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Vom Laufburschen ...

Zu diesem Zeitpunkt war Sohn Heinz-Horst erst 13 Jahre alt. Dennoch war seine Kindheit schlagartig vorüber. Zwar führte die Mutter das Unternehmen weiter und die vier Schwestern halfen mit, doch nachmittags, wenn die Schule aus und die Hausaufgaben gemacht waren, musste auch der einzige Junge im Laden arbeiten und Schuhe ausliefern. Lange konnte er den „Laufburschen“ allerdings nicht spielen. Im Alter von 16 Jahren wurde Deichmann als Flakhelfer eingezogen, später ging er als Fallschirmjäger nach Österreich. Erst im Mai 1945 kam Deichmann – leicht verwundet – nach Essen zurück.

Die folgenden Jahre waren Jahre des Mangels. „Nichts war vorhanden, alles musste man besorgen“, sagt er. Doch die Familie machte aus dieser Not eine Tugend: Weil zeitweise keine Schuhe zu bekommen waren, flickte man die alten und stellte aus kurios anmutenden Materialien wie Pappelholz aus Nachbars Garten und Fallschirmleinen neue her. Und weil es für Geld fast nichts, im Tausch aber fast alles Notwendige gab, bot die Unternehmerfamilie ihren Kunden an, gegen eine geringe Gebühr Schuhe, die nicht passten, gegen ein Paar in der richtigen Größe einzutauschen.

... zum Tauschhändler

1956 wird der promovierte Orthopäde Heinz-Horst der Alleininhaber, packt tatkräftig an ...

Der Tauschhandel blühte nicht nur im Laden, wo er dem Unternehmen eine gut bestückte Kundenkartei einbrachte. Mit Hilfe von Kompensationsgeschäften kurbelte Deichmann, der sich mittlerweile für ein Theologie- und ein Medizinstudium an der Universität Bonn eingeschrieben hatte, den zum Erliegen gekommenen Schuhhandel wieder an: Mit Kohlen im Koffer reiste der junge Student im Güterwagen von Essen in die Fabriken nach Siegburg und Stuttgart und von dort wieder zurück nach Essen – diesmal mit Schuhen im Gepäck. „Über die Mühen hat man damals gar nicht nachgedacht“, sagt Deichmann. Vielmehr habe er die ersten Jahre nach dem Krieg als „wunderschöne Zeit“ in Erinnerung behalten. „Wir haben uns über die neu gewonnene Freiheit gefreut“, endlich konnte man seinen „riesigen Nachholbedarf“ an Literatur und Bildung stillen: Voller Begeisterung saß Deichmann von sieben Uhr in der Früh bis abends um acht in der Universität, las Rilke, Goethe und Novalis. Doch trotz der Befriedigung durch die geistige Arbeit, trotz der akademischen Karriere, die Deichmann im Jahr 1951 mit dem Doktortitel krönte – zur Freude der Mutter war er in erster Linie Unternehmer. Und so war es nur konsequent, dass der ausgebildete Orthopäde 1956 zum alleinigen Inhaber der Firma aufstieg.

Neue Verkaufsmethoden

Von nun an begann Deichmann mit der Filialisierung des Unternehmens. Er eröffnete einen Laden nach dem anderen, anfangs nur zwischen Rhein und Ruhr, später in ganz West-deutschland, nach der Wiedervereinigung dann in den neuen Bundesländern und noch später auch außerhalb Deutschlands. Die Expansion im Ausland beschleunigte Deichmann durch Übernahmen: In der Schweiz kaufte er die Schuhkette Dosenbach, in den Niederlanden vanHaren.
Deichmann Schuhe wurde unter der Leitung des neuen Chefs aber nicht nur größer, sondern vor allem moderner. Bereits 1955 baute er den ersten „Wühltisch“ im Laden auf und präsentierte die Schuhe – teils einzeln, teils in Paaren – auf Vorwahlständern. So hatte es Deichmann bei einem Bummel durch die legendäre Londoner Oxford Street gesehen und so sollte es auch in seinen Läden sein.

... und beschert Deutschland mit seinen modernen Filialen ein neues Schuheinkaufs-Erlebnis

Während andere Schuhhändler in Deutschland nach wie vor penibel darauf achteten, dass ihre Kunden ja nicht eigenmächtig zugriffen, legte Deichmann den Grundstein für die Selbstbedienung. Dieser Schritt gilt im Nachhinein als ebenso entscheidend für Wachstum und Erfolg wie die Trennung von der Einkaufsvereinigung und die Etablierung eines ausgefeilten Warenwirtschaftssystems, das Deichmann – weil es noch keine PCs gab – „in Handarbeit“ einführte. „Da saßen 20, 30 Mitarbeiter und taten nichts anderes, als Kassenzettel auszuwerten“, erinnert sich der Senior. Doch die Mühe lohnte sich: Von nun an wusste der Schuhhändler genau, welche Modelle in welcher Anzahl über den Ladentisch gehen.