Produktideen mit Köpfchen

Ideen finden

Autor: Jens-Uwe Meyer
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Als Gründer müssen Sie das Rad nicht zwingend neu erfinden, um innovativ zu sein. Im zweiten Teil unseres Workshops über Ideenmanagement stellen wir Ihnen kreative Techniken vor, mit denen Sie – Schritt für Schritt – bestehende Produkte weiterentwickeln und neue Produktideen entwerfen können.

Noch schwimmt das Schiff ruhig und friedlich vor sich hin. Doch dann passiert es: Wasser dringt ein, es bekommt Schlagseite, kentert und versinkt schließlich in den dunklen Fluten. Titanic Teil 2 in Ihrer Kaffeetasse. Der Hauptdarsteller: Das Zuckerschiffchen. Eine neue Produktidee von Reinhard Schröder, der mit seiner kleinen Spielerei – Zuckerwürfel in Form eines Segelschiffs – die Tassen dieser Welt erobern will. Christine und Sandra aus Stuttgart hatten eine ähnlich coole Idee: Sie erfanden Typolade, handgegossene Buchstabenblöcke aus Schokolade.

Ob für Events oder als ganz persönliches Geschenk: Die beiden Schwäbinnen liefern es exklusiv. Auch die Brüder Kaiser aus Berlin hatten eine pfiffige neue Produktidee, allerdings in einem ganz anderen Segment: Sie erfanden die Zahnputzpille namens Denttabs, die die Zähne noch besser putzen soll als herkömmliche Zahnpasta. Dafür erhielten sie eine Nominierung im Wettbewerb „Mutmacher der Nation“.

Wie entstehen Produktideen?

Die Legende sagt: Nimm ein paar Freunde oder Freundinnen, erweitere das Denken durch sinnesbetäubende Getränke („Lass uns mal ein Bier trinken gehen ...“) und habe viel Spaß. Dann kommen die Ideen von ganz allein. In vielen Fällen funktioniert das durchaus, aber der systematische Weg ist der zuverlässigere. Schauen Sie sich die drei Produkte einmal näher an. Was fällt Ihnen auf? Im Grunde genommen steckt drei Mal das Gleiche dahinter: Alle drei Produkte sind in ihrem Kern nichts weiter als einfache Kombinationen von Bestehendem: Reinhard Schröder hat weder Zucker noch Segelschiffe neu erfunden, auch Schokolade und Typografie gab es vorher genauso wie Zahnputzmittel und Pillen. Der Verdienst der Gründer lag nicht darin, das Rad neu erfunden zu haben. Sie haben „nur“ Bestehendes gekonnt miteinander kombiniert.

In diesem Workshop stellen wir Ihnen einen systematischen Weg vor, mit dem Sie neue Produkte entwickeln und bekannte Produkte weiterentwickeln können. Dazu nehmen wir als Beispiel eines der einfachsten Produkte, die es gibt: Wasser. Das Schöne an Wasser ist, dass es eines dieser Produkte ist, über die niemand so richtig nachdenkt: Wasser ist eben Wasser. O.K., vielleicht haben Sie sich auch schon einmal gefragt, warum Sie für eine Flasche Vulkansteinwasser an der Tankstelle eigentlich drei Euro zahlen. Aus dem Hahn gleich hinter dem Verkaufstresen gibt es Wasser kostenlos, aber weil das Vulkansteinwasser durch Granit und Basaltschichten gesickert ist, kostet es eben viel Geld. Und vielleicht haben Sie auch schon einmal von OGO gehört, dem reinsten Wasser der Welt, für das verwöhnte New Yorker 10 Dollar pro Liter zahlen. Aber ansonsten denken Menschen über Wasser nicht wirklich nach. Für unseren Workshop ist Wasser das perfekte Beispiel.

Wir zeigen Ihnen, wie Sie aus diesem langweiligen Nass coole neue Produktideen machen können. Gedanklich müssen Sie dazu einen wichtigen Schritt machen: Von der konkreten auf die abstrakte Ebene wechseln und wieder zurück. Und das mehrfach nacheinander. Einfacher geht es, wenn Sie es sich mit der Mäuse- und der Vogelperspektive merken. Momentan haben Sie die Mäuseperspektive: Sie sind auf dem Boden ganz nah bei Ihrem Produkt. Was Ihnen fehlt, ist der Überblick: Wechseln Sie in die Vogelperspektive und schauen Sie sich den Markt erst einmal in Ruhe von oben an. Dann geht es wieder runter.

Schritt 1: Überlegen Sie, was Sie an einem Produkt alles verändern können

Vergessen Sie erst einmal das Wasser! Das neue Produkt ist das Ziel der Reise, nicht der Anfang. Schalten Sie um auf Vogelperspektive und überlegen Sie, was man an einem Produkt alles verändern kann. Sie können die Rezeptur verändern, neue Bestandteile hinzufügen, dem Produkt ein neues Design oder eine neue Verpackung geben, es anders positionieren, dem Produkt einen neuen Nutzen geben etc.

Wo finden Sie so etwas heraus? Mit der richtigen Fragestellung im Kopf können Sie sich direkt in Ihrer Nachbarschaft inspirieren lassen. Im nächs-ten Supermarkt beispielsweise. Gehen Sie von Regal zu Regal und überlegen Sie sich: Was steckt hinter diesem Produkt? Denken Sie dabei an die Vogelperspektive! Überlegen Sie, was der Mechanismus hinter einer Idee oder einem Produkt ist.

Sie werden erstaunt sein, was Sie in einem Supermarkt alles lernen können. Beispielsweise Produkte neu entdecken, an denen Sie schon hundert Mal vorbeigegangen sind, ohne sich darüber Gedanken zu machen. Gehen Sie zum Margarineregal. Dort finden Sie die Halbfettmargarine eines bekannten Herstellers: Die gelbe Packung und daneben die gelbgrüne Packung, die den Zusatz „pro-activ“ trägt und deshalb auch gleich viel mehr kostet. Denn mit „pro-activ“ können Sie aktiv Ihren Cholesterinspiegel senken. Die Firma hat ihrer bestehenden Produktreihe einfach ein neues Nutzenmerkmal hinzugefügt: Aus einem normalen Nahrungsmittel wird so fast schon ein medizinisches Produkt.

Auch dem Produkt Wasser können Sie neue Nutzenmerkmale hinzufügen. Bei dem schon erwähnten Luxuswasser OGO können Sie sich auf der Webseite www.sharkialifegroup.com davon überzeugen. Dort heißt es: „Jede Zelle in Ihrem Körper braucht Sauerstoff. Je mehr Sauerstoff Sie aufnehmen, desto gesünder fühlen Sie sich. Deshalb ist so viel davon in OGO. Wir pressen bis zu 200 mg Sauerstoff in jeden Liter.“ Also: Sauerstoff rein und normales Wasser wird Gesundheitswasser. Einmal tief durchatmen täte es übrigens genauso. Aber es gibt offenbar genug Menschen, die dafür Geld ausgeben, somit ist ein subjektiver Nutzen gegeben.

Schritt 2: Suchen Sie gezielt nach Inspirationen

Aus Ihrem Trip zum Margarineregal können Sie zwei Dinge mitnehmen. Nummer eins: Sie können neue Produktideen entwickeln, indem Sie bekannten Produkten neue Nutzenmerkmale geben. Nummer zwei: Dieses Nutzenmerkmal kann beispiels-weise Gesundheit sein. Doch nicht nur das Margarineregal bietet solche Erkenntnisse, die ganze Welt ist voll davon. Sie müssen nur wissen, wonach Sie suchen. Wenn Sie beispielsweise über eine Messe gehen und sich nur allgemein einmal inspirieren lassen wollen, kommen Sie meistens frustriert zurück. Überlegen Sie vorher genau, wonach Sie suchen wollen: Nach ungewöhnlichen Verpackungen für Ihr Produkt? Nach Design-Inspirationen? Nach Produkten, die hochpreisig positioniert sind? In der Tabelle sehen Sie einige Beispiele, wie so etwas funktioniert.

Schritt 3: Kombinieren Sie

Zwingen Sie sich, die Inspirationen, die Sie gesammelt haben, mit Ihrem Ausgangsprodukt zu kombinieren. Dabei ist eines wichtig – fragen Sie nicht: „Kann man das kombinieren?“, sondern: „Wie kann man das kombinieren?“ Mixen Sie beispielsweise Produkt und Verpackung so zusammen, als ob Sie einen Cocktail mixen. Urteilen Sie dabei nicht zu früh. Die Devise heißt: Erst etwas Neues mixen, dann probieren, ob es schmeckt. Sagen Sie nicht: „Geht nicht“ oder „Da kommt ja doch nichts bei raus“, sondern bewerten Sie erst ganz zum Schluss alle Produkte hinsichtlich ihrer Machbarkeit.

Die kreative Qual der Wahl

Mit dieser Technik kommen Sie schnell auf ausgefallene, zum Teil sehr verrückte neue Ideen. Die Kombinationsmethode gehört zu den offensten Kreativtechniken, die es gibt. Sie werden damit viel Spaß bei der Entwicklung haben, das ist garantiert. Aber Achtung! Gerade weil die Methode so offen ist, haben Sie am Ende viele Ideen und häufig die Qual der Wahl. Je gezielter Sie an die Suche neuer Produkte herangehen, desto besser.

Sie merken auch, dass es ohne Ausgangsprodukt nicht geht. Wenn Sie überhaupt keine Vorstellung haben, in welche Richtung es gehen soll, nehmen Sie zunächst ein Produkt, mit dem Sie sich auskennen und mit dem Sie sich vorstellen können zu arbeiten. Probieren Sie die Methodik aus, systematisieren Sie den Prozess der Ideenfindung und vor allem: Geben Sie nicht gleich beim ersten Mal auf. Eine alte Erfinderregel lautet: Beim ersten Mal wirst Du immer scheitern. Nur ungefähr jede fünfhundertste Idee wird am Ende ein großer Erfolg. Sehen Sie es positiv: Wenn Sie beginnen, ab sofort jeden Tag zwei neue Produktideen zu entwickeln, haben Sie am Ende der Woche bereits 14, am Ende des Monats bereits 60. Und rein statistisch gesehen ist der große Knaller am Ende des Jahres auf jeden Fall dabei.

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