Eine ganz heiße Geschichte

Gründerstory von Europas größtem Erotikunternehmen

Autor: Sabine Hölper
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Als sie startete, wurde der Intimbereich noch mit „Untenrum“ umschrieben. Sie änderte das – und baute Europas größtes Erotikunternehmen auf. Die außergewöhnliche Erfolgsstory der Beate Uhse.

Die lockenden Lettern über den Ladentüren sind natürlich rot – „rot wie die Liebe“ hat Beate Uhse einmal gesagt. Mit dem Rotlichtmilieu wollte sie dagegen nie etwas zu tun haben. „Das Rotlichtmilieu haben wir gemieden“, sagte Beate Uhse bestimmt. Wer das Unternehmen kennt – und 98 Prozent der Deutschen kennen die Marke zumindest vom Hören-sagen – reibt sich verwundert die Augen. Das Unternehmen, das Vibratoren und Potenzpillen verkauft, Pornos vertreibt, Sex-Videos und Latexanzüge produziert und einen eigenen Fernsehkanal voller frivoler Filmchen betreibt, gibt sich den Anstrich der Seriosität.

Ja, Beate Uhse, die „Marketenderin der Kissenschlachten“ (Spiegel) war immer seriös. Das Unternehmen bedient lediglich einen Markt der etwas anderen Art. Es kann ja nicht jeder Schrauben herstellen oder Blumenvasen feilbieten. Beate Uhse bedient den Sex-Markt, hilft der Erotik auf die Sprünge, bedient die Phantasie der Männer und Frauen, die Anregung brauchen. Und wäre die Nachfrage nicht so groß, das Flensburger Unternehmen hätte keine Chance zu bestehen.

Doch das Unternehmen besteht – seit fast 60 Jahren: 1949 genehmigte die englische Militärregierung in Flensburg das Gewerbe. Ihr erstes Produkt gab Beate Uhse allerdings schon zwei Jahre früher heraus: Die „Schrift X“, eine Aufklärungsbroschüre zum Thema Verhütung. 2000 dieser Ratgeber, in denen Uhse die „Knaus-Ogino-Methode“ zur Schwangerschaftsverhütung erklärte, versendete sie in einem ersten Wurf, ein Jahr später, zum Zeitpunkt der Währungsreform, hatte sie bereits 32.000 Schriften verkauft. „Damit hatte ich den Grundstein für das Beate Uhse Versandhaus gelegt“, schreibt die Unternehmerin in einem ihrer Bücher.

Am Anfang stand die Aufklärung

Beate Uhses Anfänge bestanden also in Aufklärungsarbeit. Im damals noch prüden Deutschland war das auch bitter nötig. Die Pille war noch längst nicht erfunden und Kondome gab es zwar schon, aber sie waren im „normalen“ Handel nur schwer erhältlich. Sex war ein gesellschaftliches Tabu, selbst Eheleute zierten sich mitunter, frei darüber zu reden, und wenn über Geschlechtsteile gesprochen wurde, dann sagte man „Untenrum“. In dieser Zeit galten erotische Produkte, ja sogar Aufklärungs- und Verhütungsmittel, als unsittlich, als „Schweinkram“.

Die verqueren moralischen Vorstellungen kamen nicht von ungefähr. Sowohl die katholische Kirche als auch der Gesetzgeber verteufelten die Lust. Erst im Jahr 1975 schaffte die Regierung den Paragraphen 184 des Strafgesetzbuches (StGB), den sogenannten Unzuchtsparagraphen ab. Bis dahin war Geschlechtsverkehr nur in der Ehe erlaubt, die Verbreitung „unzüchtiger“ Schriften war verboten, eine halbnackte Frau durfte – wenn überhaupt – nur mit Balken überm Busen abgebildet werden. Beate Uhse wandelte daher stets auf einem schmalen Grad.

Ohne Rechtsbeistand hätte sie die Anfeindungen der Kirche und des Gesetzgebers nicht überstanden. Denn bereits 1950 wurde die zweifache Mutter erstmals angezeigt. Die von ihr herausgegebene Broschüre „Stimmt in unserer Ehe alles?“ sei geeignet, der „Enthemmung und Entsittlichung des Sexuallebens“ Vorschub zu leisten. Im Laufe der nächsten 40 Jahre folgten 2000 Anzeigen, von denen 400 in Strafverfahren mündeten. In erster Instanz wurde Uhse öfter verurteilt, doch nur ein einziges Mal entschied ein Richter in letzter Instanz gegen sie.

Mit dem Verkauf ihrer Aufklärungsbroschüren „Schrift X“ und „Stimmt in unserer Ehe alles?“ legte Beate Uhse den Grundstein für ihren Versandhandel