Liebe und lebe das, was du tust!

Autor: Nadja Kahn
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Erfahrungen, Tipps und To Do's für Gründer und Start-ups von Nadja Kahn, einer erfolgreichen Unternehmerin und Mentorin.

Nadja Kahn (2. v.re.) mit ihrem KahnEvents-Team

Nadja Kahn hat vor 15 Jahren mit der KahnEvents GmbH in Hamburg ihre eigene Event-Agentur gegründet und aufgebaut. Die Agentur konzipiert und plant Teambuilding-Workshops, Abendgalas mit Stargästen, Produkteinführungen, Jubiläen und Live-Kommunikation jeder Couleur mit Veranstaltungen von 4 bis 5000 Personen.

Schon seit Beginn ihrer Karriere war Nadja Kahn überzeugt, mit einer selbständigen Tätigkeit ihre beruflichen Ziele und Ideale am besten umsetzen zu können. In diesem Beitrag will die erfolgreiche, engagierte und leidenschaftliche Unternehmerin heutigen Gründerinnen und Gründern wertvolle Tipps und To Do's mit auf den Weg geben - als eine Art Essenz ihrer eigenen Gründerinnen-Erfahrung.

Sei ehrlich und selbskritisch
Den allerwichtigsten Tipp, den ich Gründern geben möchte, ist, sich ganz ehrlich und selbstkritisch zu fragen, ob man der Typ für eine selbständige Tätigkeit ist. Fragt vielleicht auch noch Menschen in eurem näheren Umfeld, wie sie das einschätzen. Ich hatte immer schon den Wunsch gehabt, mich selbständig zu machen, habe diesen Wunsch aber schließlich erst nach 15 Jahren beruflicher Erfahrung umgesetzt.

Keiner kann dich bremsen
Es gibt ganz viele Vorteile: Man kann selbst entscheiden, ist sein eigener Chef. Die Freiheit ist phänomenal. Man kann – zumindest teilweise – wählen, wann und wo man arbeitet. Es gibt viel Gestaltungsspielraum, welche Form von Kunden, Projekten, Aufgaben man angehen möchte. Und: Es besteht die Möglichkeit, etwas von Wert aufzubauen. Gleichzeitig übernimmt man auch viel Verantwortung, für sich selbst, für Mitarbeiter, für Kunden und Projekte. Für mich war zudem ganz wichtig, dass mich keiner mehr bremsen kann, wenn ich an etwas glaube.

Kein Platz für Work-Life-Bullshit
Unbestreitbar hat die Selbständigkeit aber auch Nachteile. Die Einkommenssituation ist nicht so gut planbar wie in einer angestellten Tätigkeit. Diese Unsicherheit, dass man nicht genau weiß, wie die Lage in ein paar Wochen oder Monaten aussieht, muss man aushalten können. Außerdem kenne ich keinen Selbständigen, der eine 40-Stunden-Woche hat. Die meisten arbeiten deutlich mehr, was dazu führt, dass das Privatleben häufig zurücksteht - frei nach dem Motto selbst und ständig.

In meinem Job gehört es dazu, dass ich ungefähr 50 Prozent der Zeit unterwegs bin. Ich habe aber nicht den Eindruck, dass ich dafür einen Preis bezahle in Bezug auf Beziehungen oder Freundschaften. Warum nicht? Weil ich mir Leute für mein Umfeld aussuche, die bereit sind, dieses Leben mitzutragen. Wenn es aufgrund der vielen Arbeit oder Abwesenheit zu dauernden Konflikten mit Familie und Freunden kommt, macht einen das auf Dauer kaputt.

Wer Wert auf eine ausgewogene Work-Life-Balance legt, sollte angestellt bleiben. Für mich ist Work-Life-Balance ehrlich gesagt Work-Life-Bullshit. Weil es impliziert, dass es ein „gutes Leben“, die Freizeit, und ein „schlechtes Leben“, die Arbeit, gibt. Wenn ich bei meiner Arbeit tolle Menschen treffe und spannende Herausforderungen meistere, dann ist das für mich keine Arbeit im klassischen Sinne. Ich muss mich fragen: Liebe ich das, was ich tue? Ziehe ich daraus Befriedigung? Das sollte sowohl für berufliche wie für private Aktivitäten gelten. Dann ziehe ich aus beidem Kraft. Andernfalls zehrt einen die Selbständigkeit irgendwann auf.

Viele Entscheidungen wollen getroffen werden
Wenn diese grundsätzliche Frage, ob man sich die Selbständigkeit zutraut, positiv beantwortet ist, geht es erst richtig los mit zahlreichen Entscheidungen, die zu treffen sind.

Das liebe Geld
Ganz wichtig ist die Frage der Finanzierung. Wie wählt man die richtige Bank aus? Geht man nach Konditionen oder nach Bauchgefühl? Ich habe es mir relativ einfach gemacht und bin bei der Bank geblieben, bei der ich schon als Kind und Jugendliche war. Allerdings hatte ich auch gar nicht viel Auswahl und musste zudem viel aus eigenen Mitteln bestreiten, da Eventagenturen bei Banken zur Risikobranche gehören. Da ist es nicht so einfach, überhaupt einen Kredit zu bekommen. Mit meinen damals 33 Jahren konnte ich auch keine großen Sicherheiten vorlegen. Aber ich habe einen Weg gefunden.

Der perfekte Standort
Dann ist die Wahl des Standorts für manche Tätigkeiten entscheidend. Ich habe für mein Business etwas gesucht, das ein gewisses Extra bietet. Es musste nicht edel sein, sollte aber bei Besuchern einen Wow-Effekt auslösen. Wir residieren jetzt in einer kleinen Villa im Hinterhaus, einem ehemaligen Fotostudio, mit einem verwunschenen Garten davor. Das passt sehr gut zu uns und wir fühlen uns hier seit 15 Jahren sehr wohl.

Die richtigen Mitstreiter
Da mein Geschäft relativ schnell gut anlief, musste ich auch binnen kurzer Zeit Mitarbeiter einstellen. Hierbei ist für mich in allererster Linie mein Bauchgefühl entscheidend. Mir ist wichtig, dass meine Mitarbeiter das Herz am rechten Fleck und wirklich Lust auf Menschen haben. Bei den Seniors zählt natürlich auch der Erfahrungsschatz, Kreativität und Know-how. Und die Bereitschaft, sich wirklich einzusetzen: Brennt jemand für seinen Job? Sieht er Veranstaltungen als seine Berufung? Gerade Menschen der sogenannte Generation Z, die nach 1995 Geborenen, legen häufig viel Wert auf Work-Life-Balance. Da ist es gar nicht so einfach, jemanden zu finden, der die unterschiedlichen Arbeitszeiten in der Event-Branche akzeptiert. Ich bilde mir aber ein, dass ich sehr schnell erkenne, ob jemand für mein Team geeignet ist. Ich hatte bisher auch zum Glück noch keine Fehlbesetzungen, und die Fluktuation in meinem Team ist sehr gering.

Extreme Flexibilität ist gefragt
Meine Gründung war damals unglaublich kurzfristig. Ursprünglich hatte ich den Plan, gemeinsam mit Partnern eine Event-Agentur zu starten. Einen Tag vor dem geplanten Starttermin haben mich meine Kompagnons in spe plötzlich hängengelassen. Die ersten Projekte standen aber bereits an. Ich hatte die Wahl: Bleibe ich angestellt und lasse meinen Traum von der Selbständigkeit platzen? Oder ziehe ich das allein durch? Ich habe mich für letzteres entschieden. Dadurch musste der gesamte Gründungsprozess so schnell gehen, dass ich leider keinerlei beratende Hilfe von Ämtern, Handelskammer oder ähnlichem in Anspruch nehmen konnte. Aber ich habe viel Hilfe durch meinen Steuerberater und meine IT erhalten. All die Vertragswerke (ob Arbeitsvertrag, Verträge mit Kunden etc.) brauchen Sorgfalt und Zeit, bis sie wirklich stehen.

Diese Zeit war ein ganz wichtiges Learning für mich: Man braucht extrem viel Flexibilität im Kopf für eine Selbständigkeit. Ständig laufen Dinge anders als geplant. Und man muss darauf reagieren, neue Lösungen suchen und kann häufig niemanden um Rat fragen. Gerade zu Beginn gibt es keine etablierten Prozesse. Jeder Schritt, jedes Angebot, jeder Vertrag, jedes Projekt ist Neuland. Die Lernkurve in dieser Zeit ist unglaublich hoch. Es ist aufregend, aber oft auch anstrengend.

Ein Muss: Akquise ohne Ende
Sehr entscheidend, nicht nur zu Beginn, sondern fortlaufend, ist die Akquise. Jeder, der eine Selbständigkeit plant, sollte sich im Rahmen der Businessplanung genau überlegen, welche potenziellen Kunden er ansprechen kann und wie er das machen will. Ich hatte das Glück, dass mich viele Kunden schon aus meiner vorherigen Tätigkeit bei renommierten Event-Agenturen kannten. Einige weitere sind über Empfehlung gekommen und glücklicherweise meistens auch bei uns geblieben.

Auf keinen Fall sollte man automatisch davon ausgehen, dass private Freundschaften auch zu beruflichen Dream-Teams führen. Viele Gründer starten ein Geschäft mit ihren Freunden und sind später überrascht, dass gute Kumpels keine guten Geschäftspartner sind. Auch bei der Akquise sollte man den Freundeskreis nicht überstrapazieren, sonst fühlen sich die Freunde rasch ausgenutzt. Trotzdem spricht grundsätzlich nichts dagegen, mit Freunden zusammen.

Manche meiner Freunde sind Kunde geworden. Und aus vielen Arbeitsverhältnissen (ob Mitarbeiter, Kunde oder Dienstleister) sind Freundschaften entstanden, die hohen Bestand haben. Sicherlich liegt das auch daran, dass wir in unserer Branche durch „Dick und Dünn“ gehen – man wächst einfach zusammen.

Fehler machen und daraus lernen
Fehler gehören dazu, gerade am Anfang, aber auch im Verlauf der Selbständigkeit. Da kann ich nur raten, den Humor nicht zu verlieren. Ich kann immer wieder über mich lachen –  erst recht über meine Fehler, kleine und große. Glücklicherweise ist bei den Veranstaltungen bisher niemals etwas aufgrund einer Fehlplanung durch uns schiefgegangen. In dieser Hinsicht bin ich extrem penibel. Diese Sorgfalt fehlt mir dann eher im Privaten. Manchmal glaube ich, dass ich mich wirklich gut um andere kümmern kann – nur nicht um mich selbst. Es ist unfassbar, wie oft ich persönliche Dinge in Hotels vergesse.

Ich habe allerdings auch schon schmerzhafte Bauchlandungen erlebt. In der Zeit der Wirtschaftskrise habe ich sehr viel Geld bei einem deutschen Kreditinstitut verloren, das plötzlich insolvent war. Das war ein großer Schock, und entsprechend hart war das Jahr. Es fühlte sich so ungerecht an, Geld zu verlieren, obwohl wir nicht spekulativ unterwegs gewesen waren und die scheinbar sichere Bank plötzlich einfach weggebrochen ist. Heute arbeiten wir mit mehreren Banken – wieder etwas gelernt.

Solche Rückschläge gehören leider auch dazu. Ich finde es wichtig, Kraft und Erfahrungen aus ihnen zu ziehen. Der dänische Philosoph Søren Kierkegaard hat gesagt: "Man kann das Leben nur rückwärts verstehen, aber leben muss man es vorwärts." Das ist für mich ein ganz wichtiger Leitspruch für die Selbständigkeit. Insgesamt betrachtet würde ich in der Rückschau aber nichts anders machen. Ich habe das Gefühl, dass der Weg, so wie wir ihn gegangen sind, völlig in Ordnung und richtig für uns war.

Zuversicht und Geduld mitbringen
Eins ist mir noch wichtig: Gerade in den ersten sechs Monaten wird man häufig von Gedanken über einen möglichen Misserfolg zermürbt. Meine präsenteste Sorge in dieser Zeit war: Dieses Jahr schaffe ich, doch wie wird das nächste? Das blieb so, bis ich lernte, dass die Zeit es bringen wird. Zuversicht, Geduld und vor allem Aktivität sind die besten Helfer gegen solche Zweifel.

Meine Tipps für Gründerinnen

  • Ein paar besondere Tipps möchte ich noch den weiblichen Gründern mitgeben. Weil sich Frauen leider in beruflichen Dingen auch heute noch weniger zutrauen als Männer. Deshalb, Ladys: Bitte versteckt euch nicht! Viele Business-Bereiche sind auch heute noch von Männern dominiert. Behauptet euch, agiert souverän und selbstbewusst in diesen Kreisen.
  • Ein gängiges Vorurteil besagt, dass Männer in beruflichen Dingen härter sind als Frauen. Das glaube ich gar nicht. Frauen müssen nicht härter werden, sondern klarer. Wir müssen uns selbst klar werden, was wir wollen und das dann ebenso klar formulieren, gegenüber Mitarbeitern, Kunden und Dienstleistern. Frauen wollen häufig nett sein und scheuen sich deshalb, unangenehme Dinge klar auszusprechen. Sie eiern herum, denken zu viel nach, wie etwas beim Gegenüber ankommen könnte. Das ist wenig hilfreich. Entweder verstehen die Menschen in unserem Umfeld dann schlicht nicht, was wir von ihnen wollen, oder sie legen es als Schwäche aus.
  • Ich halte sehr viel von Frauennetzwerken, bin selbst zum Beispiel Mitglied im Club europäischer Unternehmerinnen. Aber auch unabhängig von solchen Institutionen sind Frauen sehr gute und verlässliche Netzwerkpartner. Nutzt solche Netzwerke, um neue Kontakte aufzubauen und bestehende Kontakte zu pflegen.

Fazit
Selbständig zu arbeiten ist eine ganz großartige Sache! Und ich bin überzeugt, dass es heute leichter ist zu gründen als noch vor 15 Jahren. Es gibt viel institutionelle Hilfe und Beratungsangebote – von Handelskammern, Berufsverbänden, Arbeitsämtern und Medien wie StartingUp und Gründerberater.de.

Und selbst wenn man nach einiger Zeit feststellt, dass die Selbständigkeit doch nicht das Richtige für einen ist – davon geht die Welt auch nicht unter. Scheitern, beziehungsweise Umwege in der Biographie, werden heute nicht mehr als so negativ empfunden. Obwohl wir in dieser Hinsicht immer noch weit hinter anderen Kulturen zurückliegen, beispielsweise der US-amerikanischen.


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