Gründer der Woche: Sawade – Schokoladentradition mit Zukunft

Gründer der Woche, KW 37


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Über die Herausforderungen, die mit der Übernahme und dem Wiederaufbau eines insolventen Unternehmens verbunden sind, sprachen wir mit Melanie und Benno Hübel, seit 2013 Inhaber der ältesten Berliner Schokoladenmanufaktur Sawade.

Die Nachfolgegründer der Berliner Schoko-Manufaktur Sawade: Melanie und Benno Hübel


Welcher Ihrer schokoladigen Spezialitäten können Sie selbst am wenigsten bis gar nicht widerstehen?

Melanie Hübel: Unser Angebot bei Sawade besteht aus über 300 verschiedenen Pralinen und Trüffeln. Hinzu kommen saisonale Artikel wie Marzipanhasen, Maikäfer, Eier und unser Weihnachtssortiment bestehend aus besonderen Schokokugeln und Pasteten! Ich liebe Schokolade und kann eigentlich nie widerstehen. Mein besonderer Favorit ist der Zarenhappen. Dafür werden Rosinen über Nacht in Rum eingelegt und am nächsten Tag mit flüssiger Zartbitterschokolade vermengt und von Hand in Form gelöffelt.

Benno Hübel: Ich mache jeden Tag einen Rundgang durch die Manufaktur und bespreche mit meinem Produktionsleiter den Ablauf. Natürlich probiere ich alles, was an diesem Tag produziert wird, alleine schon zur Qualitätssicherung. Aber auch ich habe Vorlieben, wie den Rum-Sahne-Trüffel – ein Klassiker unter den Trüffeln bei Sawade.

Was bedeuten Ihnen Confiserie-Produkte? Mehr als leckeres "Naschwerk"?

Melanie Hübel: Bei Sawade bedeuten Confiserie-Produkte in meisterlicher Art hergestellte Süßwaren. Bei uns arbeiten Confiseure, Konditoren, Konfektmacher und Süßwarenfachleute. Jede Praline, jeder Trüffel und alle unsere Spezialität werden fachkundig, in sehr traditioneller Weise und nur aus guten Zutaten hergestellt: echte Butter, frische Sahne, feine Schokolade ... und das alles ohne Verwendung von chemischen Konservierungsmitteln und künstlichen Aromen und natürlich ohne Palmöl und Sojalecithine.

Seit Ende 2013 sind Sie beide aktiv in die "Schoko"-Branche eingestiegen, indem Sie die insolvente Berliner Traditionsmanufaktur Sawade übernommen haben. Wie sind Sie damals auf die Idee gekommen, sich für das marode Unternehmen zu interessieren?

Benno Hübel: Ich hörte von der Insolvenz der Firma Sawade im Radio und war sofort interessiert. Ich bin gelernter Koch und Betriebswirt und habe eine Leidenschaft für die Themen Genuss, hochwertige Lebensmittel und ihre Verarbeitung. Meine Frau und ich haben uns das Unternehmen angeschaut und die Insolvenz als Gründungschance gesehen. Mit Sawade fanden wir „eine Prinzessin im Dornröschenschlaf vor“.

Wer und was hat Sie dann letztlich davon überzeugt, sich unternehmerisch in dem Traditionsunternehmen, das es ja seit 1880 gibt, zu engagieren?

Benno Hübel: Wir haben hoch motivierte Mitarbeiter bei Sawade angetroffen, die von ihren Produkten überzeugt waren. Die Pralinen und Trüffel sind von herausragender Qualität, daran hat das Unternehmen immer festgehalten. Daher galt Sawade unter Kennern als „der bekannte Geheimtipp“. Die Schwachstellen waren recht schnell ausgemacht: es mangelte vor allem im Vertrieb und Marketing. In den alten Schachteln aus den 80er Jahren waren Qualität und Genuss kaum zu erahnen. Die Händler wurden nicht regelmäßig betreut, und es gab keinen Katalog, um das Sortiment zu bestellen. Insgesamt war klar: Sawade hatte ein enormes Potenzial im Süßwarenmarkt.

Wie sah Ihre berufliche Situation zur Zeit der Übernahme aus? Waren Sie bereits selbständig und welchen beruflichen Hintergrund hatten Sie beide?

Benno Hübel: Ich arbeitete bei der Hotelgruppe InterContinental in Berlin und London. Als Unternehmensberater war ich im Nahen Osten tätig. Meine Frau und ich kommen beide aus Unternehmerfamilien. Wir hatten 2003 die Berliner Digitaldruckerei Koebcke innerhalb der familiären Nachfolge übernommen. Als Geschäftsführer entwickelte ich das Unternehmen bis 2013 zum drittgrößten Fotobuchhändler Europas.

Melanie Hübel: Ich bin Grafik-Designerin und arbeitete in verschiedenen Design- und Werbeagenturen bevor ich mich mit meinem Mann selbstständig gemacht habe. Als gebürtige Berliner war ich von dem Vorhaben, Sawade in eine neue Zeit zu führen begeistert. Schon als Kind habe ich bei meiner Großmutter diese Pralinen genießen dürfen, ich kannte die Marke. Und da wir auf der Suche nach einer neuen unternehmerischen Herausforderung waren, passte das Unternehmen hervorragend zu uns.

Wie viel Zeit hat die Übernahme vom Erstkontakt bis zur letzten Unterschrift in Anspruch genommen?

Benno Hübel: Vom Erstkontakt bis zur letzten Unterschrift beim Notar hat es knapp fünf Monate gedauert. In einem Bewerbungsverfahren haben wir uns gegen mehr als 30 weitere Interessenten durchgesetzt.

Was waren die größten Hürden / Herausforderungen direkt nach der Übernahme?

Melanie Hübel: Wir mussten uns erst mal innerhalb der Süßwarenbranche durchsetzen. Man hat uns kritisch beäugt. Mit der neuen Verpackungslinie sind wir auf viele Vorbehalte gestoßen. Kleine runde Pralinenschachteln wurden in der Branche als kritisch und unverkäuflich angesehen. Wir haben das Ungewöhnliche trotz der Kritik gewagt. Die kleinen runden Schachteln sind zu unserem Bestseller geworden. Die Kunden lieben die Schachteln. Diese waren bei uns als erstes ausverkauft.

Benno Hübel: Die Mitarbeiter waren durch die Insolvenz verunsichert. Die Belegschaft musste Vertrauen zu uns aufbauen. Vertrauen verspielen geht sehr schnell – Vertrauen aufbauen dauert Zeit und erfordert viel Zuhören und gemäßigtes Handeln.

Gab es finanzielle Hilfestellungen bei der Übernahme in Form von Fördergeld etc.? Und wie haben Sie es finanziell gestemmt, den laufenden Betrieb in Gang zu halten bzw. zu renovieren?

Benno Hübel: Wir haben Sawade durch einen finanziellen Mix aus Eigenkapital, stillen Beteiligungen und Bankdarlehen finanziert. Wir hatten den Vorteil, dass Sawade während der Insolvenzphase weiter produziert hat und eingeschränkt lieferfähig war. Das erste Jahr war durch Restruktionierungsmaßnahmen geprägt. Trotzdem haben wir den Markenauftritt geschärft, die neue Verpackungslinie herausgebracht, an der Liefertreue gearbeitet und das Vertrauen unserer Kunden wiedergewonnen.

Welches waren dann die größten Meilensteine bei der Modernisierung des Unternehmens?

Benno Hübel: Wir haben unsere Pralinen in einem einwandfreiem qualitativem Zustand vorgefunden. Dort konnten wir bei der Produktion nahtlos anschließen und uns auf die traditionellen Rezepte berufen. Wir haben unser Hauptmerk auf den Aufbau eines Vertriebes und den dazugehörigen Vertriebsaktivitäten gelenkt. Kataloge, Ordersätze, Hausmesse, Besuche der Fachhändler usw.  Im Bereich Marketing haben wir Markenpflege betrieben. Neues Corporate Design, neue Schachtellinie auf den Markt gebracht, Aufbau eine Online-Shops und Website, Social Media, einen Pop-Up Store getestet und unseren Werksverkauf ausgebaut.

Wo sehen Sie sich heute, knapp zwei Jahre nach der Übernahme? Haben Sie es bereits geschafft, Sawade als hochwertige Marke in Berlin und darüber hinaus zu etablieren?

Melanie Hübel: Wir haben im Oktober 2014 eine neue, elegante und hochwertige Verpackungslinie auf den Markt gebracht. Wir verbinden dort zwei Welten: die Tradition mit all den Werten von Sawade mit der modernen und zeitgemäßen Welt. Wir hatten im letztem Jahr einen Pop-Up Store im Hackeschen Markt in Berlin-Mitte getestet. Dort werden wir zum Anfang des Jahres einen neuen dauerhaften Flagship Store eröffnen.

Vor allem der steigender Zahl der Berlin Touristen bieten wir hier mit Sawade ein Original Berlinsouvenir an, das auch noch gut schmeckt! Zudem werden wir einen Store in der Delikatessenabteilung des KaDeWe ausbauen. Unsere Schachteln liegen zukünftig auf den Zimmern des Hotel Adlon. Wir haben Anfragen aus Japan, Belgien und Finnland ... Ja, ich denke schon, dass wir mit Sawade als hochwertige Marke aus Berlin wieder gehört werden. Wir haben schon sehr viel erreicht und haben noch so viel vor!

Vor diesem Hintergrund – welchen Stellenwert hat die Crowdfunding-Kampagne, die zurzeit auf Companisto läuft?

Benno Hübel: Einer der Gründe, warum wir uns für eine Crowd-Investing Kampagne entschieden haben, ist es viele begeisterte Markenbotschafter zu gewinnen und die Marke gemeinsam mit der Crowd stark zu machen. Selbstverständlich wollen wir auch Kapital einsammeln. Wir möchten uns deutlich schneller und zielgerichteter voran bewegen als wir es rein aus eigener Kraft könnten. Die Marke Sawade muss weiter ausgebaut werden. Im Oktober eröffnen wir wieder einen Pop-Up-Store in Berlin Mitte. Diesen werden wir im nächsten Jahr zu einem Flag-Ship Store ausbauen. Wir wollen unseren Online-Shop und unsere Website verbessern.

Würden Sie sich – ohne wenn und aber – nochmal auf das Abenteuer Unternehmensübernahme Sawade einlassen?

Benno Hübel: Auf alle Fälle! Mit dem Wissen und der Erfahrung von heute würden mir viele Entscheidungen leichter fallen. Wir können mit Genugtuung sagen, dass wir vieles richtig gemacht haben! Die Übernahme von Sawade ist und bleibt eine Herzensangelegenheit!

Was raten Sie anderen Gründern, die als Unternehmensnachfolger durchstarten wollen?

Benno Hübel: Mut haben, seine Visionen auch durchzusetzen. Sich nicht auf dem geplanten Weg von den Bedenkenträgern abbringen lassen. Hilfreich ist es auch, ein gutes Netzwerk zu haben. Meine Frau gab mir einen Satz von Elsa Maxwell zu lesen. Sie war Journalistin und eine legendäre Event-Planerin aus New York in den Zwanziger Jahren: „Servieren Sie das Menü rückwärts. Oder wie auch immer es Ihnen gefällt. Aber tun Sie um Himmels willen etwas Ungewöhnliches“. Das gefällt mir!

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Das Interview führte Hans Luthardt

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