Wer in Deutschland sein Glück auf dem freien Markt versuchen und ein Start-up gründen möchte, dem steht mit der deutschen Bürokratie speziell bei Gründungen zunächst ein schier unendlicher Leidensweg bevor. Seit Jahren lässt die Politik verlauten, diesen Weg vereinfachen und Gründer stärker fördern zu wollen. Die neue Koalition scheint nun wirklich etwas zu bewegen, zumindest belegen die Zahlen des Start-up-Barometers von Ernst & Young die bessere Ausgangslage für kleinere Firmen.

Analyse erster Zahlen nach der Unternehmens-Gründung
Die Gründung eines Start-ups soll künftig einfacher werden. Erste Zahlen von Ernst & Young belegen den Fortschritt. Foto: Shutterstock/mojo cp 675650476


Koalitionsvertrag verspricht Besserung

Versprochen hatte es die Politik schon zig Male: die verstärkte Förderung und Unterstützung von Gründern. Doch wer den steinigen Weg eines Start-ups wirklich beschritten hatte, der stand speziell in den ersten Jahren nicht nur vor der Finanzierungsfrage, sondern auch vor diversen bürokratischen Hindernissen und Herausforderungen.

Auch im neuen Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD wird die Bedeutung von Start-ups und Gründern für die deutsche Wirtschaft herausgestellt. Aber im Gegensatz zu vergangenen Jahren und Legislaturperioden scheint sich nun tatsächlich etwas zu bewegen. Das Start-up-Barometer der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young (EY) belegt diese Annahme mit ihren Zahlen.

Zwar kamen deutsche Start-ups in der ersten Jahreshälfte 2018 insgesamt nur auf rund 2,4 Milliarden Euro Investitionsgelder, sieben Prozent weniger als 2017, allerdings müssen diese richtig Zahlen eingeordnet werden. Schließlich hatte zum einen der Börsengang von Delivery Hero, einem Unternehmen, welches Online-Bestellplattformen für Essen betreibt, einen erheblichen Anteil am Investitionsvolumen. Zum anderen, Börsengänge außer Acht gelassen, stieg im ersten Halbjahr 2018 das Transaktionsvolumen reiner Risikokapitalinvestitionen um 3,5 Prozent und erreichte damit einen neuen Höchststand von 2,2 Milliarden Euro.

Auch die absolute Zahl der Investitionen erreichte mit insgesamt 272 Transaktionen einen neuen Rekord. Der Wert liegt insgesamt drei Prozent höher als im Vorjahreszeitraum. Für das Start-up-Barometer berücksichtigt Ernst & Young ausschließlich Firmen, die nicht älter als zehn Jahre sind. Indikatoren für die Studie sind:

  • Klassische Risikokapitalinvestitionen
  • Mittelzuflüsse aus Börsengängen
  • ICOs (Initial Coin Offerings)


Eine Viertelmilliarde durch ICOs

Trotz Kritik und fehlender Bankenregulierung haben ICOs als Finanzierungsform bei deutschen Start-ups im ersten Halbjahr 2018 einen Investitionseingang von 250 Millionen Euro verzeichnen können. Zum Vergleich: Im selben Zeitraum des Vorjahres waren es gerade einmal elf Millionen Euro. Ob dieser Trend weiterhin anhält, ist allerdings fraglich. Teilweise massive Experten-Kritik, Widerstände des Finanzmarktes sowie extrem schwankende Kurse sorgen für ein dickes Fragezeichen hinter den ICOs.

Peter Lennartz, Partner bei EY, sieht dennoch erhebliches Potenzial im Bereich der ICOs: "Nach dem Hype im ersten Halbjahr und negativer Publicity aufgrund fehlender Regulierungen ist es aktuell wieder etwas schwieriger für Start-ups, sich über ICOs zu finanzieren. Allerdings beschäftigen sich inzwischen auch Konzerne, Investitionsbanken und die Regulatoren mit dieser Finanzierungsform und den damit zusammenhängenden Geschäftsmodellen, die auf der Blockchain-Technologie basieren, so dass hier durchaus ein großes Wachstumspotenzial besteht."


Berlin bleibt unangefochten an der Spitze

Die deutsche Start-up-Hochburg bleibt auch weiterhin Berlin. "In Berlin hat sich in den vergangenen Jahren das wichtigste und größte Ökosystem für Start-ups etabliert – hier stimmen die Rahmenbedingungen auch im internationalen Vergleich, ausländische Investoren haben Berlin längst auf dem Schirm", bestätigte auch Lennartz die herausragende Stellung Berlins im Gründungssektor. Speziell im Bereich der IOCs sei Berlin der erfolgreichste Standort in ganz Deutschland. Auch europaweit könne die Hauptstadt in diesem Bereich mithalten.

Lennartz sieht aber auch in anderen Spezialisierungsbereichen positive Strukturen: "Andere Start-up Ökosysteme in Deutschland haben es dagegen grundsätzlich schwerer. Die aktuellen Entwicklungen zeigen aber, dass die Spezialisierung auf bestimmte Schwerpunkte, die intensive Zusammenarbeit zwischen Universitäten, Forschungseinrichtungen, etablierten Konzernen und Start-ups sowie die regionale Förderung durch die Politik zu bemerkenswerten und für die Zukunft hoffnungsvoll stimmenden Erfolgen führen."


Politik gefragt – Rahmenbedingungen noch verbesserungswürdig

Damit junge Gründer und Start-ups aber noch besser gefördert und unterstützt werden können, sind laut Lennartz noch einige Verbesserungen der Rahmenbedingungen für Start-ups nötig. Dazu gehören neben einer stärkeren Finanzierungsaktivität, speziell im Sektor von kleineren bis mittleren Finanzierungsrunden, auch vorteilhaftere Abschreibungsmöglichkeiten für Investitionen in Start-ups. Nur so würde sich die Attraktivität von Start-ups erhöhen.

In Großbritannien gebe es bereits derartige Modelle. Dort würden Investoren bereits rund 20 Prozent der Investitionssumme auf ihre Steuern gutgeschrieben. Diese Steuerförderung animiere Investoren, auch in Start-ups zu investieren. Des Weiteren könne die Politik ihre Vorschriften bezüglich einer Arbeitserlaubnis sowie Visa für internationale, talentierte Nachwuchskräfte lockern. Auch Datenschutz-Grundverordnung oder Mindestlohn seien bürokratische Stolpersteine für die Start-ups und würden an den Kräften der Jungunternehmer zehren, speziell in einer Phase, die sie sowieso vor diverse Herausforderungen stelle.

Als letzten Punkt spricht Lennartz den Ausbau der Datennetze an: "Wir müssen die digitale Infrastruktur in Deutschland ausbauen. Sie ist die Basis dafür, dass digitale Geschäftsmodelle überhaupt in der Praxis funktionieren können. Da hinkt Deutschland anderen Staaten hinterher." Die neusten Zahlen sprechen also für einen Fortschritt, offene Aufgaben hat die Politik aber noch zu genüge vor sich.


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