Gründer der Woche: Jimmy Fresh – der etwas andere Food-Lieferdienst

Gründer der Woche 07/17


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Jimmy Fresh ist einer von vielen Lieferdiensten unseres Landes. Doch Gründer Pascal Tran treibt mehr an, als einfach nur frisches Essen von A nach B zu liefern. Er hat sich das Thema Nachhaltigkeit zu Herzen genommen und setzt sich ganz nebenbei noch für andere Gründer ein. Warum und was ihn sonst noch antreibt, das erfahren wir im Interview.

Die Konkurrenz im Food-Delivery-Bereich ist groß. Warum glaubst du, dich mit Jimmy Fresh am Ende gegen Lieferheld und Co. durchsetzen zu können?

Wir wollen uns gar nicht gegen Lieferheld und Co durchsetzen, sondern in der (Massen-) Nische Health Food die Nr 1 Lieferplattform werden. Dieser Trend wird sich langfristig durchsetzen, vor allem in Großstädten, weil die Leute dort immer mehr Wert auf eine bewusste Ernährung legen und auf der anderen Seite einfach zu wenig Zeit haben selbst zu kochen. Zudem haben Health-Food-Restaurants in Städten wie München eine kritische Masse erreicht, sodass diese eine spezialisierte Lieferplattform benötigen, die ihre Interessen und Alleinstellungsmerkmale klar vertreten kann. Große Player wie Lieferheld listen einfach alle Restaurants auf, sodass diese in der Masse untergehen bzw. deren besonderes Produktangebot beim Endkunden nicht wirklich zum Vorschein kommt.

Bei Jimmy Fresh gibt es außerdem die Möglichkeit nach Gerichten zu filtern, die passgenau auf die eigenen Vorlieben zugeschnitten sind. Z.B. können mit den Filtern „Fitness-Modus“ und „Ernährungskategorien“ unkompliziert nuss- und glutenfreie Bio-Gerichte mit 30g Eiweiß und 600 Kalorien gefunden werden. Bei welcher Lieferplattform hat man so einen hohen Grad an Transparenz und Individualität?
Eine weitere Besonderheit, die uns gegenüber dem Wettbewerb einen Vorteil verschafft, ist die Logistik. Wir haben keine eigene Liefermannschaft, sondern arbeiten mit Heimservice-Restaurants zusammen, die schon eine bestehende Lieferinfrastruktur besitzen und neben ihren eigenen Kunden für Jimmy Fresh-Kunden mit ausliefern. Somit sparen wir uns die Fixkosten und die Heimservice-Restaurants können ihre Leerzeiten minimieren. Eine Win Win-Situation – sharing is caring!  

Ein Grundpfeiler deines unternehmerischen Denkens ist Nachhaltigkeit. Weshalb spielt das für dich eine so große Rolle?

Nachhaltigkeit in diesem Kontext bedeutet für mich, dass möglichst viele verschiedene Gruppen vom Geschäftsmodell Jimmy Fresh profitieren sollen, und zwar langfristig. Nicht nur aus finanzieller Sicht, sondern auch gesellschaftlich. Am Ende des Tages will ich als Unternehmer wirtschaftlich erfolgreich sein und einen positiven Impact auf andere Leute haben. Bei Jimmy Fresh zeigt sich das konkret in 3 Punkten:

1. Startup-TV: Ich betreibe einen Vlog, wo ich die Leute mit auf meine Reise als angehender Gründer nehme und ihnen einen Einblick in meinen „Alltag“ gewähre. Z.B. sehen sie mich bei einem Pitch oder bei diversen Startup-Events wie Spätschicht (Gründerszene-Event). Ich will den Leuten einen authentischen Eindruck vermitteln wie es ist ein Unternehmen von der Pike aufzubauen mit all den Höhen und Tiefen. Ich will ihnen zeigen, dass man sehr viel dabei lernen kann, sich selbst weiterentwickelt, interessante Leute kennenlernt und trotz immenser Herausforderungen großen Erfolg und eine Menge Spaß haben kann, wenn man sich nicht unterkriegen lässt. Natürlich dient dieser Vlog auch als Marketinginstrument für Jimmy Fresh, soll aber zugleich andere Leute inspirieren ihre Selbständigkeitsträume in die Tat umzusetzen.

2. Die Nutzung bestehender Ressourcen, der sog. Share-Economy-Gedanke): Durch das Mitbenutzen der Lieferflotte lokaler Heimservice-Restaurants werden diese am wirtschaftlichen Erfolg von Jimmy Fresh partizipieren.

3. Unterstützung lokaler Restaurants und regionaler Erzeuger: Da wir großen Wert darauf legen mit Restaurants zu kooperieren, die einen hohen Anteil an regionalen Zutaten verwenden, unterstützen wir nicht nur diese, sondern auch indirekt Bauern und andere Zulieferer aus der Region.

Du hast in Karlsruhe studiert und deinen Master gemacht. Wann kam dir dabei die Idee für Jimmy Fresh?

Die Idee kam mir während des Masterstudiums nachdem ich mich schon mehrere Jahre darüber aufgeregt habe, dass es keine zufriedenstellenden Möglichkeiten gab, schnell und einfach an gesundes Essen zu kommen. Viele Karlsruher Alumnis werden mir bestimmt Recht geben, dass der sog. Yufka (auch bekannt als Dürüm) einer DER Leibspeisen war und aus dem Ernährungsplan eines Karlsruher kaum wegzudenken war. So war es eben auch bei mir, aber 3 bis 4 Mal die Woche Yufka war auf Dauer auch keine Lösung. Kochen macht mir zwar schon ab und an Spaß, aber im stressigen Alltag unter der Woche war das eher eine Belastung als ein Vergnügen. Ein gesundes Restaurant oder ein gesunder Lieferservice musste her!

Während meiner Masterarbeit, die sich doch länger hingezogen hat als gedacht, hatte ich genug Zeit, um mir die Geschäftsidee im Detail zu überlegen. Die Gründung sollte auf jeden Fall in einer Großstadt wie München erfolgen, weil dort die richtige Zielgruppe vorzufinden ist. Da kam die Eröffnung eines eigenen Restaurants schon mal nicht in Frage aufgrund des hohen Investments, geschweige denn der exorbitanten Miete für eine einigermaßen zentrale Lage. Nach einer gründlichen Recherche fand ich heraus, dass es doch schon einige Health-Food-Restaurants in München gab. Da dachte ich mir weshalb es eigentlich noch keine spezialisierten Lieferplattformen gab, die ausschließlich gesunde Restaurants listen und ernährungsbewussten Großstädtern eine große Auswahl verschiedener Health Food-Gerichte bieten. Bis dato musste man oft mühsam googeln welche gesunden Restaurants es in der Nähe gab bzw. waren sie unauffindbar und man hat sie dann irgendwann mal durch Zufall entdeckt.

Außerdem hat mich das Geschäftsmodell der digitalen Lieferplattform gereizt, das ohne physische Infrastruktur auskommt und somit sehr gut skalierbar ist. Uber ist das größte Taxi-Unternehmen der Welt ohne ein eigenes Taxi zu besitzen. Wie wäre es das größte Lieferrestaurant der Welt aufzuziehen, das weder eine eigene Küche noch eigene Fahrer hat?

Auf dem Weg zum profitablen Unternehmen lauern unzählige Stolpersteine und Hürden. Gab es bei dir einen Knackpunkt, wo du dir gedacht hast: Jetzt erst recht!

Dieser Knackpunkt war schon ganz am Anfang der Gründungsphase, wo ich nach einem Programmierer bzw. einer Agentur gesucht habe, die die Entwicklung der Plattform übernimmt. Zuerst haben mich tatsächlich einige abgelehnt, weil sie in der Idee kein Potenzial gesehen haben bzw. gesagt haben, dass mein Vorhaben von Beginn an zum Scheitern verurteilt ist aufgrund der schwierigen Wettbewerbslage. Man sollte eigentlich meinen, dass sich Agenturen generell über Aufträge freuen. Pustekuchen! Der Höhepunkt kommt aber noch. Nach zahlreichen Absagen bot mir eine Berliner Agentur einen Workshop an, wo sie mit mir gemeinsam die Idee anhand des Business Model Canvas evaluieren wollten. Ihrer Meinung nach war die Programmierung eher die kleinere Herausforderung als das richtige strategische Konzept zu finden. Da besagte Agentur bereits etwas für eine größere Lieferplattform programmiert hat, nahm ich den Vorschlag an, in der Hoffnung damit endlich den richtigen IT-Partner gefunden zu haben.

Während des Workshops wurde meine Idee jedoch dermaßen auseinander genommen und man hat mich mit Sätzen wie „Du bist noch nicht so weit! Sammel erst mal Erfahrung in einem Start-up.“ oder „Wir können nicht reinen Gewissens den IT-Auftrag annehmen, weil wir nicht von der Idee überzeugt sind und wir dir die Kosten ersparen wollen.“ nach Hause geschickt. Für meinen Vater und mich, die für diesen einen Tag extra nach Berlin geflogen sind, war das eine bittere Enttäuschung. Wir waren wirklich down. Die nächsten Tage haben mich auf jeden Fall etliche Zweifel geplagt, ob ich überhaupt als Gründer etwas tauge, ob meine Idee echt zu schlecht war, ob ich nicht einfach einen festen Job annehmen soll und so weiter.

Zum Glück bin ich im Anschluss einige Tage auf das Splash-Festival gefahren, wo ich etwas Abstand zu dem Ganzen gewinnen konnte. Wieder zuhause angekommen habe ich die Idee nochmal in Ruhe selbst anhand des Canvas-Frameworks analysiert und bin zu dem Schluss gekommen, dass es auf jeden Fall Sinn macht. Ich habe mir auch nochmal den Film Pursuit of Happiness angesehen und die Gesprächsszene zwischen Will Smith und seinem Sohn, hat mir in der Situation unglaublich viel geholfen: “Don't ever let someone tell you, you can't do something. Not even me. You got a dream, you got to protect it. People can’t do something themselves, they want to tell you you can’t do it. You want something, go get it. Period.” Ich dachte mir: Jetzt erst Recht, Junge! Ich glaube von ganzem Herzen an die Idee und sie kann so vielen Menschen das Leben erleichtern. Du ziehst jetzt deinen Traum durch, scheiß egal wie hart es wird!

Logistik spielt im Food-Delivery eine entscheidende Rolle. Wie bist du bei der Wahl deiner Lieferpartner vorgegangen, worauf kommt es an?

Das ist wieder eine Story für sich! Eine eigene Liefermannschaft aufzubauen war für mich von Beginn an keine Option, weil es mühsam ist zuverlässige Fahrer zu finden, weil die Fixkosten anfangs zu hoch sind und evtl. auch ein komplizierter Algorithmus vonnöten ist, um für die Fahrer die optimalste Route zu finden. Zum Glück gab es damals einen unabhängigen und deutschlandweit tätigen Logistikdienstleister, der für Restaurants auslieferte, die keine eigenen Fahrer einstellen wollten und zusätzlich zum normalen Geschäft noch einen Lieferservice anbieten wollten. Es kam echt wie gerufen, als ich erfahren habe, dass sie auch mit Plattformen kooperieren. Die passenden Programmierer habe ich glücklicherweise auch bald gefunden und nun ging es los mit der technischen Entwicklung und parallel dazu die Restaurantakquise. Meine Geschäftsidee basierte vollends auf der Annahme, dass die Logistik an besagten Dienstleister outgesourced werden kann. Nun kam nach einigen Monaten die Schreckensbotschaft: der Logistiker musste Insolvenz anmelden, weil sich ein wichtiger Geldgeber zurückgezogen hat trotz guter Geschäftsentwicklung. Nun stand ich wieder einmal ziemlich belämmert da. Das Geld war schon investiert, aber ich hatte niemanden zum Ausliefern.

Was nun?! Mein Vater trat mit der Idee an mich heran, dass man doch vielleicht bei Heimservice-Restaurants anfragen kann, ob sie nicht Lust hätten für die Plattform mit auszuliefern? Die Fahrer hatten sie ja schon mal. Obwohl ich die Idee total absurd fand, gab ich dem Ganzen eine Chance, weil mir in der scheinbar ausweglosen Situation auch nichts Besseres einfiel. Nachdem ich ungefähr jeden Heimservice in München abtelefoniert habe und wahrscheinlich über 100 Körbe bekommen habe, hat einer zugesagt. Er hat das Potenzial gesehen und wollte mir eine Chance geben, damit das Geschäft überhaupt zum Laufen kommt.

Um auf deine Frage zurückzukommen: bei der Auswahl des Lieferpartners kommt es auf dessen Lage an. Alle Restaurants müssen in seiner Nähe liegen. Außerdem ist eine langjährige Erfahrung im Liefergeschäft von Vorteil (Intuition und Erfahrung schlägt Routenalgorithmus)sowie ein sympathisches Auftreten gegenüber dem Kunden. Und last but not least DURCHHALTEVERMÖGEN! Es gibt immer jemanden, der an dich glaubt, wenn du es ernst meinst und dranbleibst, egal wie unkonventionell die Idee auch ist.

Was werden wir von Jimmy Fresh in den nächsten Jahren erwarten können?

Meine Vision ist es in 10 Jahren die global führende Lieferplattform für gesundes Essen zu sein. Jimmy Fresh wird in jeder Stadt mit mehr als 500.000 Einwohnern verfügbar sein und vielen Großstädtern das Leben erleichtern. Und zwar als eigenständiges oder börsennotiertes Unternehmen und nicht als Teil eines anderen Konzerns. Zuerst steht natürlich die deutschlandweite Expansion an. Es wird eine spannende Zeit!

Viele Studenten haben aus unterschiedlichsten Gründen Bedenken oder gar Angst zu gründen. Was rätst du ihnen aus eigener Erfahrung?

Was die berufliche Zukunft betrifft wird ein Scheitern als Gründer heutzutage nicht mehr als etwas Negatives angesehen. Im Gegenteil, viele Firmen nehmen ehemalige gescheiterte Gründer mit Kusshand auf, weil diese schon einmal bewiesen haben, etwas Eigenes auf die Beine stellen zu können. Das zeigt ein hohes Maß an Kreativität, Führungsstärke und Durchhaltevermögen. Leute mit solchen Eigenschaften sind überall gefragt. Dieses Startup-Mindset hält ja auch immer mehr Einzug in der Konzernwelt, nicht zuletzt durch den Aufbau eigener Accelerator.

Finanziell sollte man darauf achten sich ein gewisses Verlustlimit zu setzen ab dem man das Gründungsprojekt einstellen bzw. sollte. Es macht ja keinen Sinn die nächsten 10 Jahre von Staatsgeldern leben zu müssen. Aber ein kalkuliertes Risiko muss man auf jeden Fall eingehen, ohne geht es nicht. Mit einem Uniabschluss sollte man nach einer gescheiterten Gründung immer noch einen ordentlichen Job finden, bei dem man die Schulden nach einigen Jahren wieder abbezahlen kann. Und eins darf man nicht vergessen, viel schlimmer als das Scheitern und die finanziellen Verluste ist das Gefühl der Reue die Idee nicht umgesetzt zu haben und andere sieht die mit der gleichen Idee erfolgreich sind. Also wenn ihr eine Idee habt, einfach Arme hochkrempeln und machen. Je früher, desto besser. Und macht euch auch bzgl. Förderprogramme schlau - das bspw. geht prima über den Gründerberater.de

Hier geht’s zu Jimmy Fresh


Das Interview führte Niclas Hagen

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