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Zip2 - Elon Musks erstes Startup
Wie Elon Musk sein erstes Start-up Zip2 gründete
Er ist der vielleicht spannendste Entrepreneur unserer Zeit: Elon Musk, Macher von PayPal, Tesla, SpaceX. Hier die Geschichte seiner ersten Gründung, Zip2, die er 1994 zusammen mit seinem Bruder startete. Im Gepäck hatte der damals 23-Jährige eine vage Idee über die Chancen, die ein Dotcom-Unternehmen bieten könnte, 2000 US-Dollar Kapital, ein Auto und einen Computer.
Sommer 1994: Elon und sein Bruder Kimbal machten den ersten Schritt auf ihrem Weg, waschechte Amerikaner zu werden (aufgewachsen waren sie in Südafrika): Sie unternahmen eine Autoreise durch das ganze Land. Kimbal hatte als Franchise-Nehmer für College Pro Painters im Grunde ein eigenes kleines Unternehmen geführt und damit gut verdient. Er verkaufte seine Lizenz und legte die Einnahmen mit dem zusammen, was Elon zur Hand hatte, um einen alten, angeschlagenen BMW 320i zu kaufen.
Die Brüder begannen ihre Reise im August in der Nähe von San Francisco, als es in Kalifornien richtig heiß wurde. Der erste Teil ihrer Fahrt führte sie nach Needles, einer Stadt in der Mojave-Wüste. Dort erlebten sie das schweißtreibende Abenteuer von 49 Grad in einem Auto ohne Klimaanlage und gewöhnten sich an, ihre Pausen bei der Burgerkette Carl’s Jr. einzulegen, wo sie sich stundenlang zum Abkühlen aufhielten. Die Reise bot reichlich Gelegenheiten für den typischen Quatsch von jungen Männern in ihren Zwanzigern und wilde kapitalistische Tagträume.
Dank Verzeichnisdiensten wie Yahoo! und Software wie dem Net-scape-Browser hatte das Web gerade begonnen, massentauglich zu werden. Die Brüder waren begeistert vom Internet und dachten darüber nach, zusammen ein Web-Unternehmen zu gründen. Von Kalifornien bis Colorado wechselten sie zwischen Fahren, Brainstorming und Unsinnreden, bevor sie wieder Richtung Osten fuhren, um Elon rechtzeitig zum Semesterbeginn im Herbst zurück zur Universität zu bringen. Die beste Idee, die aus dieser Reise hervorging, war ein Online-Netzwerk für Ärzte. Es war nicht so ambitioniert wie die elektronischen Patientenakten von heute, sondern eher ein System für den Austausch von Informationen und Zusammenarbeit. „Die Medizinbranche sah aus wie eine, in der es eine Disruption geben könnte. Später machte ich mich daran, einen Businessplan und die Strategie für Vertrieb und Marketing auszuarbeiten, aber es wurde nichts daraus. "Wir haben die Idee nicht geliebt“, sagt Kimbal.
Den Anfang des Sommers hatte Elon mit zwei Praktika im Silicon Valley verbracht. Tagsüber arbeitete er im Pinnacle Research Institute in Los Gatos, einem viel gelobten Start-up, in dem ein Team von Wissenschaftlern nach Möglichkeiten suchte, Superkondensatoren als revolutionäre Energiequelle für Elektro- und Hybridautos einzusetzen. Zumindest in Ansätzen neigte die dortige Arbeit auch zum Bizarren. Elon konnte ausgiebig darüber sprechen, wie Superkondensatoren in der Tradition von Star Wars und so ziemlich jedem anderen futuristischen Film für Laserwaffen eingesetzt werden könnten. Die Laser sollten enorme Mengen Energie abfeuern, anschließend sollte der Schütze den Superkondensator wechseln wie bei konventionellen Waffen das Magazin – und schon konnte es weitergehen.
Auch als Stromversorgung für Raketen sahen Superkondensatoren vielversprechend aus. Sie waren weniger anfällig für die mechanischen Belastungen beim Start als Batterien und besser darin, Strom über längere Zeiträume zu speichern. Elon verliebte sich in die Arbeit bei Pinnacle und begann, das Unternehmen als Basis für seine Experimente mit Business-Plänen an der Universität und seine Fantasien als Industrieller zu nutzen. Abends dann machte er sich auf dem Weg zu Rocket Science Games, einem Start-up in Palo Alto, das die fortschrittlichsten Videospiele herstellen wollte, die es je gegeben hatte; dazu sollten die Spiele nicht mehr auf Kassetten gespeichert werden, sondern auf CDs mit ihrer viel höheren Kapazität. Theoretisch war es dadurch möglich, Spielen so aufwendige Geschichten und eine so hohe Qualität wie Hollywood-Filmen zu geben, und an dieser Arbeit war ein gemischtes Team aus angehenden Stars ihres Fachs – teils Ingenieure, teils Filmmenschen – beteiligt. Tony Fadell, der später entscheidend zur Entwicklung von iPod und iPhone bei Apple beitragen sollte, arbeitete ebenso bei Rocket Science wie das Team, das für Apple die Multimedia-Software QuickTime entwickelt hatte. Ebenfalls dabei waren Leute, die bei Industrial Light & Magic für die Effekte von Star Wars verantwortlich waren, und einige, die zuvor bei LucasArts Entertainment Spiele entwickelt hatten. Rocket Science gab Elon ein Gefühl dafür, was das Silicon Valley hinsichtlich Kultur und Talenten zu bieten hatte.
Manche Mitarbeiter waren rund um die Uhr in ihren Büros und niemand fand es das kleinste bisschen merkwürdig, dass Elon immer erst um 17 Uhr zu seinem Zweitpraktikum erschien. „Wir hatten ihn geholt, damit er einen maschinennahen Programmcode schreibt“, sagt Peter Barrett, ein australischer Ingenieur, der das Unternehmen mit auf den Weg gebracht hatte. „Er war absolut unerschütterlich. Ich glaube, schon nach kurzer Zeit gab ihm niemand mehr irgendwelche Anweisungen. Und am Ende machte er, was er wollte.“ Konkret sollte Musk die Treiber schreiben, mit deren Hilfe Joysticks und Mäuse mit unterschiedlichen Computern und Spielen kommunizieren. Treiber sind die nervigen kleinen Dateien, die Sie auch zu Hause installieren müssen, wenn Sie einen Drucker oder eine Kamera mit Ihrem PC verbinden wollen – eine langweilige Angelegenheit.
Elon hatte sich das Programmieren selbst beigebracht. Er fand sich recht gut darin, also gab er sich anspruchsvollere Aufgaben. „Im Prinzip überlegte ich mir Möglichkeiten für Multitasking, wie man also Videos von einer CD einlesen und gleichzeitig das Spiel laufen lassen kann“, erklärt Musk. „Damals war immer nur eines von beidem möglich. Um das zu ändern, brauchte es ein bisschen komplizierte Assembler-Programmierung.“ Kompliziert ist genau das richtige Wort. Elon musste Befehle programmieren, die sich direkt an den Hauptprozessor von Computern richten und in grundlegendste Funktionen dieser Maschinen eingreifen. Bruce Leak, der frühere leitende Techniker für QuickTime bei Apple, hatte das Praktikum von Elon genehmigt und war angetan von dessen Fähigkeit, nächtelang durchzuarbeiten. „Er hatte endlos viel Energie. Die jungen Leute von heute haben keine Ahnung mehr von Hardware oder davon, wie etwas funktioniert, aber er war ein echter PC-Hacker und hatte keine Angst davor, einfach loszulegen und Sachen herauszufinden“, sagt Leak.
Im Silicon Valley fand Elon reichlich Gelegenheiten, wie er sie suchte, und einen Ort, der zu seinen Ambitionen passte. Die folgenden zwei Sommer über kehrte er dorthin zurück, und nach seinen zwei Abschlüssen in Pennsylvania zog er ganz an die Westküste. Anfangs wollte er noch einen Doktor in Materialwissenschaft und Physik an der Stanford University machen und die Arbeit an Superkondensatoren, die er bei Pinnacle begonnen hatte, fortsetzen. Doch wie es so gehen kann – schon nach zwei Tagen hörte er in Stanford wieder auf, weil er den Ruf des Internets unwiderstehlich fand. Er überredete Kimbal, ebenfalls ins Silicon Valley zu kommen, um zusammen mit ihm das Web zu erobern. Auf die ersten Ideen für ein lukratives Internetunternehmen war Elon während seiner Praktika gestoßen. Einmal kam ein Vertreter der Gelben Seiten ins Büro eines der Start-ups und versuchte, ihm als Ergänzung zu der üblichen Auflistung im dicken Branchenbuch einen Online-Eintrag zu verkaufen. Der Vertreter tat sich schwer bei seinen Bemühungen und wusste offensichtlich wenig darüber, was das Internet eigentlich war oder wie man ein Unternehmen darin finden könnte. Das schwache Verkaufsgespräch brachte Elon ins Grübeln und er kontaktierte Kimbal, um mit ihm über eine neue Idee zu sprechen: Unternehmen dabei helfen, eine Präsenz im Internet zu erhalten. „,Diese Leute wissen nicht, wovon sie sprechen. Vielleicht wäre das was für uns‘, sagte Elon zu mir“, berichtet Kimbal. Das war im Jahr 1995 und bald gründeten die Brüder Global Link Information Network, ein Start-up, das sie später in Zip2 umbenannten.
Die Idee für Zip2 war genial. Im Jahr 1995 verstanden nur wenige kleine Unternehmen die Bedeutung des Internets. Sie wussten wenig darüber, wie sie im Netz präsent sein konnten, und sahen keinen großen Wert darin, eine eigene Website aufzubauen oder sich in Online-Branchenbüchern zu präsentieren. Elon und sein Bruder wollten Restaurants, Kleidungsläden, Friseure und ähnliche Geschäfte davon überzeugen, dass die Zeit reif für sie war, die im Web surfende Öffentlichkeit auf sich aufmerksam zu machen. Zip2 sollte ein durchsuchbares Verzeichnis von Unternehmen aufbauen und es in Karten einbinden. Musk erklärte das Konzept häufig mithilfe von Pizza: Jeder habe das Recht, den Standort der am nächsten gelegenen Pizzeria und eine genaue Wegbeschreibung dorthin zu bekommen. Heute mag das offensichtlich erscheinen – es ist eine Mischung aus Yelp und Google Maps. Damals aber hatten noch nicht einmal hartgesottene Kiffer einen solchen Dienst erträumt.
Die Adresse von Zip2 war 430 Sherman Avenue in Palo Alto. Die Musk-Brüder mieteten ein Einraumbüro von 6 mal 9 Metern Größe und kauften ein paar einfache Möbel dafür. Das dreistöckige Gebäude hatte seine Besonderheiten. Es gab keinen Aufzug und die Toiletten waren häufig verstopft. „Es war ganz wörtlich ein Scheißplatz zum Arbeiten“, sagt einer der frühen Angestellten. Für eine schnelle Internetverbindung machte Elon einen Deal mit Ray Girouard, einem Entrepreneur, der im Stockwerk unter Zip2 einen Internetprovider betrieb. Laut Girouard bohrte Elon in der Nähe der Eingangstür von Zip2 ein Loch in die Gipskartondecke, durch das er dann ein Ethernet-Kabel zu dem Provider verlegte. „Ein paar Mal haben sie zu spät bezahlt, aber sie haben mich nie um mein Geld betrogen“, sagt Girouard.
Die gesamte erste Programmierung für den Dienst erledigte Elon selbst, während der umgänglichere Kimbal sich um den Aufbau des Tür-zu-Tür-Vertriebs kümmerte. Elon hatte eine billige Lizenz für eine Datenbank mit Namen und Adressen von Unternehmen in der Bay Area gekauft. Als Nächstes wandte er sich an Navteq, ein Unternehmen, das Hunderte Millionen Dollar für die Erstellung von digitalen Karten und Wegbeschreibungen für frühe GPS-Navigationsgeräte ausgegeben hatte. Das Ergebnis war sehr erfreulich: „Wir riefen dort an und sie gaben uns die Technologie umsonst“, erzählt Kimbal. Elon führte die beiden Datenbanken zusammen und brachte so ein rudimentäres System zum Laufen. Mit der Zeit ergänzten Zip2-Programmierer diesen ersten Datenbestand dann um weitere Karten für Gebiete außerhalb der großen Metropolregionen. Außerdem entwickelten sie eigene Wegbeschreibungen, die gut aussehen und gut auf normalen Heimcomputern angezeigt werden sollten.
Errol Musk gab seinen Söhnen als Unterstützung für die Startphase 28.000 Dollar, doch nachdem sie das Büro, Softwarelizenzen und etwas Technik bezahlt hatten, waren sie mehr oder weniger pleite. Die ersten drei Monate des Bestehens von Zip2 lebten die Brüder in ihrem Büro. Sie hatten einen kleinen Schrank, in dem sie ihre Kleidung aufbewahrten, zum Duschen gingen sie in eine Jugendherberge. „Manchmal aßen wir viermal am Tag bei Jack In The Box“, sagt Kimbal. „Dort war 24 Stunden geöffnet, was gut zu unserem Arbeitsstil passte. Einmal holte ich mir einen Smoothie und es war irgendetwas darin. Ich nahm es einfach heraus und trank weiter. Seit dieser Zeit kann ich nicht mehr dort essen, aber ich kenne immer noch die Speisekarte auswendig.“ Als Nächstes mieteten die Brüder ein Appartement mit zwei Schlafzimmern – für Möbel fehlte ihnen sowohl das Geld als auch das Interesse, also gab es nur ein paar Matratzen auf dem Boden.
Irgendwie überredete Elon einen jungen südkoreanischen Programmierer, im Tausch gegen Kost und Logis als Praktikant bei Zip2 anzufangen. „Der arme Junge dachte, er bekäme einen Job in einem großen Unternehmen“, erzählt Kimbal. „Stattdessen wohnte er bei uns und hatte keine Ahnung, worauf er sich einließ.“ Eines Tages wollte der Praktikant mit dem angeschlagenen BMW 320i zur Arbeit fahren, als ihm ein Rad absprang. An der Kreuzung Page Mill Road und El Camino Real bohrte sich die Achse in den Boden. Die von ihr gezogene Rille war noch Jahre später dort zu sehen.Zip2 mag ein voll im Trend liegendes Internetunternehmen für das Informationszeitalter gewesen sein, doch um es ins Laufen zu bringen, brauchte es ganz altmodisches Klinkenputzen für den Vertrieb. Unternehmen mussten von den Vorzügen des Web überzeugt und mit Charme dazu gebracht werden, für etwas Unbekanntes zu bezahlen.
Ende 1995 stellten die Musk-Brüder ihre ersten Mitarbeiter ein und bauten ein kunterbuntes Vertriebsteam auf. Einer der ersten Angestellten war Jeff Heilman, ein freigeistiger 20-Jähriger, der noch nicht recht wusste, was er mit seinem Leben anfangen sollte. Eines Abends hatte er zusammen mit seinem Vater im Fernsehen einen Werbespot gesehen, bei dem unten auf dem Bildschirm eine Webadresse eingeblendet wurde. „Er war für irgendwas.com“, erinnert sich Heilman. „Ich weiß noch, wie ich dort saß und meinen Vater fragte, was das sein sollte. Der sagte, er wisse es auch nicht. Da wurde mir klar, dass ich losgehen musste, um etwas über das Internet zu erfahren.“ Ein paar Wochen lang versuchte Heilman, Leute zu finden, die ihm das Internet erklären konnten. Dann sah er eine kleine Stellenanzeige von Zip2 in der Zeitung San Jose Mercury News. „Internetverkäufer hier bewerben!“, hieß es darin und Heilman bekam den Job.
Elon schien das Büro nie zu verlassen. Einem Hund nicht unähnlich, schlief er auf einem Knautschsack neben seinem Schreibtisch. „Ich kam fast jeden Tag um 7.30 oder 8 Uhr ins Büro und dann sah ich ihn dort auf dem Sack schlafen“, sagt Heilman. „Geduscht hat er vielleicht am Wochenende. Ich weiß es nicht.“ Elon bat die ersten Zip2-Mitarbeiter, ihn kurz zu treten, wenn sie kamen; dann wachte er auf und fing wieder an zu arbeiten. Während Elon obsessiv programmierte, wurde Kimbal der mitreißende Vertriebschef. „Kimbal war der ewige Optimist und sehr, sehr motivierend. Ich hatte noch nie jemanden wie ihn getroffen“, sagt Heilman. Kimbal schickte ihn in das schicke Stanford-Einkaufszentrum und in die University Avenue, die wichtigste Attraktion von Palo Alto, um die dortigen Geschäftsinhaber zu einem Vertrag mit Zip2 zu überreden – ein bezahlter Eintrag, so erklärte Heilman immer wieder, garantiere dem Unternehmen eine Auflistung an der Spitze der Suchergebnisse.
Das Problem dabei war natürlich, dass niemand anbiss. Woche für Woche klopfte Heilman an Türen und kam zurück ins Büro, ohne viel Gutes berichten zu können. Noch am nettesten waren die Antworten von Leuten, die sagten, Werbung im Internet sei das Blödeste, von dem sie je gehört hätten. Meistens aber sagten die Inhaber Heilman nur, er solle verschwinden und sie in Ruhe lassen. Immer gegen Mittag griffen die Musks in die Zigarrenkiste, in der sie etwas Geld aufbewahrten, luden Heilman zum Essen ein und ließen sich den deprimierenden Statusbericht über seine Verkaufsbemühungen geben. Craig Mohr, ein weiterer früher Mitarbeiter, gab seinen Job als Immobilienverkäufer auf, um die Dienste von Zip2 anzubieten. Er entschied sich, sein Glück bei Autohändlern zu versuchen, weil die normalerweise viel Geld für Werbung ausgeben. Er erzählte ihnen von der Hauptwebsite von Zip2 – www.totalinfo.com – und versuchte sie davon zu überzeugen, es gebe starke Nachfrage nach Einträgen.
Der Dienst funktionierte nicht immer, wenn Mohr ihn vorführen wollte, oder die Seiten wurden, wie es damals üblich war, sehr langsam geladen. Dadurch war er gezwungen, die Kunden vor allem mit warmen Worten vom Potenzial von Zip2 zu überzeugen. „Einmal kam ich mit ungefähr 900 Dollar in Schecks zurück“, erzählt er. „Ich ging ins Büro und fragte die Jungs, was ich mit dem Geld machen soll. Elon hörte auf, auf seine Tastatur zu hämmern, schaute hinter seinem Monitor hervor und sagte: ,Du hast Geld – das kann doch nicht sein!‘“ Was den Optimismus der Mitarbeiter am Leben erhielt, waren die ständigen Verbesserungen von Elon an der Zip2-Software. Von einer reinen Konzeptstudie hatte er den Dienst zu einem echten Produkt entwickelt, das tatsächlich genutzt und vorgeführt werden konnte. Als geschickten Marketingtrick versuchten die Musk-Brüder, ihren Webdienst bedeutender aussehen zu lassen, indem sie ihm eine imposante physische Erscheinung gaben. Elon baute ein riesiges Gehäuse um einen normalen PC und montierte ihn auf ein Gestell mit Rädern.
Wenn dann mögliche Investoren vorbeikamen, machte Elon eine Show daraus, diese scheinbar riesige Maschine hereinzurollen. Damit erweckte er den Eindruck, Zip2 laufe auf einem Mini-Supercomputer. „Die Investoren fanden das beeindruckend“, sagt Kimbal. Heilman fiel außerdem auf, dass sie die sklavische Ergebenheit von Elon für das Unternehmen schätzten. „Schon damals, als er im Prinzip noch ein College-Junge mit Pickeln war, hatte Elon diesen Antrieb, dass diese Sache – was immer sie war – gemacht werden musste und dass er, wenn er sie nicht machen würde, den Anschluss verpassen würde“, sagt er. „Ich glaube, das haben die Wagniskapitalgeber erkannt – dass er bereit war, seine Existenz auf den Aufbau dieser Plattform zu verwetten.“ Ziemlich genau so äußerte sich Musk gegenüber einem Kapitalgeber auch selbst: „Ich habe eine Mentalität wie ein Samurai. Ich würde eher Selbstmord begehen als zu scheitern.“
So ging es weiter mit Zip2
1999 kaufte der damalige Hardware-Riese Compaq das Start-up Zip2 für 307 Millionen Dollar. Dies war der größte Betrag, der bis dahin jemals für ein Internetunternehmen gezahlt worden war. Die Beteiligung von Elon war immerhin 22 Millionen Dollar wert.
Der Beitrag ist ein Auszug aus der nun auch auf Deutsch erschienenen Biografie „Der wahre Iron Man“. Ashlee Vance, der US-Wirtschaftsjournalist und Autor der Biografie, hat für sein Buch mehr als 40 Stunden persönlich mit Elon Musk verbracht und exklusiven Zugang zu seinem familiären Umfeld erhalten. Erzählt wird Musks kometenhafter Aufstieg von seiner Flucht aus Südafrika mit 17 Jahren bis heute. Entstanden ist die inspirierende und spannende Geschichte eines der erfolgreichsten Querdenker.
Ashlee Vance, Elon Musk, Wie Elon Musk die Welt verändert - Die Biografie, ISBN: 978-3-89879-906-5, Finanzbuch Verlag 2015, 19,99 EUR
King of Data
Wie Drew Houston seinen Cloud-Service Dropbox aufbaute, dabei der Konkurrenz von Google, Microsoft, Apple und Co. stets um eine Nasenlänge voraus war und wie er sein Start-up aktuell zu einem milliardenschweren Technologie-Unternehmen umbaut.
Dropbox zählt neben Uber, Airbnb und Snapchat zu den am höchsten bewerteten Start-ups weltweit. Auf gut 10 Milliarden US-Dollar wird das 2007 in den USA gegründete Unternehmen aktuell geschätzt, das Vermögen des 33-jährigen Dropbox-Erfinders Drew Houston auf satte 1,2 Milliarden Dollar. Und das trotz der großen Konkurrenz der Tech-Giganten wie Apple, Google, Microsoft und Co., die sich ebenfalls in dem Mega-Business rund um die Cloud positioniert haben.
Drew hat sich mit seinem Co-Gründer Arash Ferdowsi in dieser hart umkämpften Branche binnen weniger Jahre bis an die Spitze gearbeitet. Weder Drew noch Arash sind mediale Stars, sie selbst bleiben lieber im Hintergrund – obwohl ihre Dropbox mit weltweit über 500 Millionen Nutzern als eines der heißesten Start-ups im Silicon-Valley gilt. Umso spannender, sich die beiden Mega-Gründer und ihre Erfolgsstory einmal genauer anzusehen.
Eine Busfahrt mit Folgen
Alles beginnt mit einem Bustrip im Sommer 2006: Der 28-jährige Drew sitzt in einem Fernbus auf dem vierstündigen Weg von Boston nach New York. Drew will die Zeit nutzen, um an seinem Laptop zu arbeiten. Doch dann muss er feststellen, dass er den USB-Stick vergessen hat, auf dem wichtige Dateien gespeichert sind. „Vor meinem geistigen Auge konnte ich den USB-Stick förmlich auf meinem Schreibtisch liegen sehen – an ein Arbeiten während der Busfahrt war somit nicht zu denken“, erinnert sich Drew an diese Situation.
Statt sich nun stundenlang zu ärgern, nutzt der angehende Software-Ingenieur kurzerhand die ihm unfreiwillig geschenkte Zeit, um eine Lösung für sein „Busfahrt-Problem“ zu skizzieren. Die Idee: ein Cloud-Dienst, der Daten so verwaltet und bereithält, dass es den Nutzern auf einfachste Weise möglich ist, online von jedem Ort aus und – besser noch – von jedem Gerät aus auf Dokumente, Fotos, Videos etc. zuzugreifen und diese mit anderen zu teilen. Und zwar so synchronisiert, dass beim Zugriff stets der aktuellste Stand der Daten garantiert ist. Drew entwirft hier sehr ambitionierte Pläne. „Nachdem ich also 15 Minuten lang im Bus Frust geschoben hatte, habe ich damit begonnen, ein paar Codes zu schreiben“, beschreibt er rückblickend die ersten Schritte hin zur Entwicklung seines cloudbasierten Filehosting-Services.
Bits und Bytes im Blut
Das Programmieren hat Drew bereits als Kind für sich entdeckt. Seine Eltern, der Vater Elektroingenieur mit Harvard-Studium, die Mutter Bibliothekarin, schenken ihrem fünfjährigen Sohn einen IBM PC Junior, auf dem dieser zunächst einfach nur spielt. Da Drew aber herausfinden will, wie ein Computerspiel funktioniert, anstatt es einfach nur zu spielen, eignet er sich BASIC an und beginnt zu programmieren. Mit 14 Jahren testet er im Rahmen eines Wettbewerbs die Beta-Version eines Computerspiels auf Herz und Nieren. Angetan von dem Ergebnis, engagieren ihn die Spielehersteller kurzerhand als freien Mitarbeiter – nach Einwilligung seiner Eltern. Während der High-School-Zeit arbeitet Drew nebenher für diverse Softwarefirmen und spürt den Wunsch in sich stärker werden, mal etwas Eigenes zu machen, also selbst einmal eine Firma gründen zu wollen.
Während des Studiums am Massachusetts Institute of Technology (MIT) befasst sich Drew daher auch intensiv mit dem Thema Entrepreneurship. Eine Erkenntnis drängt sich ihm hier schnell auf: „Keiner wird als CEO geboren, auch wenn es in Zeitschriften gern mal so dargestellt wird, als ob man wie Zuckerberg eines Morgens aufwachen würde, um zu wissen, wie man mit einem Milliarden schweren Unternehmen die weltweite Kommunikation neu definiert.“ So war es bei Zuckerberg nicht und so wird es auch nicht bei Drew der Fall sein.
Stattdessen belegt er Kurse in Projektmanagement und lernt, „wie man andere für seine Ideen begeistern kann“. Dabei wird ihm erst so richtig bewusst, dass „man zunächst so mysteriös erscheinende Dinge wie Leadership, Redenhalten oder Management lernen kann“. Als Mitglied des Entrepreneurs Club trifft er erfolgreiche Gründer und MIT-Absolventen und tauscht sich so oft wie möglich mit ihnen aus.
Dies ist ein Auszug aus einem aktuellen Artikel unseres Print-Objekts StartingUp:
Den vollständigen Artikel lesen Sie in der aktuellen StartingUp - Heft 02/16 - ab dem 19. Mai 2016 im Handel oder jederzeit online bestellbar - auch als epaper - in unserem Bestellservice-Bereich
Es kann nur einen geben!
Er ist ein bekennender „Einzeltäter“, und das mit sehr großem Erfolg: Lars Hinrichs hat bereits mehrere Unternehmen gegründet. Mit Firma Nummer drei, dem sozialen Netzwerk XING, wurde er zum reichen Internet-Star. Für den Entrepreneur aus Leidenschaft sind dies nur angenehme Nebeneffekte.
Was als erstes auffällt, wenn man mit ihm spricht: Dass er langsam redet, manchmal längere Pausen zwischen den Sätzen macht, dass er die Worte sorgfältig wählt, erst einmal überlegt, bevor er etwas sagt. Warum man das so nicht erwartet hat? Weil Lars Hinrichs als Internet-Unternehmer in einer schnellen Branche zu Hause ist und bereits mehrere Unternehmen gegründet hat. Wer in so kurzer Zeit ein solches Pensum bewältigt, der muss doch rasant durchs Leben gehen.
Falsch gedacht. Lars Hinrichs rennt nicht, zumindest rennt er nicht mehr. „Ich lerne gerade mit einer völlig neuen Eigenschaft fertig zu werden“, sagt er, „mit dem Faktor Zeit.“ Die braucht er in seiner neuen Funktion als Venture-Capital-Geber und Chef seines aktuellen Unternehmens HackFwd, mit dem er im Sommer 2010 an den Start gegangen ist. HackFwd unterstützt Computerfreaks, in der Szene nennt man sie Geeks, mit Geld und Know-how dabei, aus einer guten Idee ein tragfähiges Unternehmen zu machen. Das klappt aber nicht über Nacht und manchmal klappt es gar nicht. Nur „wenn es gut läuft, bekommt man als Geldgeber etwas zurück“, sagt Hinrichs. Rund ein Dutzend Firmen hat der Hamburger bislang finanziert, „ein paar liegen über den Erwartungen, sind sehr erfolgreich, ein paar haben es nicht geschafft“, sagt Hinrichs. Verkauft hat er noch keine der Firmen. Zurückgekommen ist also noch nichts.
Geld ist nichts für die Bank
Lars Hinrichs kann sich Geduld leisten. Er kann es sich leisten, eine Zeit lang der Geldgeber zu sein. Hinrichs ist schließlich kein armer Mann. Als er 2009 das Internetportal XING an die Burda Digital GmbH, eine Tochter der Burda Media, verkaufte, sind 48 Millionen Euro auf sein Konto geflossen. „Wohin soll ich denn mit dem Geld?“, fragt Hinrichs. „Auf die Bank etwa?“ Lieber steckt er sein Kapital in Computer-Nerds. Für ihn ist das die beste Investition in die Zukunft. Um das, was man mit Geld machen kann, geht es Hinrichs, nicht darum, Geld zu verdienen. Das sei nur ein angenehmer Nebeneffekt, sagt der Vater zweier Söhne. Wer etwas nur des Geldes wegen mache, sei von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Hinrichs packt die Dinge aus Leidenschaft an. „Man sollte etwas machen, was einem wirklich liegt“, sagt er.
Spark e-Fuels: Vom Labor-Pitch zum E-Kerosin-Hoffnungsträger
Kerosin aus CO2 & Ökostrom: Wie das Berliner ClimateTech-Start-up Spark e-Fuels das Kostenproblem synthetischer Flugkraftstoffe knacken will. Gründung, Risiken & Chancen im Check.
Geopolitische Spannungen, schwankende Rohölpreise und der drängende Zwang zur Dekarbonisierung machen den Luftverkehr zu einem der am schwersten zu transformierenden Sektoren der Weltwirtschaft. Während Elektroantriebe im PKW-Bereich und auf kurzen Strecken voranschreiten, bleibt der Langstreckenflugverkehr auf absehbare Zeit auf flüssige Kraftstoffe mit hoher Energiedichte angewiesen. Die politische Antwort der Europäischen Union steht mit der ReFuelEU-Aviation-Verordnung bereits fest: Fluggesellschaften müssen schrittweise steigende Quoten an nachhaltigem Flugkraftstoff beimischen, wozu ab dem Ende dieses Jahrzehnts zwingend auch synthetisches E-Kerosin gehört.
Doch E-Kerosin leidet bislang unter einem gravierenden Problem, denn es ist extrem teuer in der Herstellung und am Markt kaum in industriellen Mengen verfügbar. Genau an diesem Nadelöhr setzt das Berliner ClimateTech-Start-up Spark e-Fuels an. Ausgehend von einem Labor an der TU Berlin verspricht das Gründer-Trio, die Herstellungskosten von synthetischem Flugkraftstoff spürbar zu senken, indem eine der teuersten Komponenten der bisherigen Produktion schlicht überflüssig gemacht wird.
Aus der Wissenschaft ins unternehmerische Risiko
Die Entstehungsgeschichte von Spark e-Fuels geht maßgeblich auf die Promotion von Dr. Arno Zimmermann an der TU Berlin zurück. Zimmermann forschte dort intensiv zur Techno-Ökonomie der CO₂-Nutzung und stellte sich die Frage, welche chemischen Pfade zur CO₂-Verwertung nicht nur technisch machbar sind, sondern auch unter realen Marktbedingungen jemals wirtschaftlich rentabel arbeiten können.
Gemeinsam mit dem Physiker Dr. Mathias Bösl und der Chemikerin Dr. Julia Bauer formierte sich im Jahr 2021 das Gründungds-Trio. Alle drei brachten herausragende Ausgangsbedingungen mit. Bösl sammelte nach Arbeiten im Bereich der Kernfusion wertvolle Erfahrungen in der Strategieberatung bei BCG, während Bauer tiefes chemisches Fachwissen einbrachte. Anstatt sichere Laufbahnen in der Wissenschaft, in Konzernen oder in der Beratung weiterzuverfolgen, entschieden sich die drei Promovierten für den Schritt in das Wagnis einer wissenschaftlichen DeepTech-Gründung.
Warum verlässt man den sicheren Hafen von Großindustrie oder Spitzenforschung für ein solches finanzielles und persönliches Risiko? Der Entschluss sei nicht über Nacht gefallen, erinnert sich Julia Bauer an ihre Zeit bei großen Chemiekonzernen: „Ich saß bei BASF und Evonik an Prozessen, die gut liefen, aber eben genau so weiterliefen wie seit Jahrzehnten.“ Die Frustration über die fehlende Gestaltungsmacht wuchs. „Irgendwann wurde mir klar: Wenn ich dort bleibe, verdiene ich mit weniger Aufwand mehr. Verändern kann ich dabei aber nichts“, resümiert die Chemikerin. Der eigentliche Wendepunkt sei dann ein ehrliches Gespräch des Trios gewesen, in dem alle unabhängig voneinander dieselbe fundamentale Frage umtrieb: „Wie bringt man erneuerbaren Strom eigentlich dorthin, wo heute noch fossile Energie den Ton angibt?“ Von da an sei klar gewesen, dass sie dieses Mammutprojekt gemeinsam angehen wollen, anstatt es nur als Randnotiz in ihren jeweiligen Jobs mitzudenken.
Warum Lastflexibilität den Knoten platzen lassen soll
Um die Innovation von Spark e-Fuels zu verstehen, lohnt ein Blick auf das grundlegende Dilemma der E-Fuel-Herstellung. Synthetisches Kerosin entsteht vereinfacht gesagt aus Kohlenstoff und grünem Wasserstoff aus der Elektrolyse mit Ökostrom. Da Wind- und Sonnenenergie jedoch stark fluktuieren, standen herkömmliche chemische Reaktoren bislang vor einer schwierigen Wahl: Entweder läuft der Reaktor nur bei gutem Wetter – was die teuren Anlagen schlecht auslastet – oder man baut riesige Wasserstoff- und Stromspeicher als Puffer. Letzteres verursacht enorm hohe Investitionskosten.
Spark e-Fuels begegnet dieser Herausforderung mit einer proprietären, lastflexiblen Synthesetechnologie, die sich dynamisch an schwankenden Strom anpasst und teure Zwischenspeicher überflüssig machen soll. Doch wie verhindert man, dass Katalysatoren bei solch unregelmäßiger Zufuhr instabil werden oder Schaden nehmen?
„Das war tatsächlich der Kern des Problems, an dem wir am längsten gearbeitet haben“, räumt Julia Bauer ein. Klassische Prozesse bei über 850 Grad seien auf einen absolut gleichmäßigen Betrieb ausgelegt; jede Schwankung führe dort sofort zu Instabilität oder ungewollten Nebenprodukten wie Methan. Die Lösung des Start-ups lag in einem fundamentalen Umdenken: „Wir haben unser Verfahren von Grund auf anders aufgebaut: Durch einen komplett neuartigen Prozess mit sehr hoher CO2-Umwandlung und intrinsischer Flexibilität haben wir es geschafft, das Gesamtsystem zu entkoppeln.“ Dadurch könne jeder Teilschritt eigenständig auf Schwankungen reagieren. Das System arbeite zudem bei deutlich niedrigeren Temperaturen von 600 bis 700 Grad und erreiche im Labor CO-Ausbeuten von teils über 99 Prozent – völlig ohne Nebenprodukte. Anfang des Jahres sei der entscheidende Schritt gelungen, die Technologie vom Quarzglas-Laboraufbau auf Edelstahlreaktoren im Pilotmaßstab zu übertragen. „Wir rechnen mit Effekten, die wir erst in dieser Größenordnung wirklich sehen werden“, gibt sich die Gründerin kämpferisch, „genau deshalb bauen wir die Pilotanlage.“
Kapitalisierung und Meilensteine
Dass dieser Ansatz in der Investor*innenszene auf großes Vertrauen stößt, zeigte sich in der Pre-Seed-Finanzierungsrunde über 2,3 Millionen Euro, unter anderem durch namhafte VCs wie IBB Ventures, BASF und Voyagers.io. Besonders aufschlussreich ist zudem der Blick auf die Business Angels: Darunter finden sich Ex-Führungskräfte von Shell, Lufthansa, BP und Siemens Energy.
Im kapitalintensiven Chemie-Anlagenbau sind 2,3 Millionen Euro jedoch rasch aufgebraucht. Wie überzeugt man Geldgeber*innen von einer Hardware-Technologie, deren spätere Skalierung astronomische Summen verschlingen wird?
„Wir haben gar nicht versucht, das Risiko kleinzureden, sondern von Anfang an transparent gemacht, dass diese Technologie hohe Kapitalanforderungen hat“, betont Mathias Bösl. Letztlich habe die Investor*innen die konsequente Fokussierung auf das Marktproblem überzeugt: „Die Kosten synthetischer Kraftstoffe müssen runter, sonst bleibt SAF eine Nische.“ Bösl verweist darauf, dass das frische Kapital explizit nur für den Aufbau der Pilotanlage gedacht sei. Die branchenerfahrenen Angels hätten zudem enorm geholfen: „Die kennen die Kapitalintensität des Anlagenbaus aus erster Hand und haben genau deshalb an unseren Ansatz geglaubt, das Investitionsrisiko über ein OEM-Modell mit Partnern zu verteilen, statt jede Anlage selbst zu bauen und zu finanzieren.“
Mit der ersten eigenen Pilotanlage, die seit Anfang 2026 läuft, muss nun der Realitätscheck gelingen. Arno Zimmermann weiß genau, welche Parameter entscheidend sind, um industrielle Abnehmer*innen von der Serienreife zu überzeugen: „Für uns steht vor allem eine Zahl im Zentrum: die CO-Ausbeute unter realen, schwankenden Bedingungen.“ Während man im Labor konstant über 99 Prozent erreicht habe, gehe es nun um die Praxis. „Jetzt konnten wir erfolgreich nachweisen, dass wir auch im Pilotmaßstab die Ausbeute bei wechselnder Stromzufuhr stabil halten können“, freut sich Zimmermann. Langfristig gehe es um die Zuverlässigkeit im wochenlangen Dauerbetrieb und den harten Beweis, tatsächlich mit deutlich weniger Speicherinfrastruktur auszukommen. Zimmermann stellt klar: „Das sind die Kennzahlen, mit denen wir Partner überzeugen wollen – nicht mit einer einmaligen Demonstration, sondern mit ersten, belastbaren Betriebsdaten.“
Kritisch hinterfragt
Bei aller Faszination für die Innovation muss das Geschäftsmodell einer nüchternen Marktanalyse standhalten. Ein zentraler Punkt bleibt das Effizienzparadoxon: Die Umwandlung von Ökostrom zu Kerosin bringt erhebliche Effizienzverluste mit sich. Auch ein noch so flexibler Reaktor kann die Gesetze der Thermodynamik nicht aufheben. Es braucht gigantische Mengen an extrem billigem Strom. Plant Spark e-Fuels seinen Rollout also von Beginn an im Ausland?
Die Gründer*innen machen sich hier keine Illusionen. Zwar sitze das Herz des Teams inklusive Forschung und Pilotanlage in Berlin-Adlershof, doch Arno Zimmermann bringt es auf den Punkt: „Aber für den kommerziellen Rollout im großen Maßstab braucht man extrem günstigen erneuerbaren Strom, und den gibt es in Deutschland aktuell einfach nicht zu den Preisen, die wir für wettbewerbsfähiges Kerosin brauchen.“ Das Geschäftsmodell sei daher von Anfang an international gedacht. Erste Absichtserklärungen gebe es bereits mit Projektentwickler*innen in Südeuropa sowie Anfragen aus Spanien oder Marokko. Mathias Bösl wirft jedoch ein: „Das heißt aber nicht, dass Deutschland komplett raus ist.“ Standorte mit viel Windkraft, etwa die Lausitz, seien denkbar, „sobald sich die Rahmenbedingungen für Ökostrompreise verändern.“
Ein weiteres Nadelöhr ist der Sprung zur kommerziellen Großanlage, der hohe zweistellige Millionenbeträge erfordert. Spark will dieses Bilanzrisiko schlank halten. „Unser Modell ist klar als OEM beziehungsweise Systementwickler ausgelegt“, definiert Bösl die künftige Rolle. „Wir wollen nicht selbst zum Anlagenbetreiber werden, sondern die Schlüsseltechnologie liefern und über Anlagenverkäufe sowie wiederkehrende Einnahmen aus IP-Lizenzen und Services verdienen.“ Angesprochen auf etablierte Konkurrent*innen wie Ineratec oder Synhelion gibt sich der Physiker selbstbewusst: „Es gibt tatsächlich mehrere ernstzunehmende Player im E-Fuel-Bereich, das ist auch gut so, weil der Markt riesig ist und weit über 3.000 neue Anlagen bis 2050 benötigt.“ Das eigene Alleinstellungsmerkmal bleibe der Verzicht auf große Speicher – ein Vorteil, der sich nun im direkten Vergleich beweisen müsse.
Zuletzt könnten die strengen Regularien der Luftfahrt den Markteintritt verzögern. Arno Zimmermann sieht dem Zertifizierungsprozess jedoch gelassen entgegen: „Ein Vorteil von E-Fuels ist, dass es sich um einen Drop-in-Kraftstoff handelt, der über etablierte Zertifizierungspfade in bestehende Luftfahrtinfrastruktur eingebracht werden kann.“ Auf konkrete Abnahmevereinbarungen angesprochen, verweist das Team auf Geheimhaltungsklauseln, lässt aber erste handfeste Erfolge durchblicken: „Wir haben bereits Corporate-Partner für ein gemeinsames Demoprojekt gewonnen, inklusive unterzeichneter Absichtserklärungen für die Kraftstoffabnahme.“ Verbindliche, großvolumige Verträge folgten typischerweise erst mit dem Nachweis der kommerziellen Anlage.
Unsere Einordnung
Für Gründerinnen und Gründer lassen sich aus dem Fall Spark e-Fuels wertvolle Erkenntnisse gewinnen. Zum einen unterstreicht das Vorgehen die Bedeutung einer marktgetriebenen Entwicklung. Das Team hat nicht nach einer Anwendung für eine bestehende Erfindung gesucht, sondern ist vom drängenden Marktproblem der hohen E-Fuel-Kosten ausgegangen und hat die Lösung techno-ökonomisch rückwärts entwickelt.
Zum anderen zeigt das Beispiel, dass der Schritt aus der akademischen und beruflichen Sicherheit belohnt werden kann. In Deutschland verbleiben noch immer zu viele patentfähige Forschungsergebnisse an den Universitäten, weshalb der Mut der drei Promovierten Vorbildcharakter für das heimische DeepTech-Ökosystem besitzt. Schließlich zeigt die Zusammenstellung der Investor*innen, wie wertvoll ein smartes Syndikat ist. Die Kombination aus spezialisierten Impact-VCs und branchenkundigen Angels liefert nicht nur Kapital, sondern bringt auch das notwendige Know-how zu Regulierung und Zielmärkten an den Tisch.
Spark e-Fuels steht beispielhaft für das Potenzial deutscher Ausgründungen im Klimasektor. Ob der technologische Kniff den Durchbruch bringt, wird sich beim Übergang zur kommerziellen Skalierung zeigen. Ein Erfolg wäre nicht nur für die Luftfahrt ein wichtiger Baustein, sondern auch ein starkes Signal für die gesamte europäische Start-up-Landschaft.
Das Ende des Raketen-Hypes: Warum Start-ups jetzt Tankstellen und Fabriken im Weltraum bauen
Elon Musk hat das Monopol auf den Weg ins All gebrochen. Raketen-Start-ups sind für Venture-Capital-Geber*innen längst kein Selbstläufer mehr. Der wahre Zukunftsmarkt der DeepTech-Szene liegt nicht mehr im Transport, sondern in der Infrastruktur: Willkommen in der In-Orbit Economy.
Stell dir vor, du kaufst dir für 300 Millionen Euro eine hochkomplexe Spezialmaschine. Sie generiert fantastische Umsätze, arbeitet fehlerfrei und ist das Herzstück deines Unternehmens. Doch nach zehn Jahren ist der Tank leer. Was tust du? Du lässt die Maschine einfach auf der Autobahn stehen, erklärst sie zum Totalschaden und kaufst für weitere 300 Millionen Euro eine neue.
Klingt nach wirtschaftlichem Wahnsinn? Genau so funktioniert die globale Satellitenindustrie seit über einem halben Jahrhundert.
Egal wie teuer ein Satellit ist – wenn ihm der Treibstoff ausgeht oder ein winziges Bauteil klemmt, wird er zum nutzlosen Stück Weltraumschrott. Doch dieses Paradigma der Wegwerf-Ökonomie endet genau jetzt. Die massiv gesunkenen Startkosten durch Unternehmen wie SpaceX haben das Nadelöhr ins All geweitet. Die neue, lukrative Herausforderung für Gründer*innen lautet nicht mehr „Wie kommen wir billig hoch?“, sondern „Was bauen wir auf, wenn wir erst einmal dort sind?“
Vom Einweg-Satelliten zur Weltraum-Werkstatt
Der erdnahe Orbit (Low Earth Orbit, LEO) wird zunehmend zur dicht befahrenen Wirtschaftszone. Tausende neue Satelliten werden jährlich ins All geschossen. Diese Megakonstellationen benötigen eine völlig neue Infrastruktur. Es entsteht ein massiver B2B-Markt (oder besser: B2Orbit) für In-Orbit Servicing (IOS).
Start-ups positionieren sich aktuell als die Mechaniker, Abschleppdienste und Tankwarte der Schwerelosigkeit. Ihre Geschäftsmodelle sind so pragmatisch wie revolutionär:
- Orbital Refueling: Anstatt Satelliten aufzugeben, fliegen autonome Tank-Drohnen an sie heran und füllen ihre Treibstoffreserven im All wieder auf. Das verlängert die Lebensdauer von Multimillionen-Dollar-Assets um Jahre.
- Space Tugs (Schlepper): Sogenannte Orbital Transfer Vehicles fungieren als Lastwagen für die letzte Meile. Sie nehmen Satelliten von der großen Trägerrakete auf und navigieren sie präzise auf ihre finale Umlaufbahn.
- Debris Removal: Die Müllabfuhr im All. Start-ups fangen ausgediente Satelliten oder gefährliche Trümmerteile mit Netzen oder Roboterarmen ein und lassen sie kontrolliert in der Erdatmosphäre verglühen, um Karambolagen zu verhindern.
In-Space Manufacturing: Fabriken in der Schwerelosigkeit
Noch faszinierender als die Logistik ist die Produktion im All. In-Space Manufacturing verlagert hochspezialisierte Industrieprozesse in die Schwerelosigkeit – nicht, um Materialien für den Weltraum zu bauen, sondern um sie gewinnbringend zur Erde zurückzubringen.
Die Mikrogravitation (Schwerelosigkeit) bietet physikalische Bedingungen, die auf der Erde unmöglich sind:
- Perfekte Glasfaserkabel: ZBLAN-Glasfasern, die im All gezogen werden, weisen nahezu keine kristallinen Verunreinigungen auf. Sie können Daten über Ozeane hinweg verlustfrei transportieren und revolutionieren die Telekommunikation.
- BioTech und Pharma: Ohne störende Gravitation lassen sich Proteinkristalle für Medikamente wesentlich größer und reiner züchten. Die Mikrogravitation wirkt zudem wie ein Katalysator für Zellalterung, was dem Start-up-Sektor völlig neue Möglichkeiten in der Krebsforschung und Medikamentenentwicklung eröffnet.
Aus dem Weltraum wird eine gewaltige Offshore-Fabrik.
Die europäische Vanguard: Flugsicherung, Biolabore und Space-Logistik
Während die USA bei den Trägerraketen dominieren, formiert sich Europa gerade zum Kraftzentrum dieser neuen In-Orbit Economy. Clevere Deep-Tech-Gründer aus Europa haben erkannt, dass in den begleitenden Dienstleistungen – der Spitzhacke im Goldrausch – die echten Margen stecken:
- The Exploration Company (München/Bordeaux): Dieses Start-up baut mit Nyx eine wiederverwendbare, modulare Raumkapsel. Sie fungiert quasi als der Logistik-Container des Alls. Nyx kann Fracht (wie Experimente oder produzierte Materialien) zu Raumstationen bringen und sicher wieder auf der Erde landen. Es ist die fundamentale Infrastruktur für die Fabriken der Zukunft.
- Vyoma (Darmstadt): Die Flugsicherung für den Orbit. Bei zehntausenden neuen Satelliten und Trümmerteilen, die mit 28.000 km/h um die Erde rasen, reicht physische Logistik nicht aus. Vyoma nutzt erdbasierte Sensorsysteme und KI, um Weltraumschrott in Echtzeit zu tracken und Satelliten vor drohenden Kollisionen zu warnen.
- ClearSpace (Lausanne): Das Schweizer Start-up hat sich der orbitalen Müllabfuhr verschrieben. Als kommerzielles Spin-off der EPFL haben sie sich einen historischen Multimillionen-Auftrag der europäischen Raumfahrtagentur ESA gesichert, um ein großes Stück Weltraumschrott mit einem Roboter-Greifarm aktiv aus dem Orbit zu entfernen.
- Space Forge (Cardiff): Der britische Vorreiter für Materialwissenschaften. Space Forge baut kleine Fabrik-Satelliten (ForgeStar), um in der perfekten Umgebung der Mikrogravitation fehlerfreie Halbleiter und extrem leichte Legierungen herzustellen und diese anschließend in einem Hitzeschild wieder sicher auf die Erde abzuwerfen.
- Yuri (Meckenbeuren): Ein deutsches Vorzeige-Start-up für BioTech im All. Yuri baut Miniatur-Labore von der Größe eines Schuhkartons, in denen Pharmaunternehmen und Forscher Experimente in der Schwerelosigkeit durchführen können. Sie machen die schwerelose Forschung für die globale Industrie zugänglich und bezahlbar.
- D-Orbit (Como): Das italienische Scale-up ist der Meister der „Last Mile Delivery“ im Weltraum. Ihr ION Satellite Carrier sammelt kleine Satelliten ein, fliegt sie wie ein Taxi durch den Orbit und setzt sie exakt an ihrer gewünschten Position ab.
Das neue Playbook für VCs und Gründer*innen
Für Investor*innen bedeutet die In-Orbit Economy einen strategischen Paradigmenwechsel. Der Bau von Raketen war extrem kapitalintensiv (Capex) und margenschwach. In-Orbit-Dienstleistungen (wie das Buchen einer Flugsicherungs-Software oder ein Abo auf regelmäßige Tankstopps) ermöglichen hingegen wiederkehrende Umsätze und extrem hohe Margen. Wer die Tankstelle, das Warnsystem oder das Logistiknetzwerk im All betreibt, etabliert ein natürliches Monopol.
Der Raketen-Hype der letzten Dekade hat das Tor aufgestoßen. Doch die Start-ups, die in den nächsten zehn Jahren die SpaceTech-Bewertungen dominieren werden, sind jene, die den Weltraum bewohnbar, bewirtschaftbar und sicher halten. Wer heute eine Spedition, ein Labor oder ein Radar für den Erdorbit gründet, baut die Infrastruktur für das nächste Jahrhundert.
Software statt Kellner? Wie Order Right mit KI und Automatisierung gegen das Gastro-Sterben ankämpft
Die Gastronomie leidet unter Personalmangel, steigenden Kosten und einem Chaos an digitalen Insellösungen. Das Griesheimer Start-up Order Right will alle digitalen Prozesse in einem einzigen System bündeln – und trifft damit offenbar den Nerv der Zeit. Nach eigenen Angaben gewann das Team in nur zwölf Monaten über 500 Kund*innen. Ein Gespräch mit Geschäftsführer Muhammed Ali Yildiz über B2B-Vertrieb, Product-Market-Fit und KI am Bestelltelefon.
StartingUp: Was war der konkrete Auslöser für dich, Order Right gegen den digitalen Flickenteppich in der Gastronomie zu gründen?
Muhammed Ali Yildiz: Der Auslöser war die enorm herausfordernde Situation der Branche. Viele Gastronomen kämpfen mit komplexen Abläufen, langen Vertragslaufzeiten und einer Vielzahl an isolierten Einzellösungen, die nicht miteinander kommunizieren. Genau hier setzen wir an: Wir wollen eine zentrale Infrastruktur bieten, die den Alltag vereinfacht, damit sich Betreiber wieder auf ihr eigentliches Geschäft konzentrieren können.
StartingUp: Warum ist euer All-in-One-Ansatz für Gastronom*innen besser als schlanke Nischenlösungen („Best-of-Breed“)?
Muhammed Ali Yildiz: In der Gastronomie fehlt schlicht die Zeit für IT-Pflege. Zwischen einzelnen Nischensystemen brechen die Abläufe auf, was zu Reibungsverlusten und Mehrfachkosten führt. Wenn alles aus einer Hand kommt, entfallen diese Probleme – es gibt nur einen Ansprechpartner und eine zentrale Datenpflege. All-in-One ist für uns deshalb kein reines Feature, sondern die eigentliche Leistung.
StartingUp: Wie habt ihr es geschafft, die im Tagesgeschäft stark eingespannten Gastronom*innen für den Erstkontakt zu erreichen?
Muhammed Ali Yildiz: Die eigentliche Hürde ist tatsächlich der Erstkontakt während des laufenden Betriebs. Aber sobald wir im persönlichen Gespräch waren, konnten wir die meisten Betriebe für uns gewinnen. Unser stärkster Kanal ist dabei die Mundpropaganda, da die Branche stark vernetzt ist und sich Qualität schnell herumspricht.
StartingUp: Welcher Vertriebskanal war euer stärkster Hebel für das schnelle Wachstum von über 500 Kund*innen in zwölf Monaten?
Muhammed Ali Yildiz: Ganz klar Empfehlungen. Eine Kassenumstellung ist Vertrauenssache, da hört man lieber auf Kollegen als auf Werbung. Kaltakquise diente anfangs als Türöffner, und Partnerschaften werden jetzt relevanter, um neue Regionen zu erschließen. Der eigentliche Wachstumsmotor bleibt aber die Qualität der Arbeit beim bestehenden Kunden.
StartingUp: Wie entgegnest du im Verkaufsgespräch dem Einwand, dass eine Systemumstellung zu viel Zeit und Kosten verursacht?
Muhammed Ali Yildiz: Ich frage nach den aktuellen Kosten. Zählt man Kasse, Lieferdienste, Webshop und die manuellen Arbeitsstunden für die Buchhaltung zusammen, sind mehrere Einzellösungen oft deutlich teurer. Zudem ist unser System bewusst so einfach gehalten, dass Aushilfen in zehn Minuten eingearbeitet sind. Wir übernehmen die Einrichtung und sorgen dafür, dass die Umstellung nicht im stressigen Wochenendgeschäft passiert.
StartingUp: Überwiegt bei traditionellen Betrieben die Skepsis gegenüber KI und Automatisierung oder die Erleichterung beim Personal?
Muhammed Ali Yildiz: Anfängliche Skepsis schwindet sehr schnell durch die einfache Bedienung und unseren ständigen Support. Der KI-Telefonassistent nimmt beispielsweise verpasste Anrufe an und sichert so Umsatz, der sonst verloren ginge. Letztlich überwiegt beim Personal ganz klar die Erleichterung, weil lästige Routineaufgaben wegfallen und mehr Zeit für den Gast bleibt.
StartingUp: Welche manuellen Prozesse wird es in Restaurants in drei Jahren definitiv nicht mehr geben?
Muhammed Ali Yildiz: Erstens die handschriftliche Telefonbestellung, zweitens die doppelte Datenpflege auf verschiedenen Plattformen und drittens die Zettelwirtschaft am Monatsende für den Steuerberater. Alles, was keinen Umsatz bringt und niemandem Freude macht, wird automatisiert. Der Rest – das Kochen, Beraten und der menschliche Kontakt – bleibt beim Menschen.
StartingUp: Muhammed Ali Yildiz, danke für die Insights!
Das Interview führte StartingUp-Chefredakteur Hans Luthardt
Key Takeaways für Gründer*innen
- All-in-One schlägt Insellösungen: In Branchen mit hohem operativen Druck gewinnt das System, das Schnittstellenprobleme eliminiert.
- Schmerzpunkt statt Feature-Schlacht: Schnelles B2B-Wachstum gelingt, wenn das Produkt direkte Antworten auf drängende Branchenprobleme (wie Personalmangel und Kostensteigerungen) liefert.
- Technologie als Entlastung: KI und Automatisierung dienen im B2B-Bereich vor allem dazu, dem Personal Routineaufgaben abzunehmen und Freiräume zu schaffen.
Operation Autonomie: Wie Elvio Robotics den Krankenhausbetrieb heilen will
Deutschlands Krankenhäuser stecken in einer tiefen Krise: Akuter Personalmangel trifft auf steigenden Kostendruck. Das Anfang 2026 gegründete Münchner Start-up Elvio Robotics tritt nun mit dem Versprechen an, durch ein System aus Robotik und einer herstellerunabhängigen Orchestrierungssoftware Abhilfe zu schaffen. Ein Blick auf die Technologie, den umkämpften Markt und die Köpfe hinter der Vision.
Die strukturellen Probleme sind offensichtlich: In 94 Prozent der deutschen Krankenhäuser können offene Stellen nicht besetzt werden. Gleichzeitig fallen Mitarbeitende in Ver- und Entsorgungsberufen mit durchschnittlich 38,5 Arbeitsunfähigkeitstagen pro Jahr aus – ein Plus von 5,9 Tagen im Vergleich zu 2019. Während in Teilen Asiens und Skandinaviens autonome Roboterflotten mit über 30 Einheiten im Einsatz sind, dominieren in Deutschland bislang oft inkompatible Pilotprojekte. Hier will Elvio Robotics ansetzen. Das Start-up positioniert sich als Systemanbieter für die Automatisierung, initial für Logistik und Flächenreinigung. Die Gründer versprechen dabei ein ganzheitliches Modell von der Beratung bis zum Service. Ihr erklärtes Ziel ist eine herstellerübergreifende Plattform namens „Elvio OS“, die Hardware-Silos aufbrechen und Roboter verschiedener Hersteller zentral steuern soll.
Das Gründer-Duo: Vom Tech-Umfeld in die Klinik-Realität
Geführt wird das im Februar 2026 gegründete Unternehmen von Marco Brizzolara (CEO) und Johannes Drexler (CTO). Brizzolara blickt als Schwarzman Scholar auf Stationen bei Horizon Robotics, TikTok und McKinsey zurück. Drexler bringt Erfahrung aus einem Master in Robotik an der TU München und einer Tätigkeit bei Elon Musks The Boring Company in Texas mit.
Doch warum der Wechsel in die als notorisch zäh und chronisch unterfinanziert geltende deutsche Krankenhauslandschaft? „Die größten Chancen liegen oft dort, wo die Probleme am schwierigsten zu lösen sind“, sagt Brizzolara. Ein Krankenhausbesuch habe ihm das Versagen bisheriger Konzepte gezeigt. „Jeder brachte einen Teil der Lösung mit, aber niemand hatte die Verantwortung für ein Gesamtsystem übernommen“, so der CEO.
Drexler ergänzt„Die Krankenhausbranche steht hinsichtlich Automatisierung noch ganz am Anfang – und das, obwohl diese Technologien genau hier einen riesengroßen gesellschaftlichen Mehrwert liefern können.“ Natürlich sei die Herausforderung enorm. „Doch umso größer ist die Wirkung, die wir erzielen können, wenn wir Krankenhäuser erfolgreich bei der Einführung autonomer Service-Roboter unterstützen.“
Das Team kooperiert bei der Entwicklung unter anderem mit der Berliner Charité und sammelte kürzlich Kapital von institutionellen Investoren und Business Angels ein. Auf die Frage, wie viel Vorlaufzeit das frische Kapital in diesem stark hardwarelastigen Geschäft realistisch bietet, bleibt Brizzolara vage. Er pocht vielmehr auf die Vision der Geldgeber: „Am Ende haben die Kapitalgeber in die These investiert, dass das autonome Krankenhaus in den nächsten zehn Jahren Realität wird.“ Ob diese Rechnung in einem durch klamme Kassen geprägten Markt aufgeht, muss sich in der Praxis allerdings erst noch beweisen.
Das Geschäftsmodell: Orchestrierung und die Gefahr des Lock-ins
Das Konzept von Elvio Robotics basiert auf Orchestrierung. Um den Vendor Lock-in einzelner Roboterhersteller zu umgehen, soll Elvio OS als Middleware das Flottenmanagement und die Infrastrukturintegration übernehmen. Tauschen die Kliniken damit aber nicht einfach den Hardware-Lock-in gegen einen massiven Software-Lock-in ein? Brizzolara wehrt sich gegen diesen Vorwurf: „Was ist die Alternative? Ein Mix aus unterschiedlichen Robotern mit proprietärer Software stellt für kein Krankenhaus eine tragfähige Lösung dar.“ Das Start-up wolle bestehende Abhängigkeiten auflösen.
Drexler argumentiert, dass Kliniken mit dem System in der Lage seien, Reinigungsroboter unterschiedlicher Hersteller über eine einheitliche Oberfläche zu steuern und Infrastruktur wie Aufzüge nur einmalig anbinden müssten. Doch die architektonische Realität in deutschen Krankenhäusern, die oft historisch gewachsene Labyrinthe mit einem Flickenteppich an IT-Landschaften sind, birgt das Risiko einer echten „Integrations-Hölle“. Dass das System derzeit noch kein reines Plug-and-Play-Geschäft ist, räumt Drexler unumwunden ein: „Angesichts der Heterogenität deutscher Krankenhaus-Infrastrukturen wäre es vermessen, zu behaupten, dass unsere Integrationsprojekte vollständig Plug-and-Play sind.“ Man bewege sich durch Standardisierung aber in Richtung eines skalierbaren Automatisierungsbaukastens.
Markt & Wettbewerb: Konkurrenz aus der Intralogistik
Zudem betritt Elvio keinen leeren Markt. Es existieren bereits generalistische Flottenmanagement-Tools aus der Intralogistik (Lager, Fabriken). Dass in absehbarer Zeit große Player oder Tech-Riesen verstärkt in dieses Segment drängen könnten, liegt auf der Hand. Wie will sich das Start-up davor schützen? „Unser Burggraben ist nicht eine einzelne Technologie, sondern die Kombination aus Infrastrukturintegration, Betriebs-Know-how und dem Vertrauen unserer Kunden“, behauptet Brizzolara und zieht einen ambitionierten Vergleich: Dies lasse sich „ebenso wenig kopieren, wie man AWS kopieren könnte, indem man einige Millionen Zeilen Code schreibt.“
Drexler verweist darauf, dass die Branche ohnehin keine Standardlösungen dulde. Das zeige etwa der aktuelle Rückzug von SAP aus dem klinischen Patientenmanagement zugunsten hochspezialisierter Medizin-IT. Zudem spielt er die Karte der Datensouveränität: „Wollen wir diese kritische Infrastruktur wirklich den Tech-Riesen überlassen?“
Noch in diesem Jahr sollen erste Installationen in Kliniken abgeschlossen werden. In einem Umfeld, in dem Krankenhäuser notorisch klamm sind und Neuanschaffungen hohes Vorabkapital erfordern, stellt sich die Frage der Rentabilität. Subventioniert das Start-up seine ersten Leuchtturm-Projekte mit VC-Geld quer? „Wir nutzen das VC-Kapital nicht, um Marktanteile aufzubauen“, versichert Brizzolara.
Drexler verweist auf ein monatlich abgerechnetes „Robot-as-a-Service-Modell“, das die Einstiegshürden niedrig halten soll. „Lässt man die Entwicklungskosten der Plattform außen vor, werden wir schon beim ersten Pilotkunden positive Unit-Economics vorweisen können“, verspricht der CTO.
An diesen harten Kennzahlen, einer funktionierenden Technologie und der tatsächlichen Überzeugungsarbeit im herausfordernden Klinikalltag werden sich die ambitionierten Gründer in den kommenden zwölf Monaten messen lassen müssen.
Reflip: Die europäische Social-Media-Hoffnung
Mit eingebautem Faktencheck und anpassbaren Algorithmen will ein Stuttgarter Uni-Projekt Giganten wie X und Meta herausfordern. Ein mutiger technologischer Ansatz gegen Desinformation – doch die langfristige Tragfähigkeit des Geschäftsmodells und gigantische Markteintrittsbarrieren bergen weiterhin Risiken, auch wenn die Macher bereits konkrete Lösungsansätze für die Zukunft präsentieren.
Soziale Netzwerke stehen massiv in der Kritik. Filterblasen, politische Desinformation und Algorithmen, die Wut und Polarisierung priorisieren, um die Verweildauer der User zu maximieren, prägen den Diskurs auf Plattformen wie X oder Facebook. Hier setzt Reflip an. Die App positioniert sich als „Next-Generation Social Media – Made in Europe“ und wirbt mit einem radikalen Gegenentwurf: Transparenz, Datenschutz und uneingeschränkte Nutzer*innenkontrolle.
Das Konzept: „Truth-based“ statt toxischer Empörungsspirale
Das technische Kernfeature der App ist der titelgebende „Flip“: Durch eine automatische Muster- und KI-Erkennung werden Posts im Hintergrund analysiert. Ist sich ein(e) User*in bei einer steilen These unsicher, kann er/sie den Post buchstäblich „umdrehen“ und bekommt unmittelbar Fakten und verifizierte Quellen angezeigt, die den Inhalt entweder stützen oder widerlegen.
Die automatische Erkennung von Desinformation in Echtzeit gilt in der Praxis jedoch als extrem fehleranfällig. Der Kopf hinter Reflip – Simon Grether – räumt dies ein: „Auch wenn eine automatisierte Erkennung nie fehlerfrei sein kann, bietet unser System schon jetzt einen enormen Mehrwert gegenüber dem unkommentierten Konsum von Inhalten.“ Um Transparenz zu wahren, seien alle maschinellen Evaluationen deutlich gekennzeichnet. Im Hintergrund nutzt das Uni-Projekt einen hybriden Ansatz aus automatischen Kontrollen – unter anderem durch eine Kooperation mit dem norwegischen Anbieter Factiverse – und händischer Überprüfung durch ein Moderationsteam, das von der Community gemeldete Inhalte checkt. Dass Algorithmen nie ganz neutral sind, weiß Grether: „Komplett frei von Bias ist kein System, aber wir minimieren ihn.“ Reflip wolle gar nicht erst als unfehlbare „Wahrheitsinstanz“ auftreten, betont er, „sondern verschiedene Perspektiven in Form von befürwortenden und widersprechenden Quellen zeigen.“ So sollen Nutzer*innen befähigt werden, sich eine eigene, informierte Meinung zu bilden.
Die Macher: Aus dem Hörsaal in die App-Stores
Hinter der professionell wirkenden Fassade der App verbirgt sich (noch) kein ausfinanziertes Tech-Unternehmen, sondern ein engagiertes Projekt, das Simon Grether angestoßen hat und heute mit einem mehrköpfigen Team für Bereiche wie Business Development und UX-Design vorantreibt.
Der Zündfunke für das Mammutprojekt war reine Frustration über den Status quo. „In den vergangenen Jahren war mit wachsender Sorge zu beobachten, wie Social Media zunehmend für Manipulation missbraucht wird“, konstatiert Grether. Was bei US-Wahlen begann, sei längst in europäischen Wahlkämpfen angekommen. „Irgendwann wollten wir nicht mehr tatenlos zusehen.“ Grether kritisiert dabei auch die träge Regulierung der EU gegenüber Meta und X. Bestehende europäische Alternativen seien oft „zu idealistisch“, um mit Big Tech konkurrieren zu können.
Aktuell läuft das Uni-Projekt noch unter dem rechtlichen Schutzschirm der der TTI Technologie-Transfer-Initiative GmbH der Universität Stuttgart, die administrative Aufgaben in der Frühphase abnimmt. Auf klassisches Venture Capital (VC) verzichten die Schwaben bislang ganz bewusst. „Aktuell priorisieren wir ein organisches, gesundes Wachstum, anstatt frühphasiges VC-Kapital rein für teures Marketing zu verbrennen“, stellt Grether klar. Zwar läuft derzeit eine Startnext-Crowdfunding-Kampagne, doch dies sei laut Grether nur ein Bonus für die Community. Die eigentliche Hauptfinanzierung ist durch Fördertöpfe der Bundesregierung und der EU gesichert, was dem Team Unabhängigkeit beim Infrastrukturaufbau verschaffe.
Markt & Wettbewerb: Der Kampf um die Creator
Der Markteintritt gilt als Königsdisziplin. Das unerbittliche Henne-Ei-Problem – ohne Nutzer*innen kein Content, ohne Content keine Nutzer*innen – hat schon viele Plattformen beerdigt. Simon Grether ist sich dieser Hürde bewusst: „Das ist der Punkt, an dem viele Alternativen scheitern.“
Die Stuttgarter wählen daher bewusst einen stark kommerziellen Ansatz, um eine kritische Masse zu erreichen. Sie grenzen sich damit spitz von rein spendenfinanzierten Netzwerken wie Mastodon oder VC-getriebenen Plattformen wie Bluesky ab, auf denen Influencer*innen aktuell kein Geld verdienen können. „Ein Non-Profit-Ansatz ist gesellschaftlich begrüßenswert, greift aber in der Realität der heutigen Creator Economy oft zu kurz“, argumentiert Grether. „Social Media ist für viele Creator ein Vollzeitjob; sie müssen auf einer Plattform Geld verdienen können.“ Reflip beteiligt Creator direkt an den Werbeeinnahmen – laut Grether der „zentrale Wachstumsmotor“, der bereits reichweitenstarke Influencer*innen mit über einer Million Followern auf die Plattform gelockt habe.
Kritisch nachgehakt: Serverkosten und Profitabilität
Der technologische Ansatz ist lobenswert, doch betriebswirtschaftlich bleibt das Projekt ein Hochseilakt. Automatisierte Faktenchecks in Echtzeit durch Large Language Models erfordern enorme Rechenleistung. Jede(r) aktive Nutzer*in verbrennt bares Geld. Auf die konkrete journalistische Nachfrage, wie hoch die Kosten pro Nutzer*in tatsächlich ausfallen, mauert Grether jedoch: „Ich bitte um Verständnis, dass wir zu laufenden Infrastrukturkosten, wie auch andere Unternehmen, keine Auskunft geben.“ Er versichert lediglich, dass das Modell von Beginn an auf Skalierbarkeit ausgelegt sei. „Unser Geschäftsmodell deckt durch Werbeeinnahmen nicht nur die laufenden Server- und API-Kosten, sondern auch unser Creator-Programm“, verspricht Grether und kündigt an, künftige Überschüsse an die Multiplikatoren weiterzugeben.
Bleibt die Frage der Monetarisierung: Reflip wirbt mit europäischem Datenschutz und schließt das lukrative, extrem datengetriebene Hyper-Targeting von Meta faktisch aus. Wie soll die Plattform dennoch Gewinne abwerfen? „Datenhungriges Hyper-Targeting ist nicht zwingend erforderlich, um profitabel zu betreiben“, kontert Grether. Man setze stattdessen auf dezente, nicht-personalisierte In-Feed-Anzeigen. Zusätzlich plant Reflip in etwa einem Jahr ein werbefreies Premium-Abo, schließt aber eine radikale Paywall aus: „Die Basisnutzung von Reflip wird dauerhaft kostenlos bleiben; alles andere wäre ein massiver Wachstumsblocker.“ Selbst ein B2B-Lizenzmodell für die eigene Faktencheck-Technologie halte man sich für die Zukunft offen.
Unser Fazit: Visionär und ambitioniert
Reflip ist ein starkes Beispiel für europäischen Erfindergeist und den Willen, gesellschaftliche Probleme durch Technologie zu lösen. Die technische Umsetzung als fertige App ist für ein universitäres Projekt und geplantes Spin-off äußerst beeindruckend.
Um zu einem skalierbaren Start-up heranzuwachsen, muss das Team nun zeitnah beweisen, dass das etablierte Monetarisierungsmodell die extrem hohen Infrastrukturkosten auch dann noch trägt, wenn die aktuellen staatlichen Fördermittel auslaufen. Bis dahin bleibt Reflip ein faszinierendes Tech-Experiment – und ein David, der hofft, dass den Goliaths des Marktes die Luft ausgeht.
Nomado24: Wie zwei Studenten mit KI den Remote-Arbeitsmarkt aufräumen wollen
Jobbörsen sind voller „Remote“-Jobs – doch oft verbirgt sich im Kleingedruckten die Präsenzpflicht. Das Ludwigshafener Start-up Nomado24 nutzt Sprachmodelle, um Stellenanzeigen zu filtern. Eine smarte Idee für eine spitze Zielgruppe. Aber reicht das für ein tragfähiges Geschäftsmodell?
Der Frust ist vielen Bewerber*innen und digitalen Nomad*innen nur allzu gut bekannt: Man filtert auf etablierten Job-Portalen nach „Remote“ oder „Homeoffice“, nur um dann im Textfeld über Klauseln wie „zwei Tage pro Woche am Standort“ zu stolpern. Große Plattformen filtern meist nur nach Stichworten, was für Unübersichtlichkeit sorgt. Genau hier setzt Nomado24 an. Das junge HR-Tech-Start-up aus Ludwigshafen will den Markt mit einem KI-Sprachmodell (LLM) sauberer vermessen, indem es den Kontext jeder Anzeige liest und verifiziert, ob der Job zu 100 Prozent ortsunabhängig ausgeübt werden kann.
Doch wer braucht so eine spezialisierte Plattform überhaupt? Schließlich finden sich viele echte Remote-Jobs im IT-Sektor, wo Fachkräfte sich ihre Stellen ohnehin aussuchen können. „Der Einwand stimmt“, räumt Mitgründer Anton Petuchow unumwunden ein. „Senior-Entwicklerinnen und -Entwickler bekommen drei Recruiter-Nachrichten pro Woche, die brauchen uns nicht, und sie sind ausdrücklich nicht unser Fokus.“ Nomado24 zielt stattdessen auf die andere Hälfte des Remote-Marktes ab: Berufe im Kund*innenservice, Vertriebsinnendienst, Marketing oder der Buchhaltung sowie Menschen, die einen Nebenjob von zu Hause suchen. Hier gebe es echte ortsunabhängige Stellen, aber die Kandidat*innen müssten selbst suchen. „Für sie ist eine Plattform, die aussortiert statt aufzublähen, ein spürbarer Unterschied“, betont Petuchow. Der geografische Fokus liege dabei klar auf dem deutschsprachigen Raum, da der globale englischsprachige Markt bereits gut versorgt sei.
Die Nomado24-Datenanalyse im Fokus
Wie dringend dieser KI-Filter nötig ist, zeigt ein Blick auf die Daten: Ein interner Audit des Start-ups von Ende Juli 2026 offenbart die Schwächen des aktuellen Marktes. Von 2.459 als „remote“ ausgewiesenen Stellen fielen 14,5 Prozent durch das KI-Raster, da sie de facto nicht komplett ortsunabhängig waren. Zudem nennt nur jede vierzigste Anzeige ein konkretes Gehalt – trotz der längst abgelaufenen Frist zur EU-Entgelttransparenzrichtlinie.
Für digitale Nomad*innen lauert jedoch oft ein weiterer Knackpunkt: „100 % Remote“ bedeutet in der Praxis häufig „100 % Homeoffice innerhalb Deutschlands“, da Arbeitgeber*innen bei dauerhafter Arbeit aus dem EU-Ausland schnell steuerliche Fallstricke drohen. Prüft die KI also auch das Arbeitsrecht? „Wir prüfen mehr, als der reine Remote-Haken hergibt, aber wir ziehen eine bewusste Grenze“, erklärt Petuchow. Der KI-Klassifikator lese zwar geografische Einschränkungen aus, eine verbindliche Einzelfallprüfung zu Betriebsstättenrisiken oder Sozialversicherungsfragen biete man jedoch bewusst nicht an. „Das wäre automatisierte Rechtsberatung“, so der Gründer. Gerade der Beschäftigungskontext sei laut EU-KI-Verordnung hochriskant. „Ein System, das verbindliche steuer- und arbeitsrechtliche Auskünfte zu konkreten Arbeitsverhältnissen erteilt, bringt einen Pflichtenkatalog mit, den wir als zweiköpfiges Team heute nicht seriös stemmen können“, stellt er klar. Stattdessen mache man die ohnehin entspannten Freizügigkeitsregeln innerhalb der EU sichtbar und verweise bei komplexen Einzelfällen auf Expert*innen.
Die Gründer: Aus dem Hörsaal auf den Markt
Hinter Nomado24 stehen keine langjährigen HR-Veteranen, sondern Anton Petuchow und Lars Schreiner. Die zündende Idee brachte Schreiner, der an der HWG Ludwigshafen Sustainable Management studiert, aus seiner Zeit als Surflehrer mit: Mangels lokaler Alternativen mussten viele seiner Kollegen außerhalb der Saison unterqualifizierte Jobs annehmen. Bei Nomado24 verantwortet er heute Vertrieb und Marketing, während WHU-Absolvent Petuchow nach Stationen bei BASF und Allianz die Bereiche Strategie und Produkt leitet.
Der Weg aus dem studentischen Umfeld zur offiziell gegründeten UG (haftungsbeschränkt) war jedoch zäh. „Die größte Hürde war nicht die Gründung selbst, sondern das Drumherum“, blickt Petuchow auf Themen wie Steuernummern, Datenschutz und AGBs zurück. „Für zwei Studenten ohne Vorerfahrung sind das Wochen, in denen kein einziges Produktfeature entsteht. Rückblickend war es trotzdem richtig, das früh sauber zu machen.“ Finanziert ist das Start-up, das im TechnologieZentrum Ludwigshafen (TZL) sitzt und Ende Mai 2026 live ging, bislang komplett gebootstrappt und durch Fördermittel (StartInRLP) sowie Azure-Credits von Microsoft. Business Angels sollen erst in einer kommenden Finanzierungsrunde an Bord geholt werden.
Geschäftsmodell und Markt: Ein kritischer Blick
Nomado24 bietet neben der Jobvermittlung auch eine „Pro“-Funktion für Bewerber*innen sowie mittelfristig die Vermittlung von Coworking-Spaces an. Droht dem kleinen Team hier nicht ein klassischer „Feature Creep“, bei dem man sich verzettelt? Petuchow nimmt die Kritik gelassen auf: „Die Jobbörse ist das Produkt. Alles andere muss aus derselben Datenbasis fallen und darf keine eigene Roadmap verlangen.“ Die geplante Coworking-Suche sei der beste Beleg für diese Disziplin, da man keine Ressourcen in den Aufbau eigenen Inventars stecke, sondern auf eine Partnerschaft mit einem Weltmarktführer setze. Dennoch gibt er selbstkritisch zu: „Ja, wir haben in der Anfangsphase mehr gebaut, als für den Fokus gut war, und haben deshalb inzwischen Dinge bewusst zurückgestellt.“
Um im Haifischbecken der großen Jobbörsen wie Stepstone oder Indeed zu bestehen, nutzt das Start-up Automatisierung, um schnell eine kritische Masse an Stellen zu bieten. Den Vorwurf des unerlaubten „Scrapings“ von Fremdportalen lässt die Geschäftsführung jedoch nicht gelten. Hier wird Petuchow deutlich: „Der Begriff Scraping beschreibt unsere Arbeitsweise falsch. Wir lesen keine Fremdportale aus. Indeed, Stepstone oder LinkedIn fassen wir nicht an.“ Stattdessen beziehe man die aktuell rund 2.400 Anzeigen aus offiziellen Schnittstellen der Arbeitsagentur, von Partnerschnittstellen, aus Bewerbermanagementsystemen oder direkt von Arbeitgeber*innen. „Wir entziehen niemandem Traffic, wir schicken welchen“, wehrt er rechtliche Bedenken ab.
Auch die befürchteten Serverkosten für das ständige KI-Screening seien extrem überschaubar. „Eine Anzeige wird einmal gelesen und danach beliebig oft ausgeliefert, ohne dass noch einmal ein Modell anspringt“, erklärt der Gründer. Dank des Microsoft-Förderprogramms verbrenne man aktuell ohnehin kein Geld für die Infrastruktur.
Bleibt das klassische Henne-Ei-Problem: Wie überzeugt man zahlende Unternehmenskunden, wenn die Reichweite noch im Aufbau ist? „Unsere Antwort auf das Henne-Ei-Problem heißt nicht Vertrieb, sondern Google“, verrät Petuchow die SEO-Strategie. Durch strukturiert ausgezeichnete Anzeigen bei „Google for Jobs“ und gezielte Suchseiten baue man organisch Reichweite auf. Die Klicks verdreißigfachten sich zuletzt nahezu – ganz ohne Werbebudget. Petuchows Maxime: „Erst Nutzerzahlen aufbauen, dann monetarisieren. Und wenn wir mit Arbeitgebern über bezahlte Inserate sprechen, dann mit belegbarer Reichweite statt mit Versprechen.“
Einordnung und Fazit
Nomado24 bedient zweifellos einen echten Pain Point und punktet mit seinem transparenten Ansatz, unpassende Jobs knallhart auszusortieren. Das große Risiko: Die Technologie hinter LLMs wird rasant zugänglicher. Große Player könnten die Kernfunktion mit ihren massiven Entwicklungs-Ressourcen theoretisch schnell kopieren.
Wo liegt also der Burggraben? „Ehrlich gesagt: Einen unkopierbaren Burggraben haben wir nicht, und ich würde jedem Gründer misstrauen, der bei einem Sprachmodell-Feature einen behauptet“, kontert der WHU-Absolvent selbstbewusst. Die Branchengiganten würden einen so strengen Filter jedoch kaum ausrollen wollen, da deren Geschäftsmodell auf Reichweite und Anzeigenvolumen basiere. Ein Filter, der rigoros 14 Prozent der Anzeigen als „Fake-Remote“ aussortiert, würde dort zahlende Kund*innen verprellen. „So etwas baut niemand konsequent gegen das eigene Geschäftsmodell“, ist Petuchow überzeugt. „Für die Großen wäre derselbe Filter ein Umsatzproblem, für uns ist er das Produktversprechen.“
Ein klassischer David-gegen-Goliath-Pitch mit einer cleveren Nischenstrategie. Für die Zukunft hat sich das Team bis Mitte 2027 vier klare Meilensteine gesetzt: Organische Reichweite aufbauen, eine belastbare Konversionsrate für das Pro-Modell erzielen, das Angebot an echten Remote-Stellen im deutschsprachigen Raum ausbauen und die Coworking-Partnerschaft live bringen. Erst danach sei der B2B-Verkauf an Arbeitgeber*innen der logische Schritt. Anton Petuchow schließt mit einem klaren Versprechen an sich selbst: „Wenn diese vier bis Mitte 2027 nicht stehen, schulden wir uns selbst eine ehrliche Antwort darauf, warum nicht.“
Satelliten-Blackout als Geschäftsmodell: Kann QOODA den Milliardenmarkt der Quantennavigation erobern?
Ein Münchner DeepTech-Start-up hat den Münchener Businessplan Wettbewerb 2026 gewonnen. Die Vision von QOODA ist so ehrgeizig wie technisch komplex: Satellitenfreie Navigation durch hochauflösende Magnetfeldkartierung mittels Quantensensorik. Doch wie realistisch ist das Geschäftsmodell in einem kapitalintensiven Markt, in dem bereits globale Akteure wetteifern? Eine Einordnung.
In einer zunehmend volatilen Weltlage werden kritische Infrastrukturen zur Zielscheibe. Das sogenannte Spoofing und „amming – also die Manipulation oder Störung von globalen Satellitennavigationssystemen (GNSS) wie GPS oder Galileo – betrifft längst nicht mehr nur militärische Drohnen. Zivile Luftfahrt, autonome Systeme und die Logistik stehen vor massiven Herausforderungen. Branchenexperten schätzen die täglichen wirtschaftlichen Schäden durch GPS-Ausfälle auf bis zu eine Milliarde US-Dollar.
Genau in diese Lücke stößt QOODA. Das Start-up entwickelt quantenbasierte Lösungen, die eine präzise Navigation ohne Satellitensignal ermöglichen. Das Zauberwort lautet Magnetic Anomaly Navigation (MagANav). Die Idee: Das Magnetfeld der Erde gleicht einem einzigartigen Fingerabdruck. QOODA nutzt extrem empfindliche Quantensensoren, um selbst kleinste Anomalien im Magnetfeld zu messen. Diese Daten werden anschließend mit weiteren Sensordaten fusioniert und mithilfe Künstlicher Intelligenz – genauer gesagt Physics-Informed Neural Networks – zu präzisen Magnetfeldkarten verarbeitet. Das Ergebnis ist eine ausfallsichere, alternative Referenz für die Lokalisierung in sicherheitskritischen Bereichen.
„Mit unserer quantensensorbasierten Technologie gestalten wir GPS-freie Navigation neu.“ – Dr. Björn Pötter, Geschäftsführer von QOODA
Gründerteam und Historie
Hinter der technologischen Vision steht ein Schwergewicht an akademischer und industrieller Expertise. Die QOODA GmbH wurde im Jahr 2025 in München gegründet. Das fünfköpfige Gründerteam bringt das notwendige Rüstzeug aus Quantenphysik, Informatik und Industrieerfahrung mit: Neben CEO Dr. Björn Pötter stehen Dr. Inés de Vega, Dr. Peter Eder (COO), Dr. Sadegh Ebrahimi (CTO) und Ahmad Nikmanesh an der Spitze des Unternehmens.
Ihre gemeinsame Mission beschreiben sie als die Modernisierung der sogenannten „OODA-Schleife“ (Observe, Orient, Decide, Act) – einem Konzept aus der Militärstrategie, das durch Quantentechnologie und KI in diversen Anwendungsdomänen schnellere und intelligentere Entscheidungen ermöglichen soll.
Die Hard Facts zu QOODA
- Gründung: 2025 (HRB 305706, Amtsgericht München)
- Stammkapital: 25.000 Euro
- Technologie: Quantensensorik, Sensorfusion, KI-gestützte Magnetfeldkartierung (MagANav)
- Zielmärkte: Luftfahrt, autonome Systeme, Robotik, UXO-Detektion
- Auszeichnungen: 1. Platz beim Münchener Businessplan Wettbewerb 2026 (BayStartUP)
Der Markt: Mehr als nur Navigation
Die Anwendungsfälle für QOODAs Technologie gehen weit über die klassische Luftfahrt hinaus. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für den praktischen Nutzen ihrer DeepTech-Entwicklung ist die Kampfmittelräumung (UXO – Unexploded Ordnance) in Krisengebieten wie der Ukraine. In Zusammenarbeit mit der Dropla Tech ApS nutzt QOODA die Tatsache, dass Quantensensoren eine bis zu tausendfach höhere Sensitivität als klassische Methoden aufweisen, um Minen und Blindgänger zuverlässiger zu detektieren.
Darüber hinaus streckt das Start-up seine Fühler in Richtung Predictive Maintenance (vorausschauende Wartung) aus. Mit quantenmagnetischer und THz-Bildgebung sollen beispielsweise nichtleitende Bauteile von Flugzeugen (wie Radome) präzise auf Defekte inspiziert werden. Diese Diversifikation des Portfolios ist strategisch klug, um unterschiedliche Einnahmequellen in B2B-Märkten zu erschließen.
Das Geschäftsmodell auf dem Prüfstand
Wer Hardware, insbesondere Quanten-Hardware, entwickelt, steht unweigerlich vor dem "Tal des Todes" – der extrem kapital- und zeitintensiven Phase zwischen Prototyp und Serienfertigung. Ein kritischer Blick auf das Geschäftsmodell von QOODA offenbart jedoch einen pragmatischen Ansatz zur Risikominimierung.
Das Start-up positioniert sich explizit in den Technology Readiness Levels (TRL) 4 bis 6. Hier liegt der Fokus auf dem Aufbau von Intellectual Property (IP), der Entwicklung wiederverwendbarer Module und Prototyping. Für die teure Industrialisierungsphase (TRL 7-9) – also Zertifizierung, Härtung der Systeme und Skalierung für den Massenmarkt – sucht QOODA den Schulterschluss mit etablierten Industriepartnern.
Um die frühen Phasen der Unternehmensentwicklung zu finanzieren, betreibt das Team zudem Consulting. Die Identifikation von Use-Cases, Strategieberatung für Unternehmen im Quanten-Bereich sowie die Bereitstellung ihrer Entwicklungsplattform „ODIN“ sollen offenbar den Cashflow ankurbeln, während das Kernprodukt reift. Diese Strategie reduziert zwar das anfängliche Kapitalrisiko, macht QOODA auf lange Sicht jedoch stark abhängig vom Wohlwollen und der Geschwindigkeit seiner industriellen Partner.
„Der Münchener Businessplan Wettbewerb bietet uns die passende Plattform, um Technologie und Marktpotenzial sichtbar zu machen“, erklärt Dr. Pötter. Nun geht es darum, das Wachstum strukturiert vorzubereiten und genau diese strategischen Partnerschaften gezielt auszubauen.
Wettbewerb: Ein globales Wettrüsten
QOODA bewegt sich in einem Markt, in dem keine Gefangenen gemacht werden. Die Idee der Navigation mittels magnetischer Anomalien wird derzeit weltweit vorangetrieben. Das australische Start-up Q-CTRL hat mit seinem System "Ironstone Opal" bereits reale Demonstrationen absolviert und behauptet, traditionelle Trägheitsnavigationssysteme (INS) um ein Vielfaches an Genauigkeit zu übertreffen. Auch Giganten der Branche, wie Maxar Intelligence mit ihrer kamerabasierten Software "Raptor", entwickeln alternative Lösungen für GPS-freie Umgebungen.
Die Konkurrenz ist massiv finanziert und operiert international (z.B. Q-CTRL mit Büros unter anderem in Sydney, Los Angeles und Berlin). Für ein junges Münchner Startup bedeutet das: Die Uhr tickt. Der Sieg beim BayStartUP-Wettbewerb ist ein erstklassiger Meilenstein, muss nun aber zügig in hochvolumige Finanzierungsrunden umgemünzt werden.
Einordnung und Fazit
QOODA ist ein Paradebeispiel für den modernen DeepTech-Ansatz "Made in Germany". Das Team kombiniert herausragende akademische Exzellenz mit einem erstaunlich pragmatischen Markteintritt. Anstatt den Versuch zu wagen, mit 25.000 Euro Startkapital eine eigene Hardware-Fabrik aus dem Boden zu stampfen, fokussieren sich die Münchner auf den USP: die Algorithmen, die Sensorfusion und die Modulentwicklung (TRL 4-6). Das begleitende Consulting-Geschäft liefert zudem wichtige Bodenhaftung und frühe Kund*innenkontakte.
Die Technologie adressiert ein brennendes, globales Problem: die Verletzlichkeit von GPS-Systemen. Wenn es QOODA gelingt, die Industrialisierungspartnerschaften (TRL 7-9) erfolgreich abzuschließen, steht dem Start-up ein Multi-Milliarden-Markt offen. Das größte Risiko bleibt jedoch das Timing und das Kapital. Die internationale Konkurrenz, insbesondere aus dem angloamerikanischen und australischen Raum, ist mit prall gefüllten Kriegskassen bereits im Feldtest. Für QOODA gilt es nun, den Schub des Businessplan-Siegs zu nutzen, um die europäische technologische Souveränität in diesem Sektor entscheidend mitzugestalten.
Bootstrapping auf der Straße: Wie „Pfandpirat“ das 225-Mio.-Euro-Pfandloch digitalisiert
Sammy Zimmermanns, ein IT-Manager aus Dresden verwandelt ungenutztes Leergut im öffentlichen Raum in eine digitale Schatzsuche. Mit seiner Plattform Pfandpirat zeigt er, wie sich mit Gamification, KI-Tools und einem strikten Zero-Budget-Marketing eine aktive Community aufbauen lässt. Doch der Sprung vom Herzensprojekt zum skalierbaren Geschäftsmodell steht noch aus. Eine Einordnung.
Flaschensammeln ist in deutschen Innenstädten ein präsentes Bild. Während es für einige Menschen eine aus der Not geborene Einnahmequelle ist, lassen andere ihr Leergut aus Bequemlichkeit einfach stehen. An dieser Schnittstelle zwischen Verschwendung und Recycling setzt die Plattform Pfandpirat an.
So funktioniert Pfandpirat in der Praxis
Die Plattform läuft als Progressive Web App (PWA) direkt und ohne Installation im Browser. Wer unterwegs auf Leergut stößt, wird Teil einer digitalen Schnitzeljagd:
- Melden & Markieren: Nutzer*innen markieren den Fundort von weggeworfenen Flaschen oder Dosen auf einer GPS-basierten Karte – das funktioniert für schnelle Hinweise inzwischen sogar ohne Account.
- Scannen & Dokumentieren: Wer tiefer einsteigen will, kann Getränkearten genau dokumentieren und Barcodes direkt über die Smartphone-Kamera erfassen.
- Sammeln & Finden: Lokale Push-Benachrichtigungen informieren die Community, sobald neues Pfand in der Nähe gemeldet wurde.
- Aufsteigen & Spielen: Belohnt wird das Engagement durch Gamification-Elemente – vom Maskottchen „Käpt'n Kork“ über einen integrierten Schrittzähler bis hin zu einem XP-Level-System, in dem man vom Matrosen bis zum Admiral aufsteigen kann.
KI als virtueller Co-Founder
Hinter dem Projekt steht der 48-jährige IT-Softwaremanager Sammy Zimmermanns aus Dresden. Die Gründungsgeschichte von Pfandpirat ist ein klassisches Beispiel für ein Problem, das aus dem eigenen Alltag heraus gelöst wurde: Aus gesundheitlichen Gründen begann Zimmermanns, täglich spazieren zu gehen. Dabei fiel ihm das immense Leergut-Aufkommen auf den Straßen auf.
Als Solo-Gründer stand er jedoch vor der klassischen Ressourcen-Hürde, die er durch den pragmatischen Einsatz von generativer KI löste. Ohne großes Startkapital nutzte er KI-Assistenten für Konzept, Programmierung, Design und Pressearbeit. „Die größte Hürde war tatsächlich nicht eine einzelne Funktion, sondern die Summe aus allem“, räumt Zimmermanns ein. Statt ein kleines Team anzuheuern, entwickelte er mithilfe der KI rasend schnell Prototypen und komplexe Features wie das XP-System oder eine Gamification-Logik. Dennoch stellt er klar: „KI hat mir die Arbeit nicht abgenommen. Die Entscheidungen, Tests, Verantwortung und der konkrete Praxisbezug kamen von mir.“ Die KI sei vielmehr ein unabdingbarer Beschleuniger und Sparringspartner gewesen. Entstanden ist so eine leichtgewichtige Progressive Web App (PWA), die komplett auf Hürden klassischer App-Store-Installationen verzichtet und direkt im Browser läuft.
Zero-Budget-Marketing und starke Traction
Das Projekt wird bislang vollständig eigenfinanziert und wächst organisch – die Customer Acquisition Costs (CAC) liegen faktisch bei null Euro. Doch wie überwindet man das klassische Henne-Ei-Problem einer neuen Plattform, wenn die digitale Karte noch komplett leer ist? „Am Anfang habe ich die Karte selbst mit echten Beobachtungen gefüllt“, verrät der Gründer. Er dokumentierte eigene Pfandfunde und leitete daraus erste Spielmechaniken ab. „Dadurch war Pfandpirat nicht nur eine leere Plattform, sondern hatte von Beginn an reale Daten und eine nachvollziehbare Geschichte“, erklärt Zimmermanns den anfänglichen Reiz der App.
Die Einstiegshürden wurden so niedrig wie möglich gehalten, sodass Pfand inzwischen auch ohne Account gemeldet werden kann. Den eigentlichen Durchbruch brachten dann die ersten lokalen Presseberichte. Heute zeigen die Zahlen, wie schnell sich die Mechaniken auszahlen:
- Nutzer*innenbasis: Die Plattform verzeichnet mittlerweile 319 registrierte App-Nutzer*innen.
- Datenvolumen: In der Datenbank befinden sich 13.629 Gesamteinträge an über 11.000 verzeichneten Fundorten.
- Reichweite: Das System wird inzwischen in 80 verschiedenen Städten aktiv genutzt.
- Detailtiefe: Nutzer*innen haben bereits über 2.400 Getränke dokumentiert und Barcodes via Smartphone-Kamera erfasst.
Gebunden wird die Community durch Spieltrieb: Es gibt das Maskottchen „Käpt'n Kork“, ein Level-System, einen Schrittzähler und lokale Push-Benachrichtigungen.
Der Markt: Ein Millionenpotenzial auf der Straße
Laut Umweltbundesamt liegt die Rücklaufquote für Einwegpfand bei starken 98 Prozent. Doch der verbleibende Rest, der sogenannte Pfandschlupf, summiert sich laut Zimmermanns Berechnungen auf einen deutschlandweiten Verlust von rund 225 Millionen Euro im Jahr.
Auf die kritische Nachfrage, wie viel davon durch Pfandpirat tatsächlich wieder messbar im Kreislauf landet, bemüht sich der Gründer um saubere journalistische Distanz zu seinen eigenen Zahlen: „Ich trenne hier sehr bewusst zwischen Potenzial, dokumentierten Funden und nachweisbarer Rückführung.“ Die Millionen-Hochrechnung diene vor allem dazu, das Ausmaß des Problems greifbar zu machen. Um die reine Meldung perspektivisch in belastbare Daten umzuwandeln, testet Pfandpirat aktuell einen „Pfandbon-Check“ in der Beta-Version. Hierüber können Nutzer*innen ihre Rückgaben validieren lassen.
Zudem weitet die Plattform ihren Fokus auf verschenkte Gegenstände am Straßenrand aus. Ist das eine strategische Flucht nach vorn, weil die Pfand-Nische zu eng wird? „Für mich ist das keine Flucht aus einer Nische, sondern eine logische Erweiterung derselben Grundidee“, kontert Zimmermanns. Dinge, die noch einen Wert haben, sollen nicht unsichtbar verschwinden. Pfand bleibe der Kern, aber der Verschenken-Modus öffne die App in Richtung einer breiteren Zero-Waste- und Kreislaufwirtschaft.
Wettbewerb und Positionierung im Markt
Der Markt rund um Flaschenpfand und Stadtreinigung ist keineswegs unbesetzt, aber fragmentiert. Während Initiativen wie Pfandgeben.de private Haushalte direkt an bedürftige Flaschensammler*innen vermitteln und Pfand gehört daneben als breite Sensibilisierungskampagne auftritt, positioniert sich Pfandpirat hybrid: mit einer GPS-basierten PWA für Casual Gamer, umweltbewusste Passant*innen und technikaffine Spaziergänger*innen.
Kritisch hinterfragt: Zielgruppen und Monetarisierung
Aus Investor*innensicht wirft das reine Bootstrapping-Projekt fundamentale Fragen auf, allen voran die fehlende Monetarisierung. Wann also muss die kostenfreie App profitabel werden? Der IT-Manager bremst die Erwartungen an eine schnelle Kommerzialisierung, verweist aber auf erste kleine Erfolge: „Der erste Euro ist im Kleinen aber tatsächlich schon verdient.“ Über Affiliate-Links in der Getränkesuche, etwa zu Rewe oder Lieferando, würden bereits kleine Provisionen fließen. Perspektivisch plant er Coupon-Modelle, gesponserte Challenges und anonymisierte Trendanalysen für Kommunen und den Handel, betont aber: „Monetarisierung darf den sozialen und ökologischen Zweck nicht beschädigen.“
Ein weiteres strukturelles Problem ist die Zielgruppen-Dissonanz: Die App spricht primär Passant*innen an, die aus Spaß mitmachen – Bedürftige hingegen haben oft weder Zeit noch das Datenvolumen oder moderne Hardware für solche Spielereien. Baut Zimmermanns hier eine Lösung an der eigentlich betroffenen Zielgruppe vorbei? Der Gründer verweist zur Einordnung auf die „Pfandstudie Deutschland 2026“, wonach von den über 1,1 Millionen Pfandsammler*innen hierzulande die Mehrheit nicht aus existenzieller Not, sondern zur Einkommensergänzung oder aus Umweltschutzgründen aktiv ist.
Dennoch verschließt er nicht die Augen vor denjenigen, denen der digitale Zugang fehlt. Sein Gegenargument: „Menschen mit Smartphone können Pfand sichtbar machen, auch ohne selbst zu sammeln.“ So entstünden Hinweise, die allen zugutekommen. Zimmermanns wehrt sich gegen falsche Romantik: „Pfandpirat soll keine soziale Realität romantisieren, sondern ein digitales Werkzeug schaffen, das ein unterschätztes Alltagssystem sichtbarer, messbarer und besser nutzbar macht.“
Unser Fazit
Für die Start-up-Szene ist Pfandpirat ein exzellentes Lehrstück. Es zeigt eindrucksvoll, wie sich aus einer einfachen Idee durch Lean-Management, KI-Tools und Zero-Budget-Marketing ein funktionierender Proof of Concept über Dutzende Städte hinweg ausrollen lässt. Doch die Transformation von einer sympathischen Community-Idee hin zum skalierbaren Geschäftsmodell erfordert zwingend eine ausgereifte Monetarisierungsstrategie.
Wo also steht das Projekt in drei Jahren? Sucht Sammy Zimmermanns aktiv nach Investor*innen? „In drei Jahren möchte ich, dass Pfandpirat nicht mehr nur als Dresdner App wahrgenommen wird, sondern als kleine digitale Infrastruktur für Pfand, Stadtraum und Kreislaufwirtschaft“, wünscht sich der Gründer. Er sei durchaus offen für Business Angels oder Partner*innen – vorausgesetzt, sie bringen einen echten Zugang zum Thema öffentlicher Raum mit. Und noch etwas ist ihm wichtig: Partner*innen müssten die Mission verstehen, „und nicht nur schnelles Wachstum sehen“.
B2B-EdTech-Start-up-Report
Der biologische Imperativ des Lernens: Wie NeuroTech und B2B-EdTech die Wissensökonomie verschmelzen und welche Start-ups hierzulande tonangebend sind.
Die Ära der passiven Web-Seminare ist endgültig vorbei. Die moderne Wissensökonomie hat eine harte Lektion gelernt: Man kann keine erschöpfte Belegschaft upskillen. Schlafmangel und kognitive Überlastung kosten die globale Wirtschaft jährlich hunderte Milliarden Euro an verlorener Produktivität und Innovationskraft. Genau an dieser Schnittstelle von Biologie und Weiterbildung entfaltet sich ein spannender High-Tech-Wachstumsmarkt unserer Zeit. Lifelong Learning im B2B-Sektor ist nicht mehr nur eine Frage von Content-Management-Systemen, sondern von kognitiver Leistungsfähigkeit. Smarte Textilien, Neuro-Tracker und digitale Schlaf-Coaches transformieren ein biologisches Grundbedürfnis in die Basis erfolgreicher Unternehmensweiterbildung. Für Gründer*innen bedeutet dies eine historische Chance: Wer heute EdTech baut, entwickelt keine reinen Lernplattformen mehr, sondern holistische Systeme für Human Performance. Dieser Report beleuchtet, wie der deutsche Markt diese Fusion aus Neuro-Enhancement und B2B-Learning meistert.
Die Marktlage
Der europäische EdTech-Markt hat die Post-Pandemie-Katerstimmung hinter sich gelassen und präsentiert sich 2026 stark konsolidiert und hochprofitabel. Laut aktuellen Bitkom-Erhebungen fließen mittlerweile rund 40 Prozent der dedizierten HR-Software-Budgets im Mittelstand in datengetriebene Weiterbildungs- und Performance-Tools. Haupttreiber dieser Entwicklung ist die generative künstliche Intelligenz, die nicht nur Lerninhalte in Echtzeit hyperpersonalisiert, sondern sich nahtlos mit biometrischen Daten synchronisiert. Relevante Erhebungen, wie das KfW-Mittelstandspanel, bestätigen die schiere Marktgröße und beziffern die jährlichen Weiterbildungsinvestitionen allein im deutschen Mittelstand auf einen starken zweistelligen Milliardenbetrag. Die Investitionssummen spiegeln diese Reife wider: Während Seed-Runden im Schnitt bei konservativen zwei bis drei Millionen Euro liegen, sehen wir in Series-A- und Series-B-Finanzierungen für skalierbare B2B-SaaS-Modelle wieder realistische, aber gesunde Tickets zwischen 15 und 30 Millionen Euro – weit entfernt von den überhitzten Bewertungen der frühen Zwanzigerjahre, aber getragen von soliden Umsätzen.
Die neuen Treiber
Wer den Markt heute dominieren will, muss über das Offensichtliche hinausblicken. Drei spezifische Sub-Sektoren treiben das Wachstum rasant voran. An erster Stelle steht das sogenannte Neuro-Adaptive Learning. Hierbei wird die Erholungsökonomie direkt in den Lernprozess integriert. Ermüdungserscheinungen werden durch Wearables gemessen, woraufhin die KI-gestützte Lernplattform automatisch das Tempo drosselt oder Mikrolern-Einheiten anbietet. Vorreiter wie die etablierten Corporate-Coaching-Plattformen integrieren längst digitale Schlaf-Coaches in ihre Suiten, da die Neurowissenschaft beweist, dass Tiefschlafphasen für die Gedächtniskonsolidierung essenziell sind.
Der zweite Treiber ist Immersive Skill-Routing via Spatial Computing. AR- und VR-Headsets werden für hochkomplexe Maschinenschulungen und Hochrisiko-Trainings (wie Medizintechnik oder Flugzeugwartung) genutzt. In den Acceleratoren der TUM und des Cyber Valleys entstehen derzeit erste Stealth-Spin-offs, die Spatial Computing direkt mit Echtzeit-EEG-Wearables koppeln, um kognitive Überlastung im Training live zu messen und zu korrigieren.
Der dritte Sektor umfasst Verified Credentialing mittels Blockchain-Technologie, wodurch lebenslange Lernfortschritte fälschungssicher an Personalabteilungen übermittelt werden. Pioniere wie CoachHub haben den Weg geebnet, doch die neuen Treiber gehen tief in die biometrische und technologische Infrastruktur der Unternehmen über.
Reality Check: Gescheiterte Hoffnungen & Lektionen
Doch der Weg in diese profitable Gegenwart war gepflastert mit schmerzhaften Marktkorrekturen. Ein prominentes Beispiel für gescheiterte Hoffnungen war die Insolvenz des Berliner B2B-Coaching-Start-ups Sharpist im Frühjahr 2024, bevor es in Teilen gerettet werden konnte. Trotz massiver Finanzierungsrunden in der Pandemie brach das Modell unter seiner eigenen Kostenstruktur zusammen. Dieser Crash liefert heutigen EdTech-Gründer*innen vier fatale Fallstricke, die es zwingend zu vermeiden gilt.
- Der erste Fallstrick ist die chronische Abhängigkeit von VC-Kapital bei gleichzeitiger Vernachlässigung der Unit Economics; unprofitables Wachstum wird 2026 vom Markt brutal abgestraft.
- Zweitens unterschätzen Gründer*innen noch immer die B2B-Sales-Zyklen. Enterprise-Kunden brauchen oft sechs bis zwölf Monate bis zur Vertragsunterschrift, was eine immense Kapitaldecke erfordert.
- Der dritte Fallstrick ist die mangelnde Beweisführung des ROI. Eine Plattform, die HR-Abteilungen nicht messbar nachweisen kann, dass die Mitarbeitenden durch das Tool produktiver werden oder Kosten sparen, wird in Krisenzeiten sofort gekündigt.
- Viertens scheitern viele an der Regulatorik: Wer heute Gesundheitsdaten (wie Schlaf-Tracking) mit Personalentwicklung kreuzt, rennt ohne lückenlose DSGVO-Compliance und Betriebsrats-Zustimmung ungebremst gegen eine juristische Wand.
Das deutsche Netzwerk (Hotspots)
Die deutsche EdTech- und Neuro-Tech-Landschaft hat sich auf wenige, dafür aber extrem leistungsstarke Hubs konzentriert. München führt das Feld unangefochten an, gestützt durch die Technische Universität München (TUM) und die UnternehmerTUM, die europaweit führend in den Bereichen B2B-SaaS und DeepTech ist; hier entsteht die Hardware für Wearables und komplexe KI-Architekturen. Berlin bleibt das kommerzielle Epizentrum für Skalierung und Sales. Die Dichte an internationalen VCs und die Präsenz der ESMT Berlin befeuern hier vor allem Plattform-Modelle. Ein oft unterschätzter, aber hochrelevanter Hub ist das Cluster Stuttgart/Tübingen. Durch das hier ansässige Cyber Valley – Europas größtes KI-Forschungskonsortium – und exzellente Institute für Kognitionswissenschaften kommen von hier die tiefgreifendsten Algorithmen zur Lernanalyse. Schließlich hat sich die Region Köln/Bonn als unverzichtbarer Knotenpunkt für Corporate Learning etabliert, was nicht zuletzt an der historischen Präsenz großer Telekommunikations- und Medienkonzerne liegt, die als Early Adopter und Co-Innovatoren für Start-ups fungieren.
Investor*innen-Radar
Das Kapitalökosystem für Lifelong Learning hat sich stark professionalisiert und agiert in vier klaren Clustern. Bei den spezialisierten VCs geben europäische Fonds wie Emerge Education und Brighteye Ventures den Ton an; sie verstehen die pädagogischen Nuancen und regulatorischen Hürden wie kein anderer. Im Bereich der Top-Tier Generalisten sind es Schwergewichte wie HV Capital, Cherry Ventures und Point Nine Capital, die vor allem dann investieren, wenn das EdTech-Modell astreine B2B-SaaS-Metriken aufweist und Skalierbarkeit verspricht. Corporate VCs aus der Industrie, allen voran Bertelsmann Next und Holtzbrinck Digital, sichern sich durch strategische Investments frühzeitig die Technologien, die ihr eigenes Verlags- und Bildungsgeschäft digitalisieren. Der wahre Motor der Innovation liegt jedoch in der Frühphase bei erfahrenen Business Angels. Prominente Köpfe wie Verena Pausder treiben die Branche seit Jahren voran, flankiert von starken Angel-Syndikaten wie encourageventures, die gezielt diverses Gründen im Bildungsbereich fördern und Start-ups den entscheidenden ersten Runway sichern.
Die Top Start-ups (Must-Watch)
Die Auswahl der folgenden Top Start-ups erfolgte durch unsere Redaktion auf Basis eines strengen Kriterienkatalogs. Wir bewerteten die aktuelle Marktrelevanz, den technologischen Reifegrad des Produkts, die nachgewiesene Traktion bei B2B-Kunden sowie das Vertrauen namhafter Investoren. Um die Innovationskraft der jüngsten Generation in den Fokus zu rücken, berücksichtigt diese Liste ausschließlich Start-ups mit Hauptsitz in Deutschland und einem Gründungsjahr ab 2020 (bzw. dem unmittelbaren Aufbruch der aktuellen Welle Ende 2019). Die Auswahl reicht von etablierten Kategorie-Führer*innen bis hin zu aufstrebenden Newcomer*innen, die die Grenzen des klassischen E-Learnings sprengen und DeepTech, HR-Tech sowie kognitive Optimierung miteinander vereinen.
Tomorrow University of Applied Sciences
Im Jahr 2020 von Christian Rebernik und Dr. Thomas Funke gegründet, hat sich dieses Start-up zur führenden B2B- und B2C-Plattform für akademisches Upskilling entwickelt. Das Geschäftsmodell ist eine vollwertige, remote-first Universität (SaaS- und Studiengebühren-Modell), deren USP in der challenge-basierten Lernmethodik und einer hochentwickelten App-Architektur liegt, die starre Vorlesungen obsolet macht. Zu den Lead-Investoren der letzten Runden zählen Emerge Education und EduCapital.
DeepSkill
Miriam Mertens und Peter Goeke gründeten DeepSkill im Jahr 2020, um die Soft-Skill-Lücke in Unternehmen zu schließen. Das B2B-SaaS-Modell fungiert als digitale Plattform für ganzheitliche und emotionale Mitarbeiterentwicklung, die datengetriebenes Coaching mit klassischen Lernpfaden verbindet. Der High-Tech Gründerfonds (HTGF) und diverse Business Angels unterstützen diese Mission, die Menschlichkeit durch Technologie skalierbar zu machen.
Aivy
Ebenfalls 2020 von Florian Dyballa und seinem Team ins Leben gerufen, transformiert Aivy die Art und Weise, wie Potenziale erkannt werden. Das B2B-Geschäftsmodell basiert auf game-basierten Assessments, die psychometrische Daten auswerten, um Mitarbeitern präzise, bias-freie Lern- und Karrierepfade aufzuzeigen. Zu den frühen Geldgebern gehören renommierte HR-Experten und Business Angels wie Matthias Helfrich und Andreas Schmitz (ehem. Personalvorstand Roche), die die tiefe wissenschaftliche Fundierung des USPs schätzen.
Zavvy
Mehmet Yilmaz und Joshua Cornelius (die zuvor bereits Freeletics aufbauten) gründeten Zavvy 2021 als ganzheitliche B2B-SaaS-Lösung für Employee Enablement. Der USP liegt in der nahtlosen Integration von Onboarding, Micro-Learning und Performance-Tracking direkt in Kommunikations-Tools wie Slack und Teams, wodurch Lernen in den täglichen Workflow integriert wird. Der europäische Top-VC La Famiglia führte die Seed-Runde an, begleitet von Picus Capital und Emerge Education, bevor das Start-up Anfang 2024 in einem aufsehenerregenden Exit vom HR-Giganten Deel übernommen wurde.
Edurino
Auch wenn der Fokus zunächst auf der Vorschulbildung liegt, baut das 2021 von Irene Klemm und Franziska Meyer gegründete Start-up die fundamentale Infrastruktur für digitales Lifelong Learning. Ihr Geschäftsmodell kombiniert haptische Spielfiguren mit einer adaptiven Lern-App (B2C & B2B/Kindergärten). Der USP der physisch-digitalen Interaktion wird in Zukunft auch für haptische B2B-Trainings adaptiert. b2venture und DN Capital haben zweistellige Millionenbeträge in diese Vision investiert.
Knowunity
Benedict Kurz, Gregor Weber, Lucas Hild und Yannik Prigl gründeten Knowunity 2020 noch während ihrer eigenen Schulzeit. Ursprünglich als B2C-Marktplatz für Schüler-Zusammenfassungen gestartet, hat sich die Plattform technologisch zu einem globalen, KI-gestützten Lernbegleiter (AI Tutor) entwickelt. Der hochskalierbare USP der Peer-to-Peer-Architektur und das tiefe Gen-Z-Verständnis wecken massiv das Interesse von Konzernen: Im B2B-Bereich nutzen Unternehmen wie Porsche oder Vodafone die Plattform als hochprofitablen Kanal für Employer Branding und extrem frühes Recruiting. Nach Redalpine und Project A in den frühen Phasen hat zuletzt der europäische Top-VC XAnge die 27 Millionen Euro schwere Series-B-Finanzierungsrunde angeführt.
Edyoucated
Von Marius Bicher, Jan Rellermeyer, Marius Karwat und David do O' gegründet, gehört edyoucated zu den führenden deutschen B2B-SaaS-Plattformen für KI-gestütztes Skill-Management. Das Geschäftsmodell basiert auf einer Lern-Engine, die vorhandene Kompetenzen in Unternehmen analysiert und automatisiert maßgeschneiderte, hochindividuelle Lernpfade zusammensetzt. Der USP liegt in der drastischen Reduzierung von Schulungszeiten bei gleichzeitig höherer Wissensretention. Der europäische Top-VC Earlybird Venture Capital führt das Investorenkonsortium des Unternehmens an.
Internationaler Ausblick & Fazit
Der Blick über die europäischen Grenzen zeigt, dass die Fusion von EdTech und Human Performance gerade erst begonnen hat. Aus den USA schwappt der Trend der völlig autarken „AI-Tutors“ herüber – hochkomplexe KI-Agenten, die sich als persönliche Mentor*innen tief in die ERP-Systeme der Unternehmen einnisten und Lernbedarfe erkennen, bevor der/die Mitarbeitende überhaupt weiß, dass er/sie eine Wissenslücke hat. Asien treibt derweil die Hyper-Gamification und mobile-first Micro-Credentials auf die Spitze, wo Lernen fast ausschließlich in hochfrequenten, sekundenkurzen Interaktionen stattfindet. Aus dem israelischen Ökosystem wiederum drängen Start-ups in den zivilen Markt, die militärisch erprobte Neuro-Feedback-Technologien nutzen, um Stressresistenz und kognitive Fokus-Raten von Führungskräften zu tracken und zu trainieren.
Für Gründer*innen und Investor*innen in Deutschland und Europa lautet das Fazit für 2026 unmissverständlich: EdTech isoliert betrachtet ist tot. In der nächsten Dekade werden jene Unternehmen gewinnen, die Weiterbildung als biologischen und datengetriebenen Performance-Kreislauf begreift. Wer die technologische Brillanz von B2B-SaaS mit dem ethischen und sicheren Umgang von Neuro- und Gesundheitsdaten vereint, baut nicht nur die Arbeitswelt der Zukunft, sondern erschafft die nächste Generation von europäischen Unicorns.
Vom Trading-Floor zum Flagship-Store: Spiritorys ungewöhnlicher Schritt in den Einzelhandel
Das Münchner Start-up Spiritory vollzieht einen strategisch bemerkenswerten Pivot: Die 2022 gegründete Plattform, die sich laut eigenen Angaben als Europas führender Marktplatz für seltene Whiskys und Premiumspirituosen positioniert, wagt den Sprung in den stationären Einzelhandel.
Am 24. Juli 2026 eröffnet das Unternehmen im denkmalgeschützten Münchner Stemmerhof sein erstes physisches Ladengeschäft. Für ein originär digitales FinTech- und Marktplatz-Modell ist dies eine riskante und zugleich spannende Entwicklung, die das D2C-Segment aufhorchen lässt.
Die Gründungshistorie und das Kernmodell
Die Gründer Janis Wilczura und Clemens Bennier starteten Spiritory Anfang 2022 mit der Vision, den oftmals intransparenten Markt für Sammlerspirituosen zu demokratisieren. Das Kernprodukt des Start-ups ist ein digitales Ökosystem, das klassische Börsenmechaniken auf alternative Anlagegüter wie Whisky anwendet. Käufer*innen und Verkäufer*innen in ganz Europa handeln hier zu transparenten und tagesaktuellen Marktpreisen.
Nutzer*innen können zudem ihre Portfolios digital verwalten und Marktdaten abrufen. Mit einer klaren Gebührenstruktur (üblicherweise 6 % für Verkäufer*in und 3 % für Käufer*in) greift das junge Unternehmen die Margen traditioneller Wettbewerber an. Auch prominente Investor*innen glauben an das Modell: So zählt unter anderem der für seine Whisky-Leidenschaft bekannte Comedian Michael Mittermeier zum Gesellschafterkreis.
Markt und Wettbewerb: Ein hart umkämpftes Segment
Der Markt für seltene Spirituosen verzeichnete zuletzt ein enormes Wachstum. In diesem Umfeld muss sich Spiritory gegen etablierte, kapitalstarke Player wie Whisky Auctioneer oder Catawiki behaupten, die oftmals auf klassische Auktionen mit hohen Provisionen setzen. Spiritory differenziert sich nicht nur durch den Live-Trading-Ansatz, sondern auch als B2B-Partner: Das Start-up bietet Händler*innen und Destillerien eine einfache Lösung zur Digitalisierung ihres Vertriebs.
Warum ein physischer Laden?
Dass Spiritory nun mit einer Eröffnungsauswahl von über 100 limitierten Abfüllungen und seltenen Single Malts in München-Sendling offline geht, ist aus klassischer VC-Perspektive unkonventionell. Marktplätze leben von Skalierbarkeit und geringen Grenzkosten; ein Ladengeschäft bringt Fixkosten und lokale Begrenzungen mit sich. Für diesen Omnichannel-Ansatz sprechen jedoch drei Faktoren:
- Trust & Brand Building: In einem Premium-Markt, in dem Authentifizierung entscheidend ist, schafft physische Präsenz Vertrauen. Laut Pressemitteilung sollen im Shop „Storytelling und Markenbindung im Vordergrund“ stehen.
- Hybride Erlebnisse: CEO Janis Wilczura formuliert den Anspruch, ein Entdecker-Erlebnis fernab von reiner „Regalware“ zu schaffen. Der Shop, der bewusst mit Gegensätzen wie „Klostertisch auf ein asymmetrisches Regal“ spielt, fungiert als greifbarer Showroom.
- Kund*innenakquise & Beratung: Die persönliche Beratung vor Ort ist fester Konzeptbestandteil. Dies senkt Einstiegshürden für Neulinge und bindet Kenner*innen emotional an die Marke.
Fazit für die Start-up-Szene
Spiritory demonstriert, dass im absoluten Premiumsegment eine rein digitale Präsenz oft nicht ausreicht, um nachhaltige Kund*innenbeziehungen aufzubauen. Ob der neue Store im Stemmerhof die Plattform durch Cross-Selling messbar befeuert oder sich als reines Marketing-Tool entpuppt, wird sich zeigen. Klar ist: Spiritory monetarisiert durch den Shop-Ausbau gezielt die emotionale Komponente des Marktes, denn hinter jeder Flasche steht – wie das Unternehmen treffend betont – eine Geschichte.
Schluss mit dem teuren KI-Hype: Step-by-Step zum profitablen KI-Einsatz im Start-up
Der Hype um KI kennt scheinbar keine Grenzen. Jedes neue Tool verspricht, die Produktivität zu verdoppeln und die Konkurrenz im Staub zurückzulassen. Doch Hand aufs Herz: Wie viel von diesem Hype schlägt sich am Ende tatsächlich in euren KPIs oder auf dem Bankkonto nieder?
Die Realität sieht ernüchternd aus. Laut einer aktuellen YouGov-Umfrage vom Mai 2026 berichten gerade einmal 17 Prozent der befragten Unternehmensentscheider von messbaren Umsatz- oder Gewinneffekten durch KI in ihrem Unternehmen. Für die repräsentative Umfrage hatte die KI-Beratung Neurawork 541 Entscheider*innen befragen lassen.
Für Start-ups ist diese Zahl ein Warnsignal. Während etablierte Konzerne es sich leisten können, Millionen in „Leuchtturmprojekte“ ohne Return on Investment zu versenken, ist eure Runway dafür schlicht zu kurz. Jeder Euro und jede Arbeitsstunde müssen sitzen. Wie also verwandelt man das Buzzword KI in echten geschäftlichen Nutzen?
Der Schlüssel liegt nicht in der Technologie selbst, sondern in der strategischen Herangehensweise. Christoph Knöll, Mitgründer von Neurawork, bringt es auf den Punkt: „Die entscheidende Frage lautet nicht, wo Unternehmen KI einsetzen können, sondern wo sie Engpässe beseitigt, Probleme löst und neue wirtschaftliche Potenziale erschließt.“
In sieben Schritten zum profitablen KI-Einsatz im Start-up
Ein strukturierter KI-Workshop kann hier Abhilfe schaffen. Basierend auf den Beobachtungen aus der Praxis zeigt sich ein 7-Schritte-Fahrplan, mit dem aus netten Spielereien handfeste Business-Cases werden.
Schritt 1: Startet mit dem Business-Ziel – nicht mit dem Tool
Lasst euch nicht von der neuesten API-Ankündigung ablenken. Der größte Fehler ist es, eine Technologie zu nehmen und krampfhaft nach einem Problem zu suchen. Fragt euch stattdessen zuerst: Was ist unser aktueller Flaschenhals? Wollen wir Zielgruppen erschließen, Margen optimieren oder Services verbessern? Erst wenn das Ziel glasklar ist, wird geprüft, ob KI als Hebel dienen kann.
Schritt 2: Holt die richtigen Leute an den Tisch – besonders Berufseinsteiger*innen
Ein strategischer KI-Workshop gehört nicht isoliert in die Chefetage. Ihr braucht ein diverses Team aus Vertrieb, Marketing, Kund*innenservice und Produktentwicklung, denn dort kennt man die echten Schmerzpunkte der Kund*innen. Der Start-up-Hack: Bezieht unbedingt eure Praktikant*innen und Berufseinsteiger*innen mit ein. Diese nutzen KI oft völlig intuitiv im Alltag und bringen unvoreingenommene Perspektiven ein.
Schritt 3: Geht radikal von den Problemen eurer Kunden aus
Erfolgreiche Start-ups lösen echte Probleme. Analysiert im Workshop: Wo verlieren eure Kund*innen unnötig Zeit oder Geld? An welchen Stellen fallen ihnen Entscheidungen schwer? Fokussiert euch auf die Probleme, die so dringend sind, dass Kund*innen für deren Lösung auch tatsächlich bezahlen würden.
Schritt 4: Entwickelt aus Lösungen neue Geschäftsmodelle
Wenn ihr ein echtes Problem identifiziert habt, denkt groß: KI ermöglicht völlig neue Monetarisierungsstrategien. Nun gilt es im Workshop, aus der reinen Problemlösung ein tragfähiges geschäftliches Konzept zu entwickeln. Arbeitet dafür die folgenden To-dos durch:
- Zusatzleistungen definieren: Prüft gemeinsam, ob sich aus der KI-Lösung direkt neue, eigenständige Services oder digitale Zusatzleistungen für eure bestehenden Kund*innen schnüren lassen.
- Wiederkehrende Umsätze generieren: Überlegt, ob sich ein klassisches Einmal-Kauf-Modell durch KI-gestützte Abonnements ersetzen oder strategisch ergänzen lässt.
- Pricing neu denken: Diskutiert erfolgsabhängige Vergütungsmodelle. Wenn eure KI dem Kund*innen beispielsweise Zeit oder Geld spart, könntet ihr euer Pricing genau an diesen messbaren Mehrwert koppeln.
Schritt 5: Bewertet Umsatz, Gewinn und Kund*innennutzen getrennt
Nicht jede KI-Idee muss direkt den Umsatz ankurbeln. Manchmal liegt der größte Hebel in der reinen Kostensenkung, einer verbesserten Servicequalität oder einer stärkeren Kund*innenbindung. Bewertet eure gesammelten Ideen daher differenziert nach Kund*innennutzen, Umsatzpotenzial, Margeneffekt, Entwicklungsaufwand und laufenden Kosten. Nutzt dafür folgende To-dos im Workshop:
- Den strengen Kosten-Nutzen-Check durchführen: Stellt bei jeder Idee das direkte Umsatzpotenzial und den erwarteten Margeneffekt schonungslos den Kosten gegenüber. Bewertet dabei sowohl den einmaligen Entwicklungsaufwand als auch die laufenden Betriebskosten (wie Serverkapazitäten oder externe API-Gebühren).
- Interne Effizienzhebel definieren: Sucht gezielt nach zeitfressenden, repetitiven Routineaufgaben in eurem Start-up (z. B. im Support oder in der Datenpflege). Analysiert, wo Automatisierung durch KI intern massive Zeitgewinne bringt, die indirekt eure Profitabilität steigern.
- Qualität statt nur Quantität bewerten: Prüft, welche Ideen vielleicht nicht am ersten Tag mehr Geld einbringen, aber die Qualität eures Produkts messbar erhöhen – etwa durch drastisch reduzierte Fehlerquoten oder schnellere Reaktionszeiten. Bewertet diesen Kund*innennutzen als eigenständigen Faktor.
Schritt 6: Macht den ehrlichen Realitätscheck
Im kreativen Rausch eines Workshops entstehen schnell fantastische Ideen. Danach folgt der Realitätscheck. Bevor ihr Code schreibt, müsst ihr klären: Haben wir die nötigen Daten und sind diese rechtlich nutzbar? Sind Datenschutz und regulatorische Anforderungen erfüllt? Gerade für Start-ups können rechtliche Fehler existenzbedrohend sein.
Schritt 7: Geht niemals ohne einen konkreten Fahrplan auseinander
Beendet die Session erst, wenn ihr euch auf wenige priorisierte Anwendungsfälle geeinigt habt. Erstellt für jedes Projekt eine Roadmap mit einem klaren, messbaren Ziel, dem definierten Kund*innennutzen, klaren Verantwortlichkeiten und einem Zeitplan.
Fazit: Erst der messbare Nutzen, dann das Budget
Der Schritt von der Spielerei zum profitablen Business-Tool erfordert Disziplin. Wie Christoph Knöll betont: „Erst wenn ein messbarer wirtschaftlicher Nutzen erkennbar ist, lohnt sich eine größere Investition.“ Ein pragmatischer Workshop ist dafür das ideale Fundament.
