Mehr Start-ups für die Kreislaufwirschaft!

Autor: Miriam Kehl
44 likes

Seit 2013 fördert Green Alley und der eigens initiierte Green Alley Award Start-ups und junge Gründer aus ganz Europa, die sich dem Thema Kreislaufwirtschaft unternehmerisch verschrieben haben. Die 2017er Runde des Awards ist eröffnet.

Gruppenfoto der aktuellen Preisträger und der Initiatoren des Green Alley Awards 2016

Die Ressourcen unseres Planeten sind endlich, wir haben nur eine Erde – all das ist nichts Neues, wir sind uns dessen bewusst. Oder? Folgende Zahlen sprechen zumindest für sich: weltweit werden noch immer 60 Milliarden Tonnen nicht-erneuerbare Rohstoffe verbraucht. Viele von uns konsumieren immer noch, ohne an die Folgen zu denken.

Wir kaufen zu viel und zahlreiche Dinge, die wir selten benutzen. Spätestens diejenigen von uns, die das Buch „Magic Cleaning“ von Marie Kondo gelesen haben, wissen, wovon ich rede. Und auch geben wir Produkte – Hand aufs Herz – nicht immer in den richtigen Recyclingkreislauf. Regeln, Einschränkungen und Verbote helfen dagegen aber nur bedingt. Doch hinsichtlich der endlichen Ressourcen müssten wir eigentlich wissen und verstanden haben, dass das Konzept von „Herstellen, Nutzen, Wegwerfen“ obsolet ist und wir die Wirtschaft in Kreisläufen denken müssen. 

Manch einer hat das Gefühl, etwas tun zu müssen, aber der individuelle Verzicht fühlt sich häufig auch nur an wie ein Tropfen auf dem heißen Stein. Doch es ist der erste Schritt: Das Bewusstsein für eine ganzheitliche Art des Wirtschaftens wächst zusehends. Car-Sharing-Modelle, Öko-Design, die Zero-Waste-Bewegung oder Initiativen gegen Lebensmittelverschwendung sind die besten Beispiele.

Die größten Herausforderungen

Um diese spannenden Ansätze weiterzudenken und im großen Stil etwas zu bewirken, fehlt es aber in letzter Konsequenz noch häufig an Geschäftsmodellen, wie Produkte und Prozesse so gestaltet werden können, um Kreisläufe zu schließen. Ziel ist, dass es „Abfall“ im üblichen Sinne nicht mehr gibt. Oder wie Tom Szaky, CEO von TerraCycle, sagt: „Outsmart waste“. Mit diesem Konzept werden Rohstoffe effizienter und immer wieder eingesetzt. Aber wie kommen wir dahin? Wie lässt sich also Materialienverbrauch reduzieren? Wo lassen sich endliche Rohstoffe zunehmend durch nachwachsende ersetzen? Wie lässt sich die Nutzungsdauer von Dingen erhöhen? Wo überall können wir Materialien wiederverwerten?

Seit 2013 fördert Green Alley und unser initiierter Green Alley Award Start-ups und junge Gründer aus ganz Europa, die sich genau mit solchen Fragen beschäftigen und die mit ihren Geschäftsmodellen Lösungen bieten wollen. Im letzten Jahr erhielten wir knapp 200 Bewerbungen aus mehr als 50 Ländern. Die hohe Resonanz zeigt, dass das Thema bei Gründern längst angekommen ist. Nicht zuletzt dadurch, dass sie häufig aus der Konsumentenbrille heraus ihre Geschäftsmodelle starten. Und so kommen unsere Finalisten aus ganz unterschiedlichen Bereichen, denn Kreislaufwirtschaft ist viel mehr als nur Recycling. Es geht um eine bewusstere Art zu wirtschaften und zu leben.

Green-Alley-Gewinner zeigen, wie’s geht

Green City Solutions

Die Gründer von Green City Solutions, Gewinner des Green Alley Awards 2016, haben eine freistehende Wand entwickelt, die auf beiden Seiten mit Moosen bewachsen ist. Diese Wand schluckt Feinstaub und CO2. Die Wand mit dem Namen „City Tree“ absorbiert 240 Tonnen CO2-Äquivalente – um dies mit Bäumen erreichen zu können, müssten knapp 300 normale Bäume gepflanzt werden. Doch aufgrund unseres urbanen Lebensstils wird der Raum für grüne Flächen immer geringer. Und der Clou: Firmen und Städte können die City Trees als Werbefläche für ihre Marketing-Zwecke nutzen. Ein gelungener Schachzug.

Adaptavate

Ein weiteres Beispiel liefert der Gewinner von 2015, das britische Start-up Adaptavate. Der Gründer Tom Robinson konnte es nicht fassen, wie umweltschädlich Gipsplatten sind und dennoch weiterhin und bedenkenlos eingesetzt werden. Zur Trennung von Räumen sind sie bislang unerlässlich, doch beim Bau der Wände fallen Tonnen von Verschnitt an – allein in Deutschland etwa eine halbe Million pro Jahr. Zudem ist die Entsorgung kritisch: der Baustoff enthält Gifte wie Sulfate und daher gehören die Plattenreste in den Sondermüll. Und so gründete Tom im Jahr 2015 das Start-up Adpatavate und entwickelte „Breathaboard", eine 100 Prozent recycelbare Wandverkleidung, die zu größten Teilen aus Abfällen der Landwirtschaft hergestellt ist. Mit seiner gesunden Alternative zu Gipsplatten will Tom die Baubranche revolutionieren.

RePack

Das finnische Start-up RePack nimmt sich das Problem des steigenden Verpackungsmülls im Versandhandel vor. Pro Kopf und Jahr fallen im Durchschnitt mehr als 200 Kilogramm an, Tendenz steigend. Jonne Hellgren und das Team von RePack haben deshalb eine Versandtasche entwickelt, die bis zu 20 Mal wiederverwendet werden kann. Der Käufer zahlt beim Online-Shopping eine Art Pfand für die wiederverwendbare Versandtasche RePack. Sobald er seine Ware erhalten hat, wirft er RePack in den nächsten Briefkasten ein und erhält einen Gutschein für den nächsten Einkauf. Das finnische Start-up konnte bereits die ersten Modelabels für sich gewinnen – und ihre Ware wird bereits in der wiederverwendbaren Tasche verschickt.

Green City Solutions, Adaptavate, RePack sowie viele andere Start-ups ermöglichen uns mit ihren Ideen, eine Circular Economy praktisch umzusetzen und damit zumindest den Versuch zu starten, innerhalb der Grenzen unseres Wachstums erfüllt zu leben. Doch die Gründer können den Wandel nicht allein herbeiführen. Sie brauchen Hilfe.

Green Alley Award 2017

Der Green Alley fördert mit einem eigenen Award junge Gründer und Start-ups, die mit ihren Ideen zu einer Circular Economy beitragen. Die Bewerbungsfrist für den Green Alley Award hat am 25. April 2017 begonnen. Mehr Informationen unter www.green-alley-award.com


Warum noch zögern?

Dass vor allem etablierte Unternehmen sehr zögerlich handeln, Innovationen anzunehmen, habe ich von Seiten der Start-ups oft gehört. So erfährt die Idee von RePack viel positives Feedback. Doch scheuen die potentiellen Kunden häufig die Umstellung, bzw. wollen nicht die „ersten“ Nutzer sein. Hat das Thema Nachhaltigkeit dann doch keine hohe Priorität? Klingt es nur gut, von sich selbst zu sagen, dass man „grün“ ist, ohne jedoch auch Risiken einzugehen?  Meines Erachtens besteht die Gefahr, dass der gewollte Abschied von einer linearen Wirtschaftsweise ein reines Lippenbekenntnis ist und bleibt.

Auf der Suche nach Lösungen gänzlich auf die Politik zu setzen, ist zu kurz gedacht. Sie kann zwar verbindliche Umweltstandards festlegen und Firmen mehr und mehr in die Verantwortung nehmen, wenn diese durch ihr Wirken der Umwelt schaden. Doch viel mehr müssen die Unternehmen selbst erkennen, dass das Prinzip des linearen Wirtschaftens an ein Ende gekommen ist. Mehr noch: Es macht keinen Sinn mehr. Es ist überholt, weil es unsere Umwelt zerstört. Dabei liegen die wirtschaftlichen Chancen einer Circular Economy doch so klar auf der Hand: Wer Ressourcen spart, hat Vorteile. Aber natürlich werden die Unternehmen in einem ersten Schritt auch investieren müssen. Es braucht andere Produktionsprozesse, eine andere Kundenansprache, mehr Transparenz. Etablierte Unternehmen müssen nachdenken, sich bewegen, innovativ sein. Und vor allem müssen sie sich mit neuen Geschäftsmodellen auseinandersetzen, die zunehmend auf den Markt kommen.

Der Konsument entscheidet

Bevor wir uns nun entspannt zurücklehnen, muss noch gesagt sein: Den größten Einfluss haben wir. Wir, die Verbraucher. Also diejenigen, die entscheiden, was in unseren Einkaufswagen, auf unseren Tisch, in unseren Schrank kommt. Letztlich ist es unsere Aufgabe, bewusst Entscheidungen für oder gegen etwas zu treffen. Und dabei zählt jeder Einzelne! Also liegt es auch an uns, nur noch kurz die Welt zu retten …

Die Autorin Miriam Kehl ist Associate Director bei Green Alley, dem Gründerförderer für Start-ups aus der Kreislaufwirtschaft.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren: