Zeigt her eure Wände!

Innovation für die Wohnzimmerwand

Autor: Sabine Hölper
44 likes

Christoph Jellinghaus und Carsten Jacobsen haben es auf unsere Wände abgesehen. Ihr Produkt: ein Magnetsystem, mit dem man Fotos ohne Einsatz von Hammer und Nägel aufhängen kann. Ein KfW-Gründercoach half den beiden, ihr Unternehmen Photolini auf Wachstumskurs zu bringen.

Der berühmteste Bierdeckel ist wohl der von Friedrich Merz. Vor fast zehn Jahren sorgte der damalige CDU-Politiker für Aufsehen, als er ein vereinfachtes Steuersystem propagierte. Merz' Vision: Jeder Bürger solle seine Einkommensteuer auf einem Bierdeckel ausrechnen können. Nun steht wieder ein Bierdeckel im Mittelpunkt. Dieser ist (noch) nicht ganz so populär wie der erwähnte. Dafür existiert der Bierdeckel von Christoph Jellinghaus und Carsten Jacobsen nicht nur als Metapher, sondern in echt. Er markiert den Anfang von Photolini, dem von Jellinghaus und Jacobsen im Jahr 2009 gestarteten Unternehmen.

Als die beiden eines Abends gemütlich beim Bier beisammen saßen, hatten sie die Idee, Fotos mit einem Magnetsystem an die Wand zu bringen. Auf besagten Bierdeckel kritzelten sie erste, recht krude wirkende Zeichnungen und Entwürfe. Wer will, kann sich das gute Stück auf der Photolini-Website (www.photolini.de) ansehen. Das Original haben Jellinghaus und Jacobsen in ihrer "Erinnerungsbox" aufbewahrt, gemeinsam mit Prototypen und anderen Utensilien aus den Anfangstagen.

Sie haben es auf unsere Wände abgesehen: die Photolini-Gründer Christoph Jellinghaus und Carsten Jacobsen

Die Anfangstage

Es waren genau genommen Anfangsjahre. Vom ersten Prototyp bis zur Endversion vergingen gut zwei Jahre. Denn wenngleich Jellinghaus und Jacobsen früh die Idee mit dem Magnetsystem hatten, so dauerte es doch einige Zeit, bis das System so ausgeklügelt und einfach war, wie es jetzt ist. Einfach - für die Kunden. Statt mit Hämmern und Bohrern können diese ihre Fotos nun per Magnetsystem an der Wand befestigen. Sie kleben einfach die magnetischen Haftplättchen an die Wand und heften die von Photolini auf eine Leichtschaumplatte aufgezogenen und mit einem Magneten versehenen Fotos daran.

Auf diese Weise kann man Bilder sogar an Dachschrägen oder Decken anbringen, sie halten auf verputzten Wänden ebenso wie auf Kacheln, Raufasertapeten oder Spiegeln. Ein weiterer Vorteil des Photolini-Systems ist seine Flexibilität: Weil sich die Anbringung in Sekundenschnelle und ohne Rückstände einfach wieder von der Wand abziehen lässt, kann man die Bilder jederzeit abhängen - sei es, weil ein Umzug ansteht, oder weil das Motiv nicht mehr gefällt.

Unsere Idee ist unsere Stärke

Abhängen. Nun ja. Jellinghaus spricht lieber übers Aufhängen. Und er spricht auch nicht über das Foto, sondern über ganze Fotowände. "Das ist unsere Idee und das ist unsere Stärke", sagt der 32-Jährige, "flexible und individuelle Fotowände, die sich unbegrenzt erweitern lassen". Dazu passt, dass das größte Bildformat im Repertoire 30 mal 45 Zentimeter (das kleinste zehn mal zehn Zentimeter) misst: Photolini-Kunden wollen nicht nur ein einziges Bild hinters Sofa hängen. Sie wollen eine ganze Galerie ausstellen.

Warum sollte man sich auch auf ein Motiv beschränken, wenn auf dem Computer hunderte Fotos lagern, die es wert sind, ausgiebig betrachtet zu werden? Und warum sollte man jahrelang auf die gleichen Motive starren, wo man doch dauernd neue Fotos schießt? Photolini profitiert von der Lust der Menschen am Fotografieren. Die Lust der beiden Gründer an der Fotografie war es auch, die Photolini entstehen ließ. "Ich war viel auf Reisen und habe immer wieder tolle Fotos mit nach Hause gebracht", sagt Jellinghaus. "Aber ich habe mich immer gefragt, wie ich die Bilder schnell an die Wand bekomme." Die andere Frage, die beide schon seit der Uni bewegte, war die, ob "wir nicht etwas Eigenes auf die Beine stellten sollten".

Vollzeit ist angesagt

Die Antworten sind bekannt. Mittlerweile ist Photolini drei Jahre alt, aus den Feierabendunternehmern mit Hauptjobs in anderen Firmen sind Vollzeitunternehmer mit fünf Mitarbeitern geworden. Wie viele Magnetsysteme die beiden bisher verkauft haben, geben sie zwar nicht bekannt. Auch über Umsatzzahlen schweigen sie.

Aber so viel steht fest: Das Unternehmen befindet sich auf Wachstumskurs. Bereits vor einem Jahr haben die jungen Unternehmer Gründercoach Marcus Mencke-Haan aufgesucht - finanziell unterstützt durch die KfW -, um gemeinsam die Frage zu erörtern, "wie wir unser Wachstum gestalten und finanzieren", sagt Jellinghaus.

Seither hat sich schon wieder einiges getan: Die Finanzierung durch die Mittelständische Beteiligungsgesellschaft Schleswig-Holstein steht. Zudem ist der Kundenkreis größer geworden. Nicht mehr nur Hobbyfotografen bestellen bei Photolini, auch Profis und Unternehmen haben das System der Kieler für sich entdeckt. Auch der Vertrieb wurde ausgeweitet. Seit das Unternehmen im vergangenen Jahr mit dem Marketing- und Innovationspreis der Fachzeitschrift Fotowirtschaft ausgezeichnet wurde, kann man Photolini nicht mehr nur auf der Firmen-Webseite bestellen. 120 Foto-Fachhändler in ganz Deutschland fungieren als Partner.

Interview mit Gründercoach Marcus Mencke-Haan

Gründercoach Marcus Mencke-Haan, Geschäftsführer der next move Unternehmensberatung GmbH, Hamburg (Foto: Jens Wunderlich)

Marcus Mencke-Haan: "Als ich Carsten Jacobsen und Christoph Jellinghaus im Sommer 2011 zum ersten Mal traf, war ich sofort begeistert von ihnen. Dieser positive Eindruck bestätigte sich beim ersten Termin vor Ort. Mein Eindruck: Die Arbeitsabläufe waren sehr strukturiert und professionell. In der Organisation gab es daher nichts zu verbessern. Der Fokus unserer gemeinsamen Gespräche lag auf der Gestaltung des Wachstums. Denn das Unternehmen war schon über die Gründungsphase hinaus, erste Aufträge und Kooperationen gab es bereits. Bei der Gestaltung des Wachstums ging es vor allem um die Finanzierung. Ich habe die Gründer darin bestätigt, die Wachstumsfinanzierung frühzeitig anzugehen. Schließlich braucht man, wenn man ein gutes Produkt hat, auch genügend Mittel, um es vermarkten zu können.

Doch die nötigen Schritte dafür können nur eingeleitet werden, wenn das Finanzielle unter Dach und Fach ist. Um die Finanzierung zu stemmen, habe ich für eine Zusammenarbeit mit der Mittelständischen Beteiligungsgesellschaft (MBG) Schleswig-Holstein plädiert. Für die MBG sprach unter anderem, dass die Unternehmer trotz Aufnahme eines zusätzlichen Gesellschafters ihre operative Freiheit behalten. Im Vorfeld der Finanzierung habe ich mir den Unternehmensplan der Gründer angesehen. Ich habe einige Fragen dazu gestellt und Hinweise gegeben. Außerdem habe ich den Entscheidern der MBG das Geschäftsmodell von Photolini vorab vorgestellt.

Das entscheidende Finanzierungsgespräch haben Jellinghaus und Jacobsen aber alleine geführt. Dass sie es gut gemacht haben, zeigt schon die Tatsache, dass die Finanzierung bewilligt wurde. Unsere Treffen sahen und sehen nicht so aus, dass ich Monologe führe. Im Gegenteil. Meist sind das stundenlange Brainstormings auf Augenhöhe. Jeder sagt dabei offen heraus, was er denkt, wie er etwas beurteilt etc. In einem davon habe ich den Impuls gegeben, das Produkt stärker auf verschiedene Zielgruppen zuzuschneiden.

Meine Philosophie ist nämlich die, dass ein Produkt zwar grundsätzlich für viele verschiedene Zielgruppen geeignet sein kann, dass man es aber für jede Zielgruppe anders verpacken, dass man jede Zielgruppe individuell ansprechen muss. Das Resultat meines Impulses ist, dass die Photolini-Gründer das Geschäft mit den Firmenkunden stark ausweiten konnten.Was die beiden an meiner Arbeit schätzen, ist der Blick von außen. Das gilt auch aktuell, da das Thema Expansion ins Ausland auf der Agenda steht. Gemeinsam erarbeiten wir eine Strategie, identifizieren die Märkte, in die Photolini eintreten sollte und erörtern die Frage, ob und wenn ja, mit welchen Partnern vor Ort das Unternehmen zusammen arbeiten sollte."

Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Ausgabe 03/2012

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren: