Paulus, der Restarter

Paulus Neef (55): Internet-Star der 90er und Yoga-Entrepreneur 2015

Autor: Hans Luthardt
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Paulus Neef, 55: Porträt des ersten deutschen Internet-Milliardärs, seines sagenhaften Aufstiegs mit Pixelpark, seines Scheiterns im Bubble-Burst und seines aktuellen Comebacks – als Yoga-Entrepreneur.

Foto: Sylvie Gagelmann, www.gagelmann.com

Unser Gespräch führen wir in Etappen: Ein erstes Treffen in einer Münchner Hotel-Lobby, diverse Skype-Sessions zwischen Geschäftsterminen, mal von Berlin, mal von Spanien aus – Paulus Neef ist immer auf Achse, aber auch immer intensiv präsent, erzählt ruhig und temporeich und hat genau im Kopf, mit welchen Themen unsere vorherige Session endete.

Es entsteht die Biographie eines Unternehmer-Lebens, das Paulus in den 90er-Jahren zum Top-Pionier des neu entstehenden Internet-Business werden lässt. Eine Geschichte, die vom märchenhaften Aufstieg und von heftigen Tiefschlägen zeugt, aber auch eine Geschichte vom leidenschaftlichen Neubeginn, von Paulus, dem Restarter. Es ist die Story von Paulus’ erster Gründung, Pixelpark, Europas führendem Multimedia-Dienstleister der 90er-Jahre, in der die grenzenlose Neue-Markt-Euphorie und der totale Zusammenbruch ganz nah beieinander lagen. Und es ist die aktuelle Geschichte des Neuaufbaus in einem völlig anderen Bereich: Paulus’ neues Thema heißt Yoga, das Start-up Unyte.

Herkunft und Weg bis zur Gründung

1960 wird Paulus in Gütersloh als Sohn einer aus Barcelona stammenden Mutter und eines deutschen Vaters geboren. Paulus wächst in und mit beiden Kulturen auf. Diese zwei „disparaten Welten“ haben ihn geprägt. Vom Spanischen beeinflusst sieht Paulus seine Fähigkeit zu improvisieren, einen ganzheitlichen Blick auf Situationen richten zu können und dabei das Genussvolle und das spielerische Element nicht außer Acht zu lassen. Sein deutscher Anteil ist – man vermutet es schon – die Solidität. „Als ich in Madrid lebte, habe ich mich so deutsch gefühlt wie noch nie“, so Paulus, „da merkt man, wie wichtig statische Grundmauern wie Verlässlichkeit, Klarheit und Gründlichkeit sind“.

Als junger Mensch lebt Paulus mal in Deutschland, mal in Spanien. 1983 kommt er nach Berlin, um Hispanistik, Germanistik und Publizistik zu studieren, bis er dann einen neuen Aufbaustudiengang „Medienberatung“ für sich entdeckt. „Das war eine Mischung aus Video-, Film- und Fernsehproduktion, Verlagsarbeit sowie Medienwirtschaft und -organisation“, erklärt er. Erste Berührungspunkte zu digitalen Themen hat Paulus dann auch während des Studiums. Als er erfährt, dass die Berliner Mediengesellschaft SMG den ersten, rein digital produzierten Fernsehsender aufbauen und ins Berliner Kabelnetz einspeisen will, engagiert er sich in diesem innovativen Medienprojekt. Der Privatsender arbeitet fast ausschließlich mit Animations- und Zeichentricktechnik – absolute Neuheiten Ende der 80er-Jahre. „Wir hatten damals mit Sicherheit die meisten großen Maschinen von Apple dastehen und arbeiteten mit der legendären Software Macromind Director mit interaktiver Komponente“, so Paulus.

Diese interaktive Komponente ist ein wesentlicher Impuls für Paulus’ weiteren Weg als Gründer und Unternehmer. „Denn da habe ich gesehen, dass der Mensch einfach in den Mittelpunkt gesetzt bzw. aktiv in die kommunikative Handlung mit einbezogen werden kann, und sich nicht nur berieseln lassen muss.“ Damit war die Grundidee zu seinem künftigen unternehmerischen Spielfeld gelegt: interaktive Kommunikationssysteme.

Pixelpark-Gründung, Konzept und Anfänge

Als diplomierter Medienberater gründet der 31-Jährige 1991 zusammen mit seinem Freund Eku Wand die Pixelpark Multimedia Agentur GmbH. Wie es sich dem Klischee nach gehört, starten die beiden in einem Berliner Hinterhaus, ohne schlüssiges Konzept und nennenswertes Kapital. „Ich hatte damals eine Firma gegründet, hatte keinen blassen Schimmer, hatte die falschen Studiengänge – weder BWL noch Jura“, erzählt Paulus schmunzelnd. „Wenn ich vorher gewusst hätte, was da nachher für Dinge auf mich zugekommen sind ... insofern war es gut, dass ich damals so relativ naiv gegründet habe.“

Geholfen, so ist sich Paulus sicher, hat ihm dabei auf jeden Fall das Spanisch-Deutsche in ihm: „Dass man in der Lage ist, unglaublich schnell parallel diverse Sachen aufzunehmen, zu erfassen, und zu verarbeiten. Und dann auch in der Lage ist, sich zu verändern und Konsequenzen zu ziehen.“ Gerade diese Fähigkeiten müssen Paulus und sein Mitstreiter in der Folgezeit sehr schnell perfektionieren.

Die Jungunternehmer produzieren und verkaufen CD-ROMs, ein damals nagelneues Medium, programmieren Computergrafiken und Webseiten. Stets unter dem Aspekt, damit interaktive Kommunikation zwischen Menschen – konkret zwischen Anbietern und Nutzern – zu ermöglichen. Und das auf möglichst einfach bedienbare und innovative Weise per Text, Ton, (Bewegt-)Bild oder Computer-Animation. Im Unternehmen selbst sieht sich Paulus nicht so sehr als Werber. „Mich interessierte vielmehr die Kommunikation der Zukunft. Diese sollte aber nicht voll digital, sondern mit Verbindung zur echten Welt sein. Denn ich habe immer schon den ganzheitlichen Blick verfolgt“, erklärt er. Auf den Punkt gebracht, bedeutet das Geschäftskonzept: eine ganzheitlich gedachte Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine zu schaffen.

Das Medium dazu ist das Internet, das es zu diesem Zeitpunkt, Anfang der 90er, im Alltag noch gar nicht wirklich gibt, schon gar nicht als Werbeplattform. Und das soll sich durch Pixelpark ändern. „‚Klassische Werbung ist tot, es lebe das Internet‘, damit bin ich damals immer zitiert worden.“ Mit diesem vollmundigen Credo „waren wir ein völliges Alien, etwas Revolutionäres, Unnormales“, ergänzt Paulus.

Durchbruch mit Big-Deal – dem Music Master

Das Geschäft läuft gut an, bald kommen die ersten Mitarbeiter an Bord und man zieht vom Hinterhof in eine großzügige Fabrik-Etage um. Der Bekanntheitsgrad des jungen Unternehmens steigt, der Umsatz im ersten Geschäftsjahr beträgt rund 70.000 DM, im folgenden Jahr werden bereits 2,5 Mio. DM verbucht. Das rasante Wachstum nimmt seinen Lauf. Die Basis dafür ist ein Mega-Deal mit dem Karstadt-Konzern. „Es ist ja meistens so“, erklärt Paulus, „wenn man eine Firma baut, gibt es dann meist ein oder zwei Events oder Dinge, warum das dann so richtig abgeht“. Genau das ist bei Pixelpark 1992 der Fall: „Wir haben die Idee gehabt, als wirklich erste überhaupt, ein Musik-Informationssystem zu machen“, so Paulus. Diese Weltneuheit ist der Music Master – quasi ein iTunes für die Karstadt AG.

Der Music Master ist ein interaktives, computergestütztes Verkaufssystem in Form eines Terminals, das Karstadt in den Musik- und Videoabteilungen einsetzt. Es ermöglicht den Kunden erstmals, über Touchscreen-Bildschirm auf mehr als 60.000 Musik- und Videotitel zuzugreifen. „Die Oberfläche – alles selbsterklärend, easy going“, erläutert Paulus und ergänzt: „Das muss man sich noch mal auf der Zunge zergehen lassen, da haben wir 100.000 oder noch mehr CDs digitalisiert – auf Apple – und in ein Kiosk-System mit Orderfunktion gepackt. Das wurde über MS-DOS an das zentrale Warenwirtschaftssystem von Karstadt in Essen angebunden. Das war damals unfassbar, so ein MAC-Ding an DOS anzubinden.“ Um dieses Vorhaben stemmen zu können, gründet Paulus ein weiteres Unternehmen, Datapark, zahlreiche Pixelpark-Ableger werden folgen.

„Zuvor“, erläutert Paulus, „hatten wir Einzelprojekte, im Schnitt von 30.000 DM Auftragsvolumen. Das war viel. Dann kam das Hammer-Projekt von 1 Mio. DM. Und das bei einer Firma, die ja kaum Mitarbeiter hatte.“ Mit dieser Situation musste der noch unerfahrene Unternehmer aus dem Stegreif umgehen, mit den Einkäufern von Karstadt knallhart verhandeln. „Die waren gewohnt, ihre Lieferanten, was wir ja auch waren, klein zu halten bzw. immer schön am langen Arm verhungern zu lassen. Das war ja die Aufgabe des Einkaufs, was wir damals so noch nicht wussten“, beschreibt Paulus das Aufeinandertreffen.

Das Resultat war entsprechend: „So hatten wir also Zahlungsziele von 90 Tagen, mussten aber die volle Arbeit erbringen, konnten das aber gar nicht alles vorfinanzieren. Wir waren im Prinzip die ganze Zeit so kurz vor pleite, ich konnte meine Leute kaum bezahlen und habe halt auf den großen Geldregen gehofft. Aber der Konzern lässt sich erst mal die Sachen fertig liefern.“ An diese unternehmerisch brisante Situation erinnert sich Paulus noch sehr intensiv: „Das war der erste große Wachstumsschmerz.“

Dies ist ein Auszug aus einem Artikel unseres Print-Objekts StartingUp: Den vollständigen Artikel lesen Sie in der StartingUp - Heft 03/15 - jederzeit online bestellbar - auch als epaper - in unserem Bestellservice-Bereich

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