„Es geht um die Entgrenzung der Arbeit“

Jan Jurczyk, ver.di-Pressesprecher, über Sein und Schein der Start-up-Arbeitswelt.

Autor: Jutta Maier
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Interview mit Jan Jurczyk, ver.di-Pressesprecher, über Sein und Schein der Start-up-Arbeitswelt aus Sicht der Dienstleistungsgewerkschaft.

Jan Jurczyk, ver.di-Pressesprecher

Die Mitarbeiter in Start-ups schwärmen oft vom Gründergeist und fehlenden Hierarchien. Ist das nicht ein kulturelles Phänomen, dass man dort eher nicht gewerkschaftlich organisiert ist?

Die These, dass es in Start-ups keine Hierarchien gibt, würde ich nicht teilen. Vielleicht empfinden es viele Mitarbeiter in der Anfangsphase tatsächlich so, dass der Chef Erster unter Gleichen ist und es keine Interessengegensätze gibt. Wenn aber irgendwann Finanzierungsrunden anstehen und die materiellen Interessen der Geldgeber eine entscheide Rolle spielen, ändert sich das. Viele Chefs versuchen zwar, diesen Gründer-Spirit weiterzutragen, doch oft stellt sich heraus, dass sie und die Beschäftigten nicht mehr in der gleichen Mannschaft spielen.

Was soll das bedeuten?

Das heißt, dass die Beschäftigten neu sortiert werden. Viele Investoren wollen, dass eine bestimmte Expertise Einzug hält. Vielleicht ein Finanzfachmann, der die Personalkosten im Zaum hält. Der wird dann gemeinsam mit einem Personalverantwortlichen sagen: Wir müssen bestimmte Mitarbeiter besser bezahlen, weil sie eine entscheidende Rolle spielen. Aber warum der Kollege so viel Geld kriegt, der für die gute Laune und den Kaffee sorgt, aber immer erst um 11 oder 12 Uhr kommt, das ist nicht einsehbar.

Das kann auch ein Praktikant?

Am besten ein unbezahlter! Und in dem Moment bildet sich bei der Belegschaft ein Bewusstsein  für Interessengegensätze heraus. Vielleicht hat dann der eine oder andere die Idee, mal bei der Gewerkschaft nachzufragen. Oder Mitglied zu werden, weil er von Entlassung bedroht ist.

Was sind denn typische Probleme von Start-up-Beschäftigten?

Klassisch ist die Eingruppierung beim Gehalt. Qualifizierte Mitarbeiter fragen sich zum Beispiel: Warum bekomme ich nur 1900 Euro brutto, und jemand mit dem gleichen Job in einem größeren Unternehmen kriegt 3800 Euro brutto und 13., 14. Monatsgehalt? Oder: XY genießt eine viel größere Achtung beim Gründer und bekommt viel mehr Geld, obwohl er viel weniger arbeitet als ich. An diesem Punkt landen sie dann vielleicht bei der Gewerkschaft oder haben zum ersten Mal die Idee, einen Betriebsrat zu gründen.

In vielen Start-ups gehören Überstunden zum guten Ton, gern auch mal am Wochenende. Haben Sie denn schon mal gehört, dass sich Beschäftigte über Überlastung und Burnout beklagen?

Das kommt vor, allerdings in Kombination mit anderen Problemen. Nicht mit 27 oder 28 Jahren, sondern dann, wenn die Beschäftigten in eine Lebensphase kommen, wo sie nicht mehr ohne Rücksicht  auf ihre Gesundheit und ihr Privatleben für die Gründung da sein wollen.

Aber wenn man einen 9-to-5-Job will, ist man bei einem Start-up eben an der falschen Adresse!

Es geht um die Entgrenzung der Arbeit. Die finden wir überall in der Arbeitswelt, aber bei Start-ups  ist sie besonders extrem. Denn die sind in der Regel so entstanden, dass man mit einem Team an einem tollen Projekt arbeitet. Später wird dann ein „normales“ Unternehmen daraus, und die Mitarbeiter sagen: Ich will ja gar nicht diesen 9-to-5-Job mit einer Fünftage-Woche. Aber ich will wenigstens, dass mein Wochenende erhalten wird. Ich möchte nicht abends um 11 Uhr angerufen werden, weil irgendwas am System hakt. Und meine Freizeit möchte ich lieber mit meinem Kind und Partner verbringen anstatt mit den Kollegen.

Warum sollte ein Chef für solche Probleme kein Verständnis haben?

Für viele Gründer und Unternehmer in dem Sektor ist das eine große Herausforderung. Sie hatten am Anfang vielleicht nur eine Geschäftsidee, konnten sich aber nicht vorbereiten auf ihre Moderations- und Mediationstätigkeit als Chef. Da wird vieles dem Zufall überlassen: Der eine Gründer hat soziale Kompetenz und da arbeiten die Leute gerne. Und der andere ist Autist, verfolgt nur seine Ideen und es ist ihm völlig egal, was um ihn herum passiert.

Dann müssen eben die Investoren dafür sorgen, dass der Chef ausgewechselt wird.

Den Geldgebern ist das häufig egal. Wenn das Unternehmen groß genug ist, holt man sich halt einen Personalchef, der sich um die Leute kümmern soll. Hauptsache, die Idee wird marktgängig eingeführt.

Warum sollten Start-up-Mitarbeiter denn auf die Idee kommen, sich gewerkschaftlich zu organisieren?

Leider passiert das tatsächlich nicht so zwangsläufig, wie wir es gerne hätten. Höher qualifizierte Beschäftigte haben möglicherweise das Gefühl, dass sie ihre Interessen gegenüber ihrem Chef selbst vertreten  können. Dennoch: Irgendwann kommt vielleicht der Punkt, an dem man bestimmte Bedingungen und Regeln nicht mehr akzeptieren will und Hilfe braucht. Vielleicht auch, weil jemand durch einen anderen ersetzt wird, der billiger arbeitet, Stichwort Generation Praktikum.

Womit wir beim Thema Mindestlohn wären, einem ihrer Lieblingsthemen.

Zu Recht! Gerade die Generation Praktikum wird hier gehörig ausgenutzt. Diese Leute sind häufig hochqualifiziert und haben über längere Zeit viel Berufserfahrung gesammelt. Denen wird dann gesagt, du kannst hier gerne HTML programmieren, aber in den ersten sechs Monaten reicht das nur für gemeinsames Sushi-Essen. Wir wollen nämlich erst mal sehen, ob du das auch kannst. Der Skandal dabei ist: Die haben das vorher x-Mal bewiesen und werden durchgereicht.

Wie gehen die Gründer damit um, wenn die Gewerkschaft sich bei ihnen meldet?

Viele tun sich schwer damit, dass die Leute Rat suchen bei Kollektivorganisationen wir unserer, und wir praktisch als Fremde in ihr Unternehmen eindringen. Da gibt es häufig heftige Auseinandersetzungen. Das faszinierende ist: All diese Entwicklungsphasen, der Ärger und die Machtfrage, die sich dort stellen, das passiert schon seit der industriellen Revolution.

Womit versuchen sie denn, Start-ups auf sich aufmerksam zu machen?

Wir haben zum Beispiel zusammen mit unserer Partnergewerkschaft IG Metall einen Gehaltsindex für die IT-Branche erstellt. Das Problem ist ja, dass es gerade in Start-ups aus dem IT-Bereich sehr blumige Bezeichnungen gibt für die Tätigkeiten, die die Leute verrichten. Ist der Job zum Beispiel schon knapp unterhalb des Chefs, oder ist das nur ein Bürobote? Das macht die Gehälter so schwer vergleichbar. Darüber hinaus haben wir als Interessenvertretung für die Medienbranche Connexx AV ins Leben gerufen, die sich nicht nur um die Filmbranche, sondern auch um artverwandte Start-ups kümmert.

Stellen Sie sich bei den Start-ups vor den Eingang und verteilen Flugblätter?

Nein, dazu sind die Firmen meist zu klein und zu heterogen. Da kann man nicht von außen kommen und den ganzen Apparat drauf ansetzen. Man braucht Leute, die dort schon etabliert sind und den Kollegen sagen: Ich habe da eine Lösung für dein Problem. Mit unserem Projekt www.ich-bin-mehr-wert.de versuchen wir, IT-orientierte Unternehmen im Auge zu behalten und den Beschäftigten ein Angebot zu machen: Findet euch selbst, guckt euch an, wie ihr im Vergleich zu den anderen dasteht, und überlegt euch, ob die Gewerkschaft eine Lösung ist für euer Problem.

Das Interview führte Jutta Maier

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