Trendreport: B2B-Start-ups

Autor: Sabine Hölper
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Hohe Margen, schnelles Umsatzwachstum und frühe Profitabilität – damit lockt der Business-to-Business-Bereich. Wir stellen erfolg­reiche B2B-Start-ups und deren Konzepte vor.

Wenn Alexander Rinke von den letzten knapp fünf Jahren erzählt, reiht sich Superlativ an Superlativ. Die Kundenliste seiner Firma Celonis liest sich wie das Who-is-Who der deutschen Wirtschaft: Siemens, Bayer und RWE sind nur drei von mehr als 100 Kunden. Ähnlich imposant ist die Liste der Auszeichnungen. Erst kürzlich wurde das Münchner Start-up von der Unternehmensberatung Deloitte mit dem „Technology Fast 50 Award“ als das am schnellsten wachsende Technologieunternehmen Deutschlands ausgezeichnet. Celonis-Gründer Rinke wurde außerdem auf die europäische Forbes-Liste „30 under 30“ aufgenommen. Sie benennt herausragende Persönlichkeiten, die durch ihre Verdienste und Erfolge maßgeblichen Einfluss in ihren jeweiligen Bereichen ausüben und zukunftsweisende Impulse liefern.

 

Ebenfalls beachtlich ist: Das Unternehmen setzt aktuell mehr als zehn Millionen Euro um. Und – man höre und staune: Bis auf eine kleine Finanzspritze ganz zu Anfang im Rahmen  des Exist-Gründerstipendiums der TUM sind die Münchner komplett eigenfinanziert. Was jedoch am allermeisten beeindruckt, ist diese Zahl: Celonis hat in den letzten vier Jahren ein Umsatzwachstum von knapp 4000 Prozent hingelegt.

Rasantes Wachstum

Die Erfolgsgeschichte der Münchner ist außerordentlich. Ganz und gar außergewöhnlich ist sie nicht. Man hört in letzter Zeit immer wieder von jungen Unternehmen, die in rasanter Geschwindigkeit durch die Decke gehen. Beispiel Perdoo. Das Unternehmen, das eine Zielmanagement-Plattform für Geschäftskunden entwickelt hat, wächst Monat für Monat um 50 Prozent. Beispiel Service Partner One. Die Umsätze des Büro-Dienstleisters legen seit seinem Start im Mai 2015 jeden Monat um 25 bis 30 Prozent zu. Bereits ein Dreivierteljahr nach der Gründung beschäftigen die Berliner mehr als 50 Mitarbeiter an fünf Standorten, bis Ende des Jahres sollen es 16 Niederlassungen sein. In drei Jahren, schätzt Gründer Sven Hock, werde der Umsatz bei 100 Millionen Euro liegen

Dabei hat das Unternehmen das Rad nicht neu erfunden, Kritiker halten ihm vor, es mache mit Banalitäten Geld. Aber das kratzt die Dienstleister nicht. Mit ihrem gebündelten Angebot an Büro-Dienstleistungen treffen sie offenbar einen Nerv. Nur wenige Monate nach Gründung setzen rund 250 Unternehmen auf die Dienste der Berliner. Sie sehen es als Vorteil, dass das Start-up ein Rundum-sorglos-Paket offeriert. Auf Wunsch organisiert es die Reinigung der Büros, stellt Kaffeeautomaten, Wasserspender und täglich einen frischen Obstkorb zur Verfügung, organisiert Umzüge und kümmert sich um kleine Reparaturen. „Unser Alleinstellungsmerkmal ist, dass wir alles aus einer Hand anbieten und zudem garantieren, nur mit den besten Partnern zusammenzuarbeiten“, sagt Service-Partner-One-Gründer Sven Hock. So sparen seine Kunden Geld und Ressourcen.

B2B war nie so richtig sexy

Was die beiden Unternehmen – abgesehen vom durchschlagenden Erfolg – verbindet: Es handelt sich um Start-ups im Bereich Business-to-Business. Das soll nicht heißen, dass B2B-Start-ups bislang nicht erfolgreich gewesen wären. Aber etwas hat sich doch geändert: „B2B war nie so richtig sexy“, sagt Peter Lennartz, Start-up-Experte beim Beratungsunternehmen EY. „Jetzt, nachdem der Hype um die B2C-Start-ups ein wenig abgeebbt ist, haben sich die B2B-Start-ups mehr in den Vordergrund geschoben.“ Oder, um im Bild zu bleiben: Auf einmal sind B2B-Firmen sexy. Und mehr noch: „Ich sehe in den B2B-Start-ups in Deutschland großes Potenzial“, sagt Friedrich Neuman, Geschäftsführer des Berliner Company-Builders Makers, der fast ausschließlich Start-ups aus diesem Bereich fördert.

B2B versus B2C

B2B – das Kürzel gilt als das nächste heiße Ding. Es steht für hohe Margen, schnelles Umsatzwachstum und frühe Profitabilität. „Die Geschäftsmodelle sind in der Regel nah am Cash“, sagt Neuman. IconPeak, das erste Unternehmen im Portfolio von Makers, sei nach 70 Tagen profitabel gewesen. Perdoo, Anfang 2015 gestartet und ebenfalls ein von Makers gefördertes Start-up, war laut Firmenchef Jonathan Morrice „in den letzten Monaten cash-flow-positiv“. Celonis-Chef Rinke behauptet, dass sich sein „Unternehmen immer aus den Einnahmen finanziert hat.“ Zum Vergleich: Der Versandhändler Zalando brauchte sieben Jahre, um aus den roten Zahlen herauszukommen. Zalando ist ein klassisches Business-to-Customer-Unternehmen.

Untersucht man die Erfolgsfaktoren von B2B-Start-ups, ist der Vergleich zu B2C-Firmen obligatorisch. Denn dann wird klar, warum die Business-to-Business-Modelle häufig schneller schwarze Zahlen schreiben bzw. warum umgekehrt B2C-Unternehmen jahrelang nur Kapital verschlingen: B2C-Firmen müssen immens viel investieren, um bekannt zu werden. „Eine Marke zu entwickeln kostet irre viel Geld“, sagt Lennartz. Und selbst wenn es den Start-ups mit Hilfe von millionenschweren Marketingbudgets gelingt, bald Kunden zu finden, „bleibt immer noch die Frage, wie man diese monetarisiert“, so Neuman. B2B-Unternehmen hingegen können bereits mit einer Handvoll Kunden und mit wenig Kapital im Markt bestehen. „Sobald ein Use Case geschaffen wurde, kann man das Geschäftsmodell weiter ausbauen“, sagt der Makers-Chef. Meist kommt erst zu diesem Zeitpunkt zum ersten Mal Risikokapital ins Spiel, oft fließt es sogar noch später. Das 2009 gegründete Unternehmen Signavio, ein Anbieter von Prozessmanagement-Software für den industriellen Sektor, hat erst nach fünf Jahren die erste Finanzierungsrunde abgeschlossen. Die Berliner haben das Geld für die Internationalisierung eingesetzt.

In Aufbruchstimmung

Celonis-Chef Alexander Rinke hat in den letzten vier Jahren ein Umsatzwachstum von rund 4000 Prozent hingelegt. Sein B2B-Produkt: eine Software, die IST-Prozesse in Echtzeit analysiert und so die Qualität in Unternehmensprozessen steigert

B2B ist nicht nur plötzlich sexy. Es gründen auch immer mehr Entrepreneure Firmen in diesem Segment. Belastbare Zahlen für den deutschen Markt gibt es zwar nicht. Aber für die USA wird prognostiziert, dass der B2B-E-Commerce-Markt 2020 doppelt so groß sein wird wie der B2C-E-Commerce-Markt. Und auch hierzulande ist die Aufbruchstimmung spürbar. Sucht man nach Erklärungen dafür, kommt man erneut nicht ohne Verweis auf B2C-Firmen aus: Zum einen ist B2C langsam ausgereizt, vor allem im Bereich E-Commerce. „Ob Schuhe, Windeln oder Sexspielzeug – es gibt schon alles“, sagt EY-Berater Lennartz.

Die Zeit ist also reif für B2B-Modelle. Zum anderen ist ihr Boom eine logische Konsequenz, die aus dem Boom der Zalandos und Airbnbs dieser Welt resultiert: Die B2C-Firmen kreieren Nachfrage nach jenen Produkten und Dienstleistungen, die die B2B-Gründer anbieten. Man sieht das beispielhaft an Bonagora. Das Anfang 2014 gegründete Unternehmen digitalisiert den Bestell- und Orderhandling-Prozess von Onlinehandelsunternehmen wie Westwing oder Home 24. Noch stärker allerdings werden die Angebote der B2B-Start-ups von klassischen Industriefirmen nachgefragt. Oft genug handelt es sich dabei um die größten, bekanntesten und renommiertesten Konzerne der Welt. Die Kunden-Liste des Braunschweiger Unternehmens Symtavision liest sich wie ein Auszug aus dem Dax: Audi, BMW, EADS. Service Partner One konnte die Commerzbank als Auftraggeber gewinnen.

Die Start-up-Power nutzen

Die Perdoo-Gründer Henrik-Jan van der Pol und Jonathan Morrice haben eine Plattform entwickelt, die Zielmanagement-vereinbarungen transparenter macht

Man kann sich sicher sein, dass solche Global Player nicht aus Altruismus mit den Start-ups kooperieren. Anders ausgedrückt: Wer es als junge Firma schafft, derart gewichtige Kunden zu gewinnen, muss ein gutes Produkt haben. Das kann man dann sexy nennen oder schlicht schlau. Fakt ist, dass die B2B-Firmen auch deshalb gerade groß im Kommen sind, weil sie ihren Kunden, den Unternehmen, einen echten Mehrwert bieten. Celonis zum Beispiel hat eine Software zur Prozessoptimierung entwickelt. Die Kunden setzen die Software ein, um ihre Prozesse transparenter, effizienter und damit kostengünstiger zu machen. „Prozesse sind das Herzstück eines jeden Unternehmens“, erklärt der Mittzwanziger. „Bei jedem Prozess fallen riesige Datenmengen an.“ Die von Celonis entwickelte Software fasst die Daten zusammen, analysiert und visualisiert sie, sodass sichtbar wird, an welcher Stelle die Prozesse verbessert werden können. Er erklärt die Vorgehensweise an einem simplen Vorgang: den Verlust des Skontos, weil die Rechnung nicht rechtzeitig bezahlt wurde. „Jedes Jahr verlieren die Unternehmen mehrere Millionen Euro, weil sie das Skonto nicht einhalten“, sagt Rinke. Dies ist eine zeit- und kostenintensive Schwachstelle in einem Prozess. Die Celonis-Software deckt sie auf, benennt die Ursachen und ermöglicht so, den Prozess künftig einfacher, schneller und transparenter zu machen. Das Gleiche gilt für fast alle anderen Prozesse in allen Bereichen eines Unternehmens, egal ob Logistik, Einkauf, Vertrieb oder Produktion.

Für mehr Transparenz in Unternehmen sorgt auch Perdoo. Das Berliner Start-up hat eine an das Organisationssystem OKR angelehnte Zielmanagement-Plattform entwickelt. In Firmen, die die Software einsetzen, kennen nicht nur alle Mitarbeiter die übergeordneten Ziele des Unternehmens, sondern auch die auf die Abteilungen heruntergebrochenen Zielvereinbarungen – und inwieweit sie erreicht wurden. Der Einkauf weiß somit, was der Verkauf anstrebt, die Produktion ist darüber im Bilde, wo das Marketing steht. Laut Perdoo-Gründer Jonathan Morrice nutzt dieses Wissen der Management-Ebene, aber auch jeder einzelne Mitarbeiter sei motivierter, er identifiziere sich nicht nur mit dem Unternehmen, sondern auch mit dessen Zielvorgaben – und würde diese entsprechend beherzt umsetzen. Den Firmen ist der Motivationsschub sieben Euro je Mitarbeiter und Monat wert. Für Perdoo sind das Einnahmen in Höhe von sieben Euro je Mitarbeiter und Monat.

Stabile Großkunden locken

Womit wir beim nächsten Grund wären, warum B2B sexy ist: Wer Firmen Software-Services zur Verfügung stellt, verbucht monatlich gleichbleibende Zahlungseingänge. Wer dagegen Lieschen Müller ein Paar Schuhe verkauft, muss dies im schlechtesten Fall als Einmal-Einnahme verbuchen. Die Schwierigkeit der B2C-Unternehmen liegt ja gerade auch darin, Kunden zu binden. B2B-Firmen kennen das Problem kaum. „Zufriedene Geschäftskunden zahlen verlässlich“, sagt Lennartz. Außerdem sind die Spannen hoch. „Software-getriebene Unternehmen sollten Gewinne von 30 Prozent und mehr vor Steuern einfahren“, sagt Neuman.

Es gibt also viele gute Gründe für die Euphorie. Und dennoch haben auch B2B-Start-ups kein Abo auf Erfolg. Profit ist schön und gut. Aber Profit steht nicht grundsätzlich über allem. Manchmal ist schnelles Wachstum wichtiger als Profitabilität. Manchmal ist die Aufnahme von Risikokapital auch für B2B-Start-ups im frühen Stadium ein Muss. Schließlich kann es sich kein Unternehmen leisten, die Konkurrenz vorbeiziehen zu lassen. Die Kunst ist daher, zu erkennen, wann welche Strategie die beste ist. Eine weitere Herausforderung ist, den Vertrieb zu skalieren. Am Anfang eine Handvoll Kunden zu bekommen, ist relativ leicht. Die nächsten Kunden zu gewinnen, kann bedeutend schwieriger werden.

Dennoch kein Selbstläufer

Mit Büro-Dienstleistungen ist Service Partner One – hier Co-Gründer Sven Hock – im Mai 2015 gestartet. Seitdem steigen die Umsätze jeden Monat um 25 bis 30 Prozent; 50 Mitarbeiter sind an fünf Standorten im Einsatz

Und noch eine Kunst müssen B2B-Start-ups beherrschen – laut Lennartz ist es nicht die leichteste: Geschäfte mit alteingesessenen, weltumspannenden Firmen zu machen, bedeutet, dass hier „zwei Welten aufeinandertreffen, die eigentlich nicht zusammen passen“: 25-Jährige Gründer mit nicht mehr als einer Geschäftsidee auf der einen Seite, erfahrene Industriekapitäne auf der anderen. Oft dauert es Monate, bis man beim Entscheider vorsprechen darf. Danach gehen weitere Monate ins Land, bis (eventuell) ein Auftrag folgt.

Aber solche Hürden kann man nehmen. Notfalls mit einer Portion Chuzpe. Damit ist es jedenfalls Celonis-Chef Rinke gelungen, im Herbst letzten Jahres SAP zu überzeugen. Seither vertreibt der Software-Konzern die Technologie der Münchner unter der eigenen Flagge. Wer weiß, wie selten das ist – von 10.000 SAP-Produkten stammen nur 30 nicht aus der hauseigenen Entwicklungsabteilung –  kann nachvollziehen, dass Rinke stolz ist und bereitwillig die Geschichte von der Geschäftsanbahnung erzählt. Als er hörte, dass SAP-Gründer Hasso Plattner in seiner Heimatstadt Berlin eine Rede halten würde, ist er kurzerhand hineinspaziert in den Golfclub am Wannsee, hat Plattner abgepasst und ihm eine Unternehmenspräsentation in die Hand gedrückt.

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