Gründer überzeugt, spielen zukünftig NFTs eine wichtige Rolle. Diese bieten etwa Super-Fans die Möglichkeit, exklusiv digitale Sammlerstücke zu besitzen. Den Anfang machten Richard und sein Team im September 2021: Im Rahmen des Live-Streams zu einem Single-Launch von Sängerin und TikTok-Star Loi wurde ein viral gegangener und mit exklusivem Artwork versehener Ausschnitt des Songs als NFT-Sammlerstück angeboten.

Richard Harless sieht hier einen Zukunftstrend für die gesamte Branche: „NFTs werden die Fan-Künstler*in-Beziehung nachhaltig revolutionieren, denn sie können so viel mehr: Sie sind in der Lage, die Fragmentierung der kommerziellen Fan-Künstler*in-Beziehung aufzubrechen.“ Aus diesem Grund wird Digitalstage.io im ersten Quartal 2022 einen NFT-Musikmarktplatz starten. Auf diesem können Fans NFTs mit ihren Einkäufen sammeln, und Künstler*innen können dann ihren Fans genau definierte Inhalte anbieten. Erstmals wird es Künstler*innen damit möglich sein, beispielsweise Ticket- und Merchandise-Verkäufe miteinander zu verknüpfen und somit ihre größten Fans kennenzulernen.

Live-Streaming ist gekommen, um zu bleiben

Und noch einen zweiten Trend sieht Richard für die Zukunft: hybride Events. „Live-Streaming ist gekommen, um zu bleiben. Künstler*innen werden zukünftig jede Live-Show zu einem Live-Stream machen können. So rücken Künstler*innen und Fans mit- und untereinander viel enger zusammen, was ganz neue Interaktionen ermöglicht.“ Der Gründer sieht sein Unternehmen an der Spitze eines echten Wandels: „Wir befinden uns am Anfang einer völligen Neudefinition des Verhältnisses zwischen Künstler*in und Publikum. Statt voneinander getrennte Transaktionen greift zukünftig alles ineinander: Streams und Live-Konzerte, Ticketing und Merchandise-Verkäufe, das emotionale Erlebnis und die kommerzielle Beziehung.“ Richard Harless und sein Berliner Team sind entschlossen, diesen Wandel aktiv voranzubringen.