Mynoise – mit individuellem Sound gegen den Tinnitus

Gründer der Woche, KW 12/16


44 likes

Das Start-up Mynoise hat sich voll und ganz dem Kampf gegen den Tinnitus verschrieben. Kernstück im aktuellen Online-Angebot des Teams um den HNO-Arzt Dr. Uso Walter ist eine Sounddatei, die – individuell an die Ohrgeräusche des einzelnen Patienten angepasst – der Tinnitustherapie dient.

Uso_Walter


Hallo Herr Dr. Walter! Was ist Tinnitus, woher kommt er, und welche Folgen kann er haben?

Als Tinnitus bezeichnet man Ohrgeräusche, die keine Ursache in der Außenwelt haben. Die häufigsten Ursachen hierfür sind Ohrerkrankungen und stressbedingte Störungen, also innere Anspannung und äußere Verspannung. Ist ein Tinnitus erst einmal hörbar, verursacht er oft Stress, der wiederum den Tinnitus verstärkt. Auf diese Weise entsteht für viele Betroffene ein erheblicher Leidensdruck mit vielfältigen Symptomen wie Geräuschüberempfindlichkeit, Schlaf- und Konzentrationsstörungen sowie Depressionen.


Gibt es den typischen Tinnitus-Patienten?

Da es sich um ein Symptom und keine einheitliche Erkrankung handelt, sind die Patienten so unterschiedlich wie die Ursachen. Gemeinsam ist vielen Betroffenen allerdings die ständige innere Anspannung.  Bei den Altersgruppen gibt es eine Häufung im mittleren Lebensalter, was daran liegt, dass einerseits das Ohr häufig schon beginnende Schäden hat und andererseits gerade in dieser Altersgruppe häufig starke Belastungen im familiären Bereich oder im Job auftreten.


Seit wann gibt es die Tinnitusforschung bereits? Und warum haben Sie als HNO-Facharzt sich darauf spezialisiert?

Das Phänomen Tinnitus wird schon in der Antike beschrieben. Erste echte Forschungsprojekte gibt es seit den 80er-Jahren. Ich habe mich mit dem Thema beschäftigt, da es lange keine befriedigenden Behandlungsverfahren gab und Patienten mit chronischen Erkrankungen in unserem Gesundheitssystem häufig zu kurz kommen, was sowohl für den Arzt als auch für den Betroffenen ziemlich frustrierend ist. Das hat mich dazu gebracht, nach Lösungen zu suchen.


Welche grundsätzlichen Ansätze gibt es zur Bekämpfung des Tinnitus?

Ob ein Tinnitus stört oder nicht, entscheidet sich im Kopf und nicht im Ohr. Daher muss man die zentrale Hörverarbeitung so beeinflussen, dass diese den Tinnitus unterdrückt. Das gelingt mit akustischen Verfahren, verhaltenstherapeutischen Ansätzen und Entspannungsmaßnahmen. Durch die richtige und vor allem individuell angepasste Kombination dieser Therapiebausteine lässt sich dann auch ein schon lange bestehender Tinnitus noch effektiv verbessern.

Frequenzauswahl
Eine Mynoise-Nutzerin bei der Frequenzauswahl


Was ist Ihr Ansatz? Und was bietet Mynoise im Einzelnen?

Mynoise entwickelt wissenschaftlich geprüfte Therapiebausteine zur Behandlung eines chronischen Tinnitus und klärt Patienten über ihr Krankheitsbild und dessen Behandlungsmöglichkeiten ausführlich auf. Und das ausschließlich online.

Begonnen haben wir 2014 mit einer akustischen, frequenzspezifischen Tinnitustherapie, die es erlaubt, einen tonalen Tinnitus, der seine Frequenz nicht oder nur geringfügig ändert, durch das Ausschneiden der Tinnitusfrequenz aus einem breitfrequenten Geräusch zu unterdrücken. Dabei bestimmt der Patient auf der Webseite selbst seine Tinnitusfrequenz und erhält seine passende Sounddatei direkt als Download. 2015 haben wie die binnibeats herausgebracht, eine akustische Entspannungs- und Einschlafhilfe, und dieses Jahr entwickeln wir eine Hörtrainings-App und eine Online-Verhaltenstherapie.

Ziel ist es, ab 2017 eine vollständige, individuelle Online-Tinnitustherapie inklusive akustischer Verfahren, einer Online-Verhaltenstherapie und einer mobilen App anzubieten.


Wann und wie ist das Start-up Mynoise entstanden?

Da es in einer Praxis kaum möglich ist, mehr als ein paar Patienten am Tag mit Tinnitus zu behandeln, entstand die Idee, das Internet für eine orts- und zeitunabhängige Therapie und vor allem auch eine intensive Beratung zu nutzen. Für mich ist Mynoise die logische Fortsetzung meiner Praxistätigkeit: Ich mache eigentlich nichts anderes, ich mache es nur anders.


Wer gehört alles zum Team? Arbeiten Sie persönlich nach wie vor als HNO-Facharzt, oder widmen Sie sich ganz dem Projekt Mynoise?

Zum Team gehören neben mir als HNO-Facharzt und Tinnitus-Experte noch unser Geschäftsführer Jörg Herzberg, ein international erfahrener kaufmännischer Projektleiter, Kristof Becker, Musikwissenschaftler und Toningenieur sowie der Psychologe Dr.Stefan Pennig und der IT-Spezialist Andreas Budde. Darüber hinaus kooperieren wir mit mehreren deutschen Universitäten, der Stiftung Gesundheit im Hamburg und dem Fraunhofer Institut in Duisburg.

Zurzeit arbeite ich zwar noch in der HNO-Praxis, habe also eigentlich zwei volle Jobs, werde aber ab nächstem Jahr den Schwerpunkt nach und nach in Richtung Mynoise verschieben.


Wie haben Sie den Unternehmensstart finanziert?

Das Unternehmen wurde von mir mit eigenen Mitteln 2013 gegründet. 2015 konnten wir dann die ersten beiden Investoren gewinnen, die neben ihrem Kapital auch eine Menge Know-how mit eingebracht haben.


Sie sind Gewinner des Wettbewerbs "startup ruhr 2015". Was bedeutet das für Sie?

Der Gewinn des Wettbewerbs ist einerseits eine tolle Anerkennung für die geleistete Arbeit und die Unternehmensidee, andererseits eine Möglichkeit, sich einem breiteren Publikum und potenziellen Investoren zu präsentieren. Man bekommt als Gewinner einfach mehr Aufmerksamkeit.


Und nun wie immer zum Schluss die Frage: Haben Sie grundsätzliche Tipps, die Sie anderen Gründern mit auf den Weg geben können?

Ich hätte gleich drei Tipps. Erstens: einfach loslegen und dann aus den Fehlern lernen! Wer am Anfang gleich perfekt sein will, kommt oft nicht weit. Zweitens: Der Kunde hat immer Recht! Das Produkt muss ihm gefallen und nicht dem Gründer. Und drittens: flexibel bleiben! Oft ergeben sich Chancen, die mit dem ursprünglichen Plan nicht mehr viel zu tun haben, die aber neue Perspektiven und Umsätze eröffnen.


Herr Dr. Walter, vielen Dank für das Interview!


Hier geht es zu Mynoise


Das Interview führte Fabian Otto

Vorschläge für diese Rubrik an redaktion@starting-up.de

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren: