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Würden Sie sich als Social Entrepreneur bezeichnen?
Wenn man „social entrepreneurship“ mit Unternehmen gleichsetzt, die einen wichtigen gesellschaftlichen Zweck verfolgen, dann sind Lars und ich wohl per definitionem „social entrepreneurs“. Wir sind jedoch keine Samariter, zumindest kann ich das von mir nicht behaupten. Wenn ich vor die Wahl gestellt würde, entweder meine Familie zu ernähren oder ein sozial relevantes aber wenig ertragreiches Unternehmen zu gründen, würde ich ehrlicherweise immer die erste Alternative wählen. Allerdings war der Grund, warum ich bei meinem vorigen Arbeitgeber auf einem viermal so hohen Gehaltsniveau gekündigt habe, dass ich etwas für meinen Lebensentwurf „Sinnvolles“ tun wollte, was ja auch primär egoistisch ist. Dass wir bei pflege.de beides haben können, nämlich ein finanziell aussichtsreiches Unternehmen voranzutreiben und gleichzeitig gesellschaftlichen und sozialen Nutzen zu stiften, ist großartig und wir sind dankbar für diese Chance.

Wie ist die Entwicklung: Wollen die alten Menschen so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden bleiben – oder lieber früh in eine Pflegeeinrichtung?
Jeder will natürlich so lange wie möglich zu Hause bleiben. Allerdings bedeutet „so lange wie möglich“, dass es eben Umstände gibt, unter denen eine Betreuung zu Hause nicht mehr gangbar oder empfehlenswert ist; beispielsweise wenn Krankheiten wie Alzheimer fachgerecht und rund um die Uhr behandelt werden müssen oder wenn der ältere Mensch zu Hause vereinsamt, weil z.B. der Partner gestorben ist. Das in den Medien verbreitete Schreckgespenst vom Pflegeheim können wir jedenfalls nicht bestätigen. Natürlich gibt es auch hier schwarze Schafe, aber es ist beachtens- und bewundernswert, welch großartige Arbeit in deutschen Pflegeheimen tagaus-, tagein geleistet wird, und zwar meist mit wenig oder keiner Unterstützung durch die Angehörigen.

Das Team von pflege.de

Sie vermitteln örtliche Pflegedienstleister sowie Handwerker, die die Wohnung barrierefrei ausbauen. Außerdem findet man bei Ihnen Plätze in Pflegeheimen und Seniorenresidenzen, Hausnotruf-Anbieter, Umzugshelfer, Firmen für die Wohnungsauflösung, Beratung in puncto Pflegestufe und Versicherungen. Und man kann sogar polnische Betreuungskräfte für die häusliche Pflege buchen. Wie stellen Sie die Qualität all dieser Angebote sicher? 
Die bisher getätigten Investitionen wurden vor allem dazu verwendet, mit einem kompetenten Team relevante und seriöse Anbieter in allen von uns vermittelten Bereichen zu sourcen und als Partner zu qualifizieren. Die Mehrzahl unserer mehr als 2.000 Partner habe ich selbst akquiriert, da die Qualität der durch uns vermittelten Anbieter ein wesentlicher Grundpfeiler unseres Erfolgs ist und wir dies als Chefsache betrachten. Ein Beispiel: Im Bereich der 24-h-Betreuung werden heute 90 Prozent der meist polnischen Betreuerinnen illegal beschäftigt. Es ist für eine Familie allerdings fast unmöglich zu überprüfen, ob im Heimatland der Betreuerin Steuern und Sozialversicherungsbeiträge abgeführt werden. Da es im Gegensatz zu anderen Bereichen keine externe Qualitätsprüfung und entsprechende Zertifikate für Agenturen der 24h-Betreuung gibt, haben wir uns erst kürzlich an der Gründung des gemeinnützigen Vereins VHBP (Verband für häusliche Betreuung und Pflege e.V.) beteiligt. Dieser Verein hat es sich u.a. zum Ziel gesetzt, wissenschaftlich fundierte Legalitäts- und Qualitätskriterien für 24h-Betreuung zu entwickeln und nachzuhalten. Auf Wunsch der anderen Vereinsmitglieder habe ich den ehrenamtlichen Vorstandsvorsitz dieses Verbandes übernommen, da uns dieses Thema so wichtig ist.

Carsten Maschmeyer hat Anfang des Jahres einen siebenstelligen Betrag in pflege.de investiert. Welche Impulse gibt Ihnen das?
Neben dem finanziellen Impuls sind wir wahrlich begeistert, wie sich Hr. Maschmeyer und sein Team nicht nur für unsere Entwicklung interessieren, sondern diese auch aktiv und bedarfsgerecht vorantreiben. So haben wir mittlerweile schon den zweiten Vertriebsworkshop durchgeführt, den Hr. Maschmeyer persönlich leitete. Aber auch sein Team im Hintergrund unterstützt uns, wo immer wir es wünschen. Die Schlütersche Verlagsgesellschaft mit ihrem Geschäftsführer Harm van Maanen bringen sich übrigens ebenso aktiv und positiv ein. Hier hält „smart money“, was es verspricht!

Im Senioren-Markt ist eine emotionale Kommunikation besonders wichtig. Welche Medienkanäle und -gattungen eignen sich hierfür am besten?
Egal in welchen Kanälen geht es immer darum, kompetent und einfühlsam zugleich die Qualität der Inhalte in den Vordergrund zu stellen. Es kommt also weniger auf spezielle Kanäle an, sondern auf die Art der Ansprache. Banner und Anzeigen funktionieren deshalb für uns viel schlechter als beispielsweise redaktionell eingebettete Werbemittel mit relevantem und hochqualitativem content. Da wir für alle Beiträge in unserem eigenen online-Magazin, unserem Blog und Newslettern Fachjournalisten beauftragen und zudem die Praxisrelevanz in den Beratungsgesprächen abschätzen können, werden unsere Inhalte gerne von anderen Medien benutzt und mittlerweile sogar aktiv angefragt.

Wann sichern Sie sich selbst einen Platz im Pflegeheim? 
Den Platz im Pflegeheim kann man sich nicht „sichern“, aber zumindest die Finanzierung privat „versichern“. Dies habe ich getan, schon lang vor der Gründung von pflege.de. Auch mein 8-monatiger Sohn Oscar hat schon eine Pflegetagegeldversicherung. Wenn er so lange lebt, wie ich es ihm wünsche, wird er diese mit großer statistischer Wahrscheinlichkeit auch in Anspruch nehmen. 

Welchen Tipp haben Sie für andere Gründer?
Seid wagemutig in Euren Entscheidungen und bleibt bescheiden, wenn es klappt. Denn in den meisten Fällen haben wir das investierte Geld nicht selbst verdient.

Das Interview führt Jeff Jennerwein

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