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Geschäftsideen Weinhandel: Premiumweine megagünstig
Spitzenweine zum Schnäppchenpreis
Überkapazitäten lassen sich oft günstig verkaufen – diese Geschäftsidee funktioniert auch mit Spitzenweinen.
David Brunier und Lucas Bast kaufen mit ihrem Start-up Überkapazitäten von internationalen Premium-Weinen auf, versehen sie mit eigenen Etiketten und verkaufen sie anschließend unter ihrer Marke Wine Genius über ihren eigenen Onlineshop an die Endkunden.
So ist es möglich, dass sie einen Wein, der im Handel normalerweise 15 Euro kostet, für 8 Euro anbieten. Die von Wine Genius angepeilte Zielgruppe sind vor allem junge Weinliebhaber, die auf diesem Weg an gute Weine herangeführt werden sollen, die trotzdem "bezahlbar" sind.
Mittlerweile vermarktet Wine Genius nicht nur Überkapazitäten, sondern auch streng limitierte Sondereditionen von ausgewählten Weingütern, um damit junge weininteressierte Kunden anzusprechen.
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ScaleUp Alliance EFH: Gemeinsam die Sanierung im Einfamilienhausmarkt skalieren
Viele Bausteine für die serielle Sanierung von Einfamilienhäusern existieren bereits. Jetzt braucht es die richtigen Akteure, um diese erfolgreich zu skalieren. Mit der ScaleUp Alliance EFH initiiert das dena-Kompetenzzentrum Serielles Sanieren (Energiesprong Deutschland) eine Alliance für Innovatoren und Vorreiter, die den EFH-Markt weiter voranbringen wollen.
Die serielle Sanierung setzt auf Vorfertigung, kurze Baustellenzeiten und standardisierte Prozesse. Die ScaleUp Alliance EFH startet als neues Format, das gezielt die Skalierung erfolgreicher Lösungsansätze für die serielle Sanierung im Einfamilienhaussegment vorantreibt. Den Auftakt bildet die Skalierungswerkstatt im Rahmen des Energiesprong-Festivals am 7. und 8. September in Berlin. Die Teilnehmenden kommen zusammen und bearbeiten konkrete Challenges für die Skalierung der seriellen Sanierung im Einfamilienhaussegment. Ziel ist es, motivierte und engagierte Menschen zu finden, die auch über die Veranstaltung hinaus weiter gemeinsam mit uns zusammenarbeiten: In einer anschließenden Entwicklungsphase werden gemeinsam Ideen konkretisiert, Partnerschaften gebildet und die entwickelten Prototypideen weiterentwickelt, die einen Beitrag dazu leisten können, die serielle Sanierung dauerhaft im Markt zu verankern.
Gesucht werden insbesondere Start-ups, Unternehmen, Industriepartner sowie Menschen mit Innovations- und Skalierungserfahrung. Auch Sponsoring-Partner und Investoren sind eingeladen, sich einzubringen und die Skalierung aktiv zu unterstützen.
Ein Marktsegment mit Potenzial
Nach aktuellen Schätzungen der dena, ergibt sich aktuell ein Potenzial von etwa 2,6 Millionen Gebäuden, die unter heutigen Rahmenbedingungen grundsätzlich für eine serielle Sanierung infrage kommen. Dieses Potenzial zu erschließen, birgt jedoch auch zentrale Herausforderungen. Denn die Anforderungen sind vielfältig: Unterschiedliche Gebäudetypen, individuelle Bedürfnisse von Eigentümerinnen und Eigentümern sowie unterschiedliche finanzielle Ausgangssituationen und Investitionsbereitschaften. Hinzu kommt, dass auf der Angebotsseite gleichzeitig ausreichend Kapazitäten in Planung, Produktion und Umsetzung aufgebaut und langfristig gesichert werden müssen. Diesen konkreten Herausforderungen stellen sich die Teilnehmenden in der Challenge der Skalierungswerkstatt:
Die Challenge: Skalierbare Komplettsanierung aus einer Hand
Die Skalierungswerkstatt widmet sich der zentralen Frage: „Wie bauen wir einen überregionalen Anbieter für energetische Sanierungen aus einer Hand auf?“
Dabei können verschiedene Konzeptansätze verfolgt werden, etwa die Bündelung der Nachfrage, die Entwicklung einer digitalen Vermittlungsplattform oder die Erarbeitung skalierbarer Geschäftsmodelle für Gesamtlösungsanbieter. Weitere Möglichkeiten sind die dezentrale Umsetzung über regionale Netzwerke, der Aufbau von Gigafabriken für industrielle Produktionsstätten oder die Optimierung von Akquise- und Vertriebsprozessen. All diese Ansätze sollen im Rahmen von Komplettsanierungen im Einfamilienhaussegment gedacht werden und schlussendlich in der ScaleUp Alliance zu einer ganzheitlichen Umsetzung für die Skalierung zusammengeführt werden.
Darum lohnt es sich mitzumachen
Teilnehmende der ScaleUp Alliance EFH erhalten die Möglichkeit, neue Kontakte zu knüpfen, gezielt mit relevanten Akteuren entlang der gesamten Wertschöpfungskette zusammenzuarbeiten und Ideen für das Einfamilienhaussegment konsequent in Richtung Umsetzung und Skalierung zu denken.
Die Entwicklungsphase wird eng vom dena-Energiesprong-Team begleitet und bietet über das bereits große Netzwerk Zugang zu verschiedenen Marktakteuren sowohl auf Anbieter- als auch auf Eigentümerseite. Im Mittelpunkt steht der direkte Austausch zwischen Start-ups, etablierten Unternehmen, Investorinnen und Investoren sowie weiteren Akteuren, die den Markthochlauf der seriellen Sanierung aktiv vorantreiben wollen.
Die Bewerbung zur Skalierungswerkstatt der ScaleUp Alliance EFH läuft bis zum 11. August.
tripbot: KI-Reiseplanung jenseits der Inspiration
Bunte Urlaubsbilder generieren kann jede KI – doch wenn es um echte Preise und Verfügbarkeiten geht, scheitern viele Systeme. Der 21-jährige Gründer Nico Neser will diese Lücke mit seinem Start-up tripbot schließen. Durch eine strikte technische Trennung von generativer Inspiration und harten Datenbank-Fakten verspricht der Autodidakt mehr Transparenz im Buchungs-Dschungel. Ein ambitionierter Plan, der sich in einem von Milliarden-Konzernen dominierten Markt erst noch beweisen muss.
Hinter tripbot steht kein großes Entwicklerteam, sondern ein klassischer Solo-Founder. Der Fachabiturient Nico Neser aus Mittelfranken hegte eigentlich den Berufswunsch, Pilot zu werden, weshalb das Thema Reisen für ihn auch privat eine zentrale Rolle spielt. Die Idee zu tripbot entstand laut Neser Mitte 2025 aus einer persönlichen Nutzerfrustration: Er sei es leid gewesen, unzählige Browser-Tabs öffnen zu müssen, um Preise, Hotels und Bewertungen mühsam zu vergleichen.
„Vom ersten ernsthaften Prototypen bis zum heutigen funktionierenden MVP war es ungefähr ein Jahr intensiver Entwicklung“, blickt Neser zurück. Aus einer simplen Idee entsprang schnell ein komplexes Geflecht aus Flug- und Hotelsuche, Zahlungsabläufen und einer separaten KI-Schnittstelle. Dass er sich das alles nur über YouTube beigebracht habe, sei zu kurz gegriffen, räumt der Gründer ein; KI-gestützte Entwicklungswerkzeuge hätten ihm vor allem geholfen, schneller zu lernen. Dennoch betont er die menschliche Aufsichtspflicht: „Gerade bei einem Produkt, über das später echte Reisen und Zahlungen abgewickelt werden, muss ich kritische Abläufe selbst nachvollziehen, testen und absichern.“ In der gebootstrappten Anfangsphase ohne Investorengelder habe er vor allem gelernt, mit technischen Grenzen umzugehen. „Man lernt, dass Gründen nicht bedeutet, auf jede Frage sofort eine Antwort zu haben. Es bedeutet, Verantwortung dafür zu übernehmen, eine belastbare Antwort zu finden“, so der 21-Jährige.
Das Problem: Wenn Inspiration an der Buchungsrealität scheitert
Der Kern von tripbot beruht auf der Annahme, dass Reise-KI heute oft an den harten Buchungsfakten scheitert. Nico positioniert sein Produkt gegen reine „Inspirations-KIs“, die Traumstrände vorschlagen, den Buchungsprozess selbst aber kaum erleichtern.
Auf die Frage, wie er das Halluzinieren der KI bei konkreten Preisen verhindert, verweist Neser auf eine strikte Systemarchitektur. „Bei tripbot sind klassische Reisesuche und KI-Suche bewusst zwei unterschiedliche, aber miteinander verbundene Wege“, stellt er klar. Preise und Tarife werden klassisch über APIs etablierter Anbieter*innen abgerufen. Die KI fungiere lediglich als Übersetzer für natürliche Reisewünsche, wie etwa die Suche nach einem ruhigen Hotel abseits der Partymeile.
„Das Sprachmodell darf eine Anfrage verstehen, Prioritäten erkennen und Ergebnisse erklären. Es darf aber nicht selbst einen Flugpreis, eine Verfügbarkeit oder eine Buchungsbedingung erfinden“, skizziert Neser. Auf die Fehleranfälligkeit der KI angesprochen, verzichtet er auf PR-Floskeln: „Eine hundertprozentige Garantie, dass ein generatives System niemals einen Fehler macht, wäre aus meiner Sicht unseriös.“ Wichtig sei vielmehr, dass ein sprachlicher Fehler nicht automatisch zu einer fälschlichen Buchung führe. Ob diese theoretische Trennung auch einem massenhaften Stresstest mit tausenden komplexen Live-Anfragen standhält, wird allerdings erst der geplante Rollout zeigen.
Geschäftsmodell und der riskante Kampf um Nutzer*innen
Das Marktumfeld ist unerbittlich, Giganten wie Booking.com investieren selbst Milliarden. Wie also die ersten 10.000 aktiven Nutzer*innen gewinnen? „Ich möchte die ersten 10.000 aktiven Nutzer nicht über teure Anzeigen einkaufen“, blockt Neser den kapitalintensiven Weg ab. Er setzt stattdessen auf organisches Wachstum, SEO rund um echte Nutzerfragen und eine enge Einbindung der Community. „Entscheidend sind Menschen, die den Mehrwert verstehen, das Produkt wiederverwenden, es weiterempfehlen und über tripbot buchen“, lautet seine Strategie.
Aus unserer Sicht ist das ein hochriskantes Unterfangen: Im brutalen B2C-Travel-Segment, in dem die großen Portale fast alle Werbeplätze und Suchergebnisse dominieren, gilt rein organisches Wachstum heute als fast utopisch. Die Plattform selbst monetarisiert sich über Buchungsprovisionen, während die KI-Suche in einem Freemium-Modell mit optionalem Pro-Abo münden soll. Einem schnellen Investoreneinstieg erteilt Neser vorerst dennoch eine Absage: „Ich möchte nicht früh eine große Runde aufnehmen, nur um unbewiesene Werbekanäle zu finanzieren oder KI-Nutzung dauerhaft zu subventionieren. Kapital sollte einen funktionierenden Motor beschleunigen. Es sollte nicht den fehlenden Motor ersetzen.“
Haftung und das Retention-Problem
Auch die rechtlichen Hürden bei Reisebuchungen thematisiert der Autodidakt. „Die KI steht nicht zwischen dem Nutzer und einer rechtlich relevanten Bestätigung und darf keine eigene Buchungsbestätigung erfinden“, erklärt Neser. Vor jedem Abschluss werden die Preise aus den Datenbanken live re-evaluiert und dem/der Nutzer*in klassisch zum Checkout vorgelegt.
Um Nutzer*innen trotz der geringen Reisefrequenz von ein bis zwei großen Urlauben im Jahr an tripbot zu binden, verzichtet der Gründer auf künstliche App-Gamification oder aggressive Push-Nachrichten. Der Mehrwert soll stattdessen im Langzeitgedächtnis der Plattform liegen: Wer immer Direktflüge oder ruhige Hotels bucht, bekommt diese Vorlieben beim nächsten Urlaub direkt berücksichtigt. „Der eigentliche Vorteil entsteht nicht daraus, dass tripbot Menschen häufiger zu Reisen überredet. Er entsteht daraus, dass jede neue Planung auf den Erfahrungen der vorherigen aufbauen kann“, argumentiert der Entwickler. Ob dieser sanfte Ansatz im schnelllebigen Reise-Markt ausreicht, in dem Gewohnheit und aggressive Rabattschlachten oft über reine Nutzerfreundlichkeit siegen, bleibt abzuwarten.
Blick in die Zukunft
Jetzt steht der Feinschliff an. „In den kommenden zwölf Monaten steht zunächst nicht maximale Reichweite, sondern ein belastbares Fundament im Mittelpunkt“, skizziert Neser den Weg zum stufenweisen, öffentlichen Launch, der für August 2026 angesetzt ist. Bis 2028 sieht er tripbot als etablierte, mehrsprachige Reiseplattform aus Europa, die perspektivisch auch Hotels direkt und zu faireren Konditionen anbinden soll.
Am Ende geht es dem 21-Jährigen offensichtlich um mehr als nur Code und APIs. „Ich habe tripbot nicht gebaut, um einfach eine weitere Reiseplattform zu schaffen“, resümiert Nico Neser seine Motivation. „Ich habe es gebaut, weil ich glaube, dass jeder Mensch das Recht auf eine einfache, faire und stressfreie Reiseplanung hat.“ Eine ehrenwerte Vision – deren härtester Praxistest im direkten Kampf um die Gunst der Endkund*innen gerade erst beginnt.
CIRO: KI-Power für die Immobilienverwaltung
Wie das 2026 gegründete PropTech-Start-up CIRO den Markt für Immobilienverwaltung aufmischen will.
Das im Jahr 2026 gegründete PropTech-Start-up CIRO mit Sitz in Eching bei München bringt eine neue Plattform auf den Markt. Diese soll das Potenzial künstlicher Intelligenz (KI) in die oft noch analog geprägte deutsche Immobilienverwaltung tragen. Mit einer Softwarelösung, die sich primär an private Vermieter*innen und ab Herbst 2026 im B2B-Bereich auch an gewerbliche Hausverwaltungen richtet, wagt sich das junge Unternehmen in einen lukrativen, aber stark umkämpften Markt. Das Versprechen an die Nutzer*innen ist vollmundig: Im Durchschnitt sollen sich bis zu fünf Stunden Arbeit pro Woche einsparen lassen.
Vom Gespräch unter Freunden zum 360-Grad-Ansatz
Hinter CIRO stehen die Geschäftsführer André Teich (CTO) und Markus Froese (CEO). Der Anfang des Start-ups war dabei kein durchgeplantes Pitch-Deck, sondern ein schlichtes Gespräch unter Freunden. André Teich hatte ursprünglich den festen Plan, in die Immobilienvermietung als klassisches, langfristiges Vermögensaufbau-Vehikel einzusteigen.
Um die in der Praxis auftretenden administrativen Hürden zu lösen, brachte Markus Froese seine Expertise ein. Doch wie gelingt in einer so frühen Start-up-Phase die Finanzierung eines derart breit aufgestellten Expertenteams – von Entwicklung über Recht bis hin zum Marketing? „Wir haben nicht mit der Frage nach Kapital begonnen, sondern mit der Frage nach den richtigen Menschen“, blickt CEO Markus Froese zurück. Das Start-up sei von Beginn an als echte Partnerschaft konzipiert worden, in der jeder Gründer seine Kernkompetenz einbringe und über Unternehmensanteile statt eines klassischen Gehalts beteiligt sei. „Das schafft Verbindlichkeit und hält die Struktur schlank“, betont Froese. Finanziert wurde der Start demnach komplett aus eigener Kraft.
CTO André Teich ergänzt den pragmatischen Technologieanspruch der Gründer: „Die Immobilienverwaltung wurde technologisch seit Jahrzehnten kaum berührt. Wir nutzen KI nicht als Verkaufsargument, sondern um Menschen echte Arbeit abzunehmen.“ Da die Immobilienverwaltung unterschiedlichste Disziplinen berührt, wurde das Team fachübergreifend aufgestellt. So fungiert die Juristin Denise Sonnenschein als Gesicht für alle Rechtsthemen und sorgt dafür, dass Nebenkosten und Fristen stets auf dem aktuellen rechtlichen Stand bleiben.
Die Lösung: Automatisierung und dynamische Priorisierung
Während Buchhaltung und Banking andernorts längst digitalisiert sind, beherrschen bei der Verwaltung von Mietwohnungen in Deutschland noch vielerorts Excel-Tabellen und das manuelle Abtippen von Belegen den Alltag. Bei CIRO laden Nutzer*innen Dokumente einfach hoch. Die KI erkennt die Art des Dokuments, liest relevante Werte aus und ordnet sie zu – verschlüsselt nach AES-256-Standard und DSGVO-konform in Deutschland gehostet.
Ein zentrales Feature ist die dynamische Aufgabenverwaltung, die To-dos vorschlägt und Anliegen nach Dringlichkeit priorisiert. Doch wer haftet eigentlich, wenn Fristen versäumt werden oder die KI bei einer Abrechnung die falsche Rechtsgrundlage wählt? Auf diese kritische Frage reagiert André Teich bestimmt: „CIRO schiebt keine Aufgabe nach hinten – der Algorithmus kennt nur ein Nach-oben.“ Fristgebundene Aufgaben würden bis zu sechs Monate im Voraus auf dem Dashboard hervorgehoben. Ob sie letztlich erledigt werden, liege aber bewusst in der Hand des Nutzers bzw. der Nutzerin. „Wir sind die Assistenz, nicht die Ausführung“, stellt der CTO klar. Auch bei der Nebenkostenabrechnung erstelle das System lediglich einen Entwurf. Kontrolle und rechtliche Verantwortung blieben stets beim Vermieter bzw. der Vermieterin. Die juristische Logik dahinter verantworte die hauseigene Fachanwältin. „So entlastet die Technik, ohne dass jemand die Kontrolle abgibt“, resümiert Teich. Das Ziel sei es, den Kund*innen Zeit für die wirklich wichtigen Entscheidungen freizuschaufeln.
Das Geschäftsmodell: Die KI hinter der Paywall
CIRO verfolgt ein Software-as-a-Service (SaaS)-Modell, dessen Preisstruktur das Marketingversprechen bei genauem Hinsehen jedoch etwas relativiert. Die Basis-Nutzung ist zwar kostenlos, allerdings stark limitiert. Wer auf die vollumfängliche KI-Priorisierung hofft, muss im „Basic“-Tarif (ab 19 Euro/Monat) noch Abstriche machen, da der weitreichende KI-Assistent erst ab dem „Smart“-Tarif für 39 Euro monatlich freigeschaltet wird.
Versteckt das Start-up sein wichtigstes Feature also hinter einer Paywall und riskiert damit den Frust preissensibler Kleinvermieter? André Teich wehrt sich gegen diesen Vorwurf. Die automatische Priorisierung basiere nicht auf KI, sondern auf einem Algorithmus, der ohnehin jedem zur Verfügung stehe. Auch im kostenlosen Tarif sei bereits eine Basis-KI für das Einlesen von Hausgeldabrechnungen enthalten. „Was in den höheren Tarifen dazukommt, ist mehr KI-Leistung – vor allem beim automatischen Einlesen und Verarbeiten von Dokumenten“, erklärt der Gründer. Das Modell orientiere sich schlicht an der Portfoliogröße der Nutzer*innen. Wer 50 Einheiten vermiete, produziere hunderte Dokumente, für deren Verarbeitung die KI deutlich mehr Rechenleistung erbringen müsse. Teichs Fazit lautet dementsprechend: „Das ist keine Paywall, sondern ein Preis, der mit dem Nutzen mitwächst.“
Markt und Wettbewerb
Das Marktpotenzial ist enorm: Allein in Deutschland verwalten rund 5,5 Millionen private Vermieter*innen ihre Objekte größtenteils selbst. Doch CIRO agiert nicht im luftleeren Raum. Etablierte Start-ups wie immocloud oder Vermietet.de haben den Markt längst besetzt. Mit welchen Argumenten will man wechselträge Kund*innen also zur Migration auf ein noch junges System bewegen?
„Der Einwand ist berechtigt – Wechselträgheit ist real, und wir nehmen sie ernst, statt sie kleinzureden“, räumt André Teich ein. Deshalb behandle man den Datenumzug als eigenständiges Produktthema und setze im Sinne des Data Acts auf saubere Exportfunktionen. Das nehme die Angst, im System festzustecken. Letztlich wolle man die Konkurrenz nicht einfach preislich unterbieten, sondern technologisch neu denken: „Das Versprechen ist, Vermietung so passiv zu machen wie ein ETF-Investment“, verspricht der CTO selbstbewusst. Dass CIRO noch jung sei, sieht er als massiven Vorteil, da man das System „ohne Altlasten auf dem aktuellen Stand der Technik“ entwickeln konnte.
Unser Fazit
CIRO tritt als technologisch hochgerüsteter „Late Follower“ in den PropTech-Markt ein. Positiv hervorzuheben ist die breite Teamaufstellung, die typische Kinderkrankheiten durch fehlendes Branchenwissen minimieren könnte. Die strategische Entscheidung, ab Herbst 2026 auch professionelle Hausverwaltungen anzusprechen, dürfte wirtschaftlich überlebenswichtig sein.
Doch birgt der gleichzeitige Angriff auf B2C-Kleinvermieter*innen und B2B-Profis im ersten Jahr nicht die Gefahr, sich heillos zu verzetteln? Markus Froese versteht diese Sorge, sieht die Entwicklung jedoch gelassen. Da KI die Art und Weise, wie Software gebaut wird, extrem beschleunige, habe man die Plattform in nur acht Monaten zur Marktreife gebracht. Zudem setzten beide Zielgruppen technisch auf exakt demselben Fundament auf. „Wir bauen also nicht zwei Produkte, sondern ein Produkt, das sich seinen Nutzern anpasst“, betont Froese. Die Trennung erfolge vor allem im Vertrieb: Self-Service für Private, persönliche Betreuung für die Profis. Durch den gestaffelten Marktstart wähnt sich das Team auf der sicheren Seite: „Wir starten nicht zwei Dinge gleichzeitig aus dem Nichts, sondern öffnen ein laufendes System für eine zweite Zielgruppe.“
Die größte Aufgabe von Teich und Froese wird es nun sein, das Vertrauen in die fehlerfreie Arbeitsweise ihrer Automatisierung zu gewinnen und den Spagat zwischen kostenlosen Einstiegsangeboten und kostenintensiven Premium-Features erfolgreich zu meistern.
DeepTech abseits der Metropolen: Warum das wahre Start-up-Potenzial in der Region schlummert
Im StartingUp-Interview: Prof. Dr. Axel Winkelmann von der Universität Würzburg. Warum DeepTech-Gründer*innen abseits der Metropolen punkten und welche Finanzierungslogik sie wirklich brauchen.
Deutschland leidet paradoxerweise an seinem eigenen Ideenreichtum: In den Laboren und Universitäten der Republik entstehen täglich bahnbrechende Technologien, die das Potenzial haben, globale Märkte zu revolutionieren. Doch sobald es an den Transfer von der akademischen Forschung in die unternehmerische Praxis geht, reißt der Faden allzu oft ab. Während Start-up-Hubs wie Berlin oder München die Schlagzeilen und das Risikokapital dominieren, findet die eigentliche Grundlagenforschung für den boomenden DeepTech-Sektor häufig in regionalen Universitätsstädten statt.
Braucht es wirklich das Ökosystem einer Start-up-Metropole, um ein Tech-Einhorn zu bauen? Prof. Dr. Axel Winkelmann von der Universität Würzburg ist Experte für Forschungstransfer und Mitgründer des auf Frühphasen spezialisierten Venture-Capital-Fonds 14leafs. Er ist überzeugt: Ein funktionierendes Ökosystem aus Forschung, Kapital und Netzwerken lässt sich auch abseits der großen Metropolen knüpfen.
Im StartingUp-Interview erklärt er, warum die Wertschöpfung bei forschungsgetriebenen Gründungen lange vor dem Markteintritt beginnt, warum Wissenschaftler*innen oft mit der falschen Finanzierungslogik planen und wie der gefährliche Brückenschlag vom Labor zum Scale-up gelingt.
Das Interview
StartingUp: Deutschland gilt als Weltmeister im Erfinden, aber als Kreisklasse im Vermarkten. An welcher konkreten Sollbruchstelle zwischen universitärem Labor und Markteintritt scheitern Ihrer Erfahrung nach die meisten DeepTech-Hoffnungen?
Prof. Axel Winkelmann: Die eigentliche Sollbruchstelle liegt zwischen technologischer und unternehmerischer Validierung. Wie Sie richtig anmerkten, scheitert Deutschland nicht an Ideen: Jedes vierte aller europäischen Hochschulpatente stammt aus Deutschland. Wissenschaftliche Exzellenz ist also vorhanden.
Allerdings wird eine Erfindung nicht allein durch ihre technische Überlegenheit erfolgreich. Zwischen wissenschaftlichem Durchbruch und marktfähigem Unternehmen liegen Prototypen, Patente, regulatorische Fragen, Industriepartnerschaften und vor allem die konsequente Ausrichtung auf den konkreten Kundennutzen. Genau in dieser Phase entsteht häufig eine Finanzierungslücke – das sogenannte Valley of Death. Hinzu kommt: Wissenschaftliche Exzellenz wird in Deutschland hervorragend gefördert. Für die Phase zwischen Forschungsprojekt und marktfähigem Unternehmen gibt es dagegen häufig keine durchgängige Finanzierung und Begleitung. Dadurch haben viele Technologien gar keine Chance, bevor sie ihr Potenzial entfalten können. Entscheidend ist deshalb, Wissenschaft, Kapital, Industrie und unternehmerische Erfahrung früh zusammenzubringen. Ob aus einer Erfindung ein Patent für die Schublade oder ein Unternehmen wird, entscheidet sich selten im Labor – sondern im Transfer.
StartingUp: Sie brechen eine Lanze für regionale Standorte. Ketzerisch gefragt: Ist das nicht oft nur eine Ausrede für fehlendes Durchsetzungsvermögen im Haifischbecken der Start-up-Hochburgen? Welche harten KPIs – etwa Talentbindung, Burn-Rate oder Patentdichte – sprechen im direkten Vergleich wirklich für DeepTech-Ökosysteme abseits der Metropolen?
Prof. Axel Winkelmann: Die eigentliche Frage lautet doch: Warum sollte Spitzenforschung erst 300 Kilometer umziehen müssen, bevor sie finanzierbar wird? 87 Prozent aller Entrepreneure haben einen Hochschulabschluss und mehr als jedes zweite Start-up wird durch Hochschulen unterstützt. Trotzdem konzentrieren sich rund zwei Drittel der Venture-Capital-Fonds auf zwei der vier deutschen Millionenstädte, während rund sieben von zehn Universitäten in Städten mit weniger als 200.000 Einwohnern liegen. Viele Start-ups ziehen deshalb nicht wegen besserer Ideen um, sondern wegen des Kapitals. Mit ihnen verlassen auch hochqualifizierte Mitarbeiter, unternehmerisches Know-how und Folgegründungen die Region.
Natürlich investieren überregionale VCs auch außerhalb der Metropolen. Aber universitätsnahe, regionale DeepTech-Fonds investieren anders: Sie begegnen Innovationen nicht erst beim Pitch, sondern im Labor, im Transferzentrum oder im Austausch mit Professoren, Kliniken und Industrie. Dadurch entsteht ein früher Zugang zu Technologien, Teams und Kundenproblemen. Würzburg ist dafür ein gutes Beispiel: 130.000 Einwohner, aber Spitzenforschung in RNA, personalisierter Medizin, Quantenmaterialien und Satellitentechnologie. Genau dort entstehen die Technologien von morgen.
StartingUp: Sie sagen, bei DeepTech beginnt die Wertschöpfung lange vor dem Markteintritt. Für klassische B2B-SaaS-Gründer*innen zählt als erster Beweis aber oft erst der erste zahlende Kunde. An welchen drei konkreten Meilensteinen messen Sie als Investor den Fortschritt eines forschungslastigen Start-ups, wenn das marktreife Produkt und der erste Euro Umsatz noch Jahre entfernt sind?
Prof. Axel Winkelmann: Software und DeepTech folgen unterschiedlichen Wertschöpfungslogiken. Während bei SaaS der erste zahlende Kunde häufig den entscheidenden Meilenstein markiert, liegen bei DeepTech oft noch Jahre zwischen wissenschaftlichem Durchbruch und Markteintritt. Deshalb achten wir auf drei andere Signale.
Erstens: Technologievalidierung. Bestätigen unabhängige Experten oder Industriepartner, dass die Technologie ein relevantes Problem löst? Wenn etablierte Unternehmen Zeit und Ressourcen in einen Prototypentest investieren, ist das ein starkes Signal.
Zweitens: Schutz und Skalierbarkeit der Innovation. Sind Patente gesichert und ist der regulatorische Weg realistisch geplant? Gerade in Life Sciences oder MedTech entscheidet dies häufig über den späteren Unternehmenserfolg.
Drittens: Das Team. Wir investieren nicht nur in Technologien, sondern in Menschen. Entscheidend ist, ob sich aus einem exzellenten Forschungsteam ein unternehmerisch denkendes Gründerteam entwickelt oder mit unserer Hilfe entwickeln lässt, das Kundenbedürfnisse versteht und eine überzeugende Go-to-Market-Strategie aufbaut.
StartingUp: DeepTech bedeutet lange Entwicklungszyklen und immensen Kapitalbedarf – das beißt sich oft mit der eher kurzfristigen Rendite-Erwartung traditioneller VCs. Wie muss die „andere Finanzierungslogik“ aussehen, von der Sie sprechen, damit das Start-up das gefürchtete Valley of Death überlebt?
Prof. Axel Winkelmann: Die andere Finanzierungslogik beginnt mit einer anderen Risikobetrachtung. Klassische Venture-Capital-Fonds reduzieren Risiko häufig erst, wenn Markt, Kunden und Umsatz sichtbar werden. Bei DeepTech entsteht der Unternehmenswert aber Jahre früher: in der wissenschaftlichen Validierung, in Patenten, regulatorischen Fortschritten oder Industriepartnerschaften. Genau dort muss Kapital ansetzen.
Das Valley of Death überlebt deshalb nicht derjenige, der am meisten Geld einsammelt, sondern derjenige, dessen Finanzierung zu den Entwicklungsphasen der Technologie passt. Frühphaseninvestoren müssen Geduld mitbringen, gleichzeitig aber das Unternehmen konsequent auf Marktreife vorbereiten: Team- und Unternehmensaufbau, regulatorische Strategie, Industriekooperationen und Vorbereitung späterer Anschlussfinanzierungen. Deshalb verstehen wir uns nicht als reine Kapitalgeber. Unser Ziel ist es, wissenschaftliche Exzellenz früh in unternehmerischen Erfolg zu übersetzen – gemeinsam mit den Gründerteams und unserem industriellen Netzwerk.
StartingUp: Sie sitzen bei 14leafs auf der anderen Seite des Tisches. Wenn ein brillantes Forschendenteam bei Ihrem VC-Fonds aufschlägt: Was ist der größte toxische Denkfehler aus dem akademischen Betrieb, der bei Ihnen sofort zum „Nein“ führt – und können Sie uns ein Beispiel für einen Pitch geben, der genau daran gescheitert ist?
Prof. Axel Winkelmann: Der größte Denkfehler lautet: „Unsere Technologie ist so gut, dass sich der Markt schon ergeben wird.“ In der Wissenschaft wird der Erfolg an neuen Erkenntnissen und technischer Detailverliebtheit gemessen, in der Wirtschaft aber daran, ob ein relevantes Kundenproblem gelöst wird. Eine herausragende Technologie ist deshalb notwendig – aber niemals hinreichend. Ich erinnere mich an ein Team mit exzellenter Forschung, Patenten und hochrangigen Publikationen. Auf die Frage „Wer ist Ihr erster Kunde?“ lautete die Antwort: „Eigentlich jeder – von Automotive bis Medizintechnik.“ Genau das war das Problem. Wer alle adressiert, adressiert am Ende niemanden. Es fehlte eine klare Marktpriorisierung und damit ein plausibler Weg zum ersten zahlenden Kunden. Für uns ist das allein noch kein Ausschlusskriterium. Entscheidend ist, ob das Team bereit ist, seine Annahmen gemeinsam mit Industriepartnern und potenziellen Kunden zu überprüfen und daraus ein belastbares Geschäftsmodell zu entwickeln. Ist diese Offenheit vorhanden, kann aus exzellenter Forschung ein exzellentes Unternehmen werden. Fehlt sie, investieren wir nicht.
Danke, Prof. Winkelmann, für die spannenden Insights.
Das Interview führte StartingUp-Chefredakteur Hans Luthardt
Im Trend: Nachhaltige Give-aways
Fünf Wege, wie Marken mit weniger Abfall und mehr Bedeutung einen bleibenden Eindruck hinterlassen können.
Weil der Wettbewerb um Aufmerksamkeit wächst, überdenken viele Unternehmen, wie sie sichtbar werden. Gerade kleine, durchdachte Berührungspunkte können langfristig eine größere Wirkung entfalten als kurzfristige, aufdringliche Maßnahmen. Physische Marken-Touchpoints – insbesondere solche mit einem Mehrwert über den ersten Kontakt hinaus – gewinnen deshalb wieder an Bedeutung.
Ein wachsendes Interesse an Werbeartikeln, die sowohl funktional als auch nachhaltig sind und die Markenwerte glaubwürdig widerspiegeln, lässt sich beobachten. Marken beginnen, stärker darüber nachzudenken, was nach der ersten Interaktion passiert. Wenn ein Produkt behalten, wiederverwendet oder sogar eingepflanzt wird, verlängert das die Beziehung ganz automatisch und macht sie greifbar.
Hier sind fünf Wege, wie Unternehmen diesen Wandel aktiv nutzen können:
1. Auf Events Gespräche anstoßen
Messen und Veranstaltungen sind nach wie vor stark umkämpfte Umfelder, in denen es für Marken immer schwieriger wird, ohne aufdringliche Werbung aufzufallen. Bei Events geht es oft zunächst nur darum, ein Gespräch zu beginnen. Ein kleines, unerwartetes Detail kann dabei den entscheidenden Unterschied machen. Früher habe ich viele Messen besucht und fühlte mich oft überfordert, weil mir ein natürlicher Einstieg fehlte. Heute erlebe ich das anders: Ein pflanzbarer Bleistift, der später zu Kräutern oder Blumen heranwachsen kann, weckt deutlich mehr Neugier und Gesprächsbereitschaft als klassische Werbeartikel wie Plastikstifte, USB-Sticks oder Stofftaschen. Solche Gegenstände sind nicht nur Give-aways, sondern echte Gesprächsstarter und bleiben dadurch länger im Gedächtnis.
2. Durchdachte Dankeschön-Gesten für Kunden schaffen
Viele klassische Werbegeschenke wirken austauschbar oder wenig relevant und verfehlen damit oft ihre eigentliche Wirkung. Ich erinnere mich noch gut an eines der gedankenlosesten Werbegeschenke, das ich je erhalten habe: ein großer „Danke für Ihre Teilnahme“-Regenschirm auf einer Messe in Dubai vor einigen Jahren. Das ergab wenig Sinn, da es dort kaum regnet, und der Schirm außerdem viel zu sperrig für mein Handgepäck war. Am Ende sah man am Ausgang der Messe hunderte dieser Schirme liegen. Ein sehr anschauliches Beispiel dafür, wie schnell gut gemeinte Gesten zur Ressourcenverschwendung werden können. Immer mehr Unternehmen setzen deshalb auf individuellere und bewusstere Formen der Wertschätzung. Ein Geschenk muss nicht teuer sein, um Wirkung zu zeigen. Entscheidend sind die Details, etwa eine Personalisierung oder eine glaubwürdige Geschichte dahinter.
3. Langlebige Give-aways bewusst einsetzen
Werbegeschenke sind weiterhin ein fester Bestandteil vieler Marketingstrategien. Gleichzeitig wächst das Bewusstsein dafür, wie schnell viele dieser Artikel entsorgt werden. Immer mehr Marken stellen sich daher die Frage: Wird dieses Give-away tatsächlich genutzt oder sofort weggeworfen? Und welches Bild vermittelt es von der Marke? Wir sehen eine klare Abkehr von Einwegartikeln. Produkte, die über Monate oder sogar Jahre hinweg genutzt werden, halten auch die Marke präsent. Langlebige oder wiederverwendbare Give-aways schaffen nicht nur Sichtbarkeit, sondern auch Vertrauen, weil sie Qualität und Verantwortung transportieren.
4. Beim Onboarding einprägsame Erlebnisse schaffen
Auch im internen Bereich findet ein Umdenken statt. Unternehmen hinterfragen zunehmend, wie sie neue Mitarbeitende oder Partner willkommen heißen und von Anfang an eine emotionale Bindung aufbauen können. Das Onboarding ist oft der erste echte Berührungspunkt mit der Marke im Unternehmen. Hier bietet sich die Chance, Werte nicht nur zu kommunizieren, sondern erlebbar zu machen. Das kann dazu beitragen, dass sich neue Mitarbeitende von Beginn an wertgeschätzt und integriert fühlen.
5. Kleine Details in die Kundenerfahrung integrieren
Oft sind es nicht die großen Inszenierungen, sondern die unerwarteten kleinen Momente, die im Gedächtnis bleiben. Besonders dann, wenn sie nützlich, persönlich oder überraschend sind. Ein einfaches, aber durchdachtes Extra kann die Wahrnehmung eines gesamten Kauferlebnisses verändern. Das zeigt sich beispielsweise in vielen Branchen ganz unterschiedlich: Ein Café legt dem Kaffee ein kleines handgeschriebenes Dankeschön oder einen Rabattcode für den nächsten Besuch bei. Ein Online-Shop packt eine kleine, nützliche Beigabe ins Paket. Hotels hinterlassen eine lokale Kleinigkeit auf dem Zimmer, etwa eine regionale Süßigkeit oder eine kleine Karte mit einem persönlichen Tipp für die Umgebung. Auch im Einzelhandel oder bei Beauty-Marken funktionieren kleine, gut gewählte Samples oder personalisierte Botschaften oft besser als klassische Massen-Goodies. Solche Gesten müssen weder teuer noch komplex sein; entscheidend ist, dass sie einen Bezug zum Moment oder zur Marke herstellen und nicht beliebig wirken. Auch hier gewinnen nachhaltige und sinnvolle Produkte zunehmend an Bedeutung, weil sie nicht sofort weggeworfen werden, sondern einen längeren Nutzen haben oder eine Geschichte transportieren.
Der Autor Michael Stausholm ist ein Pionier im Bereich der nachhaltigen Markenführung und Gründer sowie CEO von SproutWorld. Mit dem klaren Ziel, der klassischen Wegwerfkultur in der Werbebranche sinnvolle und kreislauffähige Alternativen entgegenzusetzen, rief er das Unternehmen im Jahr 2013 ins Leben.
PapierNest: riskante Konsolidierungsstrategie im schrumpfenden Grußkartenmarkt
In Zeiten allgegenwärtiger Messenger-Dienste gilt der Markt für analoge Grußkarten als strukturell rückläufig. Dennoch wollen die Hamburger Gründer Constantin von Braun und Burkhard Schepermann mit ihrem Grußkartenverlag PapierNest beweisen, dass durch eine B2B-Plattformstrategie und strategische Zukäufe nach wie vor Wachstum möglich ist. Ein genauerer Blick auf das Geschäftsmodell offenbart jedoch operative Fallstricke.
Die Basis von PapierNest bildet eine konsequente Buy-and-Build-Strategie. Nach der Gründung des Goldbek Verlags im Jahr 2003 erwarben die Gründer 2023 den Schweizer Traditionsverlag ABC und formten daraus die heutige Dachmarke. Durch diese Expansion beansprucht das Unternehmen im DACH-Raum mittlerweile einen Platz unter den Top 5 der Branche.
PapierNest versteht sich heute nicht mehr primär als Verlag, sondern als Systemdienstleister für den stationären Handel. Doch der massive Wachstumssprung birgt Herausforderungen: Die Integration völlig unterschiedlicher Verlagskulturen ist ein komplexer Prozess, der das Tagesgeschäft und die Lieferfähigkeit keinesfalls gefährden darf.
Das Plattform-Paradoxon: Flächenproduktivität vs. Vorleistungsfalle
Die Kernstrategie des Unternehmens ist die Abkehr vom reinen Eigenmarken-Vertrieb. PapierNest positioniert sich als Plattform, die das Sortiment auf den Verkaufsflächen bündelt. Eigene Marken wie Goldbek und ABC werden dabei gezielt mit Partner-Brands wie Ohh Deer und Pictura verzahnt. In der Schweiz, wo PapierNest nach eigenen Angaben Marktführer ist, umfasst dieses Netzwerk unter anderem Caroline Gardner, Photoglob, Nostalgic Art und Bug Art.
Für den Handel reduziert das die Komplexität durch einen zentralen Ansprechpartner. Was in der Theorie nach einer klassischen Win-win-Situation klingt, birgt in der Praxis für PapierNest enorme operative und finanzielle Hürden:
- Ein derartiges Plattformmodell für physische Produkte ist extrem kapitalintensiv.
- Das Unternehmen muss die Fremdmarken vorfinanzieren und logistisch bündeln.
- In einem von hohen Papier- und Frachtkosten geprägten Markt trägt PapierNest bei sinkender Nachfrage das volle Lagerrisiko.
- Es droht die Kannibalisierung des eigenen Sortiments: Wenn Händler*innen aus Platzgründen nur Bestseller ins Regal stellen, könnten angesagte Partner-Marken langfristig die eigenen, margenstärkeren Hausmarken verdrängen.
Der "KartenWunder"-Moonshot: Zwischen Greenwashing-Risiko und Tech-Spielerei
Trotz der klaren B2B-Ausrichtung entwickelt das Unternehmen jährlich hunderte Neuheiten für den Endkonsument*innen. Die aktuelle Kollektion „Karten Wunder“, die in Zusammenarbeit mit Branchenpionier Achim Perleberg entstand, soll die physische Karte mit einer digitalen Erlebnisebene verbinden. Scannt der/die Nutzer*in einen QR-Code, öffnet sich eine Augmented-Reality-Animation (AR) mit Musik und bewegten Figuren auf dem Smartphone. Gleichzeitig setzt die Serie auf schwer recycelbare Heißfolienveredelungen für eine besondere Haptik.
Hier zeigen sich zwei gravierende Reibungspunkte in der Produktstrategie:
- Das Nachhaltigkeits-Paradoxon: Die Vorgängerkollektion wurde noch unter dem Namen „Green Karma“ als nachhaltig positioniert. Dem Handel im direkten Anschluss schwer abbaubare Premiumprodukte mit aufwendiger Folienveredelung anzubieten, wirft Fragen bezüglich einer ernstgemeinten Nachhaltigkeit auf und macht das Unternehmen angreifbar für Greenwashing-Vorwürfe.
- Zweifelhafter AR-Nutzen: Die Nutzung von Augmented Reality via QR-Code bedeutet für den/die Endkonsument*in hohe Hürden im Alltag – vom Zücken des Smartphones über das Scannen bis hin zum Laden der Inhalte. Es ist fraglich, ob diese digitalen Features von den Karten-Empfänger*innen tatsächlich genutzt werden, oder ob sie primär als PR-Argument und Verkaufs-Gimmick gegenüber den Einkäufer*innen im Handel fungieren.
Gefangen zwischen Branchenriesen und Digital-Playern
Der globale Grußkartenmarkt verliert durch die Digitalisierung an Volumen, kompensiert diese Verluste jedoch teilweise durch höhere Stückpreise. Da viele kleine Verlage keine Nachfolger*innen finden, lassen sich Marktanteile durch Zukäufe geschickt konsolidieren.
Dennoch bewegt sich PapierNest in einem echten Haifischbecken:
- Im B2B-Segment dominieren etablierte Riesen wie bsb-obpacher oder Avancarte, die ihre Drehständer-Flächen erbittert verteidigen.
- Gleichzeitig attackieren B2C-Digital-First-Player wie Moonpig oder Send-a-Smile den Markt direkt an dem/der Endkonsument*in. Diese Anbieter bergen die akute Gefahr, klassische Grußkartenkäufer*innen langfristig komplett aus den Buchhandlungen ins Netz abzuziehen.
Das größte strukturelle Risiko für PapierNest bleibt schlussendlich die fundamentale Abhängigkeit vom stationären Einzelhandel. Das komplette Geschäftsmodell steht und fällt mit der Laufkundschaft in Buchhandlungen und Boutiquen. Sollten die Frequenzen in den Innenstädten in den kommenden Jahren weiter sinken und der Point of Sale massiv an Relevanz verlieren, stößt auch die am besten optimierte Flächenproduktivität unweigerlich an ihre Grenzen.
naturnista und der Stresstest der Pet-Humanization
Das 2026 von Ann-Kathrin Tripkewitz und Alizée Horend gegründete Münchner Pet-Care-Start-up naturnista verspricht Prävention aus dem Napf. Doch wie schlägt es sich im harten D2C-Premium-Pet-Food-Markt?
Hinter der Marke naturnista stehen die beiden Gründerinnen Ann-Kathrin Tripkewitz und Alizée Horend. Aus der persönlichen Motivation heraus, einen alltagstauglichen und präventiven Ansatz für die Gesundheit ihrer eigenen Hunde zu finden – da der klassische Markt kaum verträgliche, wissenschaftlich fundierte Alternativen bot –, riefen sie das Unternehmen im Jahr 2026 ins Leben. Angetrieben von der Überzeugung, dass Hunde eine ehrliche und ganzheitliche Ernährung verdienen, fokussierten sich die Gründerinnen von Beginn an auf die Qualität der Rohstoffe und besonders schonende Herstellungsprozesse. Die naturnista GmbH verfolgt das langfristige Ziel, Hunde bedürfnisorientiert und vital zu begleiten.
Der USP: Wissenschaft im Napf
Das Start-up positioniert sich im stark wachsenden Premium-Segment und hat sich auf funktionale Futtertoppings sowie funktionelle Snacks für Hunde spezialisiert – die sogenannten Vital Bites. Das technologische und ernährungsphysiologische Alleinstellungsmerkmal (USP) der Produkte basiert auf einem aufwendigen Verfahren: Die Snacks werden besonders schonend gefriergetrocknet, um eine maximale Nährstoffdichte im fertigen Produkt zu erhalten. Zudem setzt naturnista auf reines Monoprotein (wie Huhn oder Rind), was die Produkte gezielt für sensible oder allergische Hunde attraktiv macht.
Ein weiterer Kern des Konzepts ist der Fokus auf die Darmgesundheit: Durch den Einsatz von fermentiertem Obst und Gemüse sollen prä-, pro- und postbiotische Effekte erzielt werden, die das Hundemikrobiom nachweislich unterstützen. Um sich von reinen Lifestyle-Produkten abzugrenzen, betont das Start-up einen wissenschaftlich fundierten Ansatz. Die Rezepturen wurden nach eigenen Angaben in enger Zusammenarbeit mit einem interdisziplinären Expert*innenteam aus Tierärzt*innen, Bioverfahrenstechniker*innen und Hundeernährungsberater*innen entwickelt.
Im Haifischbecken der Pet-Care
Das Geschäftsmodell von naturnista reitet auf der Welle des anhaltenden „Pet-Humanization“-Trends: Haustiere gelten in westlichen Märkten zunehmend als vollwertige Familienmitglieder, wodurch die Zahlungsbereitschaft der Halter*innen für Gesundheits- und Wellnessprodukte massiv gestiegen ist. Die Nachfrage nach Hunde-Nahrungsergänzungsmitteln wächst rasant. Gleichzeitig ist das Marktumfeld durch niedrige Eintrittsbarrieren extrem fragmentiert.
Naturnista trifft auf etablierte Konzerne sowie hunderte andere, oft VC-finanzierte D2C-Start-ups (Direct-to-Consumer), die individualisiertes Futter oder Supplements in Form von Pulvern, Tropfen und Drops anbieten. Der digitale Werbedruck ist massiv, was die Customer Acquisition Costs (Kosten für Neukund*innenakquise) im Pet-Care-Bereich stark in die Höhe treibt. Da das teure Gefriertrocknungs-Verfahren ohnehin für hohe Produktionskosten sorgt, gerät die Marge hier von zwei Seiten unter Druck.
Die Challenge: Erklärungsbedarf vs. Inflation
Die gezielte Ansprache des Hundemikrobioms bietet zwar eine moderne Story zur Produktdifferenzierung, allerdings ist der Erklärungsbedarf bei der/dem Endkund*in extrem hoch. Begrifflichkeiten wie „postbiotische Effekte“ befinden sich selbst im Humanbereich noch in der Erklärungsphase. Die Vermarktung von präventiven Gesundheitsansätzen erfordert daher eine tiefgreifende, kostspielige Content- und Aufklärungsarbeit. Zudem muss naturnista beweisen, dass die Toppings einen sichtbaren Mehrwert gegenüber herkömmlichen, deutlich günstigeren Snacks bieten.
Unser Fazit: Ohne starkes Kapital wird die Skalierung zum Stresstest
Für uns zeigt naturnista exemplarisch, wie zwei Gründerinnen einen eigenen „Pain Point“ in ein hochspezialisiertes Produkt übersetzen. Durch die Kombination von Monoproteinen und biotechnologischen Ansätzen (Fermentation) versuchen sie sich klug in einer qualitativen Nische zu positionieren. Die größte Herausforderung für die junge naturnista GmbH wird jedoch in der nachhaltigen Skalierung liegen. Das Start-up muss zeigen, dass es eine ausreichend breite Käufer*innenschaft dauerhaft an sich binden kann – idealerweise durch Abo-Modelle, um die immensen Marketingkosten durch einen hohen Customer Lifetime Value (CLV) zu refinanzieren.
Im gnadenlosen D2C-Haifischbecken wird es extrem schwer, die nötige Reichweite für diese hochpreisige Aufklärungs-Nische aus dem eigenen Cashflow aufzubauen. Das Produkt und der wissenschaftliche Ansatz überzeugen fachlich – doch ob die Bootstrapping-Luft reicht, um gegen kapitalstarke Mitbewerber zu bestehen, darf angesichts der drückenden CAC-Kosten stark bezweifelt werden. Perspektivisch wird naturnista frisches Venture-Capital benötigen, um den nächsten Wachstumssprung zu schaffen.
Gewohnheit statt Willenskraft: Kann das Düsseldorfer Start-up BlueHabits den Fitness-Markt umprogrammieren?
80 Prozent aller guten Vorsätze scheitern. Das HealthTech-Start-up BlueHabits will dieses Problem mit einer Mischung aus künstlicher Intelligenz und kognitiver Neurowissenschaft lösen. Pünktlich zur FIBO im April 2026 brachte das Team um Dr. Eike Buabang, Arnd Jäger, Markus Meißner und Marco Oevermann seine App und eine B2B-Plattform auf den Markt. Kann das, was die Gründer als „Habit Blueprint“ bezeichnen, im extrem umkämpften Fitness-Markt wirklich bestehen? Unser Blick auf das Düsseldorfer Start-up.
BlueHabits ist ein noch junges Unternehmen in der deutschen Start-up-Szene. Erst im Spätsommer 2025 wurde das Unternehmen mit Sitz in Düsseldorf offiziell ins Handelsregister eingetragen. Dennoch legt das Unternehmen ein beachtliches Tempo vor, was vor allem an der Erfahrung des Gründerteams liegt, das eine interessante Brücke zwischen Wissenschaft und kommerzieller Skalierung schlägt. Auf der wissenschaftlichen Seite steht Dr. Eike Buabang, kognitiver Neurowissenschaftler am renommierten Trinity College in Dublin. Seine Forschung fokussiert sich auf die neuronalen Mechanismen von Gewohnheiten.
Den unternehmerischen Gegenpol bildet Arnd Jäger, der als Serial Entrepreneur bereits Erfahrung im digitalen Gesundheitsmarkt gesammelt hat – unter anderem als Gründer und CEO der Online-Gruppen-Psychotherapie-Plattform webPRAX. Komplettiert wird das Führungsteam durch die Mitgründer Markus Meißner und Marco Oevermann, die technologische und operative Expertise in die Waagschale werfen. Der Launch der Lösung wurde flankiert von der Auszeichnung als „Young Innovator“ durch das Bundeswirtschaftsministerium auf der vergangenen Fitnessmesse FIBO 2026.
Doch wie findet ein Neurowissenschaftler aus Dublin überhaupt mit einem Serial Entrepreneur aus Deutschland zusammen? „Arnd hat nach einem renommierten Gewohnheitsforscher aus der EU unter 35 gegoogelt – und ich stand wohl ganz oben im Ranking“, erinnert sich Dr. Eike Buabang schmunzelnd. Nach einer ersten E-Mail und einem einstündigen Call auf Englisch fiel schließlich der Groschen: Beide stammen aus dem Rheinland. „Wir hätten eigentlich auch gleich Deutsch sprechen können“, lacht der Forscher. „Der Rest ist Geschichte.“
Dieses pragmatische Tempo spiegelt sich auch in der Finanzierung wider. Das Team wählte einen unkonventionellen Weg und verzichtete beim Seed-Investment komplett auf institutionelle Geldgeber. „Wir halten wenig davon, nur im Konjunktiv zu sprechen“, betont Buabang. „Wir wollen gleich am Anfang zeigen, dass unser Modell funktioniert.“ Die erste offizielle VC-Runde wolle man erst starten, wenn der erste große B2B-Kunde an Bord sei.
Produkt & Geschäftsmodell: Ein zweigleisiger Ansatz
Im Kern entwickelt BlueHabits einen KI-Begleiter, der Nutzer*innen hilft, neue Routinen im Alltag zu verankern. Statt auf Motivation und reine Willenskraft – die laut Buabang chronisch fehleranfällig sind – setzt die App auf einen individuellen „Habit Blueprint“. Die KI erkennt Hürden frühzeitig und passt die Routinen dynamisch an. Es geht nicht um den reinen Trainingsplan an sich, sondern um das System davor und danach: Wie kommt man überhaupt ins Gym und wie bleibt man langfristig am Ball?
Wie das jenseits der üblichen Branchen-Buzzwords funktioniert, erklärt Mitgründer Markus Meißner: „Wir arbeiten unter anderem mit GPS, um orts- und zeitabhängig intervenieren zu können.“ Statt auf Standard-Push-Nachrichten setze das System auf tief personalisierte Trigger. Meißner veranschaulicht das am klassischen Feierabend-Tief: Droht die Couch nach einem langen Arbeitstag zu gewinnen, kreiert die KI eine kurze, maßgeschneiderte Meditation. „Diese wird mit Musik unterlegt, die Hormone wie Dopamin, Oxytocin und Endorphine freisetzt. So erzeugen wir positive Emotionen, die helfen, dem Sofa Lebewohl zu sagen“, verspricht der Tech-Experte. Unabhängige klinische Studien, die diese gezielte hormonelle Wirkung der App-Musik belegen, liegen der Redaktion jedoch nicht vor.
Kämpft ein(e) Nutzer*in hingegen mit dem Zeitmanagement oder Rückschlägen, schlüpft die KI in die Rolle eines individuellen Mentors. Den wahren USP sieht das Team jedoch in der Perspektive auf das Problem. „Das Neue an unserer Idee ist, dass wir uns gar nicht so sehr mit der Ausführung der eigentlichen Gewohnheit auseinandersetzen, sondern das Drumherum im Fokus haben“, fasst Meißner zusammen – unabhängig davon, ob es um das Gym, die Ernährung oder gar ein Change-Management-Projekt in einem Großunternehmen geht.
Während die im April 2026 in den App Stores gestartete Anwendung das B2C-Schaufenster des Start-ups ist, liegt der wahre wirtschaftliche Hebel im B2B-Modell. BlueHabits bietet eine technologische Plattform an, die sich als White-Label- oder Integrationslösung in bestehende digitale Angebote von Fitnessketten, Krankenversicherungen oder dem Betrieblichen Gesundheitsmanagement (BGM) einbetten lässt.
Monetarisierung & Fitnessstudio-Paradoxon
So vielversprechend der wissenschaftliche Ansatz klingt, so kritisch muss die Monetarisierung betrachtet werden, insbesondere im Hinblick auf das klassische Fitnessstudio-Paradoxon. Es ist ein offenes Geheimnis der Branche, dass Betreiber*innen wirtschaftlich stark von sogenannten Karteileichen profitieren. Warum sollte ein Studio für eine Software zahlen, die genau diese lukrative Zielgruppe mobilisiert und damit die Auslastung sowie den Verschleiß der Geräte signifikant erhöht?
Arnd Jäger kontert diesen Vorbehalt mit einer klaren wirtschaftlichen Differenzierung: „Bei einem Beitrag von 15 Euro kündigen weniger Mitglieder als bei einem Beitrag von 80 Euro im Monat. Wir wissen, dass bei hochpreisigen Studios mehr als 30 Prozent der Neumitglieder in den ersten drei Monaten wieder kündigen. Da kommt einiges zusammen.“
Dass eine bessere Retention (Kund*innenbindung) lukrativer ist als eine hohe Fluktuation, untermauert das Start-up derzeit akademisch. Nach eigenen, von der Redaktion bisher nicht verifizierten Angaben, führen die Gründer derzeit eine groß angelegte „Real-World-Evidence“-Studie mit der Uniklinik Eppendorf, der Oxford University und der McGill Universität durch, um belastbare Daten zur nachhaltigen Verhaltensänderung zu sammeln. Den deutlich größeren Hebel sieht Jäger ohnehin außerhalb der klassischen Muckibuden: in der Integration der Plattform in bestehende Online-Größen wie Peloton, Zwift oder Les Mills. „Da verfolgen wir konsequent den integrativen Stripe-Ansatz nach dem Baukasten-Prinzip“, erläutert der CEO. „Eine zusätzliche Applikation als Stand-alone-Lösung neben der eigentlichen Fitness-Anwendung will doch keiner mehr nutzen.“
Ein weiterer potenzieller Absatzkanal ist der Markt für das BGM. Dieser Sektor ist zwar finanziell äußerst lukrativ, aber gleichzeitig berüchtigt für hochkomplexe Entscheidungsprozesse. Zudem kommt hier die sensible Frage des Datenschutzes ins Spiel: Arbeitgeber und Versicherungen sind beim Thema Gesundheitsdaten extrem vorsichtig.
Auf die kritische Frage, wie BlueHabits bei intimsten Verhaltensdaten die Hoheit der Nutzerinnen garantieren will, beteuert Mitgründer Marco Oevermann eine strikte Trennung: „Wir behandeln Verhaltensdaten strikt als persönliche Daten der Nutzerinnen, nicht als B2B-Datenbestand. Arbeitgeber oder Versicherer erhalten keinerlei Zugriff.“ Auf konkrete Nachfrage zur genauen algorithmischen Datenverarbeitung bleibt Oevermann jedoch vage und versichert lediglich auf Management-Ebene die Einhaltung hoher Sicherheitsstandards: „Für unsere KI gilt: nur notwendiger Kontext, keine direkten Identifikatoren und keine automatisierten Entscheidungen.“ Man nehme das Thema durch Vorerfahrungen im Bereich zertifizierter Videosprechstunden aus tiefster Überzeugung ernst.
Markt & Wettbewerb: Schwimmen im Red Ocean
Der Markt für digitale Habit-Tracker ist gnadenlos übersättigt. Im Endkundensegment tritt BlueHabits gegen etablierte Player wie Habitify, Streaks oder die App Fabulous an, während US-Giganten wie Noom die Standards setzen. Die B2C-Kund*innengewinnung dürfte angesichts dieser Konkurrenz eine Herkulesaufgabe werden.
Angesprochen auf diesen Kampf gegen Goliath, winkt Arnd Jäger jedoch gelassen ab. „Der B2C-Markt war hinsichtlich unseres Geschäftsmodells für uns nie interessant“, stellt der Serial Entrepreneur klar. Dass die App nun überhaupt für Privatpersonen kostenfrei in den Stores landet, diene einem anderen Zweck: „Wir haben sie lediglich dorthin gebracht, um unseren Proof of Concept zu erreichen und unsere Methode ohne Umwege direkt am Markt zu verbessern“, räumt Jäger ein.
Fazit
Trotz des rauen Umfelds wählt BlueHabits strategisch einen klugen Weg. Anstatt sich nur im teuren App-Store-Kampf aufzureiben, positioniert sich das Team als Infrastruktur-Anbieter für den Gesundheitsmarkt. Die Kombination aus tiefer neurowissenschaftlicher Evidenz und handfester Start-up-Erfahrung ist das stärkste Asset der Düsseldorfer. Der finale Erfolg wird jedoch allein von der Vertriebsexekution im Geschäftskund*innenbereich abhängen. Gelingt es den Gründern, große Ketten oder Krankenkassen davon zu überzeugen, dass der „Habit Blueprint“ den Customer Lifetime Value erhöht, hofft das Team, BlueHabits als Hidden Champion der Branche zu positionieren.
Mit der FIBO 2026 ist ein wichtiges Etappenziel erreicht, doch die eigentliche Arbeit beginnt erst jetzt. „Es ist nun essenziell, unsere ersten Kunden zufriedenzustellen und ein kontextunabhängiges SDK (Software Development Kit) für den B2B-Markt zur Verfügung zu stellen“, skizziert Markus Meißner die harte Roadmap für die kommenden zwölf Monate. Auch beim Thema Risikokapital bleibt das Team vorerst unaufgeregt: „Die erste große Finanzierungsrunde werden wir erst starten, wenn unsere Studie unter Dach und Fach ist und unser System bei unseren ersten Kunden erfolgreich läuft.“
INLEAP Photonics: Wie ein Hannoveraner Spin-off die Drohnenabwehr der Zukunft mitgestalten will
Die asymmetrische Bedrohung durch unbemannte Flugsysteme zwingt Armeen weltweit zum technologischen Umdenken. Das 2023 gegründete DeepTech-Start-up INLEAP Photonics integriert seine laserbasierte Abwehrtechnologie nun erstmals auf ein unbemanntes Bodenfahrzeug. Eine Innovation, die das Potenzial hat, mobile Abwehrszenarien drastisch zu verändern – doch die Herausforderungen für die Gründer*innen im zähen Rüstungsmarkt sind enorm.
Mit dem neuen Systemformat verspricht INLEAP Photonics eine hochmobile und agile Antwort auf die Bedrohung durch Kleinstdrohnen. Die Fakten zur Plattform im Überblick:
- Die technologische Allianz: Das neueste System umfasst einen Lasereffektor, der auf einer kompakten, geländegängigen UGV-Plattform (Unmanned Ground Vehicle) von Hentschel System montiert wird. Hinzu kommt die C-UAS-Softwareplattform des Unternehmens STARK.
- Abwehr ohne Munition: Das System soll Drohnen der NATO-UAS-Klassen I und II gezielt neutralisieren.
- Geschwindigkeit und Präzision: Dies geschieht laut Unternehmensangaben in unter einer Sekunde, völlig ohne Munition und Kollateralschäden.
Wie aber löst man physikalisch die extreme Herausforderung, einen Laser auf einem über unebenes Gelände fahrenden Roboter so zu stabilisieren, dass er sein Ziel in Sekundenbruchteilen erfasst? „Wir reden weniger von einer Zielerfassung in unter einer Sekunde, sondern von einer präzisen und sehr schnellen Neutralisierung der Drohne“, korrigiert CEO und Mitgründer Dr.-Ing. Marius Lammers.
Der Trick der Hannoveraner: Sie setzen nicht einfach einen gewöhnlichen Laser auf ein Auto und verzichten gänzlich auf träge, mechanisch verkippte Bauteile. „Unsere Technologie basiert auf ultraschneller, pixelbasierter Laserstrahllenkung“, erklärt Lammers. Die nötige Stabilisierung in rauem Terrain entstehe durch das clevere Zusammenspiel aus Sensorik, Plattformdaten und der eigenen Steuerungstechnik. „Gerade weil wir aus industriellen Hochpräzisionsanwendungen kommen, in denen Optik, Maschinenbau und Prozessstabilität unter anspruchsvollen Bedingungen zusammenkommen müssen, können wir diese Robustheit auf mobile Szenarien übertragen“, betont der Gründer.
Premiere vor der Militärspitze & Gründungshistorie
Vorgestellt wurde die Lösung erstmals am 12. Mai 2026 auf der Technologieshow des Innovationszentrums der Bundeswehr auf dem Fliegerhorst Erding. Dort präsentierten Lammers und sein CTO Dr.-Ing. Felix Wellmann das System hochrangigen Offizieren, darunter Heeresinspekteur Generalleutnant Christian Freuding und Flottillenadmiral Christian Bock. Damit trifft das 2023 aus dem Laser Zentrum Hannover e.V. (LZH) ausgegründete Start-up exakt den Nerv der Truppe, die händeringend nach äußerst flexiblen, einsatzreifen C-UAS-Systemen sucht. Komplettiert wird das exist-geförderte Kernteam durch CFO Katharina Haas, die mit dem Unternehmen unlängst den 2. Platz beim „Digitalen Start-up des Jahres 2025“ des Bundeswirtschaftsministeriums holte.
Doch wie schwer fiel dem akademischen Spin-off der Schritt in die wehrtechnische Industrie? Für das Team sei dies eine logische Konsequenz der aktuellen Sicherheitsarchitektur gewesen, räumt Lammers ein. „Kleine Drohnen sind heute keine abstrakte Zukunftsbedrohung mehr. Sie sind ein reales Problem“, stellt er klar. Den Fokus auf wehrtechnische Lösungen sehe man nicht als Verrat an den zivilen Wurzeln, sondern als „verantwortungsvolle Erweiterung“ einer industriell entwickelten Technologie.
Gleichwohl verlangt der Rüstungsmarkt Antworten auf heikle ethische Fragen. INLEAP setze deshalb auf das „Human-in-the-Loop“-Prinzip, um Risiken im Einsatzumfeld zu minimieren. „Am Ende geht es für uns darum, Menschen, Infrastruktur und Einsatzfähigkeit wirksam zu schützen“, so der CEO. Flankiert wird dies von einem konsequenten Dual-Use-Ansatz: Neben der Drohnenabwehr optimiert das Start-up weiterhin industrielle Fertigungsprozesse, was im August 2025 mit einer millionenschweren Pre-Seed-Finanzierung durch den High-Tech Gründerfonds (HTGF) belohnt wurde.
Markt & Wettbewerb
Der Markt für C-UAS explodiert, denn die kleinen Fluggeräte attackieren längst nicht mehr nur stationäre Ziele, sondern auch mobile Einheiten. In diesem lukrativen Umfeld forschen Branchenriesen wie Rheinmetall oder Lockheed Martin mit gewaltigen Budgets an Hochenergielasern.
Auf die Frage, wo angesichts dieser Übermacht der eigene technologische Schutzwall liegt, gibt sich Lammers selbstbewusst: „Ein Unternehmen, das jahrelang ballistische Systeme gebaut hat, kann nicht von heute auf morgen sagen: ,Jetzt machen wir Laser.‘ Das funktioniert nicht.“ Lasertechnik sei eine völlig eigene Disziplin, die sich nicht einfach durch hohe Budgets einkaufen lasse.
Der eigentliche „Burggraben“ der Hannoveraner sei die Herkunft ihrer Innovation: Die extrem schnelle Laserstrahllenkung wurde nicht als Waffensystem, sondern für zivile Hochpräzisionsprozesse entwickelt. Während klassische Hochenergielaser der Großkonzerne zudem oft an Grenzen bei der Augensicherheit oder der schieren Systemgröße stoßen, setze INLEAP genau hier an. „Große Unternehmen haben Ressourcen; wir haben Geschwindigkeit, eine sehr spezifische Optik-Expertise und eine Technologie, die nicht aus einem klassischen Waffensystem heraus gedacht wurde“, kontert der Gründer.
Das Geschäftsmodell auf dem Prüfstand
Trotz aller technologischer Euphorie stehen Hardware-Start-ups im DefenseTech-Sektor oft vor dem berüchtigten „Tal des Todes“ – die Beschaffungszyklen des Militärs sind quälend lang.
Fragt man Lammers konkret nach der aktuellen Burn-Rate und ob das Funding wirklich bis zu einem echten Serienauftrag der Bundeswehr reicht, mauert der CEO. Zu internen Finanzkennzahlen äußere man sich nicht im Detail, diese seien ohne den Kontext der Finanzierungsstrategie „ohnehin wenig aussagekräftig“. Stattdessen verweist er auf die breite Aufstellung des Unternehmens. Man hänge nicht an einem einzigen Beschaffungspfad. „Außerdem denken wir das Geschäftsmodell nicht nur über Hardwareverkäufe, sondern auch über Service, Wartung, Software-Updates und kundenspezifische Integration“, weicht Lammers den finanziellen Bedenken aus.
Die jüngste HTGF-Finanzierung sowie starke Partner sollen das Überleben sichern. Die Kooperationen mit STARK und Hentschel System würden Integrations- und Marktzugänge deutlich beschleunigen. Das zivile Industriegeschäft bleibt hierbei als essenzielles zweites Standbein bestehen, um Cashflows zu generieren.
Dual-Use als neuer Goldstandard
Noch vor wenigen Jahren hätten sich deutsche VCs bei militärischen Systemen stark zurückgehalten, heute ist DefenseTech hochattraktiv. Doch der Zeitplan der Bundeswehr ist ambitioniert: Im dritten Quartal 2026 soll die Erprobung in einem Bündnisverteidigungsszenario starten, bereits ab 2027 wird die Lieferung erwartet.
Kann ein so junges Start-up aus dem Stand die Produktionskapazitäten für eine Serienfertigung hochfahren? „Ja, die Serienproduktion ab 2027 ist unser klares Ziel“, verspricht Lammers. Der Schlüssel für die Skalierung liege erneut in den Partnerschaften: „Wir müssen nicht jede Komponente selbst neu entwickeln, sondern können unseren Lasereffektor in ein Gesamtsystem einbringen.“ Nach den geplanten Tests sollen erste einsatznahe Systeme ausgeliefert, Feedback evaluiert und die Produktion „kontrolliert hochgefahren“ werden.
Das Team aus Hannover demonstriert eindrucksvoll, wie wissenschaftliche Exzellenz direkt in geostrategisch relevante Hardware übersetzt werden kann. Meistert INLEAP Photonics die kommenden Erprobungsphasen und skaliert die Produktion, könnte das Unternehmen schon bald zu einem neuen DeepTech-Leuchtturm Deutschlands avancieren. Ob die Hannoveraner ihr ambitioniertes Versprechen in den harten Feldtests der Bundeswehr wirklich einlösen können, müssen die kommenden Monate erst noch beweisen.
SportTech-Start-up-Report 2026
Der Hype ist tot, die KI übernimmt: Wie DeepTech den SportTech-Markt 2026 dominiert – und welche deutschen Start-ups das Milliarden-Rennen machen.
Der Geruch von Rasen weicht zunehmend dem leisen Surren von Hochleistungsservern. Wer im Jahr 2026 an die Sportindustrie denkt, darf nicht mehr nur an überfüllte Stadien und verschwitzte Trikots denken, sondern muss Algorithmen, Drohnen und neuronale Netze vor Augen haben. Die Transformation der SportTech- und E-Sports-Branche hat endgültig den Sprung vom verspielten Nischenthema zum essenziellen Wirtschaftsfaktor geschafft – doch der Weg dorthin war ein brutaler Ausleseprozess. Wo vor wenigen Jahren noch blind Millionen in naive Krypto-Träume, überteuerte Fitness-Gadgets und kurzlebige Influencer-Ligen gepumpt wurden, ist nach einer beispiellosen Welle spektakulärer Start-up-Pleiten nun knallharter Realismus eingekehrt.
Der Markt hat sich radikal bereinigt: Heute werten hochkomplexe, KI-basierte digitale Coaches die Biomechanik von Athlet*innen in Echtzeit aus. Physischer Spitzensport und digitale Welten verschmelzen in hybriden Ligen, während Augmented Reality das Fan-Erlebnis im heimischen Wohnzimmer neu definiert. Es ist ein Milliardenmarkt entstanden, der klassische Vereinsstrukturen aufbricht und Gründer*innen eine erbarmungslose Arena bietet: Der Hype ist tot, es überleben nur noch Start-ups mit echter technologischer Substanz.
Die Marktlage: Milliarden-Wetten auf die digitale Athletik
Der Markt für Sporttechnologie und E-Sports hat seine post-pandemische Findungsphase längst hinter sich gelassen und präsentiert sich so reif und kapitalstark wie nie zuvor. Ein Blick auf die realen Marktdynamiken genügt: Branchenspezifische Analysen internationaler Tech-M&A-Berater*innen belegen das kontinuierliche Wachstum des globalen SportsTech-Marktes. Parallel dazu zeigen die fundierten Erhebungen des Bitkom und des KfW Research zum allgemeinen Start-up-Ökosystem unmissverständlich, dass Wagniskapital heute primär in DeepTech fließt.
Der absolute technologische Haupttreiber des Sektors ist die angewandte künstliche Intelligenz, dicht gefolgt von Spatial Computing. Während der Krypto- und Blockchain-Hype der frühen 2020er Jahre einer harten Marktkorrektur gewichen ist, dominieren nun handfeste B2B-SaaS-Lösungen und KI-gestützte Computer-Vision-Modelle das Feld. Die Unit Economics haben sich branchenweit stabilisiert. Investor*innen vergeben wieder signifikante Runden an Start-ups, die nachweislich die Leistung von Athleten steigern oder die Monetarisierung von Fan-Daten messbar optimieren können – und zwar ohne dabei in die hochriskante und teure Hardware-Falle zu tappen.
Die neuen Treiber (Sub-Sektoren): Vom Feld direkt in die Cloud
Wer heute noch versucht, eine weitere reine Fitness-Community-App zu bauen, erntet in den Boardrooms der VCs nur noch ein müdes Lächeln. Der Markt wird von hochspezifischen Sub-Sektoren getrieben, die tief in die Wertschöpfungskette des Sports eingreifen. Der dominierende Bereich ist „Markerless Computer Vision“, bei dem Kameras ohne am Körper getragene Sensoren jede Bewegung präzise erfassen und KI-Modelle Verletzungsrisiken prädiktiv berechnen.
Ein weiterer explosiver Treiber ist das „Immersive Fan Engagement“, wo Spatial Audio und Augmented Reality Stadionbesuche für globale Fans virtuell erlebbar machen.
Schließlich dominiert der „Hybride E-Sport“, bei dem physische Leistung nahtlos mit In-Game-Mechaniken verknüpft wird. Etablierte Pioniere wie das Münchner Vorzeige-Unternehmen Kinexon, das mit seiner präzisen Tracking-Hardware und Taktik-Software längst die NBA und Bundesliga erobert hat und branchenintern als heißer Anwärter auf den Unicorn-Status gehandelt wird, haben hierfür den Weg geebnet und gezeigt, dass deutsche DeepTech-Lösungen globale Standards setzen können.
Reality Check: Der teure Spiegel der Wahrheit
Doch der Weg in den Sport-Olymp ist gepflastert mit den Ruinen überhypter Geschäftsmodelle. Das einst prominenteste Mahnmal ist der tiefe Fall von Connected-Fitness-Hardware-Anbietern wie VAHA. Der smarte Fitness-Spiegel aus Berlin scheiterte an der Post-Covid-Realität und wurde Ende 2022 im Rahmen eines Fire-Sales veräußert. Ebenso zerschellten Krypto-Träume an der harten Marktwirklichkeit: Das Münchner Start-up The Football Club (TFC), gegründet 2020, das den Fußballfandom mit NFT-Avataren revolutionieren wollte, ging bereits 2023 nach dem Platzen der Blockchain-Blase in die Insolvenz.
Fast zeitgleich musste mit Coachinho (Gründung 2021) ein weiteres ambitioniertes Software-Projekt die Segel streichen: Die KI-basierte Pose-Detection-App für Amateurkicker versprach digitale Profi-Expertise via Smartphone-Kamera, ging jedoch trotz Unterstützung der NRW.Bank Ende 2023 in die Knie – der Spagat zwischen komplexer Computer-Vision-Technologie und einer nachhaltigen Monetarisierung im Breitensport erwies sich als zu groß.
Zwei brandaktuelle Dramen erschütterten die Branche jedoch erst kürzlich. Zum einen musste das Jenaer Start-up Coachwhisperer (Gründung 2021) im Frühjahr 2026 zum Amtsgericht – die brutalen Entwicklungskosten ihrer In-Ear-Hardware hatten Millionen verschlungen. Zum anderen endete der gewaltige Hype der Kölner Baller League (Gründung 2023). Das hybride Medienunternehmen mischte den Markt durch Twitch-Kultur und Influencer zunächst radikal auf, doch nachdem Hauptsponsoren wie XING absprangen und Prominente sich zurückzogen, musste der deutsche Ligabetrieb im Januar 2026 eingestellt werden.
Aus solchen Crashs lassen sich vier fatale Fallstricke ableiten:
- Die Hardware-Falle. Wer auf physische Geräte setzt (wie VAHA oder Coachwhisperer), unterschätzt die Komplexität und Kapitalintensität der Produktion.
- Die toxischen Customer Acquisition Costs. Im B2C-Geschäft und bei reinen Hype-Formaten explodieren Marketing- und Influencer-Ausgaben so schnell, dass sie jegliche Margen auffressen.
- Die Churn-Rate-Illusion. Wenn der anfängliche Hype verfliegt (wie bei TFC oder der Baller League), kündigen Nutzer*innen Abos und Sponsoren springen ab.
- Der regulatorische und technologische Blindflug. Wer – wie Coachinho – biomechanische Daten per Kamera verarbeitet, scheitert in Europa nicht nur an der extremen technologischen Hürde, sondern oft auch an den strengen DSGVO-Vorgaben, wenn Privacy-by-Design nicht vom ersten Tag an verankert ist.
Das deutsche Netzwerk (Hotspots)
Die deutsche Szene konzentriert sich auf hochspezialisierte urbane Hubs, die eine perfekte Symbiose aus Forschung, Kapital und Industrie bieten. München thront dank der Technischen Universität (TUM) und der Innovationsmaschinerie der UnternehmerTUM unangefochten an der Spitze, wenn es um DeepTech, Sensortechnik und Wearables geht. Berlin bleibt das unbestrittene Epizentrum für E-Sports und Fan-Engagement, angetrieben durch die Präsenz globaler Player wie Riot Games, Mega-Organisationen wie G2 Esports und ein dichtes Netz an Kreativagenturen. Köln hat seine historische Stärke als Sitz der Deutschen Sporthochschule (DSHS) sowie der ESL genutzt, um sich als europäischer Hotspot für sportwissenschaftliche Start-ups und Live-Event-Technologien zu etablieren. Leipzig komplettiert das Quartett; angetrieben durch den SpinLab Accelerator hat sich die Stadt eine exzellente Nische im Bereich E-Health, Reha-Technologien und digitaler Prävention im Spitzensport erarbeitet.
Investor*innen-Radar
Das Kapital fließt aus hochspezialisierten Quellen. Bei den dedizierten VCs führt global kein Weg an BITKRAFT Ventures vorbei; der Fonds mit starken Berliner Wurzeln ist der absolute Königsmacher im E-Sports- und Web3-Gaming-Segment. Ergänzt wird dies durch Spezialisten wie leAD Sports & Health Tech Partners, die gezielt Frühphasen-Start-ups skalieren. Auch die Top-Tier Generalisten haben Blut geleckt: Earlybird und Cherry Ventures platzieren zunehmend Wetten auf B2B-SaaS-Modelle, die Sportdaten monetarisieren. Auf industrieller Seite dominieren Corporate VCs wie Porsche Ventures, die in Performance-Tech investieren, sowie Adidas, die nach digitalen Fitness-Ökosystemen suchen. Der wahre Motor der Frühphase sind jedoch erfahrene Business Angels. Prominente Köpfe aus dem echten Sport wie Mario Götze, Julian Draxler oder Oliver Bierhoff haben sich längst als smarte Co-Investoren etabliert, die nicht nur Kapital, sondern unbezahlbaren Zugang zu Vereinen und Athlet*innen mitbringen.
Die Top Start-ups (Must-Watch)
Für die Auswahl der Top-Start-ups in diesem Report haben wir strenge Kriterien angelegt. Alle beleuchteten Unternehmen sind ausschließlich deutsche Start-ups, deren Gründung im Jahr 2020 oder später erfolgte. Wir bewerten nicht nach den lautesten Marketing-Kampagnen, sondern nach vier harten Metriken: belegbare Marktrelevanz, die Tiefe der technologischen Innovation (Reifegrad), Diversität in den Geschäftsmodellen und Gründungsteams sowie das nachgewiesene Vertrauen hochkarätiger Investor*innen. Zudem floss die Skalierbarkeit des jeweiligen Ansatzes maßgeblich in die finale Bewertung ein.
Prematch (Gründung 2021)
Das Kölner Gründer-Trio Lukas Röhle, Fiete Grünter und Niklas Brackmann hat mit Prematch den „Transfermarkt für den Amateurfußball“ erschaffen. Das B2C- und B2B-Plattform-Modell bündelt Spieldaten, News und Statistiken bis in die tiefsten Amateurligen. Der USP liegt in der gigantischen, hochaktiven Basisdaten-Sammlung, die auch für Werbetreibende extrem wertvoll ist. Zuletzt flossen Millionen in mehreren Runden, angeführt von namhaften Business Angels: Neben den Profis Serge Gnabry und David Raum stieg auch das Family Office von Jürgen Klopp sowie Weltmeister Toni Kroos als strategischer Investor ein.
Dyn Media (Gründung 2022)
Unter der Vision des ehemaligen DFL-Chefs Christian Seifert und der operativen Führung von CEO Andreas Heyden revolutioniert Dyn Media als B2C-Streaming-Plattform die Sichtbarkeit von Sportarten jenseits des Fußballs. Der technologische USP liegt in einer hochmodernen, Cloud- und KI-gestützten Produktionsinfrastruktur, die Übertragungskosten drastisch senkt. Als absoluter Vertrauensbeweis der Branche gilt das starke Fundament des Medienprojekts: Das Joint Venture mit dem Medienriesen Axel Springer sichert der Plattform langfristig die nötige Finanzkraft und eine enorme mediale Reichweite.
Exakt Health (Gründung 2021)
Das von Philip Billaudelle und Lucia Payo in Berlin gegründete Start-up Exakt Health liefert den perfekten Gegenentwurf zur überhypten Fitness-Hardware. Das B2C-SaaS-Modell ist als echtes, zertifiziertes Medizinprodukt (MDR) zugelassen und bietet eine physiotherapeutische App für Sportverletzungen. Der USP liegt in den adaptiven, KI-gestützten Trainings- und Rehaplänen, die auf strengen medizinischen Leitlinien basieren. Dieses tiefe technologische Fundament sicherte dem Team Millionen-Investments von starken Lead-Investoren wie der Barmenia Next Strategies sowie von erfahrenen Engeln wie dem N26-Gründer Maximilian Tayenthal.
Enduco (Gründung 2020 / Neustart 2024)
Die Geschichte von Enduco ist die ultimative „Phönix aus der Asche“-Story der Szene. Ursprünglich 2020 gegründet und vom High-Tech Gründerfonds (HTGF) finanziert, musste die GmbH Mitte 2024 Insolvenz anmelden. Doch statt aufzugeben, formierte das Team um Mitgründer Lennard Schäfer das B2C-SaaS-Modell unter dem neuen Firmendach der endurance coach GmbH radikal neu. Die App bietet Ausdauersportlern eine Trainingsplanung, die mithilfe von maschinellem Lernen auf Vitaldaten reagiert – ein handfester Beweis, dass echte technologische Substanz harte Unternehmenskrisen überdauern kann.
Internationaler Ausblick & Fazit
Wer den Blick über den europäischen Tellerrand wagt, erkennt drei globale Makro-Trends, die den deutschen Markt in Kürze mit voller Wucht treffen werden. Aus den USA schwappt die Welle des „Markerless Tracking“ herüber, bei dem reine Smartphone-Kameras genügen, um durch komplexe KI-Berechnungen vollständige biomechanische Profile zu erstellen – der Anfang vom Ende der klobigen Wearables. Asien dominiert derweil die Entwicklung von KI-generierten Live-Kommentatoren und hyperrealistischen Avataren, die E-Sports-Übertragungen in dutzenden Sprachen gleichzeitig und vollautomatisiert moderieren. Aus dem DeepTech-Hub Israel drängen Start-ups auf den Markt, die neurokognitives Bio-Feedback nutzen, um die Reaktionszeiten von Profisportlern durch Gehirnstrom-Analysen messbar zu verkürzen.
Das Fazit für Gründer*innen und Investor*innen: Bunte Community-Apps ohne echten technologischen Burggraben haben in der SportTech-Branche keine Überlebenschance mehr. Gewinnen wird, wer harte DeepTech-Lösungen im B2B-Bereich etabliert, echte Leistungsprobleme durch Daten löst und verstanden hat, dass der Sport der Zukunft im Code entschieden wird.
Vom Planungs-Tool zum Kraftwerks-Betreiber: Furo greift im Milliardenmarkt für Industriespeicher an
Das Software-Unternehmen Furo, ehemals Lumera Energy, bringt eine neuartige Lösung für gewerbliche Batteriespeicher auf den Markt. Das große Versprechen des Münchner Gründungsteams: eine deutlich schnellere Amortisation der Anlagen durch KI-gestützte Multi-Use-Optimierung. Doch wie realistisch sind diese ambitionierten Ziele in einem hochkomplexen und streng regulierten Marktumfeld?
Gegründet wurde Furo im Jahr 2025 von Lena Sophia Voß, Leonie Wagner und Simon Wittner. Das Trio bringt Praxiserfahrung aus dem Silicon Valley mit – geprägt durch Stationen bei Apple, Google X und der Boston Consulting Group sowie akademischen Abschlüssen der Stanford University und der UC Berkeley.
Auf die Frage, warum man mit einer solchen Vita ausgerechnet im oft zähen Deutschland gründet und nicht in den USA bleibt, kontert Mitgründerin Lena Sophia Voß die landläufige Skepsis selbstbewusst. „Oft hört man, man solle in Deutschland gar nicht gründen. Dem würden wir so nicht zustimmen“, betont Voß. Sie verweist auf das extrem gründungsaffine Münchner Netzwerk und Förderungen wie das exist-Gründungsstipendium, welches die Startphase des Unternehmens maßgeblich mitfinanziert hat.
Dennoch räumt die Gründerin strukturelle Hürden ein: „Was jedoch stimmt: In Deutschland geht vieles noch langsamer. Unternehmen zu gründen, Finanzierungsrunden abzuschließen – all das dauert hier länger.“ Auch die Mentalität unterscheide sich stark: „Kulturell wird man hierzulande immer noch gefragt, warum man so viel Risiko auf sich nimmt, anstatt einem sicheren Job nachzugehen. Unsere amerikanischen Freunde haben da ganz anders reagiert.“
Planung und Echtzeitbetrieb aus einer Hand
Nachdem sich das junge Start-up in der DACH-Region und Spanien bereits erfolgreich als Standard-Tool für die Simulation gewerblicher Speicher etabliert hat, folgt nun der nächste strategische Schritt: Mit dem neuen Software-Launch übernimmt die Plattform künftig nach der Planung auch nahtlos den Echtzeitbetrieb, die Optimierung und die Vermarktung der Anlagen.
Das System basiert auf einer „virtuellen Batterie“. Dieser digitale Zwilling soll bereits vor der Installation die zu erwartenden Einnahmen exakt berechnen. Sobald die Anlage am Netz ist, übernehmen KI-gestützte Prognosen, aktiver Energiehandel und eine kontinuierliche Multi-Use-Optimierung die Steuerung. Furo stellt Industriebetrieben in Aussicht, ihr wirtschaftliches Potenzial um bis zu 40 Prozent zu steigern und die Amortisationszeit von branchenüblichen 15 auf sportliche fünf Jahre zu verkürzen.
Doch wie beweist man konservativen Industriekunden solche traumhaften Laborwerte im realen Betrieb? Voß setzt hier auf radikale Transparenz: „Bevor ein Kunde auch nur einen Cent investiert, starten wir mit einer Potenzialanalyse auf Basis historischer Verbrauchsdaten. Erst dann kommt unsere virtuelle Batterie ins Spiel.“
Der eigentliche Clou liege in der Technologie selbst: „Dieses Prognosemodell ist dasselbe, das später auch den echten Betrieb steuert – jede Projektion ist damit direkt an der Realität messbar“, verspricht die Gründerin. Während traditionelle Systeme nach statischen Regeln agieren, nutze Furo eine vorausschauende KI, die auf Basis von Echtzeitpreisen und Wetterdaten berechnet, wie der Speicher am Folgetag am wirtschaftlichsten eingesetzt wird. Voß bringt es auf den Punkt: „Was wir garantieren: Kein Kunde geht ohne eine belastbare, datenbasierte Kalkulation in eine Investitionsentscheidung.“
Start-up vs. Energie-Goliaths: Ein unterversorgtes Marktsegment
Während etablierte Betreiber*innen virtueller Kraftwerke sich vorrangig auf lukrative Großspeicher ab 10 Megawatt konzentrieren, bleibt das gewerblich-industrielle Segment oft unterversorgt. Furo besetzt genau diese Nische für Anlagen im Bereich von rund 150 Kilowatt bis hin zu über 3 Megawatt.
Dass etablierte Energiemarkt-Riesen Furo diesen Platz einfach streitig machen könnten, glaubt Voß nicht. Gewerbliche Speicher müssten gleichzeitig Eigenverbrauch maximieren, Lastspitzen kappen, Netzentgelte optimieren und am Energiemarkt teilnehmen. „Diese Kombination aus mehreren Anwendungsfällen in einem einzigen System – das ist die eigentliche Komplexität, die große Energieversorger und Aggregatoren nicht abbilden können“, analysiert sie messerscharf. Deren Systeme seien auf reine Marktarbitrage ausgelegt, nicht auf die betriebliche Realität einer Fabrik.
Auch Batteriehersteller*innen seien keine direkte Konkurrenz, da sie unter enormem asiatischen Hardwaredruck stünden und kaum Kapazitäten für eigene Softwareentwicklung hätten. Player wie Enpal, die Deutsche Bahn, sonnen, Fenecon oder BayWa arbeiten laut Furo bereits mit dem Start-up zusammen. Wer heute noch in dieses Segment wolle, müsse bei null anfangen. „Mit jeder neuen Partnerschaft werden wir jeden Tag schneller. Das kann niemand einfach replizieren“, untermauert Voß den Burggraben ihres Unternehmens.
Was passiert, wenn sich der Markt beruhigt?
Die Versprechen klingen verlockend, bedürfen jedoch einer kritischen Betrachtung. Die anvisierte fünfjährige Amortisationszeit hängt naturgemäß stark an dauerhaft hohen Preisschwankungen am Strommarkt. Sollte sich diese Volatilität durch den Netzausbau künftig stabilisieren, könnten die Margen im Energiehandel empfindlich schrumpfen. Zudem erfordert die internationale Skalierung in teils stark regulierte Netze einen massiven Entwicklungsaufwand.
Auf das Risiko schrumpfender Margen angesprochen, verweist Voß auf ein robustes Erlösmodell. „Unser Umsatzmodell ist bewusst dreigleisig aufgebaut: eine SaaS-Lizenz für die Planungsplattform, eine Betriebslizenz für das Betriebssystem und ein Erfolgsanteil an Handelserträgen“, erklärt sie. Die Lizenzeinnahmen seien von kurzfristigen Preissprüngen völlig unabhängig. Zudem funktioniere die Wertschöpfung durch lokale Optimierungen beim Kund*innen – wie Lastspitzenkappung – auch in einem stabilen Preisumfeld weiterhin wirtschaftlich.
Unser Fazit
Furo liefert ein Paradebeispiel für einen klugen strategischen Ansatz: Aus einem reinen Einstiegsprodukt zur Anlagenplanung wird sukzessive ein umfassendes Ökosystem. Mit dem initialen Tool hat das Team Vertrauen bei mittlerweile rund 100 zahlenden Kund*innen und über 600 Nutzer*innen aufgebaut. Der nun vollzogene Schritt zum aktiven Anlagenbetreiber ist logisch, verlagert das Geschäftsrisiko jedoch stark in Richtung der technischen Ausführung.
Für die kommenden zwölf Monate steht laut Voß vor allem der vollständige Rollout der Plattform im Fokus. „Wir übernehmen die intelligente Steuerung der Speicher in Echtzeit und optimieren sie täglich neu.“
Die größte Herausforderung bleibt allerdings die Politik und die träge Infrastruktur. Die laufende Reform der Netzentgelte betrachtet Voß noch als Chance für agile Software-Anbieter. Viel mehr Kopfzerbrechen bereitet der Gründerin hingegen die Hardware-Realität: „Das strukturelle Problem bleibt der Netzanschluss: Zu viele Projekte warten zu lange, bis sie überhaupt ans Netz dürfen. Das bremst nicht nur uns – das bremst die gesamte Energiewende.“
Vom Corona-Hilfsprojekt zur Tech-Plattform: BON BON greift nach dem Gastro-Gutscheinmarkt
Wie sich das Hamburger GastroTech-Start-up BON BON der Gründer David Bernhard, Patrick Kosmala und Malte Steiert neu positioniert und mit smarten Kassen-Schnittstellen den 10-Milliarden-Gutscheinmarkt erobern will.
Steigende Kosten, kurzfristige Reservierungsabsagen und eine spürbare Konsumzurückhaltung setzen die deutsche Gastronomiebranche im Jahr 2026 massiv unter Druck. In diesem Klima positioniert sich das Hamburger GastroTech-Unternehmen BON BON mit einem Plattform- und Markenrelaunch neu. Der Plan des Start-ups: Es will sich vom reinen Gutscheinanbieter zum Technologie- und Infrastrukturpartner der Branche wandeln. Damit rückt der deutsche Gutscheinmarkt, der ein jährliches Gesamtvolumen von rund zehn Milliarden Euro aufweist, ins strategische Visier der Hanseaten.
Pandemie-Baby wird erwachsen: Der Weg ins B2B-Geschäft
Die Wurzeln von BON BON liegen in der Corona-Pandemie. Das Start-up ging aus der Solidaritäts-Initiative PayNowEatLater hervor, die 2020 als digitaler Rettungsschirm ins Leben gerufen wurde. Was als Hilfsaktion durch die vier Gründer David Bernhard, Patrick Kosmala, Niclas Störmer und Malte Steiert begann, verbindet heute gastronomische Betriebe mit Endverbraucher*innen und Firmenkund*innen.
Der Weg vom provisionsfreien Projekt zur B2B-Plattform ist jedoch ressourcenintensiv. Auf die Frage, wie dieser Sprung finanziert wurde und ob Venture Capital im Spiel war, erklärt Co-Gründer David Bernhard: „Tatsächlich konnten wir die Dynamik und den Rückenwind aus der Corona-Zeit nutzen, um die Weiterentwicklung aus eigener Kraft zu finanzieren. Dadurch ist BON BON bis heute vollständig bootstrapped und wir können unabhängig von externem Investorendruck unsere langfristige Vision verfolgen.“
Kassen-Schnittstellen: Der technische Umbau
Der strategische Kern der Neuausrichtung ist der Ausbau nativer Schnittstellen zu Kassen-Systemen (POS). Durch diese Systemintegration sollen Gutscheine automatisiert direkt am Tresen validiert und verbucht werden. Das Unternehmen gibt an, damit den administrativen Aufwand im operativen Alltag der Betriebe drastisch senken zu wollen. Die Gutscheine selbst sind deutschlandweit in über 10.000 Partner*innen-Betrieben einlösbar – von der Kiez-Gastronomie bis zur 3-Sterne-Küche.
Der Aufbau dieses Netzwerks sei laut Unternehmen ein zentraler Schritt gewesen. Rund 1.500 Gastronomien stammen noch direkt aus der Pandemie-Phase, der Rest sei organisch durch Empfehlungen, Messen und den Ausbau von Einzelbetrieben hin zu Ketten gewachsen.
Bezüglich der Abwanderungsquote im Wettbewerb verweist der Gründer auf das eigene Angebot: „Die Churn-Rate zu alternativen Angeboten ist bei uns sehr gering, da unser Leistungsversprechen und die erzielbaren, klar messbaren Ergebnisse für die Gastronomien äußerst überzeugend sind. Die häufigsten Gründe für Abgänge sind tatsächlich Insolvenzen oder Geschäftsaufgaben – bedingt durch die insgesamt herausfordernde wirtschaftliche Lage in der Gastronomie.“
Monetarisierung und Social Impact
Begleitet wird diese Entwicklung durch eine visuelle Neuausrichtung, für die das Unternehmen eine Food-Branding-Agentur engagiert hat. Zudem setzt BON BON auf eine Social-Impact-Komponente: Pro verkauftem Gutschein fließen 0,25 Euro an die Welthungerhilfe zur Finanzierung von Schulmahlzeiten in Burundi.
Hinsichtlich der Monetarisierung legt Bernhard dar, wie sich das Zwei-Säulen-Modell der Hamburger rechnet: „Hier profitieren wir stark davon, dass unser Geschäftsmodell auf zwei Säulen basiert: Zum einen unser Gutscheinsystem inklusive POS-Integrationen für Gastronomien, über das sie ihre eigenen Gutscheine verkaufen und verwalten können – wobei unsere Marge hier bewusst sehr gering ist. Der strategisch wichtigere Bestandteil ist der BON BON Universalgutschein, der bei allen Partner-Gastronomien eingelöst werden kann.“
Die Erlöse generiert das Unternehmen dabei vor allem über das Firmenkund*innengeschäft. „Einnahmen erzielen wir hier insbesondere über unsere B2B-Lösungen, etwa automatisierte Gutscheinversendungen zu Anlässen wie Geburtstagen, sowie über die branchenübliche Nichteinlösequote, die bei Gutscheinsystemen immer eine Rolle spielt“, so der Gründer weiter.
Der Kassenmarkt als operative Hürde
Der Gutschein-Sektor ist stark fragmentiert und umkämpft. Im Erlebnisbereich agieren Anbieter wie Jochen Schweizer, im Gastro-Segment Akteure wie Yovite oder subventionierte Stadtgutschein-Initiativen.
Eine wesentliche operative Hürde für BON BON liegt in der technologischen Zersplitterung der Branche. Gefragt nach der technischen Herausforderung, funktionierende Schnittstellen von Orderbird über Vectron bis Lightspeed trotz Software-Updates stabil zu halten, räumt Bernhard ein: „Das ist tatsächlich eine große Herausforderung, der wir mit sehr langfristig aufgebauten und partnerschaftlichen Beziehungen sowohl zu den Kassensystemanbietern als auch zu den Gastronom*innen begegnen. Erfreulicherweise sind die relevanten Schnittstellen dabei vergleichsweise stabil und weitgehend von den schnellen Entwicklungszyklen der eigentlichen Kassensoftware entkoppelt, was uns eine verlässliche technische Integration ermöglicht.“
Ausblick auf die kommenden Monate
Ob es dem Team langfristig gelingt, den Betrieben bürokratische Hürden im Alltag durch POS-Integrationen abzunehmen, wird der Praxis-Test zeigen. Gleichzeitig muss sich beweisen, ob die überarbeitete Website und die mobile Nutzer*innenführung ausreichen, um Endkund*innenkäufe außerhalb typischer Phasen wie Weihnachten konstant zu generieren.
Für die kommenden 12 bis 18 Monate hat das Team Produkt-Schritte definiert. Bernhard benennt die geplante Expansion: „Die Weiterentwicklung geht hier klar in zwei Richtungen: Zum einen in die kontinuierliche Erschließung weiterer Supermarktketten, zum anderen vor allem in den Ausbau erweiterter Firmenangebote rund um steuerfreie Sachbezüge. Dabei ermöglichen wir es Arbeitgebenden – unter bestimmten Voraussetzungen, die wir dank unserer Kassensystem-Integrationen zunehmend zuverlässig erfüllen – ihren Mitarbeitenden monatlich oder zu besonderen Anlässen steuerfrei Gutscheine bereitzustellen.“
KI-Agenten auf dem Vormarsch: Warum 2026 alles von Kontrolle abhängt
Agentische KI ist das dominierende Technologiethema des Jahres 2026 – und trotzdem stehen die meisten Unternehmensverantwortlichen noch immer vor einer grundlegenden Frage: Wer hat hier eigentlich das Steuer in der Hand?
Eine EY-Umfrage vom März 2026 zeigt deutlich: 78 Prozent der befragten Führungskräfte geben zu, dass die KI-Einführung in ihren Unternehmen schneller voranschreitet, als sie die damit verbundenen Risiken beherrschen können.
Das ist kein Zufall. Im Laufe des Jahres 2025 haben viele Unternehmen den Schritt gemacht – vom Experiment hin zur skalierbaren Nutzung von KI im operativen Alltag. Die Ausgaben für generative KI sind im selben Zeitraum auf rund 37 Milliarden US-Dollar gestiegen. Doch nicht das schnelle Wachstum des KI-Ökosystems hat die Debatte in Richtung Kontrolle verschoben, sondern eine neue Generation von Systemen: agentische KI.
Was agentische KI wirklich ist – und warum 2026 ihr Jahr ist
Klassische KI-Systeme funktionieren nach einem einfachen Prinzip: Eingabe rein, Antwort raus. Agentische Systeme gehen deutlich weiter. Sie sind Plattformen oder Programme, die:
- ein übergeordnetes Ziel entgegennehmen,
- es in Teilaufgaben zerlegen,
- passende Werkzeuge auswählen,
- einen Plan eigenständig ausführen,
- und ihr Vorgehen laufend anpassen, um das gewünschte Ergebnis zu erreichen – und das alles innerhalb eines definierten betrieblichen Rahmens.
Was nach außen wie ein einzelner KI-Agent wirkt, ist in der Praxis meist ein Netzwerk spezialisierter Systeme, die jeweils einen Teil eines Workflows übernehmen und von einer Orchestrierungsebene koordiniert werden.
Gerade weil diese Systeme weitgehend autonom arbeiten, steigt ihr wirtschaftlicher Nutzen deutlich. Prozesse wie Vertriebsrecherche, Pipeline-Management oder Compliance-Prüfungen – für die früher ganze Teams nötig waren – lassen sich heute automatisieren.
Der Fortschritt ist messbar: Die Bandbreite an Aufgaben, die agentische KI mit einer Erfolgsquote von rund 80 Prozent bewältigt, verdoppelt sich etwa alle sieben Monate. Gleichzeitig sind die Kosten stark gesunken. Der Betrieb eines Systems auf dem Niveau von GPT-3.5 ist heute rund 280-mal günstiger als noch 2022. Auch Hardwarekosten sinken jährlich um etwa 30 Prozent. In diesem Tempo wird es für Unternehmen zunehmend schwer, gute Gründe gegen den Einsatz agentischer KI zu finden.
Die Governance-Lücken, über die kaum jemand spricht
Die Diskussion über Risiken konzentriert sich häufig auf das Offensichtliche: Datenlecks, Prompt Injection oder Modellschwächen. Die eigentlichen Herausforderungen liegen tiefer.
Agentische KI ist kein Projekt mit einem klaren Endpunkt. Sie ist ein laufender Betrieb, der kontinuierliche Überwachung, Anpassung und klare Verantwortlichkeiten erfordert. Genau hier liegt die Schwachstelle vieler Unternehmen: Sie behandeln KI wie ein Software-Feature – einmal einführen und dann weitermachen. Genau dort beginnen die Probleme – oft unbemerkt.
Hinzu kommt ein weiteres Risiko: Open-Source-Modelle. Wenn die zugrunde liegende Architektur beliebig verändert werden kann, wird der Datenschutz schwer kontrollierbar – besonders für Unternehmen, die mit Kund*innendaten arbeiten.
Damit verbunden ist ein grundlegendes Problem: Agentische KI ist nur so zuverlässig wie die Logik, auf der sie basiert. Wer nicht systematisch alle Grenzfälle testet, riskiert, dass das System genau dort Lücken findet und nach seiner eigenen Logik handelt – nicht im Sinne der tatsächlichen Prozesse im Unternehmen. KI ist keine Wunderwaffe. In bestimmten Fällen ist klassische Automatisierung mit fest definierten Regeln deutlich verlässlicher, wenn Prozesse zu 100 Prozent korrekt ablaufen müssen.
Wenn KI keine Wunderwaffe ist: Reale Fälle
Die beschriebenen Risiken sind längst Realität – manchmal sichtbar, manchmal kaum wahrnehmbar. Im Januar 2024 musste der Paketdienstleister DPD seinen KI-Kundenservice abschalten, nachdem ein Systemupdate die Schutzmechanismen entfernt hatte. Ein Kunde brachte den Bot dazu, zu fluchen, Gedichte über seine eigene Nutzlosigkeit zu schreiben und DPD als „schlechtesten Paketdienst der Welt“ zu bezeichnen. Das Unternehmen sprach von einem Fehler. Tatsächlich zeigte der Vorfall, was passiert, wenn KI ohne ausreichende Tests und Aufsicht eingesetzt wird. Innerhalb weniger Stunden verbreitete sich der Fall über soziale Medien und führte zu erheblichem Reputationsschaden.
In anderen Fällen bleibt das Ganze weitgehend unsichtbar. Im September 2025 berichtete Press Gazette über mehrere PR-Agenturen, die Journalist*innen systematisch mit KI-generierten Pressemitteilungen versorgten – inklusive erfundener Expert*innen. Die zitierten Personen ließen sich online nicht nachweisen, dennoch wurden Inhalte in großen Medien veröffentlicht.
Unterschiedliche Branchen, gleiche Ursache: fehlende Governance, fehlende Verantwortlichkeit und niemand, der im entscheidenden Moment die Kontrolle übernimmt.
Der hybride Ansatz: Was er ist – und was nicht
Die Antwort auf die Governance-Lücke ist nicht, die Einführung von KI zu verlangsamen. Es geht darum, KI nicht länger als Ersatz für menschliches Urteilsvermögen zu behandeln – sondern Systeme zu schaffen, in denen beide das tun, was sie am besten können.
Ein echtes hybrides Modell bedeutet, ein Setup zu schaffen, in dem KI das Volumen übernimmt – Routineanfragen, sich wiederholende Aufgaben, vorhersehbare Interaktionen – während sich menschliche Mitarbeitende auf das konzentrieren, was KI nicht zuverlässig leisten kann: komplexe Fälle und Ausnahmefälle, bei denen Ergebnisse stark von Einschätzung und Kontextverständnis abhängen.
Genauso wichtig ist, was ein hybrides Modell nicht ist. Einen Chatbot in einen bestehenden Workflow einzubinden, ist kein hybrides Modell, sondern nur ein zusätzliches Feature. Und Mitarbeitende, die KI-Ergebnisse lediglich passiv überwachen, arbeiten nicht wirklich hybrid – das ist bloße Aufsicht ohne aktive Beteiligung.
Im Alltag ist die Grenze zwischen „das lässt sich automatisieren“ und „das besser nicht“ konkreter, als die meisten Unternehmen erwarten. Ein Beispiel: ein SaaS-Unternehmen. Anfragen zu Abonnements, Kontozugängen oder Zahlungsfragen folgen vorhersehbaren Mustern, die Antworten liegen bereits vor – Kund*innen fragen oft nur, weil sie nicht selbst suchen möchten. Das sind ideale Kandidaten für Automatisierung. Entsprechend zeigen Anbieter*innen im Kundensupport, die das hybride Modell bereits getestet haben: Ein gut trainierter KI-Agent kann bis zu 85 Prozent solcher Anfragen übernehmen – mit sofortigen Antworten und ohne Einbußen bei der Kund*innenzufriedenheit.
Bei technischen Problemen sieht das anders aus. Tritt ein Fehler auf oder fällt ein Server aus, weiß oft nicht einmal das Produktteam sofort, was passiert ist – geschweige denn, wie das Problem zu lösen ist. Ein KI-Agent ohne diesen Kontext folgt seinem Training und liefert eine scheinbar sichere Antwort – und führt Kund*innen damit in die falsche Richtung. In einem kritischen Moment ist das kein kleines Ärgernis, sondern ein direkter Weg, Kund*innen dauerhaft zu verlieren. Deshalb bleiben gezielte Weiterleitungen an menschliche Mitarbeitende ein bewusstes Element – denn manche Situationen erfordern das Urteilsvermögen und die Sorgfalt, die nur ein Mensch bieten kann.
Welche Governance-Lösungen es heute schon gibt
Unternehmen, die KI-Integrationen systematisch testen, kommen zu einem klaren Ergebnis: Der wirksamste Ansatz ist, Systeme so zu gestalten, dass sie ihre eigenen Grenzen erkennen. Das bedeutet konkret: Die KI erkennt Unsicherheit, eskaliert automatisch und übergibt an Menschen, bevor Schaden entsteht.
Regulatorisch gibt es erste Leitplanken. Der EU AI Act gilt seit August 2025 vollständig und schreibt für Hochrisiko-KI-Systeme menschliche Aufsicht und Risikomanagement vor.
Doch Regeln allein reichen nicht. Sie definieren Rahmenbedingungen, aber nicht, wie konkret gehandelt werden soll, wenn eine KI auf eine Situation trifft, für die sie nicht trainiert wurde – und ein(e) Kund*in auf eine Antwort wartet.
Genau hier entscheidet sich, ob Governance funktioniert. Und genau das sollte 2026 nicht mehr dem Zufall überlassen werden.
Die Autorin Nataliia Onyshkevych ist CEO von EverHelp. Sie arbeitet mit wachsenden Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen daran, Customer Support in KI-gestützten Umgebungen skalierbar und wirkungsvoll zu gestalten.
SynBio-Start-up-Report 2026
Biologie ist der neue Code: Wie Synthetische Biologie (SynBio) die Industrie neu programmiert und welche Start-ups dabei hierzulande federführend sind.
Die Vision einer post-fossilen Wirtschaft ist im Jahr 2026 keine bloße Utopie mehr, sondern eine präzise Ingenieursleistung. Wir erleben den Moment, in dem die Natur von einer Ressource, die wir ausbeuten, zu einer Technologie wird, die wir programmieren. In den Laboren der Republik entstehen heute Lösungen für die größten Versorgungskrisen unserer Zeit. Der Aufstieg der Synthetischen Biologie (SynBio) markiert den Übergang vom Zeitalter der Petrochemie in das Zeitalter der Biomanufaktur – eine Transformation, die so tiefgreifend ist wie die industrielle Revolution, jedoch mit der Geschwindigkeit der digitalen Transformation erfolgt.
Wenn Bits auf Atome treffen
Der SynBio-Markt ist 2026 in eine Phase der industriellen Skalierung eingetreten. Aktuelle Analysen der KfW sowie Branchenberichte von BCG beziffern das globale Marktpotenzial für bio-basierte Produkte bis Ende des Jahrzehnts auf über 300 Milliarden Euro. Allein in Deutschland ist das Investitionsvolumen in DeepTech-BioTech-Start-ups im vergangenen Geschäftsjahr laut Bitkom-Daten auf einen Rekordwert von 1,4 Milliarden Euro gestiegen. Der entscheidende technologische Katalysator ist die Verschmelzung von Generativer KI und Biologie. Dank Modellen, die Proteinfaltungen präziser vorhersagen können, als es je ein menschlicher Forscher vermochte, wurde die Entwicklungszeit für neue Enzyme um den Faktor zehn verkürzt. Die Biologie wird damit endgültig zum „Software-Stack“, bei dem Design-Build-Test-Learn-Zyklen in digitalisierten Bio-Gießereien automatisiert ablaufen.
Jenseits der Petrischale: Die Treiber der Bio-Ökonomie
Drei spezifische Sub-Sektoren dominieren in diesem Jahr die Agenda der Investor*innen. An erster Stelle steht die zellfreie Biosynthese, bei der komplexe Moleküle ohne den Einsatz lebender Zellen produziert werden, was die Skalierbarkeit massiv erhöht. Pioniere wie das US-Unternehmen Solugen haben hier den Weg geebnet, doch deutsche Akteure ziehen in der Effizienz der Bioreaktor-Steuerung nach. Ein zweiter massiver Treiber ist das Microbial Carbon Upcycling: Mikroben werden so programmiert, dass sie industrielles CO2 direkt in hochwertige Proteine oder Kunststoffe umwandeln. Hier verschmelzen Klimaschutz und Produktion zu einer Einheit. Drittens sehen wir den Siegeszug der Biomanufaktur bei Alternativmaterialien – sei es durch Biomasse-Fermentation für Lederersatz aus Myzel oder durch echte Präzisionsfermentation, bei der etablierte Akteure wie die bayrische AMSilk zeigen, dass programmierte Spinnenseide-Proteine bereits in Serie gehen können. Die Lieferkette der Mode- und Automobilindustrie wird durch diese Biopolymere radikal dekarbonisiert.
Die harten Lektionen der Skalierung
Der Weg zum Erfolg war jedoch von schmerzhaften Rückschlägen gepflastert. Der prominente Crash des einstigen Branchenlieblings Amyris im Jahr 2023 wirkt bis heute als warnendes Beispiel nach. Das Unternehmen scheiterte trotz Milliardenbewertung an der Komplexität der vertikalen Integration und dem Versuch, gleichzeitig Technologieplattform und B2C-Marke zu sein. Für heutige Gründer*innen haben sich daraus vier fatale Fallstricke herauskristallisiert, die über Sieg oder Niederlage entscheiden. Erstens: Die Ignoranz gegenüber den Unit Economics. Ein Produkt, das im 5-Liter-Maßstab funktioniert, muss im 50.000-Liter-Kessel nicht zwangsläufig profitabel sein. Zweitens: Das „Regulatorik-Vakuum“. Wer die EU-Novel-Food-Verordnungen oder GVO-Richtlinien nicht von Tag eins an in die Produktentwicklung einplant, riskiert Jahre des Stillstands. Drittens: Die Fokussierung auf den Endkonsument*innen statt auf B2B-Integration. Der wahre Hebel liegt in der Lizenzierung von Prozessen an die Industrie. Viertens: Die Unterschätzung der Hardware-Komponente. SynBio ist kein reines Software-Business; ohne Zugang zu physischer Infrastruktur bleibt jede Innovation im Labor gefangen.
Deutschlands Bio-Cluster
Deutschland hat sich im internationalen Vergleich als einer der stärksten Hubs für SynBio etabliert, getrieben durch eine einzigartige Verzahnung von Spitzenforschung und industrieller Basis. In München und dem angeschlossenen IZB Martinsried konzentriert sich die größte Dichte an Venture Capital und Talenten, eng flankiert durch die Exzellenz-Cluster der TU München. Berlin hat sich durch spezialisierte Inkubatoren wie den ProVeg Incubator, Atlantic Food Labs (FoodLabs) und den Science Park Berlin-Buch zum absoluten Zentrum für FoodTech und zelluläre Landwirtschaft entwickelt. Ein weiterer Hotspot ist das Rhein-Neckar-Delta rund um Heidelberg, wo das European Molecular Biology Laboratory (EMBL) und der BioRN-Cluster eine Brücke zwischen Grundlagenforschung und Marktreife schlagen. Aachen punktet mit der RWTH und einer starken Fokussierung auf Bio-Verfahrenstechnik, während der Raum Darmstadt/Frankfurt durch die Nähe zu Giganten wie Merck und die TU Darmstadt als Kraftzentrum für die industrielle Bioproduktion gilt.
Investor*innen-Radar
Die Finanzierungslandschaft hat sich spezialisiert. Wir unterscheiden im Jahr 2026 vier Ebenen der Kapitalgeber*innen. Die spezialisierten VCs wie Forbion, BlueYard Capital oder Sofinnova Partners bringen das notwendige tiefe Domänenwissen mit. Auf der zweiten Ebene stehen Top-Tier Generalisten wie HV Capital und Earlybird, die SynBio zunehmend als Teil ihrer Dekarbonisierungs-Strategie begreifen. Besonders kritisch für die Skalierung sind die Corporate VCs der Industrie, allen voran BASF Venture Capital und Evonik Venture Capital, die nicht nur Geld, sondern auch Abnahmegarantien und technisches Know-how bieten. In der Frühphase bewegen zudem spezialisierte Mikro-Fonds wie Nucleus Capital oder erfahrene ClimateTech-Angels den Markt, oft organisiert in Syndikaten, die das „Valley of Death“ zwischen Labor und Prototyp überbrücken
Die Top-Start-ups: Unsere Must-Watch-Liste 2026
Für die folgende Auswahl der Start-ups haben wir Unternehmen analysiert, die nach 2019 in Deutschland gegründet wurden. Die Auswahlkriterien basieren auf der technologischen Tiefe (IP-Portfolio), dem Reifegrad der Pilotierung, der Validierung durch renommierte Investoren sowie dem Potenzial, bestehende industrielle Lieferketten systemisch zu verändern. Diversität in Gründungsteams und die Skalierbarkeit der zugrunde liegenden Bio-Plattform waren weitere entscheidende Faktoren.
- Cambrium (Berlin, gegründet 2020): Das Team um Dr. Mitchell Duffy nutzt eine KI-gestützte Designplattform, um neuartige Proteine mit molekularen Funktionen zu entwickeln, die in der Natur so nicht vorkommen. Ihr Fokus liegt auf der Kosmetik- und Textilindustrie, wo sie petrochemische Inhaltsstoffe durch bio-designte Alternativen ersetzen. Mit massiven Finanzierungsrunden, angeführt von Tech-Schwergewichten wie Essential Capital und dem Google-KI-Fonds Gradient Ventures, gilt Cambrium als Leuchtturm für eine neue Generation von Biomaterial-Zulieferern, die aus digitalem Code physische Hochleistungsprodukte erschaffen.
- Bluu Seafood (Berlin, gegründet 2020): Gegründet von Dr. Sebastian Rakers und Simon Fabich, ist Bluu einer der führenden europäischen Akteure im Bereich kultivierter Fisch. Durch die Kultivierung echter Fischzellen im Bioreaktor adressieren sie die Überfischung der Meere. Nach signifikanten Investments durch Lead-Investor Sparkfood sowie LBBW VC und Delivery Hero Ventures steht das Unternehmen kurz vor der ersten Marktzulassung in Singapur und den USA.
- Colipi (Hamburg, gegründet 2022): Das Spin-off der TU Hamburg, geführt von Maximilian Webers, nutzt eine patentierte Gasfermentationstechnologie, um CO2 in nachhaltige Öle und Lipide umzuwandeln. Der USP von Colipi ist die Nutzung von industriellen Abgasströmen als Rohstoff, was die Produktion extrem kosteneffizient macht. Sie konnten sich frühzeitig die Unterstützung von Top-Investoren wie dem High-Tech Gründerfonds (HTGF) und dem Innovationsstarter Fonds Hamburg sichern.
- Kynda (Jelmstorf, gegründet 2019): Ursprünglich als Keen 4 Greens von Daniel MacGowan-von Holstein und Franziskus Schnabel gegründet, bietet Kynda Plug-and-Play-Fermentationssysteme für die Lebensmittelindustrie an. Als B2B-Technologiepartner stellen sie modulare Bioreaktoren und Pilzkulturen bereit, mit denen Hersteller ihre eigenen Produktionsabfälle direkt vor Ort kostengünstig in Mykoproteine umwandeln können. Eine kürzliche 3-Millionen-Euro-Seed-Finanzierung – angeführt vom VC EnjoyVenture und massiv flankiert durch ein strategisches Investment des Geflügel-Giganten PHW-Gruppe – unterstreicht das enorme Skalierungspotenzial dieses Kreislauf-Modells.
- Nosh.bio (Berlin, gegründet 2022): Das Team um Tim Fronzek nutzt Pilzbiomasse als funktionalen Inhaltsstoff für die Lebensmittelindustrie, um Clean-Label-Produkte ohne Zusatzstoffe zu ermöglichen. Der technologische Vorsprung von Nosh.bio liegt in der Geschwindigkeit des Fermentationsprozesses. Frühphasen-Finanzierungen durch Earlybird unterstreichen das hohe Vertrauen in das Skalierungspotenzial.
- Ucaneo (Berlin, gegründet 2022): Das Team um Florian Tiller und Carla Glassl beweist, dass Synthetische Biologie auch beim Direct Air Capture (DAC) den Unterschied macht. Statt energieintensiver chemischer Filter nutzt Ucaneo eine biomimetische Technologie: Sie setzen das Enzym Carboanhydrase ein – eines der schnellsten Enzyme der Natur –, um CO2 bei Raumtemperatur direkt aus der Umgebungsluft zu binden. Mit starken Frühphasen-Finanzierungen durch DeepTech-Fonds wie Nucleus Capital und der US-amerikanischen Grantham Foundation baut Ucaneo derzeit in Berlin-Marienfelde ihre erste industrielle Testanlage auf.
- Insempra (München, gegründet 2021): Das Team um Gründer Jens Klein hat sich zum Ziel gesetzt, die massive Abhängigkeit der globalen Lieferketten von der Petrochemie zu beenden. Über ihre B2B-Technologieplattform nutzen sie Präzisionsfermentation, um maßgeschneiderte Inhaltsstoffe für die Kosmetik-, Lebensmittel- und Textilbranche quasi zu programmieren – von bio-basierten Lipiden und Aromen bis hin zu neuartigen Proteinfasern. Eine hochkarätige Finanzierungsrunde, angeführt von europäischen DeepTech-Schwergewichten wie EQT Ventures und BlueYard Capital, unterstreicht den Anspruch von Insempra, ein globaler industrieller Zulieferer der nächsten Generation zu werden.
Ausblick & Fazit: Der globale Wettlauf
Der Blick über den Tellerrand zeigt: Wir stehen in einem globalen Systemwettbewerb. In den USA treibt die per Executive Order erlassene „National Biotechnology and Biomanufacturing Initiative“ Milliardeninvestitionen in die heimische Infrastruktur, flankiert von Pionieren, die dort und in Frankreich (wie Biomemory) bereits an der Verschmelzung von SynBio und DNA-Datenspeicherung arbeiten. In Asien, insbesondere in China und Singapur, werden derweil regulatorische Hürden in Rekordzeit abgebaut, um die Marktführerschaft bei der Biomanufaktur zu übernehmen. Flankiert wird dies von Hubs wie Israel, die mit massivem VC-Kapital den globalen Markt für kultivierte Proteine dominieren wollen.
Das Fazit für das Jahr 2026: Biologie ist die Infrastruktur der Zukunft. Für Gründer*innen bedeutet dies, dass die Zeit der reinen Plattform-Versprechen vorbei ist; gefragt sind konkrete Produkte und belastbare Unit Economics. Für Investor*innen bietet SynBio die seltene Chance, echte „Impact-Rendite“ zu erzielen, indem sie Industrien transformieren, die über Jahrzehnte festgefahren waren. Wer heute den Code der Natur versteht und skalieren kann, wird die Welt von morgen nicht nur verstehen, sondern neu bauen.
