Start-ups geben Starthilfe

Start-ups, die sich für Flüchtlinge engagieren

Autor: Sabine Hölper
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In den vergangenen Monaten haben viele Start-ups Hilfsangebote für Flüchtlinge entwickelt, zahlreiche soziale Unternehmen und Initiativen sind an den Start gegangen. Wir stellen fünf besonders interessante Projekte und deren Macher vor.

Das Team der Über den Tellerand GbR ist bereits seit 2013 aktiv. Die erfolgreichen Integrations- und Hilfsprojekte der Berliner wurden bei der EXPO 2015 in Mailand im Deutschen Pavillon ausgestellt und gewürdigt. Foto: Über den Tellerand GbR


Der TV-Auftritt von Joko Weykopf war nicht lang, aber er bekam viel Applaus dafür. Außerdem saß da ja noch einer in der Talkshow-Runde. Und weil dieser jemand Tim Mälzer heißt und zu Deutschlands bekanntesten Fernsehköchen zählt, bekam er bedeutend mehr Redezeit, um Help Here vorzustellen. Ende 2015 haben die beiden Hamburger das Projekt gemeinsam mit Raphael Brinkert und Moritz Mann auf die Beine gestellt. Die Plattform will Flüchtlingen und anderen Bedürftigen helfen, indem sie sie mit Menschen, die Hilfe anbieten, vernetzt.

Help Here ist eine von zahlreichen Initiativen, die in den letzten Monaten entstanden sind. Je mehr Flüchtlinge nach Deutschland kamen, desto größer wurde die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung. Ehrenamtliche Helfer haben viel dazu beigetragen, dass sich die Schutzsuchenden willkommen fühlten und schnelle und unbürokratische Unterstützung erhielten. Aber auch viele junge Unternehmen hatten den Impuls zu helfen. Das Start-up Memorado, das Apps fürs Gehirntraining anbietet, hat drei Apps entwickelt, die ankommende Flüchtlinge unterstützen sollen, der Berliner Kochbox­anbieter Marley Spoon hat gemeinsam mit syrischen, afghanischen und pakistanischen Gastköchen Gerichte aus deren Heimatländern entwickelt. Fünf Wochen lang wurden diese verkauft, der Erlös ging an eine Flüchtlingsorganisation.

Initiativen, Stiftungen und mehr

Nun ist es zwar ehrenhaft, Kleider zu spenden oder am Bahnhof Lebensmittel zu verteilen. Auf Dauer aber reicht das nicht. Wenn jedes Jahr eine Million Flüchtlinge nach Deutschland kommen, sind strukturierte, langfristig angelegte und somit nachhaltige Hilfs- und Integrationsangebote nötig. Deshalb haben viele junge Entrepreneure Projekte für Flüchtlinge ins Leben gerufen, sie haben eine Reihe von neuen Start-ups oder Vereinen gegründet. Teilweise haben die Entrepreneure das auf eigene Faust getan, zum Teil unter dem Dach von neu aufgelegten Programmen und Initiativen. Alleine das von der KfW Stiftung und der Social Impact gGmbH unter der Schirmherrschaft von Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel aufgelegte Stipendienprogramm Ankommer fördert seit Ende letzten Jahres 14 Start-ups bzw. sozialunternehmerische Initia­tiven aus ganz Deutschland. Rund 190 hatten sich beworben.

Aber auch die Privatwirtschaft unterstützt die Unterstützer. Paula Schwarz etwa. Letzten Sommer hatte sie die Initiative Startup Boat ins Leben gerufen, bei der Gründer, Interessierte und Berater auf einem Boot vor Griechenland nach Lösungen für die Flüchtlingskrise tüftelten. Im Herbst eröffnete sie dann gemeinsam mit vier Mitstreitern in Berlin den Migration Hub. In dem Coworking Space stehen rund 30 Arbeitsplätze für Start-ups zur Verfügung, die sich mit der Integration von Einwanderern beschäftigen.

Schon etwas länger aktiv ist die Über den Tellerrand kochen GbR. Das 2013 gegründete Social Business will, so ist auf der Webseite zu lesen,  Integration zu einem nachhaltigen Prozess machen, an dem alle Gesellschaftsgruppen aus eigenem Interesse teilhaben. Die Aktivitäten zielen auf intensive Begegnung und Austausch auf Augenhöhe zwischen den Kulturen. Dabei wird, so das Credo der Verantwortlichen, die Entstehung einer offenen und toleranten Gesellschaft aktiv gefördert. Das Mittel dazu ist – nomen est omen – der Teller bzw. das Thema Kochen und Essen. Der eigens dazu im März 2015 gegründete Verein Über den Tellerrand kochen e.V. bietet Kochkurse an, bei denen zum einen das für unsere Gaumen exotisch anmutende Essen wichtig ist, aber letztlich das Kennenlernen und der Austausch zwischen den Kulturen im Vordergrund stehen. Die Köche sind Flüchtlinge aus aller Welt, die authentische Gerichte aus ihrer jeweiligen Heimat zubereiten. Die Einnahmen aus den Kochkursen werden zur Unterstützung der vielschichtigen Aktivitäten des in Berlin beheimateten sozialen Unternehmens verwendet.

Ebay für Gemeinnützigkeit

250 Kilometer weiter nordwestlich sitzt Joko Weykopf an seinem Schreibtisch. Der 35-Jährige hat viel um die Ohren. Bald wird er zum zweiten Mal Vater, außerdem betreibt er eine gut gehende Werbeagentur. Das würde ausreichen, um die Tage auszufüllen. Doch da ist auch noch Help Here, Weykopfs anderes Baby. Und wie jedes Baby ist Help Here ziemlich arbeitsintensiv. „Innerhalb von acht Wochen“ haben er und seine Mitstreiter die Betaversion der Plattform zum Laufen gebracht, 4500 Stunden Arbeit stecken in dem Projekt, erzählt Weykopf. „Wir wollten lieber schnell ein Ergebnis bringen, das vielleicht hier und da noch verbesserungswürdig ist, als alles auszutüfteln und dafür ewig zu brauchen.“

Die Strategie scheint aufzugehen. „Das Interesse war von Anfang an riesig“, sagt Weykopf. Dennoch ist das Team von dem Ziel, das „Ebay für Gemeinnützigkeit“ zu werden, noch ein gutes Stück entfernt. Noch sind sowohl die Angebote als auch die Anfragen nach Hilfeleistungen relativ gering, zumal im ländlichen Raum. Außerdem deckt sich das, was die Helfer anbieten, nicht immer mit dem, was die Notleidenden brauchen.

Help Here vernetzt Helfer und Hilfesuchende. Innerhalb von nur acht Wochen haben Moritz Mann, Raphael Brinkert, Tim Mälzer und Joko Weykopf (v.l.n.r.) die Plattform zum Laufen gebracht, um so schnell wie möglich aktiv helfen zu können

Ein Unterstützer bietet kostenlosen Gitarrenunterricht an, eine Flüchtlingsinitiative fragt 100 Schulranzen nach. Die nächsten Wochen stehen deshalb im Zeichen der erwähnten Verbesserungen: Die Seite muss technisch verfeinert werden, außerdem gilt es, Kontrollmechanismen zu installieren, um Missbrauch zu verhindern. Vor allem aber brauchen die Macher Geld, Weykopf spricht deshalb gerade mit Stiftungen. Gleichzeitig wirbt das Team bei der Politik für seine Sache, geht in die Öffentlichkeit, um Bekanntheit zu generieren. Und da ist Tim Mälzer natürlich hilfreich. Der Fernsehkoch ist nicht nur ein beliebter Talkshow-Gast. Auch der Hamburger Oberbürgermeister Olaf Scholz hat ihn empfangen. 

Möbelaufbereitung mit Sinn

Stephanie Meyer und Lars Zimmermann entwickeln mit Fair Furnisher die Idee, Möbel von Messeständen mit Hilfe von Flüchtlingen aufzubereiten und wiederzuverkaufen Foto: ankommer

Mit dem Regierenden haben Stephanie Meyer und Lars Zimmermann noch nicht gesprochen. Unterstützung aus der Politik ist den beiden Gründern des Hamburger Start-ups Fair Furnisher dennoch gewiss. Sie sind eines von rund 190 Start-ups, die sich bei „Ankommer. Perspektive Deutschland“ beworben hatten. Und dabei handelt es sich schließlich um ein Stipendienprogramm unter der Schirmherrschaft von Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel. Zusammen mit 13 anderen Initiativen wie etwa der Schneiderwerkstatt Stitch by Stitch, dem Gastronomieunternehmen Refugee Canteen oder dem IT-Unternehmen Code Door wurde Fair Furnisher als Stipendiat ausgewählt. Die Gründer können sich über ein acht Monate währendes Coaching im Gegenwert von 12.500 Euro freuen. Außerdem haben sie die Chance auf weitere 20.000 Euro Prämie, die den drei besten Projekten im Anschluss an das Stipendium zukommen. Zusätzlich erhalten die Firmen, die eine passable Performance zeigen, die Möglichkeit, an einem Tandem-Programm teilzunehmen, bei dem sie weitere Unterstützung durch etablierte Unternehmen erhalten.

Unabhängig davon arbeiten Meyer und Zimmermann an der Weiterentwicklung ihrer Idee, mit Hilfe von Geflüchteten wiederverwendbare Materialien wie Holz und Stoffe von Messeständen als Möbelstücke wieder aufzuarbeiten. Konkret könnte das so ablaufen, erklärt Meyer: Auf einem Online-Portal geben die Unternehmen an, welche Materialien nach einer Messe übrig bleiben und ab wann sie verfügbar sind. Nach der Messe werden die Ressourcen dann in eine dafür vorgesehene Halle auf dem Messegelände transportiert, die zugleich als Aufbereitungsstätte dient. Dort finden zum einen die Tischler- und sonstigen Arbeiten statt, zum anderen wird die Logistik und der Verkauf organisiert. „Wir hatten uns schon häufiger gefragt, warum Messematerialien auf dem Müll landen müssen“, sagt Zimmermann. Letzten September, als sie angesichts der vielen Einwanderer das Gefühl hatten, helfen zu müssen, suchten sie nach einer Lösung, die das eine mit dem anderen verbindet. 

Bis zum Sommer wollen die 29- und der 38-Jährige die Idee in ein „tragfähiges Konzept“ überführen. Außerdem wollen sie klären, ob Fair Furnisher als GmbH oder als Verein gegründet wird. In den nächsten Wochen sprechen die beiden Freelancer – sie in der Kommunikationsbranche, er Architekt – deshalb mit Designern, Tischlern, Messechefs und Unternehmern. Sie suchen eine Firma, die gemeinsam mit ihnen „eine erste Möbelserie baut“. Zwei Punkte stehen indes jetzt schon fest: Erstens soll Fair Furnisher langfristig Gewinne abwerfen. Zweitens soll Hamburg nur der Anfang sein. „Wir sehen uns als Vordenker“, sagt Meyer. „Das Prinzip, Messematerialien vor dem Müll zu bewahren und gleichzeitig Flüchtlingen zu helfen, ist auf viele Städte übertragbar.“ 

Orientierung im neuen Umfeld

Lydia Lütgering, Sarah Langlotz und Camila Campos Contreras (v.l.n.r.) haben die App Start Up! entwickelt, die Flüchtlingen bei der Orientierung im Alltag wertvolle Hilfestellung bietet

Sobald es in einer Stadt läuft, in andere Städte expandieren – so formuliert auch Lydia Lütgering ihr Ziel. Gemeinsam mit Sarah Langlotz und Camila Campos Contreras hat Lütgering „Start Up!“ entwickelt, eine App, die Flüchtlingen Hilfe und Orientierung in ihrem neuen Umfeld geben soll. Genau wie Fair Furnisher steht das Team noch ganz am Anfang, bislang gibt es nur einen Prototypen der App. Jetzt geht es darum, die Finanzierung für den nächsten Schritt zu sichern: „Wir wollen in Hildesheim die erste real laufende App umsetzen“, sagt Lütgering. Die Chancen dafür stehen gut. Nicht nur, weil die Idee der Studierenden an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) in Hildesheim bereits preisgekrönt ist. Ende letzten Jahres wurde Start Up! als eines von drei Preisträgern des regionalen Gründerwettbewerbs drei|v in Braunschweig ausgezeichnet. Das Team hat auch schon die ersten Unterstützer gefunden. Neben der HAWK haben die Sparkasse Hildesheim sowie Christiane Kirchhoff-Billmann, Geschäftsführerin von Betten Kirchhoff in Osnabrück, finanzielle Hilfen zugesagt.

Es hat sich also offenbar gelohnt, dass die Studenten anfangs viel Arbeit in die Recherche gesteckt haben. Denn nachdem ihnen klar wurde, dass zwar viele Broschüren für Flüchtlinge existieren, diese aber oftmals nur auf Deutsch und in gedruckter Form vorliegen, konnten sie ein besseres, genau auf die Zielgruppe zugeschnittenes Angebot entwickeln: Kernstück der Mobil-Anwendung ist eine interaktive Karte, auf der Flüchtlinge die wichtigsten Landmarken und Adressen in ihrer Umgebung sehen. Außerdem bietet die App, wie ein Leitfaden aufgebaut und in der jeweiligen Sprache des Nutzers verfasst, Hilfe beim komplizierten Asylantragsverfahren, aber ebenso bei alltäglichen Dingen wie Mülltrennung, Spracherwerb oder Jobsuche. „Die App kann besonders gut Informationen zur richtigen Zeit vermitteln“, sagt Lütgering. „Sie hilft zum Beispiel genau in dem Moment, da ein Flüchtling den Bus benutzen möchte.“ Start Up! erkläre, wo man das Ticket kauft und wie man es anschließend nutzt. Die drei Macherinnen von Start Up! wurden zu Helferinnen, weil sie an ihrer Uni eine Lehrveranstaltung zu „Interaction Design“ besucht hatten.

Schneller zum Wohnraum

Golde Ebding, Mareike Geiling und Jonas Kakoschke sind die Köpfe hinter der Plattform „Flüchtlinge Willkommen“, die Wohngemeinschaften, die ein Zimmer frei haben, mit wohnungssuchenden Flüchtlingen zusammenbringt – und das europaweit Foto: Jean-Paul Pastor Guzmán

Bei Mareike Geiling und Jonas Kakoschke hingegen entstand der Impuls, sich für Geflüchtete zu engagieren, aus einer alltäglichen Situation heraus. Und auch der Zufall spielte mit: Weil Geiling vorübergehend aus der gemeinsamen WG ausziehen wollte, um in Ägypten zu arbeiten, suchte Kakoschke einen neuen Mitbewohner. Gleichzeitig hörte er einen Aufruf des Berliner Flüchtlingsrates, leerstehenden Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Kurz später zog nicht nur ein junger Mann aus Mali in das freie Zimmer ein. Gemeinsam mit Golde Ebding gründeten Geiling und Kakoschke dann „Flüchtlinge Willkommen“. Die Plattform bringt Wohngemeinschaften, die ein Zimmer frei haben, mit Flüchtlingen auf der Suche nach einer Bleibe zusammen. Außerdem hilft das Team bei der Finanzierung der Miete.

Seit rund anderthalb Jahren ist die Berliner Initiative aktiv. Seither hat sie in Deutschland rund 450 Geflüchtete an Vermieter vermittelt, international sind es laut Geiling etwa 500. Flüchtlinge Willkommen hilft nämlich längst auch außerhalb Deutschlands. Im Augenblick werden Zimmer in Griechenland, Italien, den Niederlanden, Österreich, Polen, Portugal, Schweden und Spanien vermittelt. In den nächsten Wochen „gehen wir auch außerhalb Europas online“, so Geiling. Außerdem haben die Macher gerade begonnen, sich mehr mit den Kommunen zu vernetzen und sich lokaler aufzustellen. Langfristig ist außerdem geplant, eine gGmbH zu gründen. Zur Zeit ist Flüchtlinge Willkommen ein Verein. „Wir konnten doch anfangs nicht absehen, dass aus der Idee von drei Ehrenamtlichen so etwas Großes werden könnte“, sagt Geiling. „Deshalb gab es für uns damals keine andere Option als den Verein.“

Alles gut also? Keineswegs. Da die Berliner spendenfinanziert sind, wissen sie nicht, wie lange sie weitermachen können. Die bisherigen Finanzen reichen nur bis zum Herbst. Flüchtlinge Willkommen ist zwar guter Dinge, dass die Spendenbereitschaft der Menschen weiter hoch ist. Doch ein Rest Unsicherheit bleibt. Und noch etwas verunsichert die Helfer: Hetze von rechts, die bis hin zu Todesdrohungen geht. „Aufgrund rechter Anfeindungen verzichten wir auf die Bekanntgabe unserer Adresse“, haben die Macher deshalb ins Impressum geschrieben. Nur was nützt das, wenn die Pöbeleien auf Facebook gepostet werden.

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