Corona-K.o. für UrmO

Autor: Hans Luthardt
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Die UrmO-Gründer hatten es sich zur Aufgabe gemacht, die sog. letzte Meile im Kontext der urbanen Mobilität mithilfe ihres UrmOs zu bedienen. Das Vorhaben ist im August 2020 gescheitert – darüber sprachen wir mit Co-Gründer Sebastian Gouy.

Ein Bild aus besseren Tagen: Die UrmO-Gründer Sebastian Gouy, Felix Ballendat und Jakob Karbaumer, eingerahmt von ihrem UrmO

Was ist der UrmO? Als klappbarer, komfortabler und elektrisch angetriebener Segway stellt er ein alltagstaugliches Kleinstfahrzeug und damit zugleich eine ideale Ergänzung für den ÖPNV und das eigene Auto dar. Zielgruppe sind technologieaffine Menschen, die viele Wege in der Stadt zurücklegen müssen, also insbesondere Pendler, aber auch Menschen, die häufig Kurzstrecken fahren. Mit ihrem UrmO wollten die Gründer den innerstädtischen Verkehr der Zukunft mitgestalten und einen Beitrag dazu leisten, die Weichen für eine neue, umweltverträglichere Mobilität zu stellen.

Soweit die Idee und die Vision der Münchner Gründer Jakob Karbaumer, Felix Ballendat und Sebastian Gouy, die den Start 2017 und die Prototypen-Entwicklung mit eigenen Ersparnissen und einer sehr erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne (das Fundingziel wurde binnen 24 Stunden erreicht – insgesamt konnten mehr als 200.000 Euro eingesammelt werden) stemmten. „Nach der Crowdfunding-Kampagne werden wir eine Investmentrunde durchführen, um Werkzeuge für die Produk­t­ion zu finanzieren. Und dann startet die Serienproduktion mit einem großen Produktionspartner. Wir sind auch schon in sehr intensiven Gesprächen“, so Co-Gründer Sebastian in einem Starting-­Up-Interview im Sommer 2018.

„Im Rahmen des Fundings bzw. der Vorstellung hatten wir erstmals richtigen Kundenkontakt und haben dabei gemerkt, aus wie vielen Teilen der Erde Menschen auf uns zukommen, um uns zu unserem Produkt zu beglückwünschen. Da haben wir ge­sehen, dass die Leute wirklich auf unser Produkt warten“, so Sebastian. Investoren, Interessenten, Journalisten (auch wir von StartingUp haben UrmO medial aufmerksam von Beginn an begleitet) und Wettbewerbs-Juroren sahen ebenfalls großes Potenzial in der Mobilitätslösung von UrmO. Die einhellige Meinung: ein super Produkt zur richtigen Zeit.

Mitte 2019 holten die Gründer den ersten Investor an Bord, der zweite folgte Ende desselben Jahres. Einen weiteren Meilenstein konnten die Unternehmer im Sommer 2019 für sich verbuchen: Sie schlossen einen Entwicklungsvertrag mit einem deutschen Automobilhersteller ab. Das Ziel: Der UrmO sollte eine Integrationslösung für dessen Fahrzeuge sein, also beim Kauf des Autos als voll in das Fahrzeug integrierter Bestandteil mitgeliefert werden. Im Februar 2020 waren die technischen Voraussetzungen für dieses Projekt gemeistert, die Unterzeichnung des dazugehörigen Einkaufvertrags stand bevor. „Wir haben das als Wahnsinnsmöglichkeit gesehen, unseren UrmO auf den größten Messen der Welt zusammen mit dem Automobilhersteller präsentieren zu können. Der Marketingeffekt wäre für uns das größte Ding, quasi der Ritterschlag gewesen“, so Sebas­tian, „und mit der so garantierten Stückzahl hätten wir eine Grundauslastung erreicht und darauf basierend unseren eigenen Markt weiter bearbeiten können“.

K.o. auf der Zielgraden

Die Gründer wähnten sich zu Recht auf der Zielgeraden, ihr cooles, innovatives Fahrzeug war kurz davor, in Serie gehen zu können. Das Jahr 2020 sollte den endgültigen Durchbruch für den UrmO und den Start der Serienproduktion mit sich bringen. Trotz dieser positiven Prognosen und des unermüdlichen Einsatzes der Gründer und ihres Teams scheiterte UrmO. Corona kam und die Münchner mussten Anfang Juni 2020 Insolvenz anmelden. Alle Rettungsversuche blieben erfolglos – am 8. August wandten sich Sebastian, Felix und Jakob mit dieser Meldung an ihre Community:

„Das ist das Ende unserer Vision mit UrmO. Die letzten Monate waren nicht einfach für uns. Aufgrund der globalen COVID-19-Pandemie hatten wir viele negative Auswirkungen auf unser Geschäft. Es tut uns sehr leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass wir mit der UrmO GmbH bei den Gerichten in München Insolvenz anmelden mussten. Das bedeutet, dass das UrmO-Fahrzeug nicht wie geplant in die Massenproduktion geht. Auch wenn wir in den letzten Monaten und Jahren hart gearbeitet haben, werden wir unser Versprechen nicht halten können – hochwertige Fahrzeuge an unsere Unterstützer zu liefern. Wir verstehen, dass Sie ... von diesen Neuigkeiten enttäuscht sind und möchten uns wirklich entschuldigen ... Das bedeutet, dass wir unserer Vision des revolutionierten Stadtverkehrs nicht mehr folgen können ... Ein großer Teil dieses Projekts war auch unser Team. Wir waren bis zu 12 Menschen, die an unserer Vision im Büro und in der Werkstatt gearbeitet haben. Danke für eure tollen Ideen und die tolle Zeit, die wir zusammen hatten.“

Was war geschehen?

„2020 sollte unser Jahr, der große Durchbruch für UrmO werden. Doch leider ist genau das Gegenteil passiert, also der Durchbruch nach unten“, bringt es Sebastian auf den Punkt. Im März dieses Jahres war der Plan, eine Finanzierungsrunde mit drei Investoren – der neue dritte war ein mittelständischer deutscher Automobilzulieferer – zu unterschreiben. Der Termin fiel in die Woche, nachdem in Deutschland der Lockdown losging. Der Vertrag stand, die Bewertung war sicher, fest stand, wer wie viel investiert, wer welche Rechte etc. hat. „Es ging im Prinzip nur noch darum, wo ggf. ein Punkt oder ein Komma im Vertrag einzusetzen ist“, so Sebastian. „Am Ende des letzten Gesprächs hat der Automobilzulieferer dann gesagt, dass er uns nicht erschrecken wolle, er aber erstmal schauen müsse, wie es mit Corona weitergehe und ob er dann überhaupt noch investieren könne“, beschreibt Sebastian den alles entscheidenden Wendepunkt.

Der Lockdown nahm mit Kurzarbeit und allen wirtschaft­lichen Folgen seinen Lauf. Als die Gründer den Investor erneut kontaktierten, um den Stand der Dinge zu erfragen, erhielten sie die endgültige Absage – damit war der Vertragsschluss geplatzt. „Ende März sind wir dann direkt in den Krisenmodus gegangen, auch weil wir wussten, dass wir nicht genügend Geld hatten, um das Produkt zu Ende zu entwickeln“, so Sebastian. Mit den beiden verbliebenen Investoren führten sie sofort Gespräche, um Alternativen zu entwickeln bzw. das reine Überleben von UrmO bis Ende des Jahres zu sichern. „Die anfängliche volle Zusicherung der Investoren wurde dann in der Folgezeit von ihnen scheibchenweise wieder abgetragen – am Ende stand zwar die Unterstützung, aber diese war sehr gering“, so Sebas­tian.

Nachdem dann auch der bereits erwähnte Einkaufsvertrag mit dem Automobilhersteller Lockdown-bedingt auf Eis gelegt wurde und daraufhin einer der noch verbliebenen Investoren seine Zusagen ganz zurückzog, war den Gründern unmittelbar klar: „Wir verbrennen kein Extra-Geld mehr, sondern melden sofort Insolvenz an“, so Sebastian.

Knackpunkte: Lifestyle-Produkt und Kaufpreis

Corona hat den UrmO-Gründern offensichtlich das unternehmerische Genick gebrochen. Das in die Lockdownphase fallende Aus der Investoren und die fehlende (wirtschaftliche) Perspektive machten den Insolvenzantrag unabwendbar. Dennoch fragt man sich, was den Gründern neben der unvorhersehbar hereingebrochenen Wirtschaftskrise vielleicht noch zusätzlich zu schaffen gemacht hatte. UrmO wäre letztlich ein hochpreisiges Lifestyle-Produkt für eine überschaubare Käuferschicht geworden – günstige bis billige E-Roller und Co. sind auf dem Markt und in den Straßen angekommen –, kein leichtes Feld für ein Premiumprodukt „Made in Germany“.

Dazu Sebastian: „Wenn wir mit Investoren gesprochen haben, war der Kaufpreis unseres Produktes immer ein Thema. Dieses Thema ist in Verbindung mit der Wirtschaftskrise verständlicherweise auch in den Vordergrund gerückt worden. Wir haben vor der Insolvenz auch noch mit neuen Investoren gesprochen, die uns aber alle einhellig gesagt haben, dass sie im Moment überhaupt nicht abschätzen können, wie tiefgreifend die Wirtschaftskrise sein wird und wie relevant unser Produkt am Ende noch sein kann.“ Fakt ist: Der UrmO kann bzw. konnte und sollte auch kein Billigprodukt sein, der Preis jedoch langfristig gesehen – bei steigenden Produktionszahlen – sinken, so Sebastian. Auch dazu sollte der Einkaufsvertrag mit dem Automobilhersteller die Grundlage darstellen.

Und nun?

UrmO ist heute Geschichte, die drei Gründer und ihr Team ebenfalls. Im Gründer-der-Woche-Interview mit StartingUp hatte Sebastian im Sommer 2018 folgenden Rat für andere Gründer: „Habt keine Angst vor dem Scheitern. Wer ein eigenes Unternehmen gründet, kann nur gewinnen, selbst wenn sich die Idee nicht wie geplant durchsetzt. Es geht trotzdem weiter, denn Gründer zu sein, ist eine Lebenseinstellung und kein Job.“

Wie sieht er das heute? „Das kann ich noch 1-zu-1 unterschreiben. Ich empfinde das Scheitern auch nicht als ein persönliches Scheitern. Natürlich, ein Unternehmen geht zu Ende, die Idee ist gescheitert, aber ich bzw. wir haben dadurch viel hinzu- bzw. über uns gelernt. Natürlich war der Moment schwierig, sich das Scheitern einzugestehen und die Entscheidung zu treffen, Insolvenz anzumelden. Mit dem Thema hatten wir uns ja zuvor noch nie auseinandergesetzt, obwohl die Wahrscheinlichkeit, dass Gründer scheitern bzw. auch Insolvenz anmelden müssen, bei ungefähr 50 Prozent liegt“, so Sebastian.

Schluss ist mit dem Unternehmertum für Sebastian damit wohl nicht. „Ich möchte auf jeden Fall wieder ein neues Unternehmen gründen – mich an einer jungen Idee beteiligen –, ich weiß, dass ich auch durch diesen Prozess viel gelernt habe. Das Dümmste wäre es, aus diesem Wissen jetzt nichts zu machen! Ich bin mir sicher, dass ich relativ zeitnah wieder in der Start­up-Szene sein werde“, gibt sich Sebastian zuversichtlich.

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