Die Samwers – die Paten des Internets

Eine erweiterte Buchbesprechung

Autor: Florian Komm
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Die drei Samwer-Brüder scheiden die Geister. Alphatiere, Maximierer, Verkaufsgenies, Machiavellisten, Perfektionisten oder Exzentriker - mit vielen Begrifflichkeiten werden Oliver Samwer, der CEO von Rocket Internet, und seine Brüder charakterisiert. Höchste Zeit, sich die drei und ihr Rocket-Internet-Imperium näher anzusehen. Das ist mit dem Buch „Die Paten des Internets“ des Startup-Szene-Kenners Joel Kaczmarek geschehen. Florian Komm, Experte für Entrepreneurial Design, hat das Buch für uns gelesen – hier seine Gedanken über die Samwers und über deren Wirkung auf die Gründerkultur.

Oliver Samwer, der prominenteste der drei Brüder, ist CEO von Rocket Internet. Foto: Rocket Internet


Joel Kaczmarek hat mit seinem Buch „Die Paten des Internets“ die wohl bisher umfassendste Dokumentation des Schaffens der Gebrüder Samwer vorgelegt. Das Buch bezieht seine Stärke aus der Kombination von öffentlich zugänglichen Informationen, Presseveröffentlichungen und den persönlichen Aussagen und Informationen, die Joel Kaczmarek über sein, über lange Jahre entstandenes Netzwerk in der Internet-Startup-Szene gesammelt und in Kontext gesetzt hat.

Auf diese Art und Weise wird ein Bild der unternehmerischen Entwicklung des Trios und ihrer wechselnden Wegbegleiter gezeichnet. Das Buch zeigt, auch wenn dies nicht die Intention des Autors gewesen sein dürfte, warum wir in Deutschland in den letzten 15 Jahren einer breit in der Gesellschaft verankerten Gründerkultur nicht näher gekommen sind.


Ein Imperium rollt Geschäftsmodelle aus

Das Buch zeigt zunächst, wie ein paar schnelle und wohl hin und wieder skrupellose “Jungs” sich erst in Deutschland und dann im Rest der Welt an die Spitze der bisher vorherrschenden Venture-Capital getrieben Entrepreneurship Culture gesetzt haben. Die Samwer Brüder haben es in weniger als zwei Jahrzehnten geschafft, ein weltweit einmaliges System zu entwickeln, mit dem sie in kurzer Zeit Geschäftsmodelle weltweit und zentralisiert ausrollen können. Es zeigt aber auch, warum die Mehrheit der Bevölkerung Entrepreneurship nicht als möglichen Weg für die eigene Lebensgestaltung sieht. Denn wer will schon „über Leichen“ gehen und ein “Schwein sein müssen”, um erfolgreich Unternehmer oder Unternehmerin zu werden?


Lektüre für „Angestellte der Kapitalgeber“

Das Buch dokumentiert eine in weiten Teilen der Internet-Startup-Szene verbreitete Form des Manchester Kapitalismus, den wir schon lange hinter uns glaubten. In der Gründerkultur der Internetbranche scheint er seinen zweiten Frühling zu erleben. Das Buch ist lesenswert für alle, die sich den Titel „Entrepreneur“ oder „Gründer“ auf die Visitenkarte schreiben möchten, und letztlich doch nur Angestellte der Kapitalgeber sind. Für Entrepreneure, die Geschäftsmodelle verfolgen wollen, bei denen erst einmal viel Geld in Forschung und Entwicklung investiert werden muss, Geschwindigkeit der einzige Weg für einen möglichen Erfolg am Markt scheint oder der „Exit“ das Geschäftsmodell ist. Wie oben bereits beschrieben, ist das Buch natürlich die aktuelle Pflichtlektüre für alle am unternehmerischen Werdegang der Gebrüder Samwer Interessierten.


Das Kapital hat einen Anlage-Notstand!

Außerdem ist das Buch eine gute Dokumentation für Journalisten und Politiker, da man sehr gut erkennen kann, wo das System der Gründerförderung krankt. Es geht im Moment hauptsächlich um den angeblichen Kapitalmangel. Wer das Buch aufmerksam liest und die Medien etwas verfolgt, wird feststellen, dass die Samwers keinen Kapitalmangel haben. Vielmehr hat das Kapital einen Anlage-Notstand. Es gibt viel zu wenige gut durchdachte Gründungskonzepte, die im Einklang mit der Gesellschaft und den Gründern stehen und Nachhaltigkeit auf allen Ebenen beweisen. Dies führt dazu, dass ein kleiner Personenkreis viel Geld für kurzfristige Luftnummern verpulvert und in der Regel bisher den Beweis der Nachhaltigkeit weitestgehend schuldig geblieben ist. So entsteht kein neuer moderner deutscher oder europäischer Mittelstand!


Fazit

Der Autor, Joel Kaczmarek, hat eine detailreiche und gut lesbare Dokumentation des bisherigen Schaffens der Gebrüder Samwer erstellt. Das Buch dokumentiert den Status Quo der deutschen Startup-Szene und zeigt, warum das Thema Unternehmensgründung im Moment noch ein Thema für recht wenige ist.

Das Buch: Joel Kaczmarek, Die Paten des Internets: Zalando, Jamba, Groupon - wie die Samwer-Brüder das größte Internet-Imperium der Welt aufbauen, Finanzbuchverlag, 19,99 Euro

Der Autor, Florian Komm, ist Experte für Entrepreneurial Design. Seit über einem Jahrzehnt beschäftigt er sich mit dem Thema Entrepreneurship. Als Projketmanager hat bei der Projektwerkstatt GmbH u.a. den Bereich “Dienstleistungen für Gründer” mitaufgebaut. In seiner ehrenamtlichen Tätigkeit für die Stiftung Entrepreneurship hat er den Entrepreneurship Campus, den Entrepreneurship Summit und das Labor für Entrepreneurship mitentwickelt.