Gründerinnen – So packend Sie's

Frauen und Gründungen

Autor: Karin Leppin

Die deutschen Gründerinnen haben es nach wie vor schwerer als ihre männlichen Kollegen. Lesen Sie hier, wie Sie die Nachteile ausgleichen und wie Sie es trotz schwieriger Startbedingungen packen.

„Weiberwirtschaft“ – wenn Katja von der Bey den Namen des Gründerinnenzentrums in Berlin nennt, erntet sie schon mal ein überraschtes Lachen. Die Mehrdeutigkeit des Namens ist Programm. „Den Vorurteilen gegenüber Gründerinnen begegnen wir mit Humor“, sagt die Geschäftsführerin des größten Gründerinnenzentrums (www.weiberwirtschaft.de) in Europa selbstbewusst. Und von vorgefertigten Meinungen über Frauen, die Unternehmen gründen, gibt es noch immer einige. Das Bild von der Hobbygründerin, die sich verwirklichen will, aber weiter vom Gehalt des Mannes lebt, hat sich in Deutschland noch längst nicht verflüchtigt. Von dieser Sorte allerdings gibt es keine einzige unter den 60 Gründerinnen in der Weiberwirtschaft in Berlin, einem Gewerbehof für Frauen mitten in Berlin gleich beim Alexanderplatz. Um einen Mietvertrag zu bekommen, hat jede von ihnen einen Plan über ihre wirtschaftlichen Existenz in den nächsten Jahren vorgelegt. Knapp die Hälfte der Frauen auf dem Hof sind im Bereich Dienstleistungen selbständig. Einige arbeiten im Gesundheitswesen, wenige im Handwerk und in der Produktion. Und damit ist die Weiberwirtschaft in Berlin typisch für die „Weiberwirtschaft“ in ganz Deutschland.

Unter den Gründerinnen, die 2002 von der KfW-Mittelstandsbank in ganz Deutschland geförderten wurden, hatten fast 66 Prozent vor, ein Dienstleistungsunternehmen zu gründen. 27 Prozent eröffneten Geschäfte im Handel und zusammen nur sieben Prozent der Frauen machten sich im Bereich industrielles Gewerbe und Baugewerbe selbständig. Mehr als 600.000 Frauen haben im Jahr 2003 ein Unternehmen gegründet, ermittelte die Bank. Sie betreiben längst nicht nur Ein-Frau-Unternehmen, sondern haben zusammen fast eine Million Arbeitsplätze geschaffen. Und auch andere Zahlen sprechen für Gründerinnen: Sie gründen erfolgreicher, brechen seltener ab und zahlen Kredite und Fördergelder dadurch zuverlässiger zurück, heißt es in einer Studie der Fachhochschule Hannover.

Frauen gründen erfolgreicher, brechen seltener ab und zahlen Kredite und Fördergelder dadurch zuverlässiger zurück

Seit mehreren Jahrzehnten wächst ihre Zahl schneller, als die der männlichen Gründer. Zwischen 1991 und 2002 hat die Zahl der Existenzgründerinnen nach Berechnungen des Institutes für Mittelstandsforschung (ifm) in Mannheim um 30 Prozent zugenommen. Die Zahl der männlichen Gründer stieg im gleichen Zeitraum nur um 16 Prozent. Doch eine Euphorie angesichts dieser positiven Eindrücke wäre verfrüht. Weiterhin bleiben die Zahlen der Gründerinnen weit hinter denen der Gründer zurück. So kommen auf eine Frau in Selbständigkeit 2,6 Männer mit einem eigenen Unternehmen.

Eine Frage, die Forscher seither umtreibt: Welche Bedingungen halten die Frauen davon ab, mehr Unternehmen zu gründen? „Die statistischen Daten sprechen für Frauen“, sagt Professor Inse Cornelssen von der Fachhochschule Hannover, die dort ein Projekt zur Untersuchung von Existenzgründungen durch Frauen geleitet hat. „Doch das hilft wenig – es gibt weiterhin gläserne Wände bei Banken, wenn es um Kredite geht; sozio-kulturell, wenn es um Kinderbetreuung geht und sozial, wenn Väter, Ehemänner oder Lebenspartner das Rollenverständnis einer Gründerin nicht verkraften“, fasst sie zusammen.

Christina Zech und Stefanie Hirsch von der „Weiberwirtschaft“ Berlin: Seit 1994 Europas größtes Frauengründerzentrum auf 7000 qm

Tatsächlich kommen alle aktuellen Studien zu ähnlichen Ergebnissen. Neben der Familienarbeit, die vorrangig bei den Frauen liegt, sind vor allem die Berufe ein Hindernis, in denen Frauen ausgebildet sind. Dienstleistungsberufe, Ausbildungen im Bereich Handel und heilende Berufe machen einen großen Teil aus. Dagegen ist die Frauenquote in Bereichen mit großem Gründerpotenzial, wie den technischen und handwerklichen Berufen, gering. Bevor Frauen ein Unternehmen gründen, können sie seltener als Männer Führungserfahrungen sammeln, machten seltener Karriere. Viele finden nach der Geburt von Kindern keine passenden Arbeitsbedingungen vor – dies sei allerdings gleichzeitig ein Grund für die steigenden Gründerzahlen, ist sich Birgit Buschmann vom Deutschen Gründerinnenverband sicher: „Viele Frauen stellen fest, dass sie Familie und Beruf besser unter einen Hut bekommen, wenn sie sich selbständig machen“, beobachtete sie. „Nicht umsonst ist der Anteil von Frauen mit Kindern unter selbständigen Frauen höher, als bei Frauen im Management von Unternehmen.“

Einer der zentralen Gründe, die Frauen davon abhalten, zu gründen, ist außerdem das liebe Geld. Frauen berichten immer wieder von größeren Schwierigkeiten, an finanzielle Unterstützung, Fördermittel und Kredite zu kommen. Das hat nicht nur mit Vorurteilen von Bankern gegenüber Frauen in der Wirtschaft zu tun. Viele Gründe sind strukturell bedingt. Ein Teufelskreis: Weil Frauen oft Kinder zu versorgen haben, gründen sie kleiner, arbeiten nebenbei von Zuhause aus und gründen häufiger als Männer Solo-Unternehmen. Um solche Unternehmen aufzubauen, ist nur wenig Geld notwendig. Selten sind es mehr als 25.000 Euro. Eine Kreditsumme, die sich für viele Banken nicht lohnt. Außerdem verfügen Frauen über weniger Eigenkapital und Sicherheiten als Männer, da sie weiterhin im Schnitt weniger verdienen und folglich weniger ansparen können. Schließlich haben die Branchen, die Frauen für ihre Gründungen aufgrund ihrer beruflichen Qualifikationen bevorzugen, einen Einfluss: In Dienstleistung und Handel gibt es nur geringere Wachstumschancen.

Zur Checkliste Frauen gründen anders

Konscha Schostas kopiert Marmorstatuen. Hier für den Park Sanssouci in Potsdam

Solche und andere Nachteile für Frauen auszugleichen, haben sich viele Organisationen in Deutschland vorgenommen. Fast 500 Verbände, Netzwerke, Vereine, Beratungen und Organisationen von und für Unternehmerinnen und Existenzgründerinnen engagieren sich deutschlandweit. In den meisten größeren Städten in Deutschland gibt es inzwischen Beratungsstellen, die sich speziell um weibliche Gründern kümmern. Ihr Ziel ist es, nicht nur die Gründungsidee an sich, sondern auch den Lebenshintergrund der Frauen mit in die Beratung einzubeziehen.

Eine solche Beratung bietet der Verein „Frauenbetriebe Qualifikation für die berufliche Selbständigkeit e.V.“ in Frankfurt am Main (www.jumpp.de) seit Jahren an. Jetzt ist unter dem Namen „Kompass“ (www.kompassfrankfurt.de) auch eine Beratungsstelle zur Existenzgründung für Männer und Frauen dazugekommen. Der Vergleich sei spannend, berichtet Christiane Stapp-Osterod, Vorstand des Vereins: „Vom Verhalten her gibt es nur wenige Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen Gründern – es gibt stringente Männer und Frauen.“ Unterschiedlich sind eher die Lebenssituation der beiden Gruppen und die Herangehensweise an die Gründung: „Frauen verfügen über weniger Geld, aber sind oft weitaus pfiffiger und kreativer in der Umsetzung ihrer Ideen. Sie sind oft produktiver und selbständiger.“ Sie beschäftigt sich seit 15 Jahren mit dem Thema und hat bei den Frauen, die in die Beratung kamen, einige Veränderungen bemerkt. Während noch vor zehn Jahren vor allem 40- bis 50-jährige Frauen gründeten, kämen jetzt mehr und mehr 30- bis 40-Jährige in die Beratung – viele von ihnen Mütter von kleineren Kindern. „Es gibt immer wieder Probleme mit der Betreuung. Die Kosten für Kindergärten steigen, und wenn die Kinder in die Schule kommen, wird es eher schlechter“, berichtet die Beraterin. Unterrichtsausfall und fehlende Angebote für den Nachmittag seien die Regel.

Der ganz normale Härtefall für Gründerinnen – oft schon im Unternehmenskonzept berücksichtigt. „Frauen gründen anders und haben eine andere Lebenswirklichkeit als Männer – das muss anerkannt werden“, fordert Birgit Buschmann vom Deutschen Gründerinnenverband. Der Zusammenschluss aus Expertinnen setzt sich für Unternehmerinnen ein. Dabei geht es unter anderem um die bessere Wahrnehmung von Gründerinnen in der Öffentlichkeit. Eine der Forderungen des Vereins ist jetzt in die Tat umgesetzt worden. Im März wurde die bundesweite Agentur für Gründerinnen eröffnet. Die von verschiedenen Bundesministerien unterstützte Einrichtung soll einen ersten Anlaufpunkt bieten und die Initiativen und Erkenntnisse der vielen Organisationen für Existenzgründerinnen in Deutschland bündeln. „Wir sehen uns auch als politische Interessenvertretung“, berichtet Ingrid Katz von der Universität Hohenheim, eine der Leiterinnen der Agentur.

Auf einer ersten Tagung zum Thema „Frauen-Gründung – Förderung: Transfer zwischen Wissenschaft und Praxis“ treffen sich Vertreter von Initiativen und Forschungseinrichtungen aus ganz Deutschland, um den Transfer zwischen Wissenschaft, Praxis und Förder-Institutionen herzustellen. Eines der Angebot der Agentur ist eine Hotline, unter der Frauen erfahren, an wen sie sich in ihrer Region wenden können, wo sie Material finden und wo sie erste inhaltliche Hinweise in verschiedenen Gründungssituationen bekommen. Seit der Eröffnung der Agentur steht das Telefon selten still. Es melden sich Gründerinnen aber auch Initiativen und Beratungen, die sich in die bundesweite Agentur einbringen wollen, berichtet Katz. Sie bekommt auch immer wieder die positive Energie von Frauen zu spüren, die etwas bewegen wollen.

Odette de Pasquali und „ihre“ Männer: Die Firma der Italienerin vertreibt Maschinen zum Bedrucken von T-Shirts und Kappen

Die kann man auch in der „Weiberwirtschaft“ in Berlin einatmen. Da ist zum Beispiel im zweiten Hof Odette De Pasquali. Sie hat eine Firma aufgebaut, die Maschinen und Zubehör vertreibt, mit denen T-Shirts, Taschen oder Mützen bedruckt werden können. Ihre Kunden sind Druckereien, Copy-Shops und Werber. Die quirlige Italienerin ist seit zwei Jahren in der „Weiberwirtschaft“ und nutzt begeistert die vielen Dienstleistungen der anderen Mieterinnen – von der Steuerberatung bis zum Grafikbüro. In einem großzügigen Verkaufsraum empfängt sie Kunden und Gäste, hinten sind ihre beiden (männlichen) Mitarbeiter bei der Arbeit. „Ich hatte in einer Garage angefangen und von Zuhause aus mein Geschäft aufgebaut“, berichtet sie. Bald wurden die Wände zu eng. „Seit ich einen richtigen Firmensitz habe, fühlt sich die Arbeit auch viel professioneller an“, bekennt sie.

Auch wenn sie in Deutschland für ihr Unternehmen keinen Kredit bekommen hat und sich das Geld für die ersten Investitionen von ihrer Familie ausgeliehen hat, im Vergleich zu ihrem Heimatland Italien findet sie die Akzeptanz von Frauen als Unternehmerinnen in Deutschland besser. „Die Männer zeigen sich hier professioneller“, findet sie. Selbst wenn viele Briefe an „Herrn“ De Pasqualli adressiert sind oder Anrufer den „Herrn“ Geschäftsführer sprechen wollen, findet sie das eher komisch. Auch Katja von der Bey muss darüber lachen: „Das kennen wir hier alle – obwohl der Name ‚Weiberwirtschaft’ ja eigentlich ziemlich eindeutig ist.“

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