Die zweite Chance nutzen: Aufstehen - besser machen!

Erfolgreich Starten und Restarten

Autor: Tobias Sallzer
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Gründen ohne Risiko gibt es nicht. Wer scheitert und aus seinen Fehlern lernt, hat beim zweiten Anlauf garantiert bessere Karten. Zwei Restarter berichten von ihrem beruflichen Scheitern, von Insolvenz und von ihrem Neuanfang als Unternehmer.

Für Mathias Dehe kam das Ende seiner Firma mit wohl dosiertem Schrecken. Der seinerzeitige Fitness-Unternehmer ist nach durchstandener Privat-Insolvenz heute Geschäftsführer einer Franchise-Systemzentrale. Für Enrico Henniges war das Scheitern ein gesunder Kick. Zwar hat er sich von seiner Open Source gestützten Shopping-Plattform gelöst, blieb jedoch mit einem Standleitungsgeschäft seiner angestammten IT-Umgebung treu.

Zwei Gründungen im AG-Mantel, die unterschiedlicher nicht hätten sein können, gingen jeweils auf eine Art aus, aus der sich viel lernen lässt. Denn erfolgreich sind heute beide Akteure. Hier lesen Sie die hürdenreichen Erfolgsstorys.

Die größten Stolpersteine

Wenn Gründer der Wille antreibt, ein Unternehmen mit mehreren Mitarbeitern aufzubauen, stehen sie, so die tägliche Erfahrung im Gründer- und Mentorennetzwerk Forum Kiedrich, nicht nur vor Finanzierungsfragen. Diese werden zwar – so eine repräsentative Studie der FH Trier – von deutschen Beratungsexperten zu 57 Prozent als Gründe für ein Scheitern ins Feld geführt. In der Summe machen jedoch den Gründerinnen und Gründern vor allem Fehleinschätzungen des Marktes zu schaffen, Markteintrittsbarrieren, unkluge Ratschläge vermeintlicher Freunde und Streitigkeiten in Engpass-Situationen.

Hinzu kommt in einer Schieflage der latente Hang zur Selbstausbeutung. „Läuft alles gut, dann kann dies meist der Beharrlichkeit eines Gründerteams zugerechnet werden. Ist man gescheitert, zeigen sich im Rückblick sehr schnell frühe Zeichen fehlender Sensibilität für das eigene Umfeld und einen selbst“, erklärt Forum-Kiedrich-Geschäftsführerin Claudia Erben. Im Gründer- und Mentorennetzwerk Forum Kiedrich (www.forum-kiedrich.de) stellten sich auf dessen seit nunmehr 13 Jahren etablierten Gründermärkten insgesamt rund 600 Kandidatinnen und Kandidaten mit ihrem unternehmerischen Talent vor. So überblicken die Macher sowohl den Internet-Hype als auch die Ernüchterung der aktuellen Finanz-Krise. Diese langjährige Erfahrung mit Gründern und jungen Unternehmen lehrt uns, „dass ein Unternehmer vor allen Dingen begegnungsfähig sein muss – auch, wenn im Alltag natürlich zusätzlich Fachkenntnis und Zahlenkunst gefragt sind“, betont Claudia Erben.

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Restarter Enrico Henniges

Für Enrico Henniges war das Scheitern eine harte Erfahrung, letztlich aber der gesunde „Kick“, um beim zweiten Start erfolgreich zu sein

1997 wurde Enrico Henniges’ Trimind als IBD GbR im Erfurter Technologiezentrum gegründet und kurz nach der Jahrtausendwende in eine AG mit drei Vorständen gewandelt. Aus der ursprünglichen Entwicklungsfirma für eine Shopping-Plattform war mit beachtlichem Wachstum ein Unternehmen für Projektplanung und Projektentwicklung entstanden, das in Erfurt und Jena 19 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigte. Leider hatte man jedoch die Wettbewerbszyklen unterschätzt. Der Entwickler war eher ein Forscher, statt einer, der marktnah agierte. Da halfen auch der beste Businessplan und eine fundierte Marktstudie nichts mehr: Das Projektgeschäft dörrte aus.

Für große Schritte war bald kein Geld mehr da – selbst vertraute Wegbegleiter mussten entlassen werden. „Das war das Härteste, sich von Mitstreitern zu lösen, mit denen man bis dahin nicht nur den gesamten Alltag, sondern auch viel Freizeit verbracht hatte“, sagt Henniges. Man habe sich jedoch in die Augen schauen können, weil der Vorstand von 2003 an kein Gehalt mehr bezogen habe. Und doch: „Bis dahin waren wir idealistisch ohne Ende. Wir wollten uns um Prioritäten herumdrücken, das wurde mir danach sehr bewusst.“ Geholfen hat Enrico Henniges, dass seine Frau Kristine als Geschäftspartnerin im Vorstand ebenso mit ganzer Kraft arbeitete: „Zu keiner Zeit schreckte Sie vor den Herausforderungen des Geschäftsalltags zurück. Als CFO traf sie mit den Entlassungsgesprächen die Hauptlast des unabweislich erforderlichen Personalabbaus.“

Bis Ende 2004 reichten die Ersparnisse. Dann kam zum Überleben für die mittlerweile dreiköpfige Familie Geld herein – durch den Verkauf von Insolvenzgütern Dritter über eBay. Dennoch lagen die Nerven blank – mit dem dritten Aktionär scheiterte ein Vergleich auf Basis der offensichtlichen Leistungsdefizite. Man traf sich vor Gericht. Schließlich zog das Team am 14. Dezember 2005 die Notbremse in Form der Insolvenzanmeldung. Enrico Henniges: „Gemeinsam mit einem kompetenten Aufsichtsrat hatten wir vorgebaut. Die Bekanntgabe der Insolvenz erfolgte erst bei Verfahrenseröffnung. Wir konnten unsere Noch-Kunden vorbereiten.“

Mit einem Server bei Freunden, einem Einstand von 5000 Euro und einem gut funktionierenden Netzwerk wurde aus der Trimind AG eine KG. Von Projektgeschäft war von nun an keine Rede mehr. Stattdessen bietet das Unternehmen heute einer ständig steigenden Kundenzahl über eine sichere und stabile Netzinfrastruktur hochverfügbare Kommunikationsdienstleistungen an – mit laufenden Einnahmen sowohl im Hosting als auch im Housing Modus. „Für achtzig Prozent der Erträge brauchen wir 20 Prozent Aufwand. Das lohnt sich“, weiß Henniges zu berichten. Dass es ihm mit unternehmerischen Ideen nicht bange ist, bewies er 2007 und 2008 on top als Betreiber einer Ferrari-Vermietung, „um nicht nur Geld zu verdienen, sondern auch neue Leute kennenzulernen.“

Ein Seitenaspekt: Die Schufa-Auskunft zur Trimind AG blieb bis zur Insolvenzeröffnung lupenrein. Mit der KG drehte sich der Wind. Doch Familie Henniges war dies nicht unrecht: „Wir betreiben ein authentisches Geschäft, für das wir keinen Businessclub brauchen. Stattdessen kennen wir hundertprozentig unsere Belastungsgrenzen und können uns absolut aufeinander verlassen.“

Restarter Mathias Dehe

Seit August 2009 hat er die Privat-Insolvenzzeit überstanden: Mathias Dehe (links). Mittlerweile ist der einstige Alleinvorstand einer AG wieder Geschäftsführer einer Franchise-Systemzentrale

In Mathias Dehes Lebenslauf kam der vermeintliche Aufstieg zum Alleinvorstand einer AG eher ungeplant. Als Unternehmensberater hatte er 1999 für mehrere Fitnessclub-Betreiber den Markt auf den Bedarf für eine 5-Sterne-Fitnessclub-Kette untersucht. Mit positivem Urteil bedrängten ihn seine Auftraggeber, sich an einer AG-Gründung zu beteiligen und obendrein die operative Führung zu übernehmen. Gesagt, getan – in der Euphorie des Jahres 2000 wurde gegründet, bis August 2001 wurden erste lokale Standorte identifiziert und mit zwei Mietverträgen und ersten Bauleistungen abgesichert, alles im Glauben auf eine Mitfinanzierung durch einen Innovationsfonds. Doch der Einsturz des World Trade Centers begrub das Vorhaben. Mit Rückzug der KfW als Refinanzierer aus dem Finanzierungspaket implodierte das Geschäftsmodell.

Nur Dehe saß mit persönlicher Haftungszusage ganz vorn im gemeinsamen Boot: „Wir waren in der Annahme gestartet, handeln zu müssen, um nicht zu spät auf den Markt zu kommen. Jetzt standen wir mit einer fünfstelligen Cash Burn Rate da.“ Vor allem traf die Aktionäre mit voller Härte eine Konventionalstrafe aus Rückabwicklung eines der Mietverträge. Während sie sich auf kein neues Geschäftsmodell einigen konnten, schmolz das Eigenkapital dahin. Im nächsten Schritt übernahm der Mehrheitsaktionär immerhin den AG-Mantel. Doch das befreite Mathias Dehe nicht aus seinem Obligo. Obendrein kam hinzu, dass die Gesamtsituation die Belastungsgrenze seiner Ehe sprengte. Die Verpflichtungen aus der persönlichen Haftung und dem Trennungsaufwand mündeten im Juli 2003 zielsicher in einer Privat-Insolvenz.

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„Meinem schlimmsten Feind wünsche ich nicht, auf die Gästecouch eines Freundes angewiesen zu sein. Wahrscheinlich hätte ich früher die Reißleine ziehen müssen“, resümiert Dehe diese Lebensphase. Der Schritt zum Amtsrichter erleichterte ihm dann Einiges. Das Damoklesschwert der Forderungen war von einem auf den anderen Moment weg. Auf die gesetzlich vorgeschriebene Zeit von sechs Jahren hin akzeptierte der Insolvenzverwalter eine maßvolle persönliche Zahlungsquote. Hinzuverdienstgrenzen kennt das Gesetz nicht, sodass auf Rechnung eines Beratungsunternehmens gearbeitet werden konnte. Im August 2009 war die Insolvenzzeit durchstanden – heute ist Dehe wieder Geschäftsführer eines Franchise-Systems.

Das Fazit der Forum-Kiedrich-Geschäftsführerin Claudia Erben: „Wo das Projektgeschäft ganz offensichtlich nicht Enrico Henniges Sache war, er aber jetzt sehr erfolgreich technische Dauerservices erbringt, hätte es Mathias Dehe von Anfang an bei seinen Projektleistungen belassen sollen, für die es gestern wie heute einen Markt gibt.“

Online-Tipp: Viele Informationen und wertvolle Hilfestellungen auch für Restarter (PC-Lernprogramm, Existenzgründungsberater, Beratung zum Feststellen des Beratungsbedarfs u.a.) finden Sie im Internet beispielsweise auf dem Existenzgründerportal des BMWi www.existenzgruender.de.

Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Ausgabe 02/2010

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