Gründer der Woche: Lunchio - die Mittagspause smart organisiert

Gründer der Woche 37/16


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Das Berliner Start-up Lunchio will mit seinem Online-Dienst eine neue, smarte Corporate Lunchkultur schaffen und hat sich dafür vor kurzem ein hohes sechsstelliges Seed-Investment gesichert. Über die Geschäftsidee und das Investment sprechen wir mit Co-Gründer und COO Deniz Caglayan.

Sie und Ihre Mitstreiter Jan Christian Saupe, Sebastian Blautzik und Dennis Ortmann haben 2015 in Witten gegründet. Wie sind Sie auf die Idee zu Lunchio gekommen?
Das war damals im Studium. Wir hatten am Wochenende häufiger Blockseminare, aber die Kantine war zu, so dass wir zum Mittagessen zu Restaurants gefahren sind. Die langen Wartezeiten aufs Bestellen, das Essen und am Ende noch auf die Rechnung führten dazu, dass wir häufiger zu spät zurück ins Seminar kamen. Wir dachten, dass das sicher ein Problem ist, dass nicht nur ein paar Studenten, sondern vor allem auch Berufstätige mit vollen Terminkalendern und wirklich wenig Zeit haben. Also suchten wir nach einer smarten, digitalen Lösung zur einfachen Organisation der Mittagspause in Unternehmen. Das war die Geburtsstunde zu Lunchio.

Welche Hürden hatten Sie bei der Realisierung Ihrer Idee zu meistern?
Anfangs standen natürlich erstmal viele Fragezeichen im Raum, was die reine Konzeptionierung anging, denn mit vielen Themen, die auf einmal relevant waren hatten wir uns vorher nie beschäftigt. Wir mussten uns anfangs also erstmal sehr viel Wissen aneignen, um unseren Markt und auch unser Geschäftsmodell besser zu verstehen. Eine weitere Hürde war, dass wir Lunchio zu Beginn komplett mit geringen Eigenmitteln finanziert haben. Das grenzt den Handlungsspielraum natürlich etwas ein, da man im Grunde alles selber machen muss. Also auch Dinge, zu denen man eigentlich nicht wirklich qualifiziert ist oder für die man keine Erfahrung hat. Es zeigt einem aber auch gut auf, was alles möglich ist, wenn man hart arbeitet und ein starkes Team um sich hat.

Wie funktioniert Lunchio?
Lunchio ist eine smarte Lösung zur Mitarbeiterverpflegung. Der Nutzer wählt ein umliegendes Restaurant oder Café aus, in dem er gerne zu Mittag essen möchte und kann sich per Lunch-Event direkt noch mit Kollegen verabreden. Als nächstes kann dann ganz bequem vom Schreibtisch aus das Mittagessen online zum Wunschzeitpunkt vorbestellt und bargeldlos bezahlt werden. Bei Ankunft im Restaurant wird das Essen direkt serviert oder steht bereits zur Abholung bereit. Es gibt also keinerlei Wartezeiten mehr und auch das lästige Bezahlen am Ende entfällt. Das ist besonders praktisch für die chronisch Bargeldlosen unter uns – vor allem, wenn das Restaurant keine Kartenzahlung akzeptiert, was gerade hier in Berlin oft der Fall ist.
Das Besondere an Lunchio: Ein Teil der Rechnung lässt sich mit Digitalen Essensmarken vom Arbeitgeber bezahlen. Diese sind direkt in Lunchio integriert und werden einfach beim Bestellen abgezogen. So können Mitarbeiter jeden Tag bis zu 6,20 Euro sparen.

Das Ziel ist demnach, Zeit und Geld in der Mittagspause zu sparen. Lässt sich das auch spontan, ohne lange Planung in einer Mittagspause realisieren?
Wir glauben, dass wir mit unserem Konzept eine gute Lösung gefunden haben, um dem Nutzer beides zu ermöglichen. Wer gutes Essen und eine nette Atmosphäre schätzt und darauf mittags trotz vollen Terminkalenders nicht verzichten möchte, ist bei Lunchio genau richtig.

Sie zielen auf Angestellte und deren Mittagspause ab. Der Nutzen für die Mitarbeiter ist klar. Sie möchten aber auch mit den betreffenden Arbeitgebern ins Geschäft kommen. Was bieten Sie diesen konkret an?
Unternehmen können ihren Mitarbeitern mit Digitalen Essensmarken von Lunchio ein Essensbudget zur Verfügung stellen und so jährlich über 1300 Euro an Lohnnebenkosten einsparen. Die ganze Abwicklung erfolgt unkompliziert und komplett online. Neben diesem Einsparpotenzial, dass Unternehmen mit Lunchio aktivieren, ist es auch eine hervorragende Maßnahme für Employer Branding. Wir bekommen zusätzlich das Feedback, dass sich die Unternehmenskultur verbessert, wenn sich Mitarbeiter untereinander per Lunch-Event zum Mittagessen verabreden und sich so besser vernetzen. Hierfür werden wir in Zukunft auch weitere Features entwickeln, geplant ist beispielsweise ein "Secret Lunch", bei dem sich zwei Mitarbeiter per Zufall zum Mittagessen verabreden. So lernt der Marketing-Projektleiter den Lead Developer kennen und die interne Unternehmenskommunikation und Kultur wird zusätzlich verbessert.

Wie aufwändig ist es, Gastronomen von Ihrer Idee zu überzeugen? Und wie offen sind diese für neue Wege und neue Strukturen in ihren Lokalen?
Natürlich mangelt es aktuell gerade nicht an neuen Food Start-ups, vor allem hier in Berlin. Das merkt man natürlich auch im Vertrieb. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Gastronomen es schätzen, dass wir ihnen wieder mehr Gäste ins Restaurant bringen und mit unserem Corporate-Ansatz umliegende Unternehmen ansprechen. Eine Zusammenarbeit mit Lunchio ist für sie lohnenswert, da sie so einerseits den Umsatz durch einen höheren Tischumschlag steigern, ein neues Kundensegment ansprechen und ihr Restaurant über den Mittagstisch hinaus bekannt machen. Die Gastronomen merken aber auch, dass die Digitalisierung in ihrer Branche angekommen ist und sich dadurch viele neue Chancen ergeben. Sehr engagiert ist da unter anderem die Metro Group, nicht zuletzt durch ein eigenes Accelerator-Programm für digitale Gastronomie- und Hotellerie-Konzepte, mit der wir sehr eng zusammenarbeiten.

In welchen Städten können hungrige und zeitgeplagte Kunden Ihren Service derzeit nutzen?
Aktuell sind wir am stärksten in Berlin vertreten. Wir haben aber auch in Nordrhein-Westfalen, speziell im Ruhrgebiet aufgrund unserer Anfänge dort einige Partner-Restaurants, z.B. in Bochum, Dortmund und natürlich in Witten, aber auch in Düsseldorf sind wir vertreten.

Sie sind inzwischen von Witten nach Berlin übersiedelt. Lässt sich ein solches Online-Business nur aus der Start-up-Metropole steuern?
Sicher nicht ausschließlich, aber es hat schon entscheidende Vorteile. Berlin ist für Start-ups eine unglaublich interessante und attraktive Stadt, die aufgrund der kulturellen Vielfalt und offenen, pulsierenden Atmosphäre viele Talente anzieht. Und natürlich lässt sich in Berlin als Start-up-Hotspot auch ein größeres Netzwerk zu Investoren aufbauen, als vielleicht im Ruhrgebiet. Letztlich ausschlagend für den Umzug nach Berlin war aber unsere Aufnahme in den Techstars Metro Accelerator letztes Jahr.

Sie haben vor kurzem finanzstarke Geldgeber für sich und Ihr Business gewinnen können. Es wird von einer hohen sechsstelligen Summe gesprochen: Wie haben sie die Finanziers überzeugt und wofür wird das frische Kapital eingesetzt?
Die Mittel fließen zum größten Teil in Entwicklung und Vertrieb. Wir freuen uns sehr, mit Dr. Max Iann einen Investor gefunden zu haben, der uns nicht nur finanziell unterstützt, sondern auch strategisch durch seine langjährige Erfahrung als erfolgreicher Unternehmer und durch sein exzellentes Netzwerk. Er teilt unsere Vision einer Corporate Lunch Culture, in der Unternehmen ihren Mitarbeiter Digitale Essensmarken zur Verfügung stellen und diese damit gemeinsam mit Kollegen ihr Mittagessen in den umliegenden Restaurants online vorbestellen und bezahlen.

Sie sind mit Ihrem Thema Corporate Lunchkultur nicht allein auf weiter Flur. So bietet etwa das Start-up Foodninja ein ähnliches Konzept an – wie hart ist der Markt?
Wie gesagt, mangelt es aktuell sicher nicht an Start-ups aus dem Bereich Food/Tech, wobei das Thema Corporate Lunchkultur da aktuell vielleicht noch eher ein Nischendasein pflegt, allerdings mit sehr viel Potenzial. Was sowohl unsere B2B-Kunden sowie deren Mitarbeiter, als auch unsere Investoren und Partner schätzen ist, dass Lunchio die Interessen aller drei Stakeholder-Gruppen, nämlich Unternehmen, Mitarbeiter und Restaurants gleichermaßen bedient.

Wohin geht Ihre Business-Reise? Was sind die nächsten Steps?
Aktuell konzentrieren wir uns auf das Onboarding von Unternehmen, die sich bereits für Lunchio als Mitarbeiterverpflegung entschieden haben. Unser Kundenportfolio erstreckt sich dabei von kleineren Agenturen mit 30 Mitarbeitern bis zu anderen Start-ups mit über 500 Mitarbeitern. So wie diese Firmen wollen wir zukünftig noch weitere Unternehmen von Lunchio überzeugen und mittelfristig auch in neue Städte gehen. Für 2017 ist dann eine Series-A Finanzierungsrunde geplant. Wir möchten mit Lunchio erste Wahl sein für Mitarbeiter, Unternehmen und Restaurants, wenn es um eine smarte und effiziente Organisation der Mittagspause geht und sehen uns als Pionier auf diesem Gebiet.

Last but not least: Was raten Sie anderen Gründern aus eigener Erfahrung?
Es ist wichtig eine gute Mischung zu finden aus "an die eigene Vision glauben" und trotzdem offen für konstruktives Feedback zu sein. Erfahrene Mentoren und die eigenen Kunden sind oft die besten Ratgeber und man sollte sich Zeit nehmen, ihre Hinweise aufzunehmen und zu verarbeiten.

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Das Interview führte Hans Luthardt

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50 Mio. US-Dollar-Series A-Runde für Berliner FinTech Midas

Das 2024 von Dennis Dinkelmeyer, Fabrice Grinda und Romain Bourgois gegründete Web3-Start-up Midas sammelt 50 Mio. $ ein, um tokenisierte Vermögenswerte sofort liquide zu machen. Das frische Kapital soll primär in die Entwicklung und Skalierung der sogenannten Midas Staked Liquidity (MSL) fließen.

Der Markt für tokenisierte Vermögenswerte (Real World Assets, kurz RWA) wächst rasant, leidet jedoch noch immer an einer strukturellen Hürde: Während Kryptomärkte rund um die Uhr in Echtzeit handeln, sind traditionelle Finanzprodukte im Hintergrund oft an klassische, mehrtägige Abwicklungszyklen gebunden. Wenn Investor*innen ihre Token in liquide Mittel zurücktauschen wollen, kommt es unweigerlich zu Verzögerungen. Genau diese Lücke will das Berliner FinTech Midas nun schließen und hat dafür massiv Kapital aufgenommen.

Wie das Unternehmen heute mitteilte, flossen in einer Series-A-Finanzierungsrunde 50 Millionen US-Dollar (rund 46 Millionen Euro). Angeführt wird die Runde von den Venture-Capital-Firmen RRE Ventures und Creandum. Zu den weiteren Geldgebern zählen namhafte Branchengrößen wie Framework Ventures, Coinbase Ventures sowie der traditionelle Vermögensverwalter Franklin Templeton, der selbst bereits stark im Bereich tokenisierter Anlageprodukte aktiv ist. Mit der aktuellen Runde steigt das Gesamtfinanzierungsvolumen des Start-ups auf knapp 59 Millionen US-Dollar.

Das Gründerteam aus TradFi und Web3

Hinter Midas, das 2024 gegründet wurde, steht ein Team, das tiefes Wissen aus der traditionellen Finanzwelt (TradFi), dem Venture Capital und dem dezentralen Finanzsektor (DeFi) vereint. An der Spitze steht CEO und Mitgründer Dennis Dinkelmeyer, der vor der Gründung im Investment Research bei Branchengrößen wie Goldman Sachs und der Capital Group tätig war. Er bringt das essenzielle Verständnis für die Strukturierung institutioneller Anlageprodukte in die Blockchain-Welt ein.

Ergänzt wird die Führungsriege durch Executive Chairman und Mitgründer Fabrice Grinda. Als Gründungspartner des Investmentfonds FJ Labs gehört Grinda zu den weltweit aktivsten Angel-Investoren. Er steuert neben Kapital und einem enormen Netzwerk auch operative Erfahrung bei, die er unter anderem als Co-Gründer der für über eine Milliarde US-Dollar übernommenen Plattform OLX sammelte. Komplettiert wird das Führungstrio von Mitgründer Romain Bourgois. Der Tech-Experte war fast ein Jahrzehnt in leitenden Produktrollen beim AdTech-Giganten Criteo tätig, bevor er als Head of Product zum US-Konkurrenten Ondo Finance wechselte. Dort leistete er maßgebliche Pionierarbeit bei der Entwicklung und Skalierung der ersten großen tokenisierten US-Staatsanleihen, wie etwa OUSG und USDY.

Fokus auf „Midas Staked Liquidity“ (MSL)

Das frische Kapital soll primär in die Entwicklung und Skalierung der sogenannten Midas Staked Liquidity (MSL) fließen. Dabei handelt es sich um einen dedizierten Liquiditätspuffer, gegen den die firmeneigenen Token (mToken) jederzeit und ohne Wartezeit eingelöst werden können. Für institutionelle Investoren, die Treasury- und Portfolio-Management auf der Blockchain betreiben, ist diese sofortige Liquidität ein entscheidendes Kriterium.

Bisher mussten Rendite-Investoren oft zwischen der sofortigen Handelbarkeit und den Erträgen von DeFi-Protokollen abwägen – MSL soll diesen Kompromiss überflüssig machen. Die Midas-Plattform überführt dafür institutionelle Anlagestrategien, wie etwa Staatsanleihen (mTBILL) oder Basis-Handelsstrategien (mBASIS), in regulierungskonforme Token, die nahtlos in DeFi-Netzwerke wie Morpho oder Pendle integriert werden können. Nach eigenen Angaben hat Midas seit dem Start Token im Gesamtwert von über 1,7 Milliarden US-Dollar emittiert und dabei Erträge in Höhe von 37 Millionen US-Dollar an seine mehr als 20.000 Nutzer ausgeschüttet. Das Fintech finanziert sich dabei über Gebühren, die auf diese erwirtschafteten Renditen erhoben werden.

Die Brücke zwischen Wall Street und Blockchain

„Wir arbeiten auf eine Zukunft hin, in der Investitionen wie das Internet funktionieren: offen, transparent, kombinierbar und standardmäßig zugänglich“, formuliert CEO Dennis Dinkelmeyer den Anspruch des Unternehmens. Vic Singh, General Partner bei RRE Ventures, teilt diese Vision: Die Tokenisierung werde die globalen Kapitalmärkte fundamental verändern, sobald die traditionelle Finanzwelt ihre Infrastruktur vollständig auf die Blockchain verlagere.

Neben der Etablierung von MSL plant Midas, das frische Kapital für die Erschließung weiterer Anlageklassen und den Ausbau von Partnerschaften zu nutzen. Mit dem Einstieg von Schwergewichten wie Franklin Templeton und Coinbase Ventures positioniert sich das 2024 gegründete Unternehmen damit als einer der zentralen Infrastrukturanbieter an der lukrativen Schnittstelle zwischen klassischem Finanzwesen und der Krypto-Ökonomie.

Gründer*in der Woche: SpeakerMatching.com – Disruption auf der Bühne

Die Eventbranche wächst, doch die Suche nach den passenden Köpfen für die Bühne gleicht oft noch einem analogen Kraftakt. Mit der Plattform SpeakerMatching.com will eine erfahrene Seriengründerin den Spieß nun umdrehen. Es ist ein klassisches Plattform-Play ohne die üblichen Vermittlungsprovisionen – doch kann sich das Modell gegen etablierte Branchengrößen durchsetzen? Wir haben die Gründerin Henriette Hochstein-Frädrich befragt.

Hinter SpeakerMatching.com, im November 2025 als B2B-Marktplatz gelauncht, steht Henriette Hochstein-Frädrich. Sie kennt den Schmerz der Branche nicht nur vom Hörensagen. „Ich kenne den Markt nicht nur als Plattformunternehmerin, sondern auch aus zwei weiteren sehr praktischen Perspektiven: Seit vielen Jahren stehe ich selbst als Speakerin und Moderatorin auf Bühnen, und zugleich habe ich eigene Eventformate und Veranstaltungsreihen im Bereich modernes Female Empowerment konzipiert und umgesetzt“, erinnert sich die Gründerin.

„Gerade als Veranstalterin wurde mir immer wieder bewusst, wie zeitaufwendig, intransparent und teilweise zufallsgetrieben die Suche nach passenden Rednerinnen sein kann“, bringt sie das Kernproblem auf den Punkt. Gleichzeitig habe sie beobachtet, wie sich der Markt zunehmend professionalisiere: „Es gibt mehr Expertinnen, mehr Themen, mehr Formate, aber bislang keine wirklich zeitgemäße digitale Infrastruktur, die Angebot und Nachfrage effizient zusammenführt.“

Dass sie diese Infrastruktur bauen kann, hat sie in der Vergangenheit bewiesen: 2009 gründete sie Pharmatching.com, baute es zur Branchengröße auf und verkaufte es 2017. „Aus meinen früheren Plattformgründungen habe ich vor allem drei zentrale Lektionen mitgenommen: Erfolgreiche Marktplätze lösen ein echtes, konkretes Problem. Vertrauen und Qualität sind im B2B-Umfeld entscheidend. Und nicht zuletzt spielt Timing eine größere Rolle, als viele denken“, betont Hochstein-Frädrich.

Rollentausch statt Kaltakquise

Das Timing sei deshalb ideal, weil Veranstaltende heute Plattformlogiken und Self-Service-Modelle erwarten, wie sie sie aus anderen B2B-Märkten längst kennen. Der Kern von SpeakerMatching.com liegt in der Umkehrung des klassischen Buchungsprozesses. Veranstaltende formulieren ihr Gesuch kostenfrei auf der Plattform, woraufhin sich Speaker*innen direkt bewerben können. Das Start-up finanziert sich stattdessen über Abonnements für die Rednerinnen.

„Uns war von Anfang an wichtig, ein sehr niedrigschwelliges und zugleich faires Preismodell für Speaker*innen zu schaffen“, rechnet die Geschäftsführerin vor. Die monatlichen Mitgliedschaften liegen zwischen rund 59 und 89 Euro. „Wenn über die Plattform ein einzelner Auftrag im mittleren vierstelligen Bereich zustande kommt, hat sich die Investition für viele Redner*innen bereits mehrfach amortisiert.“ Sie stellt aber auch klar: „SpeakerMatching.com ist ein Marktplatz, kein Management- oder Vermittlungsvertrag.“

Doch wie verhindert man eine Flut an unpassenden Bewerbungen? „Die Sorge vor einer unüberschaubaren Bewerbungsflut ist absolut nachvollziehbar, gerade bei offenen Plattformmodellen“, räumt die Gründerin ein. Da Veranstaltende jedoch Parameter wie Budget, Zielgruppe oder Sprache sehr konkret vorgeben, entstehe eine starke Vorfilterung. „Unsere bisherigen Erfahrungen aus den ersten Monaten zeigen sehr deutlich: Unpassende ‚Blindbewerbungen‘ sind die absolute Ausnahme“, versichert Hochstein-Frädrich. Zwar sollen perspektivisch KI-basierte Funktionen eine stärkere Rolle spielen, doch die Vision bleibt menschlich: „Unser Ziel ist daher kein vollständig automatisiertes ‚Black-Box-Matching‘, sondern eine intelligente Plattform, die Entscheidungsprozesse vereinfacht und die Qualität der Interaktionen erhöht.“

Um das Problem des Bypassings – also den Abschluss an der Plattform vorbei – zu umgehen, werden Event-Gesuche zunächst anonymisiert veröffentlicht. „Erst wenn sie passende Bewerbungen erhalten und aktiv in den Austausch gehen möchten, geben sie ihre Identität preis“, erklärt die Gründerin den Prozess. „Wenn Speaker*innen über SpeakerMatching.com kontinuierlich relevante Anfragen erhalten und Veranstaltende effizient passende Expertinnen finden, entsteht eine stabile Win-Win-Dynamik. Genau darauf ist das Modell ausgelegt.“

Markt, Wettbewerb und organisches Wachstum

Der Markt wächst kontinuierlich, wird aber von großen Redneragenturen wie Speakers Excellence oder Premium Speakers dominiert. Diese arbeiten stark kuratiert und rufen oft hohe Vermittlungsprovisionen auf. Um in diesem zweiseitigen Markt das klassische Henne-Ei-Problem zu überwinden, verzichtet die Plattform auf der Veranstaltendenseite auf Gebühren.

Finanziert ist das Vorhaben bisher weitgehend aus eigener Kraft. „Aus meinen früheren Gründungen weiß ich, wie wichtig es gerade in der frühen Phase eines zweiseitigen Marktplatzes ist, Produkt, Zielgruppe und Marktmechanik zunächst sehr präzise zu verstehen und organisch zu entwickeln“, lautet ihr Credo. „Plattformmodelle brauchen Zeit, Vertrauen und kritische Masse, das lässt sich nicht ausschließlich mit Kapital ‚beschleunigen‘, sondern vor allem durch konsequenten Nutzen für beide Marktseiten“.

Dabei grenzt sie sich bewusst von stark kuratierten Agenturen ab. Der Mix aus etablierten Persönlichkeiten und neuen Stimmen sei genau das, was der Markt heute suche. Viele Unternehmen wünschen sich heute bewusst mehr Vielfalt auf ihren Bühnen. „Dabei verstehen wir Diversität nicht nur im klassischen demografischen Sinn, sondern auch als Vielfalt an Perspektiven, Erfahrungen und Denkweisen“, so Hochstein-Frädrich.

Den Vorstoß in Richtung Full-Service-Agenturen samt Ausfallversicherungen bremst sie indes ab. „Im Moment konzentrieren wir uns bewusst darauf, das Matching selbst so gut wie möglich zu machen. Alles Weitere kann – zumindest vorerst – auch von anderen Playern im Ökosystem übernommen werden.“

Fazit

Das Speaker-Business ist traditionell ein echtes People Business. Bei Keynotes für teils fünfstellige Honorare verlassen sich viele Großkund*innen gern auf die persönliche Beratung einer Agentur, die im Krankheitsfall sofort für Ersatz sorgt. Diesen Full-Service kann ein Self-Service-Marktplatz aktuell nur schwer vollumfänglich abbilden.

Dennoch ist SpeakerMatching.com ein mutiger und zeitgemäßer Angriff auf die verkrusteten und provisionsgetriebenen Strukturen der Eventbranche. Gelingt es, rasch eine kritische Masse an hochwertigen Event-Gesuchen zu generieren, hat die Plattform das Potenzial, Angebot und Nachfrage künftig deutlich schneller zusammenzubringen.

Mediennutzung 2026: Zwischen KI-Frust, Abo-Müdigkeit und neuen Chancen für Start-ups

Die Deutschen experimentieren so intensiv wie nie mit künstlicher Intelligenz (KI), sind aber zunehmend genervt von Deepfakes und „Content ohne Mehrwert“. Gleichzeitig sehnt sich der überhitzte Streaming-Markt nach einer drastischen Konsolidierung. Die aktuelle Deloitte-Studie „Media Consumer Trends 2026“ liefert nicht nur Bestandsaufnahmen, sondern zeigt deutlich, wo für Gründer*innen und Tech-Unternehmen jetzt die wahren Opportunitäten liegen.

Social Media bleibt der unangefochtene Platzhirsch der Medienlandschaft: 78 Prozent der Konsument*innen in Deutschland sind auf den Plattformen aktiv, bei der Gen Z (unter 25 Jahre) sind es sogar satte 91 Prozent. Fast die Hälfte dieser jungen Zielgruppe nutzt Instagram, TikTok und Co. heute intensiver als noch im Vorjahr. Doch ein Blick unter die Oberfläche offenbart Risse im digitalen Fundament – und die haben maßgeblich mit dem rasanten Einzug generativer künstlicher Intelligenz (KI) zu tun.

Das KI-Paradoxon: Große Kreationslust, massives Vertrauensproblem

Auf der Creator-Seite ist KI bereits Alltag. 22 Prozent der Befragten haben laut Deloitte schon Bilder per KI erstellt, jeder Zehnte generiert Videos oder Musik. Auch die Zahlungsbereitschaft ist überraschend hoch: Jeder Fünfte wäre bereit, monatlich über 10 Euro für entsprechende Tools auszugeben.

Auf der Konsument*innenseite jedoch kippt die Stimmung bedenklich. Zwei Drittel der Nutzer*innen geben an, dass sie KI-generierte Inhalte im Netz nicht mehr zuverlässig erkennen können. Schlimmer noch: 56 Prozent klagen über eine wachsende Flut an KI-generierten Postings „ohne Mehrwert“ – schlichtweg digitaler Spam. Die Konsequenz dieser Verunsicherung zeigt sich bereits in den Nutzungsdaten: Erste Altersgruppen, insbesondere Nutzer*innen ab Mitte 50, beginnen, ihren Social-Media-Konsum aktiv zurückzufahren.

Die Start-up-Perspektive: Die Zeiten des blinden KI-Hypes sind vorbei. Wer als Gründer*in heute rein quantitativ auf automatisierte Content-Erstellung setzt, riskiert Reichweite und Glaubwürdigkeit. Wie Deloitte-Expertin Sophie Pastowski anmerkt, braucht es dringend „transparente Kennzeichnung, um Vertrauen im digitalen Raum zu stärken.“ Genau hier entsteht ein massiver Zukunftsmarkt für „Trust-Tech“-Start-ups: Werkzeuge, die Authentizität verifizieren, Deepfakes zuverlässig herausfiltern, digitale Wasserzeichen etablieren oder Content-Provenance (Herkunftsnachweise) sichern, werden zu kritischen Erfolgsfaktoren für Plattformen und Verlage.

Streaming-Kollaps: Die Sehnsucht nach dem Super-Aggregator

Auch im Video-Streaming-Markt (SVoD) stehen die Zeichen auf Wandel. Der Markt ist in einer Reifephase angekommen: Zwar verbringen die Deutschen immer mehr Zeit mit Streaming, doch die Abo-Zahlen stagnieren. Mit durchschnittlich 2,5 Abos bei 64 Prozent der Haushalte ist die finanzielle und nervliche Schmerzgrenze offenbar erreicht.

Die Fragmentierung des Marktes wird zum Bumerang. Die Hälfte der Konsument*innen findet das zersplitterte Angebot unübersichtlich; das ständige Suchen nach Inhalten über verschiedene Apps hinweg („Decision Fatigue“) nervt. Das Resultat ist ein lauter Ruf nach Bündelung: 43 Prozent der Nutzer*innen wünschen sich eine plattformübergreifende Aggregation ihrer Dienste. Der Haken für Anbietende: 60 Prozent erwarten im Gegenzug für ein solches Bundle einen spürbaren Preisvorteil.

Die Start-up-Perspektive: Der Markt schreit nach einer funktionierenden Meta-Ebene. Wer es schafft, die zersplitterte Content-Landschaft in einer nutzer*innenfreundlichen Oberfläche (Super-App) mit intelligenter, plattformübergreifender Suchfunktion und klugem Pricing zu bündeln, trifft den absoluten Nerv der Zeit. Das reine Hinzufügen eines weiteren Nischen-Streamingdienstes dürfte es hingegen 2026 schwerer denn je haben.

Audio: Der harte Kampf um das knappe Gut „Glaubwürdigkeit“

Im Audio-Segment setzt sich der Strukturwandel fort. Podcasts boomen weiter und haben bei den 25- bis 34-Jährigen das klassische Radio bereits als wichtigstes Medium überholt. Doch das Radio verzeichnet mit 65 Prozent wöchentlicher Reichweite weiterhin eine enorme Resilienz. Der Grund ist ein entscheidender USP, von dem digitale Kanäle lernen können: Vertrauen. Wenn es um harte Informationen und die Nachrichtenlage geht, stufen 54 Prozent der Hörer das Radio als informativer und verlässlicher ein – Podcasts kommen hier nur auf 19 Prozent.

Fazit

Die Mediennutzung 2026 ist stark paradox geprägt: Technologie durchdringt die Erstellung von Inhalten immer tiefer, doch die Sehnsucht der Nutzer*innen nach Authentizität, Übersichtlichkeit und verlässlichen Quellen wächst proportional dazu. Für Start-ups bedeutet dies einen strategischen Paradigmenwechsel. Nicht das nächste Tool zur Erstellung von noch mehr billigem KI-Content ist der heilige Gral, sondern Lösungen, die in der Informationsflut Orientierung schaffen, Fragmentierung auflösen und echtes Vertrauen im digitalen Raum aufbauen. Wer diese Schmerzpunkte adressiert, hat im hart umkämpften Medienmarkt der kommenden Jahre exzellente Karten.

Selbstständigen-Report 2026: Wachsender Frust in der Gründer*innen-Szene

Der neue Selbstständigen-Report 2026 zeichnet das Bild einer demoralisierten Leistungsträger*innenschicht: Immer mehr Selbständige schätzen ihre wirtschaftliche Lage als prekär ein und fühlen sich von der Politik im Stich gelassen. Doch wer steckt hinter diesen alarmierenden Zahlen, und wie ist die Lage für Gründer*innen und Start-ups strategisch einzuordnen?

Herausgegeben wird der Report als Gemeinschaftsprojekt von WISO MeinBüro und dem Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland e.V. (VGSD). Die aktuelle Umfrage, an der sich zwischen Mitte Dezember 2025 und Mitte Februar 2026 insgesamt 2684 Personen beteiligten, zeigt die harte Realität der Solo-Selbständigen.

Nur noch knapp 46 Prozent schätzen die Lage ihres Unternehmens als gut bis hervorragend ein. Der Report zeigt einen deutlichen Abwärtstrend: 2024 waren es noch 55 Prozent, im Jahr 2018 waren es sogar 60 Prozent. Thüringen bildet 2026 mit nur rund 37 Prozent Zufriedenheit das Schlusslicht. Nur in Brandenburg scheint sich die Lage gebessert zu haben: Dort bewerteten rund 46 Prozent der Befragten die wirtschaftliche Lage ihres Unternehmens als gut.

Rund 90 Prozent der Befragten teilten mit, dass sie sich als Selbständige überhaupt nicht bis wenig von der Politik respektiert fühlen. Rund 38 Prozent der Befragten haben in den letzten zwei Jahren darüber nachgedacht, auszuwandern. Bürokratie ist dabei der potenzielle Auswanderungsgrund Nummer eins, genannt von 41,6 Prozent der Umfrageteilnehmenden.

Ein besonderer Dorn im Auge der Unternehmer*innen ist zudem das heikle Thema Scheinselbständigkeit, dessen Dringlichkeit bei vielen Befragten noch nicht vollends angekommen zu sein scheint. Im behördlichen Prüfverfahren wird immer nur ein Auftraggebender konkret angeschaut. Dieses Statusfeststellungsverfahren birgt enorme rechtliche und finanzielle Unsicherheiten bei den Selbständigen.

Ebenso sorgt neue Gesetzgebung für Unmut: Seit dem 1. Januar 2026 gilt die Aktivrente. Rentner*innen können bis zu 2.000 Euro monatlich steuerfrei dazuverdienen, wenn sie in einem Angestellt*innenverhältnis sind. Selbständige Rentnerinnen und Rentner dagegen sind weiterhin voll steuerpflichtig. Rund 81 Prozent der Befragten finden diese Ungleichbehandlung ungerecht.

Fazit

Die Hauptmotivationen, selbständig zu sein, sind – wie auch bei den letzten beiden Befragungen – eigenbestimmtes Arbeiten und flexible Arbeitszeiten. Trotz aller Widrigkeiten würden sich mehr als 83,3 Prozent der Befragten wieder selbständig machen.
So zieht Dr. Andreas Lutz, VGSD e. V., das Fazit: „Die Ergebnisse zeigen eine Mischung aus dem für Selbstständige typischen Unternehmergeist, Resilienz und Durchhaltevermögen einerseits und einem hohen Maß an Frustration über die politischen Rahmenbedingungen andererseits. Viele Selbstständige blicken nicht optimistisch, aber sehr realistisch auf die Zukunft: Sie erkennen die Herausforderungen der Zeit, leiten Maßnahmen ab, treiben ihr Geschäft aktiv voran und tragen auch in schwierigen Zeiten Verantwortung. Dieses Potenzial für Wirtschaft und Gesellschaft muss die Politik erkennen und nutzen – und Bedingungen schaffen, die es ihnen nicht weiter unnötig schwer machen. Genau darin liegt die politische Botschaft dieses Reports.“

Der gesamte Report sowie weitere Informationen stehen hier zum kostenlosen Download bereit: https://www.meinbuero.de/selbststaendigen-report-2026/

Gründerin der Woche: beZUG – vom Pendler-Frust zur Gründung

Wer regelmäßig ICE fährt, kennt den kritischen Blick auf das Kopfkissen: Der Zug rollt, aber man zögert, sich anzulehnen. Johanna Hoeflich wollte dieses Dilemma zwischen „Nähe und Distanz“ nicht länger hinnehmen und entwickelte den beZUG. Was als Nähprojekt für den Eigenbedarf begann, ist heute ein junges Unternehmen – mehr dazu im Interview mit der Gründerin.

Das Hygiene-Problem beim Bahnfahren kennen wir alle. Aber vom Ärgernis zur Gründung ist es oft ein weiter Weg. Was war der konkrete Auslöser, tatsächlich eine Firma anzumelden?

Mein Mann pendelt täglich mit dem ICE zwischen Stuttgart und Mannheim. Er ist morgens immer früh unterwegs und möchte häufig noch einmal die Augen schließen auf der Fahrt. Das hat ihn immer Überwindung gekostet, also haben wir nach einer Lösung gesucht, die es jedoch nicht gab. Nachdem wir den beZUG dann entwickelt hatten, gab es reges Interesse im Freundes- und Bekanntenkreis. Das bestärkte mich darin ein Business daraus zu machen.

Sie haben Ihre Prototypen live im Zug getestet. Wie viele skeptische Blicke oder Kommentare von Mitreisenden mussten Sie aushalten, bis die Passform saß?

Ehrlichweise sind Bahnfahrende relativ tolerant außergewöhnlichem Verhalten gegenüber, solange man den anderen nicht stört. Die Kissen hat mein Mann meist morgens vermessen, da abends die Züge einfach zu voll sind. Aber morgens um diese Uhrzeit gilt offenbar das Prinzip: „Mind your own Business“, sodass manches Mal verwunderte Blicke kamen, aber angesprochen wurde er darauf nicht.

Lassen Sie uns über das Risiko sprechen. Ihr Produkt ist technisch einfach: Stoff und Gummizug. Was ist Ihr Schutzwall gegen Billig-Kopien aus Fernost, die das morgen für den halben Preis anbieten könnten?

Das ist eindeutig ein kritischer Punkt. Daher habe ich mir diese Frage ebenfalls sehr früh gestellt und ein Gebrauchsmuster angemeldet. Dieses ist nun tatsächlich auch eingetragen. Zudem habe ich mich von vornherein für faire Produktionsbedingungen innerhalb Europas entschieden. Da der beZUG mit Haut in Berührung kommt war mir auch die Stoffqualität wichtig. Der beZUG ist aus Bekleidungsstoff gefertigt, welcher OEKOTEX 100 zertifiziert ist. Das sind Aspekte bei denen Billigware in der Regel nicht punkten kann. Zudem ist das Produkt eines was explizit auf den deutschen Markt zugeschnitten ist. Da bleibt abzuwarten, ob sich ein Anbieter aus Nahost überhaupt dafür interessiert.

Ein weiteres Thema ist die Abhängigkeit. Ihr Geschäftsmodell basiert zu 100 Prozent auf den Sitzen der Deutschen Bahn. Wie gehen Sie mit diesem „Klumpenrisiko“ um, das heißt, was tun, wenn die Bahn morgen das Sitzdesign radikal ändert?

Diesen Punkt sehe ich relativ entspannt. Laut DB nutzen jeden Tag 400.000 Personen die Fernverkehrsstrecken der Bahn. Eine relevant große Zielgruppe ist also vorhanden. Bezüglich des ICE-Designs wurde im letzten Jahr erst die neueste Generation des ICEs, der ICE L, vorgestellt. Und auch in diesem sind Kopfkissen verbaut. Zudem werden die vorherigen Generationen des ICE nach wie vor weiter eingesetzt. Die Kopfkissen in den verschiedenen Zug-Generationen sind ein wenig unterschiedlich. Der beZUG ist jedoch so designt, dass er auf allen Kissen universell eingesetzt werden kann.

Sie haben als UG gegründet, vermutlich um die Hürden niedrig zu halten. Ist beZUG ein klassisches Bootstrapping-Projekt aus dem Cashflow, oder suchen Sie aktiv nach Investoren für das schnelle Wachstum?

Richtig, die beZUG ist aus Eigenkapital entstanden und der Plan ist auch aus eigenem Cashflow zu wachsen. Das impliziert jedoch ein kontinuierlich moderates Wachstum. Aber müssen, wie bei fast jedem produzierenden Unternehmen, Material und Produktion vorfinanziert werden. Sollte somit das limitierte Budget die Bedienung einer schnell wachsenden Nachfrage ausbremsen, müssen auch externe Finanzmittel in Betracht gezogen werden.

Aktuell verkaufen Sie D2C über Ihren Webshop. Aber bei einem "Mitnahmeartikel" fressen Versand und Marketing oft die Marge. Planen Sie den Schritt in den stationären Handel, etwa in Bahnhofsbuchhandlungen?

Tatsächlich bin ich bereits in Kontakt mit ebensolchen Handelsunternehmen, welche direkt an Bahnhöfen oder Flughäfen angesiedelt sind. Ich könnte mir auch vorstellen, dass der beZUG zukünftig aus einem Automaten direkt am Gleis bezogen werden kann. Das sind aber Ideen für Zukunft.

Bieten Sie den beZUG auch gebrandet bzw. personalisiert an?

Ja, die Verpackung und auch der beZUG selbst bieten verschiedene Möglichkeiten für ein individuelles Branding. Auch eine individuelle Stofffarbe wäre umsetzbar bei entsprechender Abnahmemenge.

Zum Abschluss ein Rat an unsere Leser*innen: Sie haben nicht lange am theoretischen Reißbrett verharrt. Ist „Einfach machen“ immer der beste Weg, oder hätten Sie rückblickend an einer Stelle lieber mehr geplant?

Diese Frage kann ich in fünf Jahren vermutlich besser beantworten. Als Gründer heißt es doch immer learning by doing. Natürlich geht es besser, aber dieses Unternehmen würde es heute noch nicht geben hätte ich alle Eventualitäten, Möglichkeiten und Förderungen vorab recherchiert. Habe ich mich über mich selbst geärgert, als ich manches Mal mit dem Steuerberater gesprochen hatte, weil es auch anders und besser gegangen wäre? Vielleicht ja. Aber bereue ich das Unternehmen so aufgezogen zu haben wie es heute ist? Nein, bestimmt nicht. Also lieber rein ins kalte Wasser und schwimmen lernen als ewig am Beckenrand stehen.

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Das Interview führte StartingUp-Chefredakteur Hans Luthardt

Logistikbude: 5-Mio.-Euro-Funding für neue Softwarekategorie im B2B-Sektor

Ein oft ignorierter, aber systemkritischer Bereich der Logistik rückt ins Rampenlicht: das Management von Ladungsträgern. Das Dortmunder Start-up Logistikbude sichert sich in einer Series-A-Runde über 5 Millionen Euro, um mit seinem „Load Carrier Management System“ (LCMS) Excel und Papier in den Lieferketten abzulösen. Ein Blick auf die Macher, den Markt und die Frage, wie tragfähig das Geschäftsmodell wirklich ist.

Wer an globale Lieferketten denkt, hat Containerschiffe, riesige Lagerhallen und KI-gestützte Routenplanung vor Augen. Doch das eigentliche Rückgrat des Welthandels ist erschreckend analog: Weltweit zirkulieren Schätzungen zufolge rund 10 Milliarden Ladungsträger – Europaletten, Gitterboxen, Spezialgestelle. Sie wechseln jährlich etwa 150 Milliarden Mal den Besitzer. Was in der Theorie nach einem reibungslosen Kreislauf klingt, ist in der Praxis ein administrativer Albtraum, der von Palettenscheinen auf Papier, fehleranfälligen Excel-Listen und endlosen E-Mail-Schleifen dominiert wird.

Genau hier setzt das Tech-Start-up Logistikbude an. Mit einer frischen Series-A-Finanzierung in Höhe von über 5 Millionen Euro, angeführt vom renommierten VC Capnamic sowie Moguntia Capital und diversen Bestandsinvestoren (u. a. FTTF, Rethink Ventures), will das Dortmunder Unternehmen eine völlig neue Softwarekategorie im B2B-Sektor etablieren: das Load Carrier Management System (LCMS).

Aus der Forschung in den Logistik-Dschungel

Die Wurzeln der Logistikbude sind ein Musterbeispiel für erfolgreichen Technologietransfer. Die Gründer Dr. Philipp Hüning (CEO), Michael Koscharnyj (COO), Patrik Elfert (CPO) und Jan Möller (CTO) stammen aus dem Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik (IML) in Dortmund. Dort arbeiteten sie in einem Enterprise Lab eng mit der European Pallet Association (EPAL) zusammen. Aus dieser direkten Schnittstelle zwischen Spitzenforschung und industrieller Realität erwuchs eine zentrale Erkenntnis: Bestehende IT-Systeme wie Warehouse Management (WMS) oder Transport Management Systeme (TMS) behandeln das Ladungsträgermanagement äußerst stiefmütterlich.

Im Oktober 2021 wagte das Quartett die Ausgründung. Aus dem Forschungsprojekt wurde ein Vertical-SaaS-Start-up, das sich anschickt, die tiefe Ineffizienz im Palettentausch zu beenden. Namhafte Kunden wie DACHSER und die Nagel-Group, die das System aktuell an 130 Standorten flächendeckend ausrollt, beweisen: Das Team hat den Product-Market-Fit gefunden.

Intelligenter Layer statt Systembruch

Das LCMS der Logistikbude positioniert sich als intelligenter Datenlayer, der sich über die bestehende – und oft stark fragmentierte – IT-Infrastruktur von Handels- und Logistikunternehmen legt. Über API-Schnittstellen zieht das System Daten aus ERP- oder WMS-Systemen, schließt Lücken über mobile Scan-Apps oder IoT-Sensoren und gleicht Salden automatisch ab.

Besonders clever: Um den manuellen Aufwand zu minimieren, nutzt die Software Künstliche Intelligenz. Ein KI-Agent liest analoge oder als PDF vorliegende Palettenscheine aus, verbucht sie und gleicht Konten ab. Partnerunternehmen, die die Software selbst nicht nutzen, lassen sich über simple Weblinks in den Bestätigungsprozess einbinden. Das Geschäftsmodell ist klassisches Software-as-a-Service (SaaS): Kunden zahlen eine monatliche Lizenzgebühr, gestaffelt nach Funktionsumfang und Volumen der Ladungsträger.

Ist das wirklich eine neue Software-Kategorie?

Die Logistikbude proklamiert selbstbewusst, mit dem LCMS eine dritte große Säule neben ERP/WMS und TMS zu schaffen. Doch hält diese These einer kritischen Marktanalyse stand?

  • Die Stärken: Das Start-up löst ein akutes Schmerzproblem. Paletten sind gebundenes Kapital. Hoher Schwund und massiver administrativer Personalaufwand für den Saldenabgleich kosten Großlogistiker jährlich Millionen. Der Return on Investment (ROI) der Software lässt sich für Kunden schnell und hart in Euro beziffern.
  • Die Risiken: Langfristig stellt sich die Feature-or-Product-Frage. Bislang ignorieren große ERP-Anbieter (wie SAP) oder etablierte WMS-Hersteller das Thema weitgehend, weil es extrem kleinteilig ist. Sollten diese Tech-Giganten jedoch den Wert der Automatisierung im Palettenmanagement erkennen und entsprechende Module nativ in ihre Suiten integrieren, gerät ein Standalone-LCMS unter Druck. Logistikbude muss sich in den Lieferketten unentbehrlich machen, bevor die großen Tanker ihren Kurs korrigieren.
  • Der Netzwerkeffekt: Palettentausch ist ein Multiplayer-Spiel. Wenn Spedition A und Händler B unterschiedliche Systeme nutzen, droht ein neuer Datenbruch. Logistikbude federt dies zwar stark durch KI-gestützte Dokumentenauslese und Partner-Links ab, doch die volle Skalierungskraft entfaltet sich erst, wenn das System zum Quasi-Standard der Branche wird.

Wettbewerb und Markt

Der Markt für das Management von Ladungsträgern ist stark fragmentiert, wobei sich die Konkurrenz im Wesentlichen in drei Cluster unterteilen lässt. Der mit Abstand größte und hartnäckigste Gegenspieler ist dabei der etablierte Status quo in Form von Excel-Tabellen und Papierdokumenten. Daneben existieren diverse Alt-Systeme und Nischenanbieter, die einfache Lademittelverwaltungen oft noch als isolierte On-Premise-Lösungen anbieten. Diesen traditionellen Ansätzen fehlt im direkten Vergleich jedoch meist die nötige Cloud-Dynamik sowie eine moderne KI-Integration. Ein drittes Cluster bilden digitale Pooling-Dienstleister wie inter.PAL, die sich dem Problem von der physischen Seite nähern. Diese Player kombinieren ein digitales Palettenkonto mit dem europaweiten, physischen Handling und Pooling der Paletten, teilweise ergänzt durch Blockchain-Verbuchungen. Im Gegensatz dazu grenzt sich die Logistikbude klar ab, indem sie rein digital, plattformunabhängig und als völlig neutraler Software-Dienstleister operiert.

Einordnung & Ausblick

Für Gründerinnen, Gründer und Investor*innen sendet die Series-A der Logistikbude ein starkes Signal: Die lukrativsten Start-up-Ideen liegen oft nicht in hippen Endkonsumenten-Trends, sondern in den unsexy Untiefen des B2B-Alltags. Die Logistikbude ist ein klassischer Hidden Champion in spe.

Mit dem frischen Kapital von über 5 Millionen Euro muss das Team nun beweisen, dass es die Internationalisierung über den DACH-Raum hinaus stemmen und eine Marktdurchdringung erreichen kann, die das System vom smarten Tool zum echten Branchenstandard erhebt. Gelingt dies, könnte das Konzept LCMS tatsächlich als eigenständige Kategorie in die IT-Systemlandschaften der globalen Wirtschaft einziehen.

4 Mio. Euro für den Sprung aus dem Labor: Level Nine sichert sich Seed-Finanzierung für den Umbau der Chemie

Das 2023 von Dr. Emily Sheridan und Seadna Quigley gegründete Berliner DeepTech-Start-up Level Nine hat eine Seed-Finanzierungsrunde über 4 Millionen Euro abgeschlossen, um die europäische Chemieindustrie unabhängiger von fossilen Rohstoffen zu machen. Mit einer Kombination aus maschinellem Lernen und robusten, enzym-inspirierten Katalysatoren verspricht das Gründerduo eine wirtschaftliche Alternative zu Erdöl – ohne die bisher üblichen Leistungsverluste. Angeführt von Visionaries Tomorrow, setzen namhafte Investoren darauf, dass Level Nine das „Fossil-Dilemma“ der Schwerindustrie lösen kann.

Die europäische Chemieindustrie, die mit einem Jahresvolumen von rund 1 Billion Euro das industrielle Rückgrat des Kontinents bildet, steckt laut Branchenangaben in einer tiefgreifenden Strukturkrise. Wie Level Nine in seiner aktuellen Mitteilung betont, setzen volatile Rohstoffpreise, hohe Energiekosten und massiver Wettbewerb aus China und dem Nahen Osten die Margen so stark unter Druck, dass Standorte zunehmend gedrosselt oder geschlossen werden müssen. Seit Jahrzehnten gilt Biomasse als potenzielle Alternative, doch die industrielle Umsetzung scheiterte bisher an der Effizienz: Herkömmliche Katalysatoren sind für komplexe Biomoleküle nicht selektiv genug, während natürliche Enzyme für die rauen Bedingungen der Schwerindustrie – wie hohen Druck und extreme Hitze – zu empfindlich und teuer sind. Diese technologische Lücke hat die Industrie bisher in einer riskanten Abhängigkeit von fossilen Importen gehalten.

Das Team hinter der Vision

Um diese Lücke zu schließen, setzt Level Nine auf ein Gründungsduo, das wissenschaftliche Tiefe mit operativer Erfahrung vereint. CTO Dr. Emily Sheridan ist Spezialistin für enzym-inspirierte Materialien sowie Reaktionstechnik. Sie widmete ihre Forschung gezielt der Fragestellung, wie die Präzision biologischer Prozesse mit der für die Industrie notwendigen Robustheit verbunden werden kann.

Ihr zur Seite steht CEO Seadna Quigley, der die kommerzielle Seite des Unternehmens verantwortet. Quigley arbeitete zuvor intensiv an der Schnittstelle von Kreislaufwirtschaft, Nachhaltigkeit und Unternehmensaufbau. Seine Skalierungskompetenz stellte er unter anderem als CFO eines Amsterdamer Unternehmens unter Beweis, dessen Wachstum er auf über 140 Mitarbeitende begleitete. Gemeinsam führt das Duo heute ein 14-köpfiges Team am neuen Hauptsitz in Berlin.

Die Berliner Lösung: Präzision trifft industrielle Härte

Die Innovation von Level Nine basiert auf einer neuen Klasse industrieller Katalysatoren, die enzymähnliche Präzision bieten, aber gleichzeitig hohen Temperaturen, Drücken und industriellen Lösungsmitteln standhalten. Das Herzstück bildet eine auf maschinellem Lernen basierende Plattform, welche die Entwicklungszyklen für neue Katalysatoren massiv verkürzt und eine hocheffiziente Umwandlung komplexer biobasierter Rohstoffe ermöglicht. Laut Dr. Iris ten Have vom Lead-Investor Visionaries Tomorrow stellt dies eine fundamentale Technologieschicht dar, die ganze Wertschöpfungsketten erschließen kann.

Der 100-Milliarden-Euro-Target: Polyurethan im Fokus

Mit dem frischen Kapital konzentriert sich das Team zunächst auf den globalen Polyurethan (PU)-Markt, der jährlich über 100 Milliarden Euro schwer ist. Level Nine hat hierfür ein biobasiertes aromatisches Polyol entwickelt, das laut Unternehmensangaben die Leistung fossiler Alternativen erreicht. Ein strategischer Vorteil ist die „Drop-in“-Fähigkeit: Das Produkt kann laut Mitteilung direkt in bestehende Fertigungsinfrastrukturen integriert werden. Zudem weist das Material laut Level Nine inhärente flammhemmende Eigenschaften auf, was den Einsatz giftiger halogenierter Additive überflüssig machen soll.

Das „Tal des Todes“ der Hardware-Skalierung

Trotz des Investoren-Vertrauens durch Visionaries Tomorrow, Zero Carbon Capital, Rockstart, IBB Ventures und better ventures steht Level Nine vor der größten Hürde: dem physischen Scale-up. Das Unternehmen bereitet aktuell den Bau der ersten Kilotonnen-Produktionsanlage vor. In der Chemiebranche gilt dieser Schritt als das berüchtigte „Tal des Todes“, da die Skalierung von Laborreaktionen in industrielle Dimensionen extrem kapitalintensiv ist und technische Risiken birgt, die rein softwarebasierte Startups nicht kennen. Die Wirtschaftlichkeit wird sich erst beweisen, wenn Level Nine zeigt, dass ihre Chemie den Übergang ohne Kompromisse bei Kosten oder Leistung ermöglicht.

Der EU-Green-Deal als Marktmacher

Die strategische Positionierung von Level Nine wird durch aktuelle regulatorische Weichenstellungen in Europa gestützt. Die EU-Bioökonomie-Strategie hat biobasierte Materialien zur strategischen Priorität erklärt, um die Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen zu beenden. Zusätzliche Dynamik verspricht der EU Biotech Act, der regulatorische Hürden abbauen und den Weg vom Labor in die Fabrik beschleunigen soll. Da die Lösungen von Level Nine zudem helfen könnten, strengere Grenzwerte für chemische Additive unter der REACH-Verordnung einzuhalten, bietet das Startup eine zeitgerechte Lösung für eine Industrie unter massivem Anpassungsdruck.

Fazit

Level Nine will die 4 Millionen Euro nutzen, um den Beweis anzutreten, dass nachhaltige Chemie nicht nur ökologisch notwendig, sondern ökonomisch souverän sein kann. Sollte die Skalierung in den Kilotonnen-Maßstab gelingen, könnte das Berliner Team eine Schlüsselrolle dabei spielen, die europäische Industrie zukunftsfähig und unabhängig aufzustellen.

50 Mio. USD für Qdrant: Wie ein Berliner Start-up die globale KI-Infrastruktur erobert

Das 2021 von Andrey Vasnetsov und Andre Zayarni gegründete Qdrant sichert sich eine gewaltige Series-B-Finanzierung und fordert die etablierten Tech-Giganten heraus. Warum „Composable Vector Search“ das nächste große Ding im B2B-Markt ist und was Gründer*innen von diesem DeepTech-Erfolg lernen können.

Das Berliner KI-Infrastruktur-Start-up Qdrant hat heute eine Series-B-Finanzierungsrunde in Höhe von 50 Millionen US-Dollar bekannt gegeben. Angeführt wird die Runde vom Investor AVP, unter Beteiligung von Bosch Ventures, Unusual Ventures, Spark Capital und 42CAP. Mit dem frischen Kapital will das Unternehmen, das eine in der Programmiersprache Rust entwickelte Open-Source-Vektorsuchmaschine für Produktionslasten anbietet, seine sogenannte Composable Vector Search als fundamentale Infrastruktur für die KI-Ära standardisieren.

Für die Start-up-Szene und die StartingUp-Leser*innen liefert Qdrant ein Paradebeispiel für europäisches DeepTech, Product-Led Growth über Open-Source und den harten strategischen Wettbewerb im aktuellen KI-Ökosystem.

Vom Side-Project zur modularen Architektur

Die Ursprünge von Qdrant gehen auf das Jahr 2021 in Berlin zurück. Die Gründer André Zayarni, heute CEO des Unternehmens, und Andrey Vasnetsov, der heutige CTO, arbeiteten zunächst an einer Matching-Engine für gigantische Mengen unstrukturierter Textdaten. Der technologische Durchbruch kam, als Vasnetsov vorschlug, auf neuronale Suche umzuschwenken und sich in seiner Freizeit die speichersichere Programmiersprache Rust aneignete.

Technologisch hat sich der Markt seitdem rasant entwickelt. Zu Beginn löste die Vektorsuche ein sehr spezifisches Problem, nämlich das Abrufen der nächsten Nachbarn aus dichten Embeddings über weitgehend statische Datensätze. Moderne KI-Systeme sehen heute jedoch völlig anders aus: Retrieval-Prozesse laufen nun in Agenten-Schleifen ab, führen pro Workflow Tausende von Abfragen über hybride Modalitäten aus und greifen auf sich kontinuierlich verändernde Daten zu.

Qdrant verabschiedet sich daher von einer reinen Black-Box-Lösung und setzt stattdessen auf eine modulare Infrastruktur. Entwickler*innen können Primitive zur Vektorsuche – wie dichte und spärliche Vektoren, Metadaten-Filter, Multi-Vektor-Darstellungen und benutzerdefinierte Bewertungsfunktionen – direkt zum Zeitpunkt der Abfrage frei kombinieren. Dies erlaubt eine explizite Steuerung darüber, wie sich jede einzelne Komponente auf die Relevanz, die Latenz und die Kosten auswirkt. Um der steigenden Forderung nach Flexibilität nachzukommen, ist Qdrant so designt, dass es sich nahtlos in Cloud-, Hybrid-, On-Premise- und Edge-Umgebungen einsetzen lässt.

Das Open-Core-Modell auf dem Prüfstand

Mit diesem Ansatz tritt Qdrant als sogenannter Picks-and-Shovels-Anbieter der andauernden KI-Revolution auf. Das Geschäftsmodell basiert auf einem Open-Core-Ansatz: Die Basis-Software ist quelloffen und erfreut sich mit mittlerweile über 250 Millionen Downloads sowie mehr als 29.000 GitHub-Stars einer massiven Beliebtheit. Namhafte Konzerne wie Tripadvisor, HubSpot, OpenTable, Bazaarvoice und Bosch nutzen die Technologie bereits kontinuierlich unter realer Produktionslast. Geld verdient das Start-up durch Managed-Cloud-Dienste sowie dedizierte Enterprise- und On-Premise-Lösungen.

Die kritische geschäftliche Hürde liegt jedoch in der massiven Ressourcen- und Rechenintensität von Vektordatenbanken. Die enorme Verbreitung im Open-Source-Bereich ist zwar exzellent für das Marketing, muss sich jedoch dauerhaft mit einer hohen Konversionsrate in zahlende Enterprise-Kund*innen übersetzen lassen, um die erheblichen Infrastruktur- und Vertriebskosten zu decken. Das Funding über 50 Millionen US-Dollar ist deshalb essenziell, um das Wachstum und den Cloud-Ausbau massiv zu forcieren.

Im Haifischbecken der Tech-Giganten

In diesem Umfeld agiert das Start-up in einem der derzeit umkämpftesten Tech-Sektoren überhaupt. Zu den Hauptkonkurrenten zählen Pure-Play Vektordatenbanken wie Pinecone, das als Platzhirsch im reinen Cloud-Segment gilt und enorme Einfachheit bietet, architektonisch jedoch die Gefahr eines Cloud-Vendor-Lock-ins birgt. Mitbietende Open-Source-Rivalen wie Weaviate mit einem starken Fokus auf hybride Suche und Milvus kämpfen in einer ähnlichen Liga wie Qdrant.

Die vielleicht größte Bedrohung geht jedoch von traditionellen Datenbanksystemen wie PostgreSQL, MongoDB oder Elasticsearch aus, die Vektorsuch-Funktionen inzwischen integriert haben. Herkömmliche Tools, die Vektorsuche nur als zusätzliche Schicht auf alte Indexierungsmodelle packen, brechen jedoch unter den Anforderungen moderner KI-Skalierungen oft ein. Qdrant ist daher strategisch gezwungen, als Spezialist durch vorhersagbare, niedrige Latenzen im Milliarden-Skalen-Bereich zu überzeugen.

Lektionen für die Start-up-Szene

Für Gründerinnen und Gründer lassen sich aus dem Fall Qdrant wertvolle Lektionen ziehen. Das Start-up zeigt eindrucksvoll, dass Entwickler*innen heute die wichtigsten Gatekeeper im B2B-Sales sind und eine starke Open-Source-Community eine organische Adaption generiert, die sich im Anschluss an große Enterprises monetarisieren lässt.

Zudem zahlt sich die frühe technologische Wette auf die Programmiersprache Rust aus, da Performance im KI-Markt ein harter Wettbewerbsvorteil ist.

Nicht zuletzt demonstriert Qdrant, dass tiefgreifende KI-Infrastruktur – eine Technologie, von der alle fortschrittlichen KI-Anwendungen abhängig sein werden – erfolgreich aus Berlin heraus gegründet und in globale Märkte skaliert werden kann.

Vom Nanny-Vermittler zum EAP-Giganten: heycare schließt 4-Mio.-Euro-Runde ab

Rund vier Mio. € für heycare: Unser ehemaliges Cover-Start-up (früher heynanny) wird zum B2B-Health-Ökosystem. Wir analysieren den Deal und den hart umkämpften EAP-Markt.

Das Münchner Scale-up heycare hat seine Extended Seed Runde erfolgreich abgeschlossen. Dem Unternehmen fließen rund 4 Millionen Euro für das weitere Wachstum zu. Angeführt wird die Finanzierungsrunde von Scalehouse Capital als Lead-Investor, flankiert von Swiss Post Ventures als strategischem Co-Investor. Für treue StartingUp-Leserinnen und -Leser ist das Gründerinnenteam kein unbeschriebenes Blatt: Wir hatten die Plattform bereits vor einiger Zeit ausführlich in einer Coverstory porträtiert – damals noch unter dem Gründungsnamen „heynanny“.

Vom Cover-Start-up zum Health-Ökosystem

Die Gründerinnen Anna Schneider und Julia Kahle riefen das Unternehmen im Jahr 2022 ins Leben. Innerhalb kurzer Zeit hat sich das Start-up von einem spezialisierten Care-Anbieter zu einem umfassenden Gesundheitsdienstleister entwickelt. Heute positioniert sich heycare als digitale Plattform, die als ganzheitliches Employee Assistance Program (EAP) und Familienservice fungiert.

Das Angebot deckt mittlerweile ein breites Spektrum ab. So vermittelt die App praktische Betreuungslösungen für Kinder, Pflegebedürftige und sogar Haustiere. Diese gezielten Maßnahmen sollen die Mitarbeitenden im Alltag spürbar entlasten, was die Ausfallzeiten in den Unternehmen nachweislich reduziert. Darüber hinaus setzt das Scale-up stark auf Prävention im Bereich der mentalen Gesundheit. Um die psychische Widerstandskraft der Belegschaft zu stärken, bietet die Plattform unter anderem Trainings, Webinare sowie anonyme 1:1-Beratungen mit Psycholog*innen an.

Abgerundet wird das Portfolio durch die seit Anfang 2026 bestehende Integration des Sport- und Wellness-Netzwerks von Urban Sports Club. Mit diesem Schritt möchte heycare seinen Firmenkund*innen ein lückenloses Gesundheits-Ökosystem aus einer Hand bieten und löst damit ein zentrales Problem der modernen Arbeitswelt: die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben.

Hintergründe zur Finanzierungsrunde

Die frischen Mittel wollen die beiden Gründerinnen primär in den Ausbau ihrer Belegschaft investieren. Damit reagiert heycare auf die gestiegene Nachfrage in der operativen Umsetzung. Das Kund*innenportfolio kann sich bereits sehen lassen, denn Branchengrößen wie Daimler Truck, Douglas, Vaillant und VW Retail zählen bereits zu den Nutzer*innen der Plattform.

Wie Co-CEO Julia Kahle betont, ist das Unternehmen bereits profitabel. Bei der Investor*innensuche wurde daher bewusst selektiert, um Partner*innen zu finden, die die Vision von heycare teilen und das Unternehmen bei der weiteren Skalierung optimal unterstützen können. Scalehouse Capital, ein deutschlandweit agierender Venture Capital Investor, fokussiert sich auf effiziente B2B-Softwareunternehmen und bringt wertvolle Industriezugänge mit. Swiss Post Ventures, der Venture-Arm der Schweizerischen Post, investiert gezielt in B2B-Softwareunternehmen in Bereichen wie HR, Logistik und digitale Ökosysteme.

Markteinordnung und Einordnung

Heycare verfolgt die klare Vision, Mitarbeitende durch präventive Gesundheitsförderung und soziale Entlastung zu stärken und langfristig an ihre Unternehmen zu binden. Doch bei aller Euphorie lohnt sich ein Blick auf den Markt. Der deutsche EAP-Markt ist hochkompetitiv und wird von alteingesessenen Schwergewichten dominiert. Player wie die pme Familienservice Gruppe oder Insite haben das Feld über Jahrzehnte bereitet, während internationale Beratungsriesen wie Mercer mit umfassenden Wellbeing-Strategien kräftig mitmischen. Für heycare ergeben sich daraus handfeste strategische Herausforderungen.

Zum einen erfordert das Versprechen, alles aus einer Hand zu liefern, eine immense operationelle Skalierbarkeit. Vom Babysitter über die Senior*innenbetreuung bis hin zur psychologischen Fachkraft ist die Qualitätssicherung und das ständige Onboarding für ein derart breites Dienstleistungsportfolio massiv ressourcenintensiv. Es besteht stets die Gefahr, sich im operativen Kleinteiligen zu verzetteln.

Zum anderen muss die Balance zwischen Profitabilität und VC-Dynamik gewahrt bleiben. Dass ein Unternehmen in der Seed-Phase bereits Profitabilität vermeldet, ist bemerkenswert. Gleichzeitig fließen die neuen Mittel laut eigenen Angaben vor allem in operative Teams. Da dienstleistungsnahe HR-Modelle in der Regel niedrigere Margen aufweisen als reine SaaS-Produkte, muss heycare beweisen, dass die Plattform-Technologie effizient genug ist, um das hohe Skalierungsversprechen gegenüber den Venture-Capital-Gebern zu erfüllen, ohne die erarbeitete Profitabilität langfristig wieder einzubüßen.

Zudem ist ein echter Wettbewerbsvorteil gefragt. Die Einbindung von Partner*innen wie dem Urban Sports Club ist zwar nutzer*innenfreundlich, stellt aber technologisch keinen echten Burggraben dar, da etablierte Wettbewerber*innen ähnliche Schnittstellen bauen können. Der wahre Hebel von heycare muss daher in einer signifikant höheren App-Nutzung und Engagement-Rate liegen, als es bei den oft verwaisten traditionellen EAP-Hotlines der Konkurrenz der Fall ist.

Fazit

Zusammenfassend haben Anna Schneider und Julia Kahle eindrucksvoll bewiesen, dass sie ein massives Schmerzpunkt-Thema adressieren und die Budgets von Großkonzernen für sich gewinnen können. Der strategische Rebranding-Schritt von der reinen Nanny-Vermittlung zum ganzheitlichen Employee Assistance Program war notwendig, um bei B2B-Kunden entsprechend relevant zu werden. Nun muss das frische Kapital zeigen, ob heycare nicht nur ein modernes Interface bietet, sondern in der operativen Tiefe dauerhaft gegen die Platzhirsche der Branche bestehen kann.

Unchained Robotics auf dem Sprung in die „Champions League“ der Industrielogistik

Der Logistikkonzern Arvato beteiligt sich an Unchained Robotics und ebnet dem Paderborner Start-up den direkten Weg in die internationale Industrielogistik. Wir analysieren, wie dieser Deal den Markt aufmischt und welche strategischen Skalierungs-Learnings B2B-Gründer*innen daraus ziehen können.

Für Gründer*innen im Hardware- und Robotik-Bereich ist der Sprung von der Technologieentwicklung in den industriellen Masseneinsatz oft die größte Hürde. Bisher adressierte Unchained Robotics mit seiner Plattform vor allem kleine und mittelständische Betriebe in Europa. Durch die enge Verzahnung mit der Bertelsmann-Tochter Arvato validiert das Start-up seine Technologie nun im industriellen Großmaßstab.

Arvato plant, in den kommenden Jahren eine dreistellige Anzahl von Robotern in unterschiedlichen operativen Umgebungen zu implementieren. Dieses Volumen schafft Erfahrungswerte und Standards, die Unchained Robotics gegenüber Mitbewerbern einen deutlichen Skalierungsvorteil verschaffen dürften. Neue Lösungen können fortan direkt entlang konkreter Use Cases im echten Betrieb erprobt und für den breiten operativen Rollout vorbereitet werden.

Plattform-Strategie und strategische Einordnung im Wettbewerb

Der deutsche Robotik-Markt ist stark umkämpft und von unterschiedlichen Lösungsansätzen geprägt. Während einige Start-ups auf die Entwicklung eigener Hardware setzen, fokussiert sich Unchained Robotics auf die softwareseitige Integration, insbesondere durch ihr Betriebssystem. So setzt beispielsweise das Münchener Start-up RobCo auf eigene, physische und modulare Hardware-Roboterarme, wohingegen Unchained strikt modular und herstellerunabhängig agiert.

Auch im Vergleich zu WAKU Robotics aus Berlin, die mit einem Marktplatz und eigener Software einen starken Fokus auf mobile Logistikroboter (AMR/AGV) legen, decken die Paderborner breitere Pick-and-Place-Anwendungen ab. Gegenüber Unternehmen wie Magazino (gehört zu Jungheinrich), die auf spezialisierte autonome Logistik-Roboter und Eigenentwicklungen für spezifische Prozesse fokussiert sind, grenzt sich Unchained durch seinen offenen, plattformbasierten Ansatz ab.

Diese strategische Positionierung erweist sich nun als maßgeblicher Hebel. Für einen globalen 3PL-Dienstleister wie Arvato wäre die Bindung an nur einen Hardware-Hersteller zu starr. Durch die Unabhängigkeit von Unchained Robotics lassen sich Lösungen flexibel für reale Logistik- und Fulfillment-Prozesse maßschneidern.

Der „Huckepack“-Vorteil bei der US-Expansion

Ein weiterer kritischer Faktor für die künftige Marktstellung des Start-ups ist die Internationalisierung. Üblicherweise erfordert der Sprung über den Atlantik für deutsche Tech-Gründer enorme Summen und den langwierigen Aufbau eigener Vertriebsstrukturen.

Unchained Robotics wählt eine effizientere Route: Neben europäischen Standorten eröffnet die Partnerschaft den direkten Zugang in internationale Märkte, insbesondere in die USA. Das Start-up expandiert quasi „huckepack“ über die bestehenden, hochkomplexen Logistik-Setups von Arvato. Gerade in den USA, wo hohe Automatisierungsanforderungen auf dynamische E-Commerce-Strukturen treffen, sichert dies einen schnellen und praxisnahen Markteintritt.

Automatisierung ohne „Raketenwissenschaft“

Für den Logistikkonzern steht bei dem Deal vor allem die rasche operative Umsetzung im Vordergrund: Automatisierung müsse heute in erster Linie schnell wirken, so Arvato-CEO Frank Schirrmeister.

Dies zahlt direkt auf die ursprüngliche Vision von Unchained Robotics ein: Die Paderborner sind angetreten, um zu beweisen, dass industrielle Automatisierung längst keine „Raketenwissenschaft“ mehr ist. Durch den Arvato-Deal erhält das Start-up nun die Möglichkeit, diesen Anspruch von der Konzeption bis zur Inbetriebnahme im globalen Großmaßstab unter Beweis zu stellen.

Smart Scaling: 3 konkrete Learnings für B2B- und Tech-Gründer*innen

Aus dem Deal zwischen Unchained Robotics und Arvato lassen sich drei handfeste strategische Manöver ableiten, die Start-ups bei der Skalierung im B2B-Umfeld helfen können:

1. Orchestrierung schlägt Vendor-Lock-in

Gerade im Hardware- und Maschinenbau neigen Start-ups dazu, eigene proprietäre Systeme zu entwickeln. Unchained Robotics zeigt den Wert des Plattform-Gedankens: Corporates hassen den „Vendor-Lock-in“ (die Abhängigkeit von einem einzigen Hersteller).
Learning: Wer sich als herstellerunabhängige, modulare Software- oder Integrationsschicht positioniert, macht sich für Konzerne, die flexibel bleiben müssen, weitaus attraktiver als der Anbieter einer isolierten Einzellösung.

2. Die „Huckepack“-Expansion (Piggybacking)

Der teuerste und riskanteste Schritt für deutsche B2B-Start-ups ist oft die Internationalisierung – insbesondere in die USA. Anstatt Millionen an VC-Geldern in den Aufbau eigener US-Vertriebs- und Servicestrukturen zu verbrennen, nutzt Unchained Robotics die bestehende Infrastruktur seines strategischen Partners.
Learning: Sucht gezielt nach Kund*innen oder Investor*innen, deren eigene globale Logistik oder Infrastruktur ihr als direktes Sprungbrett für neue Märkte nutzen könnt.

3. Volumen-Commitment als unfairen Wettbewerbsvorteil (Moat) aufbauen

Ein Corporate-Investment ist gut, ein garantiertes operatives Testfeld ist besser. Arvato hat sich nicht nur an dem Start-up beteiligt, sondern ein klares Commitment zum Rollout einer dreistelligen Anzahl von Robotern abgegeben.
Learning: Verhandelt bei strategischen Beteiligungen immer auch den operativen Einsatz mit hinein. Das garantierte Volumen generiert reale Use Cases und Datenmengen, die für neue Wettbewerber einen fast unüberwindbaren Burggraben („Moat“) darstellen.

Cyber Security Report 2026

Ein aktueller Report zur Cybersicherheit in Deutschland zeigt, dass viele Unternehmen ihre Vorbereitung auf Cyber-Risiken überschätzen. Für Start-ups und Scale-ups ergeben sich daraus wichtige strategische Aufgaben. Neben der neuen NIS-2-Regulierung, die auch schnellwachsende Unternehmen treffen kann, rückt die IT-Sicherheit zunehmend in den Fokus von B2B-Kund*innen und Investor*innen.

Der auf der Cyber Security Conference 2026 in Heilbronn vorgestellte Cyber Security Report 2026 von Schwarz Digits liefert aufschlussreiche Daten zur Sicherheitslage der deutschen Wirtschaft. Obwohl die branchenübergreifenden IT-Sicherheitsbudgets auf mittlerweile 17 Prozent der IT-Gesamtausgaben steigen, offenbart die repräsentative Erhebung unter rund 1.000 deutschen Firmen, dass Maßnahmen oft eher reaktiv erfolgen.

Für die Start-up-Szene zeigen sich dabei spezifische Handlungsfelder, die im Wachstumsalltag schnell untergehen.

Wachstum und Regulierung: Die Anforderungen von NIS-2 im Blick behalten

Die EU-Richtlinie zur Netz- und Informationssicherheit (NIS-2) wird oft als reines Thema für Großkonzerne und kritische Infrastrukturen wahrgenommen. Der Report zeigt jedoch, dass branchenübergreifend 48 Prozent der befragten Unternehmen ihre regulatorische Betroffenheit voraussichtlich falsch einschätzen.

Dies betrifft zunehmend auch Scale-ups: Erreicht ein Unternehmen mit 10 bis 49 Mitarbeitern einen Jahresumsatz von über 10 Millionen Euro, fällt es – je nach Sektor – in den Anwendungsbereich der strengen Richtlinie. In diesem Größensegment gehen laut Report aktuell 92 Prozent der Firmen fälschlicherweise davon aus, nicht betroffen zu sein. Wer als Scale-up unter das in Deutschland greifende Umsetzungsgesetz fällt, muss strenge Meldepflichten und Risikomanagement-Maßnahmen etablieren. Da die Geschäftsführung bei Versäumnissen künftig verstärkt in die persönliche Haftung genommen werden kann, ist eine frühzeitige rechtliche Prüfung des eigenen Status dringend ratsam.

Die Lieferkette im Fokus: Cyber-Resilienz als B2B-Wettbewerbsvorteil

Auch Start-ups, die nicht direkt unter NIS-2 fallen, spüren die Auswirkungen häufig indirekt. Laut Erhebung hat bereits jedes zweite Unternehmen Angriffe auf seine Zulieferer registriert. Bisher überprüfen allerdings 75 Prozent der Firmen ihre Partner*innen nicht regelmäßig auf IT-Sicherheit.

Das dürfte sich durch den aktuellen regulatorischen Druck bald ändern. Konzerne und regulierte Unternehmen müssen ihre Lieferketten stärker absichern und fordern zunehmend vertragliche IT-Sicherheitsnachweise von ihren Start-up-Dienstleistern und SaaS-Anbietern ein. Gründer*innen, die hier proaktiv eine saubere Cyber-Resilienz und idealerweise den Einsatz digital-souveräner, europäischer Lösungen nachweisen können, haben in Enterprise-Pitches und bei Beschaffungsprozessen klare Vorteile.

Künstliche Intelligenz: Chancen nutzen, Sicherheitsaspekte mitdenken

Künstliche Intelligenz ist ein zentraler Treiber vieler moderner Start-up-Geschäftsmodelle. Den Sicherheitsaspekt beim KI-Einsatz schätzen viele kleine und mittlere Unternehmen (KMU) jedoch noch zu gelassen ein: 54 Prozent der Befragten gehen davon aus, dass KI-Anwendungen die eigene Cyber-Bedrohungslage nicht wesentlich verändern.

IT-Sicherheitsexperten warnen im Report jedoch vor neuen Angriffsvektoren wie autonomen KI-Angriffen oder der gezielten Manipulation von KI-Modellen (sogenannte Prompt-Hacks). Während 73 Prozent der Großunternehmen bereits klare Regeln für den KI-Einsatz definiert haben, fehlt es bei knapp einem Viertel der kleineren Unternehmen noch an internen Richtlinien. Für Start-ups empfiehlt es sich daher, das Prinzip „Security-by-Design“ von Beginn an in die eigene KI-Entwicklung und die interne Nutzung von KI-Tools zu integrieren.

Fazit

Cybersicherheit ist mehr als nur ein technisches Thema für die IT-Abteilung – sie ist ein geschäftskritischer strategischer Baustein. Start-ups, die Security- und Compliance-Anforderungen frühzeitig und professionell in ihr Wachstum integrieren, beugen nicht nur Risiken vor, sondern schaffen eine verlässliche Basis für das Vertrauen von B2B-Kund*innen, Partner*innen und Investor*innen.

Praxis-Check: Fällt mein Start-up unter die NIS-2-Richtlinie?

Ob ein Unternehmen die strengen Vorgaben der NIS-2-Richtlinie (bzw. des deutschen Umsetzungsgesetzes NIS2UmsuCG) direkt erfüllen muss, lässt sich grob in vier Schritten prüfen:

  1. Die Branchen-Frage: Ist das Start-up in einem der 18 kritischen Sektoren aktiv? Für Tech-Start-ups besonders relevant: Dazu zählen nicht nur klassische Felder wie Energie oder Gesundheit, sondern auch Digitale Infrastruktur (Cloud-Computing-Dienste, Rechenzentren), Managed IT-Services (MSP/MSSP) und Digitale Anbieter (Online-Marktplätze, Suchmaschinen).
  2. Die Größen-Frage: Beschäftigt das Unternehmen mindestens 50 Mitarbeitende oder erzielt es einen Jahresumsatz bzw. eine Jahresbilanzsumme von mehr als 10 Millionen Euro? (Achtung: Hier greift oft die erwähnte Falle für schnell wachsende Scale-ups mit wenigen Mitarbeitenden, aber hohem Umsatz).
  3. Die Ausnahmen (unabhängig von der Größe): Bietet das Start-up spezielle Dienste an (z. B. qualifizierte Vertrauensdienste, öffentliche Telekommunikationsnetze oder ist es der einzige Anbieter eines essenziellen Dienstes)? In diesen Sonderfällen greift NIS-2 ab dem ersten Mitarbeitenden.
  4. Die indirekte Betroffenheit: Selbst wenn Punkt 1 bis 3 nicht zutreffen – beliefert das Start-up große B2B-Kund*innen, die unter NIS-2 fallen? Wenn ja, werden die Sicherheitsanforderungen zunehmend über Verträge und Audits an das Start-up „durchgereicht“.

Tipp: Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) bietet online interaktive Formulare zur genauen Betroffenheitsprüfung an. Bei Unklarheiten lohnt sich der frühzeitige Rat eines/einer IT-Rechtsexpert*in.

Der Milliarden-Coup: Wie Neura Robotics zur globalen KI-Macht aufsteigen will

Nach unserer Coverstory über Gründer David Reger und der 120-Millionen-Euro-Finanzierung im Januar 2025, zündet das Metzinger Robotik-Start-up Neura Robotics nun offenbar die nächste Stufe. Mit einer kolportierten Bewertung von 4 Milliarden Euro und dem Krypto-Giganten Tether als Investor greift das Unternehmen im globalen Haifischbecken der Humanoiden nach der Marktführerschaft.

Es war absehbar, dass die 120 Millionen Euro aus der Series-B-Runde nur das Warm-up waren. Laut übereinstimmenden Medienberichten (unter anderem von Bloomberg und der Financial Times) steht Neura Robotics vor dem Abschluss einer gigantischen Finanzierungsrunde in Höhe von rund 1 Milliarde Euro (ca. 1,2 Milliarden US-Dollar). Damit würde sich die Unternehmensbewertung auf etwa 4 Milliarden Euro katapultieren. Neura stiege somit endgültig in die absolute Top-Liga der europäischen Tech-Einhörner auf. Das Unternehmen selbst wollte die Berichte auf Nachfrage bislang nicht kommentieren.

Krypto-Milliarden für DeepTech: Der Tether-Faktor

Was diesen Deal in der Tech-Welt so einzigartig macht, ist die Herkunft des Kapitals. Angeführt wird die Runde laut den Berichten von der Tether Holdings SA, dem Emittenten des weltweit größten Stablecoins. Das ist kein Zufall, sondern Teil einer strategischen Neuausrichtung: Tether nutzt seine enormen Krypto-Gewinne (allein in den ersten drei Quartalen 2025 über 10 Milliarden Dollar), um ein „Real-World“-Portfolio aufzubauen – von KI-Rechenzentren über Energie bis hin zu zukunftsweisender Robotik. Für Neura würde das den Zugang zu einem extrem liquiden Investor bedeuten, der bereit ist, die kapitalintensive Skalierung von Hardware langfristig zu stützen.

Das globale Haifischbecken: Metzingen gegen das Silicon Valley

Dieses Kapital ist bitter nötig, denn der Markt für humanoide und kognitive Robotik wird aktuell massiv von US-Hyperscalern und chinesischen Speedbooten befeuert. Auf der einen Seite steht Elon Musk mit Tesla Optimus und enormer Skalierungsmacht. Auf der anderen Seite agieren hochfinanzierte US-Start-ups wie Figure AI, die mit Milliarden von Microsoft und dem KI-Gehirn von OpenAI ausgestattet sind. Hinzu kommen chinesische Hersteller wie Unitree, die mit staatlicher Förderung extrem günstige Modelle auf den Markt werfen.

In diesem Milliarden-Rennen positioniert sich Neura Robotics als europäische Speerspitze. Das Unternehmen liefert einen technologischen Gegenentwurf, der Kunden wie Kawasaki Heavy Industries und Omron bereits überzeugt hat – laut CEO David Reger liegen die Auftragsbücher bei einem Volumen von fast 1 Milliarde US-Dollar.

Der Burggraben: Wie sich Neura Robotics positioniert

Um gegen die Tech-Giganten zu bestehen, setzt das Start-up auf einen technologischen Burggraben. Mit diesen Alleinstellungsmerkmalen will sich Neura von der Konkurrenz abheben:

  • „Physical AI“ statt umgebauter Chatbots: Während viele Konkurrenten textbasierte KI-Modelle nachträglich in Roboter integrieren, betont Neura, seine KI von Grund auf für die physische Welt gebaut zu haben. Die Roboter verfügen über ein multisensorisches System: Sie sehen in 3D, sollen Sprache im Fabriklärm erkennen und durch haptisches Feedback ein echtes "Fingerspitzengefühl" besitzen.
  • Sicherheit ohne Käfige: In traditionellen Fabriken arbeiten Roboter hinter teuren Schutzzäunen. Neuras Modelle verfügen über eine patentierte Sensorik (Touchless Safe Human Detection). Sie sollen Menschen in Echtzeit erkennen, berührungslos stoppen oder ausweichen. Dadurch können Mensch und Maschine ohne teure Fabrikumbauten direkt im selben Raum arbeiten.
  • Die Plattform-Strategie: Das Start-up baut nicht nur einen Roboter. Die kognitive KI fungiert als Betriebssystem, das in verschiedene Hardware-Formen gegossen wird – sei es der Humanoide 4NE-1 oder der hochpräzise kognitive Cobot MAiRA. Die Idee: Macht ein Roboter im Netzwerk einen Fehler, lernen alle anderen weltweit daraus. Ein Ökosystem, das zudem durch strategische Partnerschaften mit Giganten wie Nvidia und Schaeffler gestützt wird.
  • Fokus auf Datensouveränität: Von der KI über die Steuerungssoftware bis hin zu den Sensoren entwickelt Neura Kernkomponenten im eigenen Haus. Dieser "Made in Germany"-Ansatz garantiert aus Unternehmenssicht höchste Datensicherheit. Für westliche Industrieunternehmen ist das ein massives Argument gegenüber asiatischen oder US-amerikanischen Herstellern.

„We serve humanity“: Klare Kante gegen Rüstungsdeals

Trotz des rasanten Wachstums bleibt David Reger seinen Prinzipien treu – ein Aspekt, den wir bereits in unserer Coverstory beleuchtet haben. Der Gründer positioniert seine Roboter strikt als Zivil- und Helfermaschinen für Industrie und Haushalt. Lukrative Anfragen aus der Rüstungsindustrie lehnt das Unternehmen kategorisch ab. Der Humanoide 4NE-1 soll den Menschen entlasten, nicht ersetzen oder bedrohen. Mit dieser ethischen Linie setzt Neura einen bewussten Gegenpol zu einem Markt, der teilweise stark militärisch geprägt ist.

Fazit: Der „iPhone-Moment der Robotik“

Analysten von Barclays schätzen, dass der Markt für KI-basierte Roboter und autonome Maschinen bis 2035 auf rund 1 Billion Dollar anwachsen wird. Mit der erwarteten Milliarden-Finanzierung und dem ehrgeizigen Ziel, bis 2030 rund 5 Millionen Einheiten zu produzieren, unterstreicht Neura Robotics seinen Anspruch auf die globale Weltspitze. Für das Metzinger Start-up hat die Phase der weltweiten Skalierung gerade erst begonnen.

Vyoma: Münchner NewSpace-Start-up sichert sich strategischen ESA-Auftrag

Das NewSpace-Unternehmen Vyoma liefert künftig kritische Beobachtungsdaten an die Europäische Weltraumagentur (ESA). Mit den optischen Sensoren des im Januar 2026 gestarteten Satelliten „Flamingo-1“ soll das ESA-Modell zur Erfassung kleinster Weltraumobjekte validiert werden – ein Meilenstein für Europas geostrategische Autonomie in einem umkämpften Milliardenmarkt. Von CEO Stefan Frey wollten wir wissen, wie dieser Ansatz etablierte Radarsysteme schlägt und Europas Souveränität im All sichern hilft.

Der erdnahe Orbit (LEO) wird zunehmend zum Nadelöhr der globalen Infrastruktur. Derzeit umkreisen rund 12.000 aktive Satelliten die Erde – umgeben von einer rasant wachsenden Wolke aus Weltraummüll. Laut aktuellen ESA-Schätzungen befinden sich mittlerweile über 34.000 Objekte von über zehn Zentimetern Größe, etwa 900.000 Objekte zwischen einem und zehn Zentimetern sowie rund 130 Millionen winzige Fragmente unter einem Zentimeter im All. Da diese Trümmer mit zehntausenden Stundenkilometern kreisen, stellen selbst millimetergroße Projektile eine fatale Bedrohung dar. Zur Einschätzung dieser Risiken nutzt die ESA ihr Modell MASTER (Meteoroid And Space debris Terrestrial Environment Reference). Diesem fehlen jedoch verlässliche Daten zu den unzähligen Mikro-Objekten. Genau diese Lücke soll Vyoma nun über das Space Safety Programme (S2P) der ESA schließen.

Radar vs. Optik im Weltraum

Der SSA-Markt (Space Situational Awareness) wird bislang von Systemen dominiert, die auf bodengestütztes Radar setzen. US-Konkurrenten wie LeoLabs betreiben riesige Phased-Array-Radaranlagen, die rund um die Uhr wetterunabhängige Daten zu Entfernung und Geschwindigkeit liefern. Radar hat jedoch ein massives physikalisches Problem: den Signalverlust über Distanz. Da sich die empfangene Leistung umgekehrt proportional zur vierten Potenz der Entfernung verhält, muss die Sendeleistung für kleinere Rückstrahlflächen exorbitant erhöht werden. Bei Objekten unter 10 Zentimetern Größe stoßen bodengestützte Radaranlagen daher an eine harte physikalische und wirtschaftliche Grenze.

Hier setzt Vyomas Wette an: Statt von der Erde hochzufunken, platziert das Start-up optische Sensoren in rund 510 Kilometern Höhe im Orbit. Diese Kameras erfassen das vom Weltraummüll reflektierte Sonnenlicht. Ohne die störende Erdatmosphäre und den massiven Radar-Signalverlust kann Flamingo-1 theoretisch deutlich kleinere Objekte erfassen als terrestrische Anlagen. „Daten zur Weltraumlageerfassung, die von weltraumgestützten Beobachtern generiert werden, spielen eine wesentliche Rolle beim Schutz bestehender und geplanter Satelliten“, bestätigt Dr. Tim Flohrer, Leiter des Space Debris Office der ESA.

Vyoma-CEO Dr. Stefan Frey differenziert hierbei klar zwischen statistischen Beobachtungen und erfolgreichem Katalogisieren. Für die ESA sei im Rahmen des aktuellen Vertrages Ersteres relevant. Man gehe davon aus, Objekte zu erfassen, die unter der Sichtbarkeitsgrenze kommerzieller Radarsysteme liegen. Da genaue Latenzen in den Modellen schwer vorherzusagen seien, verspreche Vyoma der ESA eine fixe Anzahl an Beobachtungsstunden, auf deren Basis die Bewertung stattfinde.

Für den echten Aufbau eines Katalogs sieht Frey das In-Situ-System ebenfalls im Vorteil: Bei der Katalogisierung müsse man Objekte mit geringer Latenz beobachten; für Kleinstteile sei Vyoma dazu ab sechs Flamingo-Satelliten in der Lage. Während bodengestützte kommerzielle Radarstationen meist Tracking-Systeme mit kleinem Sichtfeld seien und Schwächen bei manövrierenden Satelliten zeigten, eigne sich der Flamingo-Sensor ideal für die großflächige Überwachung. Zudem erlaube der Orbit-Blick eine lückenlose Erfassung auch über Polregionen und Ozeanen – völlig frei von geopolitischen Abhängigkeiten, die am Boden fast unumgänglich wären. Mit den Flamingos trage Vyoma somit zur Souveränität Europas und Deutschlands bei.

Die physikalische Hürde: Streulicht und 24/7-Überwachung

Optische Systeme erfordern, dass das zu beobachtende Objekt von der Sonne angeleuchtet wird. Frey stellt jedoch klar, dass Weltraumkameras entscheidende Vorteile gegenüber bodengestützten Systemen haben, die durch den hellen Himmel stark limitiert sind. Das Streulicht der Atmosphäre sei ab 350 Kilometern Höhe vernachlässigbar, weshalb Vyoma mit jedem Sensor eine fast durchgängige Betriebsdauer erreiche.

Um direktes oder indirekt reflektiertes Sonnenlicht (etwa vom Mond oder den Polarkappen) abzufangen, verfügt Flamingo-1 über eine vierfach ausfahrbare, 1,3 Meter lange Streulichtblende mit tiefschwarzer Innenbeschichtung. Dies erlaubt dem Sensor, unter einen 90-Grad-Winkel zwischen Beobachtungsobjekt und Sonne zu gehen, wodurch der mögliche Beobachtungsbereich auf mehr als eine komplette Hemisphäre anwächst.

Die nominale und patentierte Beobachtungsgeometrie von Vyoma ist leicht von der Sonne abgewandt, um kontinuierlich möglichst viele Objekte zu erfassen. Im Endausbau sollen zwölf Satelliten in einer Bahnebene ein geschlossenes Netzwerk aufspannen. Jedes Objekt muss dieses System zweimal pro Orbit durchqueren, wodurch tieffliegende Objekte beispielsweise alle 45 bis 60 Minuten detektiert werden. Dies reiche aus, um auch manövrierende Objekte nicht aus dem Sichtfeld zu verlieren.

Datenstau im All: Edge Computing als Schlüssel

Dieser Ansatz bringt schwerwiegende Engineering-Herausforderungen mit sich. Während ein Radar-Ping wenige Kilobytes generiert, produziert eine hochauflösende Weltraumkamera rasend schnell Gigabytes an Bildmaterial. Diese Datenmengen müssen an Bord vorverarbeitet und durch das enge Nadelöhr der Satellitenkommunikation zur Erde gefunkt werden. Für automatisierte Ausweichmanöver ist diese Latenz entscheidend.

Frey erklärt, dass die Objekte in der Regel weit entfernt sind und Dutzende Sekunden im Sichtfeld verweilen. Eine Bildrate von einem Hertz reiche daher aus, um die Umlaufbahn abzuschätzen. Diese Daten werden an Bord verlustfrei komprimiert und verschlüsselt. Im Nominalbetrieb besteht alle ein bis zwei Stunden Erdkontakt, für prioritäre Daten alle 20 bis 30 Minuten.

Ziel von Vyoma ist jedoch eine Download-Latenz von unter einer Sekunde. Da optische Übertragungssysteme teuer sind, arbeitet das Start-up bereits für Flamingo-2 daran, die Bildverarbeitung „on the edge“ direkt auf dem Satelliten zu ermöglichen. Damit reicht im nächsten Schritt eine geringere Datenübertragungsrate für eine niedrige Latenz aus. Ab Flamingo-3 werden die Satelliten mit Radios und Antennen ausgestattet, um die verarbeiteten Daten live über andere Satelliten zu streamen.

Europas Datensouveränität und der Dual-Use-Markt

Dass der Zuschlag an ein Münchner Start-up geht, unterstreicht die Reife des süddeutschen Raumfahrt-Ökosystems („Space Valley“) rund um die TU München. Bislang sind europäische Satellitenbetreiber bei der Kollisionswarnung stark auf US-Daten angewiesen. Mit Vyoma agiert die ESA nun als „Anchor Customer“. Das stärkt Europas Souveränität und unterstützt die Zero Debris Charter, die bis 2030 eine neutrale Müllbilanz im All anstrebt.

Für das 40-köpfige Team tickt nun die Uhr. Zwischen Ende 2026 und 2029 sollen die restlichen elf Satelliten ins All gebracht werden. Der Aufbau verschlingt zweistellige Millionenbeträge, wobei Investoren wie Atlantic Labs, Happiness Capital und Safran Corporate Ventures bereits an Bord sind. Dennoch muss Vyoma in einem abgekühlten Venture-Capital-Markt beweisen, dass die Unit Economics stimmen.

Um den hohen Kapitalbedarf zu decken, positioniert sich Vyoma gezielt im Dual-Use-Segment. Frey bestätigt den engen Austausch mit europäischen Weltraumkommandos und nachrichtendienstlichen Entitäten. Da Weltraumüberwachung in der Weltraumstrategie der Bundesregierung seit 2025 hohe Priorität genießt, geht Vyoma von kurzfristigen Datenlieferungsverträgen und mittelfristig dem Verkauf schlüsselfertiger Lösungen aus.

Die Kosten zum Aufbau des Systems sehen sich laut Frey einem enormen Marktpotenzial gegenüber. Da einmalige Entwicklungskosten größtenteils gedeckt sind, führen größere Stückzahlen zu Stückkosten, die Investoren im DeepTech-Bereich „höchstens positiv überraschen“. Die Umsätze aus dem Verteidigungsbereich werden maßgeblich zum Aufbau der Konstellation beitragen. Die komplettierte Konstellation biete schließlich auch kommerziellen Kunden eine garantierte Beobachtungslatenz zu niedrigen Kosten.