Aktuelle Events
Gründer der Woche: COMPETENCE CUVEES – gemeinsam besser durchstarten
Gründer der Woche 14/18
Die junge Plattform COMPETENCE CUVEES bringt Geschäftsideen und Partner zusammen, um gemeinsam mit ihnen im Team ein Unternehmen zu gründen. Darüber sprechen wir mit Co-Gründer Karl Urhahn.
Was ist die Idee von COMPETENCE CUVEES?
In aller Bescheidenheit gesagt: COMPETENCE CUVEES ist ein einzigartiges Konzept. Die Idee von COMPETENCE CUVEES ist eigentlich denkbar einfach: Ein gutes Team ist die Basis jedes erfolgreichen Unternehmens – natürlich auch bei Start-ups. Wir bringen Menschen, dies sich sonst nie getroffen hätten, gezielt für eine Geschäftsidee zusammen und schaffen kompetente Gründerteams. Jedes Gründerteam ist eine von uns geschaffene Cuvée aus den unterschiedlichen Persönlichkeiten und Kompetenzen, die jeder einzelne einbringt – jeder genau das, was er am besten kann, jeder genau so viel, wie er möchte.
Unser ganz großer Vorteil ist, dass wir als Inhaber der COPAC Personalbaratung über einen sehr großen und breit gefächerten Kandidaten-Pool verfügen, aus dem wir für COMPETENCE CUVEES schöpfen können. Denn hier finden wir für den Ideengeber die ihm fehlenden Kompetenzen und gewinnen diese Manager/innen als Mitgründer. Wir stellen also handverlesene Gründer-Teams mit sich ergänzenden Kompetenzen und Persönlichkeiten zusammen.
Immer nach dem Motto: erst die Idee, dann das Team, dann der Businessplan und dann das Kapital. Wobei das gute Team bei allen Investoren meist der (!) entscheidende Faktor ist. Sehr gute Erfahrungen haben wir dabei auch mit der Heterogenität von Teams, also z.B. junge Ideengeber mit „alten Hasen“, die langjährige Branchen- und Berufserfahrung mitbringen. Dabei begleiten die erfahrenen Berater von COMPETENCE CUVEES den gesamten Prozess – von der Ideenausschreibung über die Teamfindung bis zur Unternehmensgründung. Und das honorarfrei.
Wie ist es dazu gekommen?
Wir haben aus unserer über 20-jährigen Arbeit als Personalberater mit der COPAC GmbH Erfahrungen mit Managern verschiedener Branchen und Unternehmensbereiche gesammelt. Immer wieder hören wir in den Interviews den Satz „Und eines Tages würde ich mich gern selbständig machen.“ Unter diesen Managern/innen gibt es manche, die bereits eine konkrete Geschäftsidee haben (das reicht vom berühmten Bierdeckel bis hin zum Businessplan) und andere, die mit diesem Wunsch latent durchs Leben laufen. Diese zusammenzubringen ist die Mission von COMPETENCE CUVEES.
Wer sind die Köpfe hinter dem Business? Und was ist Ihre Expertise?
Der eigentliche Kopf dahinter ist meine Frau Sabine, denn sie hatte diese tolle Idee. Sie hatte auch damals die Idee zu COPAC – connecting people and companies Wir beide ergänzen uns nicht nur privat, sondern auch professionell optimal, was wir in den über 20 Jahren gemeinsamen Unternehmertums mit all seinen normalen Ups and Downs mehrfach bewiesen haben.
Meine Frau ist Dipl. Ing. mit Schwerpunkt IT und Organisation und das strukturierende, planende und ordnende – aber eben auch kreative – Element bei uns. Ich bin als Dipl. Kfm. der kommunikative Part als Marketing- und Vertriebsmann „an der Front“ und liebe den direkten Kontakt zu den Menschen in unserem beruflichen Umfeld. Beide haben wir vor unserer Selbständigkeit langjährige Konzern- und Mittelstandserfahrung auf Management- bzw. Vorstands-Ebene gesammelt.
Frech gefragt: Sind Sie mehr Idealist als Unternehmer? Denn beim Gründen ist sehr viel Durchhaltevermögen und Herzblut gefragt – und ob eine (Team-)Gründung dann auch Früchte trägt, ist ja auch nicht ganz sicher.
Also damit das klar ist: Wir sind kein Wohltätigkeitsverein. Wir sind überzeugte Unternehmer – aber auch das wird und bleibt man nicht ohne Idealismus und Durchhaltevermögen. Und speziell bei COMPETENCE CUVEES ist es uns tatsächlich ein echtes Anliegen, anderen mit unserer Erfahrung und unserem Wissen auf dem Weg zur Gründung zu helfen.
Und: Es macht wahnsinnig viel Spaß zu erleben, wie Gründer-Teams sich mit unserer Hilfe finden und anfangen für die jeweilige Idee zu brennen. Natürlich ist das alles andere als sicher – wir reden schließlich von Unternehmertum. Wo bitte gibt es da Sicherheit für den Erfolg?! Aber Sicherheit ist ein gutes Stichwort. Wer jeden Schritt Richtung Unternehmertum schon bezahlt haben will oder im Statusdenken verharrt oder nicht einmal seine Zeit investieren will, der sollte besser die Finger von einer Gründung lassen.
Andererseits kann man durch das Konzept von COMPETENCE CUVEES auch schon aus einer externen Festanstellung oder freiberuflichen Tätigkeit heraus aktiv werden und so das Risiko, welches eine Gründung mit sich bringt, minimieren. Bis es tatsächlich so erfolgreich wird, wie alle hoffen.
Wen genau sprechen Sie mit Ihrem Angebot an?
Einfach gesagt: alle die mit Begeisterung und Leidenschaft Unternehmer werden wollen und bereit sind, sich dafür ernsthaft (!) mit der eigenen Kompetenz, Zeit und Energie einzubringen. Natürlich macht es aber auch nur dann Sinn, wenn man schon anspruchsvolle Berufserfahrung gesammelt und Kompetenzen erworben hat, oder ein junger Ideengeber mit einer „geilen“ Geschäftsidee ist.
Der klassische Ansatz eines Gründers ist immer der sofortige Ruf nach Kapital. Sollte der Gründer dies dann tatsächlich bekommen, muss er es für die ihm fehlenden Kompetenzen gleich wieder investieren. Da bei COMPETENCE CUVEES jedes Gründungs-Mitglied seine Kompetenz in den ersten Start-Up-Phasen unentgeltlich einbringt, können auch ohne externes Kapital schon die ersten Schritte erarbeitet werden, um aus seiner Idee etwas Großes entstehen zu lassen.
Ob Idee oder Kapital, viel oder wenig Zeit – seinen Einsatz für ein Projekt definiert jeder selbst. Dadurch ist COMPETENCE CUVEES zum Beispiel auch die perfekte Plattform für alle, die schon während der Erwerbstätigkeit parallel ihre Selbständigkeit aufbauen wollen. Bei COMPETENCE CUVEES findet jede/r genau die Partner, die sie/ihn und ihre/seine Vorstellungen von der Selbständigkeit perfekt ergänzen!
Welche Voraussetzungen muss ich als Gründungswilliger mitbringen, um mit Ihnen zusammenzuarbeiten?
Erstens wird von mir jede/r Interessierte vorab gründlich über unser Modell informiert und ich mache mir dabei ein Bild über ihre/seine Qualifikation und vor allem über die Ernsthaftigkeit und Leidenschaft bezüglich der geplanten Selbständigkeit. Wir können nur engagierte, begeisterte Self-Starter in einem Gründerteam gebrauchen.
Zweitens haben wir einen Leitfaden, unser sogenanntes „Reglement“, erstellt. Das muss jeder vor dem ersten Treffen verbindlich unterzeichnen. Darin wird zum einen die Vertraulichkeit garantiert, die wir den Ideengebern versprochen haben. Zum anderen wird idealtypisch definiert, wer welche Gesellschafts-Anteile bei der Gründung bekommt oder wer später operativ tätig sein will und dafür Boni als Entgelt für sein Engagement in der Gründungsphase bekommt.
Wir möchten damit einfach die Energien der Teams in den Ideen-Entwicklungs-Prozess und in den Weg bis zur Marktreife lenken und nicht schon zu Beginn in endlosen Diskussionen verpulvern. Bei COMPETENCE CUVEES gilt: Es wird das Fell des Bären erst verteilt, wenn er erlegt ist.
Eine Voraussetzung, die man definitiv nicht erfüllen muss: Kapital mitbringen. Bis zur Gründung investieren Team-Mitglieder – mit Ausnahme der Reise- und Meetingkosten – rein gar nichts.
Und wie finanzieren Sie Ihr Engagement? Sind Sie an den Gründungen beteiligt?
Wie oben ausgeführt, trägt jeder im Team seine Kosten selbst – auch wir. Das sind neben dem klassischen Kommunikations-Equipment (Handy, Laptop etc.) eben auch nur die Kosten für Meetings und die Reisen dahin. Die Meetings werden von uns organisiert, moderiert und beratend begleitet. Jeder muss also dafür sorgen, dass er seinen Lebensunterhalt erstmal aus anderen Quellen sicher stellt. Bei uns ist das unsere Personalberatung COPAC GmbH.
Wenn es dann zu einer Gründung kommt, bekommen wir 10 % der Gesellschaftsanteile und eine moderate Entrance-Fee, die wir aber auf 3 Jahre strecken. Bis die gegründete Gesellschaft dann Gewinn erwirtschaftet, dauert es in der Regel auch noch ein paar Jahre, bevor eine Gewinnausschüttung nach dem vorher vereinbarten Boni-Schlüssel unter den Gründungs-Mitgliedern aufgeteilt wird.
Welche Gründungs-Projekte haben Sie zuletzt erfolgreich auf den Weg gebracht?
Unsere erste Unternehmensgründung erfolgte mit großer Freude und Stolz Ende 2016 mit www.beso-del-sol.de. Ein Unternehmen, das hochwertige Lebensmittel-Spezialitäten aus Südamerika nach Europa importiert und vermarktet. Parallel dazu sind weitere Teams mit unserer tatkräftigen Unterstützung derzeit am Arbeiten (siehe unseren Ideenpool http://www.competence-cuvees.de/#ideenpool). In diesem Jahr erwarten wir daraus die zweite und spätestens nächstes Jahr die 3. Gründung.
Aber auch bei uns ist es natürlich wie im richtigen Leben: Wir sind alle nur Menschen und natürlich haben wir auch schon geplatzte Träume hinter uns. Das gehört einfach dazu. Daraus kann man nur lernen. Es ist eben nicht damit getan, nur die passenden Kompetenzen zu finden und zu bündeln. Es muss vor Allem menschlich passen. Die Erwartungen müssen harmonisiert werden, die jeweilige Familie muss auch hinter den Gründern stehen und der gesamte Prozess bis zur Gründung kann durchaus 2 Jahre dauern.
Was raten Sie Gründern – unabhängig davon, ob sie zusammen mit Ihnen oder als Solisten gründen?
Als Erstes und Allerwichtigstes: Prüfen Sie, ob Sie die richtige Begeisterung für das Unternehmertum empfinden. Gehen Sie ehrlich und realistisch mit sich und Ihren Ressourcen um. Haben Sie gegebenenfalls auch einen langen Atem für die Gründungsphase? Können Sie eventuelle Rückschläge nicht nur privat sondern auch finanziell ertragen?
Wenn Sie das positiv beantworten können, dann steht dem Schritt zum Unternehmertum nichts mehr im Wege. Lao Tse sagt: „Auch die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt“
Generell: Suchen Sie sich Mitstreiter! Das hilft (fast) immer. Aber seien Sie wählerisch und prüfen Sie genau, ob Sie auch ein Team-Player sind! Und natürlich empfehlen wir, mit uns Kontakt aufzunehmen. Wir helfen Ihnen gern weiter.
Hier geht’s zu COMPETENCE CUVEES
Das Interview führte Hans Luthardt
Vorschläge für diese Rubrik an redaktion@starting-up.de
Sie möchten selbst ein Unternehmen gründen oder sich nebenberuflich selbständig machen? Nutzen Sie jetzt Gründerberater.de. Dort erhalten Sie kostenlos u.a.:
- Rechtsformen-Analyser zur Überprüfung Ihrer Entscheidung
- Step-by-Step Anleitung für Ihre Gründung
- Fördermittel-Sofort-Check passend zu Ihrem Vorhaben
Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:
Vom Assekuradeur zum Cyber-Abwehrzentrum: Baobabs riskante Wette auf die All-in-One-Lösung
Es ist ein mutiger Schritt für ein junges Unternehmen: Das 2021 in Berlin gegründete InsurTech Baobab Insurance streift sein reines Versicherungs-Image ab und firmiert ab sofort unter dem Namen Baobab Risk Solutions (BRS). Zeitgleich führt das Start-up einen eigenen Managed Detection and Response (MDR) Service ein. Damit will das Unternehmen künftig nicht mehr nur den finanziellen Schaden bei Cyberangriffen abfedern, sondern die Angriffe selbst aktiv abwehren. Ein ambitionierter Plan, der das Geschäftsmodell unter enormen Leistungsdruck setzt.
„Unser neuer Name ist ein Versprechen an den Markt: Wir bieten keine bloßen Policen, sondern eine ganzheitliche Strategie gegen digitale Risiken“, erklärt Mitgründer und Geschäftsführer Vincenz Klemm. Prävention, Abwehr und Versicherung sollen fortan eine untrennbare Einheit bilden. Auf die Vermutung, das reine Versicherungsgeschäft sei für den Mittelstand schlichtweg zu unprofitabel geworden, kontert der Gründer deutlich: „Der Wechsel zu Risk Solutions ist weit mehr als ein neues Branding. Damit lösen wir unser Gründungsversprechen konsequent ein.“ Die bloße Police sei nie das Endprodukt gewesen, der Schritt zum aktiven Abwehrdienstleister sei von Tag eins an auf der Roadmap gestanden. Klemm fasst die neue Ausrichtung in einem klaren Kernsatz zusammen: „Wir warten somit nicht darauf, dass ein Schaden reguliert werden muss. Wir sorgen stattdessen aktiv dafür, dass er gar nicht erst entsteht.“ Dies sei kein Ausstieg aus der Versicherung, sondern die Evolution zum echten Risikomanagement für den Mittelstand und Industrieunternehmen.
Vom Millionen-Exit zum Cyber-Schutzschild
Um die Ambitionen von Baobab Risk Solutions zu verstehen, lohnt ein Blick auf das Gründer-Duo. Vincenz Klemm (Geschäftsführer) und Anton Foth (CTO) bringen geballte Erfahrung mit. Klemm baute in den USA den digitalen Makler Gabi auf und verkaufte ihn für rund 320 Millionen US-Dollar an Experian, während Foth als ehemaliger CTO von Coya (später Luko) die tiefe technische Expertise für datengetriebene Versicherungsmodelle liefert. Gestartet mit rund 4,2 Millionen US-Dollar Pre-Seed-Kapital, ist das Unternehmen mittlerweile in Deutschland, Österreich und den Benelux-Ländern aktiv.
Der Aufbau eines europäischen Assekuradeurs in den vergangenen fünf Jahren verlief dabei nicht ohne Hürden. „Eine europäische Expansion ist niemals eine reine Blaupause“, räumt Klemm ein. Um regulatorische Fallstricke frühzeitig zu erkennen, setze man gezielt auf lokale Expertise wie den General Manager für die Benelux-Staaten, Tim van Lier. Als größten Trumpf sieht Klemm jedoch die eigene Reaktionsgeschwindigkeit: „Wenn etwas nicht funktioniert, korrigieren wir es binnen Tagen, statt in monatelangen Release-Zyklen zu verharren.“ Auch die Frage nach frischem Kapital für den nun extrem kostenintensiven MDR-Betrieb wischt er routiniert beiseite: Man sei durch die letzte Finanzierungsrunde hervorragend aufgestellt. Sollte man dennoch nachlegen müssen, wisse man Investoren an der Seite, die „bei positiven Trends extrem schnell Kapital mobilisieren können.“
Der neue Vorstoß: MDR und ein 24/7-Defense-Center
Die Argumente für den neuen, zubuchbaren MDR-Service stützen sich auf drastische Marktveränderungen. Laut dem CrowdStrike Global Threat Report 2026 erfolgen 82 Prozent aller Angriffe mittlerweile ohne klassische Schadsoftware, woran Standard-Antivirus-Programme oft scheitern. Baobabs Antwort darauf ist ein rund um die Uhr besetztes Security Operations Center (SOC). Die Ansagen des Start-ups sind selbstbewusst: Mit einer Erkennungsrate von 99 Prozent identifiziere man Bedrohungen bereits in der Entstehungsphase. Die hauseigene Deep-Scan-Technologie arbeite 3,2-mal effektiver als herkömmliche Scans, zudem liege die Angriffsfrequenz bei Bestandskund*innen um 77 Prozent unter dem Marktdurchschnitt. Ergänzt wird das Ganze durch Dark Web Monitoring.
Doch wie kann ein Start-up im Angesicht des globalen Fachkräftemangels in der Cybersecurity personell und technologisch mit staatlich finanzierten Hacker-Syndikaten mithalten? Klemm verweist auf das ambitionierte Umfeld: Weil das Team Kunden aktiv berate und nicht nur stumpf Risiken überwache, habe man sich als Top-Adresse für Talente etabliert. Gleichzeitig gibt er sich pragmatisch und räumt ein, dass man nicht alles allein stemmen kann: „Um personelle Spitzen abzufangen, kooperieren wir mit hochprofessionellen Technologiepartnern.“ Diese Hybridstrategie sichere die Skalierbarkeit und den Zugang zu führender Technologie. Das absolute Kernversprechen an den Kunden tastet er dabei jedoch nicht an: „Die Analyse und der direkte Kontakt bleiben immer bei uns.“
Genial verzahnt oder überhoben?
In der Theorie ist die Verknüpfung von aktiver Abwehr und Versicherung genial: Versagen die Abwehrmaßnahmen von Baobab, muss die Versicherung den finanziellen Schaden ohnehin tragen – die Interessen von Kund*in und Versicherer sind maximal synchronisiert. In der Praxis gleicht der Betrieb eines 24/7-SOC jedoch einem Hochseilakt, der extrem personal- und kostenintensiv ist. Zudem droht ein massives Klumpenrisiko, falls ein neuartiger Zero-Day-Exploit die Filterlogik umgeht und hunderte Mittelständlerinnen gleichzeitig kompromittiert werden.
Auf dieses „All-Eggs-in-One-Basket“-Szenario angesprochen, reagiert Klemm unaufgeregt und verweist auf die harten Realitäten der Branche: „In der Cybersecurity gibt es keine hundertprozentige Sicherheit. Daher stellt ein neuartiger Zero-Day-Exploit für die gesamte Branche grundsätzlich ein Kumulrisiko dar.“ Doch genau dieses Risiko trage man als Assekuradeur über die Policen ohnehin bereits. Der MDR-Service sei kein zusätzliches Risiko, sondern ein Schutzschild. „Anstatt die Gefahr zu vergrößern, reduziert unsere aktive Abwehr die Wahrscheinlichkeit, dass ein solches Ereignis überhaupt zum Tragen kommt“, argumentiert der Geschäftsführer. Und wenn alle Stricke reißen? „Die Versicherungspolice ist der finale Sicherheitsanker für den reinen Risikotransfer“, stellt er klar.
Markt & Wettbewerb: Kampf der Titanen
Im Mid-Market-Segment tritt das Berliner Team gegen globale Giganten wie Munich Re oder spezialisierte Cyber-MGAs wie das US-Einhorn Coalition an. Auch der Markteintritt US-amerikanischer Riesen in Europa beunruhigt Klemm nicht – im Gegenteil: „Der Markteintritt globaler Akteure unterstreicht vor allem eines: Das enorme Potenzial des europäischen Cybermarktes.“
Die Marschroute für die kommenden 12 bis 18 Monate ist klar gesteckt. Man wolle die Verzahnung von Vorfallsreaktion (Incident Response) und MDR weiter vertiefen und die Schadenquote weiter unter den Marktdurchschnitt drücken. Der entscheidende Hebel soll jedoch die Radikalvereinfachung des Versicherungsabschlusses werden. „Unser Ziel: Der Abschluss einer Cyberversicherung oder Vertrauensschadenversicherung muss so einfach werden wie nie zuvor – für Makler und Kunden“, verspricht Klemm. Gegen die übermächtige Konkurrenz will er nicht durch schiere Finanzkraft gewinnen: „Wir gewinnen diesen Wettbewerb nicht über das größte Marketingbudget, sondern über das beste Risikomanagement und die engste Partnerschaft mit dem Mittelstand.“
Für die Branche ist Baobab damit ein spannendes Lehrstück über die Vertikalisierung von Geschäftsmodellen. Schaffen es die Berliner, ihr technologisches Versprechen zu halten, bauen sie eine hochprofitable Cybersecurity-Festung für den europäischen Mittelstand. Scheitert die Technik jedoch an der Realität komplexer Cyberbedrohungen, droht das gesamte Modell unter den eigenen Schadensquoten zu kollabieren. Es bleibt ein riskantes, aber zukunftsweisendes Play.
BRYCK Startup Alliance: Vom Kohlenpott zum Code-Pott
Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) hat mit den exist Startup Factories ein hochambitioniertes Förderprogramm aufgesetzt. Das Ziel: Wissenschaftliche Erkenntnisse sollen schneller und skalierbarer in die Wirtschaft überführt werden. Eines der Leuchtturmprojekte entsteht derzeit im Ruhrgebiet. Wir werfen einen Blick auf den Status quo der BRYCK Startup Alliance, die Macher*innen im Hintergrund und die Frage, was das Konstrukt Gründenden in der Praxis wirklich bringt.
Deutschland habe ein Transferproblem, so die Analyse der Initiatoren. Während die heimischen Universitäten in der Grundlagenforschung weltweit Spitzengeschwindigkeiten fahren, gerate der Motor ins Stottern, sobald es darum gehe, aus diesen Erkenntnissen marktreife Unternehmen zu formen. Genau hier setzen die geförderten exist Startup Factories an. Sie haben den Auftrag, die Quantität und Qualität wissensbasierter Ausgründungen signifikant zu steigern.
Das Silicon Valley der Schwerindustrie?
Geführt wird die BRYCK Startup Alliance, die 2025 als einer der Sieger des exist-Wettbewerbs gekürt wurde, von einem fünfköpfigen Führungsteam um Geschäftsführer Philipp Herrmann. Herrmann, selbst Seriengründer und Investor, soll die Brücke zwischen akademischer Forschung und traditionellen Corporate-Strukturen schlagen. Das Ziel ist gewaltig: Das Ruhrgebiet soll sich zur führenden Modellregion für industrielle Erneuerung in Europa wandeln.
Warum aber ausgerechnet DeepTech und nicht etwa digitale B2B-Software, wo die Einstiegshürden niedriger wären? Herrmann stellt klar: „Weil wir hier nicht die x-te Region bauen sollten, die versucht, ein kleines Silicon Valley zu spielen.“ Das Ruhrgebiet habe andere Stärken, wie eine enorme Dichte an Hochschulen, Industrie und konkreten Anwendungsfeldern. Für ihn liegt die Zukunft Europas nicht in reinen Softwaremodellen, sondern in Feldern wie Energie, Wasserstoff oder industrieller Effizienz. „DeepTech hat für diese Region einen anderen Hebel“, betont er. Wenn hier etwas funktioniere, habe es echte Wirkung auf industrielle Prozesse und neue Wertschöpfung. Sein Fazit für die Region: „Nicht den schnellsten Hype, sondern den nachhaltigsten Umbau.“
Eine beispiellose Allianz – und potenzielle Corporate-Falle?
Das Fundament der Allianz ist massiv: Die Universitätsallianz Ruhr kooperiert mit der RAG-Stiftung und dem Initiativkreis Ruhr, einem Bündnis aus über 70 Konzernen wie E.ON oder RWE. Für Start-ups klinge das theoretisch nach einem Sechser im Lotto. In der Praxis jedoch drohen agile Gründer*innen oft in den bürokratischen Mühlen der Großkonzerne zu ersticken.
Herrmann räumt unumwunden ein: „Die Gefahr besteht absolut.“ Große Unternehmen seien nicht per se schnell, und Konzernprozesse könnten für junge Teams zermürbend sein. Die Allianz setze daher nicht auf bloßes Networking, sondern auf harte Vorsortierung. „Unser Job ist, viel stärker vorzusortieren: Wo gibt es ein echtes Problem? Wo gibt es auf Unternehmensseite jemanden, der das Thema wirklich treiben will?“ Ein echter „Fast Track“ sei am Ende immer ein gut vorbereiteter Prozess. Zwar werde dadurch nicht jede Reibung verschwinden, aber man könne die Wahrscheinlichkeit für erfolgreiche Pilotprojekte massiv erhöhen.
Status quo: Die Realitätsprüfung
Seit dem Start ist viel passiert: Weit über 130 Start-ups haben die Programme bereits durchlaufen. Zudem wurde mit „GF BRYCK Ventures“ ein 10-Millionen-Euro-Fonds für Frühphasen-Investments etabliert. Doch Herrmann gibt zu, dass zwischen Masterplan und Realität oft Welten liegen.
Besonders die Kluft zwischen Universität, Start-up und Konzern habe ihn in der täglichen Arbeit gefordert. Man habe gelernt, dass ein gutes Ökosystem neben einem „Nordstern“ vor allem „sehr viel operative Kleinarbeit an all den zu verändernden Schnittstellen“ benötige. DeepTech sei eben kein Sprint. „Das Ruhrgebiet verändert man auch nicht mit einer großen Überschrift“, so Herrmann. Vielmehr verändere man es Schritt für Schritt durch funktionierende Beispiele.
Der harte Weg aus dem Labor
Zwei der größten „Start-up-Killer“ bei Uni-Ausgründungen sind ungeklärte Patentrechte (IP) und einseitige Teams aus Forschenden ohne Vertriebserfahrung. Herrmann fordert hier bei den IP-Prozessen vor allem Geschwindigkeit und Verlässlichkeit. „Nichts ist schädlicher als Monate der Unklarheit.“
Gleichzeitig legt er den Fokus auf das Matching der Teams. Während die „Nerds“ aus dem Labor für die Technologie unverzichtbar seien, entstehe ein Unternehmen erst, wenn technologische Exzellenz und unternehmerische Kompetenz zusammenkommen. Er plädiert für ein neues Selbstverständnis: „Ich finde auch, wir müssen weg von diesem alten Denken, dass Forschung und Unternehmertum zwei getrennte Welten seien. Im Idealfall ist Unternehmertum der Weg, wie aus guter Forschung Wirkung wird.“
Was kostet die Förderung?
Mit dem neuen Fonds investiert die Allianz bis zu 300.000 Euro in der ganz frühen Phase. Pauschale Deal-Terms gebe es dabei bewusst nicht, da die Situationen der Teams zu unterschiedlich seien. Herrmann betont jedoch ein wichtiges Prinzip: „Frühphasenfinanzierung darf Gründer nicht klein, sondern muss sie handlungsfähig machen.“
Da 300.000 Euro bei DeepTech-Hardware oft nur ein Anfang sind, müsse man das „Valley of Death“ durch breitere Kapitalzugänge schließen. Er sieht hier eine große Aufgabe für ganz Europa: „Wir brauchen mehr geduldiges Kapital und bessere Anschlussfinanzierung für wissenschaftsbasierte Unternehmen.“ Ziel sei es, die Teams so aufzustellen, dass sie auch die nächste und übernächste Runde erreichen können.
Ausblick: Eine Milliarde fürs Ruhrgebiet
Bis 2030 sind die Ziele messbar: 1.000 wissenschaftsbasierte Ausgründungen und eine Milliarde Euro mobilisiertes Risikokapital. Ob das Projekt ein Erfolg wird, mache Herrmann an substanziellen Ergebnissen fest.
„Im Kern werden wir nur dann wirklich Strahl- und Magnetkraft auf europäischer Ebene entwickeln, wenn aus unseren Startups groß skalierte Unternehmen entstehen – wirkliche Unicorns, die Industrien verändern“, kontert er. Man müsse beweisen, dass hier Firmen entstehen, die industrielle Probleme auf Weltklasseniveau lösen. Sein Wunsch für die nächsten vier Jahre: „Dass das kein spannendes Einzelprojekt mehr ist, sondern ein funktionierendes System mit echter Zugkraft.“ Wenn die ersten Teams aus diesem System zu echten Erfolgsgeschichten werden, sei das der stärkste Beleg für den Erfolg.
Factsheet: BRYCK Startup Alliance auf einen Blick
- Offizieller Name: BRYCK Startup Alliance
- Fokus: DeepTech, B2B, industrielle Transformation
- Status: Prämierte exist Startup Factory des BMWE (Entscheidung am 10. Juli 2025)
- Geschäftsführung: Philipp Herrmann, Dr. Christian Lüdtke, Philippa Köhnk, Ersin Üstün, Maximilian Weil-Schimanski
- Wissenschaftliches Rückgrat: Universitätsallianz Ruhr (Bochum, Dortmund, Duisburg-Essen)
- Wirtschaftliches Netzwerk: Initiativkreis Ruhr (über 70 Top-Unternehmen) & RAG-Stiftung
- Finanzierung: GF BRYCK Ventures (10 Mio. Euro Fonds, Tickets bis zu 300.000 Euro)
- Ziele bis 2030: 1.000 Ausgründungen, 200 skalierende DeepTech-Start-ups, 1 Mrd. Euro mobilisiertes Kapital
- Website: bryckstartupalliance.com/de
11 Mio. USD für VisioLab: Stürzt ein Osnabrücker Start-up die Kassen-Dinos?
Das Start-up VisioLab der Gründer an Tim Niekamp und Iwo Gernemann hat den Kassen-Dinos den Kampf angesagt, in dem es den Checkout in Mensen und Arenen durch simple iPad-KI automatisiert.
In der Systemgastronomie, in Mensen und Stadien ist der größte Engpass oft nicht die Küche, sondern die Kasse. Das Osnabrücker Start-up VisioLab adressiert dieses Problem mit künstlicher Intelligenz und verwandelt handelsübliche iPads in voll funktionsfähige Self-Checkout-Systeme. Für die weitere globale Skalierung hat das Unternehmen nun eine Series-A-Finanzierung in Höhe von 11 Millionen US-Dollar abgeschlossen. Angeführt wird die Runde von eCAPITAL Entrepreneurial Partners und Simon Capital, unterstützt von bestehenden Investor*innen wie dem High-Tech Gründerfonds, APX, dem Family Office zwei.7 und Business Angels wie Jens Ohr. Doch wie robust ist dieses scheinbar simple Geschäftsmodell im hart umkämpften Markt der Kassenautomatisierung wirklich?
Aus der Mensa in die NBA: Die Köpfe hinter dem Kassen-Killer
Gegründet wurde VisioLab im Jahr 2019 in Osnabrück von CEO Tim Niekamp und President & COO Iwo Gernemann. Die Idee entsprang einem stark spürbaren Schmerzpunkt in der Gastronomie: Zur Mittagszeit oder in der Halbzeitpause stauen sich die Gäste, während herkömmliche Kassensysteme oft im fünfstelligen Preisbereich liegen und aufwendig geschultes Personal erfordern. Zudem verschärft der chronische Personalmangel in der Foodservice-Branche die Lage massiv.
Die Vision der Gründer war von Beginn an, den Checkout-Prozess durch KI so drastisch zu vereinfachen, dass die zugrundeliegende Technologie im Betrieb kaum noch als solche wahrgenommen wird. Mit einem aktuellen Team von rund 25 Mitarbeitern an den Standorten Osnabrück und Boston haben Niekamp und Gernemann das System iterativ zur Marktreife geführt und internationalisiert. Das frische Kapital soll nun genutzt werden, um das Team auf etwa 40 Mitarbeiter auszubauen – gezielt verstärkt durch ehemalige Führungskräfte von Klarna, SumUp und Google.
Ein iPad als Kassensystem: Geniestreich oder Achillesferse?
Die technische Umsetzung besticht durch Hardware-Minimalismus. VisioLab eliminiert teure, proprietäre Scanner-Kassen und setzt stattdessen auf ein Apple iPad samt Kamera, kombiniert mit einem kompakten Bluetooth-Bezahlterminal und der eigenen KI-App. Die KI erkennt Speisen und Getränke auf dem Tablett in Echtzeit – unabhängig davon, ob diese verpackt oder lose sind. VisioLab vertreibt dieses Setup als "Plug-and-Play"-Lösung direkt als E-Commerce-Produkt über einen Online-Shop. Ein einziges Foto genügt laut Unternehmensangaben, um der KI ein neues Produkt beizubringen, wodurch das System in weniger als fünf Minuten startklar sein soll.
Die fundamentalen Zahlen belegen, dass diese Strategie derzeit voll aufgeht:
- Transaktionen: Weltweit verarbeiten rund 500 Installationen etwa eine Million Transaktionen im Monat.
- Gesamtvolumen: Das kumulierte Transaktionsvolumen liegt mittlerweile bei knapp 100 Millionen US-Dollar.
- Wirtschaftlichkeit: Im vergangenen Quartal verzeichnete das Unternehmen erstmals einen positiven Cashflow.
Kritisch hinterfragt
Der Verzicht auf stark spezialisierte Hardware ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits ermöglicht es VisioLab eine enorme Vertriebsgeschwindigkeit ohne große Hardware-Vorfinanzierungen und langwierige Installationen. Andererseits ist die rein kamerabasierte 2D-Erkennung auf einem handelsüblichen Tablet potenziell anfällig für komplexe Lichtverhältnisse oder optisch nahezu identische Gerichte. Zudem begibt sich das Start-up in eine absolute Abhängigkeit vom Apple-Ökosystem. Das Geschäftsmodell erfordert eine konstante technologische Weiterentwicklung, um die "Churn-Rate" (Kund*innenabwanderung) gering zu halten, da die Wechselkosten für Gastronom*innen bei einer reinen iPad-Lösung verhältnismäßig niedrig sind.
Der Kampf um die Food-Erkennung
Der globale Markt für "AI Food Recognition" und Self-Checkout erlebt derzeit einen massiven Schub. VisioLab hat sich in diesem Umfeld geschickt in lukrativen, hochfrequentierten Nischen positioniert:
- Sport & Entertainment: In den USA stattet VisioLab beispielsweise die Arena des NBA-Teams Orlando Magic mit 43 Systemen aus und deckt damit fast das gesamte Stadion ab. Weitere Kunden sind die NFL-Teams Atlanta Falcons und Carolina Panthers sowie der Fußballclub Inter Miami.
- Bildung & Corporate: Etwa jeder dritte deutsche Uni-Campus nutzt die Technologie über die Studierendenwerke. Hinzu kommen Betriebskantinen von DAX-Konzernen und Kooperationen mit globalen Caterern wie der Compass Group und Aramark.
Allerdings agiert VisioLab nicht konkurrenzlos. Der Wettbewerb ist technologisch divers und hochkapitalisiert. Das US-Start-up Mashgin gilt als einer der härtesten globalen Konkurrenten. Im Gegensatz zu VisioLab setzt Mashgin auf spezielle Kiosk-Terminals mit multiplen 3D-Kameras. Das erhöht zwar die Hardwarekosten und den Installationsaufwand drastisch, verspricht aber eine extrem hohe Erkennungsgenauigkeit selbst bei chaotischen Objektanordnungen. Auch auf dem Heimatmarkt gibt es mit Start-ups wie auvisus ("VisionCheckout") starke Wettbewerber*innen, die ebenfalls KI-Bilderkennung für Betriebsrestaurants und Kantinen anbieten.
Fazit: Hyperwachstum mit Haken
Für die Start-up-Szene liefert VisioLab ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie kluges "Go-to-Market"-Design aussieht. Anstatt den kapitalintensiven Weg proprietärer Hardware-Entwicklung zu gehen, nutzt das Team Standard-Consumer-Hardware und fokussiert die gesamte Wertschöpfung auf die smarte KI-Software am Endgerät.
Diese agile Entscheidung ermöglicht das derzeitige Hyperwachstum: Das US-Geschäft steuert bereits rund 50 Prozent zum Umsatz bei und wächst jährlich um über 1.000 Prozent. Mit dem frischen Kapital, dem Ausbau des US-Standorts durch Co-Founder Iwo Gernemann sowie der gezielten Expansion nach Australien, Neuseeland, Österreich, Großbritannien und in die Niederlande stellt VisioLab die Weichen auf globale Skalierung.
Ob das Osnabrücker Start-up langfristig gegen bestens finanzierte US-Giganten und 3D-Kamera-Spezialisten bestehen kann, wird sich an der Robustheit der Software im massenhaften Dauerbetrieb zeigen. Gelingt es VisioLab, durch kontinuierliches KI-Training seinen Genauigkeits- und "Plug-and-Play"-Vorteil auszubauen, hat das Team hervorragende Chancen, den Checkout-Prozess in der Systemgastronomie dauerhaft zu dominieren.
Openlaw sichert sich 3,3 Mio. US-Dollar für digitale Rechtsinfrastruktur
3,3 Mio. USD gegen Europas Bürokratie: Das LegalTech-Start-up Openlaw automatisiert mit beglaubigt.de den Gründungsprozess als digitale Infrastruktur.
Die europäische Plattform für digitale Rechts- und Notarinfrastruktur Openlaw hat eine Seed-Finanzierungsrunde in Höhe von 3,3 Millionen US-Dollar abgeschlossen. Das 2024 gegründete Münchner LegalTech-Start-up, das im Heimatmarkt vor allem unter der Marke beglaubigt.de agiert, will mit dem frischen Kapital den bürokratischen Gründungs- und Verwaltungsprozess in Europa radikal vereinfachen. Zu den Geldgebern zählen unter anderem YouTube-Mitgründer Jawed Karim über Y Ventures, Moonfire Ventures (gegründet von Atomico-Cofounder Mattias Ljungman), Zeno Ventures, Combination VC, Orange Collective sowie diverse Business Angels und Alumni des Y Combinators.
Von der Unicorn-Skalierung zur Infrastruktur: Die Gründerhistorie
Hinter Openlaw stehen zwei Köpfe mit beachtlicher Start-up-Vita, die den Schmerz der europäischen Bürokratie aus eigenen Gründungs- und Skalierungsphasen kennen:
Alexander Sporenberg (CEO): Er gehörte zum Gründungsteam der Razor Group, einem E-Commerce-Aggregator, der in nur 15 Monaten zum Unicorn mit einer Bewertung von 1,7 Milliarden US-Dollar aufstieg. Bei hunderten M&A-Deals erlebte Sporenberg Notartermine und Registerprozesse als massives Nadelöhr für das Unternehmenswachstum.
Felix Gerlach (CPO): Nach seiner Zeit im Ökosystem von Rocket Internet gründete Gerlach die Identity-Verification-Plattform Passbase. Nachdem internationale US-Investoren einstiegen, wurde das Unternehmen 2023 an Parallel Markets verkauft. Seine Expertise im Aufbau skalierbarer Infrastrukturen fließt nun in die Produktentwicklung bei Openlaw.
Mit diesem Background schaffte es das Duo in das hochkompetitive Programm des kalifornischen Y Combinators (F24 Batch). Durch die Zeit in San Francisco verfestigte sich die Vision, die technologische Lücke zwischen dem US-Markt, wo Gründungen teils in nur 24 Stunden abgeschlossen sind, und dem europäischen Flickenteppich aus 27 Rechtssystemen und über 60 Gesellschaftsformen zu schließen.
API-First statt Papierkrieg
Das Kernversprechen von beglaubigt.de ist eine drastische Effizienzsteigerung durch die Digitalisierung des administrativen Überbaus. Während eine reguläre GmbH-Gründung in Deutschland meist sechs bis acht Wochen in Anspruch nimmt, will Openlaw diesen Prozess laut eigenen Angaben auf bis zu drei Tage drücken.
Dabei agiert das Start-up explizit nicht als Ersatz für bestehende Institutionen. Vielmehr fungiert das Modell als prozessoptimierende Schicht für Gründer*innen:
Die Plattform übernimmt die Administration, die Terminkoordination, die Dokumentenvorbereitung sowie die Registeranmeldungen. Dafür arbeitet beglaubigt.de regelmäßig mit einem Netzwerk aus rund 300 Notariaten zusammen. Die originär hoheitlichen Aufgaben – die juristische Beratung, rechtliche Belehrung und die eigentliche Beurkundung – verbleiben zwingend bei den kooperierenden Notariaten.
Ein wesentlicher USP und Skalierungshebel ist die technologische Anbindung an Drittanbieter. Openlaw betreibt eine vollautomatisierte "Incorporation API". Diese erlaubt es Partnern wie den Neobanken Qonto und Holvi oder dem Buchhaltungstool Sevdesk, den gesamten Gründungsprozess nativ in ihre eigenen Workflows zu integrieren. Ein(e) Kund*in kann so beispielsweise im Rahmen einer Kontoeröffnung bei Qonto direkt die Unternehmensgründung mit anstoßen, ohne die Plattform wechseln zu müssen. Bis heute hat das rund 20-köpfige Team nach eigenen Unternehmensangaben über 25.000 Kund*innen über die Plattform betreut.
Marktumfeld und Wettbewerb
Dass eine Beschleunigung im Ökosystem not tut, ist unumstritten. Laut dem DIHK-Report 2025 sind beinahe 60 Prozent der Gründer*innen mit dem Standort Deutschland unzufrieden; drei Viertel fordern deutlich schnellere und einfachere Regularien. Die Politik versucht zwar auf europäischer Ebene, mit Vorstößen wie der EU Inc. die Entbürokratisierung voranzutreiben. Doch was nach der eigentlichen Gründung folgt – wie Steuerregistrierung, Handelsregister, Geschäftsadresse und laufende Administration – bleibt hochkomplex und national geregelt. Zudem muss in Kernmärkten wie Deutschland, Spanien und Frankreich die Unternehmensgründung notariell beurkundet werden.
In diesem Setup muss sich das Geschäftsmodell von Openlaw bewähren und kritischen Fragen stellen:
- Der harte Flaschenhals des Notarmonopols: So reibungslos Openlaw den Prozess per Software orchestriert, am Ende bleibt das Tempo durch die Kapazitäten der angeschlossenen Notariate und Amtsgerichte limitiert. Openlaw optimiert den Weg zum und vom Notariat sowie den administrativen Overhead, kann die Institution selbst aufgrund gesetzlicher Vorgaben aber nicht disruptieren.
- Dicht besiedelter Wettbewerb: Der Markt für „Gründung als Service“ in Deutschland ist umkämpft. Etablierte Player wie firma.de, Rechtstech-Kanzleien (z.B. Recht24/7) oder hochspezialisierte Anbieter wie RIDE (Fokus auf vermögensverwaltende GmbHs und Holding-Strukturen) bedienen die Sehnsucht nach administrativen Abkürzungen schon länger.
- Der strategische Vorteil durch B2B: Der entscheidende Differenzierungsfaktor von Openlaw scheint weniger das Endkund*innengeschäft zu sein, sondern der radikale API-First-Ansatz. Gelingt es, die eigene Schnittstelle als unsichtbare Standard-Infrastruktur in europäische FinTech-Lösungen und Banking-Apps einzuweben, profitiert Openlaw von massiven Lock-in-Effekten und senkt gleichzeitig die Customer Acquisition Costs (CAC), da Partner wie Qonto oder Sevdesk den Traffic liefern.
Ausblick
Mit dem frischen Kapital will Openlaw das Produktangebot seiner deutschen Marke gezielt ausbauen. Neben Standardgründungen (GmbH, UG, GbR) und steueroptimierten Holding-Strukturen sollen künftig auch weitere Registerprozesse sowie die laufende Buchführung vollständig über die Plattform abgewickelt werden. Das langfristige Ziel bleibt dabei die Expansion in weitere europäische Märkte, um Gründer*innen eine grenzübergreifende digitale Infrastruktur für den laufenden Betrieb zu bieten.
Peak Quantum sichert sich 2,2 Mio. Euro für fehlerresistente Qubits
Peak Quantum holt 2,2 Mio. Euro für fehlerresistente Qubits. Wie das Münchner Spin-off mit EU-Förderung gegen die hochgerüstete Konkurrenz antritt.
München wächst weiter als Europas Quanten-Hauptstadt. Das Start-up Peak Quantum schließt seine Pre-Seed-Runde mit 2,2 Millionen Euro ab und positioniert sich im hart umkämpften Deep-Tech-Markt. Der Pitch der Gründer: Fehlerkorrektur direkt in der Hardware. Doch in einem extrem kapitalintensiven Umfeld reicht Geld allein nicht. Wie das Spin-off mit einem cleveren Infrastruktur-Schachzug gegen die hochgerüstete europäische Konkurrenz bestehen will.
Aus der Forschung in die Praxis
Im Jahr 2024 entstand Peak Quantum als Spin-off aus der Forschungsgruppe von Prof. Stefan Filipp am Walther-Meißner-Institut (WMI), das zur Bayerischen Akademie der Wissenschaften gehört. Das Gründungsteam deckt interdisziplinär die gesamte Wertschöpfungskette vom Chipdesign bis zur Systemintegration ab. Zu den Köpfen hinter der Unternehmung gehören Leon Koch (CEO), Alexander Schult (CFO), Dr. Thomas Luschmann (COO), Dr. Max Werninghaus (CSO), Ivan Tsitsilin (Head of Design), Kedar Honasoge (Head of Production) und Daniil Bazulin (Quantum Engineer). Unterstützt wird das junge Unternehmen durch wichtige Säulen des lokalen Ökosystems wie dem Munich Quantum Valley und der UnternehmerTUM.
„Hardware-First“ statt Software-Pflaster
Das aktuell größte Hindernis im Quantencomputing ist das sogenannte Rauschen – die enorme Fehleranfälligkeit der Recheneinheiten (Qubits). Während die Industrie bisher stark darauf setzte, schlicht die Anzahl physikalischer Qubits hochzuskalieren und Fehler nachträglich per Software zu korrigieren, wählt Peak Quantum einen grundlegend anderen Weg. Das Start-up entwickelt supraleitende Prozessoren, deren physikalische Architektur Fehler bereits auf der reinen Hardware-Ebene unterdrückt. Dieser integrierte Fehlerschutz soll die Komplexität des Gesamtsystems drastisch senken und die Entwicklung kommerziell nutzbarer Rechner massiv beschleunigen.
Das Geschäftsmodell & der EU-Infrastruktur-Hebel
Quanten-Hardware ist ein unfassbar teures Pflaster. Mit dem frischen Kapital von Investor*innen wie dem britischen Lead-Investor Cloudberry Ventures, United Founders oder QAI Ventures steigt die Gesamtfinanzierung von Peak Quantum auf gut fünf Millionen Euro. Für den Aufbau eigener Reinräume (CapEx) reicht das kaum. Der strategische Clou des Geschäftsmodells liegt daher in der europäischen Vernetzung: Peak Quantum bezieht öffentliche Fördermittel aus dem EU Chips Act und wurde ausgewählt, die im April 2026 startende Quantenchip-Pilotlinie SUPREME zu betreiben.
Ziel ist es, in Europa eine skalierbare Produktionsumgebung zu etablieren, die langfristig auch für externe Partner geöffnet werden soll. Ein Modell, das es Peak Quantum erlaubt, trotz einer frühen Finanzierungsphase hocheffizient an industrietauglichen Chips zu feilen.
Der Markt & die Konkurrenz
Doch der Markt verzeiht keine Verzögerungen, und München ist längst ein Haifischbecken der Quantentechnologie. Direkt vor der Haustür sitzen Schwergewichte:
- IQM Quantum Computers: Der europäische Platzhirsch für supraleitende Quantencomputer (mit Hauptsitz in Finnland, aber großem Zentrum in München), der kürzlich eine SPAC-Fusion für einen geplanten Milliarden-Börsengang ankündigte.
- planqc: Ein weiteres Münchner Spin-off, das auf neutrale Atome setzt und bereits 2024 eine Series A in Höhe von satten 50 Millionen Euro abschloss.
- Alice & Bob: Auf internationaler Ebene steht besonders das französische Start-up Alice & Bob in direkter technischer Konkurrenz. Die Pariser entwickeln sogenannte Cat Qubits, die ebenfalls hardwareseitig fehlerresistent sind, und kooperieren dabei bereits eng mit Microsofts Quanten-Sparte.
Fazit: Risiko und enorme Chance
Das Board rund um einen ehemaligen Alphabet-X-Advisor sieht in Peak Quantum ein elementares Puzzleteil für ein eigenständiges europäisches Quanten-Ökosystem. Die Investition ist ein klassisches „Deep-Tech-Infrastruktur-Play“.
Dennoch ist eine Pre-Seed-Runde von 2,2 Millionen Euro im Jahr 2026 angesichts der Kapitalausstattung der Konkurrenz eine riskante Wette. Peak Quantum muss durch den Zugang zur SUPREME-Pilotlinie extrem schnell beweisen, dass die fehlerresistente Architektur industriell skaliert und nicht nur im Labor des WMI funktioniert.
Bringt das Team um Leon Koch erste greifbare Pilotprojekte mit Forschungs- und Industriepartnern in den Bereichen Materialforschung, Logistik oder industrieller Optimierung zum Laufen, könnte Peak Quantum zu einem technologischen Flaschenhals werden, an dem in Europa niemand mehr vorbeikommt. Es ist das Paradebeispiel dafür, wie smarte Gründer*innen nicht nur Code oder Hardware schreiben, sondern das System aus Fördergeldern, Pilotlinien und lokaler Forschungsexzellenz maximal zu ihrem Vorteil hebeln.
Gründer*in der Woche: Little World – Spracherwerb durch echte Begegnung
Wie Oliver Berlin mit seinem Aachener Social-Start-up Little World trotz beachtlichen Erfolgs vor der großen Herausforderung der Anschlussfinanzierung steht – und was das über ein strukturelles Defizit in unserem Fördersystem verrät.
Es ist eine dieser Geschichten, die eigentlich ein Happy End haben müssten. Die Zahlen stimmen, die gesellschaftliche Wirkung ist messbar, und die Menschen sind begeistert. Doch Oliver Berlin, Wirtschaftsingenieur und Gründer des Social-Start-ups Little World, blickt derzeit nicht auf Erfolgsstatistiken, sondern auf ein finanzielles Problem. Sein Projekt offenbart ein strukturelles Defizit in unserem Fördersystem und steht vor einer massiven Herausforderung, da eine essenzielle Förderung Ende 2025 ausgelaufen ist.
Spracherwerb durch echte Begegnung
Die Vision von Little World ist so simpel wie effektiv: Menschen, die Deutsch sprechen, treffen sich im digitalen Raum mit Menschen, die Deutsch lernen. Es geht dabei nicht um klassische Nachhilfe oder sture Grammatik, sondern um echten Austausch auf Augenhöhe über den Alltag, Hobbys und die Familie.
Auslöser für die Gründung war Berlins eigene Erfahrung während der Pandemie, als er beobachtete, wie seine Mutter täglich ältere Menschen anrief, um ihnen Gesellschaft zu leisten. Zusammen mit Tim Schupp und Sean Blundell fusionierte er 2022 diese Idee zu Little World. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Innerhalb der ersten drei Monate nach dem Launch verzeichnete die Plattform bereits 1.000 Anmeldungen. Heute vernetzt das Start-up bundesweit rund 6.500 Menschen und vermittelt jährlich etwa 1.200 Gesprächspaare.
Wie die Community über sich hinauswächst
Dass Little World weit mehr ist als eine reine Vermittlungsmaschine, zeigt sich daran, wie sich das Angebot mittlerweile organisch aus der Community heraus weiterentwickelt. Neben den 1-zu-1-Gesprächen gibt es inzwischen auch von den Teilnehmenden selbst initiierte Gruppenformate, wie etwa den neuen Online-Buchclub.
Ins Leben gerufen wurde dieser von der 27-jährigen Varvara, die selbst erst seit Anfang 2025 als Deutschlernende auf der Plattform aktiv ist. Ihr eigenes Deutsch hat sie sich maßgeblich durch das Lesen erarbeitet. Nun gibt sie diese Leidenschaft weiter: Alle zwei Wochen treffen sich im virtuellen Lesekreis Lernende und Freiwillige, um über vorab vereinbarte Texte zu sprechen – die Bandbreite reicht von Harry Potter bis Franz Kafka. In kleinen Breakout-Rooms geht es dabei weniger um strenge Literaturkritik, sondern vielmehr darum, das freie Sprechen zu üben und eigene Erfahrungen zu teilen.
Das Paradoxon des Erfolgs: Wenn die Förderung wegbricht
Es sind genau diese Momente der Begegnung und Integration, die aktuell auf dem Spiel stehen. Denn während die Community wächst und floriert, tickt im Hintergrund die finanzielle Uhr. Eine substanzielle Förderung der Deutschen Fernsehlotterie in Höhe von 400.000 Euro, die dem Start-up zwei Jahre lang Luft zum Atmen und Wachsen gab, ist Ende 2025 ausgelaufen. Das Kernteam wurde zwar vergrößert, doch die laufenden Betriebskosten für Server, technischen Support und das Matchmaking bleiben …
Hier schnappt die Falle des deutschen Fördersystems zu. Stiftungen und staatliche Töpfe finanzieren gerne den innovativen Aufbau oder Pilotphasen. Ist ein Projekt jedoch etabliert und läuft erfolgreich, ziehen sich die Geldgeber*innen zurück. Sozialunternehmer wie Oliver Berlin verbringen infolgedessen oft mehr Zeit mit dem Schreiben von Anträgen als mit ihrer eigentlichen gesellschaftlichen Mission.
Kooperationen statt Rückzug
Trotz des immensen Drucks richtet das Team den Blick nach vorn und setzt auf eine strategische Neuausrichtung. Jüngst schloss Little World ein Bündnis mit Lern-Fair, einem Verein zur Unterstützung bildungsbenachteiligter Schüler*innen. Durch diese Zusammenarbeit sollen Ressourcen geteilt und neue Zielgruppen, wie etwa Eltern, erschlossen werden.
Zusätzlich rückt die Wirtschaft stärker in den Fokus. Das Social Start-up positioniert sich zunehmend als Tool für Unternehmen, die ihren Mitarbeitenden über Corporate Volunteering ein unkompliziertes Engagement ermöglichen wollen. Gleichzeitig können Firmen so frühzeitig Kontakt zu internationalen Talenten aufbauen. Um das Modell auf breitere Schultern zu stellen und die Struktur langfristig zu sichern, sollen neben Spenden künftig auch Stiftungen und Unternehmen eine entscheidende Rolle spielen. „Sprachvermittlung ist unser Vehikel – unser Ziel ist gesellschaftlicher Zusammenhalt“, appelliert Berlin.
Griff nach den Sternen: Lieferando- und Tier-Mitgründer sammelt 5 Mio. Euro für Solarenergie aus dem All
Das europäische Start-up TerraSpark will sauberen Strom per Funk aus dem Orbit zur Erde schicken. Mit dabei: der Deutsche Matthias Laug, Mitgründer von Lieferando und Tier Mobility, sowie deutsche Investoren. Wir wollten wissen: Wie realistisch ist das ehrgeizige Vorhaben der Tech- und Raumfahrt-Veteranen? Eine Einordnung.
Europas Energieinfrastruktur stößt zunehmend an ihre Grenzen. Während die Internationale Energieagentur (IEA) prognostiziert, dass sich der Strombedarf von Rechenzentren bis 2030 mehr als verdoppeln wird, zeigten großflächige Stromausfälle in Spanien und Portugal zuletzt die Schwächen der heutigen Energiesysteme auf.
Eine radikale Lösung für dieses drängende Problem verspricht nun das 2025 in Luxemburg gegründete Start-up TerraSpark. Das junge Unternehmen hat eine Pre-Seed-Finanzierungsrunde in Höhe von über fünf Millionen Euro erfolgreich abgeschlossen. Zu den Geldgebern zählen neben der Pariser Gesellschaft Daphni und dem Tech-Investor Sake Bosch auch die Angel-Investoren-Allianz better ventures und die Hans(wo)men Group. Ihr gemeinsames Ziel: Weltraumgestützte Solarenergie kommerziell nutzbar zu machen.
Prominente deutsche Wurzeln in einem hochkomplexen Hardware-Projekt
Dass dieses Vorhaben für die hiesige Gründerszene von besonderem Interesse ist, liegt maßgeblich an der personellen Aufstellung. Hinter TerraSpark steht ein Gründertrio, das eine seltene Kombination aus europäischer Raumfahrtexpertise und massiver Skalierungserfahrung vereint. Aus deutscher Sicht sticht hierbei besonders Chief Operating Officer Matthias Laug hervor. Als Mitgründer von Lieferando und Tier Mobility bringt er tiefe Erfahrung im Aufbau und in der Skalierung großer europäischer Plattformunternehmen in das komplexe Projekt ein.
Geführt wird das Team von CEO Jasper Deprez, einem Seriengründer, der zuvor die globale HR-Tech-Plattform Tradler aufbaute. Die zwingend notwendige Raumfahrt-Expertise liefert Chief Technology Officer Dr. Sanjay Vijendran: Er verantwortete bei der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) bereits das Solaris-Programm zur weltraumgestützten Solarenergie und war an der Mars Sample Return Mission beteiligt. Auch auf Investor*innenseite ist das deutsche Vertrauen in das Team groß. Tina Dreimann, Gründerin und Geschäftsführerin von better ventures, lobt genau diese Mischung aus europäischer Raumfahrtkompetenz und der Erfahrung, Technologie wirklich zu skalieren.
Erst die Erde, dann das All
Die Vision des Trios ist gewaltig: Solarenergie soll im Weltraum eingefangen und per Funkfrequenz sicher zur Erde übertragen werden. Das Konzept ist in der Theorie bereits seit den 1970er Jahren bekannt, doch erst heute machen sinkende Startkosten sowie technologische Fortschritte in der Satellitenfertigung und Orbitrobotik die Umsetzung wirtschaftlich tragfähig.
Anstatt jedoch das immense Risiko einzugehen und sofort mit gigantischen Systemen im All zu beginnen, wählt TerraSpark bewusst einen schrittweisen Kommerzialisierungs-Ansatz. Das Startup startet auf der Erde mit der Kommerzialisierung funkfrequenzbasierter drahtloser Energieübertragung für industrielle Anwendungsfälle. Mit diesem pragmatischen Schritt sollen Sicherheit, Effizienz und regulatorische Kompatibilität im kleinen Maßstab demonstriert werden, bevor das System in den Orbit skaliert wird. Ein hochrelevanter Markt für diese erste Phase sind netzferne Regionen, die bislang auf Dieselgeneratoren angewiesen sind. Dort liegen die Stromkosten häufig bei etwa 0,70 bis 1,50 Euro pro Kilowattstunde – ein starkes Preissignal, das technologische Alternativen rasch wirtschaftlich attraktiv machen kann.
Um diesen Markt zu erschließen, bereitet das Unternehmen in den kommenden Monaten erste Pilotanwendungen vor, darunter die drahtlose Energieversorgung eines Live-Events. Auch die Roadmap für den Weg ins All steht: Ein erster orbitaler Technologie-Demonstrator ist für das Jahr 2027 geplant, die erste echte Weltraum-zu-Erde-Energieübertragung wird für 2028 anvisiert.
Markt, Wettbewerb & Machbarkeit
Obwohl die Physik hinter der funkfrequenzbasierten Energieübertragung laut CTO Sanjay Vijendran seit Jahrzehnten validiert ist, bleibt die weltraumgestützte Solarenergie ein extrem komplexes Unterfangen. TerraSpark ist auf diesem kapitalintensiven Spielfeld nicht allein. Neben Start-ups wie Virtus Solis aus den USA oder dem neuseeländisch-deutschen Unternehmen Emrod haben auch etablierte Luft- und Raumfahrtgiganten wie Airbus das enorme wirtschaftliche Potenzial längst erkannt und treiben eigene Forschungsprogramme voran.
Kritisch zu hinterfragen bleibt bei all diesen Vorhaben die technische Effizienz der Energieübertragung über gewaltige Distanzen bis hinunter zur Erde. Die Errichtung großflächiger Solarpaneele im Weltall erfordert trotz signifikant sinkender Frachtpreise weiterhin immense Vorabinvestitionen und unzählige Raketenstarts. Zudem muss der internationale regulatorische Rahmen für das Richten von hochkonzentrierten Funkwellen aus dem All auf irdische Empfangsstationen erst noch global abgestimmt werden.
Fazit
Der „Earth-first“-Ansatz von TerraSpark ist ein äußerst kluger, unternehmerischer Schachzug. Er mildert das finanzielle Risiko für die Seed-Investoren ab, demonstriert Technologie greifbar im Kleinen und könnte frühe B2B-Umsätze generieren, lange bevor die erste Hardware ins All fliegt. Dennoch bleibt der Meilenstein-Plan enorm ambitioniert. Matthias Laug und seine Mitstreiter*innen haben in der Vergangenheit zwar eindrucksvoll bewiesen, dass sie digitale und urbane Geschäftsmodelle massiv skalieren können. Der Schritt vom E-Scooter-Verleih zur interplanetaren Energie-Infrastruktur erfordert in den kommenden Jahren jedoch eine völlig neue Dimension der Exekution – und noch deutlich tiefere Taschen der Investor*innen.
Münchner Start-up Isar Aerospace bricht Testflug der „Spectrum“-Rakete aus Sicherheitsgründen ab
Der zweite Testflug der „Spectrum“-Trägerrakete des Münchner Raumfahrtunternehmens Isar Aerospace musste kurz vor der Triebwerkszündung gestoppt werden.
Ursache war nach Unternehmensangaben ein unbefugtes Boot, das in die maritime Sicherheitszone eingedrungen war. Bis das Areal geräumt werden konnte, verstrich das enge Startfenster zwischen 21:00 und 21:15 Uhr. Die Rakete blieb unbeschadet auf der Startrampe.
Sicherheitsmechanismus statt Fehlschlag
In der Raumfahrtbranche wird ein solcher Abbruch (ein sogenannter Scrub) nicht als technologischer Rückschlag gewertet, sondern als Beleg für greifende Sicherheitsmechanismen. Ein erheblicher Unterschied besteht zu einem tatsächlichen Fehlstart, bei dem Hardware verloren geht – wie es beim Erstflug der „Spectrum“ am 30. März 2025 geschah, als die Rakete nach knapp 30 Sekunden wegen eines Ausfalls der Lageregelung ins Meer stürzte.
Da die Rakete dieses Mal keinen technischen Defekt erlitt, werten die Ingenieure den abgebrochenen Countdown als erfolgreichen Härtetest der Bodenanlagen und der automatisierten Betankungsprozesse. Das Team um CEO Daniel Metzler hatte im Vorfeld betont, dass das primäre Ziel der Mission „Onward and Upward“ darin bestehe, kritische Systeme unter operativen Bedingungen zu validieren. Die nun gesammelten Daten fließen direkt in die Vorbereitung des nächsten Versuchs ein.
Die komplexe Logistik eines neuen Startfensters
Wann die „Spectrum“ erneut betankt wird, hängt von einem mehrstufigen Abstimmungsprozess ab. Nach der Sicherung der Rakete muss Isar Aerospace bei den norwegischen Behörden neue Sperrzonen beantragen. Damit Fischer, Frachtschiffe und Fluggesellschaften ihre Routen rechtzeitig anpassen können, müssen offizielle Warnungen für die Schifffahrt (NOTMAR) und den Luftraum (NOTAM) mit entsprechendem Vorlauf herausgegeben werden. Erst wenn diese bürokratischen Hürden genommen sind und Parameter wie das Wetter am Polarkreis übereinstimmen, kann ein neuer Countdown für die Nutzlast – darunter universitäre Kleinsatelliten der TU Berlin, der TU Wien sowie der norwegische FramSat-1 – beginnen.
Warum Andøya? Der strategische Vorteil im hohen Norden
Dass das Münchner Start-up diese logistischen Herausforderungen im hohen Norden auf sich nimmt, anstatt etwa den etablierten europäischen Weltraumbahnhof Kourou in Südamerika zu nutzen, hat strategische und physikalische Gründe.
Die Hauptkunden von Isar Aerospace betreiben kleine Erdbeobachtungssatelliten, die bevorzugt über die Pole fliegen, um die Erdoberfläche lückenlos zu erfassen. Von Andøya aus kann die Rakete auf direktem Weg sicher über das offene Europäische Nordmeer in diesen polaren Orbit starten, ohne Treibstoff für aufwendige Kurskorrekturen zu verbrauchen. Zudem spart der Transport der in Ottobrunn gefertigten Bauteile per LKW und Fähre nach Norwegen wertvolle Zeit und Kosten im Vergleich zu einer Verschiffung nach Französisch-Guayana.
Für Europa bleibt der anstehende Flug der „Spectrum“ ein wichtiges Puzzleteil auf dem Weg zu einem wettbewerbsfähigen, kommerziellen Zugang zum All. Sobald die Sperrzonen vor der norwegischen Küste neu eingerichtet sind, wird sich zeigen, ob das Münchner Unternehmen diese Lücke schließen kann.
Architektur statt Strukturgröße: Aachener Chip-Start-up INCIRT sichert sich 4,8 Mio. Euro
Das Halbleiter-Start-up INCIRT hat eine Finanzierungsrunde in Höhe von 4,8 Millionen Euro abgeschlossen. Angeführt wird die Runde vom finnischen Early-Stage-VC Lifeline Ventures, während der High-Tech Gründerfonds (HTGF) – der bereits in der Seed-Runde 2022 investierte – erneut mitzieht. Das frische Kapital soll die Industrialisierung und den Markteintritt einer neuen Generation von Hochleistungs-Datenwandlern beschleunigen, die vor allem in Satelliten, 5G/6G-Infrastruktur und KI-Rechenzentren zum Einsatz kommen sollen.
Hinter dem DeepTech-Unternehmen steht ein Team mit tiefen akademischen Wurzeln. INCIRT entstand Anfang 2022 als exist-gefördertes Spin-off der RWTH Aachen. Die promovierten Elektrotechniker Dr. Oner Hanay (CEO), Dr. Erkan Bayram und Dr. Mohamed Saeed Elsayed brachten das wissenschaftliche Fundament mit, während Sebastian Waters (CCO/CFO) die kaufmännische Seite abdeckt. Technisch beraten wird das Team durch Prof. Dr. Renato Negra. Bereits im Gründungsjahr sorgten die Aachener für Aufsehen und gewannen den renommierten "Falling Walls Venture"-Award.
Intelligenz schlägt Nanometer
Der technologische Ansatz von INCIRT zielt auf ein Kernproblem der Halbleiterindustrie ab: Dem klassischen „Moore’s Law“ folgend, wurden Leistungssteigerungen in der Vergangenheit vor allem durch immer kleinere Transistoren (mittlerweile im einstelligen Nanometer-Bereich) erkauft. Dieser Weg stößt an physikalische Grenzen und lässt die Produktionskosten explodieren.
INCIRT setzt stattdessen auf eine patentierte, stark parallelisierte Systemarchitektur für seine Analog-Digital- und Digital-Analog-Wandler. Laut Unternehmensangaben ermöglichen diese eine bis zu 100-mal schnellere Datenübertragung bei signifikant geringerem Energieverbrauch. Der entscheidende strategische Vorteil: Weil die Architektur so effizient ist, können die Chips im etablierten, weitaus günstigeren 22-Nanometer-Verfahren produziert werden – und zwar direkt in Europa. Das macht das Start-up zu einem spannenden Akteur im Bestreben der EU, digitale Souveränität aufzubauen und die Abhängigkeit von asiatischen Mega-Foundries wie TSMC zu verringern.
Zwischen IP-Lizenz und Hardware-Hürden
So vielversprechend die Technologie ist, so steinig ist der Weg zur Kommerzialisierung. Der globale Markt für Datenwandler wird von etablierten US-Giganten wie Analog Devices, Texas Instruments oder Broadcom dominiert. Diese Konzerne verfügen nicht nur über Milliardenbudgets für Forschung, sondern auch über extrem tief verwurzelte Lieferbeziehungen zu den großen Netzwerkausrüstern und der Raumfahrtindustrie.
Zudem offenbart die Hardware-Entwicklung extrem lange Validierungszyklen. Bauteile, die in den Weltraum geschossen werden, müssen jahrelange Zertifizierungen durchlaufen. CEO Oner Hanay formuliert dennoch das ambitionierte Ziel, in zehn Jahren bis zu 10.000 europäische Satelliten mit INCIRT-Technologie auszurüsten.
Hier drängt sich die kritische Frage nach dem finalen Geschäftsmodell auf: Zur Seed-Runde 2022 positionierte sich INCIRT noch primär als skalierbarer Anbieter von „IP-Lösungen“ (Intellectual Property), der reine Baupläne lizenziert. In der aktuellen Kommunikation rückt nun die physische "Chipproduktion" in den Vordergrund. Sollte INCIRT als "Fabless"-Unternehmen auftreten, das Chips auf eigene Rechnung produzieren lässt, sind 4,8 Millionen Euro in der Halbleiterindustrie kaum mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Allein um die Maskenkosten (Tape-outs) und das Working Capital für Massenmärkte zu finanzieren, wird mittelfristig ein Vielfaches an Kapital oder ein starker Industrie-Partner nötig sein.
Fazit
Die neue Runde verschafft INCIRT die entscheidende "Runway", um erste Kundenprojekte zu starten und die Leistungsfähigkeit der Chips im harten Praxiseinsatz zu beweisen. Gelingt es den Aachenern, die Platzhirsche bei Leistung, Kosten und Liefersicherheit zu schlagen, könnte das Spin-off ein essenzieller Baustein der europäischen Telekommunikationszukunft werden. Bis dahin bleibt es eine klassische DeepTech-Wette: Hochriskant, extrem kapitalintensiv – aber mit immensem Hebel, falls sie aufgeht.
Vom Solinger Start-up zum globalen Einhorn: Wie Dash0 die Observability-Giganten dekonstruiert
Das 2023 gegründete KI-Start-up Dash0 hat im März 2026 mit einer 110-Millionen-Dollar-Runde die magische Milliardenbewertung geknackt. Die Vision: Die Systemüberwachung von Software durch offene Standards, radikal faire Preismodelle und pragmatische KI zu revolutionieren. Doch der Frontalangriff auf US-Goliaths wie Datadog birgt strategische Risiken.
In der modernen Softwareentwicklung ertrinken IT-Teams in einer Flut aus Warnmeldungen, Logs und Metriken. Klassische Überwachungs-Tools (Observability) sind oft teuer, komplex und sperren Kunden in geschlossene Daten-Ökosysteme ein. Genau dieses Problem adressiert Dash0 – und hat damit in Rekordzeit Investoren und namhafte Kunden überzeugt. „Systemüberwachung ist heute kaputt: Sie ist zu laut, zu teuer und zu komplex“, bringt es Dash0-CEO und Mitgründer Mirko Novakovic auf den Punkt.
Die Gründer und der rasante Aufstieg zum Einhorn
Hinter Dash0 steht ein Quintett erfahrener Tech-Veteranen. Besonders Mirko Novakovic ist in der B2B-Szene ein Schwergewicht: 2020 verkaufte er sein vorheriges Start-up Instana für rund 500 Millionen US-Dollar an IBM. Dieser „Repeat Founder“-Status erklärt das enorme Vertrauen der Geldgeber.
Die Historie von Dash0 liest sich wie ein Start-up-Märchen im Zeitraffer: Nach der Gründung 2023 im nordrhein-westfälischen Solingen folgte Ende 2024 eine 9,5-Millionen-Dollar-Seed-Runde parallel zum Produktlaunch. Ein Jahr später sammelte das Team 35 Millionen Dollar ein.
Der Ritterschlag folgte nun im März 2026: Mit einer von Balderton Capital angeführten Series-B-Runde über 110 Millionen Dollar steigt Dash0 in den Kreis der Unicorns auf. Diesen Meilenstein verknüpft das Team mit einer klaren Kampfansage: „Mit den 110 Millionen Dollar, die wir heute bekannt geben, bringen wir autonome Abläufe zu jedem Entwicklerteam der Welt – noch bevor unsere Wettbewerber überhaupt begreifen, was mit ihnen geschieht.“
Das Produkt: Ein Frontalangriff auf die Industrie-Norm
Ein Blick unter die Haube zeigt, warum die Plattform so schnell wächst. Das Start-up dekonstruiert gezielt die Schwachstellen der etablierten Milliardenkonzerne:
- Das Ende des „Vendor Lock-ins“: Dash0 basiert vollständig auf offenen CNCF-Standards (OpenTelemetry). Als Abfragesprache wird nativ PromQL genutzt, für Dashboards kommt das quelloffene Perses zum Einsatz. Das bedeutet für Technik-Entscheider: Würde Dash0 die Preise anheben, könnten sie ihre gesamten Dashboards und Alarme einfach mitnehmen und woanders hosten.
- Radikales Pricing: Branchenriesen rechnen oft nach Datenvolumen (Gigabyte) oder Nutzerlizenzen ab, was bei wachsenden Systemen zu explodierenden Budgets führt. Dash0 rechnet rein nach der Anzahl der gesendeten Telemetrie-Datenpunkte ab. Unternehmen können unlimitiert Metadaten anhängen und unbegrenzt viele Entwickler auf das System lassen, ohne dass verdeckte Kosten anfallen.
- Developer Experience (DX): Dash0 positioniert sich als Tool „von Ingenieuren für Ingenieure“. Die Plattform lässt sich für maximale Geschwindigkeit komplett per Tastatur steuern, und Konfigurationen können nahtlos als Code (Configuration as Code) in bestehende Entwicklungs-Pipelines integriert werden.
Dieser Ansatz zieht prominente Kunden an: Tech-Schwergewichte wie Vercel loben die drastisch verkürzte Zeit zur Fehlerbehebung, und auch Traditionskonzerne wie Porsche Digital setzen auf die offene Architektur von Dash0, um sich zukunftssicher aufzustellen. Um das technologische Fundament schnellstmöglich zu verbreitern, akquirierte Dash0 zudem im Februar 2026 das israelische Serverless-Start-up Lumigo.
Pragmatische KI statt Buzzword-Bingo
Während der Markt aktuell von generativen KI-Versprechen überflutet wird, positioniert sich Dash0 erstaunlich pragmatisch. Das Mantra des Start-ups lautet: „AI is an implementation detail.“ (KI ist ein Implementierungsdetail).
Der hauseigene Copilot „Agent0“ soll zwar autonome Analysen durchführen und Teams in Echtzeit entlasten, aber das primäre Ziel ist es, repetitive Aufgaben verlässlich und vor allem ohne Halluzinationen zu lösen. Die beste KI-Funktion, so das Credo der Gründer, sei diejenige, die der/die Nutzer*in liebt, ohne überhaupt zu merken, dass es sich um KI handelt.
David gegen Goliath in New York
Trotz des beeindruckenden Momentums steht Dash0 in der Skalierungsphase vor massiven Hürden:
- Der Goliath-Wettbewerb: Dash0 tritt gegen etablierte US-Giganten wie Datadog, Dynatrace oder Grafana an. Um diesen Kampf zu führen, hat das Start-up seinen Hauptsitz mittlerweile von Deutschland nach New York verlegt. Dieser Schritt erfordert eine extrem hohe Cash-Burn-Rate im Enterprise-Vertrieb.
- Der fehlende „Burggraben“: Was für Kund*innen hochattraktiv ist (offene Standards wie Perses und PromQL), beraubt Dash0 eines klassischen defensiven Lock-ins. Da ein Wechsel zu einem anderen Anbieter theoretisch leichter ist als bei geschlossenen Systemen, ist Dash0 dazu verdammt, permanent durch überlegene Usability und fehlerfreie KI zu überzeugen.
Fazit
Für die deutsche Start-up-Szene ist Dash0 ein exzellentes Paradebeispiel für modernes B2B-Hypergrowth. Die Story zeigt, wie man in scheinbar gesättigten Märkten durch konsequente Nutzerzentrierung, offene Standards und transparente Preise in unter drei Jahren zum Einhorn aufsteigen kann. Es ist der Beweis, dass deutsche DeepTech-Gründer*innen auf globaler Ebene nicht nur mitspielen, sondern die Spielregeln aktiv neu schreiben können.
Logistikbude: 5-Mio.-Euro-Funding für neue Softwarekategorie im B2B-Sektor
Ein oft ignorierter, aber systemkritischer Bereich der Logistik rückt ins Rampenlicht: das Management von Ladungsträgern. Das Dortmunder Start-up Logistikbude sichert sich in einer Series-A-Runde über 5 Millionen Euro, um mit seinem „Load Carrier Management System“ (LCMS) Excel und Papier in den Lieferketten abzulösen. Ein Blick auf die Macher, den Markt und die Frage, wie tragfähig das Geschäftsmodell wirklich ist.
Wer an globale Lieferketten denkt, hat Containerschiffe, riesige Lagerhallen und KI-gestützte Routenplanung vor Augen. Doch das eigentliche Rückgrat des Welthandels ist erschreckend analog: Weltweit zirkulieren Schätzungen zufolge rund 10 Milliarden Ladungsträger – Europaletten, Gitterboxen, Spezialgestelle. Sie wechseln jährlich etwa 150 Milliarden Mal den Besitzer. Was in der Theorie nach einem reibungslosen Kreislauf klingt, ist in der Praxis ein administrativer Albtraum, der von Palettenscheinen auf Papier, fehleranfälligen Excel-Listen und endlosen E-Mail-Schleifen dominiert wird.
Genau hier setzt das Tech-Start-up Logistikbude an. Mit einer frischen Series-A-Finanzierung in Höhe von über 5 Millionen Euro, angeführt vom renommierten VC Capnamic sowie Moguntia Capital und diversen Bestandsinvestoren (u. a. FTTF, Rethink Ventures), will das Dortmunder Unternehmen eine völlig neue Softwarekategorie im B2B-Sektor etablieren: das Load Carrier Management System (LCMS).
Aus der Forschung in den Logistik-Dschungel
Die Wurzeln der Logistikbude sind ein Musterbeispiel für erfolgreichen Technologietransfer. Die Gründer Dr. Philipp Hüning (CEO), Michael Koscharnyj (COO), Patrik Elfert (CPO) und Jan Möller (CTO) stammen aus dem Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik (IML) in Dortmund. Dort arbeiteten sie in einem Enterprise Lab eng mit der European Pallet Association (EPAL) zusammen. Aus dieser direkten Schnittstelle zwischen Spitzenforschung und industrieller Realität erwuchs eine zentrale Erkenntnis: Bestehende IT-Systeme wie Warehouse Management (WMS) oder Transport Management Systeme (TMS) behandeln das Ladungsträgermanagement äußerst stiefmütterlich.
Im Oktober 2021 wagte das Quartett die Ausgründung. Aus dem Forschungsprojekt wurde ein Vertical-SaaS-Start-up, das sich anschickt, die tiefe Ineffizienz im Palettentausch zu beenden. Namhafte Kunden wie DACHSER und die Nagel-Group, die das System aktuell an 130 Standorten flächendeckend ausrollt, beweisen: Das Team hat den Product-Market-Fit gefunden.
Intelligenter Layer statt Systembruch
Das LCMS der Logistikbude positioniert sich als intelligenter Datenlayer, der sich über die bestehende – und oft stark fragmentierte – IT-Infrastruktur von Handels- und Logistikunternehmen legt. Über API-Schnittstellen zieht das System Daten aus ERP- oder WMS-Systemen, schließt Lücken über mobile Scan-Apps oder IoT-Sensoren und gleicht Salden automatisch ab.
Besonders clever: Um den manuellen Aufwand zu minimieren, nutzt die Software Künstliche Intelligenz. Ein KI-Agent liest analoge oder als PDF vorliegende Palettenscheine aus, verbucht sie und gleicht Konten ab. Partnerunternehmen, die die Software selbst nicht nutzen, lassen sich über simple Weblinks in den Bestätigungsprozess einbinden. Das Geschäftsmodell ist klassisches Software-as-a-Service (SaaS): Kunden zahlen eine monatliche Lizenzgebühr, gestaffelt nach Funktionsumfang und Volumen der Ladungsträger.
Ist das wirklich eine neue Software-Kategorie?
Die Logistikbude proklamiert selbstbewusst, mit dem LCMS eine dritte große Säule neben ERP/WMS und TMS zu schaffen. Doch hält diese These einer kritischen Marktanalyse stand?
- Die Stärken: Das Start-up löst ein akutes Schmerzproblem. Paletten sind gebundenes Kapital. Hoher Schwund und massiver administrativer Personalaufwand für den Saldenabgleich kosten Großlogistiker jährlich Millionen. Der Return on Investment (ROI) der Software lässt sich für Kunden schnell und hart in Euro beziffern.
- Die Risiken: Langfristig stellt sich die Feature-or-Product-Frage. Bislang ignorieren große ERP-Anbieter (wie SAP) oder etablierte WMS-Hersteller das Thema weitgehend, weil es extrem kleinteilig ist. Sollten diese Tech-Giganten jedoch den Wert der Automatisierung im Palettenmanagement erkennen und entsprechende Module nativ in ihre Suiten integrieren, gerät ein Standalone-LCMS unter Druck. Logistikbude muss sich in den Lieferketten unentbehrlich machen, bevor die großen Tanker ihren Kurs korrigieren.
- Der Netzwerkeffekt: Palettentausch ist ein Multiplayer-Spiel. Wenn Spedition A und Händler B unterschiedliche Systeme nutzen, droht ein neuer Datenbruch. Logistikbude federt dies zwar stark durch KI-gestützte Dokumentenauslese und Partner-Links ab, doch die volle Skalierungskraft entfaltet sich erst, wenn das System zum Quasi-Standard der Branche wird.
Wettbewerb und Markt
Der Markt für das Management von Ladungsträgern ist stark fragmentiert, wobei sich die Konkurrenz im Wesentlichen in drei Cluster unterteilen lässt. Der mit Abstand größte und hartnäckigste Gegenspieler ist dabei der etablierte Status quo in Form von Excel-Tabellen und Papierdokumenten. Daneben existieren diverse Alt-Systeme und Nischenanbieter, die einfache Lademittelverwaltungen oft noch als isolierte On-Premise-Lösungen anbieten. Diesen traditionellen Ansätzen fehlt im direkten Vergleich jedoch meist die nötige Cloud-Dynamik sowie eine moderne KI-Integration. Ein drittes Cluster bilden digitale Pooling-Dienstleister wie inter.PAL, die sich dem Problem von der physischen Seite nähern. Diese Player kombinieren ein digitales Palettenkonto mit dem europaweiten, physischen Handling und Pooling der Paletten, teilweise ergänzt durch Blockchain-Verbuchungen. Im Gegensatz dazu grenzt sich die Logistikbude klar ab, indem sie rein digital, plattformunabhängig und als völlig neutraler Software-Dienstleister operiert.
Einordnung & Ausblick
Für Gründerinnen, Gründer und Investor*innen sendet die Series-A der Logistikbude ein starkes Signal: Die lukrativsten Start-up-Ideen liegen oft nicht in hippen Endkonsumenten-Trends, sondern in den unsexy Untiefen des B2B-Alltags. Die Logistikbude ist ein klassischer Hidden Champion in spe.
Mit dem frischen Kapital von über 5 Millionen Euro muss das Team nun beweisen, dass es die Internationalisierung über den DACH-Raum hinaus stemmen und eine Marktdurchdringung erreichen kann, die das System vom smarten Tool zum echten Branchenstandard erhebt. Gelingt dies, könnte das Konzept LCMS tatsächlich als eigenständige Kategorie in die IT-Systemlandschaften der globalen Wirtschaft einziehen.
Start-up-Ökosystem abseits der Metropolen: Wie Ostwestfalen-Lippe das Förder-Vakuum überwindet
280 Neugründungen und über 1.000 neue Arbeitsplätze: Das Förderprojekt „Exzellenz Start-up Center.OWL“ (ESC.OWL) zieht nach sechs Jahren Laufzeit eine beachtliche Schlussbilanz. Die eigentliche Nachricht für die Start-up-Szene liegt jedoch in der Zeit nach dem Förderende: Die Region verankert ihre aufgebauten Inkubator-Strukturen dauerhaft und führt die Vision einer „Startup Factory“ auch ohne finale exist-Bundesförderung fort.
Mit dem Abschluss des Jahres 2025 endete die Förderung des Projekts ESC.OWL, das die regionale Gründer*innenszene in Ostwestfalen-Lippe (OWL) seit 2019 maßgeblich geprägt hat. Rund 16 Millionen Euro flossen in dieser Zeit in das Vorhaben, innovative Geschäftsideen aus der Forschung der beteiligten Hochschulen auf den Weg zu bringen. Geleitet wurde das Konsortium vom „Center für Transfer durch Existenzgründung“ (TECUP) der Universität Paderborn, das auch die Start-up-Schmiede garage33 betreibt. Mit an Bord waren zudem die Technischen Hochschule OWL und die Hochschule Bielefeld.
Ambitionierte Ziele deutlich übertroffen
Die Initiatoren hatten sich für die sechsjährige Laufzeit hohe Ziele gesteckt – und diese letztlich deutlich übertroffen. Die Bilanz in harten Zahlen:
- Statt der anvisierten 150 Ausgründungen entstanden aus über 700 begleiteten Gründungsvorhaben insgesamt 280 neue Start-ups.
- Diese jungen Unternehmen schufen in OWL mehr als 1.000 neue Arbeitsplätze.
- Mehr als 40.000 Menschen wurden für Themen rund um die Existenzgründung sensibilisiert (geplant waren 25.000).
- Über 20.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer besuchten die diversen Formate, von Ideenwettbewerben über Pitch-Events bis hin zu Networking-Veranstaltungen mit Investoren und Business Angels.
B2B-Fokus: 87 Millionen Euro Wagniskapital eingeworben
Dass sich das Projekt derart dynamisch entwickelte, liegt an der spezifischen DNA der Region. Ostwestfalen-Lippe galt in der landesweiten Förderinitiative „Exzellenz Start-up Center.NRW“ als wichtiges Puzzleteil abseits der klassischen Ballungsräume. Die Region bot ideale Bedingungen für eine hochspezialisierte Art von Start-ups: Als Heimat des Spitzenclusters „Intelligente Technische Systeme“, zahlreicher Weltmarktführer und in direkter Nähe zum Fraunhofer-Institut IEM bildet OWL ein natürliches Testfeld für B2B-Geschäftsmodelle.
Diese enge Verzahnung von universitärer Forschung und etablierter Industrie ermöglichte es vielen Tech-Gründungen, rasch Pilotkunden zu finden. Wie lukrativ dieses Umfeld für Wagniskapitalgeber ist, zeigt eine aktuelle Zahl: Insgesamt warben Start-ups aus dem Ökosystem der garage33 seit 2019 über 87 Millionen Euro an Wagniskapital ein.
Ein Paradebeispiel für diesen Dealflow ist das Paderborner KI-Start-up ONE WARE. Das Team hat eine Software entwickelt, die ressourcenschonende neuronale Netze für verschiedenste Hardwareplattformen generiert. Dieser Ansatz überzeugte den Essener Technologieinvestor Cusp Capital, der das Start-up in dessen erster institutioneller Finanzierungsrunde mit 2,5 Millionen Euro ausstattete.
Verstetigung: Ein physisches Zuhause für Hardware-Gründer
Die größte Schwachstelle vieler staatlich geförderter Hubs ist oft ihr Ablaufdatum. Das ESC.OWL hat hier jedoch frühzeitig entgegengesteuert. An der Universität Paderborn wurde das TECUP offiziell als zentrale Betriebseinheit etabliert, wodurch die Unterstützungsleistungen für gründungsinteressierte Hochschulangehörige langfristig gesichert sind.
Darüber hinaus wurde der Gründer*innenszene ein neues physisches Zuhause geschaffen: Parallel zur ESC.NRW-Förderung bezog die garage33 den Neubau des Start-up Campus OWL im Paderborner Zukunftsquartier. Dieser bietet Start-ups modernste Büro- und Co-Working-Flächen sowie Raum zur Entwicklung physischer Prototypen.
„Wir gewährleisten so, dass Gründungsinteressierte auch künftig kontinuierlich und auf hohem Niveau unterstützt werden können, wenn sie ihre wissenschaftlichen Erkenntnisgewinne in tragfähige Geschäftsmodelle überführen möchten“, resümiert Prof. Dr. Sebastian Vogt, Direktor des TECUP.
Blick nach vorn: Die Vision geht unabhängig weiter
Das Projekt ESC.OWL ist formal abgeschlossen, doch die Region baut auf dem starken Fundament auf. Unter dem Namen Factory33 hatte sich das hochschulübergreifende Konsortium im prestigeträchtigen exist-Leuchtturmwettbewerb „Startup Factories“ des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWE) beworben.
Bei der finalen Prämierung der zehn bundesweiten Leuchttürme 2025 erhielten in NRW jedoch die Gateway Factory und die Factory BSA / BRYCK Startup Alliance den Zuschlag. Die Vision in Ostwestfalen-Lippe bleibt von dieser Entscheidung unberührt: Mit dem Ziel, einen international sichtbaren Hotspot für B2B-Gründungen der industriellen Transformation zu etablieren, wird das regionale Ökosystem seine Plattform nun als eigenständige und tragfähige Basis weiter vorantreiben.
Gründer*in der Woche: VARM – Unf*ck the planet
Wie die VARM-Gründer Christian Grüner und Sebastian Würz das Handwerk skalieren und die Wärmewende beschleunigen wollen.
Am Anfang stand kein Hype, sondern eine einfache Wahrheit: Die günstigste Kilowattstunde ist die, die gar nicht erst verloren geht. Christian Grüner, Mathematiker, ehemaliger Managementberater und Gründer, folgte dieser schlichten Logik, als er sich nach dem Verkauf seines ersten Start-ups den Themen Klimaschutz und klimawirksame Gebäudesanierung widmete und erkannte: Nicht die nächste glänzende Hardware verspricht den größten Hebel für mehr Energie- und Kosteneffizienz in Gebäuden, sondern eine solide Hülle. „Ich wollte etwas Physisches mit echtem Impact bauen. Dämmung ist dafür der unterschätzte Schlüssel“, sagt Christian rückblickend.
So entstand die Idee zu VARM, das er 2023 zusammen mit Sebastian Würz gründete, der über Know-how im Aufbau wachstumsstarker Start-ups und Expertise in Finanzen, Personal und Vertrieb verfügte, – als zentrale Anlaufstelle für effektive Hausdämmung. „Wir verbinden Handwerkskompetenz mit digitalen Prozessen – von der Beratung bis hin zur Ausführung“, so Christian. Das Ziel: Full-Service-Dämmung für Ein- und Mehrfamilienhäuser – transparent, plan- und skalierbar.
Brücke zwischen zwei Welten
Die größte Challenge dabei? Zwei Kulturen zusammenbringen: moderne Start-up-Mechanismen und traditionelles Handwerk. „Auf dem Papier ist Standardisierung leicht. Auf der Baustelle bedeutet sie: klare Abläufe, gute Ausbildung, saubere Kommunikation – jeden Tag“, sagt Christian.
Deshalb baut VARM eigene Teams auf, setzt auf eigene Handwerker*innen statt auf Subunternehmertum und professionalisiert das Gewerk mit durchgängig digitalen Prozessen: Von der Bedarfsanalyse über Angebot und Materiallogistik bis hin zur Nachbetreuung läuft alles in einer klaren Taktung. Qualität ist kein Zufall, sondern das Ergebnis von Prozessen und den Menschen, die diese Struktur tragen, so das Credo der Gründer.
Die Business-in-a-Box fürs Handwerk
Mit der inhouse entwickelten Business-in-a-Box hilft man den eigens ausgebildeten Handwerker*innen, ihre eigenen Betriebe per Franchise zu eröffnen und als selbständige „Dämm-Entrepreneur*innen“ zu operieren. „Wir reduzieren Einstiegshürden, stellen Tools, Aufträge, Schulung sowie Qualitätsmanagement und ermöglichen Selbständigkeit, wo sie bisher nur sehr schwer zugänglich war“, sagt Christian.
Der digitale Backbone schafft zugleich Skalierbarkeit: KI-gestützte Planung, zentrale Materiallogistik und intelligente Einsatzsteuerung sollen es perspektivisch ermöglichen, dass eine Person bis zu 50 Handwerkteams parallel koordiniert; ein Effizienzsprung um den Faktor 25 gegenüber dem klassischen Handwerk.
VARM ist somit der klassische Anwendungsfall von Physical AI: Hier trifft die „echte“ Welt auf KI-basierte Effizienzsteigerung. Für eine fragmentierte Branche bedeutet das Disruption mit Augenmaß: lokal, qualitätsgesichert und paneuropäisch denkbar.
Auf Wachstumskurs
Schon kurz nach dem Start konnte das Start-up eine siebenstellige Pre-Seed-Runde schließen – angeführt von Foundamental und noa, flankiert von Business Angels wie den Gründern von Thermondo und Ecoworks. 2024 folgte die Seed-Runde über 5,7 Millionen Euro, an der unter anderen Emerge, Pale Blue Dot und die Bestandsinvestor*innen beteiligt sind.
Zudem expandierte VARM rasch nach Hamburg, Nordrhein-Westfalen und in die Rhein-Main-Region – weitere Standorte sind in Planung. Strategische Partnerschaften mit Energieberatungen, Hausverwaltungen, Versorger*innen, Wärmepumpen-Playern und den großen deutschen Baumarktketten sollen letztendlich das Thema Dämmung mit der restlichen Energiewelt verzahnen. „Unser Anspruch ist Exzellenz im Handwerk. Das macht unsere Kunden zu Fans“, so Christian. „Mit über 300 Fünf-Sterne-Google-Bewertungen können wir stolz auf unseren Service sein.“
Impact, der sich rechnen lässt
Jedes gedämmte Haus spart im Schnitt rund 1,6 Tonnen CO₂ pro Jahr – über 20 Jahre kumuliert das signifikant. Bei hunderten Projekten pro Jahr summiert sich ein sichtbarer Klimaeffekt und macht Wärmepumpen und Co. erst richtig effizient. „Die Gebäudehülle ist die erste Energiequelle. Sie bestimmt, wie gut alles andere arbeitet“, so Christian. Oder kürzer: „Ohne Dämmung verpufft der Fortschritt.“
No Bullshit, viel Verantwortung
Im Unternehmen selbst setzen die Gründer auf Customer Obsession, Trust in Data und „No-Bullshit-Strategie“, kombiniert mit einem Satz, der hängenbleibt: „Unf*ck the planet.“ Das soll die Haltung ausdrücken, die auf Baustellen benötigt wird: Initiative, Verlässlichkeit, Respekt. Und ja, Diversität ist gewollt: VARM öffnet Karrierepfade ohne Meisterpflicht und Buy-in, macht unternehmerische Selbständigkeit im Handwerk niedrigschwellig, besonders in solchen Regionen, die neue Chancen gut gebrauchen können.
Der Blick nach vorn
Die Mission von VARM ist und bleibt ambitioniert: Eine Million Häuser in zehn Jahren dämmen, aus lokalem Handwerk eine europäische Infrastruktur bauen. Das Franchise-System hilft bei der Skalierung und die Plattform verbindet Kund*innen, Planung und Teams. „Wir bauen den europäischen Champion für Dämmung: dezentral organisiert, zentral gesteuert“, sagt Christian selbstbewusst.
Christians Tipps für Gründer*innen
- Baue ein solides System – nicht nur das schnelle Produkt: Die große Idee zählt wenig, wenn Ausbildung, Prozesse und Qualität nicht stehen. Wer Wirkung will, muss Strukturen bauen, die auch im Alltag halten – auf der Baustelle und bei den Kund*innen, nicht nur im Office.
- Standardisierung ja, aber mit Menschen im Mittelpunkt: Effizienz entsteht nie durch Software allein. Sie entsteht, wenn Teams verstehen, warum ein Ablauf Sinn ergibt, und ihn mittragen. Technologie ist das Werkzeug, aber das tägliche Handeln der Teams entscheidet.
- Setze auf den „echten“ Hebel: Dämmung hat kein Glanz-Image, aber einen enormen Effekt. Manchmal liegt der größte Impact dort, wo keiner hinschaut – und genau das macht den Unterschied.
- Skalierung heißt Wiederholung mit Anspruch: Wachstum ist keine Abkürzung, sondern Konsequenz. Es bedeutet, dieselben Dinge jeden Tag verlässlich gut zu machen – und jeden Tag ein Stück besser.
