Enio – Lade-Infrastruktur für mehr E-Mobilität

Gründer der Woche, KW 11/16


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E-Mobilität als alternatives Antriebskonzept für die Zukunft ist auf eine gut ausgebaute, zuverlässige und einfach nutzbare Lade-Infrastruktur angewiesen. Das Wiener Start-up Enio betreibt ein europaweites Netzwerk von mittlerweile über 2500 Ladepunkten für Elektrofahrzeuge und bietet dabei einen umfassenden Service. Wir sprachen mit Friedrich Vogel, einem der beiden geschäftsführenden Gesellschafter von Enio.

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Friedrich Vogel (links) und Franz Schodl. Foto: Enio


Hallo Herr Vogel! Bitte sagen Sie uns zunächst etwas zu Ihnen beiden, den Gründern von Enio: Wer sind Sie, welchen beruflichen Hintergrund haben Sie? Und wie kam es zur Gründung von Enio?

Ich komme ursprünglich aus dem Bereich Regeltechnik und habe nach einem BWL-Studium lange Jahre in Vertrieb und Marketing gearbeitet. In den letzten Jahren war ich Vorstand mittelständischer Unternehmen. Der Bereich der Erneuerbaren Energien hat mich schon immer fasziniert; mich beschäftigt die Frage, wie die Menschheit ihren gesamten Energiebedarf aus nachhaltigen Quellen decken kann. 2009 habe ich mich entschieden, ganz in den Bereich E-Mobilität zu wechseln. 2011 erhielten wir mit unserem damaligen Projekt den österreichischen Staatspreis Mobilität. 2013 habe ich gemeinsam mit Franz "Enio" gegründet. Mein Geschäftspartner Franz Schodl hat im Bereich Energie- und Elektrotechnik promoviert und ein sehr erfolgreiches IT-Unternehmen für Kommunikationstechnologie gegründet und mittlerweile verkauft. Mit der Verrechnung von Energiesystemen sowie der E-Mobilitäts-Infrastruktur beschäftigt er sich bereits seit 2008. Wir führen das Unternehmen gemeinsam und haben dreizehn Mitarbeiter. 2015 erzielten wir eine Million Euro Umsatz; dieser wird mit dem Aufbau, Steuerung und Verrechnung vernetzter Ladestellen erzeugt.


Enio bietet ein ausgeklügeltes Netzwerk von Ladestellen für Elektrofahrzeuge. Was umfasst Ihr Angebot alles?

Wir bieten unser System als Software as a Service für Kunden an, die E-Ladestellen betreiben wollen. Damit kann eine Elektroladestelle aus der Ferne komplett digital gesteuert und abgerechnet werden. Der Endkunde findet die Ladestelle in einer online verfügbaren interaktiven Landkarte, sieht, ob sie frei ist, welche Leistung sie hat, und kann sie auch sofort zur Ladung reservieren. Besonders wichtig ist der barrierefreie Zugang. Die Anmeldung an der Ladestelle kann auf viele Arten erfolgen, über SMS, eine elektronische RFID Karte oder ein App. Eine Besonderheit unseres Systems ist, dass der Kunde keine Anmeldung bei einem Ladestellenprovider mehr benötigt, sondern direkt an der Ladestelle mit dem Smartphone, mit der Kreditkarte oder der Bankkarte mit Securecode ad hoc und anonym zahlen kann. Als angemeldeter Kunde hat er noch viele weitere Vorteile, wie zum Beispiel den Zugriff zu einer Ladehistorie über Jahre hinweg, mit genauen Ladedaten und dem Ladeverlauf im Minutentakt, und günstigere Tarife.


Von wem werden die Ladestellen betrieben?

Wir betreiben die Ladestelle im Auftrag unserer Kunden. Dies sind große Unternehmen, aber auch kommunale Stellen. Je nach Servicepaket kann der Kunde die gesamte Administration selbst übernehmen oder er lagert das an ENIO aus – wir übernehmen den gesamten Service bis hin zur Rechnungsstellung an den Kunden.


Wie sieht Ihr Netzwerk an Ladestationen – räumlich gesehen – bisher aus, und wie soll es einmal aussehen?

Wir betreiben heute Ladestellen für Kunden von Slowenien bis Schweden. Die höchste Dichte haben wir derzeit in Dänemark gefolgt von Österreich und Deutschland. Unser Ziel ist es, gemeinsam mit unseren Partnern ein sehr breites Netzwerk an Ladestellen bereitzustellen, bei dem jedes Fahrzeug, das gerade nicht fährt, auch an eine Ladestelle angeschlossen ist, auch wenn gerade keine Ladung erfolgt. Das ermöglicht eine gleichmäßige Auslastung des Stromnetzes mit lokalem Lastmanagement. Energiemanagement ist also eines unser stärksten Alleinstellungsmerkmale von Enio.


Ein Highlight bei Ihren Ladestellen ist die Ergänzung des obligatorischen Lastmanagements um ein zusätzliches Energiemanagement. Können Sie das kurz ausführen?

Beim Lastmanagement wird allgemein darauf geachtet, dass lokal oder regional keine Leitungen überlastet und die Anschlusskapazitäten von Transformatoren nicht überschritten werden. Die Leistung an der einzelnen Ladestelle wird durch einfache lokale Elektronik ganz einfach reduziert – also gleich verteilt. Dies heißt, jedes Elektroauto bekommt, wenn viele Nutzer laden, gleich viel oder besser gleich wenig Energie. Dies klingt auf den ersten Blick gerecht, berücksichtigt aber nicht individuelle Bedürfnisse. Energiemanagement in unserem Sinn geht viele sinnvolle Schritte weiter: Bei Enio werden die Ladestellen als sogenannte Machine-to-machine-Knoten („M2M") in einem sichern IT-Netzwerk vernetzt. Bei großen Stückzahlen ist dies nur wenig teurer als bei unvernetzten Systemen. Vernetzte Ladestellen bieten dabei einen großen Nutzen. Sie können individuelle Bedürfnisse der Elektro-Fahrer abdecken und die Nutzung erneuerbarer Energie somit weit effizienter machen.

Ein Beispiel: Ein Unternehmen stellt für die Mitarbeiter, die Elektrofahrzeuge nutzen – bzw. wenn es bei Dienstwagen auf diese zurückgreift –, ein internes System zur Verfügung, das die unterschiedlichen Ladezeiten bedarfsbezogen berechnet. Dementsprechend werden dann auch die Ladezeiten verteilt. Unser bedarfsbezogenes Energiemanagement ist gerade auch für die unterschiedlichen Betreiber von Anlagen interessant, mit denen Erneuerbare Energie erzeugt wird. Diese wird dann erzeugt, wenn der Wind weht oder die Sonne scheint, unabhängig davon, ob sie auch benötigt wird. Die Volatilität der Energieproduktion, der heute kein ausreichend flexibler Abnehmer gegenübersteht, limitiert die technische und kommerzielle Effizienz von Photovoltaik und Wind. Damit ist der Ausbau zunehmend unwirtschaftlich. Steht jetzt eine große Anzahl von Elektrofahrzeugen ladebereit an den einzelnen vernetzten Ladepunkten und wartet auf ein günstiges Angebot, bedeutet das einen riesigen Nutzen für alle Beteiligten. Dadurch, dass wir die Ladung an das Angebot anpassen können, wird jedes einzelne Watt sinnvoll genutzt.


Wer sind die Hauptnutzer Ihrer Lade-Infrastruktur? Sind bereits viele private Fahrzeugbesitzer darunter?

Unser derzeitiges Angebot richtet sich hauptsächlich an Unternehmen der Energieversorgung, Unternehmensketten oder Wohnbaufirmen. Private Fahrzeugbesitzer werden mit unserem neuen youCharge-Projekt angesprochen. In diesem kooperativen Ladesystem kann jeder, der eine Ladestelle hat, auch Dritte laden lassen und einen Teil der Investitionskosten einspielen. Auch in diesem Bereich wollen wir weiter mit Energieversorgern und Mobilitätsbetreibern zusammenarbeiten, wenden uns aber direkt an Endkunden. Wir wollen auch in Zukunft selbst keine Energie verkaufen. Unser Business Case besteht darin, die Energieladung für E-Fahrzeuge möglichst benutzerfreundlich zu gestalten, zeit- und mengenoptimal zu lenken und daran zu verdienen.


Gibt es, oder gab es, beim Aufbau des Netzwerks besondere Hürden zu überwinden – beispielsweise technischer oder bürokratischer Art?

Die Basistechnik inklusive den wichtigen Sicherheitsaspekten beherrschen wir heute schon weitgehend. Einige zukunftsweisende Algorithmen, wie beispielsweise die Einbindung der Wettervorhersage in die Ladestrategie, sind aber noch in der Konzeptphase. Schwieriger wird es mit bürokratischen Themen. Wir sind uns aber bewusst, dass den Erneuerbaren Energien die Zukunft gehört. Der jüngste Vorschlag von Wirtschaftsminister Gabriel zeigt ja auch, dass die Politik erkannt hat, welches Potenzial hier besteht.


Wie sieht es mit der Verteilung und der Kompatibilität verschiedener Ladesysteme aus – allgemein, und speziell innerhalb Ihrer Infrastruktur?

Hardwaretechnisch hat sich in unserem Fokus durch die Normierung des Typ2-Steckers im langsamen und beschleunigten Ladebereich bis 22 kW um einiges deutlich verbessert. Im Schnellladebereich versuchen Hersteller ihre firmenspezifischen Konzepte durchzusetzen. Der Schnellladebereich ist für die Langstreckentauglichkeit der Fahrzeuge von großer Bedeutung, in der gesamten Energiemenge wird er aber mit maximal 5 Prozent der Ladungen in Zukunft eine untergeordnete Rolle spielen. 95 Prozent der Energiemenge wird in unserem Segment der beschleunigten Ladung stattfinden, und die Tendenz ist mit steigender Batteriegröße noch zunehmend. Wir beherrschen aber auch die Steuerung von Schnellladestellen. Wir haben ein sehr offenes System. Derzeit binden wir über 10 verschiedene Ladestellenhersteller an unser Backendsystem an, eine Vielzahl, die sonst kaum wer bietet.


Derzeit läuft eine Crowdfunding-Kampagne für Ihr Unternehmen bei Companisto – noch bis zum 18. März kann hier in Enio investiert werden! Wofür soll das eingesammelte Geld verwendet werden?

Wir wollen mit den zusätzlichen Mitteln durch die Unterstützung der Anschaffung von Ladepunkten schneller in die Fläche kommen und marketing- und vertriebliche Aktivitäten umsetzen. Der letztere Bereich hat durch die Finanzierungsrunde selbst schon enorm gewonnen, ohne dass wir noch Kapital in die Hand nehmen mussten. Rund 60 Artikel, vor allem in Fachmedien, die fast ausschließlich sehr positiv berichteten, sind neben den bisher investierten Mitteln das Ergebnis.


Wie sehen generell Ihre Zukunftspläne aus?

Wir wollen einer der Hauptakteure im Bereich der E-Ladeinfrastruktur werden bzw. bleiben und mit dem Markthochlauf, den wir bereits in naher Zukunft sehen, auch sehr stark Umsätze und Gewinne steigern. Unsere bedeutenden Alleinstellungsmerkmale im Bereich der Bezahlsysteme, der Sicherheitsaspekte und des Energiemanagements werden uns diesen Weg ermöglichen. Gemeinsam mit anderen Akteuren wollen wir, im Eigeninteresse, aber auch im Interesse der Umwelt und der Gesundheit, der E-Mobilität den Weg ebnen. Infrastruktur, da sind sich alle einig, ist ein entscheidender Faktor zum Erfolg der E-Mobilität.


Und wie immer zum Schluss die Frage: Haben Sie grundsätzliche Tipps, die Sie anderen Gründern gern mit auf den Weg geben möchten?

Ausdauer, Ausdauer, Ausdauer, Konsequenz in der Verfolgung großer Ziele, Flexibilität in der Etappe und Freude an der Arbeit.

Herr Vogel, vielen Dank für das Interview!


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Das Interview führte Fabian Otto

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