Anden-Flair im Ruhrgebiet

Naturerlebnis zur Heilung


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2007 kündigte Beate Pracht ihre Arbeitsstelle als Bewegungstherapeutin und gründete ihr eigenes Unternehmen: Prachtlamas bietet Wanderungen mit Lamas an. Die KfW half der tierisch guten Idee finanziell auf die Hufe.

Lama-Wanderungen in den „Anden des Ruhrgebiets“ bietet Beate Pracht allen Stadtmenschen an, die unter Stress leiden und Entspannung suchen

Oh ja, sagt Beate Pracht, natürlich stehen ihr immer wieder Schmunzler gegenüber. Und Zweifler. Aber wer will es ihnen verübeln? Schließlich klingt das, was die Menschen hier auf dem Gelsenkirchener Bauernhof in den nächsten Stunden erwartet, tatsächlich ein bisschen merkwürdig: Eine „Lama-Wanderung auf die Anden des Ruhrgebiets“. Pracht muss selbst lachen, wenn sie davon erzählt. Aber sie lacht, weil sie weiß, wie die Geschichten ausgehen.

„Wissen Sie, was passiert, wenn die Leute zurück sind von der Tour?“, sagt Pracht. „Wenn sie erlebt haben, wie beruhigend das gemächliche Gehen an der frischen Luft ist, wie wohltuend die Tiere auf sie wirken, wie mit jedem Schritt ein bisschen mehr vom Stress der letzten Wochen von ihnen abfällt? Dann vergeht den Skeptikern jegliches Schmunzeln und Zweifeln. Dann lächeln sie beseelt – und buchen womöglich gleich den nächsten Trip.

In den "Anden des Ruhrgebiets"

Seit 2007 bietet Beate Pracht Wanderungen mit Lamas an. Und nicht, dass einer auf die Idee käme, hier gehe eine spinnerte Frau einer verrückten Freizeitbeschäftigung nach. Beate Pracht hat mit „Prachtlamas“ ein florierendes Unternehmen auf die Beine gestellt. Schulklassen, ausgebrannte Manager oder Mitarbeiter auf Betriebsausflug gehören zu ihren Kunden. Auch die Angestellten der Deutschen Bundesbank waren schon mit Pracht und den Lamas unterwegs. Auch sie waren oben, in den „Anden des Ruhrgebiets“, die sich gleich hinter dem Bauernhof erheben. Dass es sich bei dem „Gebirge“ in Wirklichkeit um die Halde Rungenberg, eine seit geraumer Zeit begrünte Zechenhalde, handelt, spielt spätestens nach der ersten Besteigung keine Rolle mehr. „Ich habe die Anden des Ruhrgebiets geschaffen, weil die Lamas ursprünglich aus den Anden kommen“, sagt Pracht, „und weil man sich dort oben wie in den Bergen fühlt.“ Bei gutem Wetter reicht der Blick bis ins Bergische Land.

Beate Pracht kam erst mit Mitte 40 auf die Idee mit den Lamas. Im Alter von 16 Jahren machte sie eine Lehre als Bankkauffrau. Als nach einigen Jahren der nächste Karriereschritt, ein Aufbaustudium zum Sparkassen-Betriebswirt, auf dem Plan stand, ging Pracht allerdings noch einmal in sich und fragte ihre innere Stimme, ob der Beruf wirklich die Erfüllung für sie bedeute. Die blond gelockte Frau kam zu dem Schluss, dass sie für anderes berufen sei. „Mein Traum war, Sportwissenschaften zu studieren“.

Naturerlebnis zur Heilung

Also holte Pracht das Abitur nach und bewarb sich erfolgreich an der Sporthochschule Köln. Mit dem Diplom in der Tasche ging Pracht in eine Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. 15 Jahre lang behandelte sie dort Menschen mit Stresserkrankungen wie Burnout-Syndrom, heilte sie mit Hilfe der Sport- und Bewegungstherapie. Pracht hatte ihren Beruf gefunden. Sie ging so sehr darin auf, dass sie selbst ihre Freizeit nutzte, um sich fortzubilden.

Im Laufe der Jahre lernte Pracht eine Menge über Entspannungstechniken und Kommunikationstraining. Aber sie lernte auch, dass „zur Heilung immer die Natur dazu gehört“. Und es schlich sich das Gefühl ein, dass man die Menschen noch besser therapieren könnte, als es in der Klinik möglich war. Zum Beispiel mit Tieren. Mit Lamas. „Ich war selbst bei einer Lama-Wanderung dabei“, sagt Pracht. „Das hat mich so tief im Herzen bewegt, dass ich nun selbst mit Lamas arbeiten wollte.“ Es folgten Gespräche mit Lama-Züchtern und -Experten, es folgten Kurse, in denen Pracht lernte, mit den Tieren umzugehen – und es folgte endlich die Kündigung in der Klinik.

Kredit und kaufmännisches Know-how als Starthilfe

Von da an ging alles so glatt, als sei es Fügung. Pracht entdeckte nämlich nicht irgendeinen Bauernhof, sondern einen, der gerade zu einem Begegnungsort umfunktioniert wurde. Und dann lag der Hof auch noch am Fuße der ehemaligen Zechenhalde. Auch der Rest der Unternehmensgründung lief problemlos. Einen Lama-Züchter kannte Pracht schon, ihm kaufte sie die Tiere ab. Das Kaufmännische wiederum eignete sie sich in Gründerseminaren an. Und was die Finanzierung betraf, verließ sich die Bankerin auf ihre Kenntnisse von einst. „Beim Aufbau des Unternehmens war mein früherer Beruf von großem Wert“, sagt Pracht.

So wusste sie zum Beispiel, dass sie sich wegen eines günstigen Kredites an die KfW wenden konnte. Pracht hat keine großen Summen investiert, die wichtigsten Anschaffungen kosteten etwa 1500 Euro pro „Stück“ und heißen Hannibal, Dancer, Caruso, Kasimir sowie Diego. Die fünf Lamas stehen im Mittelpunkt von Prachts Angeboten. Sie sind dabei, wenn die Sportwissenschaftlerin mit Führungskräften auf Wanderung geht. Sie sind dabei, wenn sie Schülern soziale Kompetenz und Bewegung vermittelt. Sie sind sogar manchmal dabei, wenn sich Pracht mit einer Gruppe Freizeitsportlern zum Nordic Walking aufmacht.

„Nein, die Lamas spucken keine Menschen an“, räumt die Unternehmerin mit einem gängigen Vorurteil auf. Das passiere nur, wenn man die Tiere nicht artgerecht halte. Lamas strahlten vielmehr durch ihr ruhiges und freundliches Wesen Gelassenheit und Ruhe aus. „Das wirkt auf Menschen ausgleichend und entspannend“, so Pracht. Kein Wunder, dass insbesondere stressgeplagte Führungskräfte häufige Gäste auf Prachts Bauernhof sind. Allerdings helfen Hannibal und die anderen Vierbeiner den Managern nicht nur dabei, ins Gleichgewicht zu kommen. In den „Leadershiptrainings“ lernen die Manager, wie das „Unternehmertum des 21. Jahrhunderts“ aussehen sollte: „Herz und Verstand, Menschlichkeit und Miteinander stehen im Vordergrund“, erklärt Pracht. „Und genau deshalb ist es erfolgreich.“

Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Ausgabe 02/2010