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Geschäftsideen Safety: Das Rettungsluftkissen im Armband
Lebensretter im Miniformat
Jährlich ertrinken laut Weltgesundheitsorganisation weltweit 372.000 Menschen. Das deutsch-amerikanische Gründerteam um Athansasios bietet nun eine Lösung für dieses Problem an: Kingii ist ein Lebensretter im Miniformat, ein Armband mit integriertem Luftkissen, das sich im Notfall in Sekundenschnelle aufbläst.
Namensgeber für Kingii ist eine Kragenechse, die ihre Halskrause bei Gefahr fächerartig aufstellt. Der kleine und praktische Lebensretter Kingii richtet sich an alle Angler, Hobby- und Berufssportler, wassersportbegeisterte Kinder und Erwachsene, die auf dem Meer oder See, im Pool oder Fluss auf Nummer sicher gehen wollen. Aufgrund der geringen Größe behindert Kingii weder beim Schwimmen noch beim Angeln, Segeln oder Surfen.
Kommt es im Wasser zu einer brenzligen Situation, so muss nur ein Hebel betätigt werden, damit sich das Luftkissen mit CO2 füllt. Innerhalb von Sekunden bläst es sich dann auf und sorgt für den benötigten Auftrieb. Danach kann man sich am Ballon festhalten und sich in Sicherheit bringen oder mit der am Produkt angebrachten Pfeife Hilfe herbeirufen. Im Notfall hält sich die Luft für mehr als 40 Stunden im Kissen und hat zudem einen integrierten Kompass.
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Wenn der Purpose toxisch wird: Warum zu viel Identifikation mit dem Job brandgefährlich ist
Ex-Welthungerhilfe-CEO und Impacc-Founder Dr. Till Wahnbaeck über die Gefahr von extremem Purpose, warum Job-Identifikation den Wandel blockiert und was Start-ups daraus lernen können.
Start-ups lieben das Wort „Purpose“. Wer für eine gemeinsame Vision brennt, leistet mehr und trägt das Unternehmen auch durch Krisen – so die gängige Gründer*innenlogik. Doch was passiert, wenn die Identifikation mit der eigenen Arbeit so absolut wird, dass fachliche Kritik am Projekt plötzlich als persönlicher Angriff auf das eigene Ego verstanden wird?
Dr. Till Wahnbaeck kennt beide Extreme dieser Skala. Als langjähriger Manager bei Procter & Gamble erlebte er eine Konzernwelt, die oft händeringend um die Identifikation ihrer Mitarbeitenden kämpfen muss. Als er später den CEO-Posten der Deutschen Welthungerhilfe übernahm, erfuhr er das genaue Gegenteil: so viel Identifikation, dass Feedback zwangsläufig persönlich genommen wird. Heute verbindet Wahnbaeck mit der von ihm gegründeten Organisation Impacc beide Welten: Er sammelt Spenden, investiert diese jedoch wie ein Venture-Capital-Fonds in afrikanische Start-ups, um lokales Wirtschaftswachstum und nachhaltige Arbeitsplätze zu schaffen.
Ein Gespräch über das Spannungsfeld zwischen Leidenschaft und Selbstaufopferung, die Schattenseiten einer reinen Sinnkultur und die Frage, was die Businesswelt und NGOs dringend voneinander lernen müssen.
Das Interview
StartingUp: Till, du kennst die Konzernwelt von Procter & Gamble und warst CEO der Welthungerhilfe. Wo ist Führung unterm Strich anspruchsvoller: im Business oder in einer NGO?
Till Wahnbeack: Ich denke, dass Führung in NGOs anspruchsvoller ist, und zwar aus zwei Gründen. Erstens fehlt die objektivierbare Erfolgsmessung. In der Wirtschaft gibt es Umsatz, Kunden, Profitabilität – das ist in Zahlen messbar. NGOs arbeiten mit einer viel diffuseren Wirkungslogik. Du kannst zählen, wie viele Sack Reis du verteilt hast, aber sobald es um echte Veränderung geht, wird es unscharf.
Zweitens die Motivationslage. In der Wirtschaft ziehst du Leute an, die – zumindest auch – persönlichen Erfolg wollen. Und da kannst du als Führungskraft an Eigeninteresse und Ehrgeiz andocken. In der NGO-Welt kommen viele mit einer sehr starken eigenen Identität und moralischen Vorstellung – und damit vielleicht auch einer genauen Vorstellung, was „gute“ Arbeit ausmacht. Effizientes oder innovatives Arbeiten im Sinne der Organisationsziele steht da nicht unbedingt im Fokus, weil es eben auch schwer zu messen und zu sehen ist. Das anzusprechen ist schwierig. Denn wer sich sehr stark mit seinem Job identifiziert, wird eine sachliche Rückmeldung schnell als Angriff empfinden.
StartingUp: Viele Start-ups werben aggressiv mit ihrer Mission. Ab welchem Punkt kippt gesunde Leidenschaft für eine Sache in eine toxische Verschmelzung mit dem Job?
Till Wahnbeack: Der soziale Sektor ist grundsätzlich stark von Selbstausbeutung geprägt. Die Leute geben unglaublich viel emotionale Energie hinein. Denn wenn du Waschmittel verkaufst, ist eine verkaufte Flasche weniger eben eine Flasche weniger. Das ist blöd fürs Business, aber mehr auch nicht. Wenn du Menschen in Not hilfst, kannst du schlecht sagen: 900 habe ich heute satt bekommen, die anderen 100 hatten Pech. Und doch muss man auch im sozialen Sektor Nein sagen können, Feierabend machen, Pausen einlegen, um selbst nicht auszubrennen. Das Abgrenzen fällt so schwer, weil immer Menschenleben dranhängen.
StartingUp: Wenn Arbeit zur Identität wird, mutiert Kritik schnell zum persönlichen Angriff. Wie setzt man als Führungskraft Korrekturen durch, ohne dass das Gegenüber seine moralische Integrität bedroht sieht?
Till Wahnbeack: Die Trennung zwischen Rolle und Person ist im Privatsektor viel selbstverständlicher als in den sozialen Berufen, die berühren einfach anders, und die Motivationen sind, wie geschildert, persönlicher. Sich das als Führungskraft, aber auch als Mitarbeitende(r), bewusst zu machen, ist der erste Schritt. Gerade von Führungskräften braucht es mehr Behutsamkeit, wenn Feedback gegeben wird. Und einen längeren Atem, da die Person es für sich dekodieren und übersetzen muss. Ich selbst bin daran immer wieder auch gescheitert.
StartingUp: Was tun, wenn absolute Identifikation den Wandel blockiert und ein notwendiger Pivot am emotionalen Widerstand des bzw. der Gründenden oder des Teams scheitert?
Till Wahnbeack: Wer gründet, muss sich ins Problem verlieben, nicht in die Lösung. Wenn dein Antrieb das Problem ist, das du lösen willst, suchst du automatisch immer das beste Werkzeug dafür. Bist du in die Lösung verliebt, fällt der Pivot schwer. Deshalb sollten sich Gründer*innen immer fragen: Was wollte ich eigentlich erreichen, und funktioniert mein Weg noch oder gibt es einen besseren? So bleibt das Problem im Vordergrund.
StartingUp: Mit Impacc investierst du Spenden wie ein VC-Fonds in afrikanische Start-ups. Warum stößt klassische Entwicklungshilfe an Grenzen – und was macht euer unternehmerischer Ansatz besser?
Till Wahnbeack: Klassische Entwicklungshilfe wird in der Krisenhilfe immer notwendig bleiben. Bei Naturkatastrophen etwa braucht es schnelle, direkte Hilfe. Bei der eigentlichen Entwicklungshilfe – Klassiker: Brunnenbau – sieht es anders aus. Da wird leicht Abhängigkeit geschaffen. Was passiert denn, wenn so ein Brunnenbau-Projekt endet und der Motor für die Spule kaputt geht oder das Grundwasser verschwindet? Dann wird ein neues Projekt gestartet oder aber das Problem bleibt. Natürlich sind auch wir bei Impacc extrem sinngetrieben: Wir wollen extreme Armut bekämpfen. Aber ich denke, wir sollten die Menschen in den Ländern Afrikas dafür in ihrer Selbständigkeit unterstützen. Und eine oft vernachlässigte Art der Selbständigkeit ist ganz im Wortsinn die unternehmerische, denn Unternehmertum löst Probleme mit eigenen Ideen und Lösungen.
Deshalb agieren wir bei Impacc als ein VC-Fonds. Wir investieren in Start-ups in Ostafrika, die Arbeitsplätze schaffen und auf eigenen Beinen stehen. Das Regenauffang- und Bewässerungs-Start-up IrriHub wird hoffentlich auch noch in zehn oder zwanzig Jahren existieren, wenn es unsere Unterstützung nicht mehr braucht.
StartingUp: Der Markt ist im Umbruch, Investor*innen schauen primär auf harte Rendite. Wie verkauft man eine Impact-Mission heute noch als wasserdichten Business Case?
Till Wahnbeack: Die besten Renditen liegen gerade bei KI oder Verteidigung, nicht bei sozialen Komponenten. Vermutlich ist auch das wieder eine zyklische Entwicklung und – hoffentlich – lässt sich mit einem sozialen oder Klima-Start-up bald wieder gut Geld einsammeln. Bis dahin hat es die Impact-Investment-Branche wirklich schwer, und die Teams dort brauchen keine schlauen Ratschläge von mir.
Denn wir als gemeinnützige Spendenorganisation versprechen keine Rendite. Wir sagen: Bei uns bekommst du sehr viel soziale Wirkung pro gespendetem Euro. Das ist eine klare, ehrliche Botschaft, die übrigens auch viele Menschen überzeugt, die gründen oder aus einer Unternehmerfamilie kommen. Sie sind der wichtigste Förderkreis von Impacc, weil sie es gut finden, mit ihren Spenden skalierende Wirkung zu erzielen.
StartingUp: Du forderst von afrikanischen Gründer*innen echtes Wachstum in schwierigen Märkten. Welches Mindset können sich europäische Start-ups von ihnen abschauen?
Till Wahnbeack: Die afrikanischen Gründer*innen wollen wirklich ein Problem lösen, nicht möglichst schnell Geld machen und dann raus. Ein gutes Beispiel ist TIBU Health in Kenia. Das Unternehmen hat erkannt, dass ein Großteil der Erkrankten zuerst in die Apotheke geht, weil es in Kenia viele Apotheken, aber wenige Praxen gibt. Also bietet TIBU medizinische Beratung direkt in den Apotheken an – also genau dort, wo die Menschen ohnehin Hilfe suchen. Das verbindet echte Problemorientierung mit unternehmerischer Findigkeit unter schwierigen Marktbedingungen.
Davon kann die europäische Gründerszene viel lernen, denn auch hierzulande gibt es genügend Probleme, die ernsthaft angegangen werden müssen. Wer das Problem in den Mittelpunkt stellt und nicht die Frage des größtmöglichen Exits, baut am Ende häufig das tragfähigere Unternehmen und tut auch noch was für die Gesellschaft.
StartingUp: Du pendelst seit 20 Jahren zwischen Profit und Purpose. Wie ziehst du persönlich die Linie zwischen Beruf und Identität, um nicht auszubrennen?
Till Wahnbeack: Ich habe lange gebraucht, um meinen Nordstern zu finden. 20 Jahre freie Wirtschaft, immer mit einem eher spielerischen Ansatz, weil ich das Gefühl hatte, dass es noch nicht hundertprozentig mein Ding ist. Das hat mich paradoxerweise erfolgreicher gemacht, weil ich nicht so verkrampft war. Dann der Wechsel in den sozialen Sektor: die richtigen Ziele, aber nicht die coolen Werkzeuge von früher. Erst in dem, was ich heute mache, bringe ich beides zusammen. Diese Erfahrung sorgt dafür, dass mich nicht jede Krise gleich umhaut. Ich weiß mittlerweile, dass sich viele Probleme auch morgen noch lösen lassen.
Dazu kommt Disziplin. Ich habe mal ein Praktikum bei McKinsey gemacht. Da gab’s dann semi-produktive Abendschichten mit Pizza. Ich habe gemerkt: In den Abendstunden schaffe ich so viel wie morgens in einer Viertelstunde, also bin ich früher gekommen. Den Job habe ich danach zwar nicht angeboten bekommen. Aber die Erkenntnis ist geblieben: Man muss sich nicht totarbeiten, wenn man diszipliniert ist. Deshalb denke ich viel darüber nach, was ich nicht mache. Und Hobbys helfen enorm. Ich koche gern und baue Trockensteinmauern. Ein Leben neben der Arbeit zu haben, ist die beste Versicherung gegen das Ausbrennen.
Danke, Till Wahnbaeck, für die spannenden Insights.
Das Interview führte StartingUp-Chefredakteur Hans Luthardt
Die Alibaba-Story
Wie Alibaba-Gründer Jack Ma von einem ganz normalen Englischlehrer zum reichsten Mann Chinas wurde. Alle Fakten und seine besten Gründer-Zitate.
Jack Ma: Der Mann hinter Alibaba
Ein unauffälliger, bescheiden wirkender Mann, der durch seine höfliche, aber auch exzentrische Art die Menschen bewegt. Das ist Alibaba Gründer Jack Ma. Was viele nicht wissen, Jack Ma heißt in Wirklichkeit Ma Yun. Um in der westlichen Welt an Bekanntheit zu gewinnen, nannte er sich einfach Jack. Seine Geschichte ist sowohl beeindruckend als auch unglaublich.
Jack Ma wurde 1964 in der rund 9 Millionen Einwohner fassenden Stadt Hangzhou in China geboren. Chaos und Gewalt beherrschten seine Kindheit und Jugend – es war die Zeit der kommunistischen Kulturrevolution. Und in dieser Phase des Mao-Regimes lebten Jungs vom Typus Ma – mit seiner unangepassten Art und seinen eher bescheidenen Schulleistungen – auf gefährlichem Fuße.
Es kann nur einen geben!
Er ist ein bekennender „Einzeltäter“, und das mit sehr großem Erfolg: Lars Hinrichs hat bereits mehrere Unternehmen gegründet. Mit Firma Nummer drei, dem sozialen Netzwerk XING, wurde er zum reichen Internet-Star. Für den Entrepreneur aus Leidenschaft sind dies nur angenehme Nebeneffekte.
Was als erstes auffällt, wenn man mit ihm spricht: Dass er langsam redet, manchmal längere Pausen zwischen den Sätzen macht, dass er die Worte sorgfältig wählt, erst einmal überlegt, bevor er etwas sagt. Warum man das so nicht erwartet hat? Weil Lars Hinrichs als Internet-Unternehmer in einer schnellen Branche zu Hause ist und bereits mehrere Unternehmen gegründet hat. Wer in so kurzer Zeit ein solches Pensum bewältigt, der muss doch rasant durchs Leben gehen.
Falsch gedacht. Lars Hinrichs rennt nicht, zumindest rennt er nicht mehr. „Ich lerne gerade mit einer völlig neuen Eigenschaft fertig zu werden“, sagt er, „mit dem Faktor Zeit.“ Die braucht er in seiner neuen Funktion als Venture-Capital-Geber und Chef seines aktuellen Unternehmens HackFwd, mit dem er im Sommer 2010 an den Start gegangen ist. HackFwd unterstützt Computerfreaks, in der Szene nennt man sie Geeks, mit Geld und Know-how dabei, aus einer guten Idee ein tragfähiges Unternehmen zu machen. Das klappt aber nicht über Nacht und manchmal klappt es gar nicht. Nur „wenn es gut läuft, bekommt man als Geldgeber etwas zurück“, sagt Hinrichs. Rund ein Dutzend Firmen hat der Hamburger bislang finanziert, „ein paar liegen über den Erwartungen, sind sehr erfolgreich, ein paar haben es nicht geschafft“, sagt Hinrichs. Verkauft hat er noch keine der Firmen. Zurückgekommen ist also noch nichts.
Geld ist nichts für die Bank
Lars Hinrichs kann sich Geduld leisten. Er kann es sich leisten, eine Zeit lang der Geldgeber zu sein. Hinrichs ist schließlich kein armer Mann. Als er 2009 das Internetportal XING an die Burda Digital GmbH, eine Tochter der Burda Media, verkaufte, sind 48 Millionen Euro auf sein Konto geflossen. „Wohin soll ich denn mit dem Geld?“, fragt Hinrichs. „Auf die Bank etwa?“ Lieber steckt er sein Kapital in Computer-Nerds. Für ihn ist das die beste Investition in die Zukunft. Um das, was man mit Geld machen kann, geht es Hinrichs, nicht darum, Geld zu verdienen. Das sei nur ein angenehmer Nebeneffekt, sagt der Vater zweier Söhne. Wer etwas nur des Geldes wegen mache, sei von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Hinrichs packt die Dinge aus Leidenschaft an. „Man sollte etwas machen, was einem wirklich liegt“, sagt er.
Die Uber-Welt von morgen
Wie Travis Kalanick aus seinem umstrittenen Fahrdienst Uber eine rund 70 Milliarden Dollar schwere Tech-Company geformt hat und wie Uber in naher Zukunft weltweit zum
Google der Mobilität in unseren Städten werden könnte.
Wer den Namen Travis Kalanick kennt, wird auch das Image kennen, das dem 40-Jährigen anhaftet. Schnell wird das Bild vom rücksichtslos agierenden Silicon-Valley-Kapitalisten entworfen, der es als Taxi-Killer binnen weniger Jahre zu einem geschätzen Vermögen von 6,3 Milliarden US-Dollar gebracht hat. Wer sich nur darauf beschränkt, wird weder Travis wirklich gerecht, noch wird er je erfahren, was einen der weltweit erfolgreichsten Start-up-Unternehmer letztlich antreibt und was er noch vorhat. Wir haben genauer hingesehen.
Travis stammt aus einer Mittelschichtfamilie und wächst bei Los Angeles auf. Er fängt nicht nur früh mit dem Programmieren an, sondern zeigt auch früh sein Talent fürs Geldverdienen. Denn schon als Teenager verkauft Travis in den Ferien Küchenmesser in der Nachbarschaft und entwickelt ein Programm, das angehende Studenten auf Hochschulzulassungstests vorbereitet. Travis ist also nicht der introvertierte Tech-Nerd, der sich hinterm Laptop verschanzt, sondern ein selbstbewusster, geschäftstüchtiger Typ, der sich behaupten will. „Man muss den Mut haben, rauszugehen und es einfach zu versuchen“, so Travis’ Leitmotiv.
Sein Studium an der UCLA’s Engineering School in Los Angeles bricht Travis ab, um 1998 mit anderen Studenten einen der weltweit ersten File-Sharing-Dienste für Filme und Musik namens Scour aufzubauen – mit wenig Erfolg: das Start-up wird von den Musikrechteinhabern, sprich von der Unterhaltungsindustrie, kurzerhand auf eine astronomische Summe an Schadensersatz verklagt – Scour muss Insolvenz anmelden. Von dem Flop regelrecht angestachelt, geht Travis bereits nach wenigen Monaten mit seinem nächsten Start-up an den Markt. Bei dieser Gründung handelt es sich um Red Swoosh, ein weiteres File-Sharing-Netzwerk, in dem Software getauscht werden kann.
Erste Millionen-Deals
Auch dieses Vorhaben scheint dem Untergang geweiht. Geld fließt so gut wie keines, Travis und sein Co-Gründer werden gar zu Steuersündern, weil sie keine Steuern für die Gehälter abführen. Um die Steuerschuld begleichen zu können, zieht Travis in einer riesen Anstrengung Investoren und deren Geld an Land. Red Swoosh scheint damit zunächst gerettet. Doch die eigentliche Rettung erfolgt 2007, als es Travis auf fast tollkühn zu nennende Art gelingt, das immer noch nicht boomende Business an den Tech-Giganten Akamai Technologies für rund 20 Mio. Dollar zu verkaufen oder – anders gesagt –, sich aus der wirtschaftlich unsicheren Zukunft des Start-ups gewinnbringend herauszuziehen. Rückblickend sagt Travis über diese heikle Phase: „Wenn du zu Boden gehst, steh’ wieder auf. Versagen kann zu einem Gemütszustand werden. Ich habe Situationen erlebt, in denen ich über sechs Jahre hinweg immer wieder zu Boden gebracht wurde, aber ich bin trotzdem wieder aufgestanden.“
Mit dem Millionen-Deal im Rücken nimmt sich Stehaufmännchen Travis eine Auszeit und beginnt die Welt zu bereisen. Einen dieser Trips unternimmt Travis zusammen mit seinem Freund und künftigen Uber-Co-Gründer Garrett Camp. Garrett wächst in Calgary auf, studiert an verschiedenen Unis, um seinen Abschluss als Software-Ingenieur zu bauen. Zusammen mit drei Freunden gründet er 2002, noch während des Studiums, den Online-Suchdienst StumbleUpon, die weltweit erste Suchmaschine, die ihren Usern spezielle Webseiten (Fotos, Videos, Blogs etc.) empfiehlt, die zu ihren persönlichen Interessen bzw. ihrem User-Profil passen. Geld verdient wird mit passgenau auf die User ausgerichteter Werbung.
Rasant wächst die Plattform auf mehrere Millionen registrierte User, 2006 erhält das Start-up millionenschweres Kapital von diversen Silicon-Valley-Business-Angels. 2007 unterbreitet eBay Garrett und seinen Mitstreitern ein Übernahme-Angebot: 75 Mio. US-Dollar wandern in die Portemonnaies der jungen Gründer. Zu diesem Zeitpunkt – 2006 – arbeitet, studiert und lebt der als ruhig und introvertiert geltende Garrett in San Francisco, wo er den extrovertierten Travis kennenlernt und sich mit ihm anfreundet.
Was verbindet die beiden ungleichen Typen? Sehr viel selbst verdientes Geld, wie es nur wenige in ihrem Alter auf dem Konto haben, Durchsetzungsvermögen basierend auf einer klaren Machen-statt-planen-Mentalität sowie der innere Drang, Projekte ans Laufen zu bringen, die einerseit disruptiv sind und zugleich innovative, digitale Technologien vorantreiben. Auch haben sich Travis und Garrett bereits in der noch jungen Sharing Economy versucht und das Teilen-statt-besitzen-Potenzial für sich entdeckt. Und beide sind unternehmerisch davon angetrieben, Probleme zu lösen.
Auf Taxisuche in Paris
Nach Travis’ Business-Ausstieg unternehmen die Freunde hin und wieder Gemeinsames – 2008 fliegen sie nach Paris zu einer internationalen Tech-Konferenz. Und hier schlägt, so die in alle Welt getragene Story, die Geburtsstunde zu ihrem gemeinsamen Business namens Uber. Denn auf dem Weg vom Flughafen zur Konferenz bekommen die beiden kein Taxi.
Daraufhin soll Travis kurzerhand die Idee geäußert haben, dass es doch toll wäre, wenn man sich spontan und ohne große zeitliche Planungen „mit nur einem Fingertipp“ eine Limousine bestellen könnte; für sich und seine Freunde, damit sich „Garrett wie ein verdammter Zuhälter fühlen kann“.
Aus dieser etwas pubertär anmutenden Ideen-Laune von Travis heraus entwickelten die beiden kurzerhand ihr Fahrdienst-Business. „Uber entstand nicht durch große Ambitionen, es fing alles mit der Antwort auf diese einfache Überlegung an“, so Travis rückblickend.
2009 gründen die zwei in San Francisco ihre Online-Fahrdienstvermittlung Uber. Die Entwicklung des Herzstücks des Geschäftsmodells – die Plattform und die APP – soll rund 200.000 Euro gekostet haben, Geld, das beide locker hatten.
Spark e-Fuels: Vom Labor-Pitch zum E-Kerosin-Hoffnungsträger
Kerosin aus CO2 & Ökostrom: Wie das Berliner ClimateTech-Start-up Spark e-Fuels das Kostenproblem synthetischer Flugkraftstoffe knacken will. Gründung, Risiken & Chancen im Check.
Geopolitische Spannungen, schwankende Rohölpreise und der drängende Zwang zur Dekarbonisierung machen den Luftverkehr zu einem der am schwersten zu transformierenden Sektoren der Weltwirtschaft. Während Elektroantriebe im PKW-Bereich und auf kurzen Strecken voranschreiten, bleibt der Langstreckenflugverkehr auf absehbare Zeit auf flüssige Kraftstoffe mit hoher Energiedichte angewiesen. Die politische Antwort der Europäischen Union steht mit der ReFuelEU-Aviation-Verordnung bereits fest: Fluggesellschaften müssen schrittweise steigende Quoten an nachhaltigem Flugkraftstoff beimischen, wozu ab dem Ende dieses Jahrzehnts zwingend auch synthetisches E-Kerosin gehört.
Doch E-Kerosin leidet bislang unter einem gravierenden Problem, denn es ist extrem teuer in der Herstellung und am Markt kaum in industriellen Mengen verfügbar. Genau an diesem Nadelöhr setzt das Berliner ClimateTech-Start-up Spark e-Fuels an. Ausgehend von einem Labor an der TU Berlin verspricht das Gründer-Trio, die Herstellungskosten von synthetischem Flugkraftstoff spürbar zu senken, indem eine der teuersten Komponenten der bisherigen Produktion schlicht überflüssig gemacht wird.
Aus der Wissenschaft ins unternehmerische Risiko
Die Entstehungsgeschichte von Spark e-Fuels geht maßgeblich auf die Promotion von Dr. Arno Zimmermann an der TU Berlin zurück. Zimmermann forschte dort intensiv zur Techno-Ökonomie der CO₂-Nutzung und stellte sich die Frage, welche chemischen Pfade zur CO₂-Verwertung nicht nur technisch machbar sind, sondern auch unter realen Marktbedingungen jemals wirtschaftlich rentabel arbeiten können.
Gemeinsam mit dem Physiker Dr. Mathias Bösl und der Chemikerin Dr. Julia Bauer formierte sich im Jahr 2021 das Gründungds-Trio. Alle drei brachten herausragende Ausgangsbedingungen mit. Bösl sammelte nach Arbeiten im Bereich der Kernfusion wertvolle Erfahrungen in der Strategieberatung bei BCG, während Bauer tiefes chemisches Fachwissen einbrachte. Anstatt sichere Laufbahnen in der Wissenschaft, in Konzernen oder in der Beratung weiterzuverfolgen, entschieden sich die drei Promovierten für den Schritt in das Wagnis einer wissenschaftlichen DeepTech-Gründung.
Warum verlässt man den sicheren Hafen von Großindustrie oder Spitzenforschung für ein solches finanzielles und persönliches Risiko? Der Entschluss sei nicht über Nacht gefallen, erinnert sich Julia Bauer an ihre Zeit bei großen Chemiekonzernen: „Ich saß bei BASF und Evonik an Prozessen, die gut liefen, aber eben genau so weiterliefen wie seit Jahrzehnten.“ Die Frustration über die fehlende Gestaltungsmacht wuchs. „Irgendwann wurde mir klar: Wenn ich dort bleibe, verdiene ich mit weniger Aufwand mehr. Verändern kann ich dabei aber nichts“, resümiert die Chemikerin. Der eigentliche Wendepunkt sei dann ein ehrliches Gespräch des Trios gewesen, in dem alle unabhängig voneinander dieselbe fundamentale Frage umtrieb: „Wie bringt man erneuerbaren Strom eigentlich dorthin, wo heute noch fossile Energie den Ton angibt?“ Von da an sei klar gewesen, dass sie dieses Mammutprojekt gemeinsam angehen wollen, anstatt es nur als Randnotiz in ihren jeweiligen Jobs mitzudenken.
Warum Lastflexibilität den Knoten platzen lassen soll
Um die Innovation von Spark e-Fuels zu verstehen, lohnt ein Blick auf das grundlegende Dilemma der E-Fuel-Herstellung. Synthetisches Kerosin entsteht vereinfacht gesagt aus Kohlenstoff und grünem Wasserstoff aus der Elektrolyse mit Ökostrom. Da Wind- und Sonnenenergie jedoch stark fluktuieren, standen herkömmliche chemische Reaktoren bislang vor einer schwierigen Wahl: Entweder läuft der Reaktor nur bei gutem Wetter – was die teuren Anlagen schlecht auslastet – oder man baut riesige Wasserstoff- und Stromspeicher als Puffer. Letzteres verursacht enorm hohe Investitionskosten.
Spark e-Fuels begegnet dieser Herausforderung mit einer proprietären, lastflexiblen Synthesetechnologie, die sich dynamisch an schwankenden Strom anpasst und teure Zwischenspeicher überflüssig machen soll. Doch wie verhindert man, dass Katalysatoren bei solch unregelmäßiger Zufuhr instabil werden oder Schaden nehmen?
„Das war tatsächlich der Kern des Problems, an dem wir am längsten gearbeitet haben“, räumt Julia Bauer ein. Klassische Prozesse bei über 850 Grad seien auf einen absolut gleichmäßigen Betrieb ausgelegt; jede Schwankung führe dort sofort zu Instabilität oder ungewollten Nebenprodukten wie Methan. Die Lösung des Start-ups lag in einem fundamentalen Umdenken: „Wir haben unser Verfahren von Grund auf anders aufgebaut: Durch einen komplett neuartigen Prozess mit sehr hoher CO2-Umwandlung und intrinsischer Flexibilität haben wir es geschafft, das Gesamtsystem zu entkoppeln.“ Dadurch könne jeder Teilschritt eigenständig auf Schwankungen reagieren. Das System arbeite zudem bei deutlich niedrigeren Temperaturen von 600 bis 700 Grad und erreiche im Labor CO-Ausbeuten von teils über 99 Prozent – völlig ohne Nebenprodukte. Anfang des Jahres sei der entscheidende Schritt gelungen, die Technologie vom Quarzglas-Laboraufbau auf Edelstahlreaktoren im Pilotmaßstab zu übertragen. „Wir rechnen mit Effekten, die wir erst in dieser Größenordnung wirklich sehen werden“, gibt sich die Gründerin kämpferisch, „genau deshalb bauen wir die Pilotanlage.“
Kapitalisierung und Meilensteine
Dass dieser Ansatz in der Investor*innenszene auf großes Vertrauen stößt, zeigte sich in der Pre-Seed-Finanzierungsrunde über 2,3 Millionen Euro, unter anderem durch namhafte VCs wie IBB Ventures, BASF und Voyagers.io. Besonders aufschlussreich ist zudem der Blick auf die Business Angels: Darunter finden sich Ex-Führungskräfte von Shell, Lufthansa, BP und Siemens Energy.
Im kapitalintensiven Chemie-Anlagenbau sind 2,3 Millionen Euro jedoch rasch aufgebraucht. Wie überzeugt man Geldgeber*innen von einer Hardware-Technologie, deren spätere Skalierung astronomische Summen verschlingen wird?
„Wir haben gar nicht versucht, das Risiko kleinzureden, sondern von Anfang an transparent gemacht, dass diese Technologie hohe Kapitalanforderungen hat“, betont Mathias Bösl. Letztlich habe die Investor*innen die konsequente Fokussierung auf das Marktproblem überzeugt: „Die Kosten synthetischer Kraftstoffe müssen runter, sonst bleibt SAF eine Nische.“ Bösl verweist darauf, dass das frische Kapital explizit nur für den Aufbau der Pilotanlage gedacht sei. Die branchenerfahrenen Angels hätten zudem enorm geholfen: „Die kennen die Kapitalintensität des Anlagenbaus aus erster Hand und haben genau deshalb an unseren Ansatz geglaubt, das Investitionsrisiko über ein OEM-Modell mit Partnern zu verteilen, statt jede Anlage selbst zu bauen und zu finanzieren.“
Mit der ersten eigenen Pilotanlage, die seit Anfang 2026 läuft, muss nun der Realitätscheck gelingen. Arno Zimmermann weiß genau, welche Parameter entscheidend sind, um industrielle Abnehmer*innen von der Serienreife zu überzeugen: „Für uns steht vor allem eine Zahl im Zentrum: die CO-Ausbeute unter realen, schwankenden Bedingungen.“ Während man im Labor konstant über 99 Prozent erreicht habe, gehe es nun um die Praxis. „Jetzt konnten wir erfolgreich nachweisen, dass wir auch im Pilotmaßstab die Ausbeute bei wechselnder Stromzufuhr stabil halten können“, freut sich Zimmermann. Langfristig gehe es um die Zuverlässigkeit im wochenlangen Dauerbetrieb und den harten Beweis, tatsächlich mit deutlich weniger Speicherinfrastruktur auszukommen. Zimmermann stellt klar: „Das sind die Kennzahlen, mit denen wir Partner überzeugen wollen – nicht mit einer einmaligen Demonstration, sondern mit ersten, belastbaren Betriebsdaten.“
Kritisch hinterfragt
Bei aller Faszination für die Innovation muss das Geschäftsmodell einer nüchternen Marktanalyse standhalten. Ein zentraler Punkt bleibt das Effizienzparadoxon: Die Umwandlung von Ökostrom zu Kerosin bringt erhebliche Effizienzverluste mit sich. Auch ein noch so flexibler Reaktor kann die Gesetze der Thermodynamik nicht aufheben. Es braucht gigantische Mengen an extrem billigem Strom. Plant Spark e-Fuels seinen Rollout also von Beginn an im Ausland?
Die Gründer*innen machen sich hier keine Illusionen. Zwar sitze das Herz des Teams inklusive Forschung und Pilotanlage in Berlin-Adlershof, doch Arno Zimmermann bringt es auf den Punkt: „Aber für den kommerziellen Rollout im großen Maßstab braucht man extrem günstigen erneuerbaren Strom, und den gibt es in Deutschland aktuell einfach nicht zu den Preisen, die wir für wettbewerbsfähiges Kerosin brauchen.“ Das Geschäftsmodell sei daher von Anfang an international gedacht. Erste Absichtserklärungen gebe es bereits mit Projektentwickler*innen in Südeuropa sowie Anfragen aus Spanien oder Marokko. Mathias Bösl wirft jedoch ein: „Das heißt aber nicht, dass Deutschland komplett raus ist.“ Standorte mit viel Windkraft, etwa die Lausitz, seien denkbar, „sobald sich die Rahmenbedingungen für Ökostrompreise verändern.“
Ein weiteres Nadelöhr ist der Sprung zur kommerziellen Großanlage, der hohe zweistellige Millionenbeträge erfordert. Spark will dieses Bilanzrisiko schlank halten. „Unser Modell ist klar als OEM beziehungsweise Systementwickler ausgelegt“, definiert Bösl die künftige Rolle. „Wir wollen nicht selbst zum Anlagenbetreiber werden, sondern die Schlüsseltechnologie liefern und über Anlagenverkäufe sowie wiederkehrende Einnahmen aus IP-Lizenzen und Services verdienen.“ Angesprochen auf etablierte Konkurrent*innen wie Ineratec oder Synhelion gibt sich der Physiker selbstbewusst: „Es gibt tatsächlich mehrere ernstzunehmende Player im E-Fuel-Bereich, das ist auch gut so, weil der Markt riesig ist und weit über 3.000 neue Anlagen bis 2050 benötigt.“ Das eigene Alleinstellungsmerkmal bleibe der Verzicht auf große Speicher – ein Vorteil, der sich nun im direkten Vergleich beweisen müsse.
Zuletzt könnten die strengen Regularien der Luftfahrt den Markteintritt verzögern. Arno Zimmermann sieht dem Zertifizierungsprozess jedoch gelassen entgegen: „Ein Vorteil von E-Fuels ist, dass es sich um einen Drop-in-Kraftstoff handelt, der über etablierte Zertifizierungspfade in bestehende Luftfahrtinfrastruktur eingebracht werden kann.“ Auf konkrete Abnahmevereinbarungen angesprochen, verweist das Team auf Geheimhaltungsklauseln, lässt aber erste handfeste Erfolge durchblicken: „Wir haben bereits Corporate-Partner für ein gemeinsames Demoprojekt gewonnen, inklusive unterzeichneter Absichtserklärungen für die Kraftstoffabnahme.“ Verbindliche, großvolumige Verträge folgten typischerweise erst mit dem Nachweis der kommerziellen Anlage.
Unsere Einordnung
Für Gründerinnen und Gründer lassen sich aus dem Fall Spark e-Fuels wertvolle Erkenntnisse gewinnen. Zum einen unterstreicht das Vorgehen die Bedeutung einer marktgetriebenen Entwicklung. Das Team hat nicht nach einer Anwendung für eine bestehende Erfindung gesucht, sondern ist vom drängenden Marktproblem der hohen E-Fuel-Kosten ausgegangen und hat die Lösung techno-ökonomisch rückwärts entwickelt.
Zum anderen zeigt das Beispiel, dass der Schritt aus der akademischen und beruflichen Sicherheit belohnt werden kann. In Deutschland verbleiben noch immer zu viele patentfähige Forschungsergebnisse an den Universitäten, weshalb der Mut der drei Promovierten Vorbildcharakter für das heimische DeepTech-Ökosystem besitzt. Schließlich zeigt die Zusammenstellung der Investor*innen, wie wertvoll ein smartes Syndikat ist. Die Kombination aus spezialisierten Impact-VCs und branchenkundigen Angels liefert nicht nur Kapital, sondern bringt auch das notwendige Know-how zu Regulierung und Zielmärkten an den Tisch.
Spark e-Fuels steht beispielhaft für das Potenzial deutscher Ausgründungen im Klimasektor. Ob der technologische Kniff den Durchbruch bringt, wird sich beim Übergang zur kommerziellen Skalierung zeigen. Ein Erfolg wäre nicht nur für die Luftfahrt ein wichtiger Baustein, sondern auch ein starkes Signal für die gesamte europäische Start-up-Landschaft.
Software statt Kellner? Wie Order Right mit KI und Automatisierung gegen das Gastro-Sterben ankämpft
Die Gastronomie leidet unter Personalmangel, steigenden Kosten und einem Chaos an digitalen Insellösungen. Das Griesheimer Start-up Order Right will alle digitalen Prozesse in einem einzigen System bündeln – und trifft damit offenbar den Nerv der Zeit. Nach eigenen Angaben gewann das Team in nur zwölf Monaten über 500 Kund*innen. Ein Gespräch mit Geschäftsführer Muhammed Ali Yildiz über B2B-Vertrieb, Product-Market-Fit und KI am Bestelltelefon.
StartingUp: Was war der konkrete Auslöser für dich, Order Right gegen den digitalen Flickenteppich in der Gastronomie zu gründen?
Muhammed Ali Yildiz: Der Auslöser war die enorm herausfordernde Situation der Branche. Viele Gastronomen kämpfen mit komplexen Abläufen, langen Vertragslaufzeiten und einer Vielzahl an isolierten Einzellösungen, die nicht miteinander kommunizieren. Genau hier setzen wir an: Wir wollen eine zentrale Infrastruktur bieten, die den Alltag vereinfacht, damit sich Betreiber wieder auf ihr eigentliches Geschäft konzentrieren können.
StartingUp: Warum ist euer All-in-One-Ansatz für Gastronom*innen besser als schlanke Nischenlösungen („Best-of-Breed“)?
Muhammed Ali Yildiz: In der Gastronomie fehlt schlicht die Zeit für IT-Pflege. Zwischen einzelnen Nischensystemen brechen die Abläufe auf, was zu Reibungsverlusten und Mehrfachkosten führt. Wenn alles aus einer Hand kommt, entfallen diese Probleme – es gibt nur einen Ansprechpartner und eine zentrale Datenpflege. All-in-One ist für uns deshalb kein reines Feature, sondern die eigentliche Leistung.
StartingUp: Wie habt ihr es geschafft, die im Tagesgeschäft stark eingespannten Gastronom*innen für den Erstkontakt zu erreichen?
Muhammed Ali Yildiz: Die eigentliche Hürde ist tatsächlich der Erstkontakt während des laufenden Betriebs. Aber sobald wir im persönlichen Gespräch waren, konnten wir die meisten Betriebe für uns gewinnen. Unser stärkster Kanal ist dabei die Mundpropaganda, da die Branche stark vernetzt ist und sich Qualität schnell herumspricht.
StartingUp: Welcher Vertriebskanal war euer stärkster Hebel für das schnelle Wachstum von über 500 Kund*innen in zwölf Monaten?
Muhammed Ali Yildiz: Ganz klar Empfehlungen. Eine Kassenumstellung ist Vertrauenssache, da hört man lieber auf Kollegen als auf Werbung. Kaltakquise diente anfangs als Türöffner, und Partnerschaften werden jetzt relevanter, um neue Regionen zu erschließen. Der eigentliche Wachstumsmotor bleibt aber die Qualität der Arbeit beim bestehenden Kunden.
StartingUp: Wie entgegnest du im Verkaufsgespräch dem Einwand, dass eine Systemumstellung zu viel Zeit und Kosten verursacht?
Muhammed Ali Yildiz: Ich frage nach den aktuellen Kosten. Zählt man Kasse, Lieferdienste, Webshop und die manuellen Arbeitsstunden für die Buchhaltung zusammen, sind mehrere Einzellösungen oft deutlich teurer. Zudem ist unser System bewusst so einfach gehalten, dass Aushilfen in zehn Minuten eingearbeitet sind. Wir übernehmen die Einrichtung und sorgen dafür, dass die Umstellung nicht im stressigen Wochenendgeschäft passiert.
StartingUp: Überwiegt bei traditionellen Betrieben die Skepsis gegenüber KI und Automatisierung oder die Erleichterung beim Personal?
Muhammed Ali Yildiz: Anfängliche Skepsis schwindet sehr schnell durch die einfache Bedienung und unseren ständigen Support. Der KI-Telefonassistent nimmt beispielsweise verpasste Anrufe an und sichert so Umsatz, der sonst verloren ginge. Letztlich überwiegt beim Personal ganz klar die Erleichterung, weil lästige Routineaufgaben wegfallen und mehr Zeit für den Gast bleibt.
StartingUp: Welche manuellen Prozesse wird es in Restaurants in drei Jahren definitiv nicht mehr geben?
Muhammed Ali Yildiz: Erstens die handschriftliche Telefonbestellung, zweitens die doppelte Datenpflege auf verschiedenen Plattformen und drittens die Zettelwirtschaft am Monatsende für den Steuerberater. Alles, was keinen Umsatz bringt und niemandem Freude macht, wird automatisiert. Der Rest – das Kochen, Beraten und der menschliche Kontakt – bleibt beim Menschen.
StartingUp: Muhammed Ali Yildiz, danke für die Insights!
Das Interview führte StartingUp-Chefredakteur Hans Luthardt
Key Takeaways für Gründer*innen
- All-in-One schlägt Insellösungen: In Branchen mit hohem operativen Druck gewinnt das System, das Schnittstellenprobleme eliminiert.
- Schmerzpunkt statt Feature-Schlacht: Schnelles B2B-Wachstum gelingt, wenn das Produkt direkte Antworten auf drängende Branchenprobleme (wie Personalmangel und Kostensteigerungen) liefert.
- Technologie als Entlastung: KI und Automatisierung dienen im B2B-Bereich vor allem dazu, dem Personal Routineaufgaben abzunehmen und Freiräume zu schaffen.
Operation Autonomie: Wie Elvio Robotics den Krankenhausbetrieb heilen will
Deutschlands Krankenhäuser stecken in einer tiefen Krise: Akuter Personalmangel trifft auf steigenden Kostendruck. Das Anfang 2026 gegründete Münchner Start-up Elvio Robotics tritt nun mit dem Versprechen an, durch ein System aus Robotik und einer herstellerunabhängigen Orchestrierungssoftware Abhilfe zu schaffen. Ein Blick auf die Technologie, den umkämpften Markt und die Köpfe hinter der Vision.
Die strukturellen Probleme sind offensichtlich: In 94 Prozent der deutschen Krankenhäuser können offene Stellen nicht besetzt werden. Gleichzeitig fallen Mitarbeitende in Ver- und Entsorgungsberufen mit durchschnittlich 38,5 Arbeitsunfähigkeitstagen pro Jahr aus – ein Plus von 5,9 Tagen im Vergleich zu 2019. Während in Teilen Asiens und Skandinaviens autonome Roboterflotten mit über 30 Einheiten im Einsatz sind, dominieren in Deutschland bislang oft inkompatible Pilotprojekte. Hier will Elvio Robotics ansetzen. Das Start-up positioniert sich als Systemanbieter für die Automatisierung, initial für Logistik und Flächenreinigung. Die Gründer versprechen dabei ein ganzheitliches Modell von der Beratung bis zum Service. Ihr erklärtes Ziel ist eine herstellerübergreifende Plattform namens „Elvio OS“, die Hardware-Silos aufbrechen und Roboter verschiedener Hersteller zentral steuern soll.
Das Gründer-Duo: Vom Tech-Umfeld in die Klinik-Realität
Geführt wird das im Februar 2026 gegründete Unternehmen von Marco Brizzolara (CEO) und Johannes Drexler (CTO). Brizzolara blickt als Schwarzman Scholar auf Stationen bei Horizon Robotics, TikTok und McKinsey zurück. Drexler bringt Erfahrung aus einem Master in Robotik an der TU München und einer Tätigkeit bei Elon Musks The Boring Company in Texas mit.
Doch warum der Wechsel in die als notorisch zäh und chronisch unterfinanziert geltende deutsche Krankenhauslandschaft? „Die größten Chancen liegen oft dort, wo die Probleme am schwierigsten zu lösen sind“, sagt Brizzolara. Ein Krankenhausbesuch habe ihm das Versagen bisheriger Konzepte gezeigt. „Jeder brachte einen Teil der Lösung mit, aber niemand hatte die Verantwortung für ein Gesamtsystem übernommen“, so der CEO.
Drexler ergänzt„Die Krankenhausbranche steht hinsichtlich Automatisierung noch ganz am Anfang – und das, obwohl diese Technologien genau hier einen riesengroßen gesellschaftlichen Mehrwert liefern können.“ Natürlich sei die Herausforderung enorm. „Doch umso größer ist die Wirkung, die wir erzielen können, wenn wir Krankenhäuser erfolgreich bei der Einführung autonomer Service-Roboter unterstützen.“
Das Team kooperiert bei der Entwicklung unter anderem mit der Berliner Charité und sammelte kürzlich Kapital von institutionellen Investoren und Business Angels ein. Auf die Frage, wie viel Vorlaufzeit das frische Kapital in diesem stark hardwarelastigen Geschäft realistisch bietet, bleibt Brizzolara vage. Er pocht vielmehr auf die Vision der Geldgeber: „Am Ende haben die Kapitalgeber in die These investiert, dass das autonome Krankenhaus in den nächsten zehn Jahren Realität wird.“ Ob diese Rechnung in einem durch klamme Kassen geprägten Markt aufgeht, muss sich in der Praxis allerdings erst noch beweisen.
Das Geschäftsmodell: Orchestrierung und die Gefahr des Lock-ins
Das Konzept von Elvio Robotics basiert auf Orchestrierung. Um den Vendor Lock-in einzelner Roboterhersteller zu umgehen, soll Elvio OS als Middleware das Flottenmanagement und die Infrastrukturintegration übernehmen. Tauschen die Kliniken damit aber nicht einfach den Hardware-Lock-in gegen einen massiven Software-Lock-in ein? Brizzolara wehrt sich gegen diesen Vorwurf: „Was ist die Alternative? Ein Mix aus unterschiedlichen Robotern mit proprietärer Software stellt für kein Krankenhaus eine tragfähige Lösung dar.“ Das Start-up wolle bestehende Abhängigkeiten auflösen.
Drexler argumentiert, dass Kliniken mit dem System in der Lage seien, Reinigungsroboter unterschiedlicher Hersteller über eine einheitliche Oberfläche zu steuern und Infrastruktur wie Aufzüge nur einmalig anbinden müssten. Doch die architektonische Realität in deutschen Krankenhäusern, die oft historisch gewachsene Labyrinthe mit einem Flickenteppich an IT-Landschaften sind, birgt das Risiko einer echten „Integrations-Hölle“. Dass das System derzeit noch kein reines Plug-and-Play-Geschäft ist, räumt Drexler unumwunden ein: „Angesichts der Heterogenität deutscher Krankenhaus-Infrastrukturen wäre es vermessen, zu behaupten, dass unsere Integrationsprojekte vollständig Plug-and-Play sind.“ Man bewege sich durch Standardisierung aber in Richtung eines skalierbaren Automatisierungsbaukastens.
Markt & Wettbewerb: Konkurrenz aus der Intralogistik
Zudem betritt Elvio keinen leeren Markt. Es existieren bereits generalistische Flottenmanagement-Tools aus der Intralogistik (Lager, Fabriken). Dass in absehbarer Zeit große Player oder Tech-Riesen verstärkt in dieses Segment drängen könnten, liegt auf der Hand. Wie will sich das Start-up davor schützen? „Unser Burggraben ist nicht eine einzelne Technologie, sondern die Kombination aus Infrastrukturintegration, Betriebs-Know-how und dem Vertrauen unserer Kunden“, behauptet Brizzolara und zieht einen ambitionierten Vergleich: Dies lasse sich „ebenso wenig kopieren, wie man AWS kopieren könnte, indem man einige Millionen Zeilen Code schreibt.“
Drexler verweist darauf, dass die Branche ohnehin keine Standardlösungen dulde. Das zeige etwa der aktuelle Rückzug von SAP aus dem klinischen Patientenmanagement zugunsten hochspezialisierter Medizin-IT. Zudem spielt er die Karte der Datensouveränität: „Wollen wir diese kritische Infrastruktur wirklich den Tech-Riesen überlassen?“
Noch in diesem Jahr sollen erste Installationen in Kliniken abgeschlossen werden. In einem Umfeld, in dem Krankenhäuser notorisch klamm sind und Neuanschaffungen hohes Vorabkapital erfordern, stellt sich die Frage der Rentabilität. Subventioniert das Start-up seine ersten Leuchtturm-Projekte mit VC-Geld quer? „Wir nutzen das VC-Kapital nicht, um Marktanteile aufzubauen“, versichert Brizzolara.
Drexler verweist auf ein monatlich abgerechnetes „Robot-as-a-Service-Modell“, das die Einstiegshürden niedrig halten soll. „Lässt man die Entwicklungskosten der Plattform außen vor, werden wir schon beim ersten Pilotkunden positive Unit-Economics vorweisen können“, verspricht der CTO.
An diesen harten Kennzahlen, einer funktionierenden Technologie und der tatsächlichen Überzeugungsarbeit im herausfordernden Klinikalltag werden sich die ambitionierten Gründer in den kommenden zwölf Monaten messen lassen müssen.
KI-Schockstarre oder Milliardenmarkt? Wie ein Düsseldorfer Spin-off den Tech-Giganten die Stirn bietet
Während Silicon-Valley-Start-ups mit unregulierten Algorithmen die Urheberrechte der Audio-Welt strapazieren, wittert ein Düsseldorfer Spin-off das ganz große B2B-Geschäft. Mit der Plattform „Sonica“ liefert das Start-up LYBS das erste Betriebssystem für skalierbaren und rechtssicheren Markensound. Wie ein Team aus erfahrenen Agentur-Veteranen den globalen Tech-Giganten die Stirn bieten will.
Die Kreativbranche durchlebt gerade eine Zerreißprobe. Auf der einen Seite versprechen generative KI-Modelle Audioproduktion auf Knopfdruck. Auf der anderen Seite wächst die Angst vor einer Welle an Urheberrechtsklagen. Genau in dieses Spannungsfeld – zwischen der viel zitierten „KI-Schockstarre“ und dem Wilden Westen unregulierter Algorithmen – stößt das von Hans Landwehr gegründete Start-up LYBS mit seiner Plattform Sonica.
Die Botschaft des erst seit Kurzem am Markt agierenden Start-ups ist selbstbewusst: Man habe das „erste Betriebssystem für skalierbaren, rechtssicheren Markensound“ erschaffen. Sonica verspricht, Voice-Artists die Kontrolle und Vergütung zurückzugeben und gleichzeitig das juristische Risiko für Corporate-Kund*innen zu eliminieren.
Doch wann genau fiel der Startschuss, den Tech-Riesen nicht einfach nur das Feld zu überlassen? Die Wurzeln der Plattform reichen deutlich tiefer als der aktuelle KI-Hype, erklärt Brand & Strategy Lead Vincent Raciti. Schon vor knapp zehn Jahren habe man gemeinsam mit Hochschulen eigene Machine-Learning-Technologien entwickelt. „Der eigentliche Auslöser kam dann mit den Fortschritten der generativen KI“, blickt Raciti zurück. Dabei sei dem Team schnell ein gravierendes Defizit am Markt aufgefallen: „Wir haben gemerkt, dass zwischen beeindruckenden Demos amerikanischer Foundation Models und einem Enterprise-tauglichen Workflow für Marken ein großer Unterschied liegt.“
Marken bräuchten konsistente Qualität, klare Rechteketten und eine sichere EU-Infrastruktur – eine Lücke, die LYBS schließlich gemeinsam mit seinem ersten Kunden Yello zu schließen begann. KI sei dabei kein Selbstzweck, versichert der Raciti: „Sie automatisiert aufwendige Produktionsschritte, während Markenidentität, Qualitätskontrolle und sichere Workflows im Mittelpunkt stehen.“
Vom Agentur-Geschäft zum skalierbaren SaaS-Produkt
Was LYBS von typischen Tech-Start-ups unterscheidet, ist die Entstehungsgeschichte. Hinter der Neugründung steckt kein unerfahrenes Team mit großen Ideen, sondern eines mit jahrzehntelanger Branchenerfahrung. LYBS ist ein technologischer Spin-off der renommierten Düsseldorfer Agentur TRO GmbH. Founder Hans Landwehr ist bereits seit Oktober 1989 in der Geschäftsführung von TRO aktiv und kennt das Sound-Business wie kaum ein anderer.
Doch ein Spin-off ist kulturell wie finanziell oft ein Kraftakt. Wie trennt man das rasante Start-up-Wachstum vom klassischen Agenturgeschäft? „Technologie spielt bei uns schon seit vielen Jahren eine zentrale Rolle im Beratungsprozess“, ordnet Landwehr ein. Die Ausgründung sei daher der nächste logische Schritt gewesen. „Wir wollten ein eigenständiges Softwareunternehmen aufbauen, das unabhängig vom Agenturgeschäft wachsen kann – mit eigenen Strukturen, eigener Geschwindigkeit und voller Transparenz über die wirtschaftliche Entwicklung“, betont der Branchen-Veteran.
Bislang ist Sonica weitgehend aus eigener Kraft finanziert. Zum Start holte sich das Team drei vernetzte Business Angels aus der Medienbranche an Bord, um erste Entwicklungen zu beschleunigen. Die Gründer halten nach eigenen Angaben weiterhin 93 Prozent der Anteile – doch das soll nicht zwingend so bleiben: „Nach den Ergebnissen der ersten Monate führen wir bereits erste Gespräche über die nächste Wachstumsphase“, gibt sich Landwehr angriffslustig.
Das Ergebnis dieses Prozesses ist Sonica: Eine modulare Sound-Branding-Plattform. Anstatt Audio-Dateien und Lizenzen dezentral auf Servern oder in E-Mail-Postfächern zu verwalten, bündelt das System Soundlogos, adaptive Musikmodule und Voice-Anwendungen in einem vollwertigen Produktionsstudio. Das Ziel: Audio soll konsistenter, skalierbarer und schneller in länderübergreifende Kampagnen eingebunden werden.
Der Markt: Big Tech vs. Compliance
Der Markt wächst rasant, doch die großen Tech-Player haben oft das Prinzip „Move fast and break things“ auf das Copyright angewandt. Dies ruft zunehmend Regulatoren auf den Plan. Sonica positioniert sich hier bewusst als sicherer Hafen: Statt Stimmen unautorisiert abzugreifen, wahrt und vergütet das System die Rechte der Künstler*innen. Dass LYBS nach nur acht Wochen bereits Einladungen zu globalen Pitches erhält, unterstreicht den enormen Bedarf von Konzernen.
In diesen Pitches sitzt das Start-up quasi zwischen den Stühlen – auf der einen Seite Musikplattform-Riesen wie Artlist oder Songtradr, auf der anderen spezialisierte Sound-Agenturen. Was also ist das Killer-Argument der Düsseldorfer? „Der entscheidende Unterschied liegt aus unserer Sicht im Zielbild“, analysiert Landwehr. „Geht es darum, bestehende Dienstleistungen digital zu ergänzen – oder Unternehmen eine Infrastruktur an die Hand zu geben, mit der sie ihre Brand-Sound-Prozesse langfristig selbst steuern können?“ LYBS habe sich bewusst für Letzteres entschieden.
Man wolle das klassische Agenturgeschäft dabei keinesfalls kannibalisieren, schiebt Vincent Raciti hinterher. Vielmehr verstehe man sich als unabhängige Partner-Plattform. „Die kreative Entwicklung einer starken Sound-Identität wird auch in Zukunft bei Agenturen, Komponistinnen und Sound-Expert*innen liegen“, verspricht Raciti. Sonica solle diese Arbeit nicht ersetzen, sondern dafür sorgen, „dass sie weltweit konsistent im Unternehmen ankommt“.
Das Geschäftsmodell auf dem Prüfstand
Trotz der fundierten Positionierung muss die Lösung kritisch hinterfragt werden: Die PR-Aussage, Sonica spare bis zu 5.000 Euro Produktionsbudget pro Tag und Marke, ist ein massiver Marketing-Anker. Für globale Kampagnen mögen diese Summen plausibel sein, für den Mittelstand wirken sie gigantisch.
Auf diese steile These angesprochen, erwidert Raciti: „Richtig, die Zahl bezieht sich auf komplexe, internationale Produktionssituationen und nicht auf jeden Kunden oder jeden Tag.“ In einem typischen internationalen Rollout würden sich Studiozeiten, Sprecher*innenbuchungen und aufwendige Freigabeschleifen jedoch schnell zu Tausenden Euros addieren. Der Brand & Strategy Lead rechnet vor: Bei einem aktuellen Kunden-Onboarding habe man einen sich täglich wiederholenden Prozess für 14 Märkte auf rund eine Stunde inklusive Freigabe eingedampft. Ob sich diese massive Ersparnis tatsächlich quer durch alle Branchen – von der Werbung bis zur Straßenbahnansage – halten lässt, bleibt vorerst abzuwarten. Das Start-up kündigt an, bis Jahresende belastbarere Zahlen liefern zu wollen.
Zudem drängt sich die Frage nach der technologischen Tiefe auf: Baut Sonica wirklich eigene Modelle oder ist die Plattform im Kern nur eine smarte, branchenspezifische Benutzeroberfläche über bestehenden Basismodellen?
„Ich glaube, die wichtigste Frage ist nicht mehr, wer das nächste Foundation Model baut“, kontert Raciti. Diese Entwicklung werde ohnehin von wenigen globalen Playern dominiert. „Unsere Wertschöpfung liegt deshalb in der Orchestrierung.“ Man kombiniere unterschiedliche KI-Modelle mit eigener Technologie, etwa für Emotionserkennung, und verbinde sie mit striktem Rechte- und Freigabemanagement. „Genau dort entstehen für Unternehmen die eigentlichen Herausforderungen“, stellt er klar.
Und was passiert, wenn Google, Meta & Co. das Copyright-Problem irgendwann einfach selbst lösen? „Das wäre aus unserer Sicht sogar eine gute Entwicklung“, überrascht Hans Landwehr. Die Mission von LYBS sei es ohnehin, Sound Branding für deutlich mehr Unternehmen zugänglich zu machen. Die eigentliche Infrastruktur zur Steuerung dieser Prozesse bräuchten die Konzerne künftig trotzdem – völlig unabhängig davon, wie ethisch sauber die zugrundeliegenden KI-Modelle arbeiten.
Unsere Einordnung
Der Fall LYBS zeigt eindrucksvoll: Die größte Wertschöpfung im B2B-Bereich entsteht oft an der Schnittstelle zwischen neuen Technologien und alten, hochkomplexen Branchenproblemen. Die lange Expertise der Gründer ist dabei ein massiver Wettbewerbsvorteil. Ob LYBS sich langfristig gegen die Budgets der großen Player wehren kann, wird sich zeigen. Der extrem fokussierte Nischen-Start ist jedoch ein Meisterkurs in B2B-Positionierung.
Für die kommenden Monate stehen die Zeichen auf Expansion. Um die eigene Lösung nicht nur Konzernen, sondern auch dem Mittelstand und Creator Brands schmackhaft zu machen, braucht es allerdings frisches Kapital. „Wir bereiten aktuell unsere nächste Finanzierungsrunde vor“, verrät Landwehr. Mit dem Geld sollen vor allem das KI- und Produkt-Team ausgebaut sowie das Partnernetzwerk international erweitert werden. Das ultimative Ziel für das nächste Jahr formuliert Landwehr klar: Man wolle beweisen, „dass Sound Branding mit der richtigen Infrastruktur dauerhaft und effizient im Unternehmen betrieben werden kann.“
Start-up-Steckbrief: LYBS / Sonica
- Gründer: Hans Landwehr
- Ursprung: Spin-off aus dem Umfeld der TRO GmbH (gegründet 1989)
- Kernprodukt: Sonica – Plattform und Betriebssystem für skalierbaren, rechtssicheren Markensound
- USP: 100 % rechtssichere Audio-Assets, faire Vergütungsmodelle für Voice Artists, Bündelung aller Audio-Assets, jahrzehntelange Branchenexpertise
Nomado24: Wie zwei Studenten mit KI den Remote-Arbeitsmarkt aufräumen wollen
Jobbörsen sind voller „Remote“-Jobs – doch oft verbirgt sich im Kleingedruckten die Präsenzpflicht. Das Ludwigshafener Start-up Nomado24 nutzt Sprachmodelle, um Stellenanzeigen zu filtern. Eine smarte Idee für eine spitze Zielgruppe. Aber reicht das für ein tragfähiges Geschäftsmodell?
Der Frust ist vielen Bewerber*innen und digitalen Nomad*innen nur allzu gut bekannt: Man filtert auf etablierten Job-Portalen nach „Remote“ oder „Homeoffice“, nur um dann im Textfeld über Klauseln wie „zwei Tage pro Woche am Standort“ zu stolpern. Große Plattformen filtern meist nur nach Stichworten, was für Unübersichtlichkeit sorgt. Genau hier setzt Nomado24 an. Das junge HR-Tech-Start-up aus Ludwigshafen will den Markt mit einem KI-Sprachmodell (LLM) sauberer vermessen, indem es den Kontext jeder Anzeige liest und verifiziert, ob der Job zu 100 Prozent ortsunabhängig ausgeübt werden kann.
Doch wer braucht so eine spezialisierte Plattform überhaupt? Schließlich finden sich viele echte Remote-Jobs im IT-Sektor, wo Fachkräfte sich ihre Stellen ohnehin aussuchen können. „Der Einwand stimmt“, räumt Mitgründer Anton Petuchow unumwunden ein. „Senior-Entwicklerinnen und -Entwickler bekommen drei Recruiter-Nachrichten pro Woche, die brauchen uns nicht, und sie sind ausdrücklich nicht unser Fokus.“ Nomado24 zielt stattdessen auf die andere Hälfte des Remote-Marktes ab: Berufe im Kund*innenservice, Vertriebsinnendienst, Marketing oder der Buchhaltung sowie Menschen, die einen Nebenjob von zu Hause suchen. Hier gebe es echte ortsunabhängige Stellen, aber die Kandidat*innen müssten selbst suchen. „Für sie ist eine Plattform, die aussortiert statt aufzublähen, ein spürbarer Unterschied“, betont Petuchow. Der geografische Fokus liege dabei klar auf dem deutschsprachigen Raum, da der globale englischsprachige Markt bereits gut versorgt sei.
Die Nomado24-Datenanalyse im Fokus
Wie dringend dieser KI-Filter nötig ist, zeigt ein Blick auf die Daten: Ein interner Audit des Start-ups von Ende Juli 2026 offenbart die Schwächen des aktuellen Marktes. Von 2.459 als „remote“ ausgewiesenen Stellen fielen 14,5 Prozent durch das KI-Raster, da sie de facto nicht komplett ortsunabhängig waren. Zudem nennt nur jede vierzigste Anzeige ein konkretes Gehalt – trotz der längst abgelaufenen Frist zur EU-Entgelttransparenzrichtlinie.
Für digitale Nomad*innen lauert jedoch oft ein weiterer Knackpunkt: „100 % Remote“ bedeutet in der Praxis häufig „100 % Homeoffice innerhalb Deutschlands“, da Arbeitgeber*innen bei dauerhafter Arbeit aus dem EU-Ausland schnell steuerliche Fallstricke drohen. Prüft die KI also auch das Arbeitsrecht? „Wir prüfen mehr, als der reine Remote-Haken hergibt, aber wir ziehen eine bewusste Grenze“, erklärt Petuchow. Der KI-Klassifikator lese zwar geografische Einschränkungen aus, eine verbindliche Einzelfallprüfung zu Betriebsstättenrisiken oder Sozialversicherungsfragen biete man jedoch bewusst nicht an. „Das wäre automatisierte Rechtsberatung“, so der Gründer. Gerade der Beschäftigungskontext sei laut EU-KI-Verordnung hochriskant. „Ein System, das verbindliche steuer- und arbeitsrechtliche Auskünfte zu konkreten Arbeitsverhältnissen erteilt, bringt einen Pflichtenkatalog mit, den wir als zweiköpfiges Team heute nicht seriös stemmen können“, stellt er klar. Stattdessen mache man die ohnehin entspannten Freizügigkeitsregeln innerhalb der EU sichtbar und verweise bei komplexen Einzelfällen auf Expert*innen.
Die Gründer: Aus dem Hörsaal auf den Markt
Hinter Nomado24 stehen keine langjährigen HR-Veteranen, sondern Anton Petuchow und Lars Schreiner. Die zündende Idee brachte Schreiner, der an der HWG Ludwigshafen Sustainable Management studiert, aus seiner Zeit als Surflehrer mit: Mangels lokaler Alternativen mussten viele seiner Kollegen außerhalb der Saison unterqualifizierte Jobs annehmen. Bei Nomado24 verantwortet er heute Vertrieb und Marketing, während WHU-Absolvent Petuchow nach Stationen bei BASF und Allianz die Bereiche Strategie und Produkt leitet.
Der Weg aus dem studentischen Umfeld zur offiziell gegründeten UG (haftungsbeschränkt) war jedoch zäh. „Die größte Hürde war nicht die Gründung selbst, sondern das Drumherum“, blickt Petuchow auf Themen wie Steuernummern, Datenschutz und AGBs zurück. „Für zwei Studenten ohne Vorerfahrung sind das Wochen, in denen kein einziges Produktfeature entsteht. Rückblickend war es trotzdem richtig, das früh sauber zu machen.“ Finanziert ist das Start-up, das im TechnologieZentrum Ludwigshafen (TZL) sitzt und Ende Mai 2026 live ging, bislang komplett gebootstrappt und durch Fördermittel (StartInRLP) sowie Azure-Credits von Microsoft. Business Angels sollen erst in einer kommenden Finanzierungsrunde an Bord geholt werden.
Geschäftsmodell und Markt: Ein kritischer Blick
Nomado24 bietet neben der Jobvermittlung auch eine „Pro“-Funktion für Bewerber*innen sowie mittelfristig die Vermittlung von Coworking-Spaces an. Droht dem kleinen Team hier nicht ein klassischer „Feature Creep“, bei dem man sich verzettelt? Petuchow nimmt die Kritik gelassen auf: „Die Jobbörse ist das Produkt. Alles andere muss aus derselben Datenbasis fallen und darf keine eigene Roadmap verlangen.“ Die geplante Coworking-Suche sei der beste Beleg für diese Disziplin, da man keine Ressourcen in den Aufbau eigenen Inventars stecke, sondern auf eine Partnerschaft mit einem Weltmarktführer setze. Dennoch gibt er selbstkritisch zu: „Ja, wir haben in der Anfangsphase mehr gebaut, als für den Fokus gut war, und haben deshalb inzwischen Dinge bewusst zurückgestellt.“
Um im Haifischbecken der großen Jobbörsen wie Stepstone oder Indeed zu bestehen, nutzt das Start-up Automatisierung, um schnell eine kritische Masse an Stellen zu bieten. Den Vorwurf des unerlaubten „Scrapings“ von Fremdportalen lässt die Geschäftsführung jedoch nicht gelten. Hier wird Petuchow deutlich: „Der Begriff Scraping beschreibt unsere Arbeitsweise falsch. Wir lesen keine Fremdportale aus. Indeed, Stepstone oder LinkedIn fassen wir nicht an.“ Stattdessen beziehe man die aktuell rund 2.400 Anzeigen aus offiziellen Schnittstellen der Arbeitsagentur, von Partnerschnittstellen, aus Bewerbermanagementsystemen oder direkt von Arbeitgeber*innen. „Wir entziehen niemandem Traffic, wir schicken welchen“, wehrt er rechtliche Bedenken ab.
Auch die befürchteten Serverkosten für das ständige KI-Screening seien extrem überschaubar. „Eine Anzeige wird einmal gelesen und danach beliebig oft ausgeliefert, ohne dass noch einmal ein Modell anspringt“, erklärt der Gründer. Dank des Microsoft-Förderprogramms verbrenne man aktuell ohnehin kein Geld für die Infrastruktur.
Bleibt das klassische Henne-Ei-Problem: Wie überzeugt man zahlende Unternehmenskunden, wenn die Reichweite noch im Aufbau ist? „Unsere Antwort auf das Henne-Ei-Problem heißt nicht Vertrieb, sondern Google“, verrät Petuchow die SEO-Strategie. Durch strukturiert ausgezeichnete Anzeigen bei „Google for Jobs“ und gezielte Suchseiten baue man organisch Reichweite auf. Die Klicks verdreißigfachten sich zuletzt nahezu – ganz ohne Werbebudget. Petuchows Maxime: „Erst Nutzerzahlen aufbauen, dann monetarisieren. Und wenn wir mit Arbeitgebern über bezahlte Inserate sprechen, dann mit belegbarer Reichweite statt mit Versprechen.“
Einordnung und Fazit
Nomado24 bedient zweifellos einen echten Pain Point und punktet mit seinem transparenten Ansatz, unpassende Jobs knallhart auszusortieren. Das große Risiko: Die Technologie hinter LLMs wird rasant zugänglicher. Große Player könnten die Kernfunktion mit ihren massiven Entwicklungs-Ressourcen theoretisch schnell kopieren.
Wo liegt also der Burggraben? „Ehrlich gesagt: Einen unkopierbaren Burggraben haben wir nicht, und ich würde jedem Gründer misstrauen, der bei einem Sprachmodell-Feature einen behauptet“, kontert der WHU-Absolvent selbstbewusst. Die Branchengiganten würden einen so strengen Filter jedoch kaum ausrollen wollen, da deren Geschäftsmodell auf Reichweite und Anzeigenvolumen basiere. Ein Filter, der rigoros 14 Prozent der Anzeigen als „Fake-Remote“ aussortiert, würde dort zahlende Kund*innen verprellen. „So etwas baut niemand konsequent gegen das eigene Geschäftsmodell“, ist Petuchow überzeugt. „Für die Großen wäre derselbe Filter ein Umsatzproblem, für uns ist er das Produktversprechen.“
Ein klassischer David-gegen-Goliath-Pitch mit einer cleveren Nischenstrategie. Für die Zukunft hat sich das Team bis Mitte 2027 vier klare Meilensteine gesetzt: Organische Reichweite aufbauen, eine belastbare Konversionsrate für das Pro-Modell erzielen, das Angebot an echten Remote-Stellen im deutschsprachigen Raum ausbauen und die Coworking-Partnerschaft live bringen. Erst danach sei der B2B-Verkauf an Arbeitgeber*innen der logische Schritt. Anton Petuchow schließt mit einem klaren Versprechen an sich selbst: „Wenn diese vier bis Mitte 2027 nicht stehen, schulden wir uns selbst eine ehrliche Antwort darauf, warum nicht.“
„Reichweite ist nicht Wachstum“: Warum Ex-Zalando-Managerin Dr. Saskia Appelhoff heute auf Community-Building setzt
Bei Zalando baute sie laute Massenmarken auf, mit MeNotPause eine Community im Tabu-Markt. Im Interview erklärt Dr. Saskia Appelhoff, warum sie die Corporate-Welt hinter sich ließ und wieso ein treues Netzwerk mächtiger ist als eingekaufte Klicks.
Viele Gründer*innen träumen von der großen Reichweite und dem schnellen Hype. Dr. Saskia Appelhoff weiß, wie das geht: Als Head of Strategic Marketing bei Zalando prägte sie einst die legendäre „Schrei vor Glück“-Kampagne und war später CMO beim FinTech Raisin. Doch mit ihrem eigenen Start-up MeNotPause, einer Plattform für Frauen in den Wechseljahren, wählt sie bewusst einen anderen Weg. Statt Millionenbudgets in reines Performance-Marketing zu pumpen, baut sie in einem oft ignorierten, von Tabus behafteten Markt auf Community und tiefes Vertrauen. Inzwischen erreicht sie damit eine Gemeinschaft von über 40.000 Frauen. Im StartingUp-Interview erklärt Saskia, warum sie die Corporate-Welt hinter sich ließ, wieso ein treues Netzwerk mächtiger ist als eingekaufte Klicks und welche Fehler Start-ups beim Community-Building machen.
Das Interview
Sprung in die Ungewissheit
StartingUp: Saskia, nach Top-Positionen bei Zalando und Raisin: Was war dein Auslöser, die Corporate-Komfortzone zu verlassen und mit MeNotPause das volle Gründerrisiko einzugehen?
Dr. Saskia Appelhoff: Eigentlich zieht sich das durch meine ganze Karriere: Ich wollte immer dort sein, wo etwas gerade entsteht. Bei Zalando war ich Mitarbeiterin Nummer 70, bei Raisin Founding CMO – da war „wenig corporate“. Ich habe in beiden Unternehmen erlebt, welche besondere Dynamik entsteht, wenn noch nicht alles festgelegt ist und man selbst sehr viel steuern, entscheiden und beeinflussen kann. Und genau das hat mich immer gereizt: nicht nur eine bestehende Struktur zu verwalten, sondern etwas mit aufzubauen, das wachsen und sich verändern darf. Deshalb war der Schritt in die eigene Gründung für mich weniger ein radikaler Bruch mit der Corporate-Welt als vielmehr der logische nächste Schritt. Mit MeNotPause kam dann ein Thema hinzu, das mich auch persönlich und gesellschaftlich stark beschäftigt hat. Mehr als 9 Millionen Frauen sind aktuell in den Wechseljahren, sind aber häufig schlecht informiert, fühlen sich mit ihren Symptomen nicht ernst genommen oder wissen gar nicht, was gerade mit ihnen passiert. Ich hatte das Gefühl: Hier kann ich meine Erfahrung aus Markenaufbau, Marketing und Wachstum für etwas einsetzen, das nicht nur wirtschaftliches Potenzial hat, sondern wirklich etwas verändert. Natürlich ist es noch einmal etwas anderes, wenn man selbst das volle Risiko trägt. Aber genau darin liegt auch die Freiheit: Wir können die Marke, die Community und das Angebot so aufbauen, wie wir es für richtig halten – nah an den Frauen und mit sehr direktem Feedback. Diese Gestaltungsmöglichkeit war für mich der entscheidende Antrieb.
Zalando vs. Tabu-Markt
StartingUp: Von lauten Zalando-Massenkampagnen zu einem tabuisierten Thema: Wie sehr musstest du dein Marketing-Playbook für den Aufbau von MeNotPause als sensible, vertrauensbasierte Plattform umschreiben?
Dr. Saskia Appelhoff: Die Grundprinzipien guter Markenführung sind gleich geblieben: Man muss die Zielgruppe wirklich verstehen, relevant sein und eine klare Haltung haben. Aber die Art, wie wir Vertrauen aufbauen, ist bei MeNotPause eine völlig andere. Bei einer großen Lifestyle-Marke kann Lautstärke sehr wirkungsvoll sein. Bei einem sensiblen Gesundheitsthema reicht Aufmerksamkeit allein jedoch nicht. Menschen müssen sich sicher, verstanden und respektiert fühlen. Eine Frau, die nachts nicht schläft, plötzlich starke Stimmungsschwankungen erlebt oder sich in ihrem eigenen Körper nicht mehr wiedererkennt, braucht keine perfekte Werbebotschaft. Sie braucht zunächst das Gefühl: Ich bilde mir das nicht ein. Ich bin nicht allein. Und es gibt Möglichkeiten, etwas zu verändern. Deshalb beginnt unser Marketing nicht mit dem Produkt, sondern mit Zuhören. Wir lesen Kommentare und Nachrichten, sprechen mit Frauen, arbeiten eng mit Expertinnen und Experten zusammen und greifen die Fragen auf, die viele Betroffene nicht einmal ihrer Ärztin oder ihrem Partner stellen. Ich habe gelernt, dass eine starke Marke nicht immer diejenige ist, die am lautesten spricht. Gerade in einem Tabumarkt ist es häufig diejenige, die am besten zuhört und die richtigen Worte für etwas findet, das die Zielgruppe bisher selbst kaum benennen konnte.
Die Reichweiten-Falle
StartingUp: Du sagst, Start-ups verwechseln oft Reichweite mit Wachstum. Woran erkennst du das, und ab wann wird der reine Fokus auf „Vanity Metrics“ gefährlich?
Dr. Saskia Appelhoff: Reichweite zeigt zunächst nur, dass etwas gesehen wurde. Sie sagt ja noch nicht, ob Menschen einer Marke vertrauen, wiederkommen, sie weiterempfehlen oder bereit sind, für ihr Angebot zu bezahlen. Die Verwechslung beginnt häufig dann, wenn Gründerinnen und Gründer ihre Entscheidungen vor allem nach Followerzahlen, Views oder kurzfristigen Peaks ausrichten. Ein viraler Beitrag kann sich großartig anfühlen. Wenn danach aber niemand den Newsletter abonniert, ein Angebot nutzt oder dauerhaft Teil der Community wird, war es Aufmerksamkeit, aber noch kein Wachstum. Gefährlich wird es, wenn das Unternehmen beginnt, für den Algorithmus statt für die Kundinnen und Kunden zu arbeiten. Dann wird immer mehr Content produziert, Kampagnen werden immer lauter und Budgets steigen, ohne dass klar ist, welche Beziehung daraus eigentlich entsteht. Für mich sind deshalb andere Fragen entscheidend: Kommen Menschen zurück? Sprechen sie mit uns? Empfehlen sie uns weiter? Verstehen wir besser, was sie brauchen? Und entsteht aus dieser Beziehung irgendwann eine tragfähige wirtschaftliche Verbindung? Reichweite kann der Anfang von Wachstum sein. Aber sie ist nicht das Ziel. Echte Markenstärke zeigt sich nicht darin, wie viele Menschen einmal hingeschaut haben, sondern darin, wie viele bleiben.
Community statt Kampagne
StartingUp: Hinter dem Buzzword „Community“ steckt oft nur ein Instagram-Account. Was ist für dich der strategische Unterschied zwischen einem reinen Marketing-Kanal und einer echten, wachstumstreibenden Community wie dem MeNotPause Circle?
Dr. Saskia Appelhoff: Ein Marketing-Kanal funktioniert überwiegend in eine Richtung: Eine Marke sendet, die Zielgruppe empfängt. Eine Community lebt dagegen davon, dass Beziehungen in viele Richtungen entstehen: zwischen der Marke und den Mitgliedern, aber vor allem auch zwischen den Mitgliedern selbst. Eine echte Community erkennt man für mich daran, dass Menschen nicht nur wegen des Contents kommen, sondern wegen des Gefühls, Teil von etwas zu sein. Sie stellen Fragen, teilen Erfahrungen, helfen einander und bringen Themen ein, die wir als Unternehmen vielleicht noch gar nicht auf dem Radar hatten. Gerade bei den Wechseljahren ist dieser Austausch enorm wichtig. Viele Frauen haben jahrelang gedacht, sie seien mit ihren Beschwerden allein. Wenn dann eine andere Frau sagt: „Das kenne ich auch“, verändert das sehr viel. Es nimmt Scham, schafft Orientierung und gibt häufig den Anstoß, sich Unterstützung zu holen. Strategisch ist eine Community außerdem ein extrem wertvoller Resonanzraum. Wir entwickeln nicht im luftleeren Raum, sondern erhalten laufend Rückmeldung: Welche Fragen sind ungelöst? Welche Formate helfen wirklich? Wo braucht es mehr medizinische Einordnung, wo mehr Alltagstauglichkeit? Aber man darf Community nicht als kostenlosen Vertriebskanal missverstehen. Wer nur dann mit Menschen spricht, wenn er etwas verkaufen möchte, baut keine Community auf. Vertrauen entsteht durch Kontinuität, Ehrlichkeit und echten Mehrwert. Monetarisierung kann daraus entstehen, sie darf aber nicht der einzige Grund für die Beziehung sein.
Die ersten echten Fans
StartingUp: Vertrauen wächst langsam. Wie hast du ohne großes Budget die Anfangsphase überbrückt, um das Community-„Flywheel“ in Gang zu setzen und erste „True Fans“ zu gewinnen?
Dr. Saskia Appelhoff: Wir haben am Anfang versucht, möglichst relevant zu sein. Bevor wir viele Angebote entwickelt haben, haben wir zugehört und gefragt. Qualitativ und quantitativ. Unter anderem haben wir eine Befragung mit rund 700 Frauen durchgeführt. Dazu kamen persönliche Gespräche, Nachrichten, Kommentare und Interviews mit Expertinnen und Experten. Wir wollten verstehen, welche Fragen Frauen tatsächlich beschäftigen. Unsere ersten loyalen Community-Mitglieder haben wir daher durch einen der viele kleinen Vertrauensmomente gewonnen: eine verständliche Erklärung, eine ehrliche Antwort auf eine Nachricht, ein Inhalt, bei dem eine Frau dachte: Endlich spricht es jemand aus. Gerade in der Anfangsphase war ich selbst sehr sichtbar und nahbar. Ich habe auf Kommentare reagiert, Fragen beantwortet und auch offen gesagt, wenn wir auf etwas noch keine Antwort hatten. Diese Nähe lässt sich später natürlich nicht vollständig skalieren, aber sie prägt die Kultur einer Community. Das Flywheel beginnt aus meiner Sicht nicht mit Reichweite, sondern mit Relevanz. Wenn die ersten Menschen wirklich überzeugt sind, werden sie zu Multiplikatorinnen. Sie teilen Beiträge, erzählen Freundinnen davon und bringen neue Menschen mit. Dieses Wachstum ist langsamer als eingekaufte Reichweite, aber oft wesentlich stabiler.
Marketing für Tabus
StartingUp: Wie bereits erwähnt: Die Wechseljahre sind oft noch ein Tabu. Wie vermarktest du ein Produkt, wenn die betroffene Zielgruppe die offene Auseinandersetzung oder den Suchbegriff anfangs meidet?
Dr. Saskia Appelhoff: Wir starten häufig nicht mit dem Begriff „Wechseljahre“, sondern mit der konkreten Lebensrealität der Frauen. Viele suchen nicht nach „Perimenopause“, sondern nach Schlafproblemen, Gewichtszunahme, Gelenkschmerzen, Schwindel, Stimmungsschwankungen, Erschöpfung oder Libidoverlust. Manche gehen jahrelang von Facharzt zu Facharzt, ohne dass jemand die Symptome zusammendenkt. Deshalb müssen wir dort ansetzen, wo die Frau gerade steht und nicht dort, wo wir sie gern hätten. Wir benennen das Symptom, schaffen einen Wiedererkennungsmoment und ordnen dann ein, dass Hormone eine mögliche Rolle spielen können. Ohne Panik zu machen, ohne Ferndiagnosen und ohne zu behaupten, es gebe eine Lösung für alle. Wichtig ist auch die Tonalität. Gesundheitsthemen werden häufig entweder sehr klinisch oder sehr problemorientiert kommuniziert. Wir wollen medizinisch fundiert sein, aber trotzdem so sprechen, wie Frauen tatsächlich miteinander sprechen. Dazu gehören Empathie und Ernsthaftigkeit, aber auch Humor. Denn Tabus verschwinden nicht nur durch Fakten. Sie verschwinden auch, wenn Menschen merken, dass sie offen darüber sprechen dürfen.
Die Nischen-Illusion
StartingUp: „Female Founders“-Produkte oder Tabuthemen gelten bei Investor*innen oft als „Nische“. Wie überzeugst du Skeptiker*innen, dass in diesen unterschätzten Märkten hochskalierbare Geschäftsmodelle liegen?
Dr. Saskia Appelhoff: Ich finde es bemerkenswert, wie schnell ein Markt als Nische bezeichnet wird, sobald er vor allem Frauen betrifft. Bei den Wechseljahren sprechen wir nicht über ein seltenes Phänomen, sondern über eine Lebensphase, welche die Hälfte der Bevölkerung betrifft. Jede einzelne Frau geht durch die Wechseljahre. Das Problem ist also nicht, dass der Markt klein ist, sondern dass er lange nicht richtig betrachtet wurde. Unterschätzte Märkte bieten häufig besonders große Chancen, weil die Bedürfnisse real sind, die bestehenden Lösungen aber noch nicht ausreichen. Wenn man es schafft, früh Vertrauen aufbauen und die Zielgruppe wirklich zu verstehen, dann kann man eine sehr starke Position entwickeln. Gleichzeitig reicht gesellschaftliche Relevanz allein natürlich nicht für ein tragfähiges Geschäftsmodell. Auch ein Impact-Unternehmen muss zeigen, welches konkrete Problem es löst, wer dafür bezahlt, wie häufig das Angebot genutzt wird und wie skalierbar die Lösung ist. Diese wirtschaftliche Klarheit ist wichtig, auch gegenüber uns selbst. Die Wechseljahre sind ein großer Markt, Millionen Frauen sind betroffen – und viele ihrer Bedürfnisse werden bis heute nicht gut bedient. Genau darin liegt die Chance: ein relevantes Problem wirklich zu lösen und daraus ein tragfähiges Unternehmen aufzubauen. Dass wir damit gleichzeitig das Leben vieler Frauen verbessern, ist für mich kein netter Nebeneffekt, sondern ein klarer Vorteil.
Das größte Fuck-up
StartingUp: Rückblickend auf die ersten zwei Jahre: Welchen strategischen Fehler hast du gemacht, vor dem du unsere Leser*innen unbedingt bewahren möchtest?
Dr. Saskia Appelhoff: Wir haben zu früh zu viele Dinge gleichzeitig entwickelt. Wenn man nah an einer Community arbeitet, hört man jeden Tag neue Wünsche: ein Kurs zu Schlaf, ein Webinar zu Hormonen, ein Austauschformat, ein Guide, ein Event. Und weil alle diese Bedürfnisse berechtigt sind, ist die Versuchung groß, für jedes einzelne sofort ein Angebot zu bauen. Das bedeutet sehr schnell, viel Komplexität. Ich würde heute früher und konsequenter fragen: Welches eine Problem lösen wir besonders gut? Welches Angebot hat für die Kundin einen klaren, wiederkehrenden Wert? Und was ist unser Fokus für die nächsten 3 bis 6 Monate. Mein Rat wäre deshalb: Baut früh Nähe auf, aber verliert euch nicht in jedem Wunsch. Hört genau hin und entscheidet dann sehr klar, was ihr nicht macht. Fokus ist gerade in einer frühen Phase eine Überlebensstrategie.
StartingUp: Saskia Appelhoff, danke für die spannenden Insights!
Das Interview führte StartingUp-Chefredakteur Hans Luthardt
Bootstrapping auf der Straße: Wie „Pfandpirat“ das 225-Mio.-Euro-Pfandloch digitalisiert
Sammy Zimmermanns, ein IT-Manager aus Dresden verwandelt ungenutztes Leergut im öffentlichen Raum in eine digitale Schatzsuche. Mit seiner Plattform Pfandpirat zeigt er, wie sich mit Gamification, KI-Tools und einem strikten Zero-Budget-Marketing eine aktive Community aufbauen lässt. Doch der Sprung vom Herzensprojekt zum skalierbaren Geschäftsmodell steht noch aus. Eine Einordnung.
Flaschensammeln ist in deutschen Innenstädten ein präsentes Bild. Während es für einige Menschen eine aus der Not geborene Einnahmequelle ist, lassen andere ihr Leergut aus Bequemlichkeit einfach stehen. An dieser Schnittstelle zwischen Verschwendung und Recycling setzt die Plattform Pfandpirat an.
So funktioniert Pfandpirat in der Praxis
Die Plattform läuft als Progressive Web App (PWA) direkt und ohne Installation im Browser. Wer unterwegs auf Leergut stößt, wird Teil einer digitalen Schnitzeljagd:
- Melden & Markieren: Nutzer*innen markieren den Fundort von weggeworfenen Flaschen oder Dosen auf einer GPS-basierten Karte – das funktioniert für schnelle Hinweise inzwischen sogar ohne Account.
- Scannen & Dokumentieren: Wer tiefer einsteigen will, kann Getränkearten genau dokumentieren und Barcodes direkt über die Smartphone-Kamera erfassen.
- Sammeln & Finden: Lokale Push-Benachrichtigungen informieren die Community, sobald neues Pfand in der Nähe gemeldet wurde.
- Aufsteigen & Spielen: Belohnt wird das Engagement durch Gamification-Elemente – vom Maskottchen „Käpt'n Kork“ über einen integrierten Schrittzähler bis hin zu einem XP-Level-System, in dem man vom Matrosen bis zum Admiral aufsteigen kann.
KI als virtueller Co-Founder
Hinter dem Projekt steht der 48-jährige IT-Softwaremanager Sammy Zimmermanns aus Dresden. Die Gründungsgeschichte von Pfandpirat ist ein klassisches Beispiel für ein Problem, das aus dem eigenen Alltag heraus gelöst wurde: Aus gesundheitlichen Gründen begann Zimmermanns, täglich spazieren zu gehen. Dabei fiel ihm das immense Leergut-Aufkommen auf den Straßen auf.
Als Solo-Gründer stand er jedoch vor der klassischen Ressourcen-Hürde, die er durch den pragmatischen Einsatz von generativer KI löste. Ohne großes Startkapital nutzte er KI-Assistenten für Konzept, Programmierung, Design und Pressearbeit. „Die größte Hürde war tatsächlich nicht eine einzelne Funktion, sondern die Summe aus allem“, räumt Zimmermanns ein. Statt ein kleines Team anzuheuern, entwickelte er mithilfe der KI rasend schnell Prototypen und komplexe Features wie das XP-System oder eine Gamification-Logik. Dennoch stellt er klar: „KI hat mir die Arbeit nicht abgenommen. Die Entscheidungen, Tests, Verantwortung und der konkrete Praxisbezug kamen von mir.“ Die KI sei vielmehr ein unabdingbarer Beschleuniger und Sparringspartner gewesen. Entstanden ist so eine leichtgewichtige Progressive Web App (PWA), die komplett auf Hürden klassischer App-Store-Installationen verzichtet und direkt im Browser läuft.
Zero-Budget-Marketing und starke Traction
Das Projekt wird bislang vollständig eigenfinanziert und wächst organisch – die Customer Acquisition Costs (CAC) liegen faktisch bei null Euro. Doch wie überwindet man das klassische Henne-Ei-Problem einer neuen Plattform, wenn die digitale Karte noch komplett leer ist? „Am Anfang habe ich die Karte selbst mit echten Beobachtungen gefüllt“, verrät der Gründer. Er dokumentierte eigene Pfandfunde und leitete daraus erste Spielmechaniken ab. „Dadurch war Pfandpirat nicht nur eine leere Plattform, sondern hatte von Beginn an reale Daten und eine nachvollziehbare Geschichte“, erklärt Zimmermanns den anfänglichen Reiz der App.
Die Einstiegshürden wurden so niedrig wie möglich gehalten, sodass Pfand inzwischen auch ohne Account gemeldet werden kann. Den eigentlichen Durchbruch brachten dann die ersten lokalen Presseberichte. Heute zeigen die Zahlen, wie schnell sich die Mechaniken auszahlen:
- Nutzer*innenbasis: Die Plattform verzeichnet mittlerweile 319 registrierte App-Nutzer*innen.
- Datenvolumen: In der Datenbank befinden sich 13.629 Gesamteinträge an über 11.000 verzeichneten Fundorten.
- Reichweite: Das System wird inzwischen in 80 verschiedenen Städten aktiv genutzt.
- Detailtiefe: Nutzer*innen haben bereits über 2.400 Getränke dokumentiert und Barcodes via Smartphone-Kamera erfasst.
Gebunden wird die Community durch Spieltrieb: Es gibt das Maskottchen „Käpt'n Kork“, ein Level-System, einen Schrittzähler und lokale Push-Benachrichtigungen.
Der Markt: Ein Millionenpotenzial auf der Straße
Laut Umweltbundesamt liegt die Rücklaufquote für Einwegpfand bei starken 98 Prozent. Doch der verbleibende Rest, der sogenannte Pfandschlupf, summiert sich laut Zimmermanns Berechnungen auf einen deutschlandweiten Verlust von rund 225 Millionen Euro im Jahr.
Auf die kritische Nachfrage, wie viel davon durch Pfandpirat tatsächlich wieder messbar im Kreislauf landet, bemüht sich der Gründer um saubere journalistische Distanz zu seinen eigenen Zahlen: „Ich trenne hier sehr bewusst zwischen Potenzial, dokumentierten Funden und nachweisbarer Rückführung.“ Die Millionen-Hochrechnung diene vor allem dazu, das Ausmaß des Problems greifbar zu machen. Um die reine Meldung perspektivisch in belastbare Daten umzuwandeln, testet Pfandpirat aktuell einen „Pfandbon-Check“ in der Beta-Version. Hierüber können Nutzer*innen ihre Rückgaben validieren lassen.
Zudem weitet die Plattform ihren Fokus auf verschenkte Gegenstände am Straßenrand aus. Ist das eine strategische Flucht nach vorn, weil die Pfand-Nische zu eng wird? „Für mich ist das keine Flucht aus einer Nische, sondern eine logische Erweiterung derselben Grundidee“, kontert Zimmermanns. Dinge, die noch einen Wert haben, sollen nicht unsichtbar verschwinden. Pfand bleibe der Kern, aber der Verschenken-Modus öffne die App in Richtung einer breiteren Zero-Waste- und Kreislaufwirtschaft.
Wettbewerb und Positionierung im Markt
Der Markt rund um Flaschenpfand und Stadtreinigung ist keineswegs unbesetzt, aber fragmentiert. Während Initiativen wie Pfandgeben.de private Haushalte direkt an bedürftige Flaschensammler*innen vermitteln und Pfand gehört daneben als breite Sensibilisierungskampagne auftritt, positioniert sich Pfandpirat hybrid: mit einer GPS-basierten PWA für Casual Gamer, umweltbewusste Passant*innen und technikaffine Spaziergänger*innen.
Kritisch hinterfragt: Zielgruppen und Monetarisierung
Aus Investor*innensicht wirft das reine Bootstrapping-Projekt fundamentale Fragen auf, allen voran die fehlende Monetarisierung. Wann also muss die kostenfreie App profitabel werden? Der IT-Manager bremst die Erwartungen an eine schnelle Kommerzialisierung, verweist aber auf erste kleine Erfolge: „Der erste Euro ist im Kleinen aber tatsächlich schon verdient.“ Über Affiliate-Links in der Getränkesuche, etwa zu Rewe oder Lieferando, würden bereits kleine Provisionen fließen. Perspektivisch plant er Coupon-Modelle, gesponserte Challenges und anonymisierte Trendanalysen für Kommunen und den Handel, betont aber: „Monetarisierung darf den sozialen und ökologischen Zweck nicht beschädigen.“
Ein weiteres strukturelles Problem ist die Zielgruppen-Dissonanz: Die App spricht primär Passant*innen an, die aus Spaß mitmachen – Bedürftige hingegen haben oft weder Zeit noch das Datenvolumen oder moderne Hardware für solche Spielereien. Baut Zimmermanns hier eine Lösung an der eigentlich betroffenen Zielgruppe vorbei? Der Gründer verweist zur Einordnung auf die „Pfandstudie Deutschland 2026“, wonach von den über 1,1 Millionen Pfandsammler*innen hierzulande die Mehrheit nicht aus existenzieller Not, sondern zur Einkommensergänzung oder aus Umweltschutzgründen aktiv ist.
Dennoch verschließt er nicht die Augen vor denjenigen, denen der digitale Zugang fehlt. Sein Gegenargument: „Menschen mit Smartphone können Pfand sichtbar machen, auch ohne selbst zu sammeln.“ So entstünden Hinweise, die allen zugutekommen. Zimmermanns wehrt sich gegen falsche Romantik: „Pfandpirat soll keine soziale Realität romantisieren, sondern ein digitales Werkzeug schaffen, das ein unterschätztes Alltagssystem sichtbarer, messbarer und besser nutzbar macht.“
Unser Fazit
Für die Start-up-Szene ist Pfandpirat ein exzellentes Lehrstück. Es zeigt eindrucksvoll, wie sich aus einer einfachen Idee durch Lean-Management, KI-Tools und Zero-Budget-Marketing ein funktionierender Proof of Concept über Dutzende Städte hinweg ausrollen lässt. Doch die Transformation von einer sympathischen Community-Idee hin zum skalierbaren Geschäftsmodell erfordert zwingend eine ausgereifte Monetarisierungsstrategie.
Wo also steht das Projekt in drei Jahren? Sucht Sammy Zimmermanns aktiv nach Investor*innen? „In drei Jahren möchte ich, dass Pfandpirat nicht mehr nur als Dresdner App wahrgenommen wird, sondern als kleine digitale Infrastruktur für Pfand, Stadtraum und Kreislaufwirtschaft“, wünscht sich der Gründer. Er sei durchaus offen für Business Angels oder Partner*innen – vorausgesetzt, sie bringen einen echten Zugang zum Thema öffentlicher Raum mit. Und noch etwas ist ihm wichtig: Partner*innen müssten die Mission verstehen, „und nicht nur schnelles Wachstum sehen“.
Wie ScanlyAI den Markt für Produkt-Listings aufs nächste Level heben will
Das 2021 von Alexander Khramtsov gegründete SFP-IT verspricht mit seiner neuen Lösung „ScanlyAI“ das Ende manueller Produktdatenerfassung. Ein Foto soll genügen, um verkaufsfertige Inserate für eBay, Kleinanzeigen und Co. zu generieren. Doch wie tief ist der technologische Burggraben wirklich, wenn die großen Marktplätze längst eigene KI-Lösungen ausrollen?
Wer im E-Commerce wachsen will, scheitert oft an der profansten aller Aufgaben: der Dateneingabe. Jeder Artikel muss fotografiert, vermessen, beschrieben und bepreist werden – ein enormer Flaschenhals, insbesondere für Händler*innen von Retouren, Restposten oder gebrauchten Ersatzteilen. Genau hier setzt ScanlyAI an, ein neues Produkt der 2021 gegründeten SFP-IT aus dem bayerischen Neusäß.
Die Versprechung klingt nach dem feuchten Traum jedes/jeder Online-Händler*in: Ein Foto via Smartphone-App oder Browser hochladen, und eine KI extrahiert vollautomatisch Marke, Modell, Zustand und technische Eigenschaften. Sogar Barcodes und Etiketten sollen ausgelesen werden, um am Ende einen suchmaschinenoptimierten Titel, eine Beschreibung und einen marktgerechten Preisvorschlag auszuspucken. Die Zeit pro Inserat soll so auf unter eine Minute sinken.
Auf die Frage nach der tatsächlichen Trefferquote im harten E-Commerce-Alltag warnt Gründer Alexander Khramtsov jedoch vor allzu pauschalen Versprechungen. „Eine pauschale Trefferquote wäre unseriös, weil sie stark vom jeweiligen Produkt abhängt“, räumt er ein. Während sich Artikel mit intakten Typenschildern oder Barcodes leicht scannen ließen, erfordere stark beschädigte oder unvollständige Ware mehr Finesse. Deshalb verlasse sich ScanlyAI nicht auf ein einziges Modell, sondern kombiniere Bilderkennung gezielt mit OCR und weiteren Datenquellen. Die KI solle den/die Händler*in ohnehin nicht komplett ersetzen, sondern ihm lediglich den lästigsten Teil der Arbeit abnehmen. Ab wann sich die Software rechnet? „Finanziell lohnt sich ScanlyAI aus meiner Sicht bereits für Händler, die regelmäßig Produkte einstellen“, betont Khramtsov. Wer monatlich hunderte oder gar tausende Artikel verarbeite, spare nicht nur viele Stunden, sondern könne die neu gewonnene Zeit direkt in den Einkauf oder den Kund*innenservice stecken.
Aus der Werkstatt in den Browser
Die Entstehungsgeschichte von ScanlyAI unterscheidet sich vom klassischen Garagen-Start-up-Narrativ. Hinter dem Tool steht die SFP-IT unter der Leitung von Geschäftsführer Alexander Khramtsov. Das Unternehmen – ursprünglich unter dem Namen „new direction systems GmbH“ gestartet – agiert heute als etabliertes Systemhaus, das sich auf Cloud-Plattformen, Digital-Twin-Lösungen und industrielle Automatisierung versteht.
Dieser Hintergrund erklärt den eigentlichen Nukleus von ScanlyAI: Die Software hat ihre Wurzeln in der Identifikation von Kfz-Ersatzteilen. Wer jemals versucht hat, eine gebrauchte Lichtmaschine ohne lesbare Teilenummer korrekt zuzuordnen, kennt das Problem.
Der Ursprung liege tatsächlich in diesem hochkomplexen Bereich, bestätigt der Geschäftsführer. „Dort haben wir ein sehr schwieriges Problem gelöst: Produkte anhand von Fotos und wenigen vorhandenen Informationen möglichst zuverlässig zu identifizieren“, blickt er zurück. Irgendwann sei dem Team klargeworden, dass dieses Identifikations-Nadelöhr genauso bei Retouren oder Restposten existiert. Dass aus einer hochspezialisierten Nischenlösung nun ein breites E-Commerce-Tool für den Massenmarkt pivotierte, ist ein klassischer und kluger Start-up-Move. Die Technologie hatte ihren Proof of Concept im extrem schwierigen Daten-Markt bestanden und wurde nun skaliert. Bemerkenswert dabei ist die völlige Unabhängigkeit von Investoren. „Die Entwicklung wurde komplett aus unserem eigenen Unternehmen finanziert“, erklärt Khramtsov stolz. Man habe bewusst auf externes Kapital verzichtet, um sich die Freiheit zu bewahren, das Produkt „konsequent an den Bedürfnissen unserer Kunden weiterzuentwickeln.“
Wer zahlt für etwas, das eBay auch kann?
Das Geschäftsmodell von ScanlyAI zielt klar auf professionelle Power-Seller*innen und KMU im B2B-Bereich ab. Während private Gelegenheitsverkäufer*innen wohl kaum für ein solches Tool zahlen würden, ist der ROI für gewerbliche Händler*innen durch die immense Zeitersparnis sofort greifbar. Die Funktionen – wie der Massenupload für große Warenbestände und der zentrale Listing-Editor – deuten auf ein klassisches SaaS-Modell hin. SFP-IT setzt hier erfreulicherweise auf ein rein kontingentbasiertes Credit-System (Pay-per-Listing) ohne klassische Abo-Falle.
Doch hier muss sich das Modell kritischen Fragen stellen. Der Markt wächst rasant und die Plattformen selbst, wie etwa eBay, haben längst eigene „Magical Listing“-KI-Tools gebührenfrei in ihre Apps integriert, die ebenfalls aus Fotos Beschreibungen generieren. Direkte Wettbewerber*innen wie Photoroom fischen im selben Teich.
Warum also für ScanlyAI zahlen? „Die KI-Funktionen der Marktplätze sind eine sinnvolle Unterstützung, lösen aber immer nur einen kleinen Teil des gesamten Prozesses“, kontert Khramtsov das drohende Plattform-Risiko. ScanlyAI verstehe sich nicht als Konkurrenz zu eBay und Co., sondern als zentrale, vorgelagerte Plattform. Es gehe darum, Barcodes auszulesen, strukturierte Produktdaten zu generieren und bei Pflichtangaben zu assistieren – völlig unabhängig vom späteren Verkaufskanal. Wer eBays KI nutzt, dessen Daten bleiben bei eBay. Bei ScanlyAI ließen sich die generierten Datensätze hingegen auch ins eigene ERP-System exportieren. „Viele Reseller verkaufen gleichzeitig über mehrere Kanäle. Genau dort spielt ScanlyAI seine Stärken aus, weil die Produktdaten nur einmal erstellt werden müssen“, argumentiert der Gründer.
Wo liegen die Hürden?
Für StartingUp lassen sich beim Blick unter die Haube von ScanlyAI drei zentrale Herausforderungen identifizieren:
- Das Halluzinations-Risiko: KI-Modelle neigen dazu, Lücken kreativ zu füllen. Dichtet die KI bei einem Laptop auf dem Foto fälschlicherweise 16 GB statt 8 GB RAM in die Beschreibung, haftet am Ende der/die Händler*in für den Sachmangel. Beim sensiblen Thema Haftung gibt sich der Gründer ernst, wehrt eine direkte Mithaftung für KI-Aussetzer aber wenig überraschend ab. „Am Ende bleibt die Verantwortung für ein Inserat selbstverständlich beim Verkäufer“, stellt er klar. Dennoch setze man alles daran, Fehler technisch zu minimieren. „ScanlyAI ist bewusst nicht so aufgebaut, dass eine KI einfach irgendeinen Text erzeugt“, versichert Khramtsov. Das System validiere verschiedene Datenquellen gegenseitig; unsichere Angaben würden gar nicht erst übernommen oder zur manuellen Kontrolle markiert. Sein Credo: „Unser Ziel ist deshalb nicht, Vermutungen zu treffen, sondern möglichst belastbare Informationen bereitzustellen.“
- Der technologische Burggraben: SFP-IT spricht von einem proprietären KI-System. In einer Zeit, in der multimodale KI-Modelle wie GPT-4o extrem günstige Bild-zu-Text-APIs bieten, stellt sich die Frage nach der Einzigartigkeit der Basis-Technologie. Nutzt SFP-IT am Ende doch nur fertige Large-Vision-Modelle? Darauf angesprochen gibt sich Khramtsov erfrischend pragmatisch: „Ich glaube, heute entwickelt kaum noch jemand jedes KI-Modell komplett selbst und das muss man auch nicht“, räumt er offen ein. Das Unternehmen verfolge einen technologieoffenen Ansatz und nutze APIs dort, wo es sinnvoll sei, gepaart mit eigenen KI-Modellen für spezielle Verfahren wie OCR, Barcode-Erkennung und Datensynthese. Der wahre Wert liege in der jahrelangen Vorarbeit. „Der eigentliche Mehrwert von ScanlyAI liegt daher nicht in einem einzelnen KI-Modell, sondern in der gesamten Plattform“, so der Gründer. Diese Orchestrierung von KI und eigener Logik lasse sich „nicht durch den Austausch eines einzelnen KI-Modells ersetzen.“
- Abhängigkeit von Schnittstellen: Die direkte Veröffentlichung auf Plattformen wie Kleinanzeigen.de ist ein Segen für Nutzer*innen, aber ein ständiger Kampf für Entwickler*innen. Die APIs dieser Marktplätze sind oft restriktiv, und Änderungen können Drittanbieter*innen -Tools jederzeit ausbremsen.
Unser Fazit
Mit ScanlyAI bringt SFP-IT ein Tool auf den Markt, das ein echtes, schmerzhaftes Problem im E-Commerce löst. Dass die Köpfe dahinter aus der komplexen Ersatzteil-Logistik kommen und bereits Erfahrung mit industrieller Software haben, verleiht dem Produkt eine hohe Glaubwürdigkeit und unterscheidet es von reinen KI-Hype-Start-ups.
Der Erfolg von ScanlyAI wird letztlich nicht davon abhängen, ob es ein einzelnes Foto etwas besser analysiert als die eBay-App. Der entscheidende Hebel ist die tiefe B2B-Integration. Gelingt es ScanlyAI jedoch, sich über APIs nahtlos in die bestehenden Warenwirtschaftssysteme der Händler*innen einzuklinken und dort fehlerfreie, strukturierte Stammdaten anzuliefern, hat das Tool das Potenzial, zu einem wertvollen Standardwerkzeug für den Mittelstand zu reifen. Bleibt es hingegen „nur“ ein weiteres Web-Dashboard, dürfte der Gegenwind der Tech-Giganten schnell spürbar werden.
Genau diese tiefe System-Integration hat Alexander Khramtsov als nächsten großen Meilenstein im Visier. „In den nächsten zwölf Monaten möchten wir weitere Marktplätze und Warenwirtschaftssysteme anbinden und die Automatisierung weiter ausbauen“, kündigt er an. Die Vision des Gründers geht dabei weit über einen einfachen Listing-Editor hinaus. „Langfristig sehe ich ScanlyAI nicht nur als Tool zum Erstellen von Inseraten. Ich möchte eine Plattform schaffen, die den gesamten Prozess rund um die Produkterfassung unterstützt“, formuliert Khramtsov sein ambitioniertes Ziel für die kommenden Jahre. Wenn Reseller dadurch jeden Tag wertvolle Zeit für ihr eigentliches Geschäft gewinnen, „dann haben wir unser Ziel erreicht.“
Schluss mit dem Tool-Friedhof: torq.partners-Spin-off Friday/Poppins räumt im HR auf
Jedes Scale-up kennt den Moment: Die magische Schwelle von 50 Mitarbeitenden ist überschritten, die Prozesse knirschen und professionelle HR-Tools müssen her. Doch die Realität sieht oft anders aus: Die teure Software wird lizenziert, aber das Onboarding läuft weiter per E-Mail und die Gehaltsrunde in Excel. Genau in diese Kerbe schlägt nun ein neuer Player mit prominentem Hintergrund: Die torq.partners People GmbH emanzipiert sich von ihrer Muttergesellschaft und tritt ab sofort als eigenständige HR-Beratung unter dem Namen Friday/Poppins auf.
Hinter der Ausgründung steht Managing Partner Florian Klages, der als ehemaliger Leiter Corporate HR der Axel Springer SE reichlich Konzern-Expertise in die Start-up-Welt mitbringt. Mit einem rund 30-köpfigen Team an den Standorten Berlin und Hamburg und Referenzkunden wie Auto1, Emma und Sunday Natural hat sich die Einheit bereits einen Namen gemacht.
Das Versprechen des neuen Markenauftritts: Weg von administrativen Altlasten hin zu „Human Relevance“. Das Team konzentriert sich auf die Schnittstelle von Technologie und operativer Umsetzung – konkret auf HR Operations, die Auswahl und Implementierung von Software sowie Interim-Management, um personelle Engpässe bei schnell wachsenden Unternehmen (50 bis 1.000 Mitarbeitende) zu überbrücken.
Ein unübersichtlicher Tech-Dschungel trifft auf Konsolidierungsdruck
Dass der Bedarf für solche Übersetzer zwischen Software-Anbietern und HR-Abteilungen riesig ist, zeigt ein Blick auf die Marktdaten. Der DACH-Markt für HR-Tech boomt, wird aber zunehmend unübersichtlich: Im ersten Quartal 2025 buhlten bereits über 535 Anbieter um die Budgets der Personalabteilungen.
Da inzwischen rund 67 Prozent der KMU und Scale-ups auf HR-Automatisierung setzen, wächst der Druck auf Gründer, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig zwingt das aktuelle Marktklima zu massiver Investitionssicherheit. Das VC-Funding für deutsche HR-Tech-Start-ups sank 2024 um fast ein Viertel auf unter 100 Millionen US-Dollar, was aktuell zu einer spürbaren Marktkonsolidierung durch Übernahmen führt. Wenn Tools heute gekauft und morgen von einem größeren Konzern geschluckt werden, ist der Beratungsbedarf für eine zukunftssichere, modulare Cloud-Infrastruktur extrem hoch.
Drei Hürden für das neue Spin-off
Der operative Hands-on-Ansatz von Friday/Poppins adressiert ein echtes Problem vieler Gründungs-Teams. Schließlich verfehlt laut SHRM-Daten jede vierte Software-Implementierung im HR die Erwartungen, weil das Setup im Alltag scheitert. Dennoch muss das Unternehmen auf seinem weiteren Wachstumskurs drei wesentliche Hürden nehmen:
- Das Budget-Dilemma: Scale-ups stöhnen nicht nur über die immensen SaaS-Lizenzkosten großer HR-Plattformen. Ob sie – gerade im restriktiven Finanzierungsumfeld – zusätzlich noch signifikante Budgets für externe Beratung und Implementierung freimachen können, bleibt eine strategische Herausforderung. Der Mehrwert (ROI) muss von Friday/Poppins extrem schnell und messbar geliefert werden.
- Die Unabhängigkeits-Frage: Das Unternehmen bezeichnet sich explizit als „herstellerunabhängig“. Gleichzeitig rühmt man sich in der Ausgründungs-Meldung mit der Auszeichnung als HiBob EMEA Partner des Jahres 2025. Für Neukunden wird es entscheidend sein, dass die Beratung im Tool-Auswahlprozess tatsächlich agnostisch bleibt und nicht aus Gewohnheit die immer gleichen, vertrauten Partnersysteme ins Spiel bringt.
- Die KI- und Compliance-Falle: Friday/Poppins verspricht als Kernziel, den Einsatz von Künstlicher Intelligenz im People-Bereich voranzutreiben. Das ist in der aktuellen Marktphase ein ambitioniertes Versprechen. Mit dem stufenweisen Greifen der strengen Auflagen des europäischen AI Acts gelten viele KI-Anwendungen im HR (etwa beim automatisierten Recruiting oder Performance-Tracking) als Hochrisikosysteme. Eine Beratung muss hier künftig nicht nur für Effizienz, sondern vor allem für absolute Compliance sorgen – ein massiver Drucktest für das junge Spin-off.
Ausblick: Ein „Freitagnachmittag“ für das HR-Team?
Trotz dieser marktüblichen Hürden sind die Startvoraussetzungen exzellent. Die Historie und Ausgründung aus torq.partners – die sich in der Szene vor allem als strategischer Finance-Partner für Start-ups einen sehr guten Ruf erarbeitet haben – liefert einen wertvollen Vertrauensvorschuss.
Schaffen es Friday/Poppins, die komplexe Tool-Landschaft für wachsende Unternehmen so zu orchestrieren, dass sie rechtssicher, modular und automatisiert läuft, könnte die Neugründung zu einem wichtigen Enabler werden. Das erklärte Ziel von Florian Klages, das „befreiende Gefühl eines Freitagnachmittags“ in die Personalabteilungen zurückzubringen, ist zumindest schon einmal ein starkes Narrativ für eine oft von Administrations-Chaos geplagte Berufsgruppe.
Schluss mit dem teuren KI-Hype: Step-by-Step zum profitablen KI-Einsatz im Start-up
Der Hype um KI kennt scheinbar keine Grenzen. Jedes neue Tool verspricht, die Produktivität zu verdoppeln und die Konkurrenz im Staub zurückzulassen. Doch Hand aufs Herz: Wie viel von diesem Hype schlägt sich am Ende tatsächlich in euren KPIs oder auf dem Bankkonto nieder?
Die Realität sieht ernüchternd aus. Laut einer aktuellen YouGov-Umfrage vom Mai 2026 berichten gerade einmal 17 Prozent der befragten Unternehmensentscheider von messbaren Umsatz- oder Gewinneffekten durch KI in ihrem Unternehmen. Für die repräsentative Umfrage hatte die KI-Beratung Neurawork 541 Entscheider*innen befragen lassen.
Für Start-ups ist diese Zahl ein Warnsignal. Während etablierte Konzerne es sich leisten können, Millionen in „Leuchtturmprojekte“ ohne Return on Investment zu versenken, ist eure Runway dafür schlicht zu kurz. Jeder Euro und jede Arbeitsstunde müssen sitzen. Wie also verwandelt man das Buzzword KI in echten geschäftlichen Nutzen?
Der Schlüssel liegt nicht in der Technologie selbst, sondern in der strategischen Herangehensweise. Christoph Knöll, Mitgründer von Neurawork, bringt es auf den Punkt: „Die entscheidende Frage lautet nicht, wo Unternehmen KI einsetzen können, sondern wo sie Engpässe beseitigt, Probleme löst und neue wirtschaftliche Potenziale erschließt.“
In sieben Schritten zum profitablen KI-Einsatz im Start-up
Ein strukturierter KI-Workshop kann hier Abhilfe schaffen. Basierend auf den Beobachtungen aus der Praxis zeigt sich ein 7-Schritte-Fahrplan, mit dem aus netten Spielereien handfeste Business-Cases werden.
Schritt 1: Startet mit dem Business-Ziel – nicht mit dem Tool
Lasst euch nicht von der neuesten API-Ankündigung ablenken. Der größte Fehler ist es, eine Technologie zu nehmen und krampfhaft nach einem Problem zu suchen. Fragt euch stattdessen zuerst: Was ist unser aktueller Flaschenhals? Wollen wir Zielgruppen erschließen, Margen optimieren oder Services verbessern? Erst wenn das Ziel glasklar ist, wird geprüft, ob KI als Hebel dienen kann.
Schritt 2: Holt die richtigen Leute an den Tisch – besonders Berufseinsteiger*innen
Ein strategischer KI-Workshop gehört nicht isoliert in die Chefetage. Ihr braucht ein diverses Team aus Vertrieb, Marketing, Kund*innenservice und Produktentwicklung, denn dort kennt man die echten Schmerzpunkte der Kund*innen. Der Start-up-Hack: Bezieht unbedingt eure Praktikant*innen und Berufseinsteiger*innen mit ein. Diese nutzen KI oft völlig intuitiv im Alltag und bringen unvoreingenommene Perspektiven ein.
Schritt 3: Geht radikal von den Problemen eurer Kunden aus
Erfolgreiche Start-ups lösen echte Probleme. Analysiert im Workshop: Wo verlieren eure Kund*innen unnötig Zeit oder Geld? An welchen Stellen fallen ihnen Entscheidungen schwer? Fokussiert euch auf die Probleme, die so dringend sind, dass Kund*innen für deren Lösung auch tatsächlich bezahlen würden.
Schritt 4: Entwickelt aus Lösungen neue Geschäftsmodelle
Wenn ihr ein echtes Problem identifiziert habt, denkt groß: KI ermöglicht völlig neue Monetarisierungsstrategien. Nun gilt es im Workshop, aus der reinen Problemlösung ein tragfähiges geschäftliches Konzept zu entwickeln. Arbeitet dafür die folgenden To-dos durch:
- Zusatzleistungen definieren: Prüft gemeinsam, ob sich aus der KI-Lösung direkt neue, eigenständige Services oder digitale Zusatzleistungen für eure bestehenden Kund*innen schnüren lassen.
- Wiederkehrende Umsätze generieren: Überlegt, ob sich ein klassisches Einmal-Kauf-Modell durch KI-gestützte Abonnements ersetzen oder strategisch ergänzen lässt.
- Pricing neu denken: Diskutiert erfolgsabhängige Vergütungsmodelle. Wenn eure KI dem Kund*innen beispielsweise Zeit oder Geld spart, könntet ihr euer Pricing genau an diesen messbaren Mehrwert koppeln.
Schritt 5: Bewertet Umsatz, Gewinn und Kund*innennutzen getrennt
Nicht jede KI-Idee muss direkt den Umsatz ankurbeln. Manchmal liegt der größte Hebel in der reinen Kostensenkung, einer verbesserten Servicequalität oder einer stärkeren Kund*innenbindung. Bewertet eure gesammelten Ideen daher differenziert nach Kund*innennutzen, Umsatzpotenzial, Margeneffekt, Entwicklungsaufwand und laufenden Kosten. Nutzt dafür folgende To-dos im Workshop:
- Den strengen Kosten-Nutzen-Check durchführen: Stellt bei jeder Idee das direkte Umsatzpotenzial und den erwarteten Margeneffekt schonungslos den Kosten gegenüber. Bewertet dabei sowohl den einmaligen Entwicklungsaufwand als auch die laufenden Betriebskosten (wie Serverkapazitäten oder externe API-Gebühren).
- Interne Effizienzhebel definieren: Sucht gezielt nach zeitfressenden, repetitiven Routineaufgaben in eurem Start-up (z. B. im Support oder in der Datenpflege). Analysiert, wo Automatisierung durch KI intern massive Zeitgewinne bringt, die indirekt eure Profitabilität steigern.
- Qualität statt nur Quantität bewerten: Prüft, welche Ideen vielleicht nicht am ersten Tag mehr Geld einbringen, aber die Qualität eures Produkts messbar erhöhen – etwa durch drastisch reduzierte Fehlerquoten oder schnellere Reaktionszeiten. Bewertet diesen Kund*innennutzen als eigenständigen Faktor.
Schritt 6: Macht den ehrlichen Realitätscheck
Im kreativen Rausch eines Workshops entstehen schnell fantastische Ideen. Danach folgt der Realitätscheck. Bevor ihr Code schreibt, müsst ihr klären: Haben wir die nötigen Daten und sind diese rechtlich nutzbar? Sind Datenschutz und regulatorische Anforderungen erfüllt? Gerade für Start-ups können rechtliche Fehler existenzbedrohend sein.
Schritt 7: Geht niemals ohne einen konkreten Fahrplan auseinander
Beendet die Session erst, wenn ihr euch auf wenige priorisierte Anwendungsfälle geeinigt habt. Erstellt für jedes Projekt eine Roadmap mit einem klaren, messbaren Ziel, dem definierten Kund*innennutzen, klaren Verantwortlichkeiten und einem Zeitplan.
Fazit: Erst der messbare Nutzen, dann das Budget
Der Schritt von der Spielerei zum profitablen Business-Tool erfordert Disziplin. Wie Christoph Knöll betont: „Erst wenn ein messbarer wirtschaftlicher Nutzen erkennbar ist, lohnt sich eine größere Investition.“ Ein pragmatischer Workshop ist dafür das ideale Fundament.
