Familienbusiness - Segen oder Fluch?

Autor: Bernd Korz
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Der Familienbäcker um die Ecke, der die Nachbarschaft mit den obligatorischen Sonntagsbrötchen versorgt, der kleine Buchladen mit dem Buchhändlerpaar, zu dem die Kinder radeln, der Delikatessenladen an der Ecke bis hin zum börsennotierten Großkonzernen wie der Aldi Group oder der Bertelsmann AG ... Deutschland ist das Land der Familienunternehmen. Neun von zehn Unternehmen befinden sich aktuell in Familienhand. Ein Segen oder Fluch?

Wenn die Mutter mit der Tochter ... neun von zehn dt. Unternehmen sind Familienunternehmen


Auf den ersten Blick sprechen die Zahlen für die Unternehmensstruktur: Sie stellen mehr Angestellte ein, sie sparen mehr Geld und sind bessere Firmenkäufer. Doch was macht sie erfolgreicher? Was besitzen sie, woran es den managergeführten Konzernen mangelt?

Sind Unternehmerkinder die besseren Geschäftsführer?

Laut der aktuellen Studie der Stiftung Familienunternehmen hat die junge Generation viele Optionen, doch die Mehrheit der Unternehmenskinder will in der Familienfirma bleiben oder selbst ein Start-up ins Leben rufen. Dass der Wunsch in das Unternehmen der Familie mit einzusteigen, ausschließlich im Konflikt mit dem Interesse einer eigenständigen Gründung steht, lässt vermuten, dass das Unternehmertum vielen bereits in die Wiege gelegt wird. Wir Eltern prägen unsere Kinder bereits von Geburt an. So erklären wir ihnen, während wir das Schnürsenkel-Binden beibringen, nebenher dass 1x1 der Betriebswirtschaftslehre.

Auf diese Weise übernehmen Unternehmerkinder das Geschäft schon im jungen Alter, wie beispielsweise Anita Freitag-Meyer mit 23 Jahren die Keksfabrik Hans Freitag übernahm. Zwischen Christbauschmuck beginnt die Ausbildung der zukünftigen Führungsspitze. Mit dem Einzug des Nachwuchses ins Unternehmen beginnen die Vorteile: Das vorherrschende Vertrauen, das intuitive und schnellere Einspielen der Familienmitglieder miteinander. Niemand kennt meinen Sohn so gut wie ich. Daher kenne ich seine Stärken und Schwächen sowie er meine kennt. Auf diese Weise sind wir ein perfektes Team.

Zudem ist die Herangehensweise und Planung von Familienunternehmen anders, denn sie setzten auf Langfristigkeit. Mein Ziel ist es, etwas für mich und meinen Sohn und für seine Kinder aufzubauen. Auf diese Weise konzentrieren sich Familienunternehmen nicht nur auf die kommenden fünf oder zehn Jahre, sondern berücksichtigt auch die übernächste Generation. Dieser Umstand erklärt auch die hohe Rendite auf das Gesamt- und Eigenkapital, welches Familienunternehmen erzielen. Diese liegt vergleichsweise höher als bei managergeführten Betrieben.


Familienunternehmen - ein Synonym für Vertrauen

Bei der Fülle an Angeboten und der aktuellen Wettbewerbssituation ist die Reputation eines Unternehmens essentiell in der Kommunikationsstrategie. Dabei punkten Eltern-Kind-Geschäfte, da Kunden Familienunternehmen für vertrauenswürdiger halten. Das ist darauf zurückzuführen, dass Konsumenten mit dem Wort Familienunternehmen Vertrauen assoziieren. Als Team zusammen an der Theke zu stehen und die Kunden zu bedienen oder der Uhrenmacher, der in der Werkstatt an einer kniffligen Uhr werkelt und sein Handwerk an seine Kinder weitergibt, - für viele Eltern ist die Vorstellung, dass die eigenen Kinder, in die eigenen Fußstapfen treten, ein Traum. Sie bürgen allerdings auch einige Schattenseiten.


Vom Frühstückstisch in die Kantine

Man sollte Privates mit Geschäftlichem nicht vermischen und ähnlich verhält es sich mit der Familie in Bezug auf das Geschäft. Das Streitpotential ist erhöht. Diskussionen werden nicht nur im Konferenzraum abgehalten, sondern auf dem Kindergeburtstag der Enkelin weitergeführt. Jede geschäftliche Entscheidung ist emotional geladen. Sei es, wenn der Sohn von der einen Abteilung in eine andere versetzt werden soll, ein anderer Mitarbeiter eine Beförderung erhält oder der Vater seiner Tochter gegenüber eine berufliche Kritik äußert - vieles wird persönlich genommen und das wirkt sich auch auf die eigne Beziehung aus. Es ist natürlich, dass Eltern ihre Kinder bevorzugen, wiederum gibt es andere, die gerade aus diesem Grund härter zu ihrem Nachwuchs sind. Die wichtigste Voraussetzung ist: Disziplin von allen Beteiligten.


Das Risiko - die Erbschaftssteuer

Wie ein Damoklesschwert schwebt über Deutschlands Familienunternehmen die Erbschaft- und Schenkungsteuer. Im Dezember 2014 entschied das Bundesverfassungsgericht, dass die Privilegierung des Betriebsvermögens in §§ 13a und 13b und § 19 Abs. 1 ErbStG verfassungswidrig ist. Wie es weitergeht, steht bis zum Sommer 2016 noch aus. Die Angst vor dem Unbekannten treibt einige Unternehmen dazu an, ihre Anteile vorsorglich an die nächste Generation zu übertragen. Dies geschieht unter dem Deckmantel des noch vorherrschenden Gesetzes. Laut der aktuellen Studie der Stiftung Familienunternehmen sehen die Befragten die Verschonung des Betriebsvermögens von der Erbschaft- und Schenkungsteuer als Voraussetzung für die Fortführung ihrer Betriebe an. Das angedachte Ziel der Politik, vor allem die multimillionenschweren Unternehmen mit der neuen Gesetzgebung zu treffen, verursacht einen Kollateralschaden; es trifft primär die mittelständischen Familienunternehmen.


Mit Disziplin die potenziellen Stolperfallen ausgleichen

Die mit der eigenen Verwandtschaft geteilte Leidenschaft treibt Unternehmensköpfe an und führt dazu, dass Familienunternehmer sparsamer mit ihren Ressourcen umgehen und besonders zukunftsorientiert handeln. Als mein Sohn und ich alugha, unsere multilinguale Videoplattform gründeten, stießen wir auf einige Stolperfallen. Die Lösung dafür war und bleibt: klare Regeln. Die Arbeit bleibt die Arbeit und diese bleibt nach 18 Uhr im Büro und wird nicht mit nach Hause genommen. Mit Disziplin, klaren Regelungen und Strukturen wird die Zusammenarbeit eine Bereicherung. Heute genieße ich täglich die frischen Ideen, neuen Perspektiven und die gemeinsame Arbeit mit meinem eigenen Sohn. Es hat eben seinen Grund, weshalb Deutschland das Land der Familienunternehmen ist.

Der Autor Bernd Korz, ist Gründer, CEO und CVO der alugha GmbH. 2012 entwickelt er gemeinsam mit seinem damals 15-jährigen Sohn Niklas den ersten Prototyp seiner multilingualen Videoplattform.