Der Lakritz-Katzen-Papa

Der Süßwarengigant Katjes

Autor: Sabine Hölper

Vor 60 Jahren experimentierte Klaus Fassin mit einem Rezept seines Vaters, bis seine „Katjes-Kinder“ geboren waren. Diese Lakritz-Katzen sind heute Kult, und aus dem Drei-Mann-Betrieb von einst ist Deutschlands drittgrößter Zuckerwarenhersteller entstanden. Die Erfolgsstory des Familienunternehmens Katjes.

Wer Klaus Fassin bei schönem Wetter besucht, der trifft ihn mit großer Wahrscheinlichkeit in seinem Garten an. Hier zupft der alte Herr, stilecht in grüner Latzhose und mit Strohhut auf dem Kopf, verwelkte Blüten von den Stängeln, stutzt Hecken oder mäht Gras. Fassin wirkt inmitten seiner parkähnlichen Gartenlandschaft, ausgestattet mit Harke und Schubkarre, sehr zufrieden; man merkt, dass er gern mit seinen Händen arbeitet.

Das ist heute so, das war aber auch schon der Fall, als der Gründer der Katjes Fassin GmbH + Co. KG noch die Geschäfte des Unternehmens führte. Da rührte Fassin mit Hingabe in den riesigen Trögen, in denen die schwarze, klebrige Masse träge rotierte. Da experimentierte er so lange mit Apfelkraut und anderen Zutaten, bis er überzeugt war, den richtigen Lakritz-Geschmack gefunden zu haben. Mit der Betriebswirtschaft hatte der Erfinder der  sogenannten Katjes-Kinder, jener kleinen, schwarzen, festen Lakritz-Katzen, weniger am Hut. „Ich stand lieber am Topf, als mich ums Marketing zu kümmern“, sagt Fassin. Aber wer braucht auch schon Marketing, wenn die Kunden am Werktor Schlange stehen, um dem Unternehmer die Lakritz-Katzen aus den Händen zu reißen?

Mottenkugeln und Fliegenfänger

Vor 60 Jahren hat Klaus Fassin sein Unternehmen gegründet.Doch genau genommen steht die Wiege der Katjes-Kinder im holländischen’s-Heerenberg. In dem kleinen Städtchen, nur wenige Kilometer von der deutschen Grenze entfernt, gründete Josef Langenberg, ein Halbbruder von Fassins Vater Xaver, im Jahr 1910 eine chemischpharmazeutische Fabrik zur Produktion von Ostereierfarben, Mottenkugeln und Fliegenfängern. Da sich letztere allerdings nur im Sommer verkaufen ließen, stellte Xaver Fassin, der 1920 ins Unternehmen eintrat, aus dem vorhandenen Zuckersirup Hustenbonbons und Pfefferminze her. Die ersten Naschereien verließen das Werk.

Lakritz-Revolution aus der „Waschküche“

Bis zur Geburtsstunde der Katjes-Kinder sollte es aber noch dauern – bis nach dem Zweiten Weltkrieg. Nun waren Xaver Fassins Kinder alt genug, um selbst das Unternehmertum zu probieren. Helmut, der ältere der beiden Söhne, übernahm die vom Krieg zerstörte Fabrik des Vaters jenseits der Grenze; Klaus, der gerade das Abitur gemacht hatte, erhielt einen kleinen Betrieb diesseits der Grenze, in Emmerich. Der Betrieb war nicht gerade ein Schmuckstück, vielmehr „eine kleine Waschküche“, sagt Fassin, „mit den alten Maschinen aus Holland, die mir mietweise überlassen wurden“.

Wertvoller als das Gebäude war die Dreingabe des Vaters: Ein Lakritzrezept, das er 1910 von einer Reise nach Sizilien mitgebracht hatte. Mit wenigen weiteren Zutaten und dem Gespür dafür, wie Lakritz schmecken sollte – „Wir hatten ja als Kinder auch Lakritz gegessen“ –, stellte Fassin Lakritz-Katzen her. Und weil kleine Katzen auf niederländisch Katjes heißt, nannte er sein erstes Produkt kurzerhand Katjes. Die Firma erhielt den Namen im Übrigen erst einige Jahre später – nachdem die Handelsvertreter häufig mit „Ach, da kommen die Katjes-Leute“ empfangen wurden. In den Anfängen hieß das Unternehmen noch Langenbergs.

Kundenmund tut Wahrheit kund

Hier fing alles an: Von seinem Vater Xaver übernahm Klaus Fassin einen kleinen und betagten Betrieb in Emmerich, in dem er dann seine legendären Lakritz-Katzen erfand

Diese Anfänge waren bescheiden. „Ich glaube, ich hatte zu Beginn nicht einmal ein Gehalt“, sagt Fassin. Doch es dauerte nicht lange, und die drei Mitarbeiter produzierten rund um die Uhr. „Die Katze war ein solcher Renner“, sagt Fassin. „Die Menschen wollten sich nach Kriegsende endlich wieder etwas gönnen.“ Für die ganz großen Mengen reichte das Geld freilich noch nicht. In einem Tante-Emma-Laden um die Ecke gingen die Lakritz-Kätzchen sogar stückweise über die Ladentheke.

„Nach der Rosenkranz-Andacht kamen immer einige Frauen und kauften Katjes“, erinnert sich Fassin. Also ist er nach der Andacht ebenfalls zu dem Laden gegangen. „Ich hörte mir an, was die Käuferinnen lobten und kritisierten, und dann wusste ich, was ich noch verbessern konnte.“ Eine dieser Verbesserungen war, dass sich die Zunge nach dem Genuss von Lakritz nicht mehr schwarz verfärbte.

Qualitätssicherung vor bloßem Gewinnstreben

Ebenfalls seit Generationen prickelnd erfolgreich: Das kultige „Ahoi“ Brause-Pulver

„Ich habe nie auf den Gewinn geschaut“, sagt Fassin heute. Aber nach Verbesserungen habe er immer gesucht. Sich abheben von den anderen, besser sein als die Konkurrenz und niemals etwas nachahmen – das war für Fassin während seiner fast 50-jährigen Unternehmertätigkeit immer das Leitmotto. Deshalb hat er die Kätzchen schon 1960, als die Konkurrenz Lakritz noch lose verkaufte, im roten Beutel angeboten. Und deshalb hat Katjes im Laufe der Jahre zwar Fruchtgummis, niemals aber Gummibärchen hergestellt. Das überlässt man getrost dem zehn Mal größeren Konkurrenten Haribo. Dass sich die Firmen trotzdem mehrmals im Jahr vor Gericht treffen, um Markenrechts- und andere Streitigkeiten auszutragen, liegt wohl an der Sturköpfigkeit beider Eigentümerfamilien.

Ein verbissener Unternehmer war Fassin trotzdem nie. Die Familie war ihm immer genau so wichtig wie die Firma, außerdem ging er gern zum Segeln und zum Skifahren. Und im Gegensatz zu seinem Konkurrenten Hans Riegel, dem Haribo-Chef, der mit 87 Jahren noch immer die Geschäfte leitet, setzte sich Fassin im Alter von 65 Jahren zur Ruhe. Selbst die Tatsache, dass sein einziger leiblicher Sohn, Bastian Fassin, damals erst Anfang zwanzig und somit zu jung war, um den Senior abzulösen, hielt Fassin nicht von seinem Vorhaben ab. Er holte eben einen fremden Manager ins Haus. Heute teilen sich Tobias Bachmüller, der zuvor beim Nahrungsmittelkonzern Kraft Jacobs Suchard das deutsche Milka-Geschäft verantwortete, und Bastian Fassin die Geschäftsleitung. Fassin senior kommt nur noch ein-, zweimal pro Woche in die Firma und schaut die Post durch. „Ich habe aber den Verdacht, dass ich nur die guten Nachrichten auf meinen Tisch bekomme“, sagt er.

2006 wurde die „gläserne Bonbon-Fabrik“ in Potsdam-Babelsberg eröffnet. Hier wird seitdem unter den Augen der Besucher das Naschwerk produziert, welches vor 2006 noch in Italien und Finnland hergestellt wurde

Europaweite Expansion rund ums Naschwerk

Der Schnitt hat der Firma nicht geschadet. Unter der Leitung von Bachmüller und Fassin junior ist das Unternehmen stetig gewachsen. 2010 beschäftigte Katjes 500 Mitarbeiter und produziert jährlich mehr als 300 Millionen Beutel Naschzeug. Umsatzzahlen nennt das Unternehmen zwar nicht, in Branchenkreisen geht man aber von etwa 200 Millionen Euro Jahresumsatz aus. Ein Grund für das Wachstum sind die Zukäufe von kleineren Unternehmen.

So übernahm Katjes 1997 „Dr. Hillers Pfefferminz“, drei Jahre später Villosa. Seit 2002 produziert Katjes außerdem Ahoi-Brause, ein Jahr später übernahm man „Gletscher Eis“ Erfrischungsbonbons und wieder zwei Jahre später erhielt Katjes die Lizenz zur Herstellung von Granini-Fruchtbonbons. Aber auch die Katjes-Markenfamilie ist im Laufe der Zeit erheblich gewachsen. Rund 50 Produkte – von Sauren Heringen über Pinke Pilze bis hin zu Tropenlakritz – sind mittlerweile im Angebot, ständig kommen neue hinzu.

Das erfolgreichste Produkt ist rund 40 Jahre alt und geht somit auf Klaus Fassin zurück. Der Senior-Chef hatte damals die aufkommende Fitness-Welle und den Wunsch der Kundinnen nach kalorienreduzierten Leckereien erkannt – und ein auf Joghurt basierendes Fruchtgummi entwickelt. Dass die Yoghurt-Gums zum neuen Renner im Hause Katjes wurden, ist allerdings auch Heidi Klum zu verdanken. Als das Model aus Bergisch-Gladbach im Jahr 2002 erstmals mit Yoghurt-Gums zwischen den Zehen auf dem Fernsehschirm zu sehen war, ging die Nachfrage nach den bunten, weichen Früchtchen steil nach oben, der Umsatz in Europa soll sich seither mehr als verdoppelt haben.

Modern und familiär

Die Familientradition wird fortgesetzt: Klaus Fassins Sohn Bastian (rechts) teilt sich die Geschäftsleitung mit Tobias Bachmüller, den man als "fremden" Manager ins Haus geholt hat

Kein Wunder, dass im Hause Fassin seither viel Wert auf Marketing gelegt wird. Nicht mehr nur Heidi Klum vernascht öffentlichkeitswirksam Lakritz und Fruchtgummis, auch andere Prominente wie das Model Eva Padberg oder der Komiker Hape Kerkeling waren im Einsatz. Seit kurzem wirbt der ehemalige Fußballmanager Reiner Calmund für Yoghurt-Gums. Dank der Werbeprominenz, aber auch aufgrund der hohen Innovationsdichte und dem klaren Bekenntnis, nur natürliche Zutaten zu verwenden und auf künstliche Farbstoffe zu verzichten, hat sich Katjes vom Drei-Mann-Betrieb zum drittgrößten Hersteller im deutschen Zuckerwarenmarkt hinter Haribo und Storck gemausert.

Trotzdem ist das Unternehmen in Emmerich noch immer ein Familienbetrieb. Und das heißt bei Katjes vor allem: ein familienfreundlicher Betrieb. Mitarbeiter, die eine Familie gründen, erhalten 1500 Euro für jedes Neugeborene. Aber zu einer Familie zählen für die Fassins alle Generationen, weshalb sie auch für ältere Menschen einiges übrig haben. Im Stammwerk in Emmerich ist jeder dritte Mitarbeiter älter als 50, in der 2006 eröffneten gläsernen Bonbon-Fabrik in Potsdam-Babelsberg, in der unter den Augen von Besuchern heute auch das Naschwerk produziert wird, das einst in Italien und Finnland hergestellt wurde, sind zwei Drittel der Mitarbeiter 50 oder älter.

Klaus Fassin hat diese Entscheidungen nicht mehr mit getroffen, für ihn ist die eigene Familie jetzt wichtiger als die Firma, er ist zufrieden, wenn alle zusammenhalten. „Die Familie ist besonders wichtig in den Momenten der Nackenschläge“, erklärt Fassin. Aber auch in guten Zeiten freut sich der alte Herr, dass sein Sohn und die vier Enkel im Nachbarhaus wohnen. Denn ein großer Garten, in dem viele Kinder toben, ist noch viel schöner als einer, in dem die Blumen nur für den Gärtner blühen.