Scheidung im Hotel


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Während ihrer Hochzeitsreise verbringen frisch Vermählte häufig sehr viel Zeit in ihrem Hotel. Doch leider ist das Glück bisweilen endlich und die einst Verliebten lassen sich wieder scheiden.

Warum sollte solch eine Scheidung nicht auch in einem "Heartbreak Hotel" gemanagt werden? Das dachte sich wohl Jim Halfens, der in Holland und Belgien seit kurzer Zeit entsprechende Arrangements anbietet.

Die Scheidungswilligen haben die Wahl zwischen verschiedenen Hotels, mit denen Jim Halfens, der sich auf die Dienstleistungen rund um die Scheidung konzentriert, zusammenarbeitet. Alle wichtigen Personen kommen an diesem Wochenende ins Haus: Notar, Anwalt, Psychologe, Mediator oder sogar ein Immobilienmakler, der sich um den Verkauf des gemeinsamen Hauses kümmern soll.

Zielgruppe dieses Angebotes sind vor allem Paare, die beruflich stark eingespannt sind und eine schnelle Scheidung suchen. Die können sich dann auch die 2490 Euro leisten, die für solch ein Arrangement verlangt werden. Wer das nicht bezahlen kann oder will, kann für 1190 Euro auch ein Arrangement ohne Hotelaufenthalt buchen.

www.echtscheidingshotel.nl

 

MANA: Wie Virtual Office Services den Unternehmensalltag neu strukturieren

Ein detailliertes Portrait von MANA: Virtual Office, digitale Prozesse und persönliche Betreuung für Start-ups und KMU.

Die Arbeitswelt hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Flexible Arbeitsmodelle, digitale Prozesse und ortsunabhängiges Arbeiten sind längst keine Ausnahme mehr, sondern prägen den Alltag vieler Unternehmen. Gleichzeitig stehen insbesondere Start-ups, Selbstständige und kleine Unternehmen vor der Herausforderung, administrative Aufgaben effizient zu organisieren, ohne dabei wertvolle Ressourcen zu verlieren.

Genau an dieser Schnittstelle setzt MANA an. Das Unternehmen positioniert sich als zentraler Ansprechpartner für organisatorische Prozesse im Hintergrund – mit dem Ziel, den Geschäftsalltag einfacher, strukturierter und digitaler zu gestalten. Weitere Informationen zum Leistungsangebot und zur Struktur des Unternehmens finden sich unter https://we-are-mana.com/.

Von der Idee zur Lösung: Warum MANA entstanden ist

Wer gründet, konzentriert sich zunächst auf Produkt, Markt und Wachstum. Doch schnell wird deutlich, dass administrative Aufgaben einen erheblichen Teil der täglichen Arbeit ausmachen. Posteingang, Dokumentenmanagement oder rechtliche Anforderungen gehören zu den grundlegenden Pflichten – sind jedoch selten der eigentliche Fokus eines Unternehmens.

Gerade in kleinen Teams oder bei Einzelunternehmen entstehen dadurch typische Herausforderungen:

  • fehlende Zeit für organisatorische Aufgaben
  • unklare Abläufe im Umgang mit Dokumenten
  • Unsicherheiten bei rechtlichen Anforderungen
  • mangelnde Struktur im Tagesgeschäft

MANA setzt genau hier an und verfolgt einen Ansatz, der diese Prozesse bündelt und vereinfacht. Ziel ist es, Unternehmen von administrativen Aufgaben zu entlasten, ohne dass diese eigene Strukturen aufbauen müssen.

Virtual Office neu definiert

Das Konzept des Virtual Office ist grundsätzlich bekannt, wird jedoch häufig auf die Bereitstellung einer Geschäftsadresse reduziert. MANA erweitert diesen Ansatz um digitale und organisatorische Komponenten, die über klassische Angebote hinausgehen.

Im Zentrum stehen dabei:

  • eine ladungs- und handelsregisterfähige Geschäftsadresse
  • ein strukturierter Postservice
  • digitale Bereitstellung eingehender Dokumente

Alle eingehenden Sendungen werden digitalisiert und online zur Verfügung gestellt – in vielen Fällen noch am Tag des Eingangs. Dadurch entsteht ein jederzeit verfügbarer Überblick über wichtige Unterlagen. Originaldokumente können bei Bedarf zuverlässig weitergeleitet werden.

Diese Kombination ermöglicht es Unternehmen, ortsunabhängig zu arbeiten und gleichzeitig alle formalen Anforderungen zu erfüllen.

Persönliche Betreuung als zentraler Unterschied

Ein wesentliches Merkmal von MANA ist der persönliche Ansatz. Während viele Anbieter auf standardisierte Prozesse und automatisierte Abläufe setzen, legt das Unternehmen Wert auf direkte Ansprechpartner und individuelle Betreuung.

Das zeigt sich insbesondere in:

  • persönlicher Kommunikation statt anonymem Support
  • festen Ansprechpartnern für individuelle Anliegen
  • schnellen und nachvollziehbaren Lösungen

Diese Struktur schafft Vertrauen und sorgt dafür, dass Kunden nicht als Nummer behandelt werden. Gerade für kleinere Unternehmen kann dieser persönliche Kontakt ein entscheidender Faktor sein.

Berlin im Fokus – Expansion in weitere Städte

Der aktuelle Schwerpunkt von MANA liegt auf Berlin. Als einer der wichtigsten Gründerstandorte Europas bietet die Stadt ideale Voraussetzungen für junge Unternehmen und innovative Geschäftsmodelle.

Eine Geschäftsadresse in Berlin kann dabei nicht nur formale Vorteile bieten, sondern auch die Außenwirkung eines Unternehmens stärken.

Gleichzeitig ist die Expansion bereits geplant:

  • München als nächster zentraler Standort
  • perspektivische Erweiterung nach Hamburg und Frankfurt

Diese Entwicklung zeigt, dass das Modell skalierbar ist und sich an unterschiedliche Märkte anpassen lässt.

Digitale Prozesse als Fundament

Ein zentraler Bestandteil des Konzepts ist die konsequente Digitalisierung administrativer Abläufe. Prozesse, die traditionell zeitintensiv und papierbasiert sind, werden hier strukturiert und vereinfacht.

Dazu gehören unter anderem:

  • digitale Erfassung und Archivierung von Dokumenten
  • ortsunabhängiger Zugriff auf Post und Unterlagen
  • klare Strukturierung von Geschäftsprozessen

Der Vorteil liegt in der Transparenz: Unternehmen behalten jederzeit den Überblick über ihre Dokumente und können schnell auf relevante Informationen zugreifen.

Flexible Nutzung von Meetingräumen

Neben den digitalen Services bietet MANA die Möglichkeit, Meetingräume bei Bedarf zu nutzen. Diese können flexibel gebucht werden und eignen sich für unterschiedliche Einsatzbereiche:

  • Kundentermine
  • Präsentationen
  • interne Besprechungen

Dadurch entsteht eine Kombination aus digitaler Flexibilität und physischer Infrastruktur – ohne langfristige Verpflichtungen für feste Büroflächen.

Für wen das Modell besonders geeignet ist

Das Angebot von MANA richtet sich vor allem an Unternehmen, die flexibel arbeiten und gleichzeitig professionelle Strukturen benötigen.

Dazu zählen insbesondere:

  • Start-ups in der Aufbauphase
  • Selbstständige und Freelancer
  • kleine und mittlere Unternehmen

Besonders relevant ist das Modell für Unternehmen, die keine eigenen Büroräume benötigen oder bewusst auf flexible Lösungen setzen. Gleichzeitig profitieren alle, die administrative Prozesse auslagern möchten, ohne die Kontrolle zu verlieren.

Einordnung im Wettbewerbsumfeld

Der Markt für Virtual Offices wächst seit Jahren kontinuierlich und wird zunehmend vielfältiger. Zahlreiche Anbieter positionieren sich mit ähnlichen Grundangeboten, unterscheiden sich jedoch deutlich in ihrer Umsetzung, ihrem Serviceverständnis und ihrer Zielgruppenansprache. Während viele Lösungen stark standardisiert und auf Skalierung ausgelegt sind, zeigt sich bei genauerem Hinsehen, dass nicht alle Anbieter denselben Anspruch an Betreuung und Struktur verfolgen.

MANA wählt hier bewusst einen differenzierten Ansatz. Im Fokus stehen nicht allein digitale Prozesse, sondern deren Kombination mit persönlicher Betreuung und klar nachvollziehbaren Abläufen. Statt anonymer Massenabwicklung setzt das Unternehmen auf direkte Ansprechpartner und eine Zusammenarbeit, die stärker auf individuelle Anforderungen eingeht.

Das zeigt sich insbesondere in:

  • dem Fokus auf persönliche Betreuung statt standardisierter Prozesse
  • der Verbindung aus digitaler Infrastruktur und individueller Unterstützung
  • klar strukturierten, verständlichen Abläufen ohne unnötige Komplexität

Diese Ausrichtung spricht vor allem Unternehmen an, die neben Effizienz auch Wert auf Verlässlichkeit, Transparenz und direkte Kommunikation legen. Gerade für kleinere Unternehmen und Gründer kann dieser Ansatz einen spürbaren Unterschied im Alltag machen.

In einem Interview von MANA mit business-on wird zudem deutlich, wie stark der Fokus auf praxisnahe Lösungen und persönliche Zusammenarbeit gelegt wird – insbesondere mit Blick auf die Bedürfnisse kleiner und wachsender Unternehmen.

Skalierbarkeit und Zukunftsperspektiven

Das Konzept von MANA ist darauf ausgelegt, mit den Anforderungen moderner Unternehmen mitzuwachsen. Gerade in einem Umfeld, das zunehmend von Digitalisierung, Flexibilität und dynamischen Geschäftsmodellen geprägt ist, gewinnen skalierbare Lösungen an Bedeutung. Unternehmen benötigen Strukturen, die sich anpassen lassen – sowohl in frühen Gründungsphasen als auch im weiteren Wachstum.

Digitalisierung, Automatisierung und ortsunabhängige Arbeitsmodelle werden dabei weiterhin eine zentrale Rolle spielen. Lösungen wie die von MANA greifen genau diese Entwicklung auf, indem sie administrative Prozesse vereinfachen und gleichzeitig flexibel erweiterbar bleiben.

Mögliche Entwicklungen umfassen:

  • den weiteren Ausbau digitaler Services und automatisierter Abläufe
  • die Erweiterung auf zusätzliche Städte und wirtschaftlich relevante Standorte
  • die kontinuierliche Optimierung der Nutzererfahrung und Prozessstruktur

Gleichzeitig bleibt der persönliche Ansatz ein wesentlicher Bestandteil des Modells. Auch im Zuge des Wachstums steht die direkte Betreuung im Vordergrund – ein Aspekt, der insbesondere für kleinere Unternehmen und Gründer eine wichtige Rolle spielt. Die Herausforderung wird darin liegen, Skalierung und persönliche Betreuung langfristig in Einklang zu halten.

Fazit

MANA steht exemplarisch für eine Entwicklung, die viele Unternehmen aktuell betrifft: Administrative Prozesse werden zunehmend ausgelagert und digitalisiert, um Ressourcen zu sparen und Abläufe effizienter zu gestalten. Virtual Office Services entwickeln sich dabei von einer ergänzenden Lösung hin zu einem eigenständigen Organisationsmodell, das sich flexibel in unterschiedliche Unternehmensstrukturen integrieren lässt.

Die Kombination aus ladungsfähiger Geschäftsadresse, digitalem Postservice und persönlicher Betreuung bietet eine klar strukturierte Grundlage für den Unternehmensalltag. Besonders für Start-ups, Selbstständige und kleinere Unternehmen entsteht dadurch ein Umfeld, das sowohl Flexibilität als auch Verlässlichkeit ermöglicht – ohne die Notwendigkeit, eigene komplexe Infrastrukturen aufzubauen.

Mit Blick auf die weitere Entwicklung digitaler Arbeitsmodelle ist davon auszugehen, dass die Nachfrage nach solchen Lösungen weiter steigen wird. Unternehmen, die frühzeitig auf strukturierte, digitale und gleichzeitig persönliche Systeme setzen, schaffen sich damit eine stabile Basis für nachhaltiges Wachstum und langfristige Anpassungsfähigkeit.

KI gegen Beamtendeutsch: Wie ein Solo-Gründer den Markt für Nebenkosten aufrollt.

Für die meisten der rund 19 Millionen Mieterhaushalte in Deutschland ist sie ein jährliches Ärgernis: die Nebenkostenabrechnung. Laut dem Deutschen Mieterbund enthält jede zweite Abrechnung Fehler. Das fränkische Start-up NebenkostenPro will diesen intransparenten Markt nun mithilfe Künstlicher Intelligenz radikal vereinfachen – und zwar für beide Seiten.

Bisherige Lösungsansätze für fehlerhafte Abrechnungen – von unzulässigen Verwaltungskosten bis zu falsch umgelegten Reparaturen – waren für Mieterinnen und Mieter oft teuer oder zeitaufwendig. Der Gang zur Anwaltskanzlei frisst die Ersparnis schnell auf, Mietervereine binden einen an jährliche Mitgliedschaften und etablierte LegalTech-Wettbewerber verlangen für eine manuelle Prüfung meist rund 50 Euro.

Hinter dem Lösungsansatz von NebenkostenPro steht kein großes Entwicklerteam, sondern Julian Falk, ein Solo-Gründer aus Zirndorf bei Nürnberg. Auf die Frage, wie man sich freiwillig in die juristischen Untiefen der Betriebskostenverordnung stürzt, hat Falk eine verblüffend einfache Antwort: „Ehrlich gesagt war der Auslöser ziemlich banal“, erinnert sich der Gründer. „Ich habe selbst als Mieter eine Nebenkostenabrechnung bekommen, bei der die Zahlen einfach nicht plausibel wirkten“.

Als er sich einlesen wollte, landete er prompt im deutschen Paragraphendschungel. „Da habe ich gemerkt: Wenn ich als technikaffiner Mensch schon Probleme habe, das zu durchdringen, wie soll das ein normaler Mieter schaffen?“ Falk erkannte schnell, dass die Betriebskostenverordnung im Kern aus klaren Wenn-Dann-Strukturen besteht. „Das schreit förmlich nach Automatisierung“, fasst er seinen Heureka-Moment zusammen.

KI als Herausforderer im zweiseitigen Markt

Was als Wochenendprojekt begann, wuchs schnell. Heute nutzt die Plattform eine komplexe Pipeline aus mehreren KI-Modellen, um hochgeladene PDF-Dokumente und Fotos auszulesen, zu strukturieren und juristisch einzuordnen. Der Clou dabei ist der duale Ansatz, der beide Marktseiten bedient. Für Mieter*innen dient das Tool zunächst der Symptombekämpfung, indem ein initialer Schnellcheck die hochgeladenen Daten kostenlos mit lokalen Vergleichswerten abgleicht. Der detaillierte Prüfbericht startet bei einer preislichen Kampfansage von 7,90 Euro. Für Vermieter*innen fungiert die Plattform hingegen als Software-as-a-Service zur rechtskonformen Erstellung der Abrechnungen.

Dieses B2B-Abo-Modell ist für das Überleben der Firma essenziell. Es sorgt für den dringend benötigten wiederkehrenden Umsatz, der das stark saisonale, von geringer Kund*innenbindung geprägte Mieter*ingeschäft wirtschaftlich ausbalanciert.

Wer nun glaubt, hinter einer solch komplexen KI-Pipeline stünden „Heerscharen“ von Investoren, irrt. „NebenkostenPro ist komplett eigenfinanziert. Es gibt keine externen Geldgeber, keine Investoren, keine Beteiligungen“, betont Falk. Das Modell trage sich mittlerweile selbst – für Falk ein Blick in die Zukunft der Softwareentwicklung. „KI verändert gerade fundamental, wie Software-Unternehmen entstehen. Die Werkzeuge, die heute verfügbar sind, machen einen einzelnen Gründer so produktiv wie früher ein ganzes Team.“ Die Rolle des/der Entwickler*in verschiebe sich zunehmend zum/zur Architekt*in, der lediglich die Richtung vorgebe und Ergebnisse validiere.

Smarte Daten als Reichweiten-Hebel

Um gegen etablierte LegalTech-Player wie Wenigermiete oder Mieterengel anzukommen, fehlte dem Solo-Gründer schlicht das Marketingbudget. Falks clevere Antwort: Er baute eine frei zugängliche Wissensdatenbank mit kommunalen Nebenkostendaten für rund 400 deutsche Städte auf – von Grundsteuer-Hebesätzen bis zu lokalen Wasserpreisen.

Ein massiver Hebel, der sich auszahlt: Die Datenbank wird mittlerweile sogar von Google und KI-Modellen wie ChatGPT als primäre Quelle zitiert, was organischen Traffic generiert, ohne teure Klickpreise für umkämpfte Keywords zahlen zu müssen.

Konvertiert dieser Traffic auch? „Die Seite rankt für zahlreiche organische Keywords, der Traffic vervielfacht sich von Monat zu Monat“, freut sich der Gründer. Das beste Marketing sei ohnehin die Mundpropaganda erfolgreicher Nutzer*innen. Eine Entwicklung verblüfft den Zirndorfer dabei besonders: „Was mich überrascht hat: Die Vermieterseite wächst schneller als die Mieterseite.“ „Viele private Kleinvermieter kämpfen sich jedes Jahr mit Excel durch ihre Abrechnung und sind dankbar, wenn ihnen das jemand abnimmt.“

Juristisches Minenfeld und das Haftungsrisiko

Doch wo KI auf deutsches Mietrecht trifft, lauern Gefahren. Bedingt durch das Rechtsdienstleistungsgesetz darf NebenkostenPro keine formelle Rechtsberatung anbieten, sondern liefert lediglich Indizien und Muster-Widersprüche ohne bindende Vertretung. Zudem stoßen reine Sprachmodelle bei komplexen Sonderfällen – etwa einer gewerblich-privaten Mischnutzung – an ihre Grenzen.

Auf die berüchtigten „Halluzinationen“ von Sprachmodellen angesprochen, reagiert Falk pragmatisch. Er setze nicht auf ein einziges Modell, sondern auf eine spezialisierte Pipeline mit klar abgegrenzten Aufgaben. Die eigentliche Analyse basiere dann nicht auf Freitext-Antworten der KI, sondern auf einem präzisen Abgleich extrahierter Werte mit konkreten Gesetzestexten.

Zudem übt der Gründer Kritik an der generellen KI-Skepsis. „Was mich bei der Debatte um KI-Halluzinationen immer etwas stört: Wir tun so, als wäre das ein reines KI-Problem. In Wahrheit halluzinieren Menschen ständig“, kontert er. „Ein Sachbearbeiter, der zum dritten Mal an diesem Tag eine Abrechnung prüft, übersieht Fehler. Ein Vermieter, der seine Abrechnung in Excel zusammenbastelt, vertippt sich. KI lügt nicht strategisch, sie berechnet Wahrscheinlichkeiten.“

Um sich vor Regressansprüchen zu schützen, schiebt die Plattform die finale Verantwortung konsequent auf die Nutzer*innen ab. „Man muss mit KI genauso umgehen wie mit einem Kollegen. Den Output hinterfragen, nicht blind vertrauen“, mahnt Falk. Wer als Vermieter*in das Tool nutze, sei am Ende selbst für die Richtigkeit der eingegebenen Daten und das finale Dokument verantwortlich. „Bei komplexen Sonderfällen empfehlen wir ausdrücklich den Gang zur Fachberatung“, räumt er ein. Auch dem strengen Datenschutz bei Finanzdokumenten begegnet er kompromisslos: Daten kostenloser Nutzer*innen werden nach der Erstellung sofort gelöscht und alle Übertragungen werden strikt verschlüsselt.

David gegen die LegalTech-Goliaths

NebenkostenPro steht für den aktuellen Trend rund um gebootstrappte KI-Start-ups, bei denen ein(e) einzelne(r) Gründer *inmoderne Sprachmodelle nutzt, um teure menschliche Arbeitskraft zu kommoditisieren. Doch was hindert Branchenriesen mit riesigen Budgets daran, Falks Idee mittels offener KI-Schnittstellen einfach zu kopieren?

Falk gibt sich entspannt und räumt ein, dass die reine KI-Technologie kein echter Burggraben sei. Sein Vorteil liege im Domänenwissen und in der Agilität: „Als die CO2-Kostenaufteilung kam, hatte ich das schneller drin als die meisten etablierten Anbieter.“ Zudem bediene NebenkostenPro als einzige Plattform beide Marktseiten – sie prüft für die einen und erstellt für die anderen.

Am Ende, so ist sich der Gründer sicher, gewinne nicht derjenige mit dem größten Team, sondern der Schnellere. „Der Vorsprung entsteht nicht durch eine einmalige technische Idee, sondern dadurch, dass man jeden Tag nah am Nutzer baut und schneller iteriert als die Konkurrenz.“

Blockchain-Start-up-Report 2026

Vorbei die Zeit der Krypto-Casinos: 2026 ist Blockchain das unsichtbare Betriebssystem der Wirtschaft. Die Top Start-ups, VCs und Trends im großen StartingUp-Report.

Es fühlt sich an wie ein anderes Zeitalter, wenn man auf die wilden frühen 2020er Jahre zurückblickt. Damals dominierten fliegende Hunde-Münzen wie Dogecoin, überteuerte Affen-Bilder des Bored Ape Yacht Club und toxische Goldgräberstimmung die Schlagzeilen. Heute, im Jahr 2026, hat die Blockchain-Technologie ihre Pubertät endgültig hinter sich gelassen. Der Wandel vom spekulativen Nischenthema zur unverzichtbaren Infrastruktur ist vollzogen. Wir sprechen nicht mehr über Krypto als Anlageklasse für Zocke*innen, sondern über distributed Ledger als das unsichtbare Betriebssystem der globalen Wirtschaft. Die Technologie ist leise geworden – und genau darin liegt ihr heutiger Wert für die Start-up-Welt.

Wenn Systemrelevanz auf MiCA trifft

Der europäische Markt für Web3- und Blockchain-Technologien hat einen nie dagewesenen Reifegrad erreicht. Der entscheidende Befreiungsschlag war die vollständige Implementierung der europäischen MiCA-Verordnung (Markets in Crypto-Assets), die den Kontinent vom regulatorischen Flickenteppich zum sichersten Hafen für institutionelles Kapital gemacht hat. Aktuelle Erhebungen des Bitkom und des KfW-Research zeigen, dass im Jahr 2026 bereits über 35 Prozent des deutschen Mittelstands die Technologie aktiv evaluieren oder Pilotprojekte mit Blockchain-Infrastruktur betreiben – primär im Supply-Chain-Management und der automatisierten Abrechnung.

Auf Investor*innenseite hat sich das Bild gewandelt: Statt Milliarden in unregulierte Token-Sales zu pumpen, fließen aktuell jährlich rund 1,8 Milliarden Euro klassisches Venture Capital in echte Equity-Runden der DACH-Region. Der absolute technologische Haupttreiber ist dabei die Konvergenz von künstlicher Intelligenz und Blockchain. Da KI-Agenten zunehmend autonom wirtschaftlich handeln, benötigen sie ein dezentrales, programmierbares und vor allem grenzenloses Zahlungssystem. Die Blockchain liefert exakt diese finanzielle Abwicklungsschicht für die Maschinenökonomie.

Die neuen Treiber jenseits der Krypto-Börsen

Wer heute noch Krypto-Exchanges oder reine NFT-Marktplätze baut, baut für die Vergangenheit. Der Markt des Jahres 2026 wird von drei hochspezifischen Sub-Sektoren dominiert, die das Internet grundlegend neu vernetzen.

  • An vorderster Front steht DePIN (Decentralized Physical Infrastructure Networks). Hierbei wird reale Hardware – von Solarpanels bis hin zu 5G-Antennen – über Token-Incentives dezentral gesteuert und finanziert.
  • Ebenso mächtig ist die Tokenisierung von Real World Assets (RWA), die den traditionellen Finanzmarkt revolutioniert, indem sie Anleihen, Immobilien und Kredite liquide auf die Chain bringt.
  • Der dritte große Treiber sind Zero-Knowledge Proofs (ZKPs) – kryptografische Protokolle, die es Unternehmen erlauben, die Authentizität von Daten auf öffentlichen Blockchains zu beweisen, ohne sensible Geschäftsgeheimnisse offenzulegen. Globale Pioniere wie das auf RWA spezialisierte Netzwerk Centrifuge oder das US-Projekt Helium im Bereich DePIN haben den Weg geebnet, auf dem europäische Gründer*innen nun hochskalierbare B2B-Lösungen errichten.

Die Lektionen aus dem Billionen-Kollaps

Doch diese Reife hat einen extrem hohen Preis gekostet. Der spektakuläre Zusammenbruch der Krypto-Börse FTX und das Implodieren des algorithmischen Stablecoins Terra/Luna vor wenigen Jahren dienen heute als mahnendes Pflichtprogramm in jedem BWL-Seminar. Damals verdampften hunderte Milliarden Dollar, weil Gier über Substanz siegte.

Aus diesem Epochen-Crash lassen sich für heutige Gründer*innen vier fatale Fallstricke ableiten, die absolut tödlich enden:

  • Der erste Irrtum liegt in der regulatorischen Arbitrage: Wer glaubt, Gesetze durch Offshore-Konstrukte und das Mantra "Code is Law" umgehen zu können, scheitert heute an gnadenlosen Aufsichtsbehörden.
  • Zweitens zerstören künstlich aufgeblähte Token-Mechaniken jedes Projekt. Wenn die Unit Economics nur durch das permanente Drucken neuer Token künstlich positiv gehalten werden (Ponzinomics), bricht das Kartenhaus bei der geringsten Marktkorrektur zusammen.
  • Die dritte Lektion betrifft den ewigen B2C-Fokus. Der verzweifelte Versuch, Endkund*innen komplexe Wallets und Seed-Phrases aufzuzwingen, ist gescheitert; der wahre Wert der Blockchain liegt derzeit fast ausschließlich in B2B-Lösungen, die im Hintergrund agieren.
  • Zuletzt war das fehlende Treasury-Management ein Genickbruch für hunderte Teams. Wer die Reserven seines Unternehmens im eigenen, hochvolatilen Token hielt anstatt in Fiat oder echten Stablecoins, war bei Markteinbrüchen über Nacht insolvent.

Das deutsche Netzwerk: Wo die Knotenpunkte entstehen

Deutschland hat sich in dieser neuen Ära extrem smart positioniert und eine dezentrale Hub-Struktur aufgebaut, die weltweit ihresgleichen sucht. Berlin bleibt die unangefochtene Web3-Hauptstadt Europas. Die tiefe Verwurzelung der Ethereum Foundation und eine massive Dichte an internationalen Tech-Talenten machen die Spree-Metropole zum Epizentrum für Protokoll-Entwickler und Layer-1-Infrastruktur. Frankfurt am Main hat sich im Gegensatz dazu als der Hub für institutionelles DeFi (Decentralized Finance) und RWA-Tokenisierung etabliert. Hier verschmilzt die klassische Bankenwelt durch treibende Kräfte wie das Frankfurt School Blockchain Center mit der neuen Technologie. München spielt seine Trümpfe an der Schnittstelle von DeepTech, KI und Enterprise-Blockchain aus, stark befeuert durch Ausgründungen der TU München und die Nähe zu den Corporate Venture Labs von BMW und Siemens. Die heimliche Hauptstadt für den Milliardenmarkt DePIN ist jedoch die Achse Stuttgart/Karlsruhe. Durch das geballte Ingenieurswissen der Automobilzulieferer, gepaart mit Initiativen rund um Bosch, entsteht hier die direkte Verbindung zwischen dezentralen Netzwerken und der physischen Maschinen- und Mobilitätswelt.

Investor*innen-Radar: Smart Money für das Web3

Wer im Jahr 2026 eine Krypto-Infrastruktur finanzieren will, trifft auf eine hochgradig professionalisierte Investor*innenlandschaft. Auf der einen Seite agieren die spezialisierten VCs wie Greenfield Capital, Cherry Crypto oder 1kx. Sie bringen die notwendige technische Tiefe mit, um komplexe Zero-Knowledge-Architekturen oder Token-Design auf Herz und Nieren zu prüfen. Auf der anderen Seite stehen die Top-Tier Generalisten. Häuser wie Earlybird, Point Nine oder HV Capital haben intern längst dedizierte Web3-Partner aufgebaut und führen heute massive Series-A- und B-Runden an, sobald Start-ups bewiesen haben, dass ihre Technologie echte Kundenprobleme löst.

Ein massiver Wachstumsfaktor sind zudem die Corporate VCs der Industrie, allen voran CommerzVentures im FinTech-Sektor oder Porsche Ventures, die Brücken in die klassische Wirtschaft bauen. Der eigentliche Frühphasen-Motor wird jedoch von einer extrem agilen Angel-Szene angetrieben. Erfahrene Ex-Gründer wie Peter Großkopf oder gut vernetzte Angel-Syndikate recyceln ihr Kapital aus vergangenen Zyklen und finanzieren Pre-Seed-Runden oft innerhalb weniger Wochen.

Die Top Blockchain-Start-ups: Unsere Must-Watch Liste 2026

Für unsere Watchlist haben wir klare Kriterien angelegt. Die Auswahl umfasst ausschließlich deutsche Start-ups (mit Hauptsitz oder massiver Präsenz und Wurzeln hierzulande), die ab dem Jahr 2020 gegründet wurden. Wir haben Projekte aussortiert, die rein auf spekulativen Token-Sales basieren. Stattdessen lag unser Fokus auf Marktrelevanz nach dem Krypto-Winter, institutionellem Investor*innen-Vertrauen, technologischer Substanz und einem klaren Product-Market-Fit im B2B- oder tiefen Infrastrukturbereich.

Safe (Gründung 2022)

Das von Lukas Schor, Richard Meissner und Tobias Schubotz als Gnosis-Spin-off gegründete Safe betreibt eine B2B/B2C Smart Contract Account Infrastruktur. Der absolute USP ist die Account-Abstraktion und ihr Multi-Sig-Sicherheitsstandard, der mittlerweile das globale Rückgrat für die Verwahrung digitaler Assets durch Institutionen und DAOs bildet. In den letzten Runden sammelte das Team über 100 Millionen US-Dollar ein, angeführt von Schwergewichten wie 1kx und Tiger Global.

Peaq (Gründung 2020)

Till Wendler, Leonard Dorlöchter und Max Thake bauen mit Peaq eine hochspezialisierte B2B Layer-1 Blockchain. Ihre Technologie ist exakt auf den rasant wachsenden DePIN-Sektor und die "Economy of Things" zugeschnitten, wodurch Maschinen, Fahrzeuge und Roboter souveräne digitale Identitäten und Wallets erhalten. Die jüngsten Wachstumsrunden wurden unter anderem von Generative Ventures und Borderless Capital mit gut 15 Millionen Dollar als Lead-Investoren getragen.

Chainflip (Gründung 2020)

Simon Harman hat mit Chainflip eine B2B2C Cross-Chain Decentralized Exchange (DEX) in Berlin etabliert. Der technologische Vorsprung liegt im nativen Tausch von Krypto-Assets über verschiedene Blockchains hinweg (wie Bitcoin zu Ethereum), ohne dass Nutzer*innen anfällige "Wrapped Tokens" oder unsichere Bridges nutzen müssen. Pantera Capital und Framework Ventures glaubten früh an die Vision und führten Investments in Höhe von über 24 Millionen Dollar an.

Arcium (ehemals Elusiv, Gründung 2022)

Yannik Schrade, Julian Deschler und ihre Co-Founder adressieren mit Arcium eines der größten Probleme der Enterprise-Adoption: Privatsphäre auf öffentlichen Blockchains. Ihr Geschäftsmodell ist ein B2B Confidential Computing Network, dessen USP in der Nutzung von Zero-Knowledge Proofs liegt, wodurch Daten verifiziert werden können, ohne sie zu entschlüsseln. Der auf Krypto spezialisierte Fonds Greenfield Capital sicherte sich hier gemeinsam mit Solana Ventures in frühen Runden mit einem Volumen von über 5 Millionen US-Dollar den Lead.

Gelato Network (Gründung 2020)

Hilmar Orth und Luis Schliesske agieren mit Gelato Network tief im Maschinenraum des Web3. Ihr B2B-Geschäftsmodell ist ein Automatisierungs- und Relayer-Netzwerk. Der USP besteht darin, dass Entwickler über Gelato Smart Contracts automatisieren und sogenannte Rollup-as-a-Service-Lösungen nutzen können – es ist quasi das AWS-Backend für dApps. Die Vision überzeugte Top-Fonds wie Dragonfly und IOSG Ventures, die Kapital in zweistelliger Millionenhöhe bereitstellten.

Unstoppable Finance (Gründung 2021)

Das Berliner Start-up Unstoppable Finance startete unter den Gründern Peter Großkopf, Maximilian von Wallenberg und Omid Aladini ursprünglich mit einer B2C-DeFi-Wallet. Nach einem radikalen strategischen Pivot und dem operativen Ausstieg von Großkopf im Jahr 2024 wandelten Wallenberg und Aladini das Modell erfolgreich zu einer B2B-Infrastruktur für Stablecoins. Der starke USP ist der Aufbau einer vollumfänglich regulierten Brücke („Swift 2.0“), die es institutionellen Kunden vereinfacht, Stablecoins nahtlos in ihre traditionellen Produkte einzubinden. Lightspeed Venture Partners und Speedinvest führen hier das Cap Table mit einem 12,5-Millionen-Dollar-Investment an.

Senken (Gründung 2022)

Das Gründerteam um Adrian Wons, René Schäfer und Djamel Mekibes verknüpft Blockchain mit echtem Klimaschutz. Sie bauen einen B2B-Marktplatz für den Handel mit tokenisierten CO2-Zertifikaten (Carbon Credits). Der USP dieses Regenerative Finance (ReFi) Modells ist die absolute Transparenz und Nachverfolgbarkeit von Klimakompensationen, die das Double-Spending-Problem klassischer Zertifikate eliminiert. Obvious Ventures und namhafte Krypto-Fonds investierten frühzeitig in Senken rund 7,5 Millionen US-Dollar.

Internationaler Ausblick & Fazit

Der Blick über die europäischen Grenzen zeigt, dass die Innovationszyklen rasant bleiben. Aus den USA schwappt aktuell der Makro-Trend der „Chain Abstraction“ zu uns herüber: Blockchain-Technologie wird im Backend so unsichtbar, dass Nutzer*innen gar nicht mehr wissen, auf welchem Netzwerk sie sich bewegen – ähnlich wie heute niemand mehr TCP/IP versteht, um das Internet zu nutzen.

Gleichzeitig forcieren asiatische Märkte, allen voran Singapur und Hongkong, mit massiven staatlichen Förderungen die Verschmelzung von KI-Agenten und Krypto-Payments. Zudem zwingt die globale Entwicklung von digitalen Zentralbankwährungen (CBDCs) die Finanzsysteme endgültig zur Modernisierung.

Für Gründer*innen und Investor*innen lautet das aktuelle Fazit daher so simpel wie hart: Wer heute in der Blockchain-Branche überleben will, muss bauen wie ein traditionelles Softwareunternehmen – besessen davon, echte, drängende Probleme der Wirtschaft zu lösen, nur eben mit einer radikal überlegenen, dezentralen Architektur.

Diingu: Kampf gegen den Fachkräftemangel im Sozialwesen

Das Diingu-Gründerteam aus Frankfurt will den eklatanten Fachkräftemangel im Sozialwesen mit einer digitalen Lern- und Jobplattform bekämpfen. Das Start-up hat namhafte Träger*innen an Bord und spricht nun mit internationalen Investor*innen. Doch wie tragfähig ist das Geschäftsmodell in einem chronisch unterfinanzierten Markt, und wie realistisch sind die europäischen Skalierungsträume? Wir haben nachgefragt.

Wer sich den Pitch von Sahm Shojai, Geschäftsführer der Frankfurter Diingu GmbH, durchliest, spürt schnell den typischen Start-up-Idealismus. Es geht um „konkrete Wirkung“, „soziale Teilhabe“ und die Vision einer „globalen sozialen Infrastruktur“, um weltweit die Lebensrealität von Kindern zu verbessern. Das klingt zweifellos gut im Pitch-Deck für potente VCs. Doch zieht man die schillernde Marketing-Ebene ab, bleibt ein konkretes und weitaus pragmatischeres Kerngeschäft. Diingu ist im Kern eine E-Learning- und Recruiting-Plattform für pädagogische Assistenzkräfte. Es handelt sich um ein klassisches B2B2C-Modell in einer Nische, die von der Digitalisierung bislang stiefmütterlich behandelt wurde.

Vom Bruder-„Frust“ zum Uni-Spin-off

Die Geschichte von Diingu – kurz für Digital Inclusion Guide – beginnt im echten Leben. Der Bruder von Mitgründer Sahm Shojai arbeitete als Schulbegleiter und berichtete von den massiven Herausforderungen in seinem Job. Das grundlegende Problem: Immer mehr ungelernte Quereinsteiger*innen strömen in die soziale Branche, denen es eklatant an fachlicher Einarbeitung, Fortbildungen und Qualitätsstandards mangelt.

Aus diesem Engpass formten Sahm Shojai und seine Mitgründer Felix Kolb und Florian Kranz eine digitale Lösung. Dabei gingen sie methodisch klug vor und holten sich von Beginn an wissenschaftliche Expertise ins Boot. Unter der Mentorenschaft von Prof. Dr. Wolfgang Dworschak vom Lehrstuhl für Pädagogik bei geistiger Behinderung an der Universität Regensburg wurde das Start-up als Ausgründung der Hochschule etabliert. Das sicherte dem Team nicht nur ein exist-Gründerstipendium, sondern 2023 auch den Hochschulgründerpreis sowie den 2. Platz beim Frankfurter Gründerpreis. Die Plattform profitiert stark von diesem Fundament, denn die Inhalte sind keine bloßen Wikipedia-Zusammenfassungen, sondern wissenschaftlich fundierte, praxisnahe Kurse.

Doch wie stellt das Team sicher, dass das akademische Wissen der Uni Regensburg nicht zu theoretisch ist und an der rauen Realität einer überforderten Hilfskraft in einer Brennpunkt-Schule vorbeigeht? „Die Entwicklung der Kursinhalte findet mit sorgfältig ausgewählten Experten und Expertinnen statt“, versichert Shojai. Diese verfügten nicht nur über den nötigen akademischen Bezug, sondern brächten auch umfassende praktische Erfahrung mit. „Wir geben klare Richtlinien für die sprachliche Ausgestaltung der Kurse vor und legen großen Wert darauf, dass der Fokus auf praxisnahen Inhalten liegt“, betont der Gründer.

Um die Theorie-Praxis-Lücke zu schließen, fließen daher neben Fachliteratur vor allem persönliche Praxiserfahrungen in die Entwicklung ein. Zudem belässt es Diingu nicht bei der Uni Regensburg, die primär mit Forschungsarbeiten die Qualität sichert. Man kooperiert laut Shojai ebenfalls mit der LMU München, wo der Schwerpunkt auf formativer Diagnostik und Monitoring-Services liege. „Gemeinsam entwickeln wir beispielsweise aktuell ein KI-Tool, das Verhalten- und Risikoanalysen bei Kindern und Jugendlichen durchführen kann“, kündigt der Geschäftsführer an. Sozialarbeitende sollen dadurch befähigt werden, Kindeswohlgefährdungen besser zu erkennen. „Diese innovativen Services sollen den Arbeitsalltag professionalisieren“, resümiert er.

E-Learning trifft auf Jobbörse

Diingu fungiert als zweiseitiger Marktplatz. Auf der einen Seite stehen Privatpersonen wie Schulbegleitende, Kita-Kräfte oder Familienhelfer*innen. Sie können sich gegen eine monatliche Gebühr von aktuell 15 Euro flexibel über mehr als 70 Online-Kurse zu Themen wie Autismus oder ADHS weiterbilden. Bei Verständnisfragen hilft ein KI-Chatbot. Mit den erworbenen Zertifikaten bauen sich die Nutzer*innen dann ein digitales Profil auf. Auf der anderen Seite stehen die großen Träger wie das DRK, die Johanniter oder die Lebenshilfe. Sie zahlen für jährliche Lizenzen, um ihr bestehendes Personal digital zu schulen, Nachweise zentral zu verwalten und schlichtweg Verwaltungskosten zu sparen.

Hand aufs Herz: Wie viele der ohnehin meist schlecht bezahlten pädagogischen Hilfskräfte zahlen die 15 Euro im Monat wirklich selbst aus eigener Tasche? Und plant Diingu langfristig nicht doch einen kompletten Pivot zum lukrativeren, reinen B2B-Modell? Shojai holt bei dieser Frage etwas weiter aus: Man sei vor rund drei Jahren ursprünglich als reine Lernplattform im B2B-Bereich gestartet. Träger nutzten die Kurse zur Schulung des eigenen Personals. „Mit der Zeit erhielten wir jedoch auch zunehmend Anfragen von Privatpersonen, die sich mit unseren Inhalten weiterbilden möchten, um sich auf einen Job im sozialen Bereich zu bewerben“, blickt er zurück. Daraufhin habe man dasselbe Lernangebot über eine App auch für B2C-Kund*innen geöffnet, um die berufliche Vorqualifizierung zu ermöglichen. Gleichzeitig wurde die Jobplattform gelauncht, um beide Kund*innengruppen zusammenzubringen.

Auf die Skepsis bezüglich der privaten Zahlungsbereitschaft kontert Shojai selbstbewusst: „Das sind Menschen, die einen Job im sozialen Bereich suchen und davon gibt es viele, weil der Fachkräftemangel eine sehr hohe Nachfrage nach beruflicher Weiterbildung erzeugt.“ Er spricht im gleichen Atemzug gar von einer handfesten Marktdisruption. Klassische Fortbildungen zur Schulbegleitung kosteten bei anderen Bildungsträgern schnell zwischen 800 und 1.200 Euro. Dies werde heute meist über Bildungsgutscheine finanziert.

Doch genau hier wittert Diingu seine strategische Chance: „Diese Finanzierung über Bildungsgutscheine wird sich mit der Grundsicherung ab Juli 2026 ebenfalls verändern“, prognostiziert Shojai. Aufgrund des Vermittlungsvorrangs würden die Gutscheine künftig nicht mehr so großzügig vergeben. Diingu hingegen biete Wissen für zahlreiche Berufe bereits ab 15 Euro an. „Mit anderen Worten: Wir haben diesen Markt demokratisiert und Wissen überhaupt erst auf Selbstzahlerbasis bezahlbar gemacht“, stellt er klar. Selbst ohne große Werbung könne man erste bezahlte Abonnements vorweisen. „In den kommenden Monaten planen wir, größere Kampagnen zu launchen und mittelfristig den B2B2C-Weiterbildungsmarkt für soziale Berufe mit unserem Selbstzahler-Konzept und unserem E-Learning-Ansatz zu übernehmen“, gibt sich der Geschäftsführer kämpferisch.

Der eigentliche Clou – und das potenzielle Schwungrad des Geschäftsmodells – ist jedoch die Verzahnung: Träger können über das Diingu-Jobportal direkt auf die vorqualifizierten Privatnutzer zugreifen und diese rekrutieren. Doch die großen Wohlfahrtsverbände gelten oft als extrem schwerfällig in der Digitalisierung. Wie hart war es, Traditionsverbände wie das DRK davon zu überzeugen, ihr Recruiting über ein noch unbekanntes Start-up abzuwickeln? Shojai räumt ein, dass die Anfangszeit kein Selbstläufer war. „Digitalisierung bedeutete für viele im sozialen Bereich vor allem Veränderung“, analysiert er. „Und Veränderungen vermeidet man gern, solange nichts anbrennt.“ Heute punkte man schlichtweg mit einem guten Service zum erschwinglichen Preis, weshalb immer mehr große Träger Diingu ausprobieren wollten. Die Einführung bei den Platzhirschen erfordere natürlich Prozessumstellungen, was aber branchenübergreifend bei Großunternehmen der Fall sei. Dennoch gibt der Gründer zu: „Aber ja, keine Frage: Sales war bisher die größte Herausforderung in diesem Unternehmen.“ Das Geschäftsmodell und die Verkaufsstrategien mussten mehrfach nachgeschärft werden. Heute, so Shojai, sei es aber „deutlich einfacher geworden als noch zu Beginn“.

Markt & Wettbewerb

Der Markt für soziale Dienstleistungen ist riesig, aber extrem komplex. Der Fachkräftemangel ist immens; Träger müssen notgedrungen auf ungelernte Hilfskräfte zurückgreifen, was unweigerlich die Qualität der Betreuung gefährdet. Hier trifft Diingu einen echten Pain Point. Der Wettbewerb besteht derzeit vor allem aus den analogen Akademien der Wohlfahrtsverbände, regionalen Fortbildungsanbietern und stark generalisierten E-Learning-Plattformen. Auch klassische Recruiting-Plattformen mischen mit. Diingu grenzt sich durch die spitze Zielgruppe rund um Inklusion und Schulbegleitung sowie durch die intelligente Kombination aus Qualifizierung und Recruiting ab.

Skalierungsträume vs. Marktrealität

So lobenswert der Ansatz ist, das Geschäftsmodell muss sich im Härtetest einigen kritischen Fragen stellen. Ein massives Problem ist der Markt als regulatorischer Flickenteppich. Diingu spricht aktuell mit Investor*innen, um europaweit zu skalieren, doch das Sozial- und Bildungswesen ist hochgradig lokalisiert. Da sich die Vorgaben für Inklusion in Deutschland bereits von Bundesland zu Bundesland massiv unterscheiden, bedeutet eine europäische Expansion zwingend, dass Fortbildungsinhalte an völlig andere gesetzliche Rahmenbedingungen angepasst werden müssen. Das kostet enorm viel Zeit und verbrennt Kapital.

Wie will Diingu diese gewaltige regulatorische Wand durchbrechen, ohne sich finanziell und personell zu verheben? „Das ist eigentlich die entscheidendste Frage, und genau diese begleitet uns seit fast zwei Jahren“, gibt Shojai offen zu. Mit der Lösung stehe und falle der internationale Erfolg. Die Antwort des Start-ups lautet: Automatisierung. Man entwickle gerade eine zweigeteilte „Kursfabrik“. Eine Abteilung konzipiere kleinere Kurse mithilfe von Künstlicher Intelligenz, die am Ende lediglich von Expert*innen lektoriert und qualitätsgeprüft werden. Dafür habe man eigens eine von AWS geförderte Kooperation zur Entwicklung generativer KI-Anwendungen gestartet, um einen skalierbaren Workflow zu etablieren.

Große und wichtige Kurse bleiben jedoch Handarbeit nach strengen Richtlinien. „KI kommt da nicht hin, und ihr fehlt auch reales Praxiswissen, das nur ausgewählte Expertinnen und Experten mitbringen“, stellt Shojai klar. Diese Zweiteilung bedingt logischerweise extrem hohe Kosten bei der Lokalisierung der Inhalte. Auf die konkrete Frage nach der Finanzierbarkeit bleibt der Gründer allerdings unkonkret. Man habe zwar bereits eine „finanzstrategische Lösung“ erarbeitet, doch Details wolle er zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht verraten. Er gibt sich jedoch siegessicher: „Wir glauben, mit diesem hybriden KI-Mensch-Kursentwicklungsansatz einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil zu erlangen.“

Gleichzeitig stößt das Modell unweigerlich an die Grenzen der Digitalisierung. Das Start-up wirbt mit einem KI-Guide, in der sozialen Arbeit gilt jedoch unumstößlich das Credo: Beziehung vor Technik. Empathie, Deeskalation und der Umgang mit schwer beeinträchtigten Kindern lassen sich über Klick-Kurse und KI-Chats nur in der grauen Theorie erlernen. Eine reine Digitalisierung der Fortbildung ersetzt keine Praxisbegleitung im wahren Leben.

Abschließend wirft auch das avisierte „Big Picture“ rund um die Vision „Diingu Care“ Fragen auf. Die Ankündigung, künftig weltweit Bildungsprojekte zu unterstützen, wirkt aktuell noch wie ein sehr ambitioniertes PR-Versprechen für Impact-Investor*innen. Für ein Start-up in der vulnerablen Skalierungsphase birgt ein solcher Nebenschauplatz stets die Gefahr, den Fokus auf das stark erklärungsbedürftige DACH-Kerngeschäft zu verlieren.

Lenkt diese noble globale Vision das Team nicht gefährlich vom eigentlichen Überlebenskampf und der schwierigen Marktdurchdringung in Europa ab? „Absolut“, stimmt Shojai überraschend direkt zu. Genau aus diesem Grund bewerbe man das Projekt derzeit weder öffentlich noch bei Investor*innen. „Es steht weder auf der Website noch auf irgendeinem Pitch Deck“, versichert er. Der Fokus liege aktuell ausschließlich auf dem Aufbau eines funktionierenden und stark wachsenden Geschäfts. „Erst wenn wir damit Investoren und auch uns selbst geholfen haben, können wir anfangen, mit Diingu Care anderen zu helfen“, erklärt Shojai sein strategisches Prinzip. Dennoch ist es ihm spürbar ein Anliegen zu betonen, dass Diingu Care keine hohle PR-Phrase sei. Diese globale Infrastruktur für Länder ohne stabile soziale Systeme werde unweigerlich kommen. „Und an diesem Ziel wird sich auch nichts ändern, nur weil es ambitioniert ist“, bekräftigt der Geschäftsführer abschließend. „Denn genau das soll Diingu ausmachen: eine Organisation, die Verantwortung übernimmt.“

Fazit

Diingu ist ein exzellentes Beispiel dafür, wie aus einem echten, greifbaren Alltagsproblem eine kluge SaaS-Lösung entstehen kann. Das Team hat durch die universitäre Anbindung seine Hausaufgaben gemacht und mit über 100 Trägern bereits beachtliche Traction im B2B-Markt erreicht. Der Weg zum europaweiten Skalierungserfolg oder gar zur „globalen sozialen Infrastruktur“ wird jedoch steinig. VCs werden künftig genau prüfen, ob die Margen im chronisch klammen Sozialsektor ausreichen und ob der stark regulierte Bildungsmarkt schnelle geografische Sprünge überhaupt zulässt. Diingu muss jetzt beweisen, dass es nicht nur ein nützliches Werkzeug für deutsche Wohlfahrtsverbände bietet, sondern das Zeug zu einem hochprofitablen, grenzüberschreitenden Plattformgeschäft hat.

Über den Wolken, aber digital

Wie das 2020 von Heinz Koop gegründete Aviation Hero den verstaubten Markt der Flugausbildung aufmischt.

Die Ausbildung zum/zur Privatpilot*in galt jahrzehntelang als zeitaufwendig, wenig flexibel und extrem papierlastig. Wer fliegen lernen wollte, musste sich den rigiden Zeitplänen traditioneller Flugschulen unterordnen oder am Wochenende im Aeroclub Arbeitsstunden ableisten. Das Monheimer Start-up Aviation Hero tritt an, um genau diesen Schmerzpunkt zu lösen. Mit dem Claim, „Deutschlands erste volldigitale Flugschule“ zu sein, hat das Unternehmen eine stark regulierte Nische digitalisiert. Wir werfen einen genaueren Blick auf das gebootstrappte Geschäftsmodell, das EdTech mit Luftfahrtrecht verbindet.

Das geht besser!

Hinter Aviation Hero steht der Gründer Heinz Koop. Als er 2018 selbst enthusiastisch seine Ausbildung zum Privatpiloten (PPL) begann, stieß er schnell auf die harte Realität der Branche: trockener Theorieunterricht, unflexible Strukturen und eine hohe Abbruchquote bei den Flugschüler*innen. Aus diesem Negativerlebnis heraus entstand die Geschäftsidee. Im Jahr 2020, mit gerade einmal 22 Jahren, brach Koop sein Studium ab und gründete die Aviation Hero GmbH.

Bemerkenswert in der heutigen Start-up-Landschaft: Das Unternehmen ist zu 100 Prozent gebootstrappt. Anstatt auf Risikokapitalgeber*innen zu setzen, finanzierte Koop das Projekt aus eigenen Mitteln und baute das Angebot organisch auf. Ein massiver Wachstumstreiber war dabei Social Media. Mit einem YouTube-Kanal, der mittlerweile über 14.000 abonnierende Luftfahrt-Enthusiast*innen zählt, schuf sich Koop eine eigene Vertriebs-Pipeline und wurde zum Gesicht der modernen Pilotenausbildung in Deutschland.

„Ein Marathon ohne sichtbare Ziellinie“

Dass der Aufbau eines Unternehmens in einem extrem kapitalintensiven Markt ohne externes Geld kein Spaziergang ist, musste Koop schnell feststellen. „Es gab nicht den einen Tiefpunkt, sondern mehrere Phasen, in denen ich kurz davor war aufzuhören“, erinnert sich der Gründer. Ein besonders kritischer Moment ereignete sich kurz vor dem Launch des ersten Theoriekurses. Die Teilnehmer*innen hatten bereits bezahlt, als der fest eingeplante Fluglehrer plötzlich per Telefon absagte – ausgerechnet, als Koop sich wegen gesundheitlicher Probleme auf einer Ayurveda-Kur in Indien befand.

„Ich stand irgendwo am Strand in Indien, hatte Kunden, die sich auf den Kurs freuten, und keinen Fluglehrer mehr“, beschreibt er die absurde Situation. „Kein Investor, kein Sicherheitsnetz, kein Team das auffängt – alles hing an mir.“ Den Kurs abzusagen, kam für ihn jedoch nicht infrage. Nach unzähligen Telefonaten aus Indien fand er schließlich einen Ersatz, der den Kurs letztlich sogar noch besser betreute. Was ihn in diesen harten Momenten antrieb? „Was mich in solchen Momenten immer zum Weitermachen motiviert hat, waren die Nachrichten von Flugschülern“, betont Koop. Wenn Zweifel aufkamen, las er Nachrichten wie: „Heinz, ohne euch hätte ich meinen Traum nie verwirklicht.“ Seine wichtigste Lektion für andere Gründer*innen lautet daher: „Du brauchst nicht den perfekten Businessplan – du brauchst direktes Kundenfeedback, das dir zeigt, dass das, was du baust, einen echten Unterschied macht. Das ist dein Treibstoff, wenn alles andere wegbricht.“

EdTech im Cockpit

Heute ist Aviation Hero vom Luftfahrt-Bundesamt bzw. der Bezirksregierung als Declared Training Organization offiziell zertifiziert. Das Kerngeschäft ist der Verkauf von digitalen Ausbildungspaketen für angehende Privatpilot*innen, allen voran das Sprechfunkzeugnis („BZF Mastery“) sowie Theorie-Crashkurse für die Lizenzen LAPL und PPL.

Die methodische Umsetzung erinnert dabei an moderne EdTech-Plattformen und kombiniert hochwertig animierte Videolektionen, die Netflix-ähnlich konsumiert werden können, mit interaktiven Live-Q&A-Sessions via Zoom und einer Community-Plattform namens Skool für den direkten Austausch.

Dass die konservativen Luftfahrtbehörden diesen digitalen Ansatz absegneten, war laut Koop weniger ein Kampf als oft vermutet. „Ehrlicherweise war der Ansatz gar nicht so radikal, wie er von außen wirkt“, wiegelt er ab. Zugelassene Fernlehrgänge gab es bereits, doch bestanden diese oft aus endlosen Textwüsten ohne Support. „Wir haben uns gefragt: Wie können wir die Vorteile aus beiden Modellen kombinieren? Herausgekommen ist der Aviation Hero Ansatz“, erklärt Koop.

Die eigentliche Herausforderung sei nicht die Behördenüberzeugung gewesen, sondern die Produktion von Hunderten Videolektionen und der Aufbau der eigenen Methodik. Als das Konzept stand, erkannte die Bezirksregierung in Düsseldorf schnell den Mehrwert. „Die Zusammenarbeit ist seitdem konstruktiv und vertrauensvoll“, versichert der Gründer.

Digitale Disruption gegen E-Learning-Dinosaurier

Der Markt für Flugausbildungen im DACH-Raum ist extrem stark fragmentiert. Neben Hunderten lokalen Flugvereinen gibt es etablierte Branchenriesen wie CAT oder Cranfield Aviation. Doch diese Platzhirsche dominieren primär als B2B-Zulieferer und bieten den Schüler*innen oft textlastiges E-Learning der alten Schule. Aviation Hero fischt hier in einem „Blue Ocean“, indem das Start-up die Endkund*innen (B2C) direkt und professionell über Performance Marketing anspricht.

Wird das Start-up in der traditionellen Branche als feindlicher Disruptor oder als dringend benötigter Modernisierer wahrgenommen? „Beides – und es hängt davon ab, wen du fragst“, räumt Koop ein. Zwar höre er regelmäßig skeptische Stimmen, die auf reinen Präsenzunterricht pochen, doch viele Flugschulen sähen Aviation Hero längst als wertvolle Ergänzung. „Unsere Teilnehmer kommen mit bestandenem BZF und bestandener Theorie zu ihnen – und können vom ersten Tag an das Wetterbriefing lesen, den Funk machen und die Lufträume verstehen“, erklärt er den Vorteil für die Praxis-Schulen. Sein klares Credo: „Wir wollen nicht gegen die Branche arbeiten, sondern mit ihr – aber auf einem modernen Level.“

Wo sind die Turbulenzen?

Trotz über 2.000 begleiteter Schüler*innen gibt es auch Herausforderungen. Die Luftfahrt ist eine der am stärksten reglementierten Branchen der Welt. So verbieten EASA-Richtlinien ein reines Netflix-Modell und fordern einen Anteil an synchronem, betreutem Unterricht von etwa zehn Prozent. Auch Prüfungen müssen physisch bei der Bezirksregierung oder der Bundesnetzagentur abgelegt werden.

Zudem sorgt das Aviation-Hero-Preismodell im Premium-Segment gelegentlich für Diskussionsstoff. Die Kritik: Der reguläre Zugang ist auf vier Monate begrenzt; wer länger braucht, muss monatliche Verlängerungsgebühren zahlen. Auf den Vorwurf eines reinen „Penalty-Pricings“ zur Profitsteigerung reagiert Koop jedoch entschieden: „Die zeitliche Begrenzung ist ein bewusster Teil unseres Ausbildungskonzepts – und zwar im Interesse der Teilnehmer.“

Vor dem Start erarbeite man in kostenlosen Zoom-Gesprächen einen klaren Fahrplan, sodass volle Transparenz herrsche. „Warum überhaupt ein Zeitrahmen? Weil der gefährlichste Fehler in der Flugausbildung ein Projekt ohne Deadline ist“, warnt der junge Unternehmer eindringlich. Zu oft meldeten sich Flugschüler*innen motiviert an, verlören sich dann aber im Alltag. „Wer sich BZF und Theorie über viele Monate streckt, braucht exponentiell mehr Zeit, weil man sich jedes Mal wieder neu in die Themen reindenken muss“, analysiert Koop. Der Fokus auf einen kompakten Zeitraum sei schlichtweg pädagogisch sinnvoller.

Fazit & Ausblick

Letztlich verlagert eine digitale Theorie-Ausbildung den Flaschenhals auf die praktische Umsetzung im Cockpit, wo schlechtes Wetter oder fehlende Fluglehrerinnen drohen. Hier setzt Aviation Hero mit dem neuen „Praxis Sprint“ an. Gemeinsam mit einer Partnerflugschule in Hannover können Schüler*innen die komplette praktische Ausbildung in nur vier Wochen durchziehen. „BZF und Theorie online in drei Monaten, Praxis in einem Monat – die komplette Privatpilotenlizenz in zirka vier Monaten möglich. Das gibt es in Deutschland in dieser Form sonst nirgends“, verspricht Koop. Für die künftige Skalierung setzt er massiv auf den Ausbau dieses Partnernetzwerks. Flugschulen schicken ihre Schüler*innen für die Theorie zu Aviation Hero, und das Start-up vermittelt sie für die Praxis zurück.

Trotz des schnellen Wachstums bleibt der Gründer bodenständig: „Wir sind gebootstrappt und wachsen organisch. Das heißt: Wir machen den nächsten Schritt erst, wenn der aktuelle wirklich sitzt.“ Das Start-up beweist eindrucksvoll: Selbst in einer stark regulierten und verstaubten Branche kann der radikale Fokus auf digitale Nutzer*innenerfahrung Marktführer hervorbringen. Die spannendste Frage wird nun sein, wie reibungslos Aviation Hero in Zukunft die physischen Flugstunden für seine wachsende Schüler*innenschaft skalieren kann.

SilverTech-Start-up-Report 2026

Wie SilverTech-Start-ups 2026 den Pflegenotstand mit KI hacken. Der große Report inklusive unserer Top-Start-up-Watchlist.

Das Jahr 2026 markiert einen historischen Wendepunkt in der demografischen Realität Europas. Die stärksten Jahrgänge der Babyboomer verabschieden sich nun massenhaft in den Ruhestand. Was Soziolog*innen seit Jahrzehnten prophezeien, ist unerbittliche wirtschaftliche Realität geworden: Der Pflegenotstand ist kein dystopisches Zukunftsszenario mehr, sondern blockiert messbar das Wirtschaftswachstum, da Angehörige ihre Arbeitszeit drastisch reduzieren müssen, um klaffende Versorgungslücken zu schließen.

In diesem toxischen Cocktail aus Fachkräftemangel und Überalterung hat sich ein Sektor emanzipiert, der auf Pitch-Decks lange als völlig unsexy galt: SilverTech. Technologien für die alternde Weltbevölkerung, in der Start-up-Szene oft synonym als AgeTech bezeichnet, sind vom Nischenthema für wohlhabende Senior*innen zur systemrelevanten Überlebensstrategie unserer Gesellschaft mutiert. Wer heute den demografischen Wandel technologisch skaliert, baut nicht weniger als das Rückgrat der Gesundheitsversorgung von morgen.

Wenn KI den Pflegenotstand hackt

Der Markt für AgeTech hat seine experimentelle Phase endgültig hinter sich gelassen. Die globale „Silver Economy“ wird von Analyst*innen für das laufende Jahr auf ein gigantisches Volumen von rund 15 Billionen US-Dollar geschätzt. Allein der europäische Markt verzeichnete 2025 ein Rekord-Investitionsvolumen von knapp 2,8 Milliarden Euro für Start-ups in diesem Segment. Der absolute technologische Haupttreiber ist dabei künstliche Intelligenz, genauer gesagt die Konvergenz aus generativen Sprachmodellen und prädiktiver Analytik. Eine aktuelle Studie des Digitalverbands Bitkom belegt, dass bereits 42 Prozent der stationären Pflegeeinrichtungen in Deutschland KI-gestützte Systeme zur Entlastung des Personals testen oder flächendeckend einsetzen.

Auch die KfW-Research-Abteilung warnt in ihrem jüngsten Bericht eindringlich davor, dass ohne massive Investitionen in pflegeunterstützende Automatisierung die volkswirtschaftlichen Kosten der Überalterung untragbar werden. Wir sehen heute realistische Seed-Runden von 3 bis 5 Millionen Euro für Softwarelösungen, die nachweislich die sogenannte Time-to-Care – also die aktive Zeit am Menschen – signifikant erhöhen.

Innovationen jenseits des Notrufknopfs

Wer bei SilverTech immer noch an klobige rote Notruf-Armbänder denkt, verpasst die eigentliche Revolution. In diesem Jahr dominieren völlig neue Sub-Sektoren den Markt. An erster Stelle steht das Edge-AI-gestützte „Ambient Assisted Living 2.0“. Hierbei analysieren radargestützte Sensoren, die gänzlich ohne Kameras auskommen und somit die Privatsphäre wahren, das Sturzrisiko und die Mobilität in Echtzeit.

Ein weiterer dominanter Sektor ist die KI-gesteuerte Sprachdokumentation, die das Pflegepersonal von der erdrückenden Bürokratie befreit und Übergaben automatisiert.

Drittens sehen wir den enormen Aufstieg von digitalen Therapeutika für kognitive Langlebigkeit (Cognitive Longevity), die den Ausbruch von Demenz durch gamifizierte neurologische Stimulation und stimmbasierte Analysen verzögern. Pioniere, die diese Felder bereits vor Jahren besetzt haben und heute als etablierte Vorbilder gelten, sind etwa das belgische Scale-up Nobi mit seinen intelligenten Lampen zur Sturzerkennung oder das Berliner Unternehmen Lindera, das die Mobilitätsanalyse per regulärer Smartphone-Kamera revolutioniert hat.

Die B2C-Hardware-Falle und bittere Lektionen

Doch der Weg zur Marktreife war gepflastert mit verbrannten Millionen. Der größte Hype der frühen 2020er Jahre war die Vision des autarken, sozialen Begleitroboters für das heimische Wohnzimmer. Zahlreiche Start-ups versuchten, süße, sprechende Hardware-Kompagnons als Waffe gegen die Einsamkeit im Alter direkt an den Endkunden / die Endkundin zu verkaufen. Dieser Markt crashte krachend. Unternehmen scheiterten reihenweise an den horrenden Produktionskosten und einer eklatant mangelnden Zahlungsbereitschaft der Zielgruppe.

Aus diesen gescheiterten Hoffnungen lassen sich für heutige Gründer*innen vier fatale Fallstricke ableiten. Der erste Fehler ist die tödliche Customer Acquisition Cost (CAC) im B2C-Geschäft. Senioren werden nicht über Instagram-Ads konvertiert, und die erwachsenen Kinder zahlen ungern dauerhaft aus eigener Tasche. Die zweite Lektion dreht sich exakt um die Regulatorik: Wer die Erstattungsfähigkeit über das System der Digitalen Pflegeanwendungen (DiPA) oder Gesundheitsanwendungen (DiGA) nicht von Tag eins an strategisch mitdenkt, skaliert niemals im strengen deutschen Kassen-System. Der dritte Stolperstein ist das verhängnisvolle Over-Engineering. Gründer*innen neigen oft dazu, maximale Feature-Vielfalt zu bauen, statt absolute Barrierefreiheit und Usability für eine Zielgruppe mit nachlassenden sensorischen Fähigkeiten in den Fokus zu rücken. Die vierte und finale Lektion lautet: Hardware is hard. Wer komplexe physische Produkte baut, statt sich auf margenstarke B2B-SaaS-Lösungen für Pflegeheime oder ambulante Dienste zu konzentrieren, benötigt einen extrem langen Atem, den kaum ein europäischer VC heute noch ohne weiteres finanziert.

Wo die Silver Economy geschmiedet wird

Deutschland hat sich in den letzten Jahren ein polyzentrisches, aber hochgradig spezialisiertes Ökosystem für AgeTech aufgebaut. Berlin bleibt unangefochten der Knotenpunkt für Digital Health und Regulatorik, angetrieben durch die Nähe zur Bundespolitik, Forschungskooperationen mit der Charité und spezialisierten Acceleratoren wie Flying Health. München hingegen dominiert den Deep-Tech- und Robotik-Sektor. Hier liefert das Munich Institute of Robotics and Machine Intelligence (MIRMI) der Technischen Universität München Weltklasse-Forschung, während das lokale InsurTech-Ökosystem um Konzerne wie die Allianz den direkten Weg zur Refinanzierung ebnet. Aachen hat sich durch die RWTH als das Powerhouse für Medizintechnik und Hardware-Software-Co-Design etabliert, ein essenzieller Hub für Wearables und komplexe IoT-Architekturen. Abgerundet wird dieses Netzwerk durch die Region Heidelberg/Mannheim, die mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) und einer historisch gewachsenen Dichte an etablierten MedTech-Unternehmen den perfekten Nährboden für Start-ups im Bereich Longevity und zellulärer Alterung bietet. Das Ruhrgebiet rund um Bochum schließt als fünfter Hotspot die Brücke zur Praxis: Durch massive Gesundheits-Campusse und dichte Kliniknetze findet hier die direkte Erprobung von Pflegetechnologien im echten Arbeitsalltag der Pflegekräfte statt.

Investor*innen-Radar

Das Kapital fließt im Jahr 2026 gezielter denn je, aufgeteilt auf vier wesentliche Säulen. Den Ton geben spezialisierte HealthTech- und AgeTech-VCs wie Heal Capital, MTIP oder Peppermint Venture Partners an, die das regulatorische Minenfeld Europas blind beherrschen und tiefes Domänenwissen mitbringen. Inzwischen haben aber auch die Top-Tier Generalisten den Ernst der Lage erkannt. Fonds wie Earlybird mit ihrem dezidierten Health Track, HV Capital und Cherry Ventures schreiben signifikante Schecks für Start-ups, die bewiesen haben, dass AgeTech enorm skalierbare Venture-Cases hervorbringt. Die dritte Kraft sind die Corporate VCs der Industrie, die strategisch zukaufen oder sich früh in neuen Wertschöpfungsketten positionieren wollen. Hier agieren AllianzX, Robert Bosch Venture Capital und Philips Ventures extrem aggressiv, um ihre eigenen Geschäftsmodelle zukunftssicher zu machen. Der Motor der Innovation bleibt jedoch in der Frühphase. Spezialisierte Business Angel-Syndikate und sogenannte Founder-Angels – oft ehemalige Gründer der ersten Telemedizin-Welle, etwa Alumni von Kry oder TeleClinic – stellen das entscheidende Smart Money und Mentoring für die allerersten Schritte bereit.

Unsere Top-Start-ups (Must-Watch)

Um den bloßen Hype vom echten Fortschritt zu trennen, basiert die folgende Auswahl der Top Start-ups auf strengen Kriterien. Wir haben ausschließlich deutsche Start-ups betrachtet, die im Jahr 2020 oder später gegründet wurden. Die Auswahlkriterien umfassen die nachgewiesene Marktrelevanz (löst das Produkt ein akutes Schmerzproblem im Pflege-, Alterungs- oder HR-Sektor?), den technologischen Reifegrad jenseits der reinen Prototypen-Phase, eine bewusste Diversität in den Geschäftsmodellen (von B2B-SaaS über Marktplätze bis hin zu passiver AAL-Sensorik) sowie das belastbare Vertrauen namhafter Investor*innen in den jüngsten Finanzierungsrunden.

Marta

Das 2020 von Philipp Buhr und Jan Hoffmann gegründete Start-up betreibt einen B2B/B2C-Marktplatz, der Familien und Betreuungskräfte für die häusliche Pflege (24-Stunden-Betreuung) transparent und datengestützt zusammenbringt. Der USP von Marta liegt im algorithmischen Matching und der konsequenten Digitalisierung des oft stark fragmentierten und intransparenten Vermittlungsmarktes. Zu den frühen Lead-Investor*innen zählen Capnamic Ventures und Almaz Capital, in späteren Runden stießen zudem strategische Corporate VCs wie RTL Ventures und SwissHealth Ventures hinzu.

Voize

Voize, 2020 von den Brüdern Fabio und Marcel Schmidberger sowie dem CTO Erik Ziegler gegründet, modernisiert mit seinem B2B-SaaS-Modell die Pflegedokumentation durch eine hochspezialisierte Sprach-KI. Pflegekräfte sprechen ihre Notizen einfach in ein Smartphone, und die KI strukturiert die Daten nahtlos in die bestehenden Pflegesysteme ein. Die Zeitersparnis von anfänglich rund 45 Minuten pro Schicht drängt im Jahr 2026 auf eine faktische Halbierung der Bürokratiezeit. Investor*innen-Rückendeckung gibt es von renommierten Geldgebern wie dem Y Combinator, HV Capital und Balderton Capital.

Patronus Group

Gegründet wurde die Patronus Group im Jahr 2021 von Ben Staudt und Tim Wagner. Das Modell verbindet B2C-Hardware mit einer tiefgreifenden B2B2C-SaaS-Infrastruktur. Sie bieten eine modifizierte Smartwatch an, die als unaufdringlicher Notruf und Kommunikationszentrale für Senior*innen dient, gekoppelt mit einer App für Angehörige und direkten Schnittstellen zu Pflegeleitstellen. Dieser ganzheitliche Ansatz überzeugte in einer massiven 27-Millionen-Euro-Runde internationale Top-VCs wie Singular und Adjacent, flankiert von Burda Principal Investments, Cavalry Ventures und UVC Partners.

Memodio

2021 in Potsdam von den Ärzten Dr. Doron Stein und Felix Bicu sowie dem Software-Ingenieur Paul Zimmermann gegründet, positioniert sich das Start-up als B2C/B2B-Anbieter von digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA) zur Prävention von Demenz. Der USP liegt in der klinisch validierten "Cognitive Longevity", die individualisierte Therapiepläne generiert. Den regulatorischen Ritterschlag erhielt Memodio Ende 2025 mit der offiziellen DiGA-Zulassung durch das BfArM. Zu den maßgeblichen frühen Finanziers gehören der HPI Seed Fund, Mosel Ventures und die FMW Stiftung.

Heycare

Gegründet 2021 von Julia Kahle und Anna Schneider, hat das Start-up jüngst ein Rebranding vom Ursprungsnamen heynanny vollzogen. Das Geschäftsmodell ist eine reine B2B-Plattform für Employee Assistance. Der USP ist der knallharte ROI für den Arbeitgeber: Unternehmen buchen heycare für ihre Belegschaft, um pflegende Angehörige durch Zugang zu Elder Care und Child Care direkt zu entlasten und so pflegebedingte Kündigungen zu stoppen. Getragen wird dieses Wachstum durch den HR-Tech Company Builder allygatr und eine kürzlich abgeschlossene Finanzierungsrunde über 4 Millionen Euro.

Clare&Me

Gegründet 2021 von Celina Messner und Emilia Theye, positioniert Clare&Me seine B2C/B2B Voice-AI als ein mächtiges Werkzeug gegen Angst, Stress, Panik und leichte depressive Verstimmungen. Der USP ist ein therapeutischer Konversations-Bot, der rein sprachbasiert über das Telefon funktioniert – völlig ohne Screen-Barrieren, was einen extrem niedrigschwelligen und stigmafreien Zugang für eine breite Zielgruppe ermöglicht. Nach der Frühphasenförderung durch Antler sowie öffentliche Mittel der IBB und des BMBF sammelte das Team unlängst 3,7 Millionen Euro Seed-Kapital unter der Führung von YZR Capital ein.

Eldertech

Das 2021 von Artur Janiszek, André Fiebig und David Fiebig in Aachen gegründete Eldertech fokussiert sich auf eine B2B2C-Plattform für die Quartierspflege und familiäre Pflegeorganisation. Die Technologie verbindet herstellerübergreifend Video-Kommunikation mit dem Management von Pflegeaufgaben und bindet Smart-Home-Anwendungen (AAL) nahtlos in eine zentrale App für Angehörige ein. Gedeckt wird das Wachstum durch das exist-Stipendium, den digitalHUB Aachen und ein privates Angel-Netzwerk.

Veli

Veli wurde 2023 als Spin-off der Universität Kassel von Dr. Jan-Peter Seevers, Maximilian Schnettler und Tim Weiß gegründet. Das B2B/B2C-Modell verlagert das klassische Hausnotrufsystem auf ein völlig neues Level der passiven Überwachung. Der USP: Veli wertet cloudbasiert die bestehenden Verbrauchsdaten von Smart Metern (Strom/Wasser) im Haushalt aus und schlägt bei gefährlichen Abweichungen im Tagesablauf Alarm – völlig ohne Wearables. Dieses Modell sicherte dem Team ein 800.000-Euro-Funding durch die BMH und Business Angels sowie tiefe Pilot-Integrationen beim Deutschen Roten Kreuz (DRK).

Internationaler Ausblick & Fazit

Der Blick über die europäischen Grenzen zeigt sehr klar die Makro-Trends, die den deutschen Markt in den kommenden 24 Monaten unweigerlich erfassen werden. Aus Japan, dem Land mit der ältesten Bevölkerung der Welt, schwappt der Trend der humanoiden Assistenzrobotik in der stationären Pflege allmählich von teuren Pilotprojekten in eine bezahlbarere B2B-Skalierung über. Aus den USA importieren wir zunehmend den "Longevity-as-a-Service"-Ansatz: Hier verschmilzt SilverTech stark mit BioTech, indem Wearables und KI kontinuierlich Biomarker auswerten, um den körperlichen Verfall präventiv zu verlangsamen. Israel hingegen dominiert die Technologie der passiven Überwachung. Start-ups von dort exportieren Algorithmen, die bloße WiFi-Signale nutzen, um Atmung und Bewegungsmuster von Senior*innen kontaktlos und datenschutzkonform in Wohnräumen zu überwachen.

Das Fazit für Gründer*innen und Investor*innen ist eindeutig: SilverTech ist der ultimative Resilienz-Markt geworden. Demografie lässt sich nicht weghacken oder wegregulieren. Wer heute die Schnittstelle zwischen tiefgreifender Technologie, menschlicher Empathie und hart regulierten Gesundheitssystemen meistert, baut die vielleicht wertvollsten und krisensichersten Unternehmen dieses Jahrzehnts.

NeuroTech-Start-up-Report 2026

Das Betriebssystem des Gehirns: Wie NeuroTech die Grenze zwischen Mensch und Maschine auflöst und welche Start-ups dabei hierzulande federführend sind.

Der Moment, in dem eine gelähmte Person allein durch die Kraft ihrer Gedanken einen digitalen Cursor bewegt oder eine mechanische Prothese steuert, ist im Jahr 2026 längst kein Labor-Wunder mehr, sondern der Startpunkt einer industriellen Revolution. Wir befinden uns am Beginn des „Century of the Brain“. Pioniere wie das Münchner Scale-up munevo (gegründet 2018), das mit Smart-Glass-Steuerungen für Rollstühle Weltmarktführer wurde, oder die Freiburger Implantat-Spezialist*innen von CorTec (gegründet 2010), haben das technologische Fundament gegossen. Doch die neue Generation, die wir heute sehen, macht Neurotechnologie massentauglich und überführt sie aus der universitären Forschung in den klinischen und privaten Alltag.

Die Marktlage 2026

Der Markt hat 2026 eine neue Reifephase erreicht, maßgeblich getrieben durch Edge-AI. Bei dieser Technologie finden die komplexen KI-Berechnungen direkt auf dem Chip des Wearables statt, was Latenzzeiten eliminiert und die sensiblen neuronalen Daten lokal schützt. Branchenschätzungen auf Basis vergangener KfW-Innovationspanels deuten darauf hin, dass in den letzten 18 Monaten über 4,8 Milliarden Euro an Wagniskapital in europäische NeuroTech-Unternehmen geflossen sind. Zudem gehen Prognosen aus dem Umfeld von Branchenverbänden wie dem Bitkom davon aus, dass künftig jedes fünfte deutsche DeepTech-Start-up im Bereich Life Sciences neuronale Daten als Kernbestandteil seines Geschäftsmodells nutzen wird. Series-B-Runden unter 50 Millionen Euro sind bei technologischen Marktführer*innen mittlerweile die Ausnahme, da die regulatorischen Hürden der MDR (Medical Device Regulation) – der strengen EU-Verordnung für Medizinprodukte – enorme Kapitalpuffer für langwierige klinische Studien erfordern.

Jenseits von Neuralink: Die neuen Treiber der Branche

Drei technologische Sub-Sektoren dominieren das Jahr 2026. An vorderster Front steht die Closed-Loop-Neurostimulation, also „intelligente“ Hirnschrittmacher, die neuronale Biomarker in Echtzeit messen und Stimulationen (etwa bei Parkinson) nur dann auslösen, wenn das Gehirn sie wirklich benötigt. Ein weiterer Treiber sind Neuro-Wearables für die Arbeitssicherheit, die kognitive Überlastung messen, bevor menschliches Versagen zu Unfällen führt. Den dritten Block bildet das OPM-MEG (Optically Pumped Magnetometer-Magnetoencephalography). Diese neue Form der Hirnbildmessung nutzt Quantensensoren in leichten Helmen statt tonnenschwerer MRT-Geräte, um Demenz-Muster millimetergenau bei Raumtemperatur zu identifizieren.

Reality Check

Der Weg zum neuronalen Einhorn ist mit gescheiterten Hoffnungen gepflastert. Ein prominentes Mahnmal bleibt der Fall von Halo Neuroscience, die mit „Neuropriming“-Headsets für Sportler*innen einen Hype auslösten, aber letztlich an der mangelnden klinischen Evidenz scheiterten. Daraus hat die Branche vier fatale Fallstricke gelernt: Die Unterschätzung der klinischen Validierung, die Vernachlässigung der „Neuro-Ethics“ (Datensouveränität im Gehirn), das „Plattform-Paradoxon“ (Hardware ohne Software-Ökosystem) und der Versuch eines reinen B2C-Markteintritts ohne ärztliche Einbindung. Gründerinnen, die 2026 bestehen wollen, müssen den „Reimbursement-Weg“ über die Krankenkassen meistern.

Deutsche Brain-Hubs

Deutschland hat sich 2026 als globaler Forschungsanker etabliert. Freiburg bleibt durch das IMBIT das europäische Zentrum für Neuro-Implantate, während Berlin mit der Charité die klinische Validierung dominiert. München nutzt seine Stärke in der Robotik rund um die TU München für intelligente Prothesen, während in Karlsruhe am KIT ein Cluster für KI-basierte Diagnose-Algorithmen entstanden ist. Dresden fungiert derweil durch seine Mikroelektronik-Expertise als die „Werkbank“ für die hochspezialisierten Neuro-Chips der nächsten Generation.

Investor*innen-Radar

Die Finanzierungslandschaft ist 2026 hochgradig spezialisiert. Bei den VCs führen Fonds wie EQT Life Sciences (ehem. LSP) und Kurma Partners das Feld an, während Generalistinnen wie Lakestar oder HV Capital gezielt die Schnittstelle zwischen NeuroTech und generativer KI besetzen. Auf der Corporate-Ebene agieren die Investmentarme von Medtronic und Siemens Healthineers als strategische Anker. In der Frühphase sind es oft erfahrene Gründerinnen als Business Angels oder spezialisierte Syndikate wie die DeepTech Stars, die die ersten Millionen-Tickets lösen.

Diese NeuroTech-Start-ups solltest du 2026 auf dem Radar haben

Für die Auswahl der folgenden Start-ups wurden Unternehmen analysiert, die maximal sieben Jahre alt sind und mindestens TRL 6 (Technology Readiness Level 6) erreicht haben. Das bedeutet, die Technologie wurde bereits erfolgreich in einer klinisch relevanten Umgebung demonstriert. Weitere Kriterien waren die Patentdichte, die Validität des Geschäftsmodells sowie das Vertrauen führender MedTech-Investor*innen im Jahr 2025/26.

Black Semiconductor

Angeführt wird dieses Feld von Black Semiconductor aus Aachen, das 2020 von den Brüdern Dr. Daniel und Sebastian Schall gegründet wurde. Sie entwickeln Graphen-Chips – Halbleiter auf Basis von Kohlenstoff-Nanostrukturen, die Daten optisch übertragen und so künftig die enorme Rechenlast neuronaler KI bewältigen sollen. Ihr Geschäftsmodell basiert auf Deep-Tech-Hardware, gestützt durch eine Gesamtfinanzierung von über 254 Millionen Euro. Der Großteil davon (rund 229 Millionen Euro) stammt aus öffentlichen Förderprogrammen, ergänzt durch privates Kapital von Lead-Investor*innen wie Porsche Ventures und Project A. Gegenwärtig liegt der Fokus des Unternehmens auf der Validierung seiner neuen 300-mm-Wafer-Pilotfertigungslinie („FabONE“) in Aachen. Die Graphen-Technologie besitzt dabei das physikalische Potenzial, die Energieeffizienz und Übertragungsgeschwindigkeit gegenüber herkömmlichen Silizium-Chips massiv zu steigern.

CereGate

In München setzt CereGate, gegründet von Dr. Bálint Várkuti, neue Maßstäbe durch eine Software-Plattform, die Informationen direkt in das Gehirn „einschreibt“, um etwa sensorisches Feedback für Prothesen zu generieren. Ihr B2B-Software-Modell zielt auf Partnerschaften mit großen Implantat-Hersteller*innen ab und wird unter anderem von 468 Capital sowie re.Mind Capital unterstützt. Momentan bereitet das Team klinische Studien vor, um die strengen Anforderungen der europäischen Medizinprodukteverordnung (MDR) zu erfüllen. Ein zentraler Fokus liegt dabei auf der zukünftigen Behandlung von Parkinson-Gangstörungen, für die das Unternehmen mittelfristig eine entsprechende Zertifizierung und den Marktzugang anstrebt.

MindAhead

Den Bereich der Demenz-Prävention besetzt MindAhead aus Berlin, das 2022 unter anderem von Nina Kiwit und Pasquale Fedele ins Leben gerufen wurde. Ihre KI-Plattform zur Früherkennung und Verlangsamung kognitiven Abbaus wird durch den Roche-Partner RoX Health validiert. In dieser Phase konzentriert sich das Start-up auf die klinischen Studien für die offizielle Listung als dauerhafte DiGA (Digitale Gesundheitsanwendung). Ziel ist es, nach erfolgreicher Zulassung allen gesetzlich Versicherten in Deutschland einen direkten, auf Rezept erstattungsfähigen Zugriff auf die App zu ermöglichen.

Metis Neurotec

Ebenfalls auf Diagnostik fokussiert ist Metis Neurotec aus Karlsruhe, eine Gründung von Dr. Simon Stock und Marius Gerdes, deren Ursprünge ins Jahr 2021 zurückgehen. Das Spin-off des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) entwickelt eine KI-basierte Software-Plattform zur Demenzprävention. Statt auf EEG-Scans setzen sie auf die intelligente Analyse von individuellen Risikofaktoren und Alltagsdaten, um personalisierte Präventions- und Interventionspläne gegen kognitiven Abbau zu erstellen. Gegenwärtig steht die Weiterentwicklung und Validierung der Plattform im Vordergrund, um künftig als fundiertes digitales Werkzeug die präventive Versorgungskette – auch im ländlichen Raum – nachhaltig zu unterstützen.

Nuuron

Einen visionären Therapieansatz verfolgt das 2023 von Fabian Queisner und Dr. Markus Müschenich gegründete Berliner NeuroTech-Start-up Nuuron. Ihr digitaler „Memory Pacemaker“ zielt darauf ab, das Gedächtniszentrum über ultrahochfrequente visuelle Reize (VR/AR) zu aktivieren und soll künftig als digitale Therapie (DTx) zur Behandlung von Alzheimer-Demenz verschrieben werden. Mit dem kürzlich eingeworbenen Millionenkapital finanziert das Unternehmen nun groß angelegte Studien an der Berliner Charité sowie am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE), um die gezielte Reaktivierung gedächtnisrelevanter Hirnwellen klinisch zu belegen und den Markteintritt vorzubereiten.

DeepSpin

Parallel dazu arbeitet DeepSpin aus Berlin, das 2020 von Clemens Tepel und Pedro Freire Silva gegründet wurde, an der Revolutionierung der medizinischen Bildgebung durch tragbare KI-MRT-Systeme. Unterstützt durch Investorinnen wie APEX Ventures entwickelt das Team eine völlig neue Architektur, die auf vereinfachte, kostengünstige Magnete setzt und die fehlende Hardware-Präzision durch hochkomplexe KI-Algorithmen ausgleicht. Das langfristige Ziel ist es, MRT-Scans extrem kostengünstig und mobil direkt zu den Patient*innen (Point-of-Care) zu bringen. Derzeit forciert das Spin-off die technologische Entwicklung und Validierung seiner Systeme, um den Weg für zukünftige klinische Einsätze und behördliche Zulassungen zu ebnen.

BrainGrade

In der Hauptstadt ansässig ist auch BrainGrade, das 2019 von Peter Schlecht gegründet wurde und durch den renommierten kalifornischen Biotech-Accelerator IndieBio gefördert wird. Das Neurotech-Start-up arbeitet an intelligenten Gehirnimplantaten zur kognitiven Neurostimulation, um den Abbau bei Alzheimer-Patientinnen gezielt zu verlangsamen. Das hochkarätig besetzte Team konzentriert sich momentan intensiv auf die technologische Entwicklung und präklinische Validierung der Systeme. Das langfristige Ziel ist es, die Sicherheit und Wirksamkeit dieser Implantate in künftigen klinischen Studien am Menschen zu belegen und so die Unabhängigkeit von Patientinnen deutlich zu verlängern.

Internationaler Ausblick & Fazit

Global erleben wir 2026 eine Verschmelzung von NeuroTech und Generativer KI, wobei die USA bei „Brain-to-Text“-Anwendungen für den Massenmarkt führen, während Asien massiv in staatlich gefördertes Brain-Monitoring im Bildungssektor investiert. Europa hat jedoch die historische Chance, bei der ethisch fundierten, medizinisch zertifizierten Neurotechnologie Weltmarktführer zu bleiben. 2026 ist das Jahr, in dem Neurotechnologie den „Ivory Tower“ der Universitätskliniken endgültig verlässt und im heimischen Medizinschrank ankommt. Für Gründer*innen und Investor*innen bedeutet dies: Der Hype ist vorbei, die Ära der harten klinischen und ökonomischen Beweise hat begonnen.

Vivid: Runway verlängern mit US-Dollar

Das FinTech Vivid Money, 2019 von Alexander Emeshev und Artem Iamanov in Berlin gegründet, meldet 100.000 KMU-Kund*innen und lockt Start-ups mit bis zu 5 Prozent Zinsen auf Dollar- und Pfund-Guthaben. Für international finanzierte Gründungsteams ist das Angebot attraktiv, um die eigene Runway zu verlängern. Doch ein genauer Blick auf die Konditionen und den harten Wettbewerb im Business-Banking zeigt: Gründende müssen spitz kalkulieren.

Vivid Money positioniert sich im Geschäftskundensegment mit einem erweiterten Cash-Management-Angebot. Im Zentrum der Ankündigung stehen Verzinsungen, die speziell auf die Bedürfnisse international finanzierter Start-ups zugeschnitten sind. Geschäftskund*innen erhalten auf Guthaben in US-Dollar und britischen Pfund bis zu 5 Prozent Zinsen pro Jahr. Auf Euro-Guthaben zahlt das Unternehmen bis zu 4 Prozent.

Bei diesen Zahlen ist jedoch eine kritische Einordnung geboten: Es handelt sich um klassische, zeitlich befristete Lockangebote zur Neukund*innengewinnung. Der Spitzenzinssatz für Fremdwährungen gilt für fünf Monate. Der Zinssatz für Euro-Guthaben ist auf vier Monate begrenzt. Nach Ablauf dieser Aktionszeiträume fallen die Zinsen deutlich ab – auf bis zu 3 Prozent für Fremdwährungen und bis zu 2 Prozent für den Euro, was zudem an den jeweils gewählten Tarif des FinTechs gekoppelt ist. Darüber hinaus behält sich der Anbieter vor, die Zinssätze je nach Marktlage oder nach eigenem Ermessen anzupassen.

Jenseits der Marketing-Zahlen bietet die strukturelle Erweiterung der Plattform jedoch einen greifbaren administrativen Nutzen für Gründerinnen und Gründer. Da viele Start-ups ihr Kapital durch US-Investor*innen in Dollar erhalten, mussten diese Gelder bislang oft aufwendig und gebührenpflichtig umgeschichtet werden. Vivid ermöglicht es nun, internationale SWIFT-Zahlungen direkt aus den verzinsten USD- und GBP-Konten heraus zu tätigen. Zusätzliche Bankpartner, externe Treasury-Lösungen oder teure Währungsumrechnungen entfallen für diese Transaktionen. Zudem öffnet die Plattform, die nun vollständig über den Webbrowser bedienbar ist, den Zugang zu über 1850 Assets (Money Market Funds, ETFs, stocks, iBonds, crypto).

Für junge Unternehmen ohne eigene Finanzabteilung stellt dies eine niedrigschwellige Möglichkeit dar, Teile der Firmenrücklagen strukturiert anzulegen und brachliegendes Kapital zumindest als Inflationsausgleich arbeiten zu lassen.

Vom B2C-Hype zur pragmatischen B2B-Plattform

Vivid startete ursprünglich mit einer gänzlich anderen Vision in den Markt. In der Hochphase des Fintech-Booms positionierte sich das von namhaften Investoren wie Greenoaks Capital und DST Global Partners finanzierte Unternehmen als verbraucher*innenorientierte App mit einem starken Fokus auf Krypto-Trading und Cashback-Programme. Die harte Marktrealität im Privatkund*innengeschäft, dominiert von Playern wie N26 und Revolut, zwang das Management jedoch zu einem strategischen Kurswechsel.

Vivid vollzog einen weitreichenden Pivot weg vom reinen Endkonsument*innen und wandte sich dem Geschäftskund*innensegment zu. Dieser Strategiewechsel scheint aufzugehen, denn nach Unternehmensangaben konnte in weniger als zwei Jahren die Marke von 100.000 KMU-Kund*innen überschritten werden.

Das Treasury-Volumen spiegelt diese Neuausrichtung ebenfalls wider: Zwischen Februar 2025 und Februar 2026 wuchs die Zahl der Treasury-Nutzer*innen um das Zweieinhalbfache, während sich die verwalteten Einlagen im selben Zeitraum verdreifachten. Die von Mitgründer Alexander Emeshev und dem für das Treasury verantwortlichen Esmond Berkhout formulierte Strategie setzt nun vollends darauf, Start-ups eine kombinierte Infrastruktur aus alltäglichem Banking und anspruchsvolleren Anlageprodukten zu bieten. Für das Jahr 2026 hat das Management das ambitionierte Ziel ausgegeben, die Kund*innenzahl in diesem Segment abermals zu verdoppeln.

Ein hart umkämpftes Oligopol

Der aktuelle Vorstoß in das Zinsgeschäft für Fremdwährungen trifft einen wunden Punkt der europäischen Gründer*innenszene. Das allgemeine Finanzierungsumfeld hat sich merklich abgekühlt, Finanzierungsrunden dauern deutlich länger und Kapital wird von Investor*innen spürbar selektiver vergeben. Gleichzeitig stammen laut KfW-Daten rund 60 Prozent der Startup-Investitionen von internationalen Geldgeber*innen, wobei gut ein Viertel des Kapitals allein aus den USA fließt. Die Verlängerung der sogenannten Runway durch ein aktives Liquiditätsmanagement rückt daher gezwungenermaßen ins Zentrum der Finanzplanung vieler Gründungsteams. Dennoch bewegt sich Vivid bei dem Versuch, dieses Problem zu lösen, in einem hochkompetitiven Umfeld.

Im europäischen B2B-Banking dominieren stark finanzierte und etablierte Player wie der französische Marktführer Qonto, der finnische Pionier Holvi oder aufstrebende Herausforderer wie Finom. Auch Revolut Business ist mit aggressiven Preismodellen dauerpräsent. Die strategische Differenzierung von Vivid liegt im Versuch, sich nicht nur als reines Transaktionskonto, sondern als holistisches Betriebssystem für Finanzen zu etablieren, das operative Liquidität und strukturierten Anlageverkehr verschmilzt.

Für uns ergibt sich aus dieser Entwicklung ein klares pragmatisches Bild. Das temporäre Zinsangebot in Dollar und Pfund ist ein unbestreitbar attraktives Vehikel für frisch finanzierte Start-ups mit internationalen Investor*innen, um Währungsverluste durch Liegegelder zu minimieren und das aufgenommene Kapital sofort arbeiten zu lassen.

Gründungsteams müssen jedoch fernab des ersten Zinsversprechens nüchtern kalkulieren. Es gilt genau zu prüfen, ob die fixen Grundgebühren der verschiedenen Vivid-Tarife und die Konditionen nach Ablauf der viermonatigen respektive fünfmonatigen Lockzinsphase langfristig tatsächlich wirtschaftlicher sind als die etablierten Strukturen und Konditionen der direkten Wettbewerber*innen am Markt.

Mio.-Funding und leergekaufte Lager: Die Entwicklung des BioTech-Start-ups PerioTrap

Ein selektiver Wirkstoff gegen Parodontitis, ausverkaufte Zahnpasta-Bestände und frisch eingesammelte 2,9 Mio. Euro: Das BioTech-Start-up PerioTrap verzeichnet derzeit ein starkes Momentum. Doch wie tragfähig ist das Geschäftsmodell? Eine Analyse zwischen wissenschaftlicher Innovation, Crowdinvesting-Strategie und zahnmedizinischer Realität.

Das Timing war für PerioTrap günstig. Als die Fraunhofer-Gesellschaft Anfang 2026 eine Mitteilung über den neuartigen Wirkstoff des Start-ups gegen Parodontitis veröffentlichte, war das Medienecho groß. Die Folge: Die neu gelaunchte Mikrobiom-Zahnpasta des Unternehmens war innerhalb von zwölf Stunden ausverkauft. Auf diesen kommerziellen Soft-Launch folgte nun der finanzielle Nachschlag. Laut den offiziellen Angaben der Crowdinvesting-Plattform Companisto flossen in der aktuellen Finanzierungsrunde insgesamt 2,9 Millionen Euro in die Kassen, getragen vom Business-Angel-Netzwerk Companisto sowie einem Co-Investment der bmp Ventures (IBG-Fonds). Doch was macht PerioTrap für Anleger so interessant?

Von der Petrischale zum Produkt

Die Wurzeln von PerioTrap reichen bis ins Jahr 2013 zurück. Damals begann die Erforschung des Parodontitis-Erregers Porphyromonas gingivalis im Rahmen des internationalen, EU-geförderten Forschungskonsortiums TRIGGER. Treibende Kraft war der Pharmazeut Dr. Mirko Buchholz, der mit über 25 Jahren Erfahrung in der Wirkstoffentwicklung den Kern der heutigen Technologie erfand. 2019 folgte gemeinsam mit dem Wirtschaftsexperten Pierre Tangermann (heute CEO) die offizielle Ausgründung aus dem Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie (IZI) am Weinberg Campus in Halle (Saale).

Die Arbeitsteilung der Gründer ist klassisch: Buchholz fungiert als wissenschaftlicher Kopf (CSO), Tangermann übersetzt die Forschung als CEO in eine für Investor*innen verständliche „Equity Story“. Spätestens mit dem Gesamtsieg beim IQ Innovationspreis Mitteldeutschland im Jahr 2020 erlangte das Duo überregionale Sichtbarkeit, die konsequent für die Kapitalsuche genutzt wurde.

Modulation statt Breitbandwirkung

Der Markt, auf den PerioTrap zielt, ist groß. Parodontitis ist eine weit verbreitete Erkrankung; laut der repräsentativen Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS) leidet mehr als die Hälfte der Erwachsenen zwischen 35 und 44 Jahren an einer moderaten oder schweren Form. Die bisherigen Branchenstandards setzen meist auf Breitbandantibiotika oder Antiseptika wie Chlorhexidin. Das Problem dieser Lösungen: Sie greifen das gesamte orale Mikrobiom an und reduzieren auch die nützlichen Bakterien. Bei der Regeneration sind die aggressiven Parodontitis-Erreger oft schneller als die gesunden Bakterien – ein medizinischer Teufelskreis.

PerioTrap setzt stattdessen auf Selektivität. Nach Unternehmensangaben hemmt der patentierte Wirkstoff gezielt ein Enzym (die bakterielle Glutaminylcyclase) des Leitkeims P. gingivalis. Die krankmachenden Eigenschaften des Erregers sollen so blockiert werden, ohne das restliche Mikrobiom anzugreifen. Neben der frei verkäuflichen Zahnpasta für Endkund*innen positioniert das Start-up auch ein professionelles Pflege-Gel für die zahnärztliche Praxis. Zukünftig sollen Haustiere als weiterer Markt erschlossen werden.

Innovation oder ergänzendes Präparat?

Bei aller positiven Resonanz im Crowdinvesting darf das Geschäftsmodell kritisch eingeordnet werden:

  • Die Grenzen der Biologie: Die Deutsche Gesellschaft für Parodontologie (DG PARO) lobte in einem aktuellen Statement vom Februar 2026 zwar den innovativen Ansatz aus den Laboren. Die Fachgesellschaft warnt jedoch davor, Parodontitis auf ein spezifisches Bakterium zu reduzieren. Es handele sich um eine polymikrobielle Infektion aus einem Zusammenspiel Hunderter Bakterienarten. Der PerioTrap-Wirkstoff attackiert den „Leitwolf“, kann die komplexe Krankheit als alleiniges Mittel jedoch nicht besiegen.
  • Keine „Abkürzung“ für Patient*innen: Für den/die Endkund*innen birgt die Zahnpasta im Premium-Preissegment die Gefahr einer trügerischen Sicherheit. Gemäß den zahnmedizinischen Leitlinien der Bundeszahnärztekammer (BZÄK) und der Fachgesellschaften kann ein kosmetisches Zahnpflegeprodukt eine professionelle Diagnostik, mechanische Taschenreinigung und Therapieplanung beim Zahnarzt bzw. bei der Zahnärztin nicht ersetzen. Klinische Langzeitstudien am Menschen müssen erst noch beweisen, ob die Zahnpasta im Patient*innenalltag signifikante Effekte auf klinische Parameter wie Sondierungstiefen und Zahnfleischbluten hat.
  • Crowdfunding als strategisches Instrument: Tangermann nutzt Plattformen wie Companisto sehr bewusst. Das bringt nicht nur Kapital, sondern auch sofortige Kund*innenkreise. Gleichzeitig räumt das Management ein, dass durch den Zuwachs an hunderten Kleininvestor*innen der administrative Abstimmungsprozess deutlich komplexer wird.

Klarer Fokus auf den Trade-Sale

Für die Start-up-Szene ist PerioTrap ein Beispiel dafür, wie komplexe „DeepTech“-Forschung in ein Consumer-Product übersetzt wird. Der Vertriebs-Soft-Launch als B2C-Zahnpasta generiert erste Umsätze, erzeugt mediale Aufmerksamkeit und senkt das wahrgenommene Risiko für institutionelle Investoren.

Doch das Endkunden-Geschäft mit Zahnpasta ist höchstwahrscheinlich nicht das finale Ziel der Gründer. Die Unternehmensstrategie deutet auf einen klassischen Trade-Sale hin: Man positioniert sich im stark wachsenden Segment der „Microbiome Oral Care“, baut Marktpräsenz und einen „Proof of Concept“ auf und macht sich als Übernahmeziel attraktiv. Große Akteure wie Colgate, GC Dental oder Haleon suchen kontinuierlich nach Innovationen in diesem Bereich.

PerioTrap hat mit dem jüngsten Funding und dem Verkaufsstart bewiesen, dass eine Nachfrage besteht. Nun folgt die anspruchsvollere Phase: Die Skalierung der Produktion und der wissenschaftliche Beweis, dass das große Interesse an der Mikrobiom-Zahnpasta dauerhaft gerechtfertigt ist und sich als fester Bestandteil der zahnmedizinischen Prävention etablieren kann.

Angriff auf die Portal-Giganten: PropTech Mietz steigt in den Immo-Verkauf ein

Pünktlich zum bevorstehenden fünfjährigen Jubiläum wagt das Berliner Start-up Mietz den nächsten großen Schritt. Die PropTech-Plattform von Gründerin Lena Tuckermann erweitert ihr Geschäftsmodell und bietet ab sofort neben der digitalen Vermietung auch den Immobilienverkauf über eine End-to-End-Plattform an.

Damit positioniert sich das Unternehmen künftig als umfassende digitale Lösung für Vermietung und Verkauf von Wohnimmobilien in Deutschland. Was als nutzerinnenfreundliche App-Alternative für die Wohnungssuche begann, soll sich nun zu einer umfassenden Infrastruktur entwickeln, die nahezu den gesamten Verkaufsprozess digital organisieren soll.

Das Bemerkenswerte daran: Laut Gründerin Lena Tuckermann hat ein dreiköpfiges Kernteam das neue Segment in nur 14 Tagen mithilfe von KI aus dem Boden gestampft – eine klare Kampfansage an die etablierten Marktgiganten.

Vom eigenen Wohnungs-Frust zum PropTech-Challenger

Die Mietz GmbH ist eine 2021 gegründete SaaS-Plattform für digitale Immobilienvermarktung mit Sitz in Berlin. Entstanden aus der eigenen Frustration bei der Wohnungssuche, startete Tuckermann mit der Mission, Vermietende und Mietende von Mailfluten zu befreien und den gesamten Prozess der Wohnraumvermietung zu digitalisieren. Das reicht von der Inseratserstellung über das Bewerbermanagement bis hin zur rechtssicheren Vertragsunterzeichnung.

+++ Tipp der Redaktion: 2023 was Lena Tuckermann bereits unsere „Gründerin der Woche“ – hier das Interview zum Nachlesen. +++

Das Konzept ging auf: Inzwischen wird die Plattform nach Unternehmensangaben deutschlandweit von über 150.000 Nutzerinnen verwendet. Flankiert wird das aktuelle Wachstum durch strategische Verstärkung im Management: Der Münchner Unternehmer Lukas Schwaiger ist als neuer Partner an Bord. Er schließe laut Tuckermann vor allem eine inhaltliche Lücke im Team. „Lukas teilt unsere Vision und Ambition und ist damit eine große Bereicherung für Mietz“, freut sich die Gründerin. Und schiebt den strategischen Mehrwert gleich hinterher: „Zudem bringt er viel operative Expertise aus dem Verkaufssegment ein – dieses Wissen ist wertvoll für die Weiterentwicklung unserer Software Prozesse.“

KI-Tempo vs. Konzernstrukturen

Besonders aufsehenerregend ist die Geschwindigkeit der Produktentwicklung. Dass das neue Marktsegment des Immobilienverkaufs dank des massiven Einsatzes künstlicher Intelligenz von nur drei Personen innerhalb von zwei Wochen aufgebaut wurde, ist eine Kampfansage. Mietz positioniert sich bewusst als schnelle, technologiegetriebene Alternative zu einem Monopol mit 1049 Mitarbeitenden – ein unverhohlener Seitenhieb auf die dominierenden Immobilienportale. In einer traditionell stark von Männern dominierten Immobilienbranche setzt Tuckermann als Female Founder damit ein echtes Ausrufezeichen für agile Softwareentwicklung.

Doch wie viel an den 14 Tagen Entwicklungszeit ist reines KI-Prompting und wie viel echte Programmierarbeit? „Das war ein ambitionierter Plan, aber ich war mir sicher, mit dem aktuellen Tech-Setup schaffen wir das“, blickt Tuckermann zurück. Sie ordnet die Euphorie jedoch realistisch ein: „Der Großteil ist nach wie vor klassisches Coding, die Einzelprozesse werden jedoch durch K-Produkte in einer wesentlich höheren Geschwindigkeit abgewickelt, als vorher.“ Dennoch sei der Sprung gewaltig: „Vor einem Jahr beispielsweise hätten wir mit Coding allein noch viel länger für so ein Produkt gebraucht. Das ist eine riesige Chance für Start-ups in der aktuellen Zeit.“

Diese neuen technischen Möglichkeiten will Mietz nutzen, um gezielt die Schwächen des großen Goliaths anzugreifen. Dieser habe laut der Gründerin in den letzten Jahren durch eine sehr aggressive Preispolitik im Markt viele Teilnehmer verärgert. Zudem liefen viele Prozesse immer noch arbeitsintensiv, intransparent und vor allem ineffizient ab. „Kein Mensch braucht 1.000+ E-Mails pro Vermietung“, kontert Tuckermann scharf. Ihre Kampfansage lautet daher: „Wir sehen die Chance darin, diese Probleme zu lösen und einen Prozess zur Verfügung zu stellen, der fair, kosteneffizient und schnell funktioniert. Ohne eine einzige E-Mail.“

Tinder-Prinzip trifft auf KI und B2B-Effizienz

Der Verkaufsbereich richtet sich wie auch die Vermietung sowohl an Privatpersonen als auch an professionelle Anbieter*innen. Die Plattform digitalisiert sämtliche Schritte der Immobilienvermarktung und soll dadurch Kosten und administrativen Aufwand erheblich reduzieren. Das System basiert auf mehreren technologischen Säulen, die nun auch den Verkauf skalierbar machen sollen.

Um das zu erreichen, setzt Mietz auf eine radikale Vereinfachung der User Experience: Für Suchende adaptiert die Plattform das gelernte Tinder-Prinzip. Nach der einmaligen Anlage einer digitalen Bewerbungsmappe reicht ein simpler Swipe nach rechts, um sich auf passende Objekte zu bewerben. Auf Anbieterseite verspricht die Software dank KI-gestützter Automatisierung eine massive Arbeitserleichterung. So soll die Künstliche Intelligenz selbständig Exposé-Texte basierend auf hochgeladenen Bildern verfassen und diese eigenständig um Mikro- sowie Makrolage-Daten ergänzen.

Flankiert wird dies vom sogenannten Mietz Score: Ein eigens entwickelter Algorithmus wertet Bewerberinnendokumente vollautomatisch aus und zeigt den Anbieterinnen sofort die Passgenauigkeit und Bonität der Interessenten an. Doch Mietz zielt nicht nur auf private Eigentümerinnen ab: Mit einem klaren B2B-Fokus unterstützt die Plattform auch Massenimporte sowie Schnittstellen zu ERP-Systemen, wodurch sich die Lösung ebenso nahtlos für Wohnungsunternehmen, Projektentwicklerinnen und Maklerinnen eignet.

Laut Tuckermann reduziert die digitale End-to-End-Lösung die Kosten um bis zu 80 Prozent und wickelt den Vermietungsprozess im Schnitt doppelt so schnell ab wie übliche Immobilienplattformen.

Zwischen Convenience und Notariat

Der Kauf einer Immobilie ist jedoch eine hochvolumige, oft lebensverändernde Entscheidung. Ob eine schnelle, auf Bequemlichkeit getrimmte UX dem enormen Informations- und Sicherheitsbedürfnis beim Immobilienkauf gerecht wird, muss sich erst noch zeigen. Auf die Nachfrage, wie sie diesem Anspruch gerecht werden wolle, betont die Gründerin: „Gerade bei einer solchen Kauf-Entscheidung geht es um Verlässlichkeit, Sicherheit und Transparenz.“ Man verstehe sich nicht nur als Plattform, sondern als Unterstützer für die Nutzer*innen. Das setze man um, indem nur geprüfte Angebote von seriösen Anbieter*innen gelistet und auch Informationen rund um den Prozess zur Verfügung gestellt werden.

Ein weiteres Nadelöhr ist der in Deutschland zwingend erforderliche Gang zum Notariat. Tuckermann räumt ein, dass die Software in diesem streng regulierten analogen Schritt aktuell noch an juristische Grenzen stößt. „Im Verkauf ist das Vertrauen in der Anbahnung und die Verbindung der richtigen Vertragsparteien ein sehr wesentlicher Prozess. Hierauf konzentrieren wir uns für den Start in diesem Jahr“, erklärt sie die aktuelle Roadmap. Langfristig wolle man die Grenzen aber verschieben: „Im Anschluss geht es darum, den Prozess möglichst weit für den Notar vorzubereiten – etwa durch Features, die den Datenraum automatisch aufbereiten.“

Wo Mietz angreift – und was zum Überleben nötig ist

Der Blick auf die Konkurrenz zeigt, dass Mietz sich auf ein hart umkämpftes Schlachtfeld begibt. Das von Lena Tuckermann erwähnte Monopol mit 1049 Mitarbeitenden ist ein kaum verhüllter Fingerzeig auf den Branchenriesen ImmoScout24. Flankiert von Playern wie Immowelt dominiert dieser das klassische Classifieds-Geschäft. Gleichzeitig tummeln sich im PropTech-Sektor bereits etablierte Start-ups wie McMakler, die den Verkaufsprozess als hybride Makler digitalisieren wollen.

Wie kann und muss sich Mietz in diesem Sandwich aus Milliardenkonzernen und Unicorn-Hoffnungen absetzen? Die Strategie der Berliner ruht dabei auf drei tragenden Säulen. Anstatt wie klassische Immobilienportale überwiegend auf kostenintensive Anzeigenmodelle zu setzen – und damit viel Frustration im Markt zu verursachen –, verfolgt Mietz einen technologiegetriebenen Ansatz. Das Ziel ist es, Immobilientransaktionen und das gesamte Ökosystem rund um die Immobilie als digitales Home Ecosystem völlig neu zu denken.

Um sich zudem die KI-gestützte Preisführerschaft zu sichern, greift das Start-up die teuren Verkaufs-Inserate der klassischen Portale sowie die kostenintensiven Vertriebsteams der Hybrid-Makler an. Mietz setzt als SaaS-Modell stattdessen voll auf KI und Automatisierung, um die Kosten für Anbieter*innen drastisch zu senken. Der dritte entscheidende Hebel gegen die großen Portale ist ein gezielter B2B-Lock-in-Effekt: Durch eine tiefe Integration in die Arbeitsabläufe der Immobilienprofis mittels ERP-Schnittstellen will Mietz für Wohnungsunternehmen langfristig unverzichtbar werden.

Bei der Monetarisierung des Verkaufssegments weicht Tuckermann von reinen Abo-Modellen ab: „Es wird eine Kombination geben“, verspricht sie. „Wir überlassen unseren Nutzern die Wahl, ob sie Mietz in einem pay-per-use Modell nutzen möchten oder als SaaS Abo.“

Der Lackmustest

Lukas Schwaiger ist überzeugt, dass klassische Plattformmodelle in den kommenden Jahren durch technologische Entwicklungen und KI zunehmend an Bedeutung verlieren werden. Dennoch bleibt der Immobilienmarkt ein „Winner-takes-all-Spielfeld“. Platzhirsche verfügen über gewaltige Netzwerkeffekte und Millionen von Seitenbesucher*innen. Eine End-to-End-Lösung muss zwingend genügend Käuferinnen und Verkäuferinnen vereinen, um echte Liquidität im Markt zu schaffen.

Wie will Mietz ohne gigantisches Marketingbudget diese Netzwerkeffekte erzielen? Tuckermann gibt sich hier überaus selbstbewusst: „Beide Parteien sind schon da und kommen aktuell aus dem Markt proaktiv auf uns zu.“ Sie verweist auf die Vorarbeit der letzten Jahre: „Wir haben in den vergangenen Jahren ein starkes Immobiliennetzwerk aufgebaut. Die Produktwünsche hat der Markt klar formuliert.“ Für ihr agiles Team sei die Mission nun simpel: „Für uns geht es jetzt vor allem um deren Umsetzung in hoher, technischer Geschwindigkeit.“

Dass ein 3-Personen-Team nach eigenen Angaben in 14 Tagen ein Verkaufs-Tool baut, beweist beispiellose Agilität. Ob das ausreicht, um hochvolumige Transaktionen von den etablierten Playern abzuziehen, wird die Zukunft zeigen.

Preeo: Healthspan Made in Hamburg

Das 2025 von Anneke Flechtner und Christopher Marx gegründete Hamburger Health-Start-up Preeo will mit einer App, die Ernährungsanalyse durch KI mit Wearable-Daten verschmilzt, eine ganzheitliche Plattform für präventive Gesundheit entstehen. Vor dem Hintergrund des globalen Longevity-Trends ein an sich vielversprechendes Vorhaben. Doch wie innovativ ist das Modell in einem ohnehin übersättigten Markt für Fitness-Apps wirklich? Wir haben nachgehakt.

Wer sich heutzutage mit gesunder Ernährung beschäftigt, verliert sich schnell in einem Dickicht aus Protein-Hypes, Mikro-Diäten und unzähligen Supplements. Gleichzeitig klafft im Markt eine strukturelle Lücke: Klassische Ernährungsberatung ist oft teuer, punktuell und richtet sich meist an Menschen, die bereits gesundheitliche Probleme haben. Digitale Ernährungs-Tracker hingegen sind zwar günstig und zugänglich, fokussieren sich aber fast ausschließlich auf rudimentäres Kalorienzählen und kurzfristigen Gewichtsverlust. Die langfristige Gesundheit – die sogenannte Healthspan – bleibt dabei oft auf der Strecke. Genau in diese Lücke stößt nun das 2025 gegründete Start-up Preeo. Das Gründungsteam um Anneke Flechtner (CEO) und Christopher Marx (CTO) positioniert sich mutig im aufstrebenden Longevity-Sektor und plant Ende März 2026 den offiziellen Launch seiner App.

Vom Marketing zur Gesundheitsmission

Die Idee zu Preeo reifte nicht über Nacht. CEO Anneke Flechtner, die ursprünglich aus dem Marketing kommt und bereits eine eigene Agentur aufbaute, widmete sich dem Thema angetrieben von der Frustration über oberflächliche Ernährungstrends und kurzsichtige Diät-Apps. Zusammen mit CTO Christopher Marx wurde aus der Ursprungsidee schließlich Preeo, das Prävention in den Alltag der breiten Masse bringen will.

Doch reicht Marketing-Erfahrung für einen Markt, der tiefe wissenschaftliche und teils medizinische Expertise erfordert? Flechtner kontert diesen Einwand selbstbewusst: „Mein beruflicher Fokus lag in den letzten Jahren zwar im Marketing, gleichzeitig bin ich aber auch lizenzierte Ernährungsberaterin.“ Sie betont, dass es zwar viel fundiertes Wissen über Ernährung gebe, dieses aber im Alltag kaum ankomme. „Oft fehlt die Übersetzung in etwas, das verständlich und wirklich umsetzbar ist“, so die Gründerin. Um das wissenschaftliche Fundament zu sichern, orientieren sich die Inhalte an etablierten Leitlinien und evidenzbasierter Präventionsforschung. Flankierend baut das Start-up ein Advisory Board mit Expertinnen und Experten aus Ernährungswissenschaft, Medizin und Präventionsforschung auf. Flechtners Hintergrund soll letztlich genau die Brücke schlagen, um diese Erkenntnisse für die Nutzer tatsächlich alltagstauglich aufzubereiten.

KI-Tracking trifft auf Wearable-Daten

Der Einstiegspunkt für die Nutzer*innen ist die Preeo-App, die deutlich mehr sein will als ein weiteres Food-Tagebuch. Um die bei Tracking-Apps gefürchtete „App Fatigue“ (die Ermüdung durch aufwendiges manuelles Eintragen) zu umgehen, setzt Preeo auf KI-Fotoerkennung sowie Sprach- und Texteingaben. Der eigentliche technologische Clou ist jedoch die Datenfusion: Preeo verknüpft die getrackte Ernährung mit biometrischen Daten aus Wearables wie Apple Health oder Garmin. Parameter wie Schlafqualität, Stresslevel und tägliche Bewegung fließen in die Algorithmen ein. So sollen Nährstoffdefizite proaktiv erkannt und kontextbezogene Empfehlungen ausgesprochen werden. Wer schlecht schläft oder hohem Stress ausgesetzt ist, bekommt entsprechende Anpassungen für seinen Speiseplan.

Angesichts der oft fehleranfälligen KI-Erkennung und variierender Hardware-Genauigkeit drängt sich jedoch die Frage nach der Zuverlässigkeit dieser Empfehlungen auf. CTO Christopher Marx räumt technische Unschärfen unumwunden ein: „Unser Ziel ist aktuell bewusst nicht, auf das Gramm genau zu sein.“ Das Kernproblem bestehender Apps sei nicht mangelnde Präzision, sondern dass Nutzer schnell kapitulieren. „Ein schnelles Foto vom Teller hat eine gewisse Unschärfe, aber es ist unendlich wertvoller als ein perfektes Protokoll, das am Ende nie ausgefüllt wird“, argumentiert Marx. Die App ziele nicht auf obsessiven Tracking-Stress ab, sondern basiere ihre kontextbezogenen Impulse auf längerfristig beobachteten Trends, wodurch sich Ausreißer über die Zeit ausgleichen würden. Wer es genauer brauche, könne zudem manuell nachjustieren.

Bei der Verschmelzung solch intimer Gesundheits- und Stressdaten schrillen aus Datenschutzsicht unweigerlich die Alarmglocken. Hier verspricht Marx strikte DSGVO-Konformität. „Preeo versteht sich als Verbindungsstück zwischen verschiedenen Datenquellen – nicht als Datentresor“, stellt der CTO klar. Sensible Gesundheitsdaten bleiben lokal auf dem Gerät oder in den Ökosystemen der Hersteller. Preeo ziehe diese nur anlassbezogen und kurzlebig heran, während Mahlzeiten-Daten lediglich anonymisiert zur Weiterentwicklung der Erkennung genutzt würden.

Bleibt das Problem der traditionell hohen Abwanderungsraten bei Fitness-Apps: Warum sollten Nutzer*innen jahrelang für ein Abo bezahlen, wenn sie ihre Defizite längst verstanden haben? Für Anneke Flechtner ist Gesundheit kein Projekt mit Enddatum. „Stress, Schlaf, Bewegung oder Trainingsziele verändern sich ständig und damit auch die Anforderungen an unsere Ernährung“, erklärt die CEO. Preeo solle als kontinuierlicher Gesundheitsbegleiter agieren, der mit der Zeit aus den Daten lernt und Empfehlungen dynamisch an die Lebensumstände anpasst.

Zwischen Megatrend und hartem Wettbewerb

Das Marktumfeld könnte spannender kaum sein: Longevity ist einer der Megatrends dieses Jahrzehnts. Während in den USA Start-ups wie Zoe oder InsideTracker dreistellige Millionenbeträge einsammeln, steht Europa noch am Anfang.

Bis zum Launch Ende März wurde Preeo vom Gründerduo komplett gebootstrapped. „Diese Phase war für uns sehr wertvoll, weil wir uns vollständig auf Produktqualität und Nutzererlebnis konzentrieren konnten“, resümiert Flechtner. Doch die Vision ist größer: Um Prävention in Deutschland und Europa stärker zu skalieren, peilt das Start-up noch 2026 eine Pre-Seed-Finanzierungsrunde über rund eine Million Euro an. Voraussetzung dafür ist jedoch eine entsprechende Nutzer*innen-Traktion. CTO Marx ergänzt dazu pragmatisch: „Wir bauen momentan ein reines Digitalprodukt auf, was mit AI immer günstiger wird [...] Neue Start-ups erzielen Milliarden-Bewertungen mit sehr kleinen AI-nativen Teams.“

Gleichzeitig muss sich Preeo in einem stark umkämpften „Red Ocean“ gegen Giganten wie Yazio, MyFitnessPal, Oura oder Whoop behaupten. Preeo positioniert sich exakt an der Schnittstelle dieser Welten. Um Nutzer*innen angesichts kostenloser Konkurrenz zum Zahlen zu bewegen, setzt das Start-up auf ein Freemium-Modell. Während Basis-Tracker Nutzer*innen mit ihren Daten oft allein ließen, schließe Preeos Premium-Abo mit tieferen Analysen und einem KI-Coach die Lücke zwischen billigen Apps und teurer Einzelberatung.

Das Geschäftsmodell unter der Lupe

Bei aller Euphorie stellen sich für das Geschäftsmodell zentrale Herausforderungen. Ob sich Preeo das Trend-Label Longevity wirklich anheften kann, ist fraglich, da das Start-up bislang auf echte klinische Biomarker wie Blut- oder DNA-Tests verzichtet. Die Ansätze basieren stattdessen rein auf der Kreuzung von Software-Daten und Wearable-APIs.

Auf die direkte Frage nach der regulatorischen Grauzone und einer möglichen Einstufung als Medizinprodukt (MDR) oder der Abrechnung über Krankenkassen (DiGA) bleibt die Gründerin zurückhaltend und den konkreten Zukunftsplan schuldig. Sie betont stattdessen die aktuelle Positionierung: „In der aktuellen Phase versteht sich Preeo bewusst als Präventions- und Lifestyle-App. Wir diagnostizieren keine Krankheiten und ersetzen keine medizinische Beratung.“ Eine stärkere medizinische Validierung sei eher „eine Perspektive für die Zukunft“.

Zudem birgt die Verknüpfung von Wearable-Daten mit Ernährung im Alltag die Gefahr einer Datenüberflutung, die schnell zu Frustration führen kann. Die Handlungsempfehlungen müssen zwingend so simpel und granular aufbereitet sein, dass sie nachhaltige Verhaltensänderungen bewirken.

Aus wirtschaftlicher Sicht plant Preeo langfristig den cleveren Sprung vom margenschwachen B2C-Abo zu margenstärkeren Telehealth-Dienstleistungen wie digitaler Beratung durch echte Experten. Dem naheliegenden Einstieg ins Betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) erteilt Flechtner vorerst jedoch eine Absage. Auch wenn das Feld spannend sei, liege der Fokus aktuell „ganz bewusst darauf, Prävention für den einzelnen Nutzer greifbar und verständlich zu machen“. B2B2C-Modelle sehe sie erst langfristig als Potenzial.

Auch der geplante Telehealth-Ausbau liegt noch in der Ferne. Zunächst müsse die technologische Grundlage stehen. „Der Ausbau in Richtung digitaler Beratung ist deshalb perspektivisch geplant, aber nicht der erste Schritt nach dem Launch“, stellt Flechtner klar. Für die spätere Qualitätssicherung verspricht sie allerdings bereits klare Qualifikationsanforderungen und ein kuratiertes Netzwerk aus zertifizierten Berater*innen.

Einordnung & Fazit

Preeo surft auf einer massiven Welle. Die Fusion aus KI-Tracking und Gesundheitsdaten ist der logische nächste Schritt in der Evolution der Health-Apps. Isoliertes Kalorienzählen ist ein Relikt der Vergangenheit. Gelingt es Preeo nach dem Launch Ende März, eine loyale Nutzer*innenschaft aufzubauen und nahtlos in höherwertige Longevity-Services zu konvertieren, winkt dem jungen Hamburger Start-up die Rolle als relevanter europäischer Player. Zuvor muss das Gründungs-Duo jedoch beweisen, dass seine Algorithmen echten gesundheitlichen Mehrwert liefern, der den Wechsel von den etablierten Platzhirschen rechtfertigt.

Clean Ocean Coatings: Grüne Revolution am Schiffsrumpf

Wie das 2021 von Patricia Griem und Dr. Christina Linke gegründete Hamburger Start-up Clean Ocean Coatings den Milliardenmarkt für Schiffsfarben aufmischen will.

Algen und Muscheln am Rumpf kosten die globale Handelsschifffahrt jährlich Milliarden an zusätzlichem Treibstoff und schaden den Ozeanen. Das Start-up Clean Ocean Coatings hat eine biozidfreie Alternative entwickelt, die in Feldversuchen überrascht. Doch kann sich ein DeepTech-„Zwerg“ gegen die globalen Chemie-Giganten behaupten? Eine Analyse.

Das Phänomen ist so alt wie die Seefahrt selbst: Sobald ein Schiffsrumpf ins Meerwasser taucht, siedeln sich Mikroorganismen, Algen und schließlich Seepocken an. Dieses sogenannte Biofouling macht Schiffe schwerer und erhöht den Wasserwiderstand enorm. Laut Angaben des Fraunhofer-Instituts kann starker Bewuchs den Kraftstoffverbrauch von Frachtschiffen um bis zu 40 Prozent in die Höhe treiben.

Die gängige Lösung der Industrie ist ebenso pragmatisch wie umstritten: Antifouling-Lacke, die oft auf Zinn- und Kupferbasis beruhen oder Mikrokunststoffe enthalten. Das Prinzip vieler dieser Beschichtungen ist es, sich im Wasser absichtlich abzuwaschen („self-polishing“), um den Bewuchs mitsamt der obersten Farbschicht abzustoßen. Dabei gelangen Schätzungen zufolge jährlich rund 100.000 Tonnen toxischer Substanzen in die Weltmeere – ein Vorgang, den Kritiker als die wohl größte unregulierte Umweltverschmutzung der maritimen Industrie bezeichnen.

Aus dem Labor vor dem Aus gerettet

Genau an diesem ökologischen wie ökonomischen Hebel setzt Clean Ocean Coatings an. Die Geschichte des Start-ups ist ein klassisches Beispiel für den Technologietransfer aus der Wissenschaft. Co-Gründerin und Materialwissenschaftlerin Patricia Griem begleitete die Basis der Beschichtung über acht Jahre lang in Forschungsprojekten an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und der Phi-Stone AG. Als Fördergelder ausliefen, drohte die Technologie in der Schublade zu verschwinden.Auf einer Konferenz Anfang 2020 hörte Dr. Christina Linke davon. Die promovierte Lebensmitteltechnologin (mit R&D-Stationen bei Unilever und Symrise) erkannte das immense Marktpotenzial. Die beiden Frauen schlossen sich zusammen und gründeten im Mai 2021 die Clean Ocean Coatings GmbH, um das Patent zur Marktreife zu führen.

Ökologie trifft auf harte Wirtschaftlichkeit

Das Ergebnis ist ein sogenanntes Ecoating“(basierend auf der Technologie Polyramik®), eine biozid- und lösungsmittelfreie Kombination aus nanostrukturierten Partikeln und einer Polymermatrix. Sie macht den Rumpf extrem glatt, wodurch sich Organismen schwerer ansiedeln und durch die Wasserströmung schlicht abwaschen lassen.

Dass das Konzept in der rauen Realität der Meere funktioniert, legen Branchendaten nahe: In einem achtmonatigen Feldversuch wies das Ecoating deutlich weniger Abrieb auf als konventionelle Vergleichsprodukte. Selbst siebeneinhalb Jahre alte Testflächen auf Frachtschiffen sollen laut Unternehmensangaben noch immer intakt sein.

Der eigentliche Treiber für die zutiefst konservative Schifffahrt ist jedoch ökonomischer Natur. Ein Werftaufenthalt im Trockendock kostet bei großen Handelsschiffen schnell mehrere Millionen US-Dollar. Hinzu kommen die „Off-Hire-Kosten“ – Einnahmeausfälle für jeden Tag, an dem das Schiff im Dock liegt. Die Hamburger Lackierung soll nicht nur den Treibstoffverbrauch senken, sondern vor allem deutlich länger halten als herkömmliche Lacke und mit weniger Schichten auskommen. Für Flottenbetreiber bedeutet das längere Wartungsintervalle und potenziell Einsparungen in Millionenhöhe.

Start-up vs. Chemie-Oligopol

Trotz der technologischen Brillanz der Idee steht das Start-up vor massiven Hürden. Die kommerzielle Schifffahrt ist extrem risikoavers; Reeder vertrauen seit Jahrzehnten auf etablierte Marken, denn ein misslungener Anstrich bei einem 200-Meter-Frachter ist ein logistischer Albtraum. Zudem wird der Markt von einem globalen Oligopol dominiert – Giganten wie Jotun, Hempel oder AkzoNobel verfügen über fest zementierte Netzwerke zu den asiatischen und europäischen Werften.

Wer hier Marktanteile erobern will, muss enorme industrielle Produktionskapazitäten aufbauen und hochsensible Spezialchemie just-in-time um die halbe Welt liefern. Der Kapitalbedarf für diesen Kraftakt ist immens. Neben staatlichen Förderungen wird das Start-up daher von Impact-Venture-Capital-Gebern wie dem Frühphasen-Investor capacura finanziert, die das nötige strategische und monetäre Fundament für die anstehende Skalierung legen.

Fazit

Die Marktchancen sind exzellent – nicht zuletzt, weil die EU und die Internationale Seeschifffahrts-Organisation (IMO) alte Lacke zunehmend reglementieren. Gelingt es Linke und Griem, verlässliche globale Lieferketten aufzubauen, könnte Clean Ocean Coatings den Markt nachhaltig verändern – oder zu einem hochattraktiven Übernahmeziel für jene Branchenriesen werden, gegen die das Start-up heute mutig antritt.

tozero: Vom Pilotprojekt zur Industrieanlage in Rekordzeit

Das Münchner ClimateTech-Start-up tozero hat Europas erste industrielle Demonstrationsanlage für das Batterierecycling eröffnet. Es ist der nächste ehrgeizige Schritt im Kampf um die europäische Rohstoffsouveränität.

Hinter tozero stehen Sarah Fleischer, Serienunternehmerin und Maschinenbauingenieurin, sowie die renommierte Metallurgie-Expertin Dr. Ksenija Milicevic Neumann. Die Gründung im Jahr 2022 traf den exakten Nerv der Zeit: Geopolitische Spannungen und der anstehende EU-Regulierungsdruck schufen ein ideales Umfeld für strategische Investitionen in die Kreislaufwirtschaft.

Das Tempo, das tozero seither vorlegt, ist in der eher trägen Hardware-Welt bemerkenswert: Bereits im Juli 2023 startete der Betrieb der ersten Pilotanlage in München. Nur neun Monate später, im April 2024, lieferte tozero als erstes europäisches Start-up recyceltes Lithium an kommerzielle Kund*innen aus. Zuletzt konnte das Unternehmen im Februar 2025 zudem als Erster in Europa 100 % recycelten Graphit für die industrielle Produktion von Lithium-Ionen-Batteriezellen qualifizieren.

Die neue Anlage: Was die Technologie verspricht

Die nun im Chemical Park Gendorf bei München eröffnete Demonstrationsanlage wurde in lediglich sechs Monaten errichtet. Sie ist darauf ausgelegt, jährlich 1.500 Tonnen Batterieabfälle zu verarbeiten und daraus unter anderem hochreines Lithiumcarbonat sowie Graphit und eine Nickel-Kobalt-Mischung zurückzugewinnen. Das entspricht dem nötigen Batteriematerial für rund 6.000 Elektrofahrzeuge.

Das technologische Herzstück ist ein proprietäres, säurefreies hydrometallurgisches Verfahren, das die Rückgewinnung in einem einzigen Kreislauf ermöglicht. Anders als beim etablierten Hochtemperatur-Schmelzen (Pyrometallurgie) kommt dieser Ansatz mit einem deutlich geringeren CO-Fußabdruck und sorgt für einen „grünen Preisvorteil“. Die Materialien sind dabei so rein, dass sie direkt wieder in die Produktion eingespeist werden können. Für das Jahr 2030 ist bereits eine großskalige Anlage geplant, die die ersten tausend Tonnen Batterieabfälle pro Jahr verarbeiten soll.

Gigantisches Potenzial trifft auf reale Engpässe

Der regulatorische und marktgetriebene Rückenwind für tozero ist enorm. Seit 2010 ist der globale Lithiumverbrauch für Batterieanwendungen von 20 Prozent auf über 70 Prozent des Gesamtbedarfs gestiegen. Bis 2030 wird sich die weltweite Nachfrage nach Lithium voraussichtlich nochmals vervierfachen. Laut Prognosen der Großbank UBS droht der Weltmarkt bereits ab 2026 in ein Lithium-Versorgungsdefizit zu rutschen, das ab 2035 zu einer weltweiten Versorgungslücke von mehr als 33 Prozent führen könnte.

Gleichzeitig stammt laut EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen derzeit 97 Prozent des in Europa verbrauchten Lithiums aus China – tozeros Pressemitteilung spricht von einer 99-prozentigen Auslandsabhängigkeit beim Lithium. Das EU-Gesetz über kritische Rohstoffe fordert daher zwingend, dass künftig 25 Prozent der Versorgung aus Recyclingquellen gedeckt werden. Tozero übertrifft dabei mit einer beständigen Lithiumrückgewinnungsrate von über 80 Prozent in Pilotprojekten (unter anderem mit BMW und MAN) bereits heute das von der EU für 2031 gesteckte Ziel.

Doch das aktuelle Marktumfeld ist paradox: Obwohl die Zukunft nach Recycling ruft, warnen Experten derzeit davor, dass das Batterierecycling in Europa kurzfristig oft unprofitabel ist. Das Kernproblem ist der Input. Es gibt aktuell schlichtweg zu wenig Batterie-Rückläufer (End-of-Life-EV-Batterien), was dazu führt, dass viele europäische Anlagen weit unter ihrer Kapazitätsgrenze laufen. Erschwerend kommt hinzu, dass begehrte "Black Mass" (geschredderter Batterieschrott) von europäischen Vorverarbeiter*innen teils lukrativer an asiatische Giganten verkauft wird.

Starker Wettbewerb: Wer schließt den Kreislauf?

Tozero ist in diesem hart umkämpften Markt keineswegs allein. So punktet etwa das Aachener Start-up und RWTH-Spin-off Cylib mit einem Ende-zu-Ende-Recyclingansatz für alle Batterieelemente sowie einem starken finanziellen Rückhalt. Auch das niedersächsische Unternehmen Duesenfeld mischt in der Branche kräftig mit und setzt auf ein etabliertes mechanisch-chemisches, emissionsarmes Verfahren, das ganz ohne Einschmelzen auskommt.

Neben den agilen Start-ups drängen zunehmend auch Großkonzerne in das Feld: Traditionelle Metallurgie-Riesen wie Umicore oder große Batteriehersteller wie Northvolt investieren massiv in geschlossene Kreisläufe. Ein Blick über den Atlantik zeigt zudem die Dominanz globaler Player. In den USA hat Redwood Materials – geführt von Tesla-Mitgründer JB Straubel – mithilfe von Milliarden-Fundings und exklusiven OEM-Partnerschaften bereits gewaltige Marktanteile erobert.

Kritisch eingeordnet

Trotz der technologischen Exzellenz muss das Geschäftsmodell für den langfristigen kommerziellen Erfolg noch einige Hürden nehmen:

  • Feedstock-Sicherung: Die größte Herausforderung ist nicht die Chemie, sondern das Sourcing. Auch wenn die Branche Altbatterien gern als "oberirdische Minen" bezeichnet, muss sich tozero in der Realität langfristige Lieferverträge mit Automobilhersteller*innen sichern, um die Auslastung der Anlagen zu garantieren.
  • Gewaltiger CapEx-Bedarf: Der geplante Schritt von der aktuellen 1.500-Tonnen-Demonstrationsanlage hin zur geplanten kommerziellen Anlage im Vollmaßstab im Jahr 2030 erfordert immensen Kapitalaufwand. Industrielles Recycling frisst im Scale-up-Prozess oft dreistellige Millionenbeträge, was extrem anteilsverwässernde Finanzierungsrunden oder massive Fremdkapitalaufnahmen erfordert.
  • Preisvolatilität: Tozero betont zwar, mit seinem effizienten Verfahren einen echten "grünen Preisvorteil" zu erzielen. Dennoch bleibt das Modell anfällig für die starken Preisschwankungen am Weltmarkt. Brechen die Lithium- oder Nickelpreise für Primärrohstoffe ein, geraten auch die Margen von Recyclern unmittelbar unter Druck.

Fazit

Der Case tozero zeigt eindrucksvoll den Wandel im europäischen Venture Capital: Weg von reinen Software-Lösungen, hin zu hochkomplexem ClimateTech, das strategische und geopolitische Probleme löst. In unter vier Jahren vom Labor zur laufenden Industrieanlage zu kommen, ist ein starker Vertrauensbeweis für Investoren. Tozero hat verstanden, Regulierungen als Katalysator zu nutzen und frühzeitig mit Branchengrößen zu validieren. Auf dem Weg zum kommerziellen Großanlagen-Betrieb 2030 werden nun vor allem clevere Lieferkettenverträge, strategische Partnerschaften und fundierte Fundraising-Skills über den finalen Markterfolg entscheiden.