Wer schadet, der haftet

Welche Haftpflicht-Versicherungen benötigen Gründer?

Autor: Jörg Stroisch

Wer arbeitet, macht Fehler. Die aber können teuer werden – und für den Gründer schnell existenzbedrohend – außer er besitzt eine Betriebshaftpflicht-Versicherung. Welche Policen für wen sinnvoll sind.

Oh, oh – das sieht nach einem bösen Haftpflichtproblem für die Baufirma aus

Rüdiger van Hal ist abgesichert. Seine mediadefine GmbH hat eine Haftpflichtversicherung – denn er hatte sie „als dringend notwendig“ bei der Existenzgründung erachtet. Schließlich programmiert sein Unternehmen ein eigenes Contentmanagementsystem zur Verwaltung von Inhalten auf einer Website. Seine Kunden buchen dafür direkt auf den Firmen-Servern, Datenbanken kommen zum Einsatz.

Was passiert, wenn der Server ausfällt und den Kunden ein Geschäft entgeht? „Wenn da etwas in die Brüche gehen würde, würden wir ganz dumm dastehen“, be­schreibt van Hal. Neben dem Kundenvertrauen ginge wahrscheinlich auch die GmbH zu Bruch, wenn erst einmal die Schadensersatzansprüche einflattern würden. Deshalb schloss der Geschäftsführer auch eine so genannte IT-Police für seine GmbH ab. „Sie ist notwendig, aber auch richtig teuer“, so van Hal.

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Versicherungsrechner für Gründer

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Große Produktvielfalt, schwierige Wahl

Auch so stellt die Haftungsfrage für das eigene Unternehmen eine äußerst komplizierte Angelegenheit dar. Die Verbraucherzentralen – Garant für gute und unabhängige Beratung im privaten Versicherungsfall – sind für Unternehmenspolicen nicht zuständig. Anlaufstelle ist hier der Bundesverband der Versicherungsberater (BVVB). Wichtig hierbei: Versicherungs-„berater“ verpflichten sich an­ders als die „Vertreter“ zu einer unabhängigen Beratung. Konkret bedeutet das: Sie kassieren für die Vermittlung des passenden Versicherungsprodukts keine Provision von der Versicherungsgesellschaft, sondern eine Vergütung von dem Unternehmer.

Die Höhe richtet sich nach den Sätzen der Rechtsanwälte (RVG). Und Beratung ist dringend notwendig: Vermögensschadenshaftpflicht, Betriebs- und Bürohaftpflicht, Umwelthaftpflicht, Produkthaftpflicht, Beratungshaftpflicht. Oder auch: Handwerker-, Handels-, Industrie- oder IT-Schutzpolice. Im Wirrwarr der verschiedenen Produkte und Bezeichnungsweisen einen halbwegs guten Durchblick zu erlangen, ist sehr schwierig.

Trotzdem hier ein kleiner Produktüberblick:

  • Vermögensschaden: Sie erledigen eine Aufgabe, dadurch entsteht aber Ihrem Kunden ein materieller Schaden. Beispiel: Ein Journalist schreibt einen Artikel, der das Geschäft eines Kunden schädigt. Oder: Ein Architekt zeichnet einen Plan, bei dem sich aber erst nach dem Bau herausstellt, dass er örtliche Regulative nicht beachtet hat. Oder: Beim Kunden werfen Sie versehentlich einen Computer vom Tisch.
  • Betriebs- und Bürohaftpflicht: Jeder, der ein eigenes Büro oder eigene Betriebsstätten führt, geht damit ein potenzielles Risiko ein. Beispiel: Ein Kunde betritt das Büro und verletzt sich, weil er über ein Computerkabel stolpert.
  • Umwelthaftpflicht: Das wird teuer. Jeder, der in seiner betrieblichen Ak­tivität mit gesundheits- und umweltschädigenden Stoffen arbeitet, geht das Risiko etwa von Wasserverschmutzungen ein.
  • Produkthaftpflicht: Die gesetzlichen Rahmenbedingungen zur Ge­währleistung, Haftung und Garantieleistung für Produkte ist streng. Wichtig dabei: Wer beispielsweise durch ein eigenes Label suggeriert, dass er Hersteller des (Fremd-)Produkts ist, der haftet auch. Beispiel: Ein Schreiner versieht die Schrankscharniere mit dem eigenen Produktaufkleber. Er haftet dann auch für deren Funktionsfähigkeit.
  • Beratungshaftpflicht: Falscher Rat kann teuer werden. Beispiel: Eine Einzelhandelsverkäuferin behauptet im guten Glauben, dass das neue Kleid auch bei vierzig Grad farbecht waschbar sei. Gelingt dies dem Kunden nicht, ist das ein Fall für die Versicherung.
  • IT-Schutzpolice: Lange Zeit war nicht geklärt, ob es sich bei IT-"Produkten" um eine Sache oder eine Dienstleistung handelt. Aus dieser Not wurde eine neue Policenform gebildet, die ganz speziell die Haftungsschäden der IT-Welt absichert. Heute ist übrigens klar: IT ist eine Sache.

Ob nun Handwerker-, Industrie- oder Handelspolice: Das ist das Gleiche wie oben, nur in andere Tüten verpackt. "Die Beratung rund um die Haftversicherung ist eine sehr individuelle, bedarfsorientierte Beratung", erklärt dabei Andreas Kutschera, behördlich zugelassener Versicherungsberater: "Der Existenzgründer ist dabei in einer schwierigen Position. Er hat ein hohes Risiko und muss eigentlich alles versichern. Gleichzeitig kann er sich das aber meistens finanziell nicht leisten." Übrigens: Haftpflichtversicherungen haben eine Rechtsschutzversicherung quasi eingebaut. Denn die Versicherungsgesellschaft wird den Haftungsanspruch des Geschädigten immer überprüfen und zur Abwehr ihrer Meinung nach unberechtigter Ansprüche auch den Gerichtsweg beschreiten.

Der Weg zur Versicherung

Für einige Berufsgruppen gibt es standardisierte Versicherungsprodukte. So ist etwa die Vermögensschadenshaftpflicht für den Journalisten oder für künstlerische Berufe eine einfache Sache: Hier wird ein kleiner Fragebogen ausgefüllt und hinterher auf Grundlage einer Risikokalkulation eine Versicherungsprämie mitgeteilt. Ganz anders sieht es bei anderen Produkten aus. Beispiel IT-Police: „Da muss sich der Unternehmer schon auf einen mindestens dreiseitigen Fragebogen einstellen“, beschreibt Kutschera. „Da wird dann fast eine sozialwissenschaftliche Studie über die Risikoverteilung seiner Arbeiten und seines Berufes erstellt.“

Die Prämie wird dann hinterher umsatzabhängig berechnet: Für viele Policen aus dem Umfeld beruflicher Haftung gilt als Grundlage für die Prämienhöhe der Jahresumsatz. Versicherungen locken dabei mit Rabatten für besonders lang laufende Verträge oder – manchmal auch nur als Alternative – mit speziellen Existenzgründerrabatten. Auch eine jährliche Zahlungsweise wird honoriert – oder umgekehrt wird etwa die monatliche bestraft.

Und: Ist der Privatmensch bei privaten Haftpflichtversicherungen eher Deckungssummen im Millionen-Euro-Bereich gewohnt, so gibt es als Selbständiger für das viele Geld oft gerade Mal mickrige 100.000 Euro Schadensregulierung, plus Versicherungssteuer; sie ist leider nicht von der eigenen Umsatzsteuerschuld abziehbar. Generell gilt dabei: Auch eine Versicherung sollte jeder Unternehmer möglichst flexibel halten, sonst ist ein Wechsel zu einem besseren Anbieter hinterher schwierig. „Ich rate auch zu ordentlichen Selbstbeteiligungen“, so Kutschera. „Damit sind dann die wirklich hohen Schadensfälle gesichert, aber auf der anderen Seite kann dadurch auch die Versicherungsprämie eventuell reduziert werden.“

Der erste Großauftrag und die erneute Haftungsfrage

Gerade bei Großaufträgen stoßen die zumeist mickrigen Standarddeckungssummen allerdings an ihre Grenzen: „Dann kann aber mit dem Versicherer eine spezielle projektabhängige Aufstockung der Deckungssumme vereinbart werden“, erklärt der Versicherungsberater. Das kostet natürlich Geld, welches in der Angebotskalkulation berücksichtigt werden muss. „Manchmal ist es auch möglich, mit dem Kunden eine Haftungsbegrenzung zu vereinbaren“, erläutert Kutschera eine Alternative.

Eine hohe Eigenbeteiligung – beispielsweise 5000 Euro – des Unternehmers signalisiert dem Kunden dabei: Ich habe nicht vor, Pfusch zu liefern, sondern ich will nur abgesichert sein. Die Versicherung bezahlt dann weiterhin die Schäden bis zu der vereinbarten Deckungssumme. Rüdiger van Hal ist sich zwar nicht sicher, ob er die bestmögliche und günstigste Versicherung abgeschlossen hat: „Ohne Haftpflichtversicherung könnte ich aber keine Nacht ruhig schlafen. Die Existenz unserer Firma wäre einem hohen Risiko ausgesetzt.“ Alte Versicherungsweisheit: Am besten ist eine Versicherung, die man niemals benötigt.

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