Die Revolution ruft an

Telekommunisten

Autor: Sabine Hölper
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Die „Telekommunisten“ sind kein Unternehmen im herkömmlichen Sinn. Ihr Ziel ist es, die Welt zu verändern. Und Erfolg ist, wenn die Firmenphilosophie Schule macht.

Man stelle sich ein junges, kleines Unternehmen vor und kehre alles genau ins Gegenteil: Kein Chef also, keine Angestellten, kein Businessplan, kein eigener Briefkasten vor der Tür. Was das sein soll? Ein junges, kleines Unternehmen. Aber eines, das mit allen Regeln des herkömmlichen Unternehmertums bricht. Die „Telekommunisten“, so viel verrät bereits der Name, haben für Strukturen des Kapitalismus nicht viel übrig.

Kein Platz für Äußerlichkeiten

Konventionelles hat nur wenig Platz im Unternehmens- und Lebenskonzept des „Telekommunisten“ Dmitry Kleiner

Für Ordnung auch nicht. Im Büro dominieren herumstehende Kartons und anderer Kram, auf dem Fußboden schlängeln sich die Kabel kreuz und quer, und an den Wänden hängen Plakate, die sich auch gut in einem Büro der Globalisierungskritiker Attac machen würden. Das Flair des Unangepassten fügt sich prima in den Rest des Gebäudes, in dem die Telekommunisten untergebracht sind: dem ehemaligen Haupttelegrafenamt in der Tucholskystraße in Berlin-Mitte. In den riesigen, lichtdurchfluteten Sälen kann Freiheit geatmet werden, in den kleinen Räumen des historischen Gebäudes versprühen vergilbte Mustertapeten und vereinzelte Relikte aus früheren Telegrafenzeiten jenen Charme des unwiederbringlich Vergangenen, den Kreative und Alternative lieben, Befürworter des modernen Schicks dagegen eher befremdlich finden.

Umsatz ist nicht alles

Dmitry Kleiner, einer der beiden Telekommunisten-Gründer, gehört offensichtlich zu den Liebhabern. Mit Begeisterung führt er – treppauf, treppab – durch die Zimmer. „Die meisten stehen leer, eine Schande“, sagt der 37-Jährige. Zurück im Büro, setzt sich Kleiner an den Schreibtisch, holt aus einer Ecke einen Plastikstuhl für die Journalistin herbei und dreht das Display seines Rechners in ihre Richtung. Sofort wird klar: Auf das, was im Rechner gespeichert ist, kommt es ihm an, nicht auf die Qualität der Bürostühle oder die Reinheit des Fußbodens. Im Computer steckt die Software, die die Telekommunisten verkaufen – und der Computer oder besser noch das Internet ist das Tor zur Welt. Zur besseren Welt. Aber dazu später.

Globales Netzwerk

Angefangen hat das Unternehmen im Mai 2006 mit dem sogenannten Business-to-Business-Geschäft. Seither stellen die Telekommunisten kleineren Unternehmen aus der Telekommunikationsbranche Telefon- und Internetdienstleistungen zur Verfügung, ein System zum Web- und E-Mail-Hosting, für Webdesign und für individuelle Datenbanken. Kleiner erklärt es für Laien: „Wir geben unseren Kunden die Tools an die Hand, die sie brauchen, um ihre Geschäfte abwickeln zu können. Dazu gehört beispielsweise eine Software zur Rufnummernverfolgung oder zur Rechnungserstellung.“

Obwohl Geldverdienen nicht zum obersten Ziel der Telekommunisten zählt, haben sie mit diesem Konzept genügend Umsatz gemacht, um ihre Angebotspalette weiterentwickeln zu können. Und so bietet das Unternehmen seit wenigen Monaten auch einen Service für Privatkunden an: Die sogenannte Dialstation, welche günstiges Telefonieren vom Handy ins Ausland ermöglicht. Das Angebot scheint auf Zustimmung zu stoßen. Bereits nach drei Wochen zählte Kleiner mehr als 200 registrierte Nutzer. Und zu dieser Zeit war die Werbung noch gar nicht geschaltet. Sind die Flyer erst einmal gedruckt und die Inserate in den Zeitschriften erschienen, könnte die Dialstation dann richtig durchschlagen. In einer globalisierten Welt, in der sich Japaner und Amerikaner mal eben zum Kaffee in Paris verabreden, wird die Kommunikation zum erschwinglichen Preis schließlich immer wichtiger.

Das weiß niemand so gut wie Kleiner. Dauernd telefoniert er mit Kanada oder England. Denn neben dem Berliner Büro sitzen die Telekommunisten auch in Montreal, New Orleans und Nottingham. Außerdem arbeiten sie in Johannesburg mit einem Partner zusammen. Dass die Telekommunisten global aufgestellt sind, passt nicht nur gut zum Produkt, der weltumfassenden Telefonie.

Investitionen in die „große Idee“

Das passt vor allem zur Haltung der Firmengründer, zu denen neben Kleiner der Kanadier William Waites zählt. „Venture Communism“ nennen sie ihre Idee, die – ins Deutsche übersetzt – dem Prinzip der Genossenschaft ähnelt: Es gibt keinen externen Kapitalgeber, es gibt keinen Chef, keine Hierarchien, jeder Mitarbeiter ist gleichberechtigt. Statt Geld investieren die Mitarbeiter ihre Arbeitsleistung ins Unternehmen und erhalten dafür einen Anteil daran. Der ist ihnen mehr wert als ein dickes Gehalt. Denn ein Anteil am Unternehmen bedeutet Teil der Venture Kommune zu sein, Teil einer sozialistischen Welt, wie sie der russische Anarchist Michail Bakunin einst propagierte.

Die „Telekommunisten“ arbeiten in Berlin, sind global vernetzt, ihr Business sind Telefon- und Internetdienstleistungen. Gewinne reinvestieren Sie, um Hilfsprojekte weltweit aktiv zu unterstützen

In der Firmenpraxis sieht das so aus: Ein Großteil der Gewinne wird reinvestiert, damit die Produktpalette breiter und das Angebot stetig besser werden kann. Von dem Geld, was dann noch übrig bleibt, finanzieren die Telekommunisten Hilfsprojekte. Allerdings überweisen sie nicht einfach eine Summe irgendwohin. Vielmehr stellen sie ihre Arbeitskraft zur Verfügung. Nach der Verwüstung New Orleans’ durch den Hurricane Katrina hat Waites beispielsweise vor Ort geholfen, Telefon- und Netzwerkstationen wieder aufzubauen. „Wenn Sie mit uns zusammenarbeiten, dann unterstützen Sie auch diese Arbeit“, ist auf der Website der Firma zu lesen.

Und der Satz ist nicht als plumpe Werbung gemeint. Kleiner und Waits verfolgen mit solchen Aussagen ein höheres Ziel: Sie wollen die Welt verändern, sie wollen die Revolution. „The revolution is calling“ heißt die Parole. Zwar ergibt sich ihr doppelter Wortsinn nur im Englischen. Aber auch die deutsche Übersetzung lässt keinen Zweifel daran, dass es Kleiner, Waits und ihre momentan zwei Mitstreiter ernst meinen. Wohlgemerkt: Ihre Revolution ist friedlich – und sie basiert darauf, dass die Menschen mitmachen. Einmal, indem sie Kunde des Unternehmens werden.  Zum anderen ergebe sich die Veränderung der Welt, „wenn auch langsam“, wie Kleiner einwirft, ganz automatisch. Die Vernetzung durch das World Wide Web, das Entstehen von weltumspannenden und temporären „Communities“, die Beziehungsgeflechte unabhängig von Standorten möglich macht, lasse die Kapitalkosten sinken – und berge für Gründer folglich ganz neue Möglichkeiten, aktiv zu werden. „Der Trend ist doch schon sichtbar“, sagt Kleiner.

Visionen leben

Und weil die neue Form des Unternehmertums nicht nur weniger kapitalintensiv sei, sondern auch „ohne Druck von oben“ und ohne „Druck, Profit zu erwirtschaften“, auskomme, unterm Strich also „effizienter“ sei, ist Kleiner guter Dinge, dass der Trend anhält. „Ich bin sicher, dass das Modell zukunftsträchtig ist“, sagt er – und meint damit auch die eigene Firma.
Die Telekommunisten werden also sicher nicht so schnell wieder vom Markt verschwinden. Wer – rein finanziell gesehen – bescheiden ist wie Kleiner und Waites, dafür aber hehre Ziele verfolgt, hat schließlich einen langen Atem. Man stelle sich daher im Geiste schon mal ein Unternehmen vor: Nicht mehr ganz so jung, nicht mehr klein, aber sicher immer noch alles andere als gewöhnlich.

Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Ausgabe 01/2008

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