Paradies oder Ausnütze?

Ist der Alltag in Start-ups wirklich so locker, wie es scheint?

Autor: Jutta Maier
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Man kann kommen, wann man will, im Büro Billard spielen, die Verpflegung ist gratis, und nach Feierabend wird gemeinsam Party gemacht: so weit das Klischee vom Arbeiten in Start-ups. Doch ist der Alltag wirklich so locker, wie es scheint?

Freizeit-Location oder Arbeitsplatz? Eine Spiele-Lounge, Wellness-Angebote und vieles mehr stehen den Google-Mitarbeitern in Hamburg zur Verfügung Foto: Gregor Hallmann

Tor!“, jubelt der blonde Mittzwanziger und springt vom Sofa auf. Er und sein gleichaltriger Mitspieler daddeln ausgelassen an der Videokonsole. Die steht nicht etwa in ihrem Wohnzimmer, sondern in der Deutschland-Zentrale von Google in Hamburg. Es ist Freitagnachmittag. „Das ist unsere Spiele-Lounge“, sagt Pressesprecherin Lena Heuermann und präsentiert Tischtennisplatte, Billardtisch und Flipperautomat. Die gesamte Bürofläche gleicht einer Bespaßungszentrale: Die rund 300 Beschäftigten können im Schaumstoffwürfelbad liegend oder in Ruderbooten sitzend arbeiten, im Roulette-Salon zocken oder im Fitnessstudio trainieren. Und natürlich ist das Bio-Essen in der Kantine kostenlos.

Seitdem Google in einer Garage im kalifornischen Menlo Park gegründet wurde, sind 16 Jahre vergangen. Doch obwohl der Internet-Konzern schon lange kein Start-up mehr ist,  verkörpert er die typische Gründerkultur, die vielen jungen Start-up-Firmen als Vorbild dient. Die Bespaßung der Beschäftigten ist allerdings kein Selbstzweck: „Das alles dient vor allem dazu, dass die Mitarbeiter sich auf das Wesentliche konzentrieren können“, sagt  Lena Heuermann. Beim Erreichen ihrer Quartalsziele sollen sie nicht abgelenkt werden von Friseurbesuchen, Wäsche und Sport. Wie sie die Ziele letztlich erreichen, bleibt ihnen selbst überlassen. „Zwischendurch den Kollegen am Billardtisch herausfordern – warum nicht, wenn es der Kreativität dient“, sagt Heuermann.

Sofas, Koch-Sessions und auch mal ein Stripper

Berlin-Kreuzberg, in einem Loft nahe des Kreuzberger Landwehrkanals. Hier ist der Sitz der 2011 gegründeten Foto-Plattform EyeEm. In dem sonnigen Großraumbüro arbeiten 42 Menschen mit 22 verschiedenen Nationalitäten, die Arbeitssprache ist Englisch. Spielereien, Fitnessstudio und Bio-Essen gibt es hier zwar nicht, dafür aber flexible Arbeitszeiten, Sofas zum Abhängen und gemeinsame Sport- und Koch-Sessions. Täuschen lassen sollte man man sich von der lockeren Atmosphäre aber nicht. „Wir sind ein Hochleistungsteam, wir arbeiten im Schnitt 50 Prozent schneller, besser und erfolgreicher“, sagt Mitbegründer und Chef Florian Meissner. Jedem Mitarbeiter, der zu EyeEm komme, sei klar, dass die Vorgaben ambitioniert seien – wie man dorthin komme, könne man sich selbst zurechtlegen. „Ich weiß nicht, wann ich meinen letzten Urlaub gemacht habe, aber das ist mir egal. Das müssen nicht alle so sehen, aber das ist ein gutes Beispiel dafür, was man erreichen kann“, sagt der 29-Jährige.

Nicht weit entfernt von EyeEm, in einem Bürogebäude in einem Kreuzberger Hinterhof. Hier ist der Sitz des Männer-Shoppingservice Outfittery. Der Tresen am Empfang ist aus Pappkartons gebaut, in denen das 2012 gegründete Start-up seinen Kunden Klamotten zuschickt. In einem Raum läuft gerade ein Fotoshooting, in einem anderen hat sich hinter einer Glaswand eine Schar von Leuten zu einem Meeting verschanzt. Die Zeichen stehen auf Expansion, Outfittery will den europäischen Markt erobern. Auf dem Weg dorthin werden die 100 Mitarbeiter nicht geschont. „Wenn ein Team ein Projekt hat, bleiben die Leute auch mal bis zehn, elf oder zwölf Uhr da“, sagt Julia Bösch, Mitgründerin und zuständig für Finanzen und Marketing. Tischtennisplatte, Dachterrasse, genügend Bier im Kühlschrank und Verkleidungspartys sollen die Mitarbeiter bei Laune halten. „Man verbringt sehr viel Zeit in einem Start-up, mehr als in einem herkömmlichen Unternehmen. Je netter man den Rahmen gestaltet, umso besser“, sagt die 29-Jährige, die früher das internationale Geschäft von Zalando leitete. „Einmal hatten wir so viele Kunden, dass die Stylisten Tag und Nacht da waren. Also haben wir einen Stripper ins Büro bestellt.“

Einig sind sich alle darin, dass die Mitarbeiter das hohe Tempo nicht wegen der Bespaßung mitgehen. Und sicherlich auch nicht wegen des Geldes, denn zumindest bei den Jungfirmen sind die Gehälter nicht üppig. „Für uns ist das kein Job, sondern ein Traum. Wir bauen hier nicht nur unsere, sondern die Zukunft von Millionen Fotografen weltweit auf. Es gibt nichts Motivierenderes“, sagt EyeEm-Gründer Florian Meissner. Outfittery-Chefin Julia Bösch sieht das ähnlich: „Die Hauptmotivation ist, dass die Leute eine supercoole Aufgabe haben und eine gemeinsame Vision. Alles drumherum ist nett, aber nicht der Motivationstreiber.“ Und Google-Sprecherin Heuermann schwärmt: „Als Entwickler weiß man, wenn das Produkt auf den Markt kommt, hat es ein Millionenpublikum.“ Das pushe enorm. „Man wird hier nicht eingestellt und muss 150 Prozent geben, das ergibt sich von selbst durch den Enthusiasmus der Mitarbeiter. Solange man etwas tut, was einem Spaß macht, fühlt es sich nicht wie Arbeit an.“

Dies ist ein Auszug aus einem aktuellen Artikel unseres Print-Objekts StartingUp:
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