Coworking: Mehr als ein Trend?


44 likes

Experten-Interview über das Potenzial von Coworking und Coworking Spaces.

Im StartingUp-Interview: die Coworking-Profis May-Lena Signus und Alex Ahom

Danach gefragt, welche Eigenschaften etablierte Unternehmen von Start-ups übernehmen sollten, dominieren laut einer repräsentativen Umfrage von nextMedia.Hamburg die Faktoren Innovativität und Kommunikativität. Dass gerade diese beiden Faktoren auch jene sind, die meist als Argument für die Arbeit in Coworking Spaces hervorgebracht werden, überrascht an dieser Stelle nicht: Immerhin sind es neben Freelancern oft Start-ups, die diese nutzen. Aber nicht nur. Denn auch größere Unternehmen schätzen die Möglichkeit des Zusammenarbeitens und des Wissenstransfers.

Hautnah bekommen dies in Hamburg May-Lena Signus und Alex Ahom mit. May-Lena ist Leiterin des nextMedia.StartHub, der zentralen Anlaufstelle für Medien- und Digitalunternehmen in der Hansestadt; Alex ist Gründer des Coworking Spaces Shhared.

Wir wollten von ihnen wissen, was hinter dem Coworking-Trend steckt und haben aus erster Hand Einblicke in die Szene und ihre Bedürfnisse erhalten:

May-Lena, wir erleben im Zuge der Digitalisierung das Aufkommen neuer Jobprofile, aber auch neue Möglichkeiten, die Arbeit zu verrichten. Wie hat sich Arbeit im Verlaufe der letzten Jahre verändert?

May-Lena: Neben diesen genannten Aspekten hat sich vor allem auch die Wahrnehmung von Arbeit verändert, was ein noch viel wichtigerer Aspekt ist. Früher gab es eine klare Trennung zwischen Arbeit und Freizeit. Heute erleben wir eine Vermischung dieser beiden Bereiche, pointiert zusammengefasst als Work-Life-Merge. Wenn sich diese Sphären vermischen, dann sollte auch das Umfeld, in dem beides stattfindet, passen.

Ein solches Umfeld bieten zum Beispiel die Coworking Spaces. Was genau verbirgt sich hinter diesem Konzept, gibt es eine Definition dafür?

Alex: Ein schwieriges Thema [lacht]. Ernsthaft: Ich habe bereits viele Gespräche geführt, in denen genau diese Frage diskutiert wurde. Eins konnte ich dabei schnell feststellen: Man war sich relativ schnell einig, was es nicht ist. Dafür war man sich umso uneiniger, wenn es um eine genaue Definition ging. Denn jeder Coworking Space ist anders gestaltet, hat andere Services oder Zielgruppen. Kurzum: Coworking Spaces sind immer individuell zu betrachten.

Du bist Gründer des Hamburger Coworking Spaces Shhared. Wo setzt ihr die Schwerpunkte?

Alex: Im Shhared finde ich es wichtig, dass verschiedene Personengruppen zusammenkommen, zu Neuem ermutigt werden, einander helfen und sich dabei wohlfühlen. Sie sollen eine Art Community-Denken verinnerlichen.

May-Lena: Gerade auch das Weiterhelfen und Dazulernen ist ein wichtiger Aspekt: In Coworking Spaces werden die Leute dazu ermutigt, sich gegenseitig zu unterstützen, etwa mit ihrer Expertise und ihren Kontakten. Auch wir bieten als nextMedia.StartHub Sprechstunden und Beratung für Start-ups an. Dafür gehen wir in die Coworking Spaces, wie zum Beispiel das Shhared  und das betahaus Hamburg, da wir hier sowohl die Start-ups treffen als auch spannende Netzwerkpartner und Multiplikatoren. Und du kannst dir sicher sein: Auch wir lernen jedes Mal wieder Neues von den Start-ups. Das ist auch gut so.

Alex: Und um zurück zur Ursprungsfrage zu kommen: Nicht wir sollten eine Definition für Coworking finden, sondern den Menschen innerhalb dieser Räume die Möglichkeit bieten, selbst ihre eigene Definition zu kreieren und zu leben.

Du hast bereits die Gestaltung angesprochen. Vor welchen Herausforderungen steht man denn neben der Gestaltung der Räume gerade zu Beginn als Betreiber eines Coworking Spaces?

Alex: Die Gestaltung ist schon ein sehr wichtiger Aspekt. Man macht sich Gedanken über die Anordnung der Tische, die Farben der Stühle, die Akustik im Raum oder belebende Deko-Elemente. Auch über banale Dinge wie Blumen denkt man nach. Jeder mag Blumen, sie riechen toll. Und Geruch ist wichtig, zum Beispiel auch der Geruch nach frischem Brot, einer leckeren Suppe oder Kaffee.

May-Lena: Wir bekommen das auch über die Diskussion mit vielen Start-ups in Hamburg hautnah mit. Die meist relativ jungen Leute wissen schon ziemlich sicher, was sie zum Arbeiten brauchen – und was nicht. Etwa viele kleine Räume oder wenige Flächen zum Austausch – das würde bei einem Coworking Space nicht funktionieren. Das Design ist also zentral, sowohl für die beruflichen als auch die sozialen Aspekte.

Alex:
Stimmt. Abseits des Designs kann man sich aber selten auf alle Herausforderungen vorbereiten. Natürlich erstellt man einen klassischen Businessplan, der sich mit Finanzen, Gestaltung oder Organisation auseinandersetzt, aber viele Dinge ignoriert man dennoch unbewusst. Ein simples Beispiel: Kurz nach der Eröffnung von Shhared betrat eine kleine Gruppe den Raum und fragte nach einer Möglichkeit, ihre Jacken aufzuhängen. Ich erklärte ihr, dass ich bis dato nicht einen Gedanken an eine Garderobe verschwendet hatte. „Immerhin gibt es Kaffee“, scherzte eine Person weiter. Das Problem habe ich allerdings gleich am Tag danach behoben. Ein anderes Beispiel: Zu Beginn sagte mir jeder Berater, dass ich auf jeden Fall einen guten, schnellen Drucker benötigen würde. Der wird allerdings kaum genutzt. Worauf ich hinaus will: Man lernt immer dazu. Vor allem lernt man aber, ein offenes Ohr für seine Community zu haben, sie besser zu verstehen und den echten Bedürfnissen vor Ort nachzukommen.

Vieles, das ihr beschreibt, klingt nicht nach einem klassischen Büro-Arbeitsplatz innerhalb eines Unternehmens. Sind das auch schon die Kernunterschiede zwischen einem Coworking Space und einem gewöhnlichen Büro?

May-Lena: Der Kernunterschied liegt aus meiner Sicht auch darin, dass Teams innerhalb eines klassischen, traditionell aufgebauten Unternehmens seltener cross-sektoral zusammenarbeiten. Man findet häufig klassische Abteilungsstrukturen vor, also Marketing auf dem einen Flur, IT auf dem anderen und die Sales-Leute wieder woanders. So ist der Austausch zwischen den Teams natürlich schwierig. Beim Coworking treffen häufig Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Hintergründen aufeinander, die durch ihr Community-Denken eine Gemeinsamkeit haben. Sie suchen aktiv nach einer Plattform, wo sie sich persönlich austauschen können. Dort bringen sie auch gern ihr Wissen ein, helfen anderen. Weil sie wissen, dass sie viel zurückbekommen.

Die Voraussetzungen für mehr Kommunikation sind also gegeben. Aber kann denn wirklich ein aktiverer Wissensaustausch unter den Personen innerhalb eines Coworking Spaces beobachtet werden?


Alex:
Definitiv. Und auch Unternehmen könnten hiervon profitieren.

Wie das?

Alex:
Unternehmen sehen sich einem ständigen Wettbewerb ausgeliefert. Um sich einen Wettbewerbsvorteil zu sichern, versuchen sie anders zu sein als die Konkurrenz. Da hilft es, unterschiedliche Personen zusammenzubringen, denn dadurch können Ergebnisse positiv beeinflusst werden. Man lernt, aus anderen Blickwinkeln auf Dinge zu schauen und das bringt beide Parteien weiter.

May-Lena: Wir hören immer häufiger davon, dass Unternehmen freie Büroflächen an Startups untervermieten und sich so etwas frischen Wind ins Haus holen wollen. So kommen sie zwar mit jungen Kreativen zusammen, verpassen aber die Möglichkeit, die weiteren Vorteile von Coworking Spaces zu nutzen.

Aber wollen junge Kreative eigentlich mit großen Unternehmen unter einem Dach arbeiten?

Alex:
Viele Leute denken häufig: Coworking Spaces sind nur was für Start-ups und Freelancer und die Menschen vor Ort lassen ungern Fremde, vor allem großen Unternehmen, in die eigene Community. Ich halte das für einen Irrglauben. Dazu können beide Seiten zu sehr voneinander profitieren: Unternehmen von unserer Kreativität, wir von deren Expertise und Erfahrung. Sie müssen nur Kooperationsbereitschaft signalisieren. Zudem wissen wir hier auch, dass sich große Chancen durch enge Zusammenarbeit bieten können, das gilt besonders für Start-ups.

May-Lena: Das ist vollkommen richtig. Unternehmen legen nur ungern ihre Karten offen. Herausforderungen und Probleme sind außerhalb der eigenen Räumlichkeiten häufig Tabu-Themen. Du musst für sie also eine vertrauensvolle Atmosphäre kreieren, wo sie sich wohl und als Teil der Community fühlen. Dann fällt es ihnen sicher leichter, sich zu öffnen und auch gezielt die Community beim Suchen nach den Lösungen für ihre Herausforderungen einzubinden und zu nutzen.

Alex: Daran arbeiten wir.

Hoffentlich mit Erfolg. Zum Abschluss noch eine letzte Frage: Was ist auch in Zukunft sehr wichtig für einen Coworking Space?  

Alex: Mehr Zusammenarbeit, mehr Vertrauen in Community-Beziehungen und mehr Diversifikation.

May-Lena: Coworking ist ein grundlegendes Konzept, das für mehr Leute als nur für Freelancer und kleine Startups sinnvoll sein kann. Die Space-Konzepte und Schwerpunkte werden somit aus meiner Sicht zukünftig noch vielschichtiger werden.

Alex:
Und nochmal: Diversifikation. Wir wollen hier wirklich ALLE Menschen zusammenführen.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren: