Artur Fischer: Die Wurzel aller Dübel

Autor: Sabine Hölper
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Neugierde, Entdeckergeist und die pure Not waren die Antriebsfeder, die den gelernten Schlosser zum erfolgreichen Unternehmer und zu einem der wohl fleißigsten Erfinder der Welt werden ließ: hier die Erfolgsstory des Dübel-Erfinders Artur Fischer (1919 bis 2016).

Entdeckergeist und pure Not

Fischer, einer der fleißigsten Erfinder der Welt, war bescheiden. Nicht nur im hohen Alter, da so mancher große Mann die Demut für sich entdeckt. Fischer hielt sich Zeit seines Lebens fern von Pomp und Prunk, nicht das Geld hat ihn angetrieben zu arbeiten, sondern die Neugierde, der Entdeckergeist. Und die pure Not. Der Sohn eines Dorfschneiders wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf, schon als kleiner Bub lernte Fischer, dass man hart arbeiten muss, um sich etwas leisten zu können. Jahrelang und zum Teil unter körperlichen Schmerzen hatte Fischers Mutter in Heimarbeit Hemden gebügelt, damit ihr Sohn auf die Realschule gehen konnte. Trotz Mutters Mühen hat Artur Fischer, der alle wichtigen Titel trug – Doktor und Professor und Ehrensenator – und zudem das Große Bundesverdienstkreuz, keine klassische Schulkarriere gemacht.

Deutsch und Mathematik waren nicht seins, Fischer war ein Praktiker, ein Techniker. Und als solcher machte er seinen Weg: Er absolvierte eine Lehre als Schlosser, arbeitete in einer elektrotechnischen Werkstatt, wo er bereits nach einem Jahr zum „technischen Assistenten“ befördert wurde, und gründete schließlich, im Jahr 1948, seine eigene Firma, die „Artur Fischer Apparatebau“. Geplant war der Einstieg in die Selbständigkeit allerdings nicht. Fischer reagierte mit seiner Kündigung bloß auf eine personelle Veränderung beim früheren Arbeitgeber. Er kam mit dem neu eingestellten Meister nicht klar. 

 

Sprung ins Leere

Kein Wunder, dass der Schwabe den Sprung in die Selbständigkeit als „Sprung ins Leere“ charakterisierte. Aber was soll man machen, wenn man 28 Jahre alt, frisch verheiratet und in einer Gegend zu Hause ist, die geprägt ist von der Landwirtschaft, von Bauern, die kaum über die Runden kommen. Fischer krempelte die Ärmel hoch, richtete eine leere Maurerwerkstatt ein, baute sich eine Werkbank und reparierte Elektrogeräte, die ihm die Bauern aus der Umgebung brachten. Mit diesen Arbeiten hielt sich der frischgebackene Selbständige die erste Zeit über Wasser. 

Aber Fischer wäre nicht Fischer, hätte ihn nicht sein Erfindergeist übermannt: Er ersann den ersten elektrischen Feueranzünder. Aus wenigen Teilen baute er den Apparat zusammen – und schon nach wenigen Tagen war die erste Serie verkauft bzw. gegen Brot, Butter und Speck eingetauscht. Streichhölzer seien damals Mangelware gewesen, so Fischer, Strom aber gab es in jedem Haus. Und Draht, der auch als Glühdraht verwendet werden konnte, gab es beim Altmaterialhändler. „Es war ein praktisches Produkt“, erklärte Fischer den kommerziellen Erfolg dieser Idee. Und all seiner nächsten Ideen. Selbst den Aufstieg der Fischerwerke, die der Gründer bereits im Alter von 60 Jahren an seinen Sohn Klaus übergab, bringt der Senior auf die einfache Formel, nach der ein neues Produkt besser sein muss als alles, was es zuvor auf dem Markt gab, und dass der beste Kaufmann nichts ist ohne dieses Produkt. „Ohne die Erfindungen hätte ich kein Unternehmen aufbauen können“, so Fischer. „Nur weil ich die Produkte verkaufen wollte, wurde ich Unternehmer“.

 

Qualität statt Kostendruck

Wer so spricht, ist bzw. war ein Unternehmer ganz eigenen Kalibers. Ein Unternehmer, der „kein Zahlenmensch“ ist. Ein Unternehmer, der es „absurd“ fand, ihn „mit dem Kapitalismus in Verbindung zu bringen“. Ein Unternehmer, der Controllern misstraute, weil sie „keinen Bezug zum Produkt haben“. Fischer war froh darüber, dass er 1958, als er den revolutionären S-Dübel erfand und auf das teure Nylon bestand, niemanden in seinem Unternehmen beschäftigte, der ihm das Material aus Kostengründen hätte ausreden können. „Hätte ich damals Kostenrechner im Haus gehabt, die drauflosrechnen, bevor sie wissen, wie wertvoll die Erfindung für den Kunden ist, hätten wir uns verrechnet“, so der Schwabe. Weil Fischer aber auf die Handwerker hörte, die so begeistert waren von der Kraft der Befestigungshelfer, dass sie es überall weitererzählten, entwickelte sich der Fischer-Dübel in kurzer Zeit zum Renner: Täglich werden mehr als 14 Millionen von den „kleinen Grauen“ verkauft. „Das ist kein Wunder“, kommentierte der Urheber den Erfolg, „angesichts der Funktion sei das „logisch“. Bevor es den Nylon-Dübel gab, musste man sich mit eingegipsten Holzklötzchen oder mit Hanf gefüllten Metallhülsen behelfen.

 

Stolze 1100 Patente

Fischer war stolz auf den Dübel, nicht, weil er seinen Namen trägt, auch nicht, weil er dem Unternehmen gutes Geld in die Kasse spülte. Fischers Stolz war der Stolz des Erfinders. Und deshalb war ihm der Verkaufsschlager Dübel auch nicht wichtiger als der Webstuhlschalter, das Spielzeug aus Kartoffelstärke, der erste Synchronblitz für Fotoapparate oder irgendeine andere seiner vielen Erfindungen. Wie ein Vater all seine Kinder gern habe, obwohl jedes anders sei, so könne er keines seiner mehr als 1100 Patente hervorheben. Nur bei diesem einen Produkt machte er eine Ausnahme.

Ja, an dem Fischertechnik-Baukasten für Kinder hänge sein Herz ganz besonders, gab Fischer einst zu. Und obwohl sich das Spielzeug gut verkauft, ist es wieder nicht das Monetäre, das Fischer als Grund anführte. Stattdessen erzählte der 1,67 Meter kleine Mann eine rührende Geschichte aus seiner Kindheit, als er sich sehnlichst einen „Märklin-Baukasten“ wünschte, die Mutter aber zu verstehen gab, dass sie die fünf Mark dafür nicht aufbringen könne. „Und dann lag der Baukasten doch unterm Weihnachtsbaum“, so Fischer. „Sie können sich gar nicht vorstellen, wie glücklich ich war.“ Dieses Gefühl wollte er so vielen Kindern wie möglich auch einmal gönnen. Und natürlich sollte sein Baukasten noch besser sein als das Märklin-Modell, bei dem man nach Fischers Geschmack zu viel schrauben musste. Deshalb erfand er den Baukasten. Deshalb spielen und lernen Kinder seit rund 50 Jahrzehnten mit Fischertechnik.

 

Zuerst Erfinder, dann Unternehmer

Solche Geschichten sind es, die deutlich machen, dass Artur Fischer in erster Linie Erfinder war, und erst dann Unternehmer. Wer ihn kannte, weiß auch, dass er sich im Blaumann wohler fühlte als im Anzug, die Werkstatt ihm lieber war als das Büro, und dass ihn seine Frau oft samstagsabends gegen Mitternacht von den Zeichnungen, in die er vertieft war, wegzerren musste. Und doch würde man Fischer nicht gerecht, würde man ihn als Tüftler bezeichnen. Immerhin hat er den Grundstein gelegt für ein Unternehmen, das seine Produkte in 100 Länder der Welt exportiert und mehrere tausende Mitarbeiter beschäftigt. Zwar ist dieser Erfolg auch Fischers Sohn zuzuschreiben, insbesondere die Expansion ins Ausland und die Ausweitung der Produktpalette um den Bereich „Automotive“ gehen auf sein Konto. Doch wäre der Senior nicht mit unternehmerischen Tugenden wie Durchhaltevermögen, Überzeugungskraft und positivem Denken beschlagen gewesen, hätte er wahrscheinlich nicht einmal das erste Jahr seiner Selbständigkeit überstanden und der Junior letztlich gar keine Firma geerbt. Denn kurz nachdem seinerzeit die Produktion der Glühapparate angelaufen war, wurde Fischer von seinem Partner, mit dem er sich zwecks Ausweitung der Firmentätigkeit zusammengetan hatte, hereingelegt. Eines Morgens stellte Fischer fest, dass der Kompagnon die gemeinsame Kasse geplündert und die Maschinen weggeschafft hatte.

Nur Fischers Wille, nicht aufzugeben, und sein Improvisationstalent ermöglichten einen Neuanfang: In einer Anzeige las der junge Mann, dass eine Weberei in Bocholt einen Produzenten für elektrische Webstuhlschalter suchte. Fischer, der zwar keine Erfahrung in der Webstuhlschalterproduktion besaß, dafür aber genügend Mut, „schwarz durch drei Besatzungszonen hindurch“ nach Nordrhein-Westfalen zu fahren, stellte sich dem Inserenten als der richtige Mann vor. Es war eine der wegweisenden Entscheidungen Fischers.

Obwohl er das ein oder andere Zubehörteil nicht erwerben, sondern in aufwändiger Handarbeit selbst herstellen musste, obwohl die Tauglichkeitsprüfung der Schalter 500 Mark kostete, und damit viel mehr Geld als Fischer besaß, und obwohl man „im Dorf keine Fabrik haben wollte“, wie Fischer sich erinnerte, war die Schalterproduktion der Durchbruch. Fischer stellte Arbeiter ein, erst einen, später 20, dann 50, und irgendwann stand fast die gesamte Region bei Fischer in Lohn und Brot. Der Sohn des Dorfschneiders hatte die Menschen aus ihrer Armut geholt. Wen wundert es da, dass sie Fischer würdigen und dass sie ihm für sein Lebenswerk und seine Treue zur Heimat danken.

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