Gründer der Woche: Wingly – die Luftfahrt-Demokratisierer

Gründer der Woche 26/16


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Wingly ist die neue Mitflugzentrale, über die Privatpiloten Flüge anbieten und Flugbegeisterte in Kleinflugzeugen mit abheben können. Über das Konzept, das Potenzial der Idee und die Vision des ambitionierten Gründer-Trios sprechen wir mit Co-Gründer Lars Klein.

Das dt.-frz. Gründerteam von Wingly: Emeric de Waziers, Lars Klein und Bertrand Joab-Cornu


Wie viele Flüge haben Sie zurzeit durchschnittlich gelistet und was sind – von der Destination her gesehen – die Highlights?

Bereits heute haben wir über 300 Flüge zur Auswahl. In den vergangen Monaten wurden über 2.500 Flüge angeboten, von denen mehr als jeder 3. Flug gebucht wurde! Schöner kann es zu Beginn gar nicht sein. Traumrouten wie Berlin–Sylt, München–Zell am See, Stuttgart–Cannes sind hoch gefragt und auch immer direkt ausgebucht. Unser Fokus ist aber, das muss man dazu sagen, auf Freizeit gelegt. Anders als bei der Linie kann der Flug bei Wingly auch mal wegen schlechtem Wetter abgesagt werden. Darüber informieren wir aber vorab ausführlich. Die Nutzer wissen das und nehmen es ganz klar als Freizeitbeschäftigung auf.

Wie funktioniert Ihre Mitflugzentrale?

Im Endeffekt wie eine Mitfahrzentrale. Der Pilot stellt seinen Flug, sei es Strecken- oder Rundflug, mit der Abflugzeit und den Kosten ein. Als Nutzer sieht man direkt die ganze Liste an Flügen und kann sich einfach einbuchen. Klick auf den Flug, Personenzahl angeben, bezahlen und auf die Akzeptanz des Piloten warten.

Was muss ein Pilot nachweisen, der sich auf Wingly registrieren will?
Da unsere Gemeinschaft auf Vertrauen basiert, muss man sich als Pilot mit seiner gültigen Lizenz und dem medizinischen Flugtauglichkeitszeugnis verifizieren. Zudem müssen die Flugstunden eingetragen werden. Dazu muss man noch sagen, dass die meisten Piloten sich das Flugzeug lediglich mieten und nicht besitzen. In diesem Falle wird vom Vermieter und dem Fliegerclub ein Einweisungsflug verlangt, bei dem die Flugtauglichkeit geprüft wird. Jeder Besitzer möchte sein Flugzeug in guten Händen wiegen und bis jetzt gab es da keine Probleme.

Der Nutzen für den Piloten liegt auf der Hand. Er senkt seine Kosten und kann seine jährlich nachzuweisenden Pflichtflugstunden so einfacher bestreiten. Verdient der Pilot auch darüber hinaus an der Sitzplatzvergabe?
Nein. Der Pilot zahlt sogar oben drauf. Das Gesetz definiert ganz klar, dass die Kosten, dazu zahlen Miete, Treibstoff und Landegebühren, gleichermaßen zwischen allen Insassen geteilt werden müssen. Dazu zählt auch der Pilot. Ergo zahlt jeder bei einem Flug in einem 4-Sitzer, der 200 Euro kostet, 50 Euro.

Das Mitfliegen ist, wie Sie bereit angedeutet haben, in erster Linie als Freizeitvergnügen gedacht?
Freizeit ist unser Hauptfokus. Natürlich kann man, wenn man den Flug kurzfristig bucht, sodass Wettervorhersagen zutreffen, auch eine Geschäftsreise antreten. Aber das ist in der Regel nicht der Fall. Fast jeder möchte einfach nur der Leidenschaft des Fliegens nachgehen und unseren wunderschönen Planeten aus einem anderen Blickwinkel betrachten: von oben.

Was muss ich als Mitflieger beachten, wenn ich einen Flug buche?

Als Nutzer muss man bei der Buchung die Anzahl der Personen sowie die jeweiligen Gewichte von Mensch und Gepäck angeben. Das dient zur Berechnung des Schwerpunktes vom Flugzeug, aber auch zur Treibstoff-Abschätzung. Oft fliegt der Pilot, der Sicherheit wegen, sowieso vollgetankt und nimmt stattdessen nur zwei statt drei Leute mit. Dass der Flug wegen schlechten Wetters oder aus persönlichen Gründen abgesagt werden kann, kommunizieren wir natürlich ebenfalls im Vorfeld. In so einem Fall bekommt man sein Geld aber automatisch zu 100 Prozent zurück. Von dem her nehmen die Wingly-Nutzer das alle sehr entspannt auf – so wie es bei einer Freizeitaktivität sein sollte.


Und wie verdienen Sie an dem Konzept?
Aktuell gar nicht. Der Plan ist, in den nächsten Wochen eine kleine Service-Gebühr einzuführen. Diese wird im Branchendurchschnitt liegen und somit keine signifikanten Preissteigerungen hervorrufen.

Sie sind hierzulande nicht der einzige Anbieter im Mitflieger-Segment. Neben der quasi „nonprofit“ Mitflugzentrale gibt es das knapp ein Jahr alte kommerzielle Portal Flyt.club. Gibt der Markt überhaupt so viel her und wie unterscheiden Sie sich von den Wettbewerbern?
Wir bringen eine ganze Aktivität von der "Offline"-Welt ins digitale. Sämtliche Prozesse laufen automatisiert: die Bezahlung, sei es per Karte, PayPal oder Lastschrift funktioniert kinderleicht und der Pilot erhält am Tag darauf schon die Überweisung. Zudem ist uns Transparenz sehr wichtig. Viele wissen gar nicht, worum es sich bei der leichten Luftfahrt handelt. Wir zeigen, welche Sicherheitsaspekte es gibt, wie der Flug abläuft und geben Tipps und Tricks für ein schönes Flugerlebnis. Der Pilot freut sich über einen wesentlich besser informierten Gast und der Gast versteht es, falls der Flug wegen starkem Wind abgesagt werden muss.

Seit Januar sind Sie in Deutschland mit Wingly aktiv; das Konzept ist von Ihnen bereits in Frankreich erprobt. Gibt es Unterschiede in den beiden Märkten bzw. beim Markteintritt?
Der Start in Deutschland ist genau so hervorragend wie in Frankreich. Das Thema ist in aller Munde und die Leute nehmen das ganze nicht nur als Trend, sondern als neue, bereits offline etablierte Aktivität auf. Leider hatten wir in Frankreich durch die hohe Beliebtheit aber auch schnell Kritiker auf den Plan gerufen. Man bezeichnete uns als kommerziell, obwohl die Piloten selber noch einen Anteil zahlen. Das ganze hat sich glücklicherweise durch eine rechtliche Bestätigung durch die europäische Instanz gelegt und ist auf dem Weg der Besserung. Wir sind zuversichtlich, dass Europa bald mit Wingly seine Freizeit verbringt.

Wie machen Sie auf sich und Wingly aufmerksam? Welche Marketingkanäle nutzen Sie?
Soziale Medien eignen sich hervorragend, um eine junge Plattform wie unsere zu verbreiten. Wir tauschen uns gerne mit unseren Nutzern aus, denn die Gemeinschaft ist unsere Basis. Glücklicherweise sprechen auch viele Medien über uns, das Fernsehen, die Tagespresse, große digitale Medien. Das freut uns natürlich und kommt der Luftfahrt zu Gute.

Vor kurzem haben Sie den erstmals ausgelobten Innovationspreis der Deutschen Luftfahrt – Kategorie Start-up – gewonnen. Was bedeutet Ihnen dieser Sieg?

Wir haben uns sehr über diesen Sieg gefreut. Er zeigt, dass wir mit dem was wir tun auf dem richtigen Weg sind. Große, deutsche Verbände und Unternehmen stehen hinter diesem Preis. Das macht uns deutlich, dass wir in Deutschland auf einem guten Wege in der Digitalisierung sind - insbesondere auch in der Sharing Economy.

Was planen Sie über die „kleine Service-Gebühr“ hinaus unternehmerisch mit Ihrem Sharing-Economy-Modell Wingly?

Die private Luftfahrt bietet unzählige Möglichkeiten, an denen wir permanent am experimentieren sind. Unser Augenmerk liegt aber ganz klar auf der Mitflugzentrale als solches. Deswegen möchte ich heute erst einmal diesbezüglich keine konkrete Richtung vorgeben.

Und last but not least: Was raten Sie anderen Gründern aus eigener Erfahrung?
Sehr klischeemäßig, aber wahr: Hinfallen und Fehler machen ist nicht schlimm, solange man daraus lernt und es besser macht.

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Das Interview führte Hans Luthardt

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