Wir stellen fünf Start-ups vor, die mit EU-Unterstützung Technologien entwickeln, um das Leben von Menschen mit Behinderung zu erleichtern.

In der Europäischen Union leben 80 Millionen Menschen mit Behinderung. In Deutschland sind es rund zehn Millionen. Sie sind auf viele Formen der Unterstützung angewiesen – ob bei der Arbeit oder im Alltag. Technische Hilfsmittel sind ein zentraler Bestandteil dieser Unterstützung. Smarte Algorithmen, innovative Technologien, mechanische Prothesen und Apps bauen Barrieren ab, denen Menschen mit Behinderungen im täglichen Leben begegnen.

Der europäische Markt für diese „assistiven“ Technologien hat einen Umfang von etwa 30 Mrd. Euro jährlich. Start-ups und KMU, deutschland- und europaweit, versuchen, einen Platz auf diesem Zukunftsmarkt zu finden. Die besten unter ihnen fördert die EU mit Finanzierungen und Rat, primär durch das Förderinstrument für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) des EU-Forschungsrahmenprogramms „Horizont 2020“ (KMU-Instrument). Mit dem KMU-Instrument werden hochinnovative und wachstumsstarke kleine und mittlere Unternehmen bei der Kommerzialisierung ihrer Neuentwicklungen unterstützt. Im Zeitraum 2018 bis 2020 ist das Instrument mit 1.6 Mrd. Euro ausgestattet und soll rund 4000 KMU in Europa helfen durchzustarten.

Fünf Unternehmen, die dank Unterstützung durch das KMU-Instrument der EU im Jahr 2019 innovative Technologien für Menschen mit Behinderungen vorantreiben, werden hier exemplarisch vorgestellt:

Inventivio

©Tactonom

Mit einer stark eingeschränkten Sehfähigkeit hat man es im Beruf schwer. Auch erfolgreiche Menschen finden nach ihrer Erblindung oft keine Anstellung. Denn aufgrund fehlender Ausgabetechnologien haben Sehbehinderte bisher keinen selbstständigen Zugang zu vielen digitalen Informationen wie Grafiken und Tabellen. Die eingeschränkten Einsatzmöglichkeiten am Arbeitsplatz führen zu einer hohen Arbeitslosigkeit unter Sehbehinderten − in der EU liegt sie bei 75 Prozent.

Das Nürnberger Start-up Inventivio hat eine Technologie entwickelt, die für Sehbehinderte ein barrierefreies Arbeiten in vielen Berufen ermöglichen soll. Der Tactonom ist ein taktiles Grafikdisplay, bei dem auf einer DIN-A4-großen Fläche mehr als 10.500 Tastpunkte eingelassen sind. Das Gerät wandelt digitale in tastbare Inhalte um. So haben Sehbehinderte erstmals ungehinderten Zugang zu allen digitalen Informationen und können selbstständiger arbeiten.

Ziel der Gründer Dr. habil. Alexander Hars und Dipl. Kfm. Klaus-Peter Hars ist es, mithilfe des Tactonom sehbehinderte Menschen ins Arbeitsleben zu bringen. “Wenn Sie morgen blind werden, werden Sie übermorgen arbeitslos. Unser Ziel ist es, dass rund 88.000 sehbehinderte Menschen mithilfe des Tactonom eine Anstellung finden“, so Klaus-Peter Hars.

Der Tactonom soll deutlich billiger sein als bereits verfügbare Technologien wie etwa die Braillezeile, die aber grafische Inhalte nicht darstellen kann. Der deutsche Markteintritt ist für Frühjahr 2019 geplant. Danach wollen die Gründer den Tactonom zeitgleich in mehreren weiteren EU-Staaten auf den Markt bringen. Dabei werden sie von der EU unterstützt. Mehr Infos hier

Vibrosonic

Die Vibrosonic Hörkontaktlinse. ©Vibrosonic

14 Millionen Deutsche hören schlecht, aber nur 20 Prozent tragen ein Hörgerät. Für viele Menschen mit Hörschäden sind Hörgeräte eine Last. Oft sind die Geräte unangenehm zu tragen, die Klangqualität ist unzureichend (Geräusche können verzerrt oder undeutlich sein) und die Pflege und Wartung sind aufwändig. Insbesondere sind die Geräte sehr auffällig, was es für manche peinlich macht, sie zu tragen. Das Mannheimer Start-up Vibrosonic arbeitet an einer Lösung: Es entwickelt, produziert und vermarktet äußerlich unsichtbare „Hörkontaktlinsen“.

Bei den Hörkontaktlinsen sitzt ein Mikrolautsprecher direkt auf dem Trommelfell des Trägers – ähnlich wie eine Kontaktlinse direkt auf dem Auge aufliegt. Über ein kleines Kabel ist der Lautsprecher mit einem Chip und einer winzigen Batterie verbunden. Das gesamte Gerät ist in etwa so klein wie ein Maiskorn. Dank der Mikrosystemtechnik des Geräts und der Lage direkt auf dem Trommelfell, bietet es hohe Verstärkungsleistungen und überragende Klangqualität.

„Wir entwickeln ein Hörsystem, das von außen völlig unsichtbar ist und gegenüber heutigen Hörgeräten eine deutlich verbesserte Klang- und Verstärkungsqualität bietet,“ so Dr. Dominik Kaltenbacher, Mitgründer und Geschäftsführer von Vibrosonic. Geeignet ist die Hörkontaktlinse für Menschen mit leichtem bis mittlerem Hörverlust – das sind rund 85 Prozent aller Schwerhörigen. Derzeit befinden sich die Hörkontaktlinsen von Vibrosonic noch in der Testphase. Der Markteintritt ist für das Jahr 2021 geplant. EU-Gelder helfen den Vibrosonic Gründern dabei, ihr Produkt bis zur Marktreife zu bringen. Mehr Infos hier

Sign Time

Beispiele der 3D-animierten Clips von Sign Time ©SiMAX by Sign Time

Das Wiener Start-up Sign Time wurde mit dem Ziel gegründet, um gehörlosen Personen den Zugang zur Welt der Kunst und Kultur zu ermöglichen und dies als Selbstverständlichkeit zu etablieren,“
so das Credo des Gründerduos Georg Tschare und Monika Haider.

Sign Time produziert digitale Tools zur Übersetzung von Inhalten in Gebärdensprache – von Firmen-Websiten bis hin zu Filmen und Packungsbeilagen für Medikamente. Zu diesem Zweck haben die Gründer Georg Tschare und Monika Haider die Software SiMAX entwickelt, welche menschliche Übersetzer bei ihrer Arbeit unterstützt, indem sie halbautomatisch Übersetzungen in Gebärdensprache erstellt. Die Software arbeitet mit einem intelligenten, auf einer Datenbank basierenden Algorithmus und liefert alle Übersetzungen in Form eines animierten Videos, in dem ein Avatar die Inhalte gebärdet.

Die Software wird zwar von menschlichen Übersetzern bedient. Diese müssen die erzeugten Übersetzungen aber lediglich überprüfen und anpassen. Das ist im Vergleich zur herkömmlichen Produktion von Übersetzungsvideos im Studio – mit menschlichen Gebärdensprachübersetzern vor der Kamera – äußerst kosten- und zeiteffizient. Die mit der Technologie erzeugten Avatare können zudem durch ihre Mimik Emotionen und grammatikalische Bedeutungen vermitteln, die für das Verständnis der Gebärdensprache wesentlich sind.

Die 3D-animierten Clips von Sign Time können in längere Videos eingebettet oder als eigenständige Filme in Websiten integriert werden. Das Aussehen der gebärdenden Avatare kann beliebig, etwa an die Corporate Identity eines Unternehmens, angepasst werden. Mit Hilfe von EU-Fördergeldern konnte das Unternehmen 2015 den Weg für die österreichische Markteinführung seines Produkts ebnen und bereitet derzeit die EU-weite Markteinführungsstrategie vor. Mehr Infos hier

ReMoD

Anna Vonnemann und Dindia Gutmann ©ReMoD

Das Berliner Start-up ReMoD entwickelt und vermarktet ein Gerät zur Haltungskorrektur von Hemiparese-Patienten und von Menschen mit Gleichgewichtsstörungen. Als „Hemiparese“ bezeichnet man eine halbseitige Lähmung. Oft tritt sie nach einem Schlaganfall auf. Ungefähr die Hälfte der rund 270.000 Menschen, die jährlich in Deutschland einen Schlaganfall erleiden, ist danach halbseitig gelähmt. Eine halbseitige Lähmung zieht nicht nur eine stark eingeschränkte Mobilität der Betroffenen nach sich, sondern führt meist auch zu Sekundärschäden, wie Gelenkverschleiß, Schmerzen und Spastiken. „Halbseitig Gelähmte können Körperbewegungen nicht fühlen und sich deswegen auch nicht an Bewegungen erinnern. ReMoD verändert Bewegungen mit Hilfe kleiner elektrischer Impulse, damit Patienten wieder laufen lernen können“, so Anna Vonnemann, Gründerin von ReMoD.

Die Idee für ReMoD hatte Erfinderin und Gründerin Anna Vonnemann aufgrund des vorgeburtlichen Schlaganfalls ihrer Tochter Dindia. Dieser verursachte, dass Dindia schon halbseitig gelähmt auf die Welt kam. Um ihrer Tochter das Laufen wieder beizubringen, entwickelte Anna Vonnemann ReMoD (Remember-Motion-Device). Das Gerät funktioniert wie ein Gleichgewichtsorgan: Sobald Nutzer eine falsche Haltung einnehmen, gibt es ihnen einen unangenehmen elektrischen Impuls, der sie daran erinnert, ihre Haltung zu korrigieren. Das Gerät ermöglicht halbseitig Gelähmten sowie Menschen mit Gleichgewichtsstörungen somit die selbstständige Steuerung ihrer Bewegungen. Getragen wird ReMoD um die Schultern, wie eine Weste. Die stromabgebenden Elektroden werden ober- und unterhalb des Schlüsselbeins angeklebt und sind verbunden mit in der Weste verbauten Kabeln.

Anna Vonnemanns Tochter Dindia kann mit Hilfe des ReMoDs inzwischen fast wieder wie normal gehen. Dazu haben sich viele der Sekundärschäden, z.B. ihre Spastik, vermindert. Jetzt, wo Dindia endlich mobil ist, bereist sie die Welt. Derzeit ist sie auf Erkundungstour im Amazonasgebiet. Mit EU-Geldern konnten Anna und Dindia die Endentwicklung des Geräts finanzieren. Die Zulassung für den Einsatz als Medizinprodukt auf dem deutschen Markt hat ReMoD bereits erhalten. 2019 startet die Serienfertigung. Mehr Infos hier

Signmark Productions

Die chabla-App ©Signmark Productions

In der Europäischen Union leben rund 71 Millionen hörgeschädigte Menschen. Um im täglichen Leben mit Hörenden kommunizieren zu können, sind sie meist auf Gebärdendolmetscher angewiesen. Diese sind aber nicht immer verfügbar. Etwa wenn ein Gehörloser einen Notruf tätigen muss oder von einem hörenden Menschen angerufen wird. Das finnische Unternehmen Signmark Productions löst dieses Problem mit seiner Videoanruf-App chabla.

Die App verbindet jeden, der Gebärdensprache verwendet, direkt mit einem internationalen Gebärdendolmetschernetzwerk und ermöglicht Nutzern somit jederzeit gedolmetschte Anrufe zu tätigen und zu empfangen. Dabei wird ein passender Dolmetscher per Bildfunktion zugeschaltet. „Ohne chabla ist es für jemanden, der die Gebärdensprache nicht beherrscht, nahezu unmöglich, mit einem Gehörlosen ein Videotelefonie-Gespräch zu führen", so Marko Vuoriheimo, Entwickler von chabla. In der Praxis funktioniert chabla folgendermaßen: Nutzer öffnen die App und wählen aus, wen sie anrufen und welche Gebärdensprache sie verwenden möchten.

Danach sucht die App nach einem geeigneten Dolmetscher. Sobald ein passender Dolmetscher gefunden wurde, wird der Anruf verbunden. Mit EU-Unterstützung konnte Signmark Productions die chabla-App bereits in Dänemark, Frankreich, Finnland, Deutschland und Großbritannien einführen sowie neue Partnerschaftsmodelle für die zukünftige Nutzung der App entwickeln. Mehr Infos hier