Start-up-Ökosystem: mehr Power!

Ein Plädoyer

Autor: Christopher Schmitz
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Was sich hierzulande ändern sollte, um das Start-up-Ökosystem in Deutschland noch attraktiver und besser zu machen, bringt Start-up-Experte und Kurator der EY Start-up Academy Christopher Schmitz für StartingUp auf den Punkt.

Deutschland verfügt über ein enormes Potenzial innovativer Start-ups, insbesondere in den Bereichen Tech und FinTech. Im internationalen Vergleich zeigt sich jedoch: Die Rahmenbedingungen sind für Gründer in Deutschland nur bedingt attraktiv. Insbesondere bei den Themen Bürokratie, bei Steuern und Finanzierungsmöglichkeiten liegen wir zurück.

Ideen gibt es in Deutschland. Ebenso hochqualifizierte Talente, gute Universitäten und eine beeindruckende Zahl neuer Patente. Der Markt und das wirtschaftliche Umfeld in Deutschland sind potent. Gute Voraussetzungen also für eine prosperierende Start-up-Szene. Leider steht dem jedoch einschränkend gegenüber: Eine echte Gründerkultur, politisch gefördert und von privaten und öffentlichen Einrichtungen vernetzt unterstützt, hat sich in Deutschland bisher nicht etabliert. Welche Anstrengungen sind also erforderlich, um jungen Menschen den Schritt in die Selbständigkeit reizvoller zu machen?

Unternehmertum fördern

Die Ergebnisse einer aktuellen Studie der Deutschen Börse und EY legen nahe, dass Start-up-Zentren in den USA (Kalifornien), in Israel und Großbritannien im globalen Standortwettbewerb besser bei Gründern punkten als Deutschland. Woran liegt dies? Zwar verfügt Deutschland über eine hervorragende Verkehrs- und Infrastruktur sowie gut ausgebildete und mobile Arbeitskräfte. Ebenso sind die Büromieten in den deutschen Metropolen (insbesondere im Vergleich zum Silicon Valley und zu London) erschwinglich.

Allerdings gibt es mindestens drei Bereiche, an denen wir in Deutschland konkret arbeiten müssen, um die Chancen für die weitere Entwicklung des hiesigen Start-up-Ökosystems zu verbessern:

1. Mehr Gründergeist, weniger Bürokratie
Der aktuelle Doing Business-Report der Weltbank bestätigt die Ergebnisse unserer Studie: Die Gründung eines Unternehmens ist in Deutschland relativ schwer und dauert, verglichen mit anderen OECD-Staaten, lang. Für die Gründung einer GmbH rangiert Deutschland im OECD-Vergleich nur auf Platz 114. Zudem sind die allgemeinen Gründungskosten in Deutschland, dies zeigen die Berechnungen unserer eigenen Studie, im Vergleich mit Kalifornien, London oder Tel Aviv am höchsten. Hier gibt es also dringenden Handlungsbedarf, etwa durch die Schaffung eines „One-Stop-Shops“, also einer zentralen Anlaufstelle für alle Belange rund um das Thema Unternehmensgründung.

Hemmend auf die Entfaltung des Gründergeists wirken sich in Deutschland ebenfalls hohe regulatorische Anforderungen und Kosten für Zulassungen sowie das inflexible Arbeitsrecht aus. Voraussetzung für einen landesweiten Gründergeist ist eine gesellschaftlich und politisch akzeptierte „Kultur des Scheiterns“. Bei diesem Thema ist uns die Start-up-Szene in Nordamerika um Jahre voraus. Dass man für innovative Ideen manchmal mehrere Anläufe benötigt, wird in den USA als völlig normal und als Teil einer Arbeitsethik betrachtet.

2. Unternehmerfreundliches Steuersystem

Wenn Deutschland für die kommende Generation von Gründern als Start-up-Zentrum eine Rolle spielen will, dann muss das Steuersystem sowohl auf der Ebene der Unternehmen, als auch auf der Ebene der Investoren überprüft werden. Andere Standorte, etwa Israel, belohnen die Risikobereitschaft von Geldgebern, indem das Steuersystem Abschreibungsmöglichkeiten von Verlusten an Start-up-Beteiligungen vorsieht. In den USA gibt es umgekehrt die Möglichkeit, Veräußerungsgewinne steuerbegünstigt zu vereinnahmen. Anreize für Gründer könnten mittels Steuergutschriften für Innovationen und einer steuerlichen Förderung von Forschungs- und Entwicklungsprojekten (F&E) gesetzt werden – ein gemeinsamer Fraktionsantrag von Union und SPD wurde leider unlängst gestrichen. Einige aus anderen Ländern bekannte steuerlichen Maßnahmen wie Steuervergünstigungen für Einnahmen aus Patenten könnten auch hierzulande umgesetzt werden, wenn sie mit dem EU-Recht vereinbar sind.

3. Bessere Verfügbarkeit von Wagniskapital

In Deutschland konnten im Jahr 2016 Investitionen bei 366 Projekten in unternehmerischen Frühphasen (Early Stage) mit einem Volumen von 967 Millionen US-Dollar erzielt werden. Klar, dass Deutschland gegenüber der wesentlich reiferen Kapitalszene des US-Markts hinten liegt (2.074 Deals mit einem Volumen von 13,2 Milliarden US-Dollar). Aber auch im Vereinigten Königreich wurde immerhin doppelt so viel Kapital wie hierzulande eingesammelt (669 Deals mit einem Volumen von zwei Milliarden US-Dollar). Wünschenswert wäre, wenn wir in Deutschland sowohl vonseiten privater Investoren und beispielsweise Family Offices, als auch vonseiten institutioneller Anleger mehr Appetit und Risikobereitschaft für Investitionen in Start-ups sehen würden. Auch die Zahl aktiver Inkubatoren entwickelt sich in Deutschland noch zurückhaltend dynamisch und stagniert derzeit bei etwa 350.

Gute Beispiele für staatlich geförderte Inkubatoren und erweiterte Finanzierungsmöglichkeiten liefert Großbritannien. Hier wurden bereits vor einigen Jahren spezialisierte Fonds, etwa der Angel CoFund und der VC Catalyst Fund, aus der Taufe gehoben, die Investitionen von Business Angels oder Wagniskapitalgebern in Start-ups fördern. Deutschland zieht erst jetzt nach: Die Kreditanstalt für Wiederaufbau hat gerade angekündigt, im Jahr 2018 eine Tochtergesellschaft zu gründen, die über 10 Jahre hinweg zwei Milliarden Euro in VC Funds investieren soll.

Vernetzte Initiativen erforderlich

Begrüßenswert sind in Deutschland all diejenigen Initiativen, die auf eine bessere Vernetzung der Unterstützungsangebote für Start-ups aus Privatwirtschaft, der öffentlichen Hand und von Bildungseinrichtungen abzielen. Die Deutsche Börse, das TechQuartier Frankfurt und EY haben nun ihrerseits die EY Start-up Academy ins Leben gerufen. Übergeordnetes Ziel ist es, das Gründerklima in Deutschland zu fördern. Dafür schaffen wir eine Plattform, auf der sich Investoren sowie Vertreter von Banken, Unternehmen und Experten für Tech- und FinTech-Firmen verlinken. Jungunternehmer erfahren hier wesentliche Details zu den Themen Business Planung und Unternehmensführung, Finanzierung und Förderung, Gesellschafts- und Steuerrecht sowie Regulatorik und IT. Das TechQuartier stellt den teilnehmenden Start-ups Arbeitsplätze zur Verfügung, um einen intensiven Wissenstransfer zu gewährleisten. Die Deutsche Börse bringt ihre Kompetenz aus dem Deutsche Börse Venture Network mit ein.

Im internationalen Standortwettbewerb differenziert sich Deutschland, zumal kein Niedriglohnland, vornehmlich über wissensintensive Produkte und Dienstleistungen mit hoher Wertschöpfung, die das Land hervorbringt. Zukunftstechnologien und die digitale Reife der Marktteilnehmer spielen daher eine zunehmend wichtige Rolle. Benötigt werden kreative Unternehmer, die diesen technischen Fortschritt tragen. Innovativen Tech- und FinTech-Neugründungen kommt künftig eine hohe gesamtwirtschaftliche Bedeutung zu.

Wir sind gut beraten, gezielte Impulse von staatlicher und privater Seite zu setzen, um Start-ups in der Gründungsphase noch besser zu unterstützen und das Start-up-Ökosystem“in Deutschland noch attraktiver zu machen.

Der Autor Christopher Schmitz ist Partner bei der Beratungsgesellschaft EY und Leiter der deutschen FinTech-Practice.
Er ist ebenfalls Kurator der "EY Start-up-Academy“: Gesucht werden Deutschlands beste Start-ups. Bewerbungen können bis zum 4. August eingereicht werden auf
www.Start-up-initiative.ey.com/academy

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