Besser gut geklaut als schlecht erfunden

Abkupfern allein genügt nicht

Autor: Jürgen Hoffmann, Simon Mikuteit
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Besser gut geklaut als schlecht erfunden, so denken Copycats – und sind oft genug damit erfolgreicher als die Originale.

"Gut kopiert ist besser als teuer erfunden", steht auf dem Cover des neuen Buchs von Oded Shenkar, Vorsitzender der Ford Motor Company und Management-Professor an der Ohio State University. Shenkar beschreibt in seinem Buch provokant die Wirklichkeit hinter einem Begriff, der in der Web-2.0-Gesellschaft für Diskussionsstoff sorgt: Copycats. So werden Start-ups be­zeichnet, die erfolgreiche Geschäftsmodelle nachahmen. Häufig handelt es sich um Internet-Firmen, die hierzulande gegründet wurden, aber amerikanischen Vorbildern oft bis ins Kleinste gleichen. Business-Ideen aus den USA sind besonders gefragt, weil seit Jahrzehnten jenseits des Großen Teichs die meisten internationalen Trends und Ideen entstanden sind. Das Geschäft mit den Imitaten boomt, es gibt Bewertungsportale und Singlebörsen, Couponingfirmen und Onlineshops für Brillenmode oder Bekleidung.

Abkupfern allein genügt nicht
Ein Geschäftsmodell zu kopieren ist jedoch alles andere als einfach: Nicht jede Idee, die in einem Land funktioniert, läuft automatisch auf einem anderen Markt. Kulturelle Unterschiede sind oft eine Hürde, die nur schwer zu überwinden ist. In Deutschland kommt hinzu, dass es zwischen Flensburg und Passau mittlerweile auch viele kluge Köpfe mit cleveren eigenen Ideen gibt.

Vom Imitat zum Marktführer
Ein Beispiel, dass den Verdacht der Schnelllebigkeit in der Branche widerlegt, ist Qype: Über das Internet oder Smartphone können Benutzer auf Qype.com weltweit ihre Bewertungen zu Arztpraxen, Frisören, Wellness-Einrichtungen, Behörden und Kindertagesstätten via Text, Bild oder Video veröffentlichen. Die Idee für das Bewertungsportal kam Stephan Uhrenbacher 2005, ein Jahr nachdem das US-Vorbild Yelp gegründet wurde. Qype zeigt, dass Copycats ihr Vorbild nicht immer nur imitieren, sondern die Geschäftsidee voranbringen können: Während Yelp sich in den Anfängen auf San Francisco und Umgebung konzentrierte, wagte der Hamburger Uhrenbacher von Beginn an die Expansion über die Stadt- und sogar Landesgrenzen hinaus. Nach deutschen Metropolen folgten Paris und London. Heute gibt es eigene Qype-Seiten in elf Ländern Europas.

Neue Märkte für Firmen-Klone
Laut Balthasar Reusse, Experte für Internet-Start-ups in den Emerging-Markets (neudeutsch für aufstrebende Märkte), ist der hiesige Markt für erfolgreiche Copycats wie Qype weitestgehend erschlossen: "Für die Trendthemen wie Couponing oder Singlebörsen herrscht in Deutschland keine Internet-Gründerstimmung mehr." In Deutschland gebe es nur wenige Risikogeldgeber für Copycats. Freie Plätze im Markt entstünden hierzulande nur noch selten. Reusse sieht jedoch eine große Chance für Geschäftsmodell-Kopien in den Schwellenländern.

Nähe und Tempo sind gefragt
Balthasar Reusse berichtet auch aus Erfahrung, wenn er erzählt, weshalb sich Copycats möglichst nah am Original halten sollten, um erfolgreich zu sein – von der Abwandlung des Firmenlogos bis zum weitgehend identischen Aufbau des Angebots: "Abweichungen vom Rolemodel kosten wertvolle Zeit und sind nicht erfolgsgeprüft." Oft stecken hinter einem bewährten Auftritt ein oder zwei Jahre Erfahrung, jede Idee ist auf ihre Funktionalität getestet worden. Davon könne man schnell und einfach profitieren. "Auch wenn das Geschäftsmodell teilweise an die lokalen Gegebenheiten des Marktes angepasst werden muss, sollte man sich nicht zu weit vom Vorbild entfernen", sagt Reusse.

Für Erstgründer, die trotz des schwierigen Marktes in Deutschland von einem Firmen-Imitat profitieren wollen, empfiehlt Reusse ein Blitz-Strategie: „Time to Market ist neben der finanziellen Schlagkraft einer der wichtigsten Faktoren. Bis zum Launch dürfen nur wenige Wochen vergehen, um als erster auf dem Markt wahrgenommen zu werden und Vorsprung in Form von Reichweite aufzubauen.“ Der deutsche Markt biete für Nischenthemen genügend Freiraum, ist sich Reusse sicher.

Perfektion der Geschäftsidee
Eine solche Marktlücke im Internet hat Dirk Graber aufgetan. Nachdem er Erfahrungen im Bereich E-Commerce bei eBay und Jamba gesammelt hatte, wollte er sein eigenes Unternehmen gründen. „Als ich den Online-Markt beobachtete, fiel mir auf, dass die Optik-Branche eine der wenigen in Deutschland war, für die es im Netz kaum gute Vertriebswege gab“, erinnert er sich. Seit 2007 ist er Geschäftsführer von Mister Spex, dem heute wohl größten Online-Versandhändler für Markenbrillen. Als Vorbild für den Web-Optiker fungierte Glasses Direct aus Großbritannien: „Die haben bewiesen, dass der Online-Brillenhandel seine Daseinsberechtigung hat.“ Graber entschloss sich dazu, das Geschäftsmodell für Deutschland anzupassen. Jenseits der Discounter-Strategie vermutete er mehr Potenzial: „Um uns von der Konkurrenz abzusetzen, haben wir uns für das Premium-Segment Markenbrillen entschieden. Trotzdem bieten wir günstige Preise an.“

Die Fehler des Vorbilds abstellen
Die Herausforderung, ein Unternehmen zu gründen, sollte nicht unterschätzt werden, betont Graber – egal ob neue Idee, Kopie oder Weiterentwicklung: „Wir mussten jeden Kontakt neu aufbauen und uns auch um qualifizierte Mitarbeiter bemühen. Dass man eine tolle Idee ohne Änderungen in ein anderes Land übertragen kann, ist die absolute Ausnahme.“ Andererseits könne man aus den Fehlern der Vorreiter lernen: „Oftmals bewähren sich bei einem ähnlichen Geschäftskonzept auch ähnliche Designs und Methoden, um den Kunden anzusprechen“, bestätigt auch Graber. Kritiker der Web-Kopisten argumentieren, dass Imitate die Idee nicht voranbringen. Graber sieht das anders: „Wer sich nicht nur auf die Geschäftsidee konzentrieren muss, der hat mehr Ressourcen für eine innovative Umsetzung.“
Und Graber hat selbst aus Fehlern gelernt: „Wir haben nicht damit ge­rechnet, wie viel Abstimmung nötig ist, wenn ein Unternehmen so schnell wächst. Darauf würden wir uns heute besser einstellen.“ Eine weitere Bestätigung für Grabers Erfolg: Mister Spex wird heute selbst kopiert. Immer wieder tauchen Homepages von stationären Optikern im Netz auf, die das Design und den Seitenaufbau nachahmen. An der Position von Mister Spex ändert das jedoch wenig: Seit 2010 betreibt der Online-Brillenhändler auch Shops in mehreren europäischen Ländern.

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