Grenzüberschreitender Handel 2021 – quo vadis?

Autor: Dr. Roger Gothmann
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Mitte dieses Jahres wird in der EU die größte Umsatzsteuerreform der vergangenen Jahre umgesetzt. Was Onlinehändler*innen jetzt schon über den sog. One-Stop-Shop (OSS) wissen sollten.

Der Onlinehandel boomt – auch grenzüberschreitend. Konsument*innen ist es immer weniger wichtig, „wo“ sie einkaufen – viel entscheidender ist das „wie“. Dabei eröffnen Online-marktplätze wie Amazon oder Zalando auch kleinen und mittelständischen Händler*innen und Start-ups die Tür zu Kund*innen in aller Welt. In diesem Jahr wird der Handel dabei allerdings vor neue Herausforderungen gestellt.

Mitte dieses Jahres wird in der EU die größte Umsatzsteuerreform der vergangenen Jahre umgesetzt. Zentraler Baustein des Pakets ist der One-Stop-Shop, kurz OSS. Dieser wird voraussichtlich am 01. Juli 2021 im jeweiligen Rechtssystem der EU-Mitgliedsstaaten verankert. Doch was ursprünglich eine Erleichterung für Onlinehändler*innen werden sollte, wird zu einer echten Hürde. Das sogenannte VAT E-Commerce-Package aus dem Jahr 2017 gilt bereits als teilweise veraltet und bringt nicht nur Erleichterungen für Handeltreibende.

Status Quo: Die Lieferschwellen bis Ende Juni 2021

Angenommen ein Onlinekäufer aus Frankreich bestellt derzeit ein Produkt aus Deutschland. Dann muss der Onlinehändler die dafür im EU-Binnenmarkt anfallenden Steuern im Bestimmungsland abführen. In diesem Fall also in Frankreich. Zur Vereinfachung dieses Vorgangs hat die EU Freigrenzen eingeführt. Bis zu diesen Grenzen dürfen Onlinehändler*innen ihre grenzüberschreitenden Lieferungen innerhalb der EU weiterhin bei ihrem Heimatfinanzamt versteuern.

Daraus resultieren einige Fallstricke, die Onlinehändler*innen derzeit beachten müssen. So variieren zum Beispiel die Umsatzsteuergesetze in der EU stark. Von 19 Prozent in Deutschland bis hin zu 27 Prozent in Ungarn. Wer also in verschiedene Länder versenden möchte, muss nach wie vor einiges an Zeit und Geld investieren, um den Überblick zu behalten. Zusätzlich ist oftmals eine kompetente Steuerberatung im jeweiligen Land erforderlich, was wiederum erhebliche Kosten verursacht. Diese “Hürden” sollte es in einem grenzenlosen Binnenmarkt wie der Europäischen Union eigentlich nicht geben.

Welcome One-Stop-Shop (OSS) – was sich ab 01. Juli 2021 ändert

Doch es gibt auch gute Neuigkeiten für alle Händler*innen: Ab dem 1. Juli 2021 wird es nur noch eine einzige EU-weite Lieferschwelle in Höhe von 10.000 Euro netto geben. Diese Regelung tritt mit der Einführung des VAT E-Commerce-Package in Kraft. Damit müssen dann alle Lieferungen über 10.000 Euro netto im jeweiligen Bestimmungsland versteuert werden. Es werden somit deutlich mehr Onlinehändler*innen im EU-Ausland steuerpflichtig als zuvor. 

Die Technologie des One-Stop-Shop (OSS) soll diesen Prozess vereinfachen. Über die Plattform können Händler*innen die Umsatzsteuer künftig für sämtliche EU-Länder zentral abführen. Bestellt dann jemand aus Frankreich etwas in einem deutschen Onlineshop, kann der deutsche Händler bzw. die Händlerin die Umsätze direkt an den OSS melden und darüber sogar die Umsatzsteuer in Frankreich abführen. Onlinehändler*innen müssen sich, sobald sie den Lieferschwellenwert überschreiten, also nicht mehr in jedem EU-Staat steuerlich erfassen lassen. Wer den OSS nutzt muss für diese Verkäufe auch keine Rechnungen mehr an die Endverbraucher*innen ausstellen.

Doch Vorsicht, der OSS ist kein Allheilmittel

Auf den ersten Blick klingt OSS nach einem System, das viele Probleme löst. Doch beim Blick auf die Details wird ganz schnell klar: Der OSS ist nach wie vor kein Allheilmittel. Das fängt schon damit an, dass die Nutzung nicht verpflichtend ist. Zudem erleichtert der OSS nur solchen Unternehmen das Leben, die ihre Waren aus einem Zentrallager heraus versenden, und das auch nur an private Kund*innen. Doch Just in time, Overnight Express oder Same Day Delivery hängen meist an einer ausgeklügelten Logistik, bei der die Lieferung eben nicht aus dem heimischen Zentrallager erfolgt. In diesem Fall müssen die Handeltreibenden weiterhin die Umsatzsteuer eigenständig im jeweiligen Bestimmungsland abführen. Der OSS kommt an dieser Stelle an seine Grenzen, denn solche Prozesse lassen sich damit schlicht nicht abbilden. Unternehmen werden daher auch in Zukunft gezwungen sein, zweigleisig zu fahren – also mit OSS und ohne.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Onlinehändler*innen bekommen ab Mitte des Jahres ein Gesetz auf den Tisch, das schon beim Inkrafttreten veraltet ist. Die Entwicklungen im E-Commerce sind jedoch sehr dynamisch. Technologie ist der Gesetzgebung damit um einige Zeit voraus. Was können Onlinehändler*innen tun? Sie müssen sich heute schon fragen, welche Steuerpflichten sie wohl ab Juli 2021 auslösen. In der Folge geht es um die Frage, wie der zusätzliche Aufwand gelöst werden kann. Per se gibt es drei Optionen: sich selbst kümmern, auf Steuerberater mit besonderer Kenntnis der Auslandsregularien setzen oder Prozesse automatisieren. Fakt ist: Die Digitalisierung komplexer Prozesse wird weiter voranschreiten und bietet schon heute vielfältige Möglichkeiten der Vereinfachung.

Der Autor Dr. Roger Gothmann ist Co-Founder und Geschäftsführer der Compliance-Plattform Taxdoo, über die Onlinehändler aller Größen ihre Umsatzsteuer im EU-Ausland sowie ihre Finanzbuchhaltung automatisiert abwickeln können.

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