Dönerbude war gestern

Migranten gründen in der Hauptstadt

Autor: Sabine Hölper
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In Berlin leben nicht nur viele Türken, sie sind auch besonders eifrige Unternehmensgründer – und zwar fern aller Klischees von Dönerbude und Gemüsehandel.

Deutsche sind träge, wenn es um den Aufbau einer eigenen unternehmerischen Existenz geht. Zumindest im Vergleich mit ausländischen, insbesondere mit türkischen, in Deutschland lebenden Existenzgründern stehen die Einheimischen schlecht da. Oder anders herum: Türken sind die eifrigeren Firmengründer. Und das trifft auf eine Stadt wie Berlin, in der rund 200.000 türkischstämmige Einwohner leben, umso mehr zu, denn ihre Existenzgründerquote liegt 25 Prozent höher als die deutscher Unternehmer. Auch ein Vergleich der absoluten Unternehmenszahlen zeigt die Bedeutung Berlins als türkische Gründermetropole. Von den deutschlandweit türkischstämmigen Unternehmen sind etwa zehn Prozent in der Hauptstadt ansässig.

Warum so viele Türken den Sprung in die Selbständigkeit wagen, ist schon von vielen Experten erforscht worden. Entsprechend vielfältig fallen die Erklärungsansätze aus. So heißt es einmal, dass der Drang zur Selbständigkeit aus den kulturellen Werten und Normen der Herkunftsländer abzuleiten sei. Dem gegenüber stehen Erklärungsversuche, die die Selbständigkeit von Migranten mit dem Nischenmodell begründen. Dieses Modell besagt, dass sich durch die spezifischen Konsumbedürfnisse der Migranten spezifische Nachfragepotenziale und damit Marktnischen ergeben, die die türkischen Gründer mit ihren Unternehmen besetzen. Ersteres mag nicht ganz von der Hand zu weisen sein. „Türken sind risikofreudiger“, sagt Emre Kiraz, selbst türkischer Herkunft und Inhaber des Berliner Beratungsunternehmens Ekcon Management Consultants. Letzteres jedoch scheint für die aktuelle Gründergeneration kaum noch zuzutreffen. „Ausländische Unternehmer der zweiten und dritten Einwanderergeneration bleiben nicht auf die Kunden der eigenen Nationalität beschränkt“, schreibt der Berliner Wirtschaftssenator Harald Wolf im Vorwort einer Ekcon-Broschüre für türkische Existenzgründer. „Es folgt eine Umorientierung auch auf deutsche Kunden.“

Türkische Unternehmer sind eifriger, risikofreudiger und stellen sich zunehmend auf die Bedürfnisse deutscher Kunden ein

Die folgenden Beispiele bestätigen das. Und sie zeigen auch, dass es sich bei türkischen Unternehmen nicht nur um Dönerbuden, Kioske oder Gemüseläden handelt. Die Türken der heutigen Generation gründen Betriebe quer durch alle Branchen. Sie führen Werbeagenturen, Gebäudereinigungsunternehmen oder verkaufen stylische Möbel. Man muss den Hut ziehen vor den mutigen Jungunternehmern. Schließlich ist eine Existenzgründung für sie besonders schwierig, da neben den üblichen Hürden manchmal auch noch Sprachbarrieren hinzukommen. Außerdem hat mancher Vermieter, Bankberater, Geschäftspartner oder Kunde Vorbehalte. Aber immerhin gibt es in der Großstadt Berlin genügend Anlaufstellen für türkische Gründer und Unternehmer. Seien es Unternehmerverbände wie der TDU oder Müsiad, oder seien es Beratungsstellen wie Lok e.V., die türkischstämmigen Gründungswilligen mit Rat und Tat zur Seite stehen. Und nicht zu vergessen: Unterstützung gibt es häufiger als bei den Deutschen auch von der Familie.

Beispiel: Möbel Town

Volkan Aydin und Kaan Okar verkaufen Schlafzimmereinrichtungen in ihrer „Möbel Town“ – auf 3000 Quadratmeter (Fotos: Udo Meinel)

Kaan Okar läuft durch die 3000 Quadratmeter große Halle seines Möbelhauses Möbel Town und wirkt gelassen. Der junge Unternehmer hat 2009 sein großes Möbelgeschäft in Berlin-Wedding eröffnet, nachdem er sich zuvor ein halbes Jahr als erfolgreicher Online-Händler bewiesen hatte. Im Internet verkauft Okar Möbel, etwa die Hälfte über die eigene Seite moebeltown.de, die andere Hälfte über Ebay. Angefangen haben Okar und seine beiden Mitstreiter Volkan Aydin und Muhammed Karasu mit kleinen Artikeln wie Aschenbechern, später kamen vor allem Kinder- und Schlafzimmer hinzu. „Als wir das erste Schlafzimmer ausliefern konnten, haben wir gejubelt“, erzählt Okar. „Heute verkaufen wir bis zu 120 pro Monat.“

Klar, solche Erfolge geben Zuversicht. Dennoch ist Okars Gelassenheit nicht ausschließlich darauf zurückzuführen. Ein bisschen hat sie auch mit seiner türkischen Herkunft zu tun. Denn das bedeutet: Er hat eine große Familie. Und mit der Familie feiert man nicht nur rauschende Feste, die Familie hilft auch, wo immer es nötig ist: Nicht nur, dass Papa und Mama Geld für die Existenzgründung beigesteuert haben. Die komplette Verwandtschaft kauft bei Möbel Town ein. Legt man dabei nur die 600 Onkel, Tanten, Cousins, Cousinen und Freunde zu Grunde, die Okar zur Hochzeitsfeier geladen hatte, ist das bereits eine gute Basis. Multipliziert man diese Zahl dann noch mit drei, weil die beiden Partner ja schließlich auch einen großen Familien- und Freundeskreis besitzen, und geht man weiter davon aus, dass jeder einzelne von ihnen ganz viel Mundpropaganda macht, dann hat man eine ordentliche Kundenkartei zusammen.

Die jungen Türken wollen es besser haben als die frühere Einwanderergeneration und sich etwas gönnen können

Natürlich wollen die drei Möbel-Town-Macher auch an Leute verkaufen, die sie nicht kennen, an Türken und an Deutsche und an jede andere Nation. Aber auch da sind die Gründer optimistisch. Der Internethandel hat ja gezeigt, dass ihnen das gelingt. Sogar nach Österreich und in die Schweiz haben sie ihre Ware geliefert. Nun hat der stationäre Möbelhandel eine andere Dimension: 7000 Euro Miete fallen für die Halle an, hinzu kommen Gehälter für acht bis zehn Angestellte. Okar sieht trotzdem positiv in die Zukunft. Mit den deutschen Tugenden „Disziplin“ und „hart arbeiten“ werde man es schon schaffen. Und mit dem festen Willen, es einmal besser zu haben als die frühere Einwanderergeneration. Die jungen Türken wollen sich „was gönnen können“.

Beispiel: Die Setzer

Werbeagentur-Chef Soner Ipekcioglu im Kreise seiner Angestellten – für die Berliner SPD der „Vorzeigetürke“

Besonders geräumig ist das Büro nicht, und die Lage im Souterrain eines Kreuzberger Altbaus verspricht auch nicht gerade eine Traum-Arbeitsatmosphäre. Doch Besucher bei „Die Setzer“ werden schnell eines Besseren belehrt: Die Stimmung unter den Setzern ist bestens, der Umgang freundschaftlich, fast familiär. Soner Ipekcioglu, der Chef, will auch keineswegs alleine aufs Foto. Seine „Kinder“ sollen mit drauf.

Ipekcioglu ist kein Neuling mehr als Unternehmer, bereits im Jahr 2003 hat er die Full-Service-Werbeagentur gegründet. Er weiß also, wie schwierig es ist, als Türke ein Unternehmen zu starten. Er weiß aber auch, wie weit man es bringen kann. „Für die SPD bin ich mittlerweile der Vorzeigetürke“, sagt er – und grinst. Auch wenn Ipekcioglu über die Anfänge spricht, verliert er sein Lächeln nicht. Dabei ist es alles andere als lustig, wenn man als junger Unternehmer erfahren muss, „dass die Erwartungshaltung an die Agentur sehr niedrig ist“. Ein potenzieller Kunde habe einmal gefragt, „ob ich überhaupt Deutsch schreiben kann“, erinnert sich Ipekcioglu. Aber er sieht es positiv: „Wenn jemand nicht so viel von uns erwartet, ist er nachher, wenn er merkt, dass wir Profis sind, umso zufriedener.“

Mein Erfolg basiert darauf, dass ich mich nicht
über die türkische Herkunft definiere

Dass Ipekcioglu optimistisch durchs Leben geht, hat auch mit seiner Biografie zu tun. Als Zwölfjähriger kam er nach München. Er sprach kein Wort Deutsch und hatte Probleme in der Schule. Doch Ipekcioglu wollte nicht das benachteiligte Migrantenkind bleiben. Innerhalb von drei Jahren lernte er die Sprache, er machte den Realschulabschluss und später eine Lehre als Setzer. Ipekciolgu hat gelernt sich durchzusetzen. Und er hat gelernt, seine Herkunft als Vorteil anzusehen: Weil er zwei Sprachen beherrscht, arbeiten „Die Setzer“ sowohl für deutsche als auch für türkische Kunden. Dennoch sagt Ipekciolgu: „Mein Erfolg basiert darauf, dass ich mich nicht über die türkische Herkunft definiere.“

Auf die Idee, den Mann mit den modischen Jeans als besonders türkisch einzustufen, würde man aber sowieso nicht kommen. Ipekcioglu isst Schweinefleisch und trinkt Alkohol, er geht manchmal in eine Kirche, ab und zu in die Moschee. Dass zwei seiner sechs Mitarbeiter türkischer Herkunft sind, sei reiner Zufall – und dass die Praktikantin Kopftuch trägt, passt ihm eigentlich gar nicht. „Ich wollte sie deshalb erst nicht einstellen“, sagt der Unternehmer, „weil ich finde, das Kopftuch ist ein sexistisches Symbol.“ Man habe das Thema Religion nun einfach aus dem Büro verbannt.

Dieses ganze Gerede über Deutsch und Türkisch ist für Ipekcioglu sowieso Nebensache. Was ihn interessiert, ist, seine Kunden zufrieden zu stellen. Und damit das gelingt, arbeitet seine Mannschaft viel, schnell und flexibel. Flexibilität allerdings findet Ipekioglu „ist keine deutsche Tugend, eher eine türkische“.

Beispiel: Forever Clean GmbH

Sofort bei der Begrüßung in ihrem schmucklosen, zweckmäßig eingerichteten Büro in Berlin-Treptow wird klar: Aynur Boldaz ist eine Frau, die mit beiden Beinen fest auf dem Boden steht und manchmal mit dem Kopf durch die Wand will. Dabei ist Boldaz nicht verbissen, sondern freundlich, zuvorkommend – und überaus humorvoll. Egal, ob die Chefin des Glas- und Gebäudereinigungsunternehmens Forever Clean über Höhen oder über Tiefen spricht: Ihre Geschichten sind lebendig und reichlich gespickt mit Anekdoten.

40 Angestellte hat die Forever Clean GmbH von Aynur Boldaz. „In der Türkei hätte ich das nicht geschafft“

Beides hat Boldaz zur Genüge erlebt, die Höhen wie die Tiefen. Dabei hat sie sich die Schwierigkeiten mit ihrer Sturheit manchmal selbst eingebrockt. 2004 zum Beispiel startete die türkische Unternehmerin ein Integrationsprojekt. Acht Schwerbehinderte hat sie als Reinigungskräfte eingestellt. Persönlich war das ein großer Erfolg, Boldaz hatte es geschafft, Menschen mit Handicaps eine Alternative zu Hartz IV zu bieten. Nur leider brachten die Behinderten nicht die volle Leistung, weshalb die Personalkosten im Vergleich zum Umsatz zu hoch waren. Und da dauerte es nicht lange, bis die Banken Druck machten. „Die sagten zu mir: Sie sind nicht Mutter Theresa, sondern Unternehmerin.“ Also hat sich Boldaz wieder einmal selbst die Latzhose angezogen und Fußböden geschrubbt. Nach getaner Arbeit ist sie dann ins Kostüm geschlüpft und an den Schreibtisch geeilt, wo sie manchmal vor Überarbeitung einschlief.

„Sechs, sieben Jahre hat es gedauert, bis ich atmen konnte“, sagt Boldaz, die im Jahr 2000 den Sprung in die Selbständigkeit gewagt hat. Jetzt hat sie es also geschafft. Hat 40 Mitarbeiter in ihrem Unternehmen, fast 40 feste – ausschließlich deutsche – Auftraggeber in ihrer Kartei, wird auf Kongresse nach Istanbul eingeladen. Da sitzen dann hauptsächlich Männer und wundern sich, wie eine Frau es so weit bringen kann. „In der Türkei hätte ich das nicht geschafft“, sagt die Mutter einer erwachsenen Tochter.

Als Selbständiger braucht man Pferdenerven

Leicht hatte sie es allerdings auch in Deutschland nicht. Das lag aber nur anfangs, als sie im Alter von 18 Jahren, dem Mann hinterher, nach Deutschland kam, an ihrer Nationalität. Boldaz sprach nämlich keinen Brocken Deutsch. „Ich musste mit einem Dolmetscher zum Arzt“, erinnert sie sich. Später, nachdem die Scheidung durch war und Boldaz beschloss, „ein neues Leben zu beginnen“, war das als Alleinerziehende wieder kein Zuckerschlecken. Doch das geht deutschen Frauen nicht anders. Egal ob türkisch oder deutsch: Als Selbständiger brauche man Pferdenerven, sagt Boldaz. Dieser Satz – den sie in einem Existenzgründerkurs gehört hatte – habe sie geprägt. Die Forever-Clean-Chefin hat ihn geradezu verinnerlicht.

Beispiel: Acar und Batur GbR, Nah- und Gut-Markt

Can Batur und Ali Acar sind froh über ihre „super Entscheidung” – einen Lebensmittelmarkt zu eröffnen: „Wir können davon leben“

Bei seinem Versuch, zu beweisen, dass er trotz seiner Herkunft ein guter, zuverlässiger Unternehmer ist, macht Ali Acar nicht einmal Halt davor, sich kritisch über seine Landsleute zu äußern. „Früher haben türkische Unternehmer manchmal Scheiße gebaut“, sagt er. Doch damit sei es nun vorbei: „Wir sind die neue Generation Türken, die Generation, die in Deutschland aufgewachsen ist.“

Dass der Jungunternehmer so deutliche Grenzen zieht, mag daran liegen, dass ihm am Anfang seiner Selbständigkeit viel Misstrauen entgegenschlug. Der Hausverwalter zum Beispiel, der den Nah- und Gut-Markt, den Acar gemeinsam mit Can Batur betreibt, vermietet, liebäugelte zu Beginn nur mit deutschen Interessenten. Oder die Firma Edeka, unter deren Dach der Markt eingegliedert ist: Sie verlangte eine besonders hohe Kaution. Auch die Lieferanten waren nicht gerade entgegenkommend. Sie wollten vor der ersten Lieferung Bares sehen. Und die Kunden? „Früher gingen sie zum Marktleiter, wenn sie eine Beschwerde loswerden wollten, heute rufen sie direkt bei Edeka an“, sagt Acar.

Gut ein Jahr nach Eröffnung des Lebensmittelladens schlagen die beiden Gründer andere Töne an. Den Markt zu übernehmen, sei eine „super Entscheidung“ gewesen. „Wir können davon leben“, freut sich Acar. In der Zwischenzeit ist eben viel passiert. Viel Gutes. Nach der ersten von drei vereinbarten Raten verzichtete Edeka auf die weiteren Zahlungen. Entspannt hat sich auch das Verhältnis zu den Lieferanten. „Weil sie sehen, dass wir die Ware pünktlich bezahlen“, sagt Acar.

Wir sind die neue Generation Türken,
die Generation, die in Deutschland aufgewachsen ist

Richtig positiv liefen auch die Verhandlungen mit der Berliner Volksbank. Sie gewährten den Existenzgründern problemlos einen Kredit über 90.000 Euro. Mit weiteren 60.000 Euro Startkapital halfen die Familien der beiden Geschäftsinhaber und Freunde seit Kindertagen aus. Wenn es sich die beiden recht überlegen, haben sie ganz schön viel Unterstützung bekommen. Allerdings ist ihnen die nicht zugeflogen. So holten sie sich beispielsweise Rat von einem Unternehmensberater. Aber der musste für seine Dienste entlohnt werden. Und der frühere Inhaber des Moabiter Nah- und Gut-Marktes, der häufig vorbeischaut und wenn nötig Ratschläge erteilt, zeigt sich nur deshalb so hilfsbereit, weil Acar jahrelang sein Mitarbeiter war. Ein Mitarbeiter, der gute Arbeit leistete und keinen einzigen Tag wegen Krankheit fehlte.

Auch jetzt arbeiten Acar und Batur hart, jeder Tag dauere von 6.00 bis 20.00 Uhr. Das sei im Übrigen auch der Grund, warum sie noch immer den türkischen Pass besitzen. „Wir haben keine Zeit, um die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen“, sagt Acar. Aber sie haben es ganz fest vor: „Wir machen es sobald wie möglich.“

Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Ausgabe 02/2009

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