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Geschäftsideen Safety: Das Rettungsluftkissen im Armband
Lebensretter im Miniformat
Jährlich ertrinken laut Weltgesundheitsorganisation weltweit 372.000 Menschen. Das deutsch-amerikanische Gründerteam um Athansasios bietet nun eine Lösung für dieses Problem an: Kingii ist ein Lebensretter im Miniformat, ein Armband mit integriertem Luftkissen, das sich im Notfall in Sekundenschnelle aufbläst.
Namensgeber für Kingii ist eine Kragenechse, die ihre Halskrause bei Gefahr fächerartig aufstellt. Der kleine und praktische Lebensretter Kingii richtet sich an alle Angler, Hobby- und Berufssportler, wassersportbegeisterte Kinder und Erwachsene, die auf dem Meer oder See, im Pool oder Fluss auf Nummer sicher gehen wollen. Aufgrund der geringen Größe behindert Kingii weder beim Schwimmen noch beim Angeln, Segeln oder Surfen.
Kommt es im Wasser zu einer brenzligen Situation, so muss nur ein Hebel betätigt werden, damit sich das Luftkissen mit CO2 füllt. Innerhalb von Sekunden bläst es sich dann auf und sorgt für den benötigten Auftrieb. Danach kann man sich am Ballon festhalten und sich in Sicherheit bringen oder mit der am Produkt angebrachten Pfeife Hilfe herbeirufen. Im Notfall hält sich die Luft für mehr als 40 Stunden im Kissen und hat zudem einen integrierten Kompass.
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Joe Gebbia und die Airbnb-Story
Wie der Designer Joe Gebbia mit seinen beiden Co-Gründern Airbnb aus dem Nichts und mit Nichts aufbaute – und damit die Sharing Economy begründete. Eine unglaubliche Gründerstory – und eine Top-Lektion für jeden Entrepreneur.
Du musst die Welt mit den Augen von Kindern sehen. Nach dem Motto: Alles ist möglich.“ Gleich zu Anfang ist das einer der besten Tipps von Joe für alle angehenden Entrepreneure. Inspiriert dazu haben ihn die Ansichten des Möbeldesigner-Ehepaars Charles und Ray Eames. Ihnen verdankt Joe die Einsicht, dass eine weltverändernde Vision eine tiefe Einfachheit voraussetzt.
„Wie schaffe ich es, meinen Nutzern einen mühelosen, intuitiv verständlichen Service auf allen Plattformen – Mobil, Tablet und Computer – anzubieten?“ Diese scheinbar simple Frage bewegt Joe seit Jahren. Sie bewegt ihn morgens unter der Dusche, abends vor dem Einschlafen. Und sie ist der rote Faden für alles, was dazwischen geschieht – während des Arbeitstages von Joe. Kurz: Diese Frage bestimmt sein Leben.
Wer ist Joe? – Beginnen wir mit den einfachen Fakten: Chief Product Officer bei Airbnb lautet sein offizieller Job-Titel. Joe Gebbia ist 34 Jahre alt und einer der drei Gründer von Airbnb, dem weltweit größten Community-Marktplatz zur Buchung und Vermietung von Unterkünften – vom Matratzenlager aufwärts bis zur Luxusvilla. Laut aktueller Forbes-Liste steht Joe Gebbia an Platz 7 der reichsten Unternehmer Amerikas unter 40 Jahren. Sein privates Vermögen wird auf 3,3 Milliarden Dollar geschätzt.
Welche Ausbildung würde man vermuten bei einem Entrepreneur, der nur wenige Plätze hinter Marc Zuckerberg liegt? Bestimmt irgendwas mit Business Administration, bestimmt auch ein Gewächs von Harvard oder Stanford? – Falsch geraten. Joe hat an der Rhode Island School of Design (RISD) Grafik- und Industriedesign studiert, brotlose Kunst, wie viele sagen würden. Übrigens genauso wie sein Co-Gründer Brian Chesky. Die beiden haben sich auf der RISD kennengelernt, und bevor sie Airbnb gründeten, arbeitete Joe als Grafiker beim Buchverlag Chronicle Books – auch das klingt nicht gerade nach globalem Big Business.
Die Suche nach der perfekten User Experience
Wenn Joe gefragt wird, wie man eine perfekte User Experience entwickelt, kommt er auf seine Vorbilder zu sprechen: „Charles und Ray Eames haben mich immer bei diesem Prozess angeleitet. Ihr Hauptanliegen bestand darin, möglichst vielen Menschen das beste Design zu einem möglichst günstigen Preis zugänglich zu machen. Das war es, was mich bei meiner Vision von Airbnb inspiriert hat, ebenso wie ihre außergewöhnliche Handwerkskunst und ihre Hinwendung auch für die scheinbar unbedeutendsten Details.“ Begeistert hat ihn auch die Fähigkeit des Ehepaar Eames, ein Leben lang zu lernen, zu forschen und zu experimentieren. Den hochgradig iterativen Prozess der beiden beim Umgang mit verschiedensten Materialien wie Schichtholz und Fiberglas hat sich Joe als Vorbild genommen, vor allem wenn es darum geht, neue Produkte für Airbnb zu entwickeln.
Ein Beispiel nennt Joe im Interview mit dem Inc. Magazine (8-2015): „Als wir verstanden, dass unsere Gastgeber nicht nur ihre vier Wände anbieten konnten, sondern Koch- oder Internetkurse oder geführte Wandertouren oder Städteführungen, dachten wir lange darüber nach, wie man derartige Services leichter entdecken und buchen kann. Dazu unterhielten wir uns mit vielen unserer Gastgeber in San Francisco. Das Ergebnis war dann ein Experience Marketplace auf der Airbnb-Plattform. Das Angebot hier ist zwar noch klein, aber ein wichtiger Versuch.“
Und auch das gilt dem großen Ziel einer perfekten User Experience, die sich nach der Meinung von Joe in einfachster Bedienung für den Anwender ausdrückt. Er schwärmt: „Ich fühle mich fantastisch, wenn ich erlebe, dass meine Mutter Airbnb ohne uns technikaffine Kinder benutzen kann.“ Zukunft zu schaffen heißt für ihn, eine globale Vision zu haben und sich extrem darauf zu fokussieren, das neu Geschaffene für alle leicht zugänglich zu machen.
Design bedeutet für Joe nicht, coole, schicke oder hippe Gadgets zu erfinden, vielmehr versteht er unter Design das entscheidende Werkzeug dazu, globale Visionen für ein weltweites Publikum erreichbar zu machen. Unter seiner Ägide gilt Airbnb heute als Wegbereiter der neuen Disziplin „Serviceorientiertes Design“, das die Qualität aller Handlungen zwischen einem Anbieter und seinen Kunden nachhaltig verbessert. Im Fall von Airbnb geht es darum, die User Experience vom ersten Online-Kontakt bis zum Schluss, dem physischen Aufenthalt z.B. in einer Airbnb-Wohnung, zu optimieren.
Dies ist ein Auszug aus einem aktuellen Artikel unseres Print-Objekts StartingUp:
Den vollständigen Artikel lesen Sie in der aktuellen StartingUp - Heft 01/16 - ab dem 18. Februar 2016 im Handel oder jederzeit online bestellbar - auch als epaper - in unserem Bestellservice-Bereich
Es kann nur einen geben!
Er ist ein bekennender „Einzeltäter“, und das mit sehr großem Erfolg: Lars Hinrichs hat bereits mehrere Unternehmen gegründet. Mit Firma Nummer drei, dem sozialen Netzwerk XING, wurde er zum reichen Internet-Star. Für den Entrepreneur aus Leidenschaft sind dies nur angenehme Nebeneffekte.
Was als erstes auffällt, wenn man mit ihm spricht: Dass er langsam redet, manchmal längere Pausen zwischen den Sätzen macht, dass er die Worte sorgfältig wählt, erst einmal überlegt, bevor er etwas sagt. Warum man das so nicht erwartet hat? Weil Lars Hinrichs als Internet-Unternehmer in einer schnellen Branche zu Hause ist und bereits mehrere Unternehmen gegründet hat. Wer in so kurzer Zeit ein solches Pensum bewältigt, der muss doch rasant durchs Leben gehen.
Falsch gedacht. Lars Hinrichs rennt nicht, zumindest rennt er nicht mehr. „Ich lerne gerade mit einer völlig neuen Eigenschaft fertig zu werden“, sagt er, „mit dem Faktor Zeit.“ Die braucht er in seiner neuen Funktion als Venture-Capital-Geber und Chef seines aktuellen Unternehmens HackFwd, mit dem er im Sommer 2010 an den Start gegangen ist. HackFwd unterstützt Computerfreaks, in der Szene nennt man sie Geeks, mit Geld und Know-how dabei, aus einer guten Idee ein tragfähiges Unternehmen zu machen. Das klappt aber nicht über Nacht und manchmal klappt es gar nicht. Nur „wenn es gut läuft, bekommt man als Geldgeber etwas zurück“, sagt Hinrichs. Rund ein Dutzend Firmen hat der Hamburger bislang finanziert, „ein paar liegen über den Erwartungen, sind sehr erfolgreich, ein paar haben es nicht geschafft“, sagt Hinrichs. Verkauft hat er noch keine der Firmen. Zurückgekommen ist also noch nichts.
Geld ist nichts für die Bank
Lars Hinrichs kann sich Geduld leisten. Er kann es sich leisten, eine Zeit lang der Geldgeber zu sein. Hinrichs ist schließlich kein armer Mann. Als er 2009 das Internetportal XING an die Burda Digital GmbH, eine Tochter der Burda Media, verkaufte, sind 48 Millionen Euro auf sein Konto geflossen. „Wohin soll ich denn mit dem Geld?“, fragt Hinrichs. „Auf die Bank etwa?“ Lieber steckt er sein Kapital in Computer-Nerds. Für ihn ist das die beste Investition in die Zukunft. Um das, was man mit Geld machen kann, geht es Hinrichs, nicht darum, Geld zu verdienen. Das sei nur ein angenehmer Nebeneffekt, sagt der Vater zweier Söhne. Wer etwas nur des Geldes wegen mache, sei von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Hinrichs packt die Dinge aus Leidenschaft an. „Man sollte etwas machen, was einem wirklich liegt“, sagt er.
PropTech-Evolution statt digitaler Aktenordner: Kann Immoly die Immobilienverwaltung automatisieren?
Mit dem Berliner Start-up Immoly drängt ein neuer Player auf den fragmentierten Markt der Hausverwaltungen. Das Versprechen: Proaktives Management durch „Agentic AI“ statt bloßer Software. Mit Europas größtem Wohnungskonzern Vonovia und der Founders Factory im Rücken ist das Setup stark – doch das junge Unternehmen trifft auf einen Markt, der aktuell aus unterschiedlichsten strategischen Richtungen aufgerollt wird.
Die Digitalisierung der Immobilienwirtschaft schreitet voran, doch oft kratzen bestehende Software-Lösungen nur an der Oberfläche. Das 2026 gegründete Berliner Start-up Immoly will das ändern und setzt dabei auf Automatisierung durch künstliche Intelligenz. Das Ziel: Eine Plattform, die nicht nur Daten verwaltet, sondern als digitaler Assistent aktiv Verwaltungsaufgaben für private und semi-institutionelle Vermieter*innen übernimmt. Prominente Schützenhilfe erhält das junge PropTech von Vonovia, Europas führendem Wohnimmobilienunternehmen, das die Gründung über sein Venture Studio gemeinsam mit der Founders Factory begleitet hat.
Die Köpfe hinter Immoly und die Gründungsstory
An der Spitze von Immoly steht Gründer und Geschäftsführer Florian Tonner. Tonner ist in der Tech- und Immobilien-Szene kein Unbekannter: Neben Stationen bei Zalando und dem ClimateTech Flowcarbon sammelte er maßgebliche Branchenerfahrung durch die DHV Digitalhausverwaltung. Laut übereinstimmenden Medienberichten hat Tonner selbst eine Hausverwaltung aufgebaut und erfolgreich verkauft. Diese tiefe „Hands-on“-Erfahrung ist entscheidend: Er kennt die Schmerzpunkte der Vermieter*innen aus erster Hand. Komplettiert wird das Gründerteam durch Mitgründer (wie etwa Ahmed Talbi), die das technische Fundament der Plattform mitverantworten.
Dass Vonovia als starker Partner aus der Immobilienwirtschaft das Start-up unterstützt, verleiht Immoly einen enormen Vertrauensvorschuss. Christian Glock, Teamleiter Venture bei Vonovia, sieht hierin enormes Potenzial: „Künstliche Intelligenz eröffnet neue Möglichkeiten für die Immobilienwirtschaft“, erklärt er. Man unterstütze mit dem Venture Studio gezielt Gründer*innen bei der Entwicklung innovativer Technologien, wobei Immoly für ihn ein Paradebeispiel dafür sei, „wie digitale Lösungen Verwaltungsprozesse für private Vermieter und Verwalter vereinfachen können“. Bemerkenswert: Die Immoly-Lösung wird nicht in die operativen IT-Systeme von Vonovia selbst integriert. Vonovia agiert hier als reiner Enabler und Investor für den externen Markt, während Immoly sich strategisch an kleinere Hausverwaltungen und private Eigentümer richtet.
„Agentic AI“ statt passivem SaaS
Der Kern der Immoly-Plattform liegt im Ansatz der „Agentic AI“ – also einer KI, die eigenständig handelt. Während traditionelle Hausverwaltungssoftware oft nur digitale Aktenordner bereitstellt, verspricht Immoly einen lückenlosen „Inbox-to-Process“-Workflow.
Konkret bedeutet das: Die Kommunikation über verschiedene Kanäle wird automatisch zu strukturierten Fällen gebündelt, Fristen werden überwacht, Dokumente vorbereitet und Lieferantenprozesse – etwa bei Reparaturen – in weiten Teilen automatisiert. Über einen Audit Trail (Prüfpfad) und ein System für Benutzer*innenfreigaben behalten die Eigentümer*innen stets die Kontrolle und Entscheidungsgewalt. Das bisherige Paradigma der reinen Software-Assistenz wird damit aufgebrochen. „KI ist auf einem Level angekommen, auf dem proaktives Management möglich ist“, ordnet Florian Tonner die technologische Reife seiner Plattform ein. Dieser stark automatisierte Ansatz sei am Ende deutlich „fehlerärmer und günstiger als viele andere Lösungen“, so der Gründer weiter. Mit diesem Vorstoß zielt die Plattform folgerichtig auf absolute Kostenführerschaft im 360-Grad-Immobilienmanagement ab.
Markt und Wettbewerb: Die vier Archetypen der PropTech-Revolution
Der Markt für Hausverwaltungen in Deutschland (mit fast 26 Millionen Mietwohnungen) ist gigantisch, aber extrem fragmentiert. Um Immolys Wette auf die Zukunft zu verstehen, muss man die strategische Bandbreite betrachten, mit der Start-ups diesen Markt aktuell attackieren:
- Die Ökosystem-Goliaths (SaaS & Breitenmarkt): Plattformen wie Vermietet.de (ImmoScout24-Gruppe) oder objego (unterstützt von ista) haben riesige Nutzer*innenbasen. Sie bieten hochgradig optimierte Werkzeuge für die Nebenkostenabrechnung. Es sind jedoch meist passive Tools – der Mensch muss sie bedienen.
- Die kapitalstarken Konsolidierer („AI Rollup“): Start-ups wie Buena (ehemals Home) verfolgen eine M&A-Strategie. Sie kaufen klassische Hausverwaltungen auf, übernehmen das operative Geschäft und digitalisieren die Prozesse im Hintergrund. Ein extrem kapitalintensiver Ansatz.
- Die Workflow-Spezialisten: Unternehmen wie EverReal fokussieren sich tiefgreifend auf Teilbereiche – etwa die vollständige Automatisierung der Vermietung und des Mieter*innenwechsels.
- Das hybride Self-Service-Modell: Anbieter wie Matera helfen Wohnungseigentümer*innengemeinschaften (WEGs) bei der Selbstverwaltung, indem sie Software mit einem Pool aus menschlichen Expert*innen (Buchhalter*innen, Jurist*innen) im Hintergrund kombinieren, um teure Verwalter*innen zu ersetzen.
Wo steht Immoly? Im Gegensatz zu Buena kauft Immoly keine Immobilien oder Verwaltungen, sondern bleibt ein reines Software-Unternehmen („Asset-Light“). Im Gegensatz zu den Goliaths wie Vermietet.de positioniert sich Immoly jedoch mit seinem „AI-first“-Ansatz: Die Software soll nicht als passives Werkzeug dienen, sondern den menschlichen Einsatz durch Automatisierung aktiv reduzieren.
Burggraben oder KI-Falle?
Für uns stellt sich bei Immoly die klassische Frage nach dem Alleinstellungsmerkmal („Moat“) in diesem dichten Wettbewerbsfeld:
- Das Vertrauensproblem: Immobilienverwaltung ist ein streng reguliertes Geschäft. Fehler kosten Geld und haben rechtliche Konsequenzen. Immoly begegnet diesem Risiko laut eigenen Angaben durch strikte Compliance-Automatisierung sowie den besagten Audit Trail für finale Benutzer*innenfreigaben. Ob die oft konservativen Privatvermieter*innen einer KI dieses Vertrauen schenkt, bleibt abzuwarten.
- Customer Acquisition Costs (CAC): Die Kund*innenakquise ist teuer. Vermietet.de konvertiert Inserent*innen, objego nutzt die ista-Kund*innenbasis, Buena kauft Marktanteile durch Firmenübernahmen. Immoly muss sich diesen organischen Marktzugang erst aufbauen – auch wenn das Gütesiegel und Netzwerk des Investors Vonovia massiv helfen dürfte.
- Das KI-Wettrennen: Die strategische Wette von Immoly lautet: Alteingesessene Wettbewerber*innen können ihre auf menschlichen Workflows basierenden Architekturen nicht schnell genug auf ein radikales „AI-first“-Modell umschwenken.
Unser Fazit
Immoly ist ein Musterbeispiel für die nächste Welle der PropTechs. Es geht nicht mehr um die reine Digitalisierung von Papier, sondern um die Automatisierung tiefer betrieblicher Wertschöpfungsketten. Mit Florian Tonners Branchenkenntnis und der strategischen Rückendeckung von Vonovia und der Founders Factory hat das Start-up herausragende Voraussetzungen. Gelingt es Immoly, die Akquisekosten zu skalieren und das Vertrauen in die KI-Zuverlässigkeit zu etablieren, könnte die Software zu einer ernsthaften Bedrohung für bisherige SaaS-Platzhirsche werden.
Sneaker-Liebe ohne Käsefuß: Wie spiceboys das Tabu Schweißfüße bricht
Ein medizinisches wie soziales Tabuthema trifft auf Streetwear-Kultur: Die Brüder Udo und Jan Schulte wollen mit ihrem neu gegründeten Start-up den verstaubten Markt für Zimt-Einlegesohlen aufmischen. Doch wie viel Lifestyle verträgt ein unsichtbares Verbrauchsprodukt?
Es ist ein alltägliches Problem, das laut Studien bis zu 16 Prozent der Menschen in Deutschland zumindest zeitweise betrifft, über das aber kaum jemand offen spricht: übermäßiges Schwitzen, insbesondere an den Fußsohlen. Die Folgen sind bekannt – im feuchten Milieu des Schuhs vermehren sich Bakterien rasant und verursachen unangenehmen Geruch.
Die Brüder Udo und Jan Schulte gehören nach eigener Aussage selbst zu den Betroffenen. Jahrelang litten die beiden Sneaker-Fans unter dem Problem und testeten unzählige Hausmittel, von Backpulver in den Socken bis hin zu Essigfußbädern. Das ernüchternde Fazit: Diese Life-Hacks funktionierten höchstens kurzfristig, aber nie wirklich zuverlässig.
Der Durchbruch kam schließlich unerwartet. „Angefangen hat es, wie viele Start-up-Geschichten, in der Küche“, erinnert sich Jan. Nach unzähligen gescheiterten Versuchen habe er dort seinem Bruder erzählt, dass er eher zufällig Zimtsohlen getestet habe. „Ehrlich gesagt hat mich das selbst überrascht, ausgerechnet das hat funktioniert“, erzählt der Gründer. Sein Bruder Udo erkannte zwar sofort das Potenzial, war von der Optik der damaligen Produkte aber alles andere als angetan.
„Mein erster Gedanke war: Das Prinzip ist super, aber die sehen fürchterlich aus“, lacht Udo. „So etwas kauft man sich einmal aus Verzweiflung und schämt sich dann, wenn es jemand sieht.“ Die mangelhafte Verarbeitung gab den Rest. Aus der spontanen Küchen-Analyse entstand der Entschluss, eine Sohle zu entwickeln, die nicht nur ansprechender aussieht, sondern sich auch beim Tragen deutlich besser anfühlt.
Trotz der aufkommenden Euphorie bewahrten die Brüder jedoch einen kühlen Kopf. Beide behielten ihre festen Jobs – Udo in der Medienbranche, Jan im sozialen Bereich – und bauten das Projekt behutsam an den Wochenenden auf. „Wir haben uns bewusst viel Zeit gelassen“, betont Udo. Nach der formellen Gründung im April 2024 tüftelten sie lange an Material, Herstellerwahl und Markenkommunikation, bevor es Anfang 2026 in die heiße Phase ging. Jan ergänzt: „Finanziert haben wir das komplett selbst, aus unseren eigenen Mitteln, im niedrigen fünfstelligen Bereich. Kein Investor, kein Kredit, keine Förderung.“ Dieser Weg kostete sie zwar zwei Jahre Entwicklungszeit, gab ihnen aber die nötige Freiheit, Prototypen ohne äußeren Druck wieder zu verwerfen.
Die Inspiration aus Vietnam
Der Blick nach Asien lieferte das Kernprodukt: In Vietnam wird Zimt seit Langem traditionell und erfolgreich gegen Fußgeruch eingesetzt. Doch wer denkt, junge Gründer würden mal eben globale Lieferketten aufbauen, den holt Jan auf den Boden der Tatsachen zurück. Er räumt unumwunden ein, dass sie Anbau und Import einem Produzenten überlassen, der seit über 20 Jahren im Geschäft ist. „Die eigentlichen Hürden lagen eher bei uns selbst: Zoll, Einfuhrbestimmungen, Haltbarkeitsfragen – das volle Programm der unerfahrenen Gründer eben“, blickt er zurück. Bei der mitunter hochkomplexen Fachkommunikation mit dem vietnamesischen Partner setzten sie auf moderne Technik. „Genau da helfen uns KI-Tools heute deutlich mehr als noch vor ein paar Jahren“, erklärt Jan. Eine erste Reise zur Qualitätssicherung vor Ort ist für das kommende Jahr bereits fest eingeplant.
Ihre Antwort auf die hiesige Marktlücke heißt spiceboys. Unter dem Dach der SchuSchu UG aus Jesteburg entwickelten die Brüder eine Einlegesohle, die im Inneren mit reinem, wirkstoffreichem Saigon-Zimt gefüllt ist. Dieser gilt als natürlich antibakteriell und bindet Feuchtigkeit. Ein einfarbiges, atmungsaktives 3D-Mesh auf der Oberseite sorgt für den urbanen Streetwear-Look. Das erklärte Ziel: „Chai-Latte-Vibes statt Käsefuß.“
Der Weg zum finalen Design war jedoch von Überraschungen geprägt. Rund zwanzig Muster ließen sich die Brüder schicken und fielen bei der Begutachtung teilweise aus allen Wolken. „Manche Produkte, die sich Zimtsohle nannten, hatten gar keinen echten Zimt drin, sondern nur einen aufgesprühten Duft“, ärgert sich Jan. Sie stellten schnell klar, dass für sie nur echter Zimt mit einem hohen Cinnamaldehyd-Gehalt, dem Hauptwirkstoff im Zimtöl, infrage kommt. Während das digitale Design der Sohlen laut Udo schnell und mit großem Spaß von der Hand ging, erwies sich die Stoffsuche als kniffelig. „Viele Anbieter sind rausgeflogen, weil das einfach nicht gepasst hat“, stellt Jan klar. Atmungsaktivität und eine weiche Oberfläche waren am Ende die nicht verhandelbaren Kriterien für das Mesh.
Zwischen Lifestyle-Anspruch und harten Marktrealitäten
Seit dem Sommer vertreiben die Gründer ihre Sohlen offiziell im eigenen Onlineshop, angeboten werden aktuell die Größen 39 bis 46. Das Duo wagt sich mit seiner enttabuisierenden Kommunikation („Bye bye Stinkefüße, hello Zimt-Magic!“) in einen hart umkämpften Markt, der von etablierten Drogerie- und Naturmarken dominiert wird.
Besonders mutig ist die Preisgestaltung: Mit 14,90 Euro pro Paar (oder 39,90 Euro im 3er-Pack) ruft spiceboys einen klaren Premiumpreis auf. Auf die kritische Frage nach der genauen Kalkulation und den Margen des Materialmixes weicht Udo charmant, aber bestimmt aus und flüchtet sich ein wenig in Gründer-Pragmatismus: „Die genauen Margen verraten wir genauso wenig wie unser Zimt-Rezept, das bleibt Betriebsgeheimnis.“ Er verteidigt den Aufschlag jedoch vehement mit den Kosten für den echten, geprüften Zimt und das hochwertige Design, bei dem man schlichtweg keine Kompromisse machen wollte. Zudem würden die geringeren Bestellmengen als Start-up den Einkaufspreis diktieren. „Nur so viel: Reich werden wir davon nicht, uns war Qualität wichtiger als maximale Marge“, beteuert Udo.
Fazit: Die D2C-Hürde meistern
Da die Sohlen nach drei bis vier Monaten ihre Wirkung verlieren, droht der Premiumpreis bei Erstkäufer*innen zum Stolperstein zu werden. Die immens wichtige Kund*innenbindung im Direct-to-Consumer-Geschäft soll bald durch ein logisches Abo-Modell gestärkt werden, doch die Gründer wollten zum Marktstart ganz bewusst erst das Feedback ihrer Käufer*innen abwarten.
Darüber hinaus setzen sie auf eine weitaus emotionalere Bindung durch Aufklärung. „Niemand sollte sich für etwas schämen müssen, für das er nichts kann“, stellt Udo unmissverständlich klar. Die große Mission des Start-ups ist es, das Tabuthema Schweißfüße endgültig aus der dunklen Ecke zu holen.
Das humorvolle Branding bildet dafür ein starkes Fundament. Zwar könnte perspektivisch erst der stationäre Handel den wirklichen Durchbruch bringen – etwa als cleveres Mitnahmeprodukt an der Kasse eines Sneaker-Stores –, doch vorerst bleiben die Prioritäten klar verteilt. „Für uns steht erst mal der Onlinehandel im Fokus. Wir wollen unsere Kundinnen und Kunden richtig kennenlernen und viel in Social Media investieren“, verspricht Udo. Der Schritt in den stationären Sneaker- und Fashion-Handel stehe frühestens für Mitte bis Ende nächsten Jahres auf der Agenda, konkretisiert Jan.
Externe Geldgeber*innen oder gar einen Verkauf von Unternehmensanteilen schließen beide derzeit aus. „Spiceboys ist unser Baby, und aktuell haben wir nicht vor, uns Investoren ins Boot zu holen“, so die Brüder unisono. Sie wollen die uneingeschränkte Gestaltungskontrolle über ihre Marke behalten – und vor allem über den unverkrampften Ton, mit dem sie ihr einstiges Scham-Thema heute so befreit vermarkten.
Software statt Kellner? Wie Order Right mit KI und Automatisierung gegen das Gastro-Sterben ankämpft
Die Gastronomie leidet unter Personalmangel, steigenden Kosten und einem Chaos an digitalen Insellösungen. Das Griesheimer Start-up Order Right will alle digitalen Prozesse in einem einzigen System bündeln – und trifft damit offenbar den Nerv der Zeit. Nach eigenen Angaben gewann das Team in nur zwölf Monaten über 500 Kund*innen. Ein Gespräch mit Geschäftsführer Muhammed Ali Yildiz über B2B-Vertrieb, Product-Market-Fit und KI am Bestelltelefon.
StartingUp: Was war der konkrete Auslöser für dich, Order Right gegen den digitalen Flickenteppich in der Gastronomie zu gründen?
Muhammed Ali Yildiz: Der Auslöser war die enorm herausfordernde Situation der Branche. Viele Gastronomen kämpfen mit komplexen Abläufen, langen Vertragslaufzeiten und einer Vielzahl an isolierten Einzellösungen, die nicht miteinander kommunizieren. Genau hier setzen wir an: Wir wollen eine zentrale Infrastruktur bieten, die den Alltag vereinfacht, damit sich Betreiber wieder auf ihr eigentliches Geschäft konzentrieren können.
StartingUp: Warum ist euer All-in-One-Ansatz für Gastronom*innen besser als schlanke Nischenlösungen („Best-of-Breed“)?
Muhammed Ali Yildiz: In der Gastronomie fehlt schlicht die Zeit für IT-Pflege. Zwischen einzelnen Nischensystemen brechen die Abläufe auf, was zu Reibungsverlusten und Mehrfachkosten führt. Wenn alles aus einer Hand kommt, entfallen diese Probleme – es gibt nur einen Ansprechpartner und eine zentrale Datenpflege. All-in-One ist für uns deshalb kein reines Feature, sondern die eigentliche Leistung.
StartingUp: Wie habt ihr es geschafft, die im Tagesgeschäft stark eingespannten Gastronom*innen für den Erstkontakt zu erreichen?
Muhammed Ali Yildiz: Die eigentliche Hürde ist tatsächlich der Erstkontakt während des laufenden Betriebs. Aber sobald wir im persönlichen Gespräch waren, konnten wir die meisten Betriebe für uns gewinnen. Unser stärkster Kanal ist dabei die Mundpropaganda, da die Branche stark vernetzt ist und sich Qualität schnell herumspricht.
StartingUp: Welcher Vertriebskanal war euer stärkster Hebel für das schnelle Wachstum von über 500 Kund*innen in zwölf Monaten?
Muhammed Ali Yildiz: Ganz klar Empfehlungen. Eine Kassenumstellung ist Vertrauenssache, da hört man lieber auf Kollegen als auf Werbung. Kaltakquise diente anfangs als Türöffner, und Partnerschaften werden jetzt relevanter, um neue Regionen zu erschließen. Der eigentliche Wachstumsmotor bleibt aber die Qualität der Arbeit beim bestehenden Kunden.
StartingUp: Wie entgegnest du im Verkaufsgespräch dem Einwand, dass eine Systemumstellung zu viel Zeit und Kosten verursacht?
Muhammed Ali Yildiz: Ich frage nach den aktuellen Kosten. Zählt man Kasse, Lieferdienste, Webshop und die manuellen Arbeitsstunden für die Buchhaltung zusammen, sind mehrere Einzellösungen oft deutlich teurer. Zudem ist unser System bewusst so einfach gehalten, dass Aushilfen in zehn Minuten eingearbeitet sind. Wir übernehmen die Einrichtung und sorgen dafür, dass die Umstellung nicht im stressigen Wochenendgeschäft passiert.
StartingUp: Überwiegt bei traditionellen Betrieben die Skepsis gegenüber KI und Automatisierung oder die Erleichterung beim Personal?
Muhammed Ali Yildiz: Anfängliche Skepsis schwindet sehr schnell durch die einfache Bedienung und unseren ständigen Support. Der KI-Telefonassistent nimmt beispielsweise verpasste Anrufe an und sichert so Umsatz, der sonst verloren ginge. Letztlich überwiegt beim Personal ganz klar die Erleichterung, weil lästige Routineaufgaben wegfallen und mehr Zeit für den Gast bleibt.
StartingUp: Welche manuellen Prozesse wird es in Restaurants in drei Jahren definitiv nicht mehr geben?
Muhammed Ali Yildiz: Erstens die handschriftliche Telefonbestellung, zweitens die doppelte Datenpflege auf verschiedenen Plattformen und drittens die Zettelwirtschaft am Monatsende für den Steuerberater. Alles, was keinen Umsatz bringt und niemandem Freude macht, wird automatisiert. Der Rest – das Kochen, Beraten und der menschliche Kontakt – bleibt beim Menschen.
StartingUp: Muhammed Ali Yildiz, danke für die Insights!
Das Interview führte StartingUp-Chefredakteur Hans Luthardt
Key Takeaways für Gründer*innen
- All-in-One schlägt Insellösungen: In Branchen mit hohem operativen Druck gewinnt das System, das Schnittstellenprobleme eliminiert.
- Schmerzpunkt statt Feature-Schlacht: Schnelles B2B-Wachstum gelingt, wenn das Produkt direkte Antworten auf drängende Branchenprobleme (wie Personalmangel und Kostensteigerungen) liefert.
- Technologie als Entlastung: KI und Automatisierung dienen im B2B-Bereich vor allem dazu, dem Personal Routineaufgaben abzunehmen und Freiräume zu schaffen.
Die Messbarkeits-Illusion: Warum sich die Natur nicht in Start-up-Kennzahlen pressen lässt
Nach dem CO2-Markt suchen Investor*innen und Gründer*innen das nächste Milliarden-Asset: Biodiversität. Doch beim Versuch, die Natur in einen handelbaren Index zu pressen, kollidiert Hightech mit den unumstößlichen Gesetzen der Biologie.
Ein neues Rechenzentrum vor den Toren Berlins. Die Bagger rollen an, dafür muss ein lokales Feuchtgebiet weichen. Früher hätte das Unternehmen als Ausgleich einfach ein paar Setzlinge am Waldrand gepflanzt. Heute, im Zeitalter der strengen EU-Nachhaltigkeitsrichtlinien, reicht das nicht mehr. Der Konzern will – und muss – auf dem Papier „Nature Positive“ sein.
Die Lösung aus der Tech-Welt scheint elegant: „Mit einem Klick kauft das Unternehmen sogenannte Biodiversity Credits bei einem der gehypten neuen Nature-Tech-Start-ups. Die Investition fließt in den Schutz eines ausgetrockneten Pinienwaldes in Andalusien, der mit Sensoren überwacht wird. Das Gewissen der Investor*innen ist rein, die Excel-Tabelle der Nachhaltigkeitsabteilung leuchtet grün.
Doch genau in dieser grünen Zelle der Tabelle offenbart sich der fundamentale Denkfehler eines aufstrebenden Marktes. Beim klassischen Klimaschutz funktioniert diese Ausgleichslogik. Eine Tonne CO2, die in Brandenburg ausgestoßen wird, ist physikalisch identisch mit einer Tonne CO2, die in Spanien aus der Luft gesaugt wird. Dem Klima ist die Geografie egal, die Währung ist universell austauschbar.
Die Natur lässt sich aber nicht in ein globales Hauptbuch pressen. Man kann den Lebensraum der brandenburgischen Rotbauchunke nicht durch eine iberische Eidechse ausgleichen. Wer Jaguare mit Regenwürmern vergleicht, verliert. Dennoch arbeiten Dutzende europäische NatureTech-Start-ups aktuell genau daran: Sie nutzen Drohnen, Umwelt-DNA und Bioakustik-KIs, um die unendliche Komplexität eines Ökosystems in eine einzige, handelbare Finanzkennzahl zu übersetzen.
Es ist der ambitionierte Versuch der Tech-Branche, das Unmessbare messbar zu machen – und er droht zu einer gigantischen Illusion zu werden.
Die „God-Mode“-Technologien: Der Wald wird ausgelesen
An Daten mangelt es dabei nicht. Im Gegenteil: Die technologische Entwicklung der letzten Jahre ermöglicht uns einen völlig neuen, fast gottgleichen Blick auf Ökosysteme.
Nehmen wir das Münchner Start-up Hula Earth. Das Team bringt das Internet of Things in den Wald. Solarbetriebene Sensoren und Mikrofone lauschen rund um die Uhr. Eine künstliche Intelligenz filtert das Rauschen, identifiziert das spezifische Zirpen einer bestimmten Grillenart und verknüpft diese akustischen Daten mit Satellitenbildern. Ähnlich radikal ist der Ansatz des Start-ups IdentMe aus Halle an der Saale. Statt Tiere mühsam zu fangen oder zu zählen, setzt das Team auf eDNA (Umwelt-DNA). Ein winziger Tropfen Wasser aus einem See oder eine Bodenprobe reichen aus, um genetisch exakt nachzuweisen, welche Tier- und Pflanzenarten in den vergangenen Tagen hier verkehrten.
Der blinde Fleck der Biologie verschwindet. Wir wissen heute besser denn je, was im Wald passiert. Das Problem der Start-ups ist nicht die Datenerhebung. Das Problem beginnt beim nächsten Schritt: der Monetarisierung.
Der Index-Fehler: Mathematik vs. Biologie
Um einen Biodiversitäts-Credit an ein Unternehmen verkaufen zu können, müssen Start-ups Millionen von Datenpunkten – Vogelstimmen, DNA-Spuren, Lidar-Scans von Baumkronen – aggregieren. Sie müssen all das in eine einzige Zahl pressen. Einen Index. Einen Score.
Und hier schlagen Ökolog*innen und Biolog*innen Alarm. Die Natur ist kein Dashboard. Wenn ein Start-up-Algorithmus Biodiversität vor allem nach der bloßen Anzahl der gefundenen Arten bewertet (weil sich das mathematisch leicht berechnen lässt), droht eine gefährliche Gamification. Nach dieser Logik wäre ein künstlich angelegter Stadtzoo mit exotischen Tieren wertvoller als ein natürliches, hochspezialisiertes – aber naturgemäß artenarmes – Hochmoor. Die Reduktion von Ökosystemen auf eine handelbare Metrik öffnet Tür und Tor für Fehlsteuerungen.
Das Trauma der Carbon-Märkte
Die europäische Start-up-Szene agiert hier in einem extrem angespannten Umfeld. Der Vorgänger-Markt – die freiwilligen CO2-Zertifikate – liegt nach massiven Greenwashing-Skandalen um wertlose „Phantom-Wälder“ in Trümmern. Investor*innen sind nervös, das Misstrauen gegenüber reinen Tech-Versprechen ist groß.
Gleichzeitig baut sich ein immenser regulatorischer Druck auf. Durch die europäische Berichtspflicht (CSRD) geraten Konzerne in Panik. Start-ups wie das Berliner Unternehmen Kuyua bauen deshalb Plattformen, die Unternehmen helfen, ihre extrem komplexen Natur- und Klimarisiken in den globalen Lieferketten überhaupt erst einmal zu erfassen. Konzerne müssen plötzlich handeln, Metriken vorweisen und Natur-Bilanzen erstellen, obwohl die wissenschaftlichen Standards für diese Bilanzen noch gar nicht ausgereift sind. Es entsteht ein gefährlicher Blindflug, bei dem Milliardenbudgets in unfertige Systeme fließen könnten, nur um Compliance-Häkchen zu setzen.
Fazit: Von Offsetting zu Insetting
Bedeutet das, dass die europäischen NatureTech-Start-ups auf dem Holzweg sind? Keineswegs. Die Technologien von eDNA bis Bioakustik sind bahnbrechend. Der Fehler liegt nicht in der Hard- oder Software, sondern im Geschäftsmodell des Ablasshandels.
Biodiversität lässt sich schlichtweg nicht „offsetten“. Zerstörung an Ort A kann nicht durch Schutz an Ort B ungeschehen gemacht werden. Der wahre und zukunftsfähige Wert der NatureTech-Szene liegt im sogenannten Insetting.
Anstatt Zertifikate aus dem Amazonas an deutsche Autobauer zu verkaufen, müssen diese Technologien eingesetzt werden, um die Natur innerhalb der eigenen Lieferketten zu reparieren. Die KI von Hula Earth oder die eDNA-Analysen von IdentMe entfalten ihr volles Potenzial, wenn sie messen, wie sich die Pestizidreduktion auf den Feldern der direkten Zulieferer auswirkt.
Die Natur lässt sich nicht als globale Währung handeln. Aber mit der richtigen Technologie lässt sie sich vor der eigenen Haustür endlich verstehen – und im besten Fall retten.
Reflip: Die europäische Social-Media-Hoffnung
Mit eingebautem Faktencheck und anpassbaren Algorithmen will ein Stuttgarter Uni-Projekt Giganten wie X und Meta herausfordern. Ein mutiger technologischer Ansatz gegen Desinformation – doch die langfristige Tragfähigkeit des Geschäftsmodells und gigantische Markteintrittsbarrieren bergen weiterhin Risiken, auch wenn die Macher bereits konkrete Lösungsansätze für die Zukunft präsentieren.
Soziale Netzwerke stehen massiv in der Kritik. Filterblasen, politische Desinformation und Algorithmen, die Wut und Polarisierung priorisieren, um die Verweildauer der User zu maximieren, prägen den Diskurs auf Plattformen wie X oder Facebook. Hier setzt Reflip an. Die App positioniert sich als „Next-Generation Social Media – Made in Europe“ und wirbt mit einem radikalen Gegenentwurf: Transparenz, Datenschutz und uneingeschränkte Nutzer*innenkontrolle.
Das Konzept: „Truth-based“ statt toxischer Empörungsspirale
Das technische Kernfeature der App ist der titelgebende „Flip“: Durch eine automatische Muster- und KI-Erkennung werden Posts im Hintergrund analysiert. Ist sich ein(e) User*in bei einer steilen These unsicher, kann er/sie den Post buchstäblich „umdrehen“ und bekommt unmittelbar Fakten und verifizierte Quellen angezeigt, die den Inhalt entweder stützen oder widerlegen.
Die automatische Erkennung von Desinformation in Echtzeit gilt in der Praxis jedoch als extrem fehleranfällig. Der Kopf hinter Reflip – Simon Grether – räumt dies ein: „Auch wenn eine automatisierte Erkennung nie fehlerfrei sein kann, bietet unser System schon jetzt einen enormen Mehrwert gegenüber dem unkommentierten Konsum von Inhalten.“ Um Transparenz zu wahren, seien alle maschinellen Evaluationen deutlich gekennzeichnet. Im Hintergrund nutzt das Uni-Projekt einen hybriden Ansatz aus automatischen Kontrollen – unter anderem durch eine Kooperation mit dem norwegischen Anbieter Factiverse – und händischer Überprüfung durch ein Moderationsteam, das von der Community gemeldete Inhalte checkt. Dass Algorithmen nie ganz neutral sind, weiß Grether: „Komplett frei von Bias ist kein System, aber wir minimieren ihn.“ Reflip wolle gar nicht erst als unfehlbare „Wahrheitsinstanz“ auftreten, betont er, „sondern verschiedene Perspektiven in Form von befürwortenden und widersprechenden Quellen zeigen.“ So sollen Nutzer*innen befähigt werden, sich eine eigene, informierte Meinung zu bilden.
Die Macher: Aus dem Hörsaal in die App-Stores
Hinter der professionell wirkenden Fassade der App verbirgt sich (noch) kein ausfinanziertes Tech-Unternehmen, sondern ein engagiertes Projekt, das Simon Grether angestoßen hat und heute mit einem mehrköpfigen Team für Bereiche wie Business Development und UX-Design vorantreibt.
Der Zündfunke für das Mammutprojekt war reine Frustration über den Status quo. „In den vergangenen Jahren war mit wachsender Sorge zu beobachten, wie Social Media zunehmend für Manipulation missbraucht wird“, konstatiert Grether. Was bei US-Wahlen begann, sei längst in europäischen Wahlkämpfen angekommen. „Irgendwann wollten wir nicht mehr tatenlos zusehen.“ Grether kritisiert dabei auch die träge Regulierung der EU gegenüber Meta und X. Bestehende europäische Alternativen seien oft „zu idealistisch“, um mit Big Tech konkurrieren zu können.
Aktuell läuft das Uni-Projekt noch unter dem rechtlichen Schutzschirm der der TTI Technologie-Transfer-Initiative GmbH der Universität Stuttgart, die administrative Aufgaben in der Frühphase abnimmt. Auf klassisches Venture Capital (VC) verzichten die Schwaben bislang ganz bewusst. „Aktuell priorisieren wir ein organisches, gesundes Wachstum, anstatt frühphasiges VC-Kapital rein für teures Marketing zu verbrennen“, stellt Grether klar. Zwar läuft derzeit eine Startnext-Crowdfunding-Kampagne, doch dies sei laut Grether nur ein Bonus für die Community. Die eigentliche Hauptfinanzierung ist durch Fördertöpfe der Bundesregierung und der EU gesichert, was dem Team Unabhängigkeit beim Infrastrukturaufbau verschaffe.
Markt & Wettbewerb: Der Kampf um die Creator
Der Markteintritt gilt als Königsdisziplin. Das unerbittliche Henne-Ei-Problem – ohne Nutzer*innen kein Content, ohne Content keine Nutzer*innen – hat schon viele Plattformen beerdigt. Simon Grether ist sich dieser Hürde bewusst: „Das ist der Punkt, an dem viele Alternativen scheitern.“
Die Stuttgarter wählen daher bewusst einen stark kommerziellen Ansatz, um eine kritische Masse zu erreichen. Sie grenzen sich damit spitz von rein spendenfinanzierten Netzwerken wie Mastodon oder VC-getriebenen Plattformen wie Bluesky ab, auf denen Influencer*innen aktuell kein Geld verdienen können. „Ein Non-Profit-Ansatz ist gesellschaftlich begrüßenswert, greift aber in der Realität der heutigen Creator Economy oft zu kurz“, argumentiert Grether. „Social Media ist für viele Creator ein Vollzeitjob; sie müssen auf einer Plattform Geld verdienen können.“ Reflip beteiligt Creator direkt an den Werbeeinnahmen – laut Grether der „zentrale Wachstumsmotor“, der bereits reichweitenstarke Influencer*innen mit über einer Million Followern auf die Plattform gelockt habe.
Kritisch nachgehakt: Serverkosten und Profitabilität
Der technologische Ansatz ist lobenswert, doch betriebswirtschaftlich bleibt das Projekt ein Hochseilakt. Automatisierte Faktenchecks in Echtzeit durch Large Language Models erfordern enorme Rechenleistung. Jede(r) aktive Nutzer*in verbrennt bares Geld. Auf die konkrete journalistische Nachfrage, wie hoch die Kosten pro Nutzer*in tatsächlich ausfallen, mauert Grether jedoch: „Ich bitte um Verständnis, dass wir zu laufenden Infrastrukturkosten, wie auch andere Unternehmen, keine Auskunft geben.“ Er versichert lediglich, dass das Modell von Beginn an auf Skalierbarkeit ausgelegt sei. „Unser Geschäftsmodell deckt durch Werbeeinnahmen nicht nur die laufenden Server- und API-Kosten, sondern auch unser Creator-Programm“, verspricht Grether und kündigt an, künftige Überschüsse an die Multiplikatoren weiterzugeben.
Bleibt die Frage der Monetarisierung: Reflip wirbt mit europäischem Datenschutz und schließt das lukrative, extrem datengetriebene Hyper-Targeting von Meta faktisch aus. Wie soll die Plattform dennoch Gewinne abwerfen? „Datenhungriges Hyper-Targeting ist nicht zwingend erforderlich, um profitabel zu betreiben“, kontert Grether. Man setze stattdessen auf dezente, nicht-personalisierte In-Feed-Anzeigen. Zusätzlich plant Reflip in etwa einem Jahr ein werbefreies Premium-Abo, schließt aber eine radikale Paywall aus: „Die Basisnutzung von Reflip wird dauerhaft kostenlos bleiben; alles andere wäre ein massiver Wachstumsblocker.“ Selbst ein B2B-Lizenzmodell für die eigene Faktencheck-Technologie halte man sich für die Zukunft offen.
Unser Fazit: Visionär und ambitioniert
Reflip ist ein starkes Beispiel für europäischen Erfindergeist und den Willen, gesellschaftliche Probleme durch Technologie zu lösen. Die technische Umsetzung als fertige App ist für ein universitäres Projekt und geplantes Spin-off äußerst beeindruckend.
Um zu einem skalierbaren Start-up heranzuwachsen, muss das Team nun zeitnah beweisen, dass das etablierte Monetarisierungsmodell die extrem hohen Infrastrukturkosten auch dann noch trägt, wenn die aktuellen staatlichen Fördermittel auslaufen. Bis dahin bleibt Reflip ein faszinierendes Tech-Experiment – und ein David, der hofft, dass den Goliaths des Marktes die Luft ausgeht.
„Reichweite ist nicht Wachstum“: Warum Ex-Zalando-Managerin Dr. Saskia Appelhoff heute auf Community-Building setzt
Bei Zalando baute sie laute Massenmarken auf, mit MeNotPause eine Community im Tabu-Markt. Im Interview erklärt Dr. Saskia Appelhoff, warum sie die Corporate-Welt hinter sich ließ und wieso ein treues Netzwerk mächtiger ist als eingekaufte Klicks.
Viele Gründer*innen träumen von der großen Reichweite und dem schnellen Hype. Dr. Saskia Appelhoff weiß, wie das geht: Als Head of Strategic Marketing bei Zalando prägte sie einst die legendäre „Schrei vor Glück“-Kampagne und war später CMO beim FinTech Raisin. Doch mit ihrem eigenen Start-up MeNotPause, einer Plattform für Frauen in den Wechseljahren, wählt sie bewusst einen anderen Weg. Statt Millionenbudgets in reines Performance-Marketing zu pumpen, baut sie in einem oft ignorierten, von Tabus behafteten Markt auf Community und tiefes Vertrauen. Inzwischen erreicht sie damit eine Gemeinschaft von über 40.000 Frauen. Im StartingUp-Interview erklärt Saskia, warum sie die Corporate-Welt hinter sich ließ, wieso ein treues Netzwerk mächtiger ist als eingekaufte Klicks und welche Fehler Start-ups beim Community-Building machen.
Das Interview
Sprung in die Ungewissheit
StartingUp: Saskia, nach Top-Positionen bei Zalando und Raisin: Was war dein Auslöser, die Corporate-Komfortzone zu verlassen und mit MeNotPause das volle Gründerrisiko einzugehen?
Dr. Saskia Appelhoff: Eigentlich zieht sich das durch meine ganze Karriere: Ich wollte immer dort sein, wo etwas gerade entsteht. Bei Zalando war ich Mitarbeiterin Nummer 70, bei Raisin Founding CMO – da war „wenig corporate“. Ich habe in beiden Unternehmen erlebt, welche besondere Dynamik entsteht, wenn noch nicht alles festgelegt ist und man selbst sehr viel steuern, entscheiden und beeinflussen kann. Und genau das hat mich immer gereizt: nicht nur eine bestehende Struktur zu verwalten, sondern etwas mit aufzubauen, das wachsen und sich verändern darf. Deshalb war der Schritt in die eigene Gründung für mich weniger ein radikaler Bruch mit der Corporate-Welt als vielmehr der logische nächste Schritt. Mit MeNotPause kam dann ein Thema hinzu, das mich auch persönlich und gesellschaftlich stark beschäftigt hat. Mehr als 9 Millionen Frauen sind aktuell in den Wechseljahren, sind aber häufig schlecht informiert, fühlen sich mit ihren Symptomen nicht ernst genommen oder wissen gar nicht, was gerade mit ihnen passiert. Ich hatte das Gefühl: Hier kann ich meine Erfahrung aus Markenaufbau, Marketing und Wachstum für etwas einsetzen, das nicht nur wirtschaftliches Potenzial hat, sondern wirklich etwas verändert. Natürlich ist es noch einmal etwas anderes, wenn man selbst das volle Risiko trägt. Aber genau darin liegt auch die Freiheit: Wir können die Marke, die Community und das Angebot so aufbauen, wie wir es für richtig halten – nah an den Frauen und mit sehr direktem Feedback. Diese Gestaltungsmöglichkeit war für mich der entscheidende Antrieb.
Zalando vs. Tabu-Markt
StartingUp: Von lauten Zalando-Massenkampagnen zu einem tabuisierten Thema: Wie sehr musstest du dein Marketing-Playbook für den Aufbau von MeNotPause als sensible, vertrauensbasierte Plattform umschreiben?
Dr. Saskia Appelhoff: Die Grundprinzipien guter Markenführung sind gleich geblieben: Man muss die Zielgruppe wirklich verstehen, relevant sein und eine klare Haltung haben. Aber die Art, wie wir Vertrauen aufbauen, ist bei MeNotPause eine völlig andere. Bei einer großen Lifestyle-Marke kann Lautstärke sehr wirkungsvoll sein. Bei einem sensiblen Gesundheitsthema reicht Aufmerksamkeit allein jedoch nicht. Menschen müssen sich sicher, verstanden und respektiert fühlen. Eine Frau, die nachts nicht schläft, plötzlich starke Stimmungsschwankungen erlebt oder sich in ihrem eigenen Körper nicht mehr wiedererkennt, braucht keine perfekte Werbebotschaft. Sie braucht zunächst das Gefühl: Ich bilde mir das nicht ein. Ich bin nicht allein. Und es gibt Möglichkeiten, etwas zu verändern. Deshalb beginnt unser Marketing nicht mit dem Produkt, sondern mit Zuhören. Wir lesen Kommentare und Nachrichten, sprechen mit Frauen, arbeiten eng mit Expertinnen und Experten zusammen und greifen die Fragen auf, die viele Betroffene nicht einmal ihrer Ärztin oder ihrem Partner stellen. Ich habe gelernt, dass eine starke Marke nicht immer diejenige ist, die am lautesten spricht. Gerade in einem Tabumarkt ist es häufig diejenige, die am besten zuhört und die richtigen Worte für etwas findet, das die Zielgruppe bisher selbst kaum benennen konnte.
Die Reichweiten-Falle
StartingUp: Du sagst, Start-ups verwechseln oft Reichweite mit Wachstum. Woran erkennst du das, und ab wann wird der reine Fokus auf „Vanity Metrics“ gefährlich?
Dr. Saskia Appelhoff: Reichweite zeigt zunächst nur, dass etwas gesehen wurde. Sie sagt ja noch nicht, ob Menschen einer Marke vertrauen, wiederkommen, sie weiterempfehlen oder bereit sind, für ihr Angebot zu bezahlen. Die Verwechslung beginnt häufig dann, wenn Gründerinnen und Gründer ihre Entscheidungen vor allem nach Followerzahlen, Views oder kurzfristigen Peaks ausrichten. Ein viraler Beitrag kann sich großartig anfühlen. Wenn danach aber niemand den Newsletter abonniert, ein Angebot nutzt oder dauerhaft Teil der Community wird, war es Aufmerksamkeit, aber noch kein Wachstum. Gefährlich wird es, wenn das Unternehmen beginnt, für den Algorithmus statt für die Kundinnen und Kunden zu arbeiten. Dann wird immer mehr Content produziert, Kampagnen werden immer lauter und Budgets steigen, ohne dass klar ist, welche Beziehung daraus eigentlich entsteht. Für mich sind deshalb andere Fragen entscheidend: Kommen Menschen zurück? Sprechen sie mit uns? Empfehlen sie uns weiter? Verstehen wir besser, was sie brauchen? Und entsteht aus dieser Beziehung irgendwann eine tragfähige wirtschaftliche Verbindung? Reichweite kann der Anfang von Wachstum sein. Aber sie ist nicht das Ziel. Echte Markenstärke zeigt sich nicht darin, wie viele Menschen einmal hingeschaut haben, sondern darin, wie viele bleiben.
Community statt Kampagne
StartingUp: Hinter dem Buzzword „Community“ steckt oft nur ein Instagram-Account. Was ist für dich der strategische Unterschied zwischen einem reinen Marketing-Kanal und einer echten, wachstumstreibenden Community wie dem MeNotPause Circle?
Dr. Saskia Appelhoff: Ein Marketing-Kanal funktioniert überwiegend in eine Richtung: Eine Marke sendet, die Zielgruppe empfängt. Eine Community lebt dagegen davon, dass Beziehungen in viele Richtungen entstehen: zwischen der Marke und den Mitgliedern, aber vor allem auch zwischen den Mitgliedern selbst. Eine echte Community erkennt man für mich daran, dass Menschen nicht nur wegen des Contents kommen, sondern wegen des Gefühls, Teil von etwas zu sein. Sie stellen Fragen, teilen Erfahrungen, helfen einander und bringen Themen ein, die wir als Unternehmen vielleicht noch gar nicht auf dem Radar hatten. Gerade bei den Wechseljahren ist dieser Austausch enorm wichtig. Viele Frauen haben jahrelang gedacht, sie seien mit ihren Beschwerden allein. Wenn dann eine andere Frau sagt: „Das kenne ich auch“, verändert das sehr viel. Es nimmt Scham, schafft Orientierung und gibt häufig den Anstoß, sich Unterstützung zu holen. Strategisch ist eine Community außerdem ein extrem wertvoller Resonanzraum. Wir entwickeln nicht im luftleeren Raum, sondern erhalten laufend Rückmeldung: Welche Fragen sind ungelöst? Welche Formate helfen wirklich? Wo braucht es mehr medizinische Einordnung, wo mehr Alltagstauglichkeit? Aber man darf Community nicht als kostenlosen Vertriebskanal missverstehen. Wer nur dann mit Menschen spricht, wenn er etwas verkaufen möchte, baut keine Community auf. Vertrauen entsteht durch Kontinuität, Ehrlichkeit und echten Mehrwert. Monetarisierung kann daraus entstehen, sie darf aber nicht der einzige Grund für die Beziehung sein.
Die ersten echten Fans
StartingUp: Vertrauen wächst langsam. Wie hast du ohne großes Budget die Anfangsphase überbrückt, um das Community-„Flywheel“ in Gang zu setzen und erste „True Fans“ zu gewinnen?
Dr. Saskia Appelhoff: Wir haben am Anfang versucht, möglichst relevant zu sein. Bevor wir viele Angebote entwickelt haben, haben wir zugehört und gefragt. Qualitativ und quantitativ. Unter anderem haben wir eine Befragung mit rund 700 Frauen durchgeführt. Dazu kamen persönliche Gespräche, Nachrichten, Kommentare und Interviews mit Expertinnen und Experten. Wir wollten verstehen, welche Fragen Frauen tatsächlich beschäftigen. Unsere ersten loyalen Community-Mitglieder haben wir daher durch einen der viele kleinen Vertrauensmomente gewonnen: eine verständliche Erklärung, eine ehrliche Antwort auf eine Nachricht, ein Inhalt, bei dem eine Frau dachte: Endlich spricht es jemand aus. Gerade in der Anfangsphase war ich selbst sehr sichtbar und nahbar. Ich habe auf Kommentare reagiert, Fragen beantwortet und auch offen gesagt, wenn wir auf etwas noch keine Antwort hatten. Diese Nähe lässt sich später natürlich nicht vollständig skalieren, aber sie prägt die Kultur einer Community. Das Flywheel beginnt aus meiner Sicht nicht mit Reichweite, sondern mit Relevanz. Wenn die ersten Menschen wirklich überzeugt sind, werden sie zu Multiplikatorinnen. Sie teilen Beiträge, erzählen Freundinnen davon und bringen neue Menschen mit. Dieses Wachstum ist langsamer als eingekaufte Reichweite, aber oft wesentlich stabiler.
Marketing für Tabus
StartingUp: Wie bereits erwähnt: Die Wechseljahre sind oft noch ein Tabu. Wie vermarktest du ein Produkt, wenn die betroffene Zielgruppe die offene Auseinandersetzung oder den Suchbegriff anfangs meidet?
Dr. Saskia Appelhoff: Wir starten häufig nicht mit dem Begriff „Wechseljahre“, sondern mit der konkreten Lebensrealität der Frauen. Viele suchen nicht nach „Perimenopause“, sondern nach Schlafproblemen, Gewichtszunahme, Gelenkschmerzen, Schwindel, Stimmungsschwankungen, Erschöpfung oder Libidoverlust. Manche gehen jahrelang von Facharzt zu Facharzt, ohne dass jemand die Symptome zusammendenkt. Deshalb müssen wir dort ansetzen, wo die Frau gerade steht und nicht dort, wo wir sie gern hätten. Wir benennen das Symptom, schaffen einen Wiedererkennungsmoment und ordnen dann ein, dass Hormone eine mögliche Rolle spielen können. Ohne Panik zu machen, ohne Ferndiagnosen und ohne zu behaupten, es gebe eine Lösung für alle. Wichtig ist auch die Tonalität. Gesundheitsthemen werden häufig entweder sehr klinisch oder sehr problemorientiert kommuniziert. Wir wollen medizinisch fundiert sein, aber trotzdem so sprechen, wie Frauen tatsächlich miteinander sprechen. Dazu gehören Empathie und Ernsthaftigkeit, aber auch Humor. Denn Tabus verschwinden nicht nur durch Fakten. Sie verschwinden auch, wenn Menschen merken, dass sie offen darüber sprechen dürfen.
Die Nischen-Illusion
StartingUp: „Female Founders“-Produkte oder Tabuthemen gelten bei Investor*innen oft als „Nische“. Wie überzeugst du Skeptiker*innen, dass in diesen unterschätzten Märkten hochskalierbare Geschäftsmodelle liegen?
Dr. Saskia Appelhoff: Ich finde es bemerkenswert, wie schnell ein Markt als Nische bezeichnet wird, sobald er vor allem Frauen betrifft. Bei den Wechseljahren sprechen wir nicht über ein seltenes Phänomen, sondern über eine Lebensphase, welche die Hälfte der Bevölkerung betrifft. Jede einzelne Frau geht durch die Wechseljahre. Das Problem ist also nicht, dass der Markt klein ist, sondern dass er lange nicht richtig betrachtet wurde. Unterschätzte Märkte bieten häufig besonders große Chancen, weil die Bedürfnisse real sind, die bestehenden Lösungen aber noch nicht ausreichen. Wenn man es schafft, früh Vertrauen aufbauen und die Zielgruppe wirklich zu verstehen, dann kann man eine sehr starke Position entwickeln. Gleichzeitig reicht gesellschaftliche Relevanz allein natürlich nicht für ein tragfähiges Geschäftsmodell. Auch ein Impact-Unternehmen muss zeigen, welches konkrete Problem es löst, wer dafür bezahlt, wie häufig das Angebot genutzt wird und wie skalierbar die Lösung ist. Diese wirtschaftliche Klarheit ist wichtig, auch gegenüber uns selbst. Die Wechseljahre sind ein großer Markt, Millionen Frauen sind betroffen – und viele ihrer Bedürfnisse werden bis heute nicht gut bedient. Genau darin liegt die Chance: ein relevantes Problem wirklich zu lösen und daraus ein tragfähiges Unternehmen aufzubauen. Dass wir damit gleichzeitig das Leben vieler Frauen verbessern, ist für mich kein netter Nebeneffekt, sondern ein klarer Vorteil.
Das größte Fuck-up
StartingUp: Rückblickend auf die ersten zwei Jahre: Welchen strategischen Fehler hast du gemacht, vor dem du unsere Leser*innen unbedingt bewahren möchtest?
Dr. Saskia Appelhoff: Wir haben zu früh zu viele Dinge gleichzeitig entwickelt. Wenn man nah an einer Community arbeitet, hört man jeden Tag neue Wünsche: ein Kurs zu Schlaf, ein Webinar zu Hormonen, ein Austauschformat, ein Guide, ein Event. Und weil alle diese Bedürfnisse berechtigt sind, ist die Versuchung groß, für jedes einzelne sofort ein Angebot zu bauen. Das bedeutet sehr schnell, viel Komplexität. Ich würde heute früher und konsequenter fragen: Welches eine Problem lösen wir besonders gut? Welches Angebot hat für die Kundin einen klaren, wiederkehrenden Wert? Und was ist unser Fokus für die nächsten 3 bis 6 Monate. Mein Rat wäre deshalb: Baut früh Nähe auf, aber verliert euch nicht in jedem Wunsch. Hört genau hin und entscheidet dann sehr klar, was ihr nicht macht. Fokus ist gerade in einer frühen Phase eine Überlebensstrategie.
StartingUp: Saskia Appelhoff, danke für die spannenden Insights!
Das Interview führte StartingUp-Chefredakteur Hans Luthardt
DRIK 17: Smartes Gadget, skalierbares Business?
Nach rund zwei Jahren Entwicklungszeit und einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne im Spätsommer 2025 hat das bayerische Start-up DRIK 17 im Juli 2026 mit der Auslieferung seines Premierenprodukts begonnen. Die Gründer Ralph Seel-Mayer und Emma Ehrenberg versprechen mit ihrem DRIK 17 Carrier eine smarte Lösung für ein altbekanntes Platzproblem von Rennrad- und Gravelbike-Fahrer*innen. Doch wie tragfähig ist die Geschäftsidee hinter der Hybrid-Trinkflasche, und wo liegen die Hürden im hart umkämpften Fahrradmarkt?
Der Grundstein für das Start-up, dessen Name sich aus „Drink“, „Kit“ und dem Lösungsprinzip „Trick 17“ zusammensetzt, wurde in einer Lehrveranstaltung an der Hochschule München gelegt. Unterstützt vom Programm exist women und dem Strascheg Center for Entrepreneurship (SCE), wagte das radsportbegeisterte Duo den Sprung in die Selbständigkeit. Beim SCE handelt es sich um das Gründungszentrum der Hochschule München, das als Start-up-Hub junge Unternehmen von der ersten Ideenentwicklung bis zur Marktreife mit Know-how, Netzwerken, Mentoring und Förderprogrammen begleitet.
Crowdfunding als Markttest
Dass in der Nische eine enorme Nachfrage besteht, bewies die Kickstarter-Kampagne im September 2025: Das Finanzierungsziel von 8.000 Euro war in nur 33 Stunden geknackt, am Ende kamen knapp 12.000 Euro von 218 Unterstützern zusammen. Für komplexe Spritzgusswerkzeuge und eine deutsche Produktion ist das jedoch ein Tropfen auf den heißen Stein.
„Kickstarter war für uns vor allem ein Market Proof – wir wollten zeigen, dass es echte Nachfrage nach unserem Produkt gibt“, betont Ingenieur Ralph Seel-Mayer, der im Team für Zahlen und Partnerschaften zuständig ist. Das eigentliche Startkapital stammte aus einer früheren Trikot-Verkaufsaktion („June of Joy“), flankiert von Fördergeldern wie dem Innovationsgutschein und Fremdkapital. Das SCE habe dem Team dabei den Zugang zu Fördermöglichkeiten erleichtert und als Sparringspartner fungiert, so der Mitgründer.
Die Technik: 450 Milliliter und kein Klappern
Der DRIK 17 Carrier sieht von außen aus wie eine reguläre 850-ml-Flasche. Im Inneren verbirgt sich jedoch ein Zwei-in-Eins-Konzept: 450 ml Platz für Flüssigkeit, gepaart mit einem Stauraum für Werkzeug, Ersatzschläuche oder CO₂-Kartuschen. Eine passgenaue Stofftasche verhindert störendes Klappern auf Schotterpisten. Zudem lagert das Konzept harte, potenziell rückenverletzende Metallgegenstände aus den Trikottaschen sicher in den Rahmen aus.
Doch Flüssigkeit und Gegenstände auf engstem Raum zu vereinen, barg technologische Tücken. „Die größte Herausforderung war, die beiden Funktionen sinnvoll miteinander zu kombinieren“, räumt Seel-Mayer ein. Es ging vor allem darum, das System für wirtschaftliche Blasform- und Spritzgussverfahren zu optimieren. „Genau diese Balance hat uns die meiste Entwicklungszeit gekostet“, fasst er zusammen.
Produkt-Designerin Emma Ehrenberg ergänzt, dass unzählige Iterationen nötig waren, um Technik und Ästhetik zu vereinen. „Durch den 3D-Druck konnten wir sehr schnell neue Varianten entwickeln und testen“, erklärt sie den rasanten Prototypen-Prozess. „Unser Ziel war immer, dass die User Experience im Vordergrund steht.“
Kritisch hinterfragt: Nische oder Massenmarkt?
Trotz des runden Marktstarts muss sich das Hardware-Start-up im rauen Konsumgüterbereich beweisen. Dabei offenbaren sich drei zentrale Knackpunkte:
1. Das Volumen-Dilemma: Wer den DRIK 17 Carrier nutzt, opfert effektiv rund 400 ml Trinkvolumen im Vergleich zu einer Standard-850-ml-Flasche – ein potenzielles K.-o.-Kriterium für Langstreckenfahrer*innen. Emma Ehrenberg kontert diese Bedenken resolut: „Die 450 ml sind für uns kein Kompromiss, sondern eine bewusst gewählte Balance aus Trinkvolumen und Stauraum.“ Sie argumentiert, dass das Volumen zusammen mit einer zweiten Flasche für viele Ausfahrten genüge und das Fach auch für Kohlenhydratpulver genutzt werden könne, um unterwegs lediglich Wasser nachzufüllen.
2. Margendruck durch „Made in Germany“: Ein Preis von rund 44 Euro ist ambitioniert, und die teure Produktion in Deutschland drückt die Rohmarge. Will das Duo zweistufig über den Fachhandel wachsen, fordern Händler*innen ihren Anteil. Auf die Frage, wie realistisch der Sprung in den B2B-Markt unter diesen Umständen sei, reagiert Seel-Mayer optimistisch, bleibt bezüglich konkreter Margen-Kalkulationen aber vage: Man schätze vor allem die schnellen Entwicklungswege und führe bereits Gespräche mit dem Handel. „Eine Verlagerung der Produktion schließen wir zum jetzigen Zeitpunkt aus“, versichert der Gründer.
3. Das Single-Product-Risiko: Die Kund*innenakquisitionskosten für ein einzelnes Zubehörteil im Direct-to-Consumer-Geschäft sind hoch. Um den Customer Lifetime Value zu steigern, muss schnell ein Ökosystem her. „Bereits konkret geplant ist eine reine Trinkflasche, die die gleiche Designsprache aufgreift“, verrät Ehrenberg. Ein mutiger Schritt, denn ohne das smarte Werkzeugfach begibt sich das Start-up in einen stark gesättigten Markt, der stark über den Preis dominiert wird. Zudem arbeite man an verschiedenen Compartments und Equipment-Kits für das modulare System.
Kampf gegen die Branchenriesen
Sollten Branchenriesen wie SKS oder Specialized das – wenn auch zum Patent angemeldete – Multi-Storage-Konzept kopieren, droht ein ungleicher Verdrängungswettbewerb. Ralph Seel-Mayer gibt sich angesichts dieses Szenarios gelassen: „Sollten große Marken ähnliche Konzepte entwickeln, wäre das für uns zunächst einmal eine Bestätigung.“ Er verweist auf junge Marken wie Cyclite oder Ryzon, die zeigen, dass Identität und Kund*innennähe heute oft schwerer wiegen als Unternehmensgröße. „Genau diese Nähe lässt sich nur schwer kopieren“, gibt er sich selbstbewusst. Eine charmante, aber riskante Wette: Denn ob ein treuer Kern an Community-Kund*innen ausreicht, um zu überleben, wenn etablierte Riesen das eigene Konzept mit enormer Vertriebspower in jeden Fahrradladen drücken, bleibt die eigentliche Feuerprobe für DRIK 17.
Fazit
Mit dem DRIK 17 Carrier besetzt das Münchner Duo eine clevere Nische zwischen sperrigen Satteltaschen und reinen Werkzeugflaschen, verlangt den Nutzer*innen aber Abstriche bei der Trinkmenge ab. Das Community-Building hat perfekt funktioniert. Nun muss das Team beweisen, dass die Marke auch über ihr Erstlingswerk hinaus skalierbar ist und den Sprung in den Fachhandel übersteht – ohne dass die hohen heimischen Produktionskosten das Wachstum ausbremsen.
Bootstrapping auf der Straße: Wie „Pfandpirat“ das 225-Mio.-Euro-Pfandloch digitalisiert
Sammy Zimmermanns, ein IT-Manager aus Dresden verwandelt ungenutztes Leergut im öffentlichen Raum in eine digitale Schatzsuche. Mit seiner Plattform Pfandpirat zeigt er, wie sich mit Gamification, KI-Tools und einem strikten Zero-Budget-Marketing eine aktive Community aufbauen lässt. Doch der Sprung vom Herzensprojekt zum skalierbaren Geschäftsmodell steht noch aus. Eine Einordnung.
Flaschensammeln ist in deutschen Innenstädten ein präsentes Bild. Während es für einige Menschen eine aus der Not geborene Einnahmequelle ist, lassen andere ihr Leergut aus Bequemlichkeit einfach stehen. An dieser Schnittstelle zwischen Verschwendung und Recycling setzt die Plattform Pfandpirat an.
So funktioniert Pfandpirat in der Praxis
Die Plattform läuft als Progressive Web App (PWA) direkt und ohne Installation im Browser. Wer unterwegs auf Leergut stößt, wird Teil einer digitalen Schnitzeljagd:
- Melden & Markieren: Nutzer*innen markieren den Fundort von weggeworfenen Flaschen oder Dosen auf einer GPS-basierten Karte – das funktioniert für schnelle Hinweise inzwischen sogar ohne Account.
- Scannen & Dokumentieren: Wer tiefer einsteigen will, kann Getränkearten genau dokumentieren und Barcodes direkt über die Smartphone-Kamera erfassen.
- Sammeln & Finden: Lokale Push-Benachrichtigungen informieren die Community, sobald neues Pfand in der Nähe gemeldet wurde.
- Aufsteigen & Spielen: Belohnt wird das Engagement durch Gamification-Elemente – vom Maskottchen „Käpt'n Kork“ über einen integrierten Schrittzähler bis hin zu einem XP-Level-System, in dem man vom Matrosen bis zum Admiral aufsteigen kann.
KI als virtueller Co-Founder
Hinter dem Projekt steht der 48-jährige IT-Softwaremanager Sammy Zimmermanns aus Dresden. Die Gründungsgeschichte von Pfandpirat ist ein klassisches Beispiel für ein Problem, das aus dem eigenen Alltag heraus gelöst wurde: Aus gesundheitlichen Gründen begann Zimmermanns, täglich spazieren zu gehen. Dabei fiel ihm das immense Leergut-Aufkommen auf den Straßen auf.
Als Solo-Gründer stand er jedoch vor der klassischen Ressourcen-Hürde, die er durch den pragmatischen Einsatz von generativer KI löste. Ohne großes Startkapital nutzte er KI-Assistenten für Konzept, Programmierung, Design und Pressearbeit. „Die größte Hürde war tatsächlich nicht eine einzelne Funktion, sondern die Summe aus allem“, räumt Zimmermanns ein. Statt ein kleines Team anzuheuern, entwickelte er mithilfe der KI rasend schnell Prototypen und komplexe Features wie das XP-System oder eine Gamification-Logik. Dennoch stellt er klar: „KI hat mir die Arbeit nicht abgenommen. Die Entscheidungen, Tests, Verantwortung und der konkrete Praxisbezug kamen von mir.“ Die KI sei vielmehr ein unabdingbarer Beschleuniger und Sparringspartner gewesen. Entstanden ist so eine leichtgewichtige Progressive Web App (PWA), die komplett auf Hürden klassischer App-Store-Installationen verzichtet und direkt im Browser läuft.
Zero-Budget-Marketing und starke Traction
Das Projekt wird bislang vollständig eigenfinanziert und wächst organisch – die Customer Acquisition Costs (CAC) liegen faktisch bei null Euro. Doch wie überwindet man das klassische Henne-Ei-Problem einer neuen Plattform, wenn die digitale Karte noch komplett leer ist? „Am Anfang habe ich die Karte selbst mit echten Beobachtungen gefüllt“, verrät der Gründer. Er dokumentierte eigene Pfandfunde und leitete daraus erste Spielmechaniken ab. „Dadurch war Pfandpirat nicht nur eine leere Plattform, sondern hatte von Beginn an reale Daten und eine nachvollziehbare Geschichte“, erklärt Zimmermanns den anfänglichen Reiz der App.
Die Einstiegshürden wurden so niedrig wie möglich gehalten, sodass Pfand inzwischen auch ohne Account gemeldet werden kann. Den eigentlichen Durchbruch brachten dann die ersten lokalen Presseberichte. Heute zeigen die Zahlen, wie schnell sich die Mechaniken auszahlen:
- Nutzer*innenbasis: Die Plattform verzeichnet mittlerweile 319 registrierte App-Nutzer*innen.
- Datenvolumen: In der Datenbank befinden sich 13.629 Gesamteinträge an über 11.000 verzeichneten Fundorten.
- Reichweite: Das System wird inzwischen in 80 verschiedenen Städten aktiv genutzt.
- Detailtiefe: Nutzer*innen haben bereits über 2.400 Getränke dokumentiert und Barcodes via Smartphone-Kamera erfasst.
Gebunden wird die Community durch Spieltrieb: Es gibt das Maskottchen „Käpt'n Kork“, ein Level-System, einen Schrittzähler und lokale Push-Benachrichtigungen.
Der Markt: Ein Millionenpotenzial auf der Straße
Laut Umweltbundesamt liegt die Rücklaufquote für Einwegpfand bei starken 98 Prozent. Doch der verbleibende Rest, der sogenannte Pfandschlupf, summiert sich laut Zimmermanns Berechnungen auf einen deutschlandweiten Verlust von rund 225 Millionen Euro im Jahr.
Auf die kritische Nachfrage, wie viel davon durch Pfandpirat tatsächlich wieder messbar im Kreislauf landet, bemüht sich der Gründer um saubere journalistische Distanz zu seinen eigenen Zahlen: „Ich trenne hier sehr bewusst zwischen Potenzial, dokumentierten Funden und nachweisbarer Rückführung.“ Die Millionen-Hochrechnung diene vor allem dazu, das Ausmaß des Problems greifbar zu machen. Um die reine Meldung perspektivisch in belastbare Daten umzuwandeln, testet Pfandpirat aktuell einen „Pfandbon-Check“ in der Beta-Version. Hierüber können Nutzer*innen ihre Rückgaben validieren lassen.
Zudem weitet die Plattform ihren Fokus auf verschenkte Gegenstände am Straßenrand aus. Ist das eine strategische Flucht nach vorn, weil die Pfand-Nische zu eng wird? „Für mich ist das keine Flucht aus einer Nische, sondern eine logische Erweiterung derselben Grundidee“, kontert Zimmermanns. Dinge, die noch einen Wert haben, sollen nicht unsichtbar verschwinden. Pfand bleibe der Kern, aber der Verschenken-Modus öffne die App in Richtung einer breiteren Zero-Waste- und Kreislaufwirtschaft.
Wettbewerb und Positionierung im Markt
Der Markt rund um Flaschenpfand und Stadtreinigung ist keineswegs unbesetzt, aber fragmentiert. Während Initiativen wie Pfandgeben.de private Haushalte direkt an bedürftige Flaschensammler*innen vermitteln und Pfand gehört daneben als breite Sensibilisierungskampagne auftritt, positioniert sich Pfandpirat hybrid: mit einer GPS-basierten PWA für Casual Gamer, umweltbewusste Passant*innen und technikaffine Spaziergänger*innen.
Kritisch hinterfragt: Zielgruppen und Monetarisierung
Aus Investor*innensicht wirft das reine Bootstrapping-Projekt fundamentale Fragen auf, allen voran die fehlende Monetarisierung. Wann also muss die kostenfreie App profitabel werden? Der IT-Manager bremst die Erwartungen an eine schnelle Kommerzialisierung, verweist aber auf erste kleine Erfolge: „Der erste Euro ist im Kleinen aber tatsächlich schon verdient.“ Über Affiliate-Links in der Getränkesuche, etwa zu Rewe oder Lieferando, würden bereits kleine Provisionen fließen. Perspektivisch plant er Coupon-Modelle, gesponserte Challenges und anonymisierte Trendanalysen für Kommunen und den Handel, betont aber: „Monetarisierung darf den sozialen und ökologischen Zweck nicht beschädigen.“
Ein weiteres strukturelles Problem ist die Zielgruppen-Dissonanz: Die App spricht primär Passant*innen an, die aus Spaß mitmachen – Bedürftige hingegen haben oft weder Zeit noch das Datenvolumen oder moderne Hardware für solche Spielereien. Baut Zimmermanns hier eine Lösung an der eigentlich betroffenen Zielgruppe vorbei? Der Gründer verweist zur Einordnung auf die „Pfandstudie Deutschland 2026“, wonach von den über 1,1 Millionen Pfandsammler*innen hierzulande die Mehrheit nicht aus existenzieller Not, sondern zur Einkommensergänzung oder aus Umweltschutzgründen aktiv ist.
Dennoch verschließt er nicht die Augen vor denjenigen, denen der digitale Zugang fehlt. Sein Gegenargument: „Menschen mit Smartphone können Pfand sichtbar machen, auch ohne selbst zu sammeln.“ So entstünden Hinweise, die allen zugutekommen. Zimmermanns wehrt sich gegen falsche Romantik: „Pfandpirat soll keine soziale Realität romantisieren, sondern ein digitales Werkzeug schaffen, das ein unterschätztes Alltagssystem sichtbarer, messbarer und besser nutzbar macht.“
Unser Fazit
Für die Start-up-Szene ist Pfandpirat ein exzellentes Lehrstück. Es zeigt eindrucksvoll, wie sich aus einer einfachen Idee durch Lean-Management, KI-Tools und Zero-Budget-Marketing ein funktionierender Proof of Concept über Dutzende Städte hinweg ausrollen lässt. Doch die Transformation von einer sympathischen Community-Idee hin zum skalierbaren Geschäftsmodell erfordert zwingend eine ausgereifte Monetarisierungsstrategie.
Wo also steht das Projekt in drei Jahren? Sucht Sammy Zimmermanns aktiv nach Investor*innen? „In drei Jahren möchte ich, dass Pfandpirat nicht mehr nur als Dresdner App wahrgenommen wird, sondern als kleine digitale Infrastruktur für Pfand, Stadtraum und Kreislaufwirtschaft“, wünscht sich der Gründer. Er sei durchaus offen für Business Angels oder Partner*innen – vorausgesetzt, sie bringen einen echten Zugang zum Thema öffentlicher Raum mit. Und noch etwas ist ihm wichtig: Partner*innen müssten die Mission verstehen, „und nicht nur schnelles Wachstum sehen“.
Vom Ascheplatz in die Cloud: Wie CoTrainer mit einem Millionen-Investment das Ehrenamt professionalisiert
CoTrainer-CEO Claudius Ludwig im Interview: Eine Million Euro Seed-Kapital, starke Partner und die Digitalisierung des verstaubten Amateurfußballs.
Der Amateurfußball in Deutschland lebt von Emotionen, Schweiß und chronischer Zettelwirtschaft. Während im Profibereich datengetriebene Analysen und hochmoderne Apps Standard sind, organisieren die rund 24.000 Amateurvereine ihren Alltag oft noch via WhatsApp-Gruppen, Excel-Tabellen und auf Zuruf. Ein zeitraubender Zustand für die ohnehin belasteten Ehrenamtlichen.
Das Kölner Start-up CoTrainer (Fussballetics GmbH) hat diesem Chaos den Kampf angesagt. Gegründet Ende 2022 von André Werres, Dyke Lambertz und Claudius Ludwig, bündelt die Plattform Vereinsorganisation, Trainingsplanung und Spielerentwicklung an einem Ort. Das Konzept überzeugt nicht nur bereits über 150 Vereine, sondern nun auch namhafte Geldgeber. Ende Juni 2026 verkündete das zehnköpfige Team den erfolgreichen Abschluss einer Seed-Finanzierungsrunde über eine Million Euro. Als Lead-Investor steigt mit kicker ventures der Investment-Arm der traditionsreichen Sportmedienmarke ein, flankiert von hochkarätigen Business Angels wie Nationalspieler Maximilian Arnold.
Wir haben mit CEO Claudius Ludwig über die harten Realitäten beim Aufbau eines Sport-Tech-Start-ups gesprochen, über die Herausforderungen eines Sommer-Relaunchs und die Kunst, eine traditionelle Nische wie das Ehrenamt zu monetarisieren.
Das Interview
Das Funding & die Investor-Strategie
StartingUp: Glückwunsch zur Millionen-Seed-Runde! Was war das schlagkräftigste Argument, mit dem ihr kicker ventures und die anderen Investoren überzeugt habt?
Claudius Ludwig: Vielen Dank für die Glückwünsche. Überzeugt hat kicker ventures, wie auch alle Business Angels, vor allem eines: Wir verstehen als Gründerteam die Zielgruppe und den Markt. Wir haben den Fußball in ganz unterschiedlichen Funktionen erlebt – als Vorstand, als Trainer und als Spieler. Daraus konnten wir sehr genau herausarbeiten, welche Probleme im Verein tatsächlich existieren und wie wir sie mit CoTrainer lösen. Dazu kommt, dass unsere Gesellschafter diese Probleme aus ganz verschiedenen Perspektiven kennen, ob als Eltern oder, im Fall des kicker, aus dem Markt heraus. Jeder versteht die Ausgangslage sofort, und es ist eine echte Emotionalität für das Thema da. Das hat im Prozess enorm geholfen.
StartingUp: Mit kicker ventures habt ihr einen reichweitenstarken Lead-Investor an Bord. Wie stellt ihr sicher, dass daraus eine echte operative Hebelwirkung entsteht und keine reine „Logo-Partnerschaft“ bleibt?
Claudius Ludwig: Der kicker hat sich selbst zum Ziel gesetzt, den Amateursport und damit auch den Amateurfußball zu unterstützen. Genau deshalb arbeiten wir sehr eng verzahnt zusammen, und zwar auf mehreren Ebenen: über die Reichweite des kicker, über Datenschnittstellen und vor allem über ein gemeinsames Ziel. Wir wollen den Amateursport verbessern, unterstützen und professionalisieren. Diese inhaltliche Deckung ist der Grund, warum daraus keine reine Logo-Partnerschaft wird. Wir verfolgen dasselbe Ziel und stehen hierfür gemeinsam auf dem Platz.
StartingUp: Auf eurer Investorenliste stehen VCs, Business-Angels und Profis wie Maximilian Arnold. Wie steuert man ein so diverses Konsortium, ohne dass zu viele Köche den Brei verderben?
Claudius Ludwig: Wir haben diverse Business Angels und Investoren an Bord und holen uns deren Unterstützung sehr gezielt zu einzelnen Themen. Genau darin liegt der Vorteil. Wir können sagen: In diesem Bereich brauchen wir die Expertise von einem Maximilian Arnold oder einer Svenja Huth, in einem anderen Bereich eher die Unterstützung von VCs wie superangels oder eines anderen Gesellschafters. So kommt an jeder Stelle die Expertise zum Tragen, die wir dort tatsächlich brauchen. Das funktioniert bislang sehr, sehr gut.
Produkt-Relaunch, Markt-Validierung & Wettbewerb
StartingUp: Für diesen Sommer plant ihr einen Produkt-Relaunch, gleichzeitig stößt Marco Giesen als neuer CTO zu euch. Wie minimiert ihr das Risiko, beim Übergang eure über 150 Bestandskunden zu verlieren?
Claudius Ludwig: Marco Giesen ist nicht als Externer in die Firma gekommen. Er hat vorher bereits als Freelancer für CoTrainer gearbeitet und war CTO der Street Pro GmbH – also des Start-ups, das wir damals mit CoTrainer aufgekauft haben. Er kannte das Produkt dadurch nicht nur technisch, sondern auch inhaltlich und von der Vision her. Zusammen mit den Erfahrungen aus seinen vorherigen Positionen konnte er deshalb sehr schnell Verantwortung übernehmen und unsere gesamte Tech-Infrastruktur extrem stabilisieren.
StartingUp: Wie sieht eure Produktstrategie aus, um auch den digitalisierungsskeptischen Trainer der alten Schule abzuholen und eine hohe Nutzerakzeptanz zu erreichen?
Claudius Ludwig: Über unser Betreuungskonzept und die Trainerfortbildungen, die wir mit den Trainern der jeweiligen Vereine durchführen, erreichen wir eine sehr hohe Akzeptanz. Dazu kommt der Vorteil, dass wir bewusst verschiedene Ebenen bespielen: die Vereinsvorstände, die Trainer sowie Spieler und Eltern. Entscheidend ist, dass diese Hebel ineinandergreifen. Dafür müssen wir alle Akteure mitnehmen, und vor allem muss jeder verstehen, welchen Vorteil er selbst daraus zieht. Deshalb stellen wir jeden einzelnen Akteur in den Mittelpunkt und versuchen, dessen Bedürfnisse wirklich zu verstehen. Ein sauberer Problem-Solution-Fit ist an dieser Stelle das Wichtigste.
StartingUp: Was macht CoTrainer substanziell anders oder besser als etablierte Platzhirsche wie SpielerPlus oder Teamer, um kein reines „Me-too-Produkt“ zu sein?
Claudius Ludwig: Damit haben wir tatsächlich keine großen Probleme, weil wir der erste Anbieter sind, der eine 360-Grad-Lösung anbietet. Wir verbinden alle Komponenten miteinander: die Trainingsplanung, die individuelle Förderung sowie die Organisation auf Team- und auf Vereinsebene, inklusive Sponsoring. Genau diese Verbindung gibt es sonst nicht, und deshalb sind wir auch kein Me-too-Produkt.
Das Monetarisierungs-Dilemma im Ehrenamt
StartingUp: Wie schafft man es, einer chronisch unterfinanzierten Zielgruppe von ehrenamtlichen Vereinen ein Software-as-a-Service-Modell (SaaS) schmackhaft zu machen?
Claudius Ludwig: Das gelingt, indem man die Bedürfnisse und die Ausgangssituation der Zielgruppe konsequent in den Mittelpunkt stellt und sich Gedanken darüber macht, wie Vereine über die Plattform selbst Mehreinnahmen generieren können. Im Schnitt verdienen über 90 Prozent unserer Vereine mit CoTrainer Geld; sie erzielen durchschnittlich 350 € Mehreinnahmen monatlich. Das ist für uns ein starkes Zeichen, weil unsere Vereine damit nicht nur organisatorisch und auf Ebene der Trainingsinhalte stabilisiert werden, sondern eben auch finanziell langfristig stabil bleiben können. Deshalb ist es uns so wichtig, dass Vereine über unsere Sponsoren-Integration und unser Sponsoring-Konzept zusätzliche Einnahmen erzielen.
StartingUp: Ihr habt für die Saison 2026/27 eine Initiative mit einem bekannten Ausrüstungspartner angekündigt. Ist die Einbindung von B2B-Partnern und Sponsoren der eigentliche Hebel für die langfristige Skalierung?
Claudius Ludwig: Die Kooperation mit Capelli Sport, die unter anderem bei der Weltmeisterschaft Kap Verde ausgerüstet haben, sieht so aus: 1.000 Vereine erhalten bis zu 1.000 Euro an Warenwert bei Capelli Sport, also zum Beispiel Ausrüstung für Trainer oder Spieler. Stark wird das durch die Kombination. Wir haben das Motto entwickelt: „Euer erstes Jahr geht auf uns“. Wir reduzieren das erste Jahr für unsere Partnervereine auf 84 Euro monatlich. Damit liegen wir bei einem effektiven Aufwand von null Euro beim Partnerverein innerhalb des ersten Jahres. Unsere Partnervereine werden also nicht nur organisatorisch, strukturell und finanziell stabilisiert, sondern sehen durch die Kooperation auch auf dem Platz gut aus. Partner und Sponsoren ersetzen für uns damit nicht die Lizenzeinnahmen, sie machen sie für den Verein überhaupt erst tragbar.
Team-Skalierung & die Rolle des Gründers
StartingUp: Mit dem frischen Kapital soll euer zehnköpfiges Team vergrößert werden. Welche Schlüsselpositionen müsst ihr besetzen, um zur skalierten Organisation zu wachsen?
Claudius Ludwig: Wir haben die Runde zu einem Zeitpunkt gemacht, an dem wir die Firma bereits auf Effizienzsteigerung ausgelegt hatten, unter anderem durch den Einsatz diverser AI-Tools. Dadurch können wir jetzt über gezielte Neuverpflichtungen sehr gut und sehr schnell weiterwachsen, konkret im Bereich der Partnerbetreuung, im Vertrieb und im Marketing. Dass wir auf Strukturen aufsetzen können, die bei uns bereits etabliert sind, ist ein extremer Vorteil und ein echter Hebel.
StartingUp: Du bist selbst im Amateurfußball aktiv. Wo liegt die Gefahr, wenn man „zu nah“ an der eigenen Zielgruppe baut, und wann musstest du harte Business-Entscheidungen gegen deine eigenen Vorstellungen treffen?
Claudius Ludwig: Wir sehen einen riesigen Vorteil darin, so nah an der Zielgruppe zu sein. Trotzdem ist es wichtig, eine gewisse Distanz zu halten und den Case auch von außen zu betrachten. Genau daraus ist zum Beispiel die Entscheidung entstanden, zu vertikalisieren und ab Herbst alle anderen Sportarten anzubieten. Am Ende ist das vielleicht auch eine romantische Vorstellung, aber wir wollen den Amateursport eben nicht nur im Fußball unterstützen, sondern in allen anderen Bereichen genauso.
StartingUp: Hand aufs Herz: Wo steht CoTrainer in drei Jahren, wenn das Seed-Geld aufgebraucht ist?
Claudius Ludwig: CoTrainer wird in drei Jahren nicht nur im Amateurfußball, sondern auch in allen anderen Amateursportarten Standard sein – als das System, das sowohl für die Vereinsorganisation als auch für die Teamorganisation und für die Trainingsinhalte genutzt wird. Gleichzeitig werden wir zu diesem Zeitpunkt nicht mehr nur in Deutschland aktiv sein. Ähnliche Probleme existieren nicht nur hier, sondern in vielen anderen Ländern.
StartingUp: Danke, Claudius Ludwig, für die Insights!
Das Interview führte StartingUp-Chefredakteur Hans Luthardt
Vom Trading-Floor zum Flagship-Store: Spiritorys ungewöhnlicher Schritt in den Einzelhandel
Das Münchner Start-up Spiritory vollzieht einen strategisch bemerkenswerten Pivot: Die 2022 gegründete Plattform, die sich laut eigenen Angaben als Europas führender Marktplatz für seltene Whiskys und Premiumspirituosen positioniert, wagt den Sprung in den stationären Einzelhandel.
Am 24. Juli 2026 eröffnet das Unternehmen im denkmalgeschützten Münchner Stemmerhof sein erstes physisches Ladengeschäft. Für ein originär digitales FinTech- und Marktplatz-Modell ist dies eine riskante und zugleich spannende Entwicklung, die das D2C-Segment aufhorchen lässt.
Die Gründungshistorie und das Kernmodell
Die Gründer Janis Wilczura und Clemens Bennier starteten Spiritory Anfang 2022 mit der Vision, den oftmals intransparenten Markt für Sammlerspirituosen zu demokratisieren. Das Kernprodukt des Start-ups ist ein digitales Ökosystem, das klassische Börsenmechaniken auf alternative Anlagegüter wie Whisky anwendet. Käufer*innen und Verkäufer*innen in ganz Europa handeln hier zu transparenten und tagesaktuellen Marktpreisen.
Nutzer*innen können zudem ihre Portfolios digital verwalten und Marktdaten abrufen. Mit einer klaren Gebührenstruktur (üblicherweise 6 % für Verkäufer*in und 3 % für Käufer*in) greift das junge Unternehmen die Margen traditioneller Wettbewerber an. Auch prominente Investor*innen glauben an das Modell: So zählt unter anderem der für seine Whisky-Leidenschaft bekannte Comedian Michael Mittermeier zum Gesellschafterkreis.
Markt und Wettbewerb: Ein hart umkämpftes Segment
Der Markt für seltene Spirituosen verzeichnete zuletzt ein enormes Wachstum. In diesem Umfeld muss sich Spiritory gegen etablierte, kapitalstarke Player wie Whisky Auctioneer oder Catawiki behaupten, die oftmals auf klassische Auktionen mit hohen Provisionen setzen. Spiritory differenziert sich nicht nur durch den Live-Trading-Ansatz, sondern auch als B2B-Partner: Das Start-up bietet Händler*innen und Destillerien eine einfache Lösung zur Digitalisierung ihres Vertriebs.
Warum ein physischer Laden?
Dass Spiritory nun mit einer Eröffnungsauswahl von über 100 limitierten Abfüllungen und seltenen Single Malts in München-Sendling offline geht, ist aus klassischer VC-Perspektive unkonventionell. Marktplätze leben von Skalierbarkeit und geringen Grenzkosten; ein Ladengeschäft bringt Fixkosten und lokale Begrenzungen mit sich. Für diesen Omnichannel-Ansatz sprechen jedoch drei Faktoren:
- Trust & Brand Building: In einem Premium-Markt, in dem Authentifizierung entscheidend ist, schafft physische Präsenz Vertrauen. Laut Pressemitteilung sollen im Shop „Storytelling und Markenbindung im Vordergrund“ stehen.
- Hybride Erlebnisse: CEO Janis Wilczura formuliert den Anspruch, ein Entdecker-Erlebnis fernab von reiner „Regalware“ zu schaffen. Der Shop, der bewusst mit Gegensätzen wie „Klostertisch auf ein asymmetrisches Regal“ spielt, fungiert als greifbarer Showroom.
- Kund*innenakquise & Beratung: Die persönliche Beratung vor Ort ist fester Konzeptbestandteil. Dies senkt Einstiegshürden für Neulinge und bindet Kenner*innen emotional an die Marke.
Fazit für die Start-up-Szene
Spiritory demonstriert, dass im absoluten Premiumsegment eine rein digitale Präsenz oft nicht ausreicht, um nachhaltige Kund*innenbeziehungen aufzubauen. Ob der neue Store im Stemmerhof die Plattform durch Cross-Selling messbar befeuert oder sich als reines Marketing-Tool entpuppt, wird sich zeigen. Klar ist: Spiritory monetarisiert durch den Shop-Ausbau gezielt die emotionale Komponente des Marktes, denn hinter jeder Flasche steht – wie das Unternehmen treffend betont – eine Geschichte.
TradeAnyMachine: Bagger, Bieten, B2B
Wie ein WHU-Alumnus den Markt für gebrauchte Baumaschinen digitalisiert.
Das Düsseldorfer Start-up TradeAnyMachine will den Verkauf gebrauchter Baumaschinen für Bauunternehmen lukrativer und sicherer machen. Anstatt Maschinen über lokale Händler*innen an internationale Käufer*innen weiterzureichen und dabei Marge einzubüßen, vernetzt das Unternehmen beide Seiten direkt. Gründer Nils Jacoby verbindet dabei digitales Know-how mit einem engen Draht in die Branche.
Vom Sneaker-Reseller zum B2B-Plattformgründer
Hinter TradeAnyMachine steht ein Gründer, der das Unternehmertum früh für sich entdeckte: Schon mit 14 Jahren baute Nils Jacoby erfolgreich ein Sneaker-Reselling-Geschäft auf. Neben seinem Studium an der WHU gründete er eine Social-Media-Agentur und setzte Kampagnen für Autohäuser von Marken wie Ferrari und Porsche um. Der Impuls zu TradeAnyMachine entstand schließlich aus einem Kundenprojekt im Bau- und Immobilienumfeld. Jacoby erkannte schnell, wie viel Geld Bauunternehmen beim klassischen Verkauf über Zwischenhändler auf der Straße liegen lassen.
Doch der Einstieg des Performance-Marketing-Experten in den traditionsgeprägten Baumaschinensektor war nicht ohne Reibung. „Die Branche hat mir früh klargemacht, dass ein Bauunternehmer nicht auf eine Plattform wechselt, weil sie gut aussieht, sondern weil sie ihm nachweislich einen besseren Preis und einen verlässlichen Prozess bietet“, erinnert sich Jacoby. Man müsse verstehen, wie die Branche tickt – ein intensiver Lernprozess, der für den Gründer im Nachhinein „das Beste war, was passieren konnte“.
Die kapitalintensive erste Entwicklungsphase stemmte er aus eigenen Mitteln und mit Unterstützung des Gründerstipendiums NRW. Der größte Hebel dabei: Jacoby programmierte die Plattform kurzerhand selbst. „Gerade heute, mit KI als Werkzeug, kann ein einzelner Entwickler umsetzen, wofür man vor wenigen Jahren ein ganzes Team gebraucht hätte“, betont der Gründer. Das spare nicht nur Geld, sondern mache das Start-up extrem agil: „Wenn ein Kunde ein Problem meldet, kann die Lösung morgen live sein.“
Die Plattform-Ökonomie im B2B-Check
TradeAnyMachine adressiert den wirtschaftlichen Druck, unter dem viele deutsche Bauunternehmen heute stehen. Die digitale Lösung verkürzt den Zwischenhandel und wird über zwei Säulen abgewickelt:
- Inserat: Über SellAnyMachine.com können Bauunternehmen ihre gebrauchten Maschinen in wenigen Minuten kostenlos einstellen.
- Wettbewerb & Netzwerk: Auf BuyAnyMachine.com gehen die Maschinen in ein Auktionsverfahren, bei dem aktuell mehr als 750 vorab geprüfte internationale Händler*innen mitbieten.
Obwohl die Baubranche als wenig digitalaffin gilt, zählen bereits Branchengrößen wie Eiffage-Infra Bau und Bobcat zu den Partnern des Start-ups. Jacoby räumt ein, dass die meisten Konzerne zunächst stutzig reagieren, wenn ein junges Tech-Unternehmen ihre Prozesse übernehmen will. Hochglanz-Präsentationen helfen da wenig. „Überzeugt hat am Ende kein Pitch, sondern das Ergebnis: direkter Verkauf ohne Zwischenhandel, nachweislich bessere Preise und eine komplette Abwicklung durch uns“, stellt Jacoby nüchtern fest. Seine Erkenntnis aus dem B2B-Vertrieb: „Vertrauen gewinnt man bei einem Konzern durch die erste Maschine, die sauber verkauft wird.“
Transaktionsrisiko? Übernimmt das Start-up
Der zentrale USP liegt jedoch im Juristischen: Gegenüber den verkaufenden Bauunternehmen tritt TradeAnyMachine als deutscher Vertragspartner auf. Laut Angaben der Gründer lassen sich durch den direkten internationalen Wettbewerb bis zu 15 Prozent höhere Erlöse erzielen – doch internationale Deals bergen für die Verkäufer oft erhebliche Ausfallrisiken.
„Genau dieses Risiko wollen Bauunternehmen nicht tragen, und deshalb übernehmen wir es“, erklärt Jacoby selbstbewusst. Er schränkt jedoch ein, dass dies keineswegs blind, sondern streng kontrolliert passiere. Die Regel gegen Zahlungsausfälle ist denkbar simpel: „Die Maschine wird erst übergeben, wenn das Geld vollständig bei uns eingegangen ist.“
Auch bei der Haftung für verdeckte Mängel baut das Unternehmen vor. Da gebrauchte Baumaschinen im B2B-Geschäft grundsätzlich unter Ausschluss der Gewährleistung verkauft werden, steht und fällt alles mit der Vorab-Prüfung. Jede Maschine wird vor dem Verkauf akribisch dokumentiert. „Der Verkäufer arbeitet mit uns aus dem Grund, dass er sich um nichts kümmern muss, also müssen unsere Prozesse so sauber sein, dass wir das auch halten können“, resümiert der Unternehmer das eigene Risikomanagement.
Angriff auf die Platzhirsche
Aktuell wird der Markt von großen, etablierten Portalen dominiert. Während klassische Anzeigenportale zwar Reichweite bieten, lassen sie die Verkäufer*innen bei der Abwicklung oft allein. Online-Auktionshäusern mangelt es wiederum oft an Geschwindigkeit und direkter Planbarkeit. Genau in diese Lücke stößt TradeAnyMachine.
Doch ein Plattform-Modell steht und fällt mit der Liquidität auf beiden Seiten – und der Akquise von Nutzer*innen, die oft Unsummen verschlingt. Auf die Frage, wie das Start-up internationale Händler*innen ohne verbranntes Millionenbudget anlockt, hält sich Jacoby bedeckt und deklariert die genaue Strategie als Wettbewerbsvorteil. Er lässt jedoch durchblicken, dass sein Hintergrund im Performance-Marketing hier entscheidend sei: „Wir gewinnen Käufer heute zu einem Bruchteil der Kosten, die im klassischen Marketing dafür üblich wären.“
Das Monetarisierungsmodell ist derweil äußerst transparent aufgesetzt. Für die Verkäufer*innenseite bleibt die Plattform komplett kostenlos, während der/die Käufer*in im Erfolgsfall eine Gebühr von vier Prozent des Kaufpreises zahlt. Jacoby argumentiert pragmatisch: „Der Verkäufer hat keinen Grund, nicht bei uns zu listen, und der Käufer zahlt nur, wenn er tatsächlich eine Maschine erhält.“
Unser Fazit
Für die Start-up-Szene ist TradeAnyMachine ein exzellentes Beispiel dafür, wie sich klassische B2B-Branchen durch zielgerichtete Plattform-Ökonomie modernisieren lassen. Anstatt einen Markt vom Reißbrett neu zu erfinden, digitalisiert der Gründer einen etablierten Wertschöpfungsprozess und löst ein echtes Problem: Margenverlust und Transaktionsrisiko. Diese Marktexpertise, gepaart mit den digitalen Fähigkeiten des Gründers, bildet ein solides Fundament, um das klassische Handels-Dilemma im B2B-Segment aufzubrechen.
