Zu große Erwartungen?

Autor: Marc Schmidt
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Kann man als Gründer seine eigenen Maßstäbe und Ambitionen 1:1 auf die Mitarbeiter übertragen? Marc Schmidt, Unternehmer, Coach und HR-Profi, berichtet aus eigener Erfahrung.

Gründer sind oftmals extrem motiviert und haben große Vorstellungen von der Zukunft ihres Unternehmens. Ihre Ziele sind zum Beispiel, ein ganz besonderes Unternehmen aufzubauen mit einem ganz anderen Arbeitsklima, einem tollen Service, einem fantastischen Produkt etc. Man spricht auch immer wieder davon, dass Gründer für ihre Ideen brennen, Feuer haben müssen. Wenn Gründer jedoch zu viel Feuer haben, verschieben sich schnell die Maßstäbe, etwa wenn es um die Erwartungshaltung an die eigenen Mitarbeiter geht. Dadurch können Gründer ungewollt die ersten Probleme verursachen – auch wenn es nur gut gemeint war.

 

 

Wenn der eigene Ehrgeiz die Mitarbeiter überfordert 

Auch ich hatte alle diese, wie ich heute feststellen muss, teilweise idealistischen Vorstellungen. Wenn sich auch nur einmal ein Kunde beschwert hat, habe ich gleich den Niedergang des ganzen Unternehmens kommen sehen – und entsprechend panisch bzw. unbeherrscht reagiert. Als Jungunternehmer sollte man immer darauf achten, die Mitarbeiter, aber auch sich selbst nicht zu überfordern. Ist beispielsweise die eigene Erwartungshaltung etwa an die Qualität sehr groß, neigt man schnell dazu, sein Team zu überfordern. Was ist dann noch realistisch; was nicht mehr? Das gilt es immer wieder kritisch zu hinterfragen. 

Hat der Chef dauerhaft zu hohe Anforderungen an die eigenen Mitarbeiter, können diese die Erwartungen nie erfüllen. So werden die Mitarbeiter nicht motiviert. Denn sie haben immer das Gefühl, nicht gut genug zu sein. Wer nie gelobt wird, wird unzufrieden und geht irgendwann – im schlechtesten Fall zur Konkurrenz. Auch für die Gründer selbst ist es nicht ratsam, immer unzufrieden zu sein. Natürlich gibt es immer wieder diese schönen Geschichten von den Perfektionisten, die sich nie mit Durchschnitt zufrieden gegeben haben. Aber der Preis, den sie dafür zahlen, ist hoch. Denn sie selbst ziehen irgendwann auch keine Freude mehr aus ihrer Arbeit. Im Folgenden lesen Sie vier grundlegende Tipps, die ich Ihnen auch aus eigener Erfahrung als Gründer und Chef von zeitweise über 100 Mitarbeitern geben kann, um mit angemessenen Erwartungen dauerhaft mehr Erfolg zu haben:

 

1. Nicht das Arbeitspensum des Chefs ist der Maßstab

Für Gründer ist das eigene Unternehmen der Mittelpunkt des Lebens. Besonders Jungunternehmer, die noch keine Familie haben, können gar nicht verstehen, wie man noch andere Interessen haben kann. 12-Stunden-Tage sind da keine Ausnahme. „Mein Beruf ist mein Hobby, da brauche ich keinen Ausgleich!“ ist oft zu hören. Legen Gründer jedoch den gleichen Anspruch an das Arbeitspensum ihrer Mitarbeiter, kann das fatale Folgen haben. Natürlich war auch ich selbst frustriert, wenn ich bereits morgens um 7 Uhr im Büro saß und abends der Letzte war. Ich hätte es toll gefunden, wenn mein Team genauso lange anwesend gewesen wäre. Wenn es dann mal nicht rund lief und ich abends alleine im Büro saß, stellte ich mir oft die Frage, ob es nicht an der Einstellung der Mitarbeiter haperte.

In solchen Situationen sollte man sich dann jedoch klar machen, dass man selbst der Unternehmer ist und sich die Zeit, die man selbst investiert – so der Plan – irgendwann auszahlen wird. Die eigenen Mitarbeiter sind aber nun einmal Mitarbeiter und nicht Mitunternehmer. Es wäre doch auch etwas schräg, wenn diese den gleichen Einsatz für eine ganz andere Entlohnung bzw. Perspektive erbringen würden, oder? Und nur weil die Mitarbeiter weniger Stunden im Büro anwesend sind, machen sie deswegen nicht automatisch einen schlechten Job. Manche Menschen sind in acht Stunden produktiver als andere in zwölf. Beobachten Sie einmal berufstätige Mütter, die „nur“ in Teilzeit arbeiten: Was die in der Zeit schaffen, ist oft mehr als andere im Vollzeitjob. Ich selbst bin mittlerweile extrem skeptisch bei Mitarbeitern, die zehn Stunden am Tag im Büro sitzen und trotzdem nie fertig werden. Gründer sollten sich also davor hüten, mit ihren Mitarbeiter unzufrieden zu sein, nur weil diese von „9 to 5“ arbeiten. Viel wichtiger ist es, die Leistung der Mitarbeiter realistisch zu beurteilen.

 

2. Nicht jeder muss jede Aufgabe können

In der Start- und Aufbauphase eines Unternehmens kann oftmals jeder alles. Aufgaben werden schnell und flexibel abgearbeitet. Das ist auch in dieser Startphase völlig in Ordnung. Dann aber wird das Team größer und größer – viele Gründer überdenken in dieser Phase jedoch nicht ihre Einstellung 
zur innerbetrieblichen Organisation. Wenn ein Unternehmen wächst, kann nicht mehr jeder Mitarbeiter alles können und auch nicht mehr alles erledigen. Hier ist der Gründer gefordert, klare Strukturen zu schaffen und Zuständigkeiten zu klären! Tut er das nicht und jeder macht weiterhin alles (oder nichts), endet das wie der Turmbau zu Babylon: Im Chaos!

Etwa ab einer Unternehmensgröße von fünf bis sieben Mitarbeitern sollten die Abläufe und Zuständigkeiten neu festgelegt werden. Einige Mitarbeiter bekommen neue Aufgaben zugeteilt, anderen werden Aufgaben entzogen. Das führt bei den betroffenen Mitarbeitern nicht automatisch zu Begeisterung. In einer solchen Situation ist also viel Geschick gefragt und der Chef ist gefordert, viel und intensiv mit seinen Mitarbeitern über die Gründe zu sprechen. Trotzdem werden nicht alle mit der Änderung zufrieden sein. Nicht handeln ist jedoch keine wirkliche Alternative.  

 

3. Auch ein guter Chef muss nicht alles selbst machen

Zu der allgemeinen Wahrnehmung eines guten Chefs gehört die Einschätzung eines immer einsatzbereiten und für alle Anliegen und Fragen offenen Unternehmers, der keine Bitte abschlägt. Seinem Unternehmen tut ein Chef mit dieser Einstellung jedoch nichts Gutes. Unternehmer haben grundsätzlich immer mehr mögliche Aufgaben als Zeit, um diese zu erledigen. Die wichtigste Lektion für einen Unternehmer ist daher Nein zu allen unwichtigen Aufgaben zu sagen und diese an die Mitarbeiter zu delegieren. Keine Sorge: Es wird immer noch genug Arbeit überbleiben! Der Chef ist die letzte Person im Unternehmen, die Stress haben sollte. Erst wenn alle anderen mit ausreichend Arbeit versorgt sind, kommt er an die Reihe. Klar: Die allgemein vorherrschende Meinung über einen „vorbildlichen“ Chef ist eine andere. Er sollte aber trotzdem delegieren! Denn wenn er selbst keine Zeit hat, etwa um Fragen seiner Mitarbeiter zu beantworten, wer soll es denn dann machen? Keiner – und dann passieren diejenigen Fehler, bei denen man sich hinterher fragt, wie das passieren konnte. Wirksam zu delegieren benötigt Zeit. Ich selbst habe Jahre gebraucht, um das zu lernen. Aber es gibt dazu keine Alternative. Heute kann ich über meine frühere Arbeitsweise nur noch den Kopf schütteln. An diesem Punkt entscheidet sich, ob ein Unternehmen erfolgreich weiter wachsen wird oder stagniert – bestenfalls. 

 

4. Gründer brauchen jemanden, der sie erdet

Um die eigene Erwartungshaltung immer wieder mit der Realität abzugleichen, sollten Gründer sich eine neutrale Person suchen – eine Person, die nicht jeden Tag mit ihnen zu tun hat, also nicht ihren Lebenspartner und auch nicht den Geschäftspartner. Gründer benötigen jemanden, der ihnen als neutraler Gesprächspartner zur Verfügung steht. Jemanden, der schon länger Unternehmer ist, ein Unternehmer-Netzwerk, einen Coach oder auch einen Business Angel, auf jeden Fall aber eine Person, die in dem Bereich mehr Erfahrung hat als sie selbst. Ich wollte meine Probleme damals zu lange alleine lösen – das war ein Fehler. Deshalb mein Tipp: Suchen Sie sich jemanden, der Sie im Unternehmeralltag aus der Schleife wieder herausholt und Sie dabei unterstützt, realistische Erwartungen an Ihre Mitarbeiter und Kunden zu entwickeln! Ihre Mitarbeiter und Ihr Unternehmen werden es Ihnen danken.  

Der Autor Marc Schmidt ist Geschäftsführer der Hamburger Strukturgeber GmbH, www.strukturgeber.de

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