Early-stage Investments in Zeiten von Corona

Autor: Christian Weniger
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Die Corona-Krise hat massive Auswirkungen auf die Startup-Szene. Die Unsicherheit, die in allen Bereichen spürbar ist, sorgt zum Teil dafür, dass Investoren Entscheidungen vorsichtiger treffen. Das Geld sitzt an manchen Stellen nicht mehr so locker wie zuvor. Jetzt müssen sowohl Kapitalgeber als auch Gründer überlegen, wie sie vorgehen, um die Krise erfolgreich durchzustehen. Bestenfalls gemeinsam. Wie sieht die aktuelle Marktlage im Detail aus? Welche Maßnahmen sind für das Krisenmanagement geeignet und angemessen? Welche Haltung und Rolle nehmen Investoren ein?

Die Krise als Katalysator: Wachstum rückt in den Hintergrund

In den letzten Jahren lag der Fokus bei Start-ups und Investoren primär auf Wachstum. Dass dieser einseitige Fokus zu Problemen führt, wurde spätestens in den letzten eineinhalb Jahren deutlich. Das Paradebeispiel hierfür ist der Co-Working Platzhirsch WeWork, in den 20 Milliarden US-Dollar investiert wurden. Das Unternehmen musste seinen geplanten Börsengang absagen und wurde vom einstigen Investor Softbank komplett übernommen.

Die jetzige Krise scheint nun der Katalysator für eine Neuorientierung zu sein. Weg von bedingungslosem Wachstum und hin zu nachhaltigen Geschäftsmodellen. Insbesondere die Start-ups, die es Corporates ermöglichen, mit Hilfe von Technologie effizienter oder besser zu arbeiten, werden aus der Krise als Gewinner hervorgehen. Denn durch das Social Distancing hat die gesamte Wirtschaft aufgezeigt bekommen, wie es um den die eigenen Remote-Work-Fähigkeiten steht. Der Megatrend der Digitalisierung – und somit die Chance eines echten Enablements – wird dadurch nicht nur kurzfristig, sondern langfristig beschleunigt. 


Start-ups in den Bereichen Future of Work, Automatisierung oder Cyber Security werden als Gewinner aus der Krise hervorgehen. Eines dieser Unternehmen ist unser Portfoliounternehmen CoachHub. Das Team bietet eine digitale Coaching Plattform für High-Potentials und Führungskräfte an. Der Bedarf an digitalen Leadership-Lösungen wird zunehmend relevant, da Führungskräfte verstärkt digitale Teams führen müssen. Auch Everphone, ein Start-up, das auf Smartphones und Smartscreens wichtige digitale Tools für die Remote-Arbeit installiert, profitiert. Aktuell bietet Everphone ein Hardware-Miet-Paket für Geschäftskunden an, um digitalen Nachzüglern den Start ins Home-Office zu vereinfachen.

Was muss ein guter Investor jetzt liefern?

Als Investor ist es momentan das Wichtigste, den Gründern das Vertrauen auszusprechen und keine Hektik zu verbreiten. Denn sowohl die Gründer, als auch alle anderen Marktteilnehmer sind in derselben Situation. Wichtig, es ist keine selbst verursachte Krise. Mitarbeiter schauen mehr denn je auf ihre Führungskräfte und erwarten Orientierungshilfen und Handlungsempfehlungen. Gründer müssen Leadership täglich vorleben – genau dabei unterstützen wir Investoren sie. Weil dies digital nicht immer so einfach gelingt, wie im normalen Büroalltag, ist ein regelmäßiger Austausch wichtig, um gemeinsame Lösungsansätze zu finden, einen kühlen Kopf zu bewahren und Ressourcen sinnvoll einzusetzen.

Dazu segmentieren gute Investoren das eigene Portfolio und priorisieren krisenbedingt die Zusammenarbeit mit den Start-ups. Ein sinnvoller Ansatz ist, drei Priorisierungsstufen zu setzen.

  • Start-ups, die laut Vorkrisenplanung weniger als zwölf Monate Runway haben, benötigen zum Beispiel schon in diesem Jahr neues Kapital oder müssen ihre aktuelle Burn-Rate stark reduzieren und liegen damit auf der Prioritätenliste auf Platz eins.
  • An zweiter Stelle stehen solche Start-ups, die über zwölf bis 18 Monaten Runway verfügen und  nach unseren Erwartungen langsamer wachsen werden und folglich die Burn-Rate reduzieren müssen.
  • Start-ups, die hingegen eine Runway von 24 Monaten oder länger haben, sind vielleicht sogar schon profitabel und verfügen über gesunde Unit-Economics. Solche Start-ups brauchen derzeit am wenigsten Unterstützung.



Hinsichtlich des Marktumfelds sammeln wir – beispielsweise im regelmäßigen Dialog mit anderen Investoren oder Branchenexperten – viele Datenpunkte, die wir den Gründern zurückspielen. So können wir effektive Lösungen anderer Unternehmen schneller und passgenauer auf Unternehmen im eigenen Portfolio übertragen. Letztendlich ist es aber die Aufgabe jedes einzelnen Start-ups und dessen Gründerteam, die passenden Schlüsse aus den Informationen zu ziehen, die wir an sie weitergeben.

Wichtig ist, die richtigen Fragen zu stellen. Die Investoren Due Diligence

Für Gründer ist es sehr wichtig zu verstehen, dass die Krise auch an Investoren nicht spurlos vorbeigeht. Vor einer Zusammenarbeit mit einem Investor sollten einige Fragen gestellt werden – unter anderem:

  • Hat der Investor seine Investmentstrategie aufgrund von Corona geändert?
  • Wie viel Kapital kann ein VC noch aus seinem aktuellen Fonds für neue Investments abrufen?
  • Wie viele Portfoliounternehmen gibt es schon in dem aktuellen Fonds?
  • Wie betreuungsintensiv sind diese in der jetzigen Krisensituation?

Diese Fragen helfen zu evaluieren, ob man nach einem Investment überhaupt genug Aufmerksamkeit bekäme. Zum anderen sollte man verstehen, ob der Investor genug Kapital für eine Folgeinvestition in das eigene Unternehmen hätte. Ist der Investor gerade aktiv im Fundraising oder hat er gerade einen Fonds geschlossen? Zudem ist es hilfreich, direktes Feedback von Gründern aus dem Portfolio des Investors zu bekommen.

Wie es weitergeht? Natürlich ist es für eine abschließende Analyse der Auswirkungen von COVID-19 noch viel zu früh. Aber es gibt positive Signale im Kapitalmarkt: Nach einer Private-Equity Blitzumfrage, werden mindestens die Hälfte der in der DACH-Region tätigen Investoren weiterhin kräftig investieren. Darunter auch signals Venture Capital. Wir sind der Meinung, dass wir uns erst am Beginn dieses Technologiezyklus befinden und dass Gründer von Technologiefirmen mit langfristigen Lösungsansätzen und Geschäftsmodellen sehr positive Zukunftsaussichten haben.

Der Autor Christian Weniger ist Managing Partner bei signals Venture Capital. Der Fonds, unter gemeinsamer Leitung mit Marcus Polke, ist ein unabhängiges Venture Capital Unternehmen. Signals VC investiert aktuell einen Fonds von 100 Mi0. Euro in disruptive Geschäftsmodelle in den Bereichen Gesundheit, Mobilität und Finanzen und auch in B2B-Geschäftsmodelle in ganz Europa und Israel. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf den Technologien Data & Analytics, künstliche Intelligenz und dem Internet der Dinge (IoT).

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