Einmal Silicon Valley und zurück

Mit dem German Accelerator ins Silicon Valley

Autor: Jens Kühnapfel
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Die Startup-Kultur ist in Deutschland immer noch nicht ganz angekommen. So manch ein Gründer träumt daher davon, einmal in die Welt des sagenumwobenen Silicon Valley einzutauchen. Jedes Jahr erfüllt der German Accelerator einigen Auserwählten diesen Traum. Jens Kühnapfel, einer der Gründer von virtualQ, war dabei. Zurück in Deutschland lässt er für StartingUp die letzten drei Monate Revue passieren.

Jens Kühnapfel während seines dreimonatigen Aufenthalts im Silicon Valley


Jetlag und der Hewlett-Packard-Mythos

Pitchen ist Daily Business bei Startups. Kein Wunder also, dass auch beim German Accelerator um einen Platz für den Besuch im Silicon Valley gepitcht wird. Fünf Startups dürfen am Schluss für drei Monate dorthin, wo erfolgreiche Firmen wie Microsoft, Facebook oder PayPal ihren Ursprung haben. In der letzten Runde konnten wir von virtualQ uns einen Platz im Flieger in das Land der scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten sichern. Ich darf also nach Kalifornien, und freue mich auf drei Monate Arbeiten zwischen inspirierenden Menschen und unter der kalifornischen Sonne.

Alles beginnt mit einer Sightseeing Tour, die mich meinen Jetlag direkt vergessen lässt. Die Tour startet dort, wo auch der Startup Mythos seinen Ursprung hat. Die Garage von Hewlett-Packard ist klein und unscheinbar und doch wurde dort eines der größten Tech-Unternehmen weltweit gegründet. Das macht Mut! Wer weiß, wo wir bald stehen?

Unser neues Büro lässt sich dagegen sehen. In der unmittelbareren Nachbarschaft ist 50 Prozent des weltweiten Venture Capitals angesiedelt. Schön, wenn einen nur noch ein Katzensprung von potenziellen Geldgebern trennt. Unser Gebäude teilen wir uns mit Twitter, zwei Häuser weiter sitzt Uber. Travis Kalanick, der 2009 Uber gründete, sehe ich um 1.30 Uhr nachts dann auch tatsächlich auf der Straße. Mittlerweile hat Uber einen Wert von 62,5 Milliarden – von einer solchen Erfolgsstory träumt wohl jeder der Accelerator-Teilnehmer. Die exklusive Lage unserer Räumlichkeiten macht sich auch bei den Preisen in den umliegenden Geschäften bemerkbar - hier sagen mir die hohen Summen weniger zu.

Ein guter Rat ist vielleicht die beste Förderung

Am zweiten Tag startet ein zweitägiges Boot Camp des German Accelerators. Ich lerne die vier anderen, teilnehmenden Startups kennen. Wie immer bin ich fasziniert davon, in welchen Nischen kreative Köpfe Innovationen schaffen. Beim German Accelerator heißt es, dass nur die vielversprechendsten deutschen Startups teilnehmen. Das freut mich und ich glaube mit den anderen vier Startups befinde ich mich in kreativer und angenehmer Gesellschaft.

Im Boot Camp werden wir von Mentoren gecoacht, die schon 40 Jahre im Silicon Valley wohnen und arbeiten. Sie alle haben bereits selbst gegründet, meist mehrfach, verfügen über ein riesiges Netzwerk, sind kompetente Ansprechpartner bei sämtlichen Business-Fragen und haben immer ein offenes Ohr für uns. Hier fällt mir ein Unterschied zu Deutschland auf: Austausch wie im Silicon Valley wünsche ich mir auch für Deutschland. Schadet nie, wenn man Input von erfahrenen Unternehmern bekommt.

Täglich grüßt das Murmeltier ...

In den kommenden Wochen bekomme ich einen guten Eindruck von der Mentalität in der US-Startup Branche. Für mich beginnt ein Marathon aus Netzwerken, Rat einsammeln, unser Geschäftsmodell evaluieren und Visitenkarten austauschen. Immer und immer wieder. Außerdem arbeite ich natürlich mit meinen Kollegen daran, unser Business weiter voranzubringen. Nachtschichten sind also angesagt. Aber das ist es wert!

Deutsche Delegationen im Valley

Spannend wird es wieder, als wir erfahren, dass der gesamte Tengelmann Vorstand das Valley besuchen wird und auch uns kennen lernen will. Wir dürfen allesamt vor den Spitzenmanagern pitchen, dabei kommt die Idee von virtualQ zu meiner Freude gut an. Tengelmann ist nicht das einzige deutsche Unternehmen, dass wir kennenlernen. Konzerne wie Lufthansa oder die deutsche Bahn besuchen das Valley und kommen für einen Austausch auf Augenhöhe vorbei. Mit einem Mal bin ich per du mit dem Deutsche Bahn Vorstandsvorsitzenden Grube. Insgeheim denke ich mir aber immer wieder: Die ganzen großen, deutschen Unternehmen besuchen das Silicon Valley und suchen nach Innovationen. Dabei könnte man deutsche Startups auch in Deutschland stärker mit Know-how und Förderung unterstützen. Die Einladung steht: Kommt gern in unserem Office in Stuttgart vorbei.

Es geht voran

Ein Grund für die Innovationsflut aus dem Silicon Valley ist die unbürokratische und schnelle Arbeitsweise. Auf ein Meeting muss man nicht lange warten. Ein Dreizeiler per Mail genügt, und spätestens drei Tage später hat man ein Meeting im Café um die Ecke. Natürlich ohne Dresscode, Sneaker gehen hier immer. Besonders schön: Auch Entscheidungen werden schnell und unkompliziert getroffen.

Die ständigen Meetups und Veranstaltungen zu Technik- oder Startup-Themen bringen neue Eindrücke, sodass ich täglich dazulerne. Auch in privaten Gesprächen sind diese Themen omnipräsent: Beim schnellen Crashkurs vom Big Data Pionier oder morgens im Zug, als mir eine Freundin erklärt, wie Deep-Learning bei selbstfahrenden Autos zum Einsatz kommt. Die Lernkurve im Valley ist gigantisch!

Ein Rückblick

Nach drei Monaten verlasse ich San Francisco mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Die Zeit im Valley war für mich wahnsinnig lehrreich und ich bin mir sicher, dass ich bei meiner Arbeit von den gewonnenen Erkenntnissen profitieren werde. Der Blick über den Tellerrand hat mir aber auch vor Augen geführt, wie abgeschlagen Deutschland in der Digitalwirtschaft dasteht. In Kalifornien brauche ich kein Auto, sondern fahre Uber, ich brauche keine Bank, denn ich bezahle mit Apple und bald bin ich bei Google versichert.

Klar haben wir auch in Deutschland viele Gründer mit tollen Ideen. Leider fehlt aber der Austausch zwischen denen, die es bereits „geschafft haben“ und denen, die mit neuen Ideen etwas verändern wollen. Statt sich gegenseitig zu befruchten, wird vielfach noch nebeneinander her gearbeitet, ohne nach links und rechts zu schauen. Ein Netzwerk, wie im Silicon Valley würde ich mir auch für Deutschland wünschen. Das gute am German Accelerator Programm ist für mich, dass es genau diese Lücke zu schließen versucht.

Die virtualQ GmbH mit Sitz in Stuttgart und Berlin wurde 2014 von Ulf Kühnapfel, Jens Kühnapfel und Dr. Niles Liebisch gegründet. Ihre Mission ist es, mittels innovativer Softwarelösungen die Warteschleifen am Servicetelefon abzuschaffen.

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