Digital Health Care

Autor: Karsten Glied
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Im digitalen Wandel steckt auch das große Potenzial für Gründer in der Gesundheitsbranche. Welchen Herausforderungen sich Digital-Health-Gründer zu stellen haben.

Ambulant vor stationär lautet das Gebot der Stunde für die Pflege, vor allem Kostenträger unterstützen diese Forderung. Der Bedarf an schlüssigen Konzepten für die vollstationäre, aber auch die dezentrale Versorgung steigt. Immer mehr Start-ups befassen sich mit den Versorgungsengpässen der Sozialbranche. Mit Innovationen wollen junge Unternehmen dem Fachkräftemangel entgegenwirken und die Betreuung Pflegebedürftiger verbessern.

Der Weg dorthin führt nicht an Digitalisierungsstrategien vorbei: Im digitalen Wandel steckt das Potenzial für Effizienz- und Qualitätssteigerung. Oberstes Ziel: Senioren so lange wie möglich Selbständigkeit im Alltag zu ermöglichen und Pflegekräfte zu entlasten. Einige Start-ups wollen mobile Strukturen für Pflegedienste schaffen, Roboter als Haushaltshilfen entwickeln oder neue Technologien für den Berufsalltag etablieren. Jedoch erschweren fehlende Finanzierungsmöglichkeiten und gesetzliche Auflagen derzeit noch die Umsetzung neuer Ideen. Welche Technologien und Konzepte bringen tatsächlich Verbesserungen für die ambulante Pflege und lassen sich auch in Deutschland umsetzen?  

Im Alter selbständig bleiben
Wo das Diagramm zur Bevölkerungsstruktur in Deutschland zur Jahrtausendwende noch eine deutliche Spitze erkennen ließ, kippt die statistisch erhobene Pyramide seither kontinuierlich.  Der demografische Wandel macht sich vor allem in der Sozialbranche durch einen steigenden Bedarf an Pflegeplätzen bemerkbar. Nicht nur die wachsende Zahl an Pflegebedürftigen, sondern auch der Wunsch, möglichst lange selbständig zu bleiben, erfordert den Einzug von mehr Digitalisierung in diesen Sektor.

Alltagsunterstützende Assistenzlösungen (AAL) helfen dabei, ein selbstbestimmtes Leben im Alter zu führen. Davon profitieren private Haushalte und ambulante Pflegedienste. Einziges Problem bleibt die Finanzierung von AAL-Systemen, in den wenigsten Fällen subventionieren Krankenkassen deren Einsatz in privaten Räumen. Das ist für Gründer problematisch, denn ohne ein ausgereiftes Produkt, das von Krankenkassen finanziert wird, ist die Markteinführung wenig erfolgreich. Das hängt mit der fehlenden Akzeptanz von Privatpersonen gegenüber zusätzlichen Ausgaben zusammen. Vor der Einführung von Produkten in den Pflegesektor müssen eingehende Prüfungen sowie Tests stattgefunden haben: Der natürliche Weg einer Produktentwicklung am Markt entfällt.

Mobile Devices
Erfolgreiche Umsetzungen von Digitalisierungsstrategien machen sich vor allem in der ambulanten Pflege bemerkbar. Hier verbessern sich Arbeitsabläufe dank des Einsatzes von Mobile Devices. Für Pflegekräfte werden Apps entwickelt, die einerseits den Berufsalltag und andererseits die Kommunikation zwischen Pflegern, Patienten und Verwaltung erleichtern. Mit der mobilen Abrufbarkeit von Klientenmanagement, Pflegedokumentation, Patientenakten und Tourenplanung steigen auch die Anforderungen an die IT, da Sicherheitslücken frühzeitig geschlossen werden müssen.

Ob auf privaten oder von einem Betrieb zur Verfügung gestellten Smartphones oder Tablets – sobald sensible Informationen auf einem mobilen Endgerät auftauchen, gilt es, verschärfte Maßnahmen für die Datensicherheit zu ergreifen. Auch medizinische Versorgungszentren von Krankenhäusern profitieren von der effizienten Datenübermittlung. Start-ups, die Produkte zur erfolgreichen Umsetzung von Digitalisierungsstrategien entwickeln, treffen den Nerv der Zeit. Das zeigt auch eine Studie zum Digitalisierungsstand deutscher Krankenhäuser. Das Ergebnis: 90 Prozent gaben an, eine Digitalisierungsstrategie zu haben und die digitalen Vorteile zu begrüßen.  

Robotik und Telemedizin
Bald soll auch Robotik in die ambulante Versorgung Einzug halten – etablierte Unternehmen, aber auch Start-ups setzen sich für diesen Fortschritt ein. Wissenschaftler entwickeln bereits mechanische Pflegehelfer, die Senioren im Alltag unterstützen können, und Start-ups liefern die notwendige Software oder entwickeln technische Komponenten. Ein smarter Diener soll beispielsweise an das regelmäßige Trinken erinnern oder nachfragen, ob der Herd abgeschaltet ist. Eingebaute Sensoren registrieren Gefahrensituationen und geben bei Bedarf ein Notrufsignal ab. Ausgestattet mit einem Bildschirm und einer audiovisuellen Zwei-Wege-Kommunikation, ermöglicht der Roboter-Diener auch den Austausch zwischen den Senioren und Notfallstellen oder Ärzten.

In Kombination mit der Telemedizin, die die Diagnostik und Therapie räumlich und zeitlich entkoppelt, lassen sich so Routinesprechstunden abhalten. Medizinisches Fachpersonal hätte die Möglichkeit, auch kurzfristig Kontakt mit einem Patienten aufzunehmen. Etwa das Start-up Patientus setzte diese Idee bereits um: Es entwickelte eine Software sowie eine Plattform für Online-Sprechstunden. Auch smarte Kuscheltiere halten in den Sektor der Patientenversorgung Einzug – die intelligente Robbe Paro kommt bereits bei der Therapie von Demenzerkrankungen zum Einsatz. Durch eine Vielzahl von Sensoren reagiert Paro auf Patienten und tritt durch Laute und Regungen mit ihnen in Interaktion. So fördert es Gesprächsverhalten und Emotionen.

Worauf Start-ups achten müssen
Die Anforderungen an die Pflegebranche werden immer komplexer, neben Flexibilität und Entlastung von Personal sind auch Kostensenkung und Effizienzsteigerung bei Betrieben gefragt. In der Digitalisierung steckt das Potenzial, dies zu erfüllen. Doch Start-ups, die Dienstleistungen für den Pflegesektor anbieten, müssen auf die Finanzierbarkeit für Privatpersonen und Vorgaben der Bundesregierung achten: Beispielsweise bestimmen gesetzliche Auflagen zur Pflege die Struktur eines Start-ups. Wer einen Pflegedienst gründet, muss mindestens acht Fachkräfte rekrutieren. Zudem decken Krankenkassen und Versicherungen viele Pflegeleistungen nicht ab, Gründer sollten ihr Angebot so strukturieren, dass diese Vorgaben erfüllt werden.

Denn: In der Regel sind Patienten oder Angehörige nicht bereit, Geld für zusätzliche Leistungen auszugeben. Verschiedene Modelle wie die Nachbarschaftspflege oder die Umverteilung von Aufgaben zur häuslichen Unterstützung auch auf nicht examinierte Krankenpfleger, wie es etwa das Start-up Careship macht,  verändern derzeit den Pflegemarkt – diese Modelle kommen bisher lediglich in Großstädten zum Einsatz, die flächendeckende Einbindung befindet sich im Entstehungsprozess. Gründer, die hingegen Technologien oder Apps für den Pflegesektor entwickeln, sollten die Anwendbarkeit für Senioren und Pfleger sowie Schnittstellen zur Auswertung und Übermittlung der Daten beachten.

Bei der Einbindung von Robotern in den Pflegealltag beschränken gesetzliche Vorlagen die Anwendungsfelder, denn die direkte Arbeit der intelligenten Maschinen am Menschen ist nicht erlaubt. Deshalb muss bei der Entwicklung von smarten Helfern vorab das mögliche Einsatzgebiet feststehen. Sinnvoll für den Einsatz von Robotik in Pflegeeinrichtungen oder für den häuslichen Bedarf sind vor allem Haushaltsroboter, die saugen, wischen oder Transporte von Wäsche oder Nahrung übernehmen.

Digitale Revolution in der Pflege
Um Fortentwicklungen in der Gesundheitsbranche zu erzielen, kommt keine Einrichtung mehr an Vernetzung und Digitalisierung vorbei. Viele Technologien wie digitale Patientenakten oder Haushaltsroboter existieren bereits und könnten schon zum Einsatz kommen. Die Einbindung in den Krankenhaus- und Pflegealltag scheitert derzeit an noch nicht erprobten Systemen, fehlender finanzieller Unterstützung von Seiten der Bundesregierung sowie auf gesetzlicher Ebene. Weitere Verbesserungen für den Pflegesektor befinden sich in der Entwicklung, vor allem junge Unternehmen treiben diesen Fortschritt voran, denn sie hinterfragen althergebrachte Konzepte und entwerfen neue Lösungen. Die Pflege im Alter wird zu einem großen Teil von gesetzlicher Seite getragen. Darunter leiden vor allem Start-ups, denn ihnen stehen selten finanzielle Mittel aus Sozialkassen zur Verfügung.

Junge Unternehmer weichen daher häufig auf privatwirtschaftlich geprägte Pflegemärkte im Ausland aus – mit Erfolg. Der digitale Wandel und die Zukunftsvisionen von Start-ups haben das Potenzial, nicht nur die Patientenversorgung, sondern auch den Pflegeberuf in Deutschland insgesamt zu revolutionieren – dafür ist ein mentaler Schritt der Gesellschaft hin zu veränderten Bedingungen für Gründer mit innovativen Ideen nötig.

Der Autor Karsten Glied ist Geschäftsführer der Techniklotsen GmbH, die sich auf IT- und Technik-Lösungen für die Sozial- und Gesundheitswirtschaft spezialisiert hat


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