No Limits to Learning

Entrepreneurship und Ethik

Autor: Hans Luthardt
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Im StartingUp-Interview: Jakob von Uexküll, der Initiator des Right Livelihood Award – auch bekannt als Alternativer Nobelpreis. Dieser Preis wird alljährlich an Personen und Organisationen vergeben, die Lösungen für die dringendsten Probleme unserer Zeit finden und erfolgreich umsetzen.

Herr von Uexküll - welches sind die wirklich dringendsten Probleme unserer Zeit?
Der Klimawandel zweifellos, da fast alle anderen Gefahren damit zusammenhängen: wachsende Konflikte, bedrohter Zugang zu Nahrung und Wasser, rapide Wüstenausbreitung, Zerstörung der Artenvielfalt und der Wälder, die Übersäuerung der Ozeane, die zunehmenden Flüchtlingsströme usw.

Was sollte Entrepreneurship diesen Negativ-Trends entgegensetzen?
Wir müssen uns alle politisch engagieren, für bessere Rahmenbedingungen, damit Entrepreneurship nicht seine eigenen Voraussetzungen zerstört. Auf einem unbewohnbaren Planeten gibt es keine Unternehmen. Wirtschaften auf Kosten von Um- und Nachwelt darf nicht länger möglich sein.

Start-ups leben moderne, flache Hierarchien und offene Denkkulturen. Sind das Ansätze, die Ihrer Forderung nach „neuen lebensfördernden Formen des Arbeitens und Wirtschaftens“ entsprechen?
Das hilft sicher, aber die offene Denkkultur muss ökologische Realitäten verstehen. Auch neue Technologien brauchen eine sichere Energie-Versorgung und eine stabile Umwelt.

Sind Start-ups, die sich in den Bereichen Greentech, Sharing Economy und Crowdfunding bewegen, somit die besseren Unternehmer?

Das sind gute Ansätze, wenn die Praxis stimmt. Hier kommt es sehr auf die gesetzlichen Rahmenbedingungen an. Der Glaube, je weniger Staat, desto besser, ist Unsinn. Sonst würden die erfolgreichsten Unternehmer in Somalia sitzen, wo es bekanntlich keinen funktionierenden Staat gibt.

Ein Blick in die Start-up Hochburg Berlin zeigt, dass dort viele Ideen intelligent sind, aber oft Nachhaltigkeit vermissen lassen. Schnelle Markteroberung ist oberstes Gebot – aus Ihrer Sicht ein Fehler?
Ohne nachhaltige Rahmenbedingungen kann es kein nachhaltiges Wirtschaften geben. Was zu schnell wächst, wird schnell fallen. Wer politisches Engagement dem Konkurrenten überlässt, wird scheitern. Wer natürliche Grenzen nicht versteht, gleichfalls.

Digitalisierung und Big Data sind Top-Themen für Start-ups. Sie haben 2014 Edward Snowden prämiert – aus welchem Grund?
Snowden hat uns gezeigt, wie die Datenvielfalt missbraucht werden kann, und Gegenmaßnahmen inspiriert. Ausserdem fehlt in der Big- und Smart-Data-Debatte der Bezug zur Nachhaltigkeit. Als kürzlich die Energiezufuhr in der englischen Stadt Lancaster nach einer Überschwemmung unterbrochen wurde, waren die vielen „smarten“ Geräte nutzlos.

Sie haben einmal gesagt: „Markt ohne Staat ist ideologischer Unsinn“ – was meinen Sie damit?
Der Markt ist eine Schöpfung der Staaten, welche die Rahmen setzen. Ohne Staat gibt es keinen Markt, sondern Anarchie. Vielleicht kann man auch dann Geschäfte machen, aber nur, wenn man genügend Leibwächter hat.

Sie weisen auch darauf hin, dass wir im Norden einen gewissen Verzicht hinnehmen müssen, damit es für alle reicht. Sehen Sie hier ernsthafte Bemühungen seitens der Wirtschaft bzw. der Entrepreneure?
Das ist eine zentrale Frage. Der Ressourcen-Verbrauch pro Kopf, den wir in Deutschland haben, wird z.B. in China nicht möglich sein. Das ist die Realität, und es kann kein Recht auf etwas geben, was nicht möglich ist. Das ist eine sehr unangenehme Wahrheit, nicht nur für die Wirtschaft. Natürlich kann vieles weiter wachsen. „No Limits to Learning“ hieß der zweite Bericht des Club of Rome nach den „Grenzen des Wachstums“: Die Zahl der Sprachen, die ich lernen kann, ist nicht begrenzt, auch nicht die Zahl der Musik-Instrumente, die ich spielen lernen kann. Vor ca. 300 Jahren entstand im damals noch isolierten Japan eine Verknappung vieler Ressourcen. Um soziale Unruhen zu begrenzen, haben die Eliten ihre Kultur neu ausgerichtet auf „einen wunderschönen, strengen Minimalismus, der Ressourcen schonte“, wie es Ian Morris formulierte. Die heutigen Wachstumsraten und Gewinnerwartungen sind historisch einmalig – und nicht haltbar.

Im Oktober war Jakob von Uexküll Top-Speaker beim Entrepreneurship Summit 2016 in Berlin, dem jährlich stattfindenden internationalen Forum der Stiftung Entrepreneurship, www.entrepreneurship.de

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