Sprung ins kalte Wasser

Gründer-Know-how vor dem eigenen Start sammeln

Autor: Jürgen Hoffmann
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Geballtes Gründer-Know-how sammeln, bevor es mit dem eigenen Start-up losgeht: Als Entrepreneur in Residence absolviert man eine Art Unternehmer-Praktikum in einem Start-up.

Das Web ist die Bühne, auf der es die meisten Start-ups gibt. Clevere Köpfe versuchen, Lieferdienste, Empfehlungsportale und Fachgeschäfte bei Usern zu etablieren. Laufend werden neue Geschäftsmodelle aus der Taufe gehoben. Doch es gibt ein Problem: den Fachkräftemangel.

Junge Unternehmen können in der Regel in der Anfangsphase nur wenig zahlen, verlangen aber viel von ihren Mitarbeitern. Zwei Fragen gilt es zu beantworten: Wie mache ich mich als angehender Jungunternehmer selbst fit für eine Gründung? Und wie komme ich an qualifizierte Führungskräfte? Eine mögliche Zauberformel lautet: Entrepreneur in Residence.

Vorbild Silicon Valley

Was verbirgt sich dahinter? Übersetzt heißt der Begriff „Unternehmer im Hause“. Er beschreibt ein zeitlich befristetes Jobangebot für angehende Selbständige. Die Idee kommt aus den USA, genauer gesagt aus dem Silicon Valley – jener Online-Schmiede bei San Francisco, wo Apple, Google, Facebook und viele andere Firmen groß geworden sind.

Dort gibt es besonders viele ehrgeizige Hochschulabgänger mit digitalen Geschäftsideen im Kopf, aber mit wenig Erfahrung im Berufsalltag. Als Sprungbrett in die Selbständigkeit nutzt dort so mancher dieser Youngster etablierte Unternehmen. Diese geben den künftigen Jungunternehmern die Chance, über einen Zeitraum von etwa einem Jahr in der Firma mitzuarbeiten und so viel Erfahrung zu sammeln, bis sie das Zeug für die eigene Firmengründung haben.

Bei uns fast noch exotisch

Seit einiger Zeit gibt es diese Chance auch in Deutschland. Zum Beispiel in Berlin: Manuel Hinz ist ein Pionier in diesem Bereich. Nach seinem BWL-Studium in Kiel und an der University of North Florida bewarb sich der 25-Jährige Mitte 2010 für das Entrepreneur-in-Residence-Programm (EIR) bei der Firma DailyDeal in der Hauptstadt. „Das war damals noch etwas ganz Exotisches. Das kannte in Deutschland niemand“, erinnert sich Hinz.

Er hatte in den USA davon Wind bekommen. Der Berliner möchte irgendwann ein eigenes Online-Portal gründen. Doch ganz ohne Erfahrung ins kalte Wasser springen, wollte er auch nicht. Auf einem Netzwerk-Treffen an seiner Uni erzählte ihm ein Freund von der Möglichkeit, die DailyDeal bietet, eine Couponing-Firma, die selbst erst etwas über zwei Jahre alt ist und seit September 2011 zur Google-Familie gehört.

Manuel Hinz bekam bei DailyDeal einen Arbeitsvertrag. In dem ist festgelegt, in welchen Abteilungen er Erfahrung sammeln wird und welche Aufstiegsmöglichkeiten sich ihm bei Erreichen vorab definierter Ziele bieten. Die Dauer seines Aufenthalts wurde zu­nächst auf ein Jahr festgelegt, mittlerweile weiß er aber, dass er noch länger bleiben wird. „Für mich hat dieser Job nur Vorteile: Ich erfahre hautnah alles über die Geschäftsführung eines Start-up-Unter­nehmens, lerne alle Abteilungen und deren Anforderungen kennen, schnup­pere in die Welt der VC-Gesellschaften und bekomme dafür sogar noch ein festes Monatsgehalt. An der Uni kann man das nicht lernen“, sagt Manuel Hinz, der bei DailyDeal inzwischen zum „Head of Strategic Business Development“ aufgestiegen ist.

Für beide Seiten ein Gewinn

Auch für die Gründer von DailyDeal, die Brüder Fabian und Ferry Heilemann, rechnet sich die Beschäftigung eines Entrepreneur in Residence. „Wir haben eine sehr offene, leistungsorientierte Unternehmenskultur und suchen gezielt Mitarbeiter, die Unternehmer im Unternehmen sind. Entrepreneurs in Residence erfüllen diese Anforderungen ideal“, nennt Fabian Heilemann einen Vorteil für seine Company. Um die Top-Manager von morgen zu locken, geht DailyDeal dabei alternative Wege.

„Wir sprechen aufgeschlossene Nachwuchskräfte be­reits vor ihrem Uni-Abschluss an. Im Kampf um die High Potentials muss man schnell sein“, so Heilemann. Inzwischen laufen bei den Online-Gutschein-Experten in Berlin acht EIRs durchs Haus. „Nicht genug“, meint Heilemann. „Wir wachsen schnell und sind deshalb immer auf der Suche nach unternehmerisch denkenden Mitarbeitern, nicht nur für unser EIR-Programm.“

Neben jungen Uni-Absolventen bekommen auch kreative Quereinsteiger bei uns eine Chance

Praxis-Know-how vom 1.Tag an

Auch in Norddeutschland können Hochschulabsolventen das Gründer-Einmaleins aus erster Hand erlernen. In Hamburg macht die Gründerschmiede Hanse Ventures unternehmerische Talente für die Internet-Branche fit. Dieser sogenannte Internet-Inkubator gründet selbst, sucht talentierte Köpfe dafür und unterstützt die Start-ups finanziell und mit Know-how. Die monetäre Hilfestellung kommt oft von VC-Gesellschaften. Hanse Ventures beschäftigt seit Mai 2010 Entrepreneure. „Damals sind wir mit vier Kandidaten gestartet, heute sind es sieben. Sie kommen aus ganz Deutschland und sogar aus Russland“, erzählt Sandra Hartwig, Sprecherin von Hanse Ventures.

Der Vorteil beim EIR-Programm hier: Als Basis durchlaufen die Kandidaten Stationen wie PR, Online-Marketing und HR-Management. Je nach Fokus können sie anschließend in die hauseigenen Start-ups „hineinschnuppern“. Die Start-ups befinden sich in Hamburg, Berlin und München. Etwa 30 Bewerbungen gehen für das EIR-Programm bei Hanse Ventures pro Monat ein. Die Nachfrage an dem vielversprechenden Förderprogramm wächst stetig. Zwar sei ein Hochschulstudium mit Wirtschaftsbezug wie BWL, VWL oder Management die beste Voraussetzung, einen „klassischen Bewerber“ gebe es jedoch nicht: „Neben jungen Absolventen interessieren sich auch Kandidaten mit vier- oder fünfjähriger Berufserfahrung für unser Programm. Kreative Quereinsteiger bekommen bei uns aber auch eine Chance.“

Das EIR-Programm bei Hanse Ventures ist komplex: Die angehenden Unternehmer werden in allen für eine Gründung relevanten Bereichen geschult, bekommen strategische, juristische und finanzielle Hilfe, können vom Netzwerk profitieren. Während des Programms wächst die Verantwortung, die ein EIR übernehmen muss. Schritt für Schritt bekommen sie eigene Projekte, wählen Mitarbeiter mit aus und lernen, wie man ein Team erfolgreich führt. Das war auch bei Benjamin Vahle so: Er startete bei Hanse Ventures und durfte nach wenigen Monaten schon sein Können unter Be­weis stellen: als Ge­schäftsführer des Start-ups CaptainTravel. „Unternehmer zu sein, bedeutet nicht nur Finanzierungsmodelle, Märkte und wirtschaftliche Basics zu kennen. Man muss auch organisieren und improvisieren können und eine gute Menschenkenntnis entwickeln“, erklärt der 26-Jährige.

Die Zeichen stehen gut

In den USA ist die EIR-Ausbildung längst anerkannt und zu einem eta-blierten Karrieresprungbrett geworden. Die Anzahl der Studiengänge rund um die Unternehmensgründung und -führung ist groß. Es dürfte daher wohl nur eine Frage der Zeit sein, bis sich der Entrepreneur in Residence auch in Deutschland durchgesetzt hat. Die Zeichen dafür stehen gut: Entrepreneurship-Studiengänge, unter an-derem in Hamburg, Berlin und München, bieten neben Bildungsangeboten verschiedener Fachhochschulen eine gute Grundlage, die Unternehmensgründung von der Pike auf zu lernen.

Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Ausgabe 03/2012

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